, und ein anderer deutscher Fürst , der zugegen war , raunte dem Markgrafen zu : » Mit nichten ; eines deutschen Herzogs Blutsverwandte gehört nicht an die Seite eines wendischen Hundes . « Mistewoi hatte gehört , was der Nebenstehende halblaut vor sich hin gesprochen hatte , und verließ die Halle . Bernhard , der das nun Bevorstehende ahnen mochte , schickte dem tödlich verletzten Wendenfürsten Boten nach , aber dieser ließ nur antworten : » Der Tag kommt , wo die Hunde beißen . « Er ging nun nach Rethra , wo der Haupttempel aller wendischen Stämme stand , und rief – die Obotriten standen selbstverständlich zu ihm – auch alle liutizischen Fürsten zusammen und erzählte ihnen die erlittene Schmach . Dann tat er sein Christentum von sich und bekannte sich vor dem Bilde Radegasts aufs neue zu den alten Göttern . Gleich darauf ließ er dem Sachsengrafen sagen : » Nun hab acht , Mistewoi der Hund kommt , um zu bellen und wird bellen , daß ganz Sachsenland erschrecken soll . « Der Markgraf aber antwortete : » Ich fürchte nicht das Brummen eines Bären , geschweige das Bellen eines Hundes . « Am Tangerfluß kam es zur Schlacht , und die Sachsen wurden geschlagen . Das hatte Mistewoi der Hund getan . Die Unterwerfung , die 924 begonnen hatte , hatte 983 wieder ein Ende . Der Dom zu Brandenburg wurde zerstört , und auf dem Harlunger Berge erhob sich das Bild des Triglaw . Von dort aus sah es noch wieder einhundertfünfzig Jahre lang in wendische Lande hinein . Die Liutizen waren frei . Drei Generationen hindurch hielt sich , nach diesem großen Siege , die Macht der Wenden unerschüttert ; Kämpfe fanden statt , sie rüttelten an der wiedererstandenen Wendenmacht , aber sie brachen sie nicht . Erst mit dem Eintritt des zwölften Jahrhunderts gingen die Dinge einer Wandlung entgegen ; die Wendenstämme , untereinander in Eifersüchteleien sich aufreibend , zum Teil auch uneins durch die rastlos weiter wirkende Macht des Christentums , waren endlich wie ein unterhöhlter Bau , der bei dem ersten ernsteren Sturme fallen mußte . Die Spree- und Havellandschaften waren , so scheint es , die letzten Zufluchtsstätten des alten Wendentums ; Brennabor , nachdem rund umher immer weiteres Terrain verlorengegangen war , war mehr und mehr der Punkt geworden , an dessen Besitz sich die Frage knüpfte , wer Herrscher sein solle im Lande , Sachse oder Wende , Christentum oder Heidentum . Das Jahr 1157 , wie eingangs schon bemerkt , entschied über diese Frage . Albrecht der Bär erstürmte Brennabor , die letzten Aufstände der Brizaner und Stodoraner wurden niedergeworfen , und mit der Unterwerfung des Spree- und Havellandes empfing das Wendenland zwischen Elbe und Oder überhaupt den Todesstoß . ( Rethra war schon vorher gefallen , wenigstens seiner höchsten Macht entkleidet worden . Nur der Swantewittempel auf Arkona hielt sich um zwanzig Jahre länger , bis der Dänenkönig » Waldemar der Sieger « auch diesen zerstörte . ) So viel in kurzen Zügen von der Geschichte des Wendenlandes zwischen Elbe und Oder . Wir wenden uns jetzt einer mehr kulturhistorischen Untersuchung zu und stellen zusammen , was wir über Charakter , über Sitte , Recht und Kultur des alten Wendentums wissen . 2. Lebensweise . Sitten . Tracht 2. Lebensweise . Sitten . Tracht Sie spinnen . Haben Linnen , Sie regeln Den Fluß und das Wehr , Und mit Schiffen und Segeln Sind sie zu Hause auf offnem Meer . Die Frage ist oft aufgeworfen worden , ob die Wenden wirklich auf einer viel niedrigeren Stufe als die vordringenden Deutschen gestanden hätten , und diese Frage ist nicht immer mit einem bestimmten » Ja « beantwortet worden . Sehr wahrscheinlich war die Superiorität der Deutschen , die man schließlich wird zugeben müssen , weniger groß , als deutscherseits vielfach behauptet worden ist . Die Wenden , um mit ihrer Wohnung zu beginnen , hausten keineswegs , wie ein mir vorliegender Stich sie darstellt , in verpalisadierten Erdhöhlen , um sich gleichzeitig gegen Wetter und Wölfe zu schützen ; sie hatten vielmehr Bauten mannigfacher Art , die durchaus wirklichen Häusern entsprachen . Daß von ihren Gebäuden , öffentlichen und privaten , kein einziges bestimmt nachweisbar auf uns gekommen ist , könnte dafür sprechen , daß diese Bauten von einer inferioren Beschaffenheit gewesen wären ; wir dürfen aber nicht vergessen , daß die siegreichen Deutschen natürlich alle hervorragenden Gebäude , die sämtlich Tempel oder Festen waren , sei es aus Rache oder sei es zu eigner Sicherheit , zerstörten , während die schlichten Häuser und Hütten im Laufe der Jahrhunderte sich natürlich ebensowenig erhalten konnten , wie deutsche Häuser und Hütten aus jener Zeit . Die Wenden , so viel steht fest , hatten verhältnismäßig wohleingerichtete Häuser , und die Frage bleibt zunächst nur , wie waren diese Häuser . Wahrscheinlich sehr verschiedener Art. Wie wir noch jetzt , oft bunt durcheinander , noch häufiger nach Distrikten geschieden , Lehmkaten , Fachwerk- , Feldstein- und Backsteinhäuser finden , der Stroh- , Schilf- , Schindel-und Ziegeldächer ganz zu geschweigen , so war es auch in alten Wendenzeiten , nur noch wechselnder , nur noch abhängiger von dem Material , das gerade zur Hand war . In den Fischerdörfern an der Spree und Havel hin , in den Sumpfgegenden , die kein anderes Material kannten als Elsen und Eichen , waren die Dörfer mutmaßlich Blockhäuser , wie man ihnen bis diesen Tag in den Spreewaldgegenden begegnet ; auf dem feldsteinübersäten Barnimplateau richteten sich , wie noch jetzt vielfach in den dortigen Dörfern geschieht , die Wohnungen höchstwahrscheinlich aus Feldstein auf ; in fruchtbaren Gegenden aber , wo der Lehm zutage lag , wuchs das Lehm- und das Ziegelhaus auf , denn die Wenden verstanden sich sehr wohl auf die Nutzung des Lehms und sehr wahrscheinlich auch auf das Ziegelbrennen . Daß sie unter ihrem Gerät nachweisbar auch den Mauerhammer hatten , deutet wenigstens darauf hin . Einzelne dieser Dinge sind nicht geradezu zu beweisen , aber sie müssen so gewesen sein nach einem Naturgesetz , das fortwirkt bis auf diesen Tag . Armes oder unkultiviertes Volk baut sich seine Wohnungen aus dem , was es zunächst hat : am Vesuv aus Lava , in Irland aus Torf , am Nil aus Nilschlamm , an den Pyramiden aus Trümmern vergangener Herrlichkeit . So war es immer , wird es immer sein . Und so war es auch bei den Wenden . Die Wenden aber hatten nicht nur Häuser , sie wohnten auch in Städten und Dörfern , die sich zu vielen Hunderten durch das Land zogen . Die wendischen Namen unserer Ortschaften beweisen dies zur Genüge . Manche Gegenden haben nur wendische Namen . Um ein Beispiel statt vieler zu geben , die Dörfer um Ruppin herum heißen : Karwe , Gnewikow , Garz , Wustrau , Bechlin , Stöffin , Kränzlin , Metzeltin , Dabergotz , Ganzer , Lenzke , Manker usw. , lauter wendische Namen . Ähnlich ist es überall in der Mark , in Lausitz und Pommern . Selbst viele deutsch klingende Namen , wie Wustrau , Wusterhausen usw. , sind nur ein germanisiertes Wendisch . Wie die Dörfer waren , ob groß oder klein , ob stark bevölkert oder schwach , kann , da jegliche bestimmte Angabe darüber fehlt , nur mittelbar herausgerechnet , nur hypothetisch festgestellt werden . Die große Zahl der Totenurnen , die man findet , außerdem die Mitteilungen Thietmars u.a. , daß bei Lunkini 100000 Wenden gefallen seien , scheinen darauf hinzudeuten , daß das Land allerdings stark bevölkert war . Unsicher , wie wir über Art und Größe der wendischen Dörfer sind , sind wir es auch über die Städte . Einzelne galten für bedeutend genug , um mit den Schilderungen ihres Glanzes und ihres Unterganges die Welt zu füllen , und wie geneigt wir sein mögen , der poetischen Darstellung an diesem Weltruhme das beste Teil zuzuschreiben , so kann doch das Geschilderte nicht ganz Fiktion gewesen sein , sondern muß in irgend etwas Vorhandenem seine reale Anlehnung gehabt haben . Besonderes Ansehen hatten die Handelsstädte am Baltischen Meere . Unter diesen war Jumne , wahrscheinlich am Ausfluß der Swine gelegen , eine der gefeiertsten . Adam von Bremen erzählt von ihr : sie sei eine sehr angesehene Stadt und der größte Ort , den das heidnische Europa aufzuweisen habe . » In ihr – so fährt er fort – wohnen Slawen und andere Nationen , Griechen und Barbaren . Und auch den dort ankommenden Sachsen ist , unter gleichem Rechte mit den Übrigen , zusammenzuwohnen verstattet , freilich nur , solange sie ihr Christentum nicht öffentlich kundgeben . Übrigens wird , was Sitte und Gastlichkeit anlangt , kein Volk zu finden sein , das sich ehrenwerter und dienstfertiger bewiese . Jene Stadt besitzt auch alle möglichen Annehmlichkeiten und Seltenheiten . Dort findet sich der Vulkanstopf , den die Eingeborenen das » griechische Feuer « nennen ; dort zeigt sich auch Neptun in dreifacher Art , denn von drei Meeren wird jene Insel bespült , deren eines von ganz grünem Aussehen sein soll , das zweite aber von weißlichem ; das dritte ist durch ununterbrochene Stürme beständig in wutvoll brausender Bewegung . « Diese Beschreibungen zeitgenössischer Schriftsteller , wie auch die Beschreibung von Vineta oder Julin ( die beide dasselbe sind ) beziehen sich auf wendische Handels- und Küstenstädte . Es ist indessen wahrscheinlich , daß die Binnenstädte wenig davon verschieden waren , wenn auch vielleicht etwas geringer . An Handel waren sie gewiß unbedeutender , aber dafür standen sie dem deutschen Leben und seinem Einfluß näher . Wenden wir uns nunmehr der Frage zu , wie lebten die Wenden in ihren Dörfern und Städten , wie kleideten , wie beschäftigen sie sich , so wird das Wenige , was wir bis hierher sagen konnten , auch ein gewisses Licht auf diese Dinge werfen . Wie beschäftigten sie sich ? Neben der Führung der Waffen , die Sache jedes Freien war , gab es ein mannigfach gegliedertes Leben . Die Ausschmückung der Tempel – Ausschmückungen , wie man ihnen noch jetzt in altrussischen Kirchen begegnet und wie sie in den alten Schriftstellern der Wendenzeit vielfach beschrieben werden – lassen keinen Zweifel darüber , daß die Wenden eine Art von Kunst , wenigstens von Kunsthandwerk , kannten und übten . Sie schnitzten ihre Götzenbilder in Holz oder fertigten sie aus Erz und Gold , sie bemalten ihre Tempel und färbten das Schnitzwerk , das als groteskes Ornament die Tempel zierte . Den Schiffbau kannten sie , wie die kühnen Seeräuberzüge der Ranen zur Genüge beweisen , und ihr Haus- und Kriegsgerät war mannigfacher Art. Sie kannten den Haken zur Beackerung und die Sichel , um das Korn zu schneiden . Die feineren Wollenzeuge , so berichten die Chronisten , kamen aus Sachsen ; aber eben aus dieser speziellen Anführung geht hervor , daß die minder feinen im Lande selber bereitet wurden . Einheimische Arbeit war auch die Leinewand , in welche die Nation sich kleidete und wovon sie zu Segeln und Zelten große Mengen gebrauchte . Es ist also wohl nicht zu bezweifeln , daß der Webstuhl im Wendenlande bekannt war wie im ganzen Norden bis nach Island und daß die Hände , welche den Flachs und den Hanf dem Erdboden abgewannen , ihn auch zu verarbeiten verstanden . Die Hauptbeschäftigungen blieben freilich Jagd und Fischerei , daneben die Bienenzucht . Das Land wies darauf hin . Noch jetzt , in den slawischen Flachlanden Osteuropas , auf den Strecken zwischen Wolga und Ural , wo weite Heiden mir Lindenwäldern wechseln , begegnen wir denselben Erscheinungen , derselben Beschäftigung . Die Honigerträge waren reich und wichtig , weil aus ihnen der Met gewonnen wurde . Bier wurde aus Gerste gebraut . Die Fische wurden frisch oder eingesalzen gegessen , denn man benutzte die Solquellen und wußte das Salz aus ihnen zu gewinnen . Vieles spricht dafür , daß sie selbst Bergbau trieben und das Eisen aus dem Erze zu schmelzen verstanden . Noch ein Wort über die nationale Kleidung der Wenden . Es liegen nur Andeutungen darüber vor . Daß sie so gewesen sei , oder auch nur ähnlich , wie die Wenden sie jetzt noch tragen , ist wohl falsch . Die wendische Tracht entwickelte sich in den wendisch gebliebenen Gegenden unter dem Einfluß wenn nicht der deutschen Mode , so doch des deutschen Stoffs und Materials , und es bedarf wohl keiner Versicherung , daß die alten ursprünglichen Wenden weder Faltenröcke noch Zwickelstrümpfe , weder Manchestermieder noch Überfallkragen gekannt haben . All dies ist ein in spätern Kulturzeiten Gewordenes , an dem die Wendenüberreste nolens volens teilnehmen mußten . Giesebrecht beschreibt ihre Kleidung wie folgt : » Zur nationalen Kleidung gehörte ein kleiner Hut , ein Obergewand , Unterkleider und Schuhe oder Stiefel ; barfuß gehen wurde als ein Zeichen der äußersten Armut betrachtet . Die Unterkleider konnten gewaschen werden ; der Stoff , aus dem sie bestanden , war also vermutlich Leinewand . Das Oberkleid war wollen . « Über Schnitt und Kleidung und die bevorzugten Farben wird nichts gesagt , doch dürfen wir wohl annehmen , daß sich eine Vorliebe für das Bunte darin aussprach . Der kleine Hut und die leinenen Unterkleider : Rock , Weste , Beinkleid , finden sich übrigens noch bis diesen Tag bei den Spreewaldswenden vor . Nur die Frauentrachten weichen völlig davon ab . 3. Charakter . Begabung . Kultus 3. Charakter . Begabung . Kultus In trotzigem Mut , Gastfrei und gut , Haben für ihre Götter und Sitten Sie wie die Märtyrer gelitten . Nachdem wir bis hierher die äußere Erscheinung betont und die Frage zu beantworten gesucht haben : wie sahen die alten Wenden aus ? wie wohnten sie ? wie beschäftigten und wie kleideten sie sich ? wenden wir uns in folgendem mehr ihrem geistigen Leben zu , der Frage : wie war ihr Charakter , ihre geistige Begabung , ihr Rechtssinn , ihre Religiosität ? Die Wenden haben uns leider kein einziges Schriftstück hinterlassen , das uns dazu dienen könnte , die Schilderungen , die uns ihre bittern Feinde , die Deutschen , von ihnen entworfen haben , nötigenfalls zu korrigieren . Wir hören eben nur eine Partei sprechen , dennoch sind auch diese Schilderungen ihrer Gegner nicht dazu angetan , uns mit Abneigung gegen den Charakter der Wenden zu erfüllen . Wir begegnen mehr liebenswürdigen als häßlichen Zügen , und wo wir diese häßlichen Züge treffen , ist es gemeinhin unschwer zu erkennen , woraus sie hervorgingen . Meist waren es Repressalien , Regungen der Menschennatur überhaupt , nicht einer spezifisch bösen Menschennatur . Zwei Tugenden werden den Wenden von allen deutschen Chronikenschreibern jener Epoche : Widukind , Thietmar , Adam von Bremen , zuerkannt : sie waren tapfer und gastfrei . Ihre Tapferkeit spricht aus der ganzen Geschichte jener Epoche , und der Umstand , daß sie , trotz Fehden und steter Zersplitterung ihrer Kräfte , dennoch den Kampf gegen das übermächtige Deutschtum zwei Jahrhunderte lang fortsetzen konnten , läßt ihren Mut in allerglänzendstem Lichte erscheinen . Sie waren ausgezeichnete Krieger , zu deren angeborener Tapferkeit sich noch andere kriegerische Gaben , wie sie den Slawen eigentümlich sind , gesellten : Raschheit , Schlauheit , Zähigkeit . Hierin sind alle deutschen Chronisten einig . Ebenso einig sind sie , wie schon hervorgehoben , in Anerkennung der wendischen Gastfreundschaft . » Um Aufnahme zu bitten , hatte der Fremde in der Regel nicht nötig ; sie wurde ihm wetteifernd angeboten . Jedes Haus hatte seine Gastzimmer und immer offne Tafel . Freigebig wurde vertan , was durch Ackerbau , Fischfang , Jagd und in den größeren Städten auch wohl durch Handel und Gewerbe gewonnen worden war . Je freigebiger der Wende war , für desto vornehmer wurde er gehalten , und für desto vornehmer hielt er sich selbst . Wurde – was übrigens äußerst selten vorkam – von diesem oder jenem ruchbar , daß er das Gastrecht versagt habe , so verfiel er allgemeiner Verachtung , und Haus und Hof durften in Brand gesteckt werden . « Sie waren tapfer und gastfrei , aber sie waren falsch und untreu , so berichten die alten Chronisten weiter . Die alten Chronisten sind indessen ehrlich genug , hinzuzusetzen : » untreu gegen ihre Feinde « . Dieser Zusatz legt einem sofort die Frage nahe : wie waren aber nun diese Feinde ? waren sie , ganz von aller ehrlichen Feindschaft , von offenem Kampfe abgesehen , waren diese Feinde ihrerseits von einer Treue , einem Worthalten , einer Zuverlässigkeit , die den Wenden ein Sporn hätte sein können , Treue mit Treue zu vergelten ? Die Erzählungen der Chronisten machen uns die Antwort auf die Frage leicht ; in rühmlicher Unbefangenheit erzählen sie uns die endlosen Perfidien der Deutschen . Dies erklärt sich daraus , daß sie , von Parteigeist erfüllt und blind im Dienst einer großen Idee , die eigenen Perfidien vorweg als gerechtfertigt ansahen . Dagegen war wendischer Verrat einfach Verrat und stand da , ohne allen Glorienschein , in nackter , alltäglicher Häßlichkeit . Der Wende war ein » Hund « , ehrlos , rechtlos , und wenn er sich unerwartet aufrichtete und seinen Gegner biß , so war er untreu . Ein Hund darf nicht beißen , es geschehe ihm was da wolle . Die Geschichte von Mistewoi haben wir gehört , sie zeigt die schwindelnde Höhe deutschen Undanks und deutscher Überhebung . In noch schlimmerem Lichte erscheint das Deutschtum in der Geschichte von Markgraf Gero . Dieser , wie in Balladen oft erzählt , ließ dreißig wendische Fürsten , also wahrscheinlich die Häupter fast aller Stämme zwischen Elbe und Oder , zu einem Gastmahl laden , machte die Erschienenen trunken und ließ sie dann ermorden . Das war 939 . Nicht genug damit . Im selben Jahre vollführte er einen zweiten List- und Gewaltstreich . Den Tugumir , einen flüchtigen Fürsten der Heveller , den er durch Versprechen auf seine Seite zu ziehen gewußt hatte , ließ er nach Brennabor zurückkehren , wo er Haß gegen die Deutschen heucheln und dadurch die alte Gunst seines Stammes sich wieder erobern mußte . Aber kaum im Besitz dieser Gunst , tötete Tugumir seinen Neffen , der in wirklicher Treue und Aufrichtigkeit an der Sache der Wenden hing , und öffnete dann dem Gero die Tore , dessen bloßes Werkzeug er gewesen war . Das waren die Taten , mit denen die Deutschen – freilich oft unter Hilfe und Zutun der Wenden selbst – voranschritten . Weder die Deutschen noch ihre Chronisten , zum Teil hochkirchliche Männer , ließen sich diese Verfahrungsweise anfechten , klagten aber mal auf mal über die » Falschheit der götzendienerischen Wenden « . Die Wenden waren tapfer und gastfrei und , wie wir uns überzeugt halten , um kein Haar falscher und untreuer als ihre Besieger , die Deutschen ; aber in einem waren sie ihnen allerdings unebenbürtig , in jener gestaltenden , große Ziele von Generation zu Generation unerschütterlich im Auge behaltenden Kraft , die zu allen Zeiten der Grundzug der germanischen Rasse gewesen und noch jetzt die Bürgschaft ihres Lebens ist . Die Wenden von damals waren wie die Polen von heute . Ausgerüstet mit liebenswürdigen und blendenden Eigenschaften , an Ritterlichkeit ihren Gegnern mindestens gleich , an Leidenschaft , an Opfermut ihnen vielleicht überlegen , gingen sie dennoch zugrunde , weil sie jener gestaltenden Kraft entbehrten . Immer voll Neigung , ihre Kräfte nach außen hin schweifen zu lassen , statt sie im Zentrum zu einen , fehlte ihnen das Konzentrische , während sie exzentrisch waren in jedem Sinne . Dazu die individuelle Freiheit höher achtend als die staatliche Festigung – wer erkennte in diesem allen nicht polnisch-nationale Züge ? Wir sprechen zuletzt von dem Kultus der Wenden . Weil die religiöse Seite der zu bekehrenden Heiden unsere christlichen Missionare selbstverständlich am meisten interessieren mußte , so ist es begreiflich , daß wir über diesen Punkt unserer liutizischen Vorbewohner am besten unterrichtet sind . Die Nachrichten , die uns geworden , beziehen sich in ihren Details zwar überwiegend auf jene zwei Haupttempelstätten des Wendenlandes , die nicht innerhalb der Mark , sondern die eine ( Rethra ) hart an unserer Grenze , die andere ( Arkona ) auf Rügen gelegen waren ; aber wir dürfen fast mit Bestimmtheit annehmen , daß alle diese Beschreibungen auch auf die Tempelstätten unserer märkischen Wenden passen , wenngleich dieselben , selbst Brennabor nicht ausgeschlossen , nur zweiten Ranges waren . Die wendische Religion kannte drei Arten der Anbetung : Naturanbetung ( Stein , Quelle , Baum , Hain ) . Waffenanbetung ( Fahne , Schild , Lanze ) . Bilderanbetung ( eigentlicher Götzendienst ) . Die Natur war der Boden , aus dem der wendische Kultus aufwuchs ; die spätere Bilderanbetung war nur Naturanbetung in anderer Gestalt . Statt Stein , Quelle , Sonne usw. , die ursprünglich Gegenstand der Anbetung gewesen waren , wurden nunmehr Gestalten angebetet , die Stein , Quelle , Sonne usw. bildlich darstellten . Die Wenden hatten in ihrer Religion einen Dualismus schwarzer und weißer Götter , einer lichten Welt auf der Erde und eines unterirdischen Reiches der Finsternis . Die Einheit lag im Jenseits , im Himmel . An und in sich selbst unterschied der Wende Leib und Seele , doch scheint ihm die Menschenseele der Tierseele verwandt erschienen zu sein . Wenigstens glaubte er nicht an persönliche Unsterblichkeit . Die Seele saß im Blut , aber war doch wieder getrennt davon . Strömte das Blut des Sterbenden zu Boden , so flog die Seele aus dem Munde und flatterte zum Schrecken aller Vögel , nur nicht der Eule , so lange von Baum zu Baum , bis die Leiche verbrannt oder begraben war . Die alten Chronisten haben uns die Namen von vierzehn wendischen Göttern überliefert . Unter diesen waren die folgenden fünf wohl die berühmtesten : Siwa ( das Leben ) ; Gerowit ( der Frühlingssieger ) ; Swantewit ( der heilige oder helle Sieger ) ; Radegast ( die Vernunft , die geistige Kraft ) ; Triglaw ( der Dreiköpfige . Ohne bestimmte Bedeutung ) . Vom Siwa haben wir keine Beschreibung . Gerowit , der Frühlingssieger , war mit kriegerischen Attributen geschmückt , mit Lanzen und Fahnen , auch mit einem großen , kunstvollen mit Goldblech beschlagenen Schild . Radegast war reich vergoldet und hatte ein mit Purpur verziertes Bett . Noch im fünfzehnten Jahrhundert hing in einem Fenster der Kirche zu Gadebusch eine aus Erz gegossene Krone , die angeblich von einem Bilde dieses Gottes herstammte . Swantewit hatte vier Köpfe , zwei nach vorn , zwei nach rückwärts gewandt , die wieder abwechselnd nach rechts und links blickten . Bart und Haupthaar war nach Landessitte geschoren . In der rechten Hand hielt der Götze ein Horn , das mit verschiedenen Arten Metall verziert war und jährlich einmal mit Getränk angefüllt wurde ; der linke Arm war bogenförmig in die Seite gesetzt ; die Kleidung ein Rock , der bis an die Schienbeine reichte . Diese waren von anderem Holz als die übrige Figur und so künstlich mit den Knien verbunden , daß man nur bei genauer Betrachtung die Fugen wahrnehmen konnte . Die Füße standen auf der Erde und hatten unter dem Boden ihr Fußgestell . Das Ganze war riesenhaft , weit über menschliche Größe hinaus . Endlich Triglaw hatte drei Köpfe , die versilbert waren , Ein goldener Bund verhüllte ihm Augen und Lippen . Diese Götter hatten überall im Lande ihre Tempel ; nicht nur in Städten und Dörfern , sondern auch in unbewohnten Festen , sogenannten » Burgwällen « , und zwar auf Hügeln und Klippen , in Seen und Wäldern . Wahrscheinlich hatte jeder » Gau « , deren es im Lande zwischen Elbe und Oder etwa fünfundvierzig gab , einen Haupttempel , ähnlich wie es in späterer christlicher Zeit in jedem größeren Distrikt eine Bischofskirche , einen Dom , ein Kloster gab . Dieser Haupttempel konnte in einer Stadt sein , aber auch ebensogut in einem » Burgwall « , der dann nur den Tempel umschloß und etwa einem Berge mit einer berühmten Wallfahrtskirche entsprach . In Julin , Wolgast , Gützkow , Stettin , Malchow , Plön , Jüterbog und Brandenburg werden solche Städtetempel eigens erwähnt . Unzweifelhaft aber gab es deren an anderen Orten noch , als an den vorstehend genannten . 4. Rethra . Arkona . » Was ward aus den Wenden « 4. Rethra . Arkona . » Was ward aus den Wenden ? « Hier dient der Wende seinen Götzenbildern , Hier baut er seiner Städte festes Tor , Und drüber blinkt der Tempel Dach hervor ; Julin , Vineta , Rethra , Brennabor . Karl Seidel Die zwei Haupttempelstätten im ganzen Wendenland waren , wie mehrfach hervorgehoben , Rethra und Arkona . Stettin und Brennabor , ihnen vielleicht am nächsten stehend , hatten doch überwiegend eine lokale Bedeutung . Rethra und Arkona repräsentierten auch die Orakel , bei denen in den großen Landesfragen Rats geholt wurde , und ihr Ansehen war so groß , daß der Besitz dieser Tempel dem ganzen Stamme , dem sie zugehörten , ein gesteigertes Ansehen lieh ; die Redarier und die Ranen nahmen eine bevorzugte Stellung ein . Später entspann sich zwischen beiden eine Rivalität , wie zwischen Delphi und Dodona . Rethra war unter diesen beiden Orakelstätten die ältere , und wir beginnen mit Wiedergabe dessen , was Thietmar , Bischof von Merseburg , über diese sagt . Thietmar berichtet : » So viele Kreise es im Lande der Liutizier gibt , so viele Tempel gibt es auch und so viele einzelne Götzenbilder werden verehrt ; die Stadt Rethra aber behauptet einen ausgezeichneten Vorrang vor allen anderen . Nach Rethra schicken die Wendenfürsten , ehe sie in den Kampf eilen , und sorgfältig wird hier vermittelst der Lose und des Rosses nachgeforscht , welch ein Opfer den Göttern darzubringen sei . « Stadt und Tempel von Rethra schildert Thietmar nun weiter : » Rethra liegt im Gau der Redarier , ein Ort von dreieckiger Gestalt , den von allen Seiten ein großer , von den Eingeborenen gepflegter und heilig gehaltener Hain umgibt . Der Ort hat drei Tore . Zwei dieser Tore stehen jedem offen ; das dritte Tor aber , das kleinste , weist auf das Meer hin und gewährt einen furchtbaren Anblick . An diesem Tore steht nichts als ein künstlich aus Holz gebautes Heiligtum , dessen Dach auf den Hörnern verschiedener Tiere ruht , die es wie Tragsteine emporhalten . Die Außenseiten dieses Heiligtums sind mit verschiedenen Bildern von Göttern und Göttinnen , die , soviel man sehen kann , mit bewundernswerter Kunst in das Holz hineingemeißelt sind , verziert ; inwendig aber stehen von Menschenhand gemachte Götzenbilder , mit ihren Namen am Fußgestell , furchtbar anzuschauen . Der vornehmste derselben heißt Radegast oder Zuarosioi und wird von allen Heiden geehrt und angebetet . Hier befinden sich auch ihre Feldzeichen , welche nur , wenn es zum Kampfe geht , von hier fortgenommen und dann von Fußkämpfern getragen werden . Und dies alles sorgfältig zu hüten , sind von den Eingeborenen besondere Priester angestellt , welche , wenn die Leute zusammenkommen , um den Bildern zu opfern und ihren Zorn zu sühnen , allein sitzenbleiben , während die anderen stehen . Indem sie dann heimlich untereinander murmeln , graben sie voll Zornes in die Erde hinein , um vermittelst geworfener Lose nach Gewißheit über zweifelhafte Dinge zu forschen . Nachdem dies beendigt ist , bedecken sie die Lose mit grünem Rasen und führen ein Roß , das als heilig von ihnen verehrt wird , mit demütigem Flehen über die Spitzen zweier sich kreuzenden , in die Erde gesteckten Speere weg . Dies ist gleichsam der zweite Akt , zu dem man schreitet , um die Zukunft zu erforschen , und wenn beide Mittel : zuerst das Los , dann das heilige Pferd , auf ein gleiches Vorzeichen hindeuten , so handelt man darnach . Wo nicht , so wird von den betrübten Eingeborenen die ganze Angelegenheit aufgegeben . « Als Bischof Thietmar diese Schilderung von Rethra entwarf , stand dasselbe noch in höchstem Ansehen bei der Gesamtheit des Wendenvolkes , aber schon wenige Jahre später ging sein Ruhm als erste Tempel-und Orakelstätte des Wendenreiches unter . Arkona auf Rügen trat an seine Stelle . Noch 1066 hatten die Wenden , nach einem siegreichen Rachezuge , den Bischof Johann von Mecklenburg nach Rethra geschleppt und dem Radegast das Haupt des Bischofs geopfert ; aber dies Ereignis führte zugleich zu jener Niederlage Rethras , von der es sich nicht mehr ganz erholte . Im Winter 1067 auf 1068 erschien Bischof Burkhard von Halberstadt vor Rethra , stürzte das Götzenbild um und ritt auf dem weißen Rosse des Radegast heim . Dieser wohlberechnete Hohn blieb auf die Wendenstämme nicht ohne Einfluß , Eifersucht gegen die Redarier kam hinzu , und so wendeten sich die Wendenstämme von dem Radegast zu Rethra , der sich schwach erwiesen hatte , ab und dem Swantewittempel in Arkona zu . Hundert Jahre lang , von jenem Tage der Niederlage ab , glänzte nun Arkona , wie vorher Rethra geglänzt hatte . Auch von Arkona und seinem Swantewittempel besitzen wir eine Beschreibung . Es scheint , daß vier mächtige Holzpfeiler , die auf Tierhörnern ruhten , ihrerseits ein Dach trugen , dessen Inneres dunkelrot getüncht war . Der Raum zwischen den vier Pfeilern war durch Bretterwände ausgefüllt , die allerhand buntbemaltes Schnitzwerk trugen . Dies alles aber war nur die Außenhülle , und vier mächtige Innenpfeiler , durch Vorhänge geschlossen , teilten den inneren Tempelraum wieder in zwei Hälften , in ein Heiligstes und Allerheiligstes . In dem letzteren erst stand das Bild Swantewits . Arkona hatte besondere Tempeldiener , und mehr und mehr bildete sich hier eine Priesterkaste aus . Sie unterschieden sich schon durch Tracht und