Sucht Ihr hier Etwas ? Ich wünscht ' , es könnte mir Einer helfen ! meinte Heunisch und kraute sich in den Haaren . Aber ... Frauenzimmertücke ! ... Eine weibliche Angelegenheit also ? Herr Heunisch , sagte Guido Stromer , der diese Fährte als die rechte vermuthete . Es wäre Zeit , daß Sie dem Junggesellenstande entsagten ... Wandstabler , der Haushofmeister , leitete inzwischen einen zweiten Gang des Frühstücks ein , indem er gewissermaßen die Honneurs einer Omelette aux confitures machte , die man eben in einer großen silbernen Schüssel hereinbrachte . Guido Stromer verstummte über den behaglichen Anblick und sah mit erwärmterem Antheil seinen mit Knöchelchen belegten Teller verschwinden und einen neuen an dessen Stelle schweben ... Heunisch aber hielt seine Gedankenreihe fest und schüttelte den Kopf . Herr Pfarrer , sagte er , an mir verdienen Sie keine Copulationsgebühren . Nein , da kommt aus Schönau der reiche Bauer Sandrart zu mir - Durchlaucht kennen wol die Namen Ihrer getreuen Unterthanen nicht - der reiche Bauer Sandrart aus dem Ullagrunde - Sandrart ? sagte Egon . Wohl ! Wohl ! Er ist aus dem Ullagrund und hat einen Sohn , der hier beim Militair steht und vor sechs Wochen zum Sergeanten avancirte . Heunisch erstaunte über diese genaue Kenntniß der nächsten Beziehungen seiner Bauern , die er hier bei dem jungen , in der Heimat doch wildfremden jungen Fürsten antraf . Aber auch Stromer und Louis Armand fanden die Antwort überraschend . Das muß ich sagen ! rief Heunisch . Da wird Segen über unser Ländchen kommen - Beim Worte : Ländchen , warf Stromer dem Jäger einen bedeutenden Blick zu , den Egon wohl verstand , aber Heunisch noch nicht . Recht so , Heunisch ! sagte Egon . Ein Ländchen ist gerade Das , was sich gut übersehen läßt . Aber den Sandrart kenn ' ich durch Zufall . Und den Sohn auch ? bemerkte Heunisch gedehnt , der noch nicht verstanden hatte , was eigentlich der strafende Blick des mächtig kauenden Stromer hatte bedeuten sollen ... Und den Sohn auch ! fuhr Egon fort . Ein lieber , heiterer Gesell ! Ja , ja , der Alte hat Batzen ; aber der Junge bringt sie ihm auch gewiß an . Ein Glück , daß er Soldat sein muß und unter Raison steht . Heunisch gab das Grübeln über die blitzenden Augen des Pfarrers auf und rief voll Verwunderung : Aber Das muß ich sagen ! Grade wie ' s ist ! Nicht um eine Linie vom Schwarzen ! Mitten in die Scheibe ! Während selbst Armand aufmerksam war , ob diese Bekanntschaft nicht etwa mit Egon ' s Rückreise zusammenhing , und er gespannt wartete , ob der Freund sich über jene Reise überhaupt jetzt genauer auslassen würde , fuhr Heunisch fort : Kommt der Sandrart zu mir und sagt : Heunisch , sagt er , ich hab ' einen Jungen , Ihr kennt ihn .. ? Ja , sag ' ich , Sandrart , er ist jetzt Sergeant , ich kenn ' ihn . Sagt ' er drauf : Ihr habt in der Stadt eine Nichte ? Meiner Geschwister Kind , sag ' ich , Fränzchen Heunisch , Wallstraße Nr. 14 im Hofe eine Treppe hoch , links bei Tischler Märtens . Ohne Heunisch zu stören und den Andern aufzufallen , horchte jetzt Louis , dem der Dialekt des Försters etwas schwer zu verstehen wurde , an dieser Stelle hoch auf . Soviel begriff er , daß hier plötzlich von Franchette Heunisch die Rede war ... Heunisch fuhr fort : Nun , Heunisch , sagte Sandrart , ich wünschte , Eure Nichte wäre ein Bischen saubrer als sie ist . Das ist eine Mamsell ... Fahr ' ich auf und sage : Sandrart , hier steht der Tisch zwischen uns , redet mir nichts Unebenes von meiner Geschwister Kind . Sie macht Putz , das ist wahr , aber darum ist sie die sauberste Person von der Welt , und eine Mamsell werd ' ich nie in meine Försterswohnung nehmen , denn Das ist mein Wille , daß sie mir die Wirthschaft führt , wenn es mit der alten Ursula Marzahn zu Ende geht . Nun , sagte Sandrart tückisch - er kann tückisch sein ! Er hat Geld ! - nun , Heunisch , sagt ' er dann , macht denn nur bald , daß Ihr sie in den Wald hineinnehmt , denn sie läuft jetzt bei Nacht auf die Bälle und hat ' s auf zweierlei Tuch abgesehen . Mein Sohn Heinrich Sandrart , der Sergeant , will sie heirathen . Der Eindruck dieser Erzählung auf Louis stieg , ohne daß die Übrigen seine Aufregung bemerkten . Fränzchen Heunisch , sag ' ich , auf die Bälle ? Fränzchen Heunisch zweierlei Tuch ? Das ist nicht wahr , antwort ' ich und schlage auf den Tisch , daß er knackt und die Ursula ihr altes Lachen kriegt . Sie ist närrisch die Ursula und lacht , wenn sie sich ängstigt ... Psychologisch interessant ! bemerkte Guido Stromer etwas ungeduldig über die breite Art , wie sich dieser Förster eine fürstliche Audienz fast nur für sich selbst nutzbar machte und dabei die Kenntniß von Namen voraussetzte , die dem Prinzen ja völlig unbekannt sein mußten ... Ich habe Beweise davon , bemerkte Egon , daß Sandrart grob sein kann ... Heunisch wurde bei aller Aufregung neugierig , antwortete aber nur : Ja , ja , er kann ' s ! Er hat Geld ! Fahrt nur fort , Heunisch ! erwiderte Egon und bemerkte nichts von der Spannung seines französischen Freundes . Mein Sandrart aber ärgert mich mit seiner Ballläuferei und dem zweierlei Tuch so , daß ich mich ganz vergesse und das Fränzchen so lobe , daß die alte Ursula immer noch mehr lacht , aber auch nach Feuer , Wasser , Erde ruft , um sich begraben zu lassen . Ich höre nicht auf ihre Hexerei - sie meint es gut mit mir die Alte - und sage dem Bauer , was ich von Fränzchen Heunisch denke und was sie mir werden soll , die Stütze und die Pflege meiner alten Tage . Da sagt ' er denn , sein Sohn , der Sergeant , der Herr Sergeant - der Alte trägt den Kopf höher als der Junge die neuen silbernen Litzen - der wollte das Fränzchen heirathen und er sollte eigentlich bei mir um sie anhalten und ich ihr befehlen , daß sie ihn nimmt . Allein aber - Durchlaucht ; das war Alles Hohn ! Der Alte denkt nicht daran , daß sein Sohn , der Sergeant , so eine Partie macht ... Aber das Mädchen , die Franziska ? fragte Egon und flößte dem Pfarrer , der sich inzwischen in gelassener Geduld die Omelette schmecken ließ , Bewunderung über seine Leutseligkeit ein , während Louis Armand mit dem lebendigsten Interesse jedes Wort aus des Jägers Mund aufgriff und seine ihm schmerzlichen Mittheilungen mehr errieth als verstand . Egon ' s Frage elektrisirte ihn . Ja , Das ist ' s ja , sagte Heunisch . Die Fränz will ja den Sergeanten gar nicht . Ich mache mich stantâ pê gleich auf den Weg und hierher - und sehe die Bescherung . Da krieg ' ich einen schönen Spaß zu hören . Meine Fränz läuft wirklich auf die Bälle und hält ' s mit einem alten Franzosen , der sie besucht ... ja , ja , sollte man ' s denken , einem so jungen blutjungen Ding läuft ein alter Franzose nach , von dem sie vorgibt , französische Lectionen zu nehmen ... Auch Das sagte mir der alte Sandrart schon im Walde und da sagt ' ich schon , ich wollte doch hier einmal sehen , wieviel Vokabeln die Mamsell von dem Franzosen schon gelernt hat ... Donnerwetter ! ... Vergeben Sie , Herr ... Diese höfliche Milderung seines Zornes und erschrockene Rücksichtnahme war an Louis gerichtet , der unruhig und bewegt genug die vielen bedauerlichen Nachrichten über ein junges Mädchen gehört hatte , das ihm seines bescheidenen und lieblichen Wesens wegen so theuer geworden war . Seitdem er ihr Siegbert ' s Übersetzung seines Gedichtes geschickt , hatte er nichts mehr von ihr vernommen . Und nun diese Entdeckungen über Soldaten , alte Franzosen , Bälle , Heirathen , Vokabeln ! Es brannte ihm der Boden unter den Füßen . Er hätte aufspringen und fortstürzen mögen und nur mit Mühe und dem Glauben , er selbst würde wol jener Franzose sein , bezwang er sich zu der Antwort auf Heunisch ' s an ihn gerichtete Rede : Wenn die Tochter Ihrer Schwester französisch lernt , so ist es wol nur die Eifersucht des jungen Sergeanten , die in dem Lehrer gleich einen Liebhaber vermuthet . Das dacht ' ich auch , fiel Heunisch seinen Zorn über das Französischlernen aus Rücksicht auf Louis Armand ' s gebrochenes Deutsch mildernd ein , und sagte dann der Ursula Lebewohl . Ist sie noch zu retten , bring ' ich sie mit , du wirst alt , du mußt eine Stütze haben . Es war der Ursula recht . Verbrennen und ertrinken , sagte sie , kann man überall . Gut ! Läuft sie nicht auf die Bälle , so kann der Sergeant , wenn er ausgedient hat , hier um sie anhalten , als : in meinem Wald . So bin ich hergekommen , und da ich doch einmal da war und ich hörte , Durchlaucht sind durch Gottes Schutz am Leben erhalten , so hab ' ich ' s gewagt , auch bei Ew . Durchlaucht anzuklopfen und nun fahr ' ich morgen in aller Frühe in Gottes Namen wieder heim . Das ist ' s ! Und Das war ' s ! Und nun Adieu , Durchlaucht , und kommen Sie bald einmal sechsspännig nach Hohenberg , daß man ein paar Büchsen in die Luft knallen und wieder ordentlichen Staat mit seiner Herrschaft machen kann . Damit wollte Heunisch gehen . Aber Egon hielt ihn fest und sagte : Ja ! So wollt Ihr fort ? Mit der besten Spannung unserer Neugier ? Das geht nicht ! Erst meldet uns von Fränzchen und vom Sergeanten ! Guido Stromer seufzte hier etwas überlaut . Da er aber die rege Geschäftigkeit der Bedienung bemerkte und einen dritten Gang ahnte , stillte er seine Ungeduld . Wandstabler , der Haushofmeister , eröffnete in der That noch einen dritten Frühstücksakt , der zwar nur in einer Scene , aus einem Dessert von Obst bestand , allein die Vasen und durchbrochenen Porzellankörbe , in denen die Birnen , Nüsse , Weintrauben , malerisch geordnet , dargereicht wurden , fesselten doch seine Neugier . Er glaubte vielleicht auf Spuren von Entbehrung zu stoßen , er hätte sich sagen müssen , daß ein Frühstück von kalten Rebhühnern , einer Omelette aux confitures , Obst und etwas Schweizerkäse mit Madeira mit den Frühstücken der Madame Schlurck sich nicht vergleichen ließ , allein die Art des Servirens hatte doch etwas für ihn höchst Imposantes . Der Haushofmeister , der jede Abwechselung gleichsam wie ein Herold mit geräuschvoll stummem Blicke ankündigte , die beiden Bedienten , die seine bedeutsamen Winke und augengeblinzelten Befehle mit stiller Sicherheit ausführten , das Silberzeug , das Porzellan , die Malerei der Teller , das Wappen , die weißen wollenen Handschuhe der Bedienten , die Art des Einschenkens , hinterwärts , unversehens , das Alles erfüllte seine Phantasie mit angenehmer Behaglichkeit und hob seinen , die Plessener Pfarrexistenz wie eine Fessel abstreifenden idealen Sinn um so mehr , als er bei der Liebenswürdigkeit , die Egon zeigte , hoffen durfte , mit einem Anliegen , das ihm auf dem Herzen lag , keine Fehlbitte zu thun . Egon , dem das Arrangement des Frühstücks , dessen eigentliche Seele , Dorette Wandstabler , hinter den Coulissen waltete , ein eigenthümliches Interesse bot - war es doch die erste Benutzung seiner eignen Situation , das erste Festhalten seiner neuen heimatlichen Existenz ! - Egon ermunterte Heunischen , nun auch noch den Rest zu sagen . Der ist ganz kurz , antwortete Heunisch . Ich komme an , höre und sehe , daß mein Fränzchen die Unschuld ist wie sonst . Mit dem Ball und dem alten Franzosen hat ' s freilich eine kuriose Ursache , aber sie will ihm den Abschied geben . Und den Heinrich Sandrart mag sie wirklich nicht , obgleich den stattlichen , braven Jungen zu sehen eine Freude ist . Was sie auf dem Herzen hat , weiß ich nicht . Sie weint und in den Wald bei Hohenberg will sie auch nicht . Da hab ' ich ihr gesagt : Kannst du ' s nicht , so laß es : wer weiß , ob die alte Ursula nicht einmal ein brennend Scheit Holz nimmt und zu guter Letzt mein Dach illuminirt und dann verbrennen wir Alle im stillen Wald und das letzte Wild rennt mit hinein in ' s Feuer , oder wir löschen auch ohnedem wie die Lichtlein aus ... Da wollte sie dann mitgehen . Aber wie sie mir zuviel weinte , mocht ' ich ' s nicht und so gehe ich morgen in der Frühe allein . Nun aber ... Gott erhalt ' Ew . Durchlaucht ! Adjes , Herr Franzose ! Nichts für ungut wegen der Vokabeln ! Adjes , Herr Pfarrer ! Kommen Sie bald nach , sonst schließen Ihnen die Bauern die Kanzel zu und machen den Ackermann zum Pfarrer . Wer Den sieht , denkt gleich , der muß auch gut predigen können ... Wäre Heunisch , der die schärfsten Sinne für die Thiere , aber nicht die geringste Kenntniß der Menschen hatte , ein besserer Beobachter gewesen ; so hätte er sehen müssen , daß der junge Franzose in einer auffallenden Erregung mit ihm zugleich aufstand . Louis mußte sich gewaltsam beherrschen , nicht loszubrechen und dem Oheim des jungen Mädchens zu gestehen , daß er Franziska Heunisch als ein gutes , ihren Pflichten treuergebenes , engelreines Kind hätte kennen lernen . So aber brach Heunisch rasch ab und ließ ihn in der aufgeregtesten Spannung zurück . Da Stromer Miene machte , sein Alleinsein mit Egon nun gründlich zu seinem Besten auszubeuten , so zog sich Louis Armand in aller Stille zurück , um sich zum Ausgehen anzukleiden . Es hielt ihn nun nicht länger , er mußte seine alte Wohnung , den Tischler Märtens , seinen eigenen Wirkungskreis und Franziska Heunisch wiedersehen . Die Bedienten trugen das Frühstück ab . Wandstabler erwartete fernere Befehle und entfernte sich , als er diese nicht empfing , mit der letzten Serviette unterm Arm , gerührt , fast dankend emporblickend . Egon war durch einige Tropfen des starken Weines , den er versucht hatte , angeregt und ermüdete nicht , nun auf Guido Stromer und die etwas umständliche Art , wie sich dieser Mann in Scene setzte , einzugehen , ja selbst noch zu wagen , den Gerichtsdirektor von Zeisel zu sprechen , falls dieser sich noch sollte anmelden lassen . Guido Stromer , gesättigt , vom Weine mächtig gehoben , mit rollenden blitzenden Augen , entfesselt wie ein alter Bursch , der mit seinen Universitätsgenossen nach zwanzig Jahren sich zu einer Reminiscenz eines Commersches vereinigt , brannte vor Verlangen , mit dem Anliegen , das ihn hergeführt hatte , nun hervorzutreten . Viertes Capitel Der Luxus des Geistes Sie sind schon länger hier ? fragte Egon , als der gute Heunisch gegangen war und beide Zurückgebliebenen an einem Fenster Platz genommen hatten . Durchlaucht , begann Guido Stromer mit einiger Feierlichkeit und den letzten Wohlgeschmack des Gaumens mit der Zunge überstreifend , Durchlaucht , ich gestehe , daß die Veranlassung meiner Reise mit der Anhänglichkeit , die ich an Sie , Ihr Haus , Ihre edle Mutter haben sollte , in keinem vollkommenen Einklang zu stehen scheint . Sie sind wahr , wie Heunisch ! sagte Egon . Das freut mich , Herr Pfarrer ! Ich sehe da das Bild der theuren Frau ! Ihre herrliche Mutter ! fuhr Stromer fort . Mag sie mir vergeben , wenn ich dem Sohne , den ich nun so stattlich , so geistesreif , so anschauungsklar vor mir erblicke , wie ich es vor einer Reihe von Jahren schon aus des Knaben Briefen ahnte , die alte Treue nicht halte und vor ihm nicht im günstigen Lichte der Dankbarkeit erscheine . Sie wollen sich doch nicht verändern , Herr Pfarrer ? sagte Egon , der nun plötzlich mitten in seine kleinen Regierungssorgen eintrat . Aber freilich , wer verdenkt Ihnen Das ? Sie haben Ansprüche auf eine bessere Pfarre . Sie sind übergangen , vielleicht zurückgesetzt worden . Sie werden nicht erleben , daß ich Ihnen zürne , wenn Sie Ihre Lage verbessern können .. Durchlaucht sprechen Das , was ich auf dem Herzen habe , nur zum Theil aus , antwortete Stromer . Ich will von meiner bisherigen Stellung nicht ganz ausscheiden . Ich will mir den sichern Rückzug auf ein festbegründetes Leben nicht ganz abschneiden . Ich habe ein Weib . Ich habe fünf Kinder . Allein ... Was möchten Sie ? Wenn Ew . Durchlaucht die Gnade hätten zu gestatten , daß ich meine Pfarre von einem Verweser besorgen lasse , einem jungen , erprobten Candidaten , den ich schon gefunden habe ... Und Sie selbst ? Ich selbst , Durchlaucht , kann einem welterfahrenen Denker wie Sie wol aufrichtig eingestehen , ich selbst bin in einer eigenthümlichen Krisis befangen . Ich möchte , staunen Sie nicht , ich möchte noch einmal den Versuch wagen , dem Leben eine andre Seite abzugewinnen , als sie sich mir bisher in meinem Wirken am Fuße des Schlosses Hohenberg darbot ... Sie wollten ... Ich bin ein Geistlicher , der ... Stromer stockte . Egon half ihm nach mit den Worten : Ein Geistlicher von einer sehr strengen Auffassung des Christenthums . Ich weiß Das . Meine gute Mutter schenkte Ihnen ihr ganzes Vertrauen ... Ich war so glücklich , in meiner früheren Seelenstimmung mit der edlen Verklärten auf einen Ton zu erklingen . Wir ergänzten uns . Wir genügten uns gegenseitig ... Es war eine Seelenfreundschaft ; ich weiß es ... Die reinste und edelste von der Welt ! Diesen Bund schloß die himmlische Liebe . Und Sie sind mir darum doppelt werth , Herr Pfarrer . Soll ich Sie wirklich missen ? Ein Geständniß , Durchlaucht ! Ich finde , daß ich zu früh abgeschlossen habe . Ich stehe im Anfange meiner vierziger Lebensjahre und bin in einen so nagenden Zweifel über meine bisherigen Auffassungen der Welt und der göttlichen Ordnung gerathen , daß ich der unglücklichste Mensch sein würde , sollt ' ich auf meiner Pfarre in der Ergebung in mein früheres Denken und Glauben zu Grunde gehen . Doch kein Apostat ? Kein Apostat , Durchlaucht ! Ich stehe noch immer auf meinen bessern alten Standpunkten und glaube , daß dieses Leben eine Vorbereitung himmlischer Freuden oder ewiger Verdammniß ist . Christus ist noch mein Mittler . Aber ich fühle , daß ich nicht durch den rechten Zweifel zum Glauben gekommen bin . Ich fühle , daß ich zu rasch überwand . Den Feind umging ich , ich bekämpfte ihn nicht . Ich fand das gläubige Gemüth Ihrer verklärten Mutter . Die edle Frau war glücklich in den Anschauungen , die ihr als die letzten , die besten , die dauerndsten nach vielen Irrthümern und Gaukelbildern der Phantasie und des Herzens geblieben waren . Ich nahm diese Anschauungen ungeprüft an , weil sie für eine vortreffliche Frau von unumstößlicher Wahrheit waren . Ich war glücklich , mit einer reinen Seele mich auf einen Accord stimmen zu können , und glaubte rein zu klingen , weil ich wie sie klang . Sie starb und die gleichgestimmte Terz fehlt nun . Die Harmonie ist hin und ich bin nicht glücklich . Guido Stromer sprach diese Worte nicht ohne Bewegung und Egon hörte sie voller Theilnahme . Er hatte in der Schweiz Gelegenheit genug gehabt , zu sehen , wie frömmelnde Richtungen sich oft weltlich entpuppten , hatte Rafflard ' s charakterlose Metamorphosen erlebt und hier zeigte sich eine Umwandlung , die eine wirklich reine , eine geistige schien . Stromer ' s Auge blitzte ; es lag ein zehrendes Feuer in den Blicken , die seine Worte begleiteten . Es war unfehlbar doch ein Denker , der mit ihm redete . Mein Herr Pfarrer , sagte Egon , wenn Sie es vor Ihrer Familie verantworten können und einen geschickten , würdigen Ersatz aufzuweisen haben , so würde es sehr eigensinnig von mir sein , in Ihre innere Entwickelung eingreifen zu wollen . Ich wünsche , daß Sie recht zur Klarheit über sich selbst kommen mögen , wenn Ihnen nicht dieser Wunsch im Munde eines jüngeren Mannes vorlaut scheinen sollte . Durchlaucht sind sehr gnädig , sagte Stromer , sichtbar erleichtert von der freundlichen Aufnahme seiner Wünsche bei dem neuen Kirchenpatrone , vor dem er , in Erinnerung alter Irrungen , Beklommenheit genug gefühlt hatte ... Sie werden also in der Residenz bleiben wollen ? fragte Egon . Sie selbst haben sich in der Welt getummelt . Sie kennen das Leben vielleicht mehr als ich ... sagte Stromer verlegen . Sie wollen beobachten ? Oder ziehen Sie vor zu reisen ? Zu einer Reise fehlen die Mittel ... Ich werde ohnehin schon Mühe haben , eine doppelte Existenz zu bestreiten . Ich denke also hier zu bleiben . Manches Haus hat sich mir bereits erschlossen . Manche bedeutende und einflußreiche Persönlichkeit ist mir zuvorkommend schon entgegengetreten . Ich habe mit Erstaunen bemerkt , daß die Erscheinung eines Menschen , der nur lernen , nur auffassen , richtig beurtheilen will , etwas Neues in der Gesellschaft ist . Wenigstens Der , sagte Egon , der eine solche Absicht von sich offen eingesteht . Die Menschen finden es sonderbar , fuhr Stromer ermuthigter fort , daß man nicht mit ihnen streitet und darum doch nicht ganz ihrer Ansicht ist . Ich finde , daß die Sucht , Alles in Parteien zu zerklüften , uns den Kern der Dinge raubt und nur die Schale läßt . Sie bewundern zuviel , sagte man mir schon . Sie geben jedem Irrthum eine zu gefällige Entschuldigung ! O welche Unduldsamkeit ! Der Geist wirft durch das Prisma des Lebens alle Farben des Regenbogens . Wie kann ich eine Mischung der Strahlen über die andre setzen ? Guido Stromer sprach diese Worte mit einer gewissen schmiegsamen Grazie . Da können Sie ja der Verkünder eines neuen Evangeliums werden , sagte Egon lächelnd und theilnehmend . Das alte , auch das christliche , ist sehr exclusiv . Doch nicht ! sagte Guido Stromer . Auch die Christuslehre will keine objective Wahrheit . Sie will nur eine persönliche Wahrheit . Warum ist der Herr für uns gestorben ? Warum sollen im Leib seines Lebens und Blut seines Todes unsre Herzen leben ? Der allmächtige Zauber der ergriffenen Persönlichkeit , heißt Das , ist die Gewalt , die selig macht ; der todte Buchstabe , die objectiv sein wollende Wahrheit ist es nicht . O Das ist ja herrlich , Herr Pfarrer ! rief Egon in seiner nach allen Seiten hin heute so glücklichen Anregung und dabei immer gespannt das Bild im Auge behaltend , auch manchmal wie auf Helene d ' Azimont ' s Nähe lauschend . Predigen Sie doch ja hier überall diese Lehre ! Sie thut der ganzen Welt so noth , daß ich gern ertrage , wenn Sie sie noch einige Zeit den Bewohnern von Plessen vorenthalten ! Wie lange wollen Sie , daß ein Vikar dort für Sie eintritt ? Gestatten Sie mir ein Jahr , Durchlaucht ! sagte Stromer bestimmt . Sprechen Sie mit dem Justizdirektor darüber ! Haben Sie schon Ihren Ersatzmann ? Propst Gelbsattel , in dem ich einen Freund und Förderer gefunden habe , wird mir einige Vorschläge machen . Ein gewisser Oleander , ein sanftes , dichterisches Gemüth , von Rechtgläubigkeit und nicht unerfahren im Schulfach , möglicher Schwiegersohn des Propstes , gefiel mir ... Gut ! Aber Ihre Familie ? Wäre es nicht besser , wenn Ihnen diese ... Nachzöge ? meinte Stromer gedehnt . Ich kann es nicht wünschen . Ich habe mir eine nicht geringe Aufgabe gestellt und gerade Das , was sie allein lösen kann , ist die Freiheit meiner Person . Es mag Manchem bedenklich erscheinen , wie ich so Weib und Kind von mir gleichsam abschüttele , aber ich werde später , wenn ich mein Ziel erreicht habe , sie um so inniger an ein stärker gewordenes Herz ziehen . Egon nahm keinen Anstand seinen Beifall zu geben , gestattete ohne Weiteres , jenen Oleander zu wählen und sagte nur noch : Um dieses Ziel ? Welches ist es , Herr Pfarrer ? Stromer gerieth in einige Verlegenheit . Er schien mehr gesagt zu haben , als er wollte . Egon nahm daher Veranlassung , sich noch lebhafter in seine Gedankenreihe zu versetzen und äußerte rasch : Fast merk ' ich etwas . Sie werden vielleicht weder nach Plessen , noch je überhaupt auf eine Kanzel zurückkehren wollen ? Sie suchen einen ganz neuen , eigenthümlichen Lebensweg . Nicht wahr ? Durchlaucht , daß ich es offen gestehe , fuhr Stromer , nun ganz mit der Sprache herausgehend , fort . Ich kann mich in dieser doppelten Existenz nicht behaupten , wenn ich nicht an eine neue Erwerbsquelle denke . Meine Art zu urtheilen fiel in einigen Salons auf und Propst Gelbsattel war es vorzugsweise , der mich ermuntert hat , die Feder zu ergreifen . Ich werde schreiben ... Ah ! Das war für Egon eine ganz neue Perspective . Er hatte also einen werdenden Autor vor sich ! In diesem Augenblick verstand er Guido Stromer ' s Weise , seine Sprechart , sein Äußeres , seine hohe Stirn , seine zurückgestrichenen Haare , die weit geöffneten Augen , dieses eigenthümliche Etwas , das über des Mannes ganzer Erscheinung lag . Und weit entfernt , ihn wegen dieses Geständnisses für geringer zu achten , schenkte er seinem Besuch eine im Gegentheil sich steigernde Hochachtung . Nur eine Art beklommener Scheu kam jetzt doch über den jungen Fürsten , eine gewisse Verlegenheit , ja wenn er ganz aufrichtig sagen wollte , was ihm geschah , so mußte er eingestehen , ein gewisses Mistrauen regte sich in ihm , und ein wenig auf dem Stuhle rückend , gleichsam als wollte er abbrechen , sagte er : Und nach welchem Gesichtspunkte denken Sie zu wirken ? Die Gährung des Geistes , sagte Stromer , diese nur so hingeworfene Frage festhaltend , kündigt sich nach allen Richtungen an . Kein Feld des menschlichen Wissens , wo nicht ein alter Glaube neuer Prüfung unterworfen ist . Das religiöse , mir verwandteste Gebiet ist mit der Weltlichkeit in eine bisher ungeahnte Beziehung getreten . Wie fordern die vielen kirchlichen Regungen nicht selbst die Politik der Staaten heraus , und wie nahe tritt die Religion überhaupt jetzt wieder dem Leben , dem täglichen Zusammenhange unseres Ichs mit dem Nächsten , dem Natürlichsten , was unsere Existenz bedingt ! Weit entfernt , darin eine Entweihung des Gottesgedankens zu finden , sollen wir die Möglichkeit eines neuen Triumphes für ihn anerkennen . Alles will neugeboren werden , in einem neuen Lichte wandeln , die Taufe des Geistes empfangen , die Feuertaufe der freien Überzeugung . Nun wohlan ! Da mag geirrt , blindlings getastet , das nächste Endliche und Oberflächliche zu schnell als Beantwortung einer tiefen Menschheitsfrage genommen werden ; aber es ist doch ein Drang , ein Streben , eine mächtig wirkende Wahrheit des Gemüthes da . Ich sehe hier ein Chaos von Principien , ein wildes , sich bäumendes Trotzen auf seine Endlichkeit , ein Prahlen sogar mit seiner Verzweiflung an der Unmöglichkeit , über die Schranken des Diesseits hinauszublicken ; allein selbst im Extrem , selbst in der Caricatur muß ein Denker staunen , wie doch der Sinn der Menschheit an Idealität zugenommen hat . Ich habe hier sogenannte freie Gemeinden besucht , deutschkatholische Zusammenkünfte , ich war unter jungen Philosophen , die etwas wild und zügellos das Nichts ihres Geldbeutels auf das Nichts des großen Alls bezogen , ich stehe staunend und verwundere mich über die Vermessenheit der Ohnmacht , und doch hat dies Sehnen und Schmachten der Creatur nach Freiheit und Erkenntniß einen unendlichen Reiz für mich , einen größeren , als früher mein allzuschroffes Verdammen jeder Richtung , die nicht zu meinem nächsten Ziele führte . Man sagte mir , daß meine Analyse dieser Erscheinungen neu sei und deshalb will ich anfangen zu schreiben , so alt ich schon geworden bin . Und Ihr eigentliches Princip ? fragte drängender Egon , den die Zuversichtlichkeit dieses Tones bei der großen Unsicherheit über Das , was man jetzt für Wahrheit nehmen soll , fast erschreckte . Ich gestehe fast , sagte Stromer , daß ich gegen diese Forderung eines Principes überhaupt bin . Man soll nicht mehr fragen , was ist Wahrheit ? Man soll den Menschen allein nehmen und die Wahrheit individuell nur auf ihn allein beziehen . Gott , diese Fülle der Erscheinungen ist ja so interessant ! Wie lieblich ist der Trieb zur Schönheit , wie himmlisch , wie göttlich das Schwelgen in äußerer Form , in der Harmonie der Theile , im Belauschen der Feiermomente der Natur ! Andererseits acht ' ich , ehr ' ich den einsamen Denker , der beim Lampenlichte mit dem grünen Schirm auf dem blöden Auge ein zweiter Faust aus pergamentnen Schriften Erkenntniß sucht . Jede Freude an der Erscheinungswelt , auch wenn sie mich ganz erfüllt , ganz entzückt hat , wie lange dauert sie denn ? Da kommen die Humboldt ' s und zerstören mir alle Märchen der Schöpfungsgeschichte ; da lösen die Liebig ' s alles Feste und Majestätische in