machen sich entschließe , von dessen weitgreifender Thätigkeit , von dessen energischer Handlungsweise er vielfach durch sie selber habe sprechen hören , so leiste dieses alles dafür Bürgschaft , daß Renatus von der gegenwärtigen Zeit und von dem , was ihm selber Noth thue , mehr , weit mehr begriffen habe , als Paul anzunehmen scheine . Sie wiederholte darauf ihre Bitte mit dem Zusatze , daß Paul nach ihrem Empfinden ein entschiedenes Unrecht thun würde , einen Rath- und Beistandsuchenden , der , Paul möge sagen , was er wolle , doch immer seines Vaters Sohn , sein Halbbruder sei , ohne alle bestimmten Gründe von sich zu stoßen ; und als hätte sie in des jungen Edelmannes Seele gelesen , bemerkte sie , wie es vielleicht gerade diese Zusammengehörigkeit , wie es wohl das Zutrauen zu dem Sohne seines Vaters sein möge , welches Renatus zu Paul hingeführt habe und ihn seine Hoffnung auf denselben setzen lasse . Aber gerade diese letzte Muthmaßung fand vor dem Verstande Paul ' s nicht Gnade . Ich begehre eines solchen ererbten und auf keine vernünftigen Gründe zurückzuleitenden Vertrauens nicht , am wenigsten , wo ich ' s nicht theile ! versetzte er kurz . Als dann aber auch Davide in ihn drang , den Bitten der Cousine nachzugeben , als sie ihm versicherte , daß es sie glücklich machen und daß sie stolz darauf sein würde , wenn er der Arten ' schen Familie mit großmüthiger Freiheit des Sinnes beistehen wolle , wenn sie ihn auch bei diesem wie bei jedem anderen Anlasse um seiner hülfreichen Selbstlosigkeit willen verehren dürfe , sagte er : Alle Eure Vorstellungen beweisen mir nur , daß auch in Euch die in Europa leider noch so verbreitete Voreingenommenheit für die alten Familien und die alten Namen tiefer wurzelt , als ich nach meinen und Euren Erfahrungen zu vermuthen Ursache hatte . Aber sei es drum ; vielleicht erhaltet Ihr einen neuen Beitrag zur Menschenkenntniß und zur Kenntniß des Adels , der Euch aufklärt ! Ihr sollt Euren Willen haben ! Und es wird nicht an mir liegen , wenn sich Dein Begehren , liebe Seba , daß ich dem Sohne Deiner Freundin nützlich werden möchte , nicht erfüllt , wie Du es wünschest ! Ohne ihre Antwort abzuwarten , verließ er sie . Aber noch in derselben Stunde schrieb er dem jungen Freiherrn , daß er bereit sei , sich der Oberaufsicht über seine Angelegenheiten und , wenn die gerichtlichen Schritte deshalb gethan sein würden , auch der Vormundschaft über den Knaben Valerio bis zu Renatus ' Rückkehr zu unterziehen . Doch werde es ihm , im Hinblicke auf die eigenen , ihn vollauf in Anspruch nehmenden Geschäfte , sehr erwünscht sein , die Heimkehr des Freiherrn nicht in zu ferne Zeit hinausgeschoben zu sehen . Achtes Capitel Der Herbst , welcher im Norden sich nur selten und nie auf lange Zeit als ein freundlicher Vermittler zwischen dem Sommer und dem Winter zeigt , entlehnt in den glücklicheren Himmelsstrichen dem Sommer seine Wärme , dem Winter seine Klarheit , und niemals hatte er schöner und beständiger auf die Erde und auf das ohnehin so freundliche Paris hinabgeblickt , als in dem warmen , schönen Jahre von achtzehnhundert und siebzehn . Die Blätter waren bereits lange von den Bäumen abgefallen , die Sonne ging schon früh zur Ruhe , aber die Mittage waren noch hell und warm wie in der besten Jahreszeit , und die Herzogin machte noch alltäglich ihre Fahrten in das Freie , obschon eine gewisse Veränderung mit ihr vorgegangen war . Nicht daß ihre Körperkräfte abgenommen hätten . Sie war immer noch um die gewohnten Stunden sichtbar , schrieb Briefe , empfing Besuche , fuhr zu den kleinen Zirkeln des Königs an den Hof ; aber wer wie Renatus Gelegenheit hatte , sie genauer zu beobachten , dem konnte es nicht entgehen , daß sie nicht mehr die volle Herrschaft über sich besaß , daß es ihr oft schwer fiel , den Anschein der gleichmäßigen Ruhe zu behaupten , die sonst nie von ihr gewichen war , und daß irgend etwas sie innerlich aufrege und ungeduldig mache . Trotz der schmeichlerischen Nachgiebigkeit , mit welcher sie Eleonoren begegnete , deren zurückweisende Kälte sich beständig gleich blieb , sah Renatus es , wie unablässig die Herzogin ihre Nichte beobachtete , und so oft die Letztere mit ihm im Besonderen gesprochen hatte , mußte er sich auf irgend welche Erörterungen und Fragen gefaßt halten , die sich stets auf Eleonoren bezogen und denen zu stehen seinem Ehrgefühle allmählich so lästig ward , daß er trotz des Wohlgefallens , welches er an der Gesellschaft der Herzogin hegte , sich oftmals versucht fühlte , auf ihre Gastfreundschaft Verzicht zu leisten . So oft er es jedoch am Abende unerfreulich gefunden hatte , zwischen den beiden einander mißtrauenden Frauenzimmern zu leben , und so oft er es sich vorgenommen hatte , am andern Morgen der Herzogin zu sagen , daß sein Dienst ihn nöthige , ihr Haus zu verlassen und eine Wohnung in der Nähe seines Chefs zu suchen , so fehlte ihm , wenn er das Wort aussprechen sollte , der Muth dazu . Volle zwei Jahre hatte er jetzt im Hause seiner Beschützerin gelebt , und es lag in den äußerlich ruhigen und glatten Lebensgewohnheiten dieses Hauses etwas Verführerisches , etwas , das ihm die Seele einspann und gefangen nahm . Er konnte sich es gar nicht mehr denken , daß er nicht morgen oder übermorgen und heute eben so wie gestern diese breite und gelinde Treppe hinabsteigen , daß er morgen die Herzogin nicht bei guter Zeit in ihrem Zimmer aufsuchen und sie in ihrer anmuthigen Weise die Vorgänge des Tages und die Ereignisse am Hofe besprechen oder sie von den Zeiten erzählen hören werde , in denen man seines Lebens anders und besser froh zu werden verstanden habe , als jetzt . Wenn er erwachte , fragte er sich : Wie wird die Gräfin heute aussehen ? Was wird sie heute vorhaben und unternehmen ? Wenn er in die Gemächer der Herzogin trat , suchte sein Auge Eleonoren , und es kam ihm vor , als beginne sein eigentliches Tagewerk mit der Minute , in welcher er ihrer ansichtig ward , in welcher seine Blicke sich auf der vollendeten Schönheit ihrer Gestalt und ihres Antlitzes ergingen . Sein militärischer Dienst ward ihm jetzt lästig . Der Umgang mit seinen männlichen Altersgenossen , alles , was ihn bei dem ersten Eintritte in Paris und in diese Gesellschaft gefesselt hatte , dünkte ihm nicht mehr wichtig , nicht mehr reizend , wenn es ihn von Hause fern hielt . Eleonore zu betrachten , zu sehen , wie die verschiedenen Gemüthsbewegungen sich in ihrem Angesichte malten , zu errathen , was sie denke , sich vorzustellen , was sie sagen werde , sich zu freuen , wenn seine Voraussicht ihn nicht betrogen hatte und er sich also rühmen durfte , daß er sich in Uebereinstimmung mit ihr befunden habe , das waren ihm Genüsse und Freuden , gegen welche alles Andere für ihn verblaßte . Er merkte es nicht , daß wieder ein Sommer entschwunden war , daß wieder ein Herbst vorüberging und der Winter seine Herrschaft geltend machte . Er lebte wie in einer besonderen Welt , wie unter dem Einflusse eines Zaubers ; und so groß war die Gewalt desselben , daß er sich über den Zustand gar nicht wunderte , in welchem er sich befand , sondern , daß er ihm als der natürliche , als der einzig mögliche erschien . Er war heiter und es war ihm wohl . Das war alles , was er fühlte , was er dachte , wenn nicht Briefe aus der Heimath ihn in seinem Frieden stören kamen . Eleonorens Herbigkeit hörte allmählich auf , ihn zu verletzen . Er war es gewohnt worden , daß sie ihrer Tante kalt begegnete . Der Stolz , die Herbigkeit paßten so vollkommen zu ihrer eigenartigen Schönheit , und er selber hatte ja seit der Stunde ihres ersten Begegnens sich niemals über sie beklagen dürfen . Wie ihm ihre Weise , so war auch der Gräfin seine Gesellschaft mit der Zeit lieb und vertraut geworden . Sie fragte ihn um die Stunden , welche sein Dienst beanspruchte , sie ließ sich von ihm berichten , was er erlebt hatte , wenn er außer dem Hause gewesen war ; er konnte darauf rechnen , daß sie ihn immer , auch in der bewegtesten Gesellschaft , mit Vergnügen in ihre Nähe kommen sah , und wie eine Fürstin gestand sie sich das Recht zu , stets über ihn zu verfügen , sei es , daß sie ihn aufforderte , sie zu Pferde bei ihren Spazierritten zu begleiten , oder daß sie sich ihm im voraus für die Tänze zusagte , für welche sie ihn bei einem bevorstehenden Feste zu ihrem Partner zu haben wünschte . Selbst über seine Anhänglichkeit an ihre Tante rechtete sie nicht mehr mit ihm , weil seine Aufmerksamkeit für die Greisin sie mancher Verpflichtungen und jener kindlichen Dienstleistungen enthob , denen sie sich immer nur widerstrebend unterzogen hatte . Aber nicht allein Eleonore hatte dem deutschen Edelmanne ihre Gunst zugewendet , der Abbé war ihr darin zuvorgekommen , und es hatte sich zwischen diesen drei , einander durch ihre Lebenslage so unähnlichen Personen eine Freundschaft herausgebildet , welche Niemandem entging und welche die ungeduldige Aufregung der Herzogin veranlaßte . Denn diese Freundschaft konnte ihr , darüber täuschte sie sich nicht , so gefährlich als nützlich werden , konnte ihren Planen dienen oder sie durchkreuzen , und die Fäden , durch welche diese drei Menschen zusammenhingen , waren so eigenthümlich verschlungen , berührten die Wünsche der Herzogin so mannigfach , daß sie Anstand nahm , Hand daran zu legen , während sie es für nöthig hielt , beständig ihr Auge auf dieselben gerichtet zu halten . Seit ihre Nichte herangewachsen , war die Verbindung derselben mit dem Prinzen Polydor der vorherrschende Gedanke der Herzogin gewesen , und seit man nach Frankreich zurückgekehrt , hatte sie selber den Abbè mit der gegen diesen offen ausgesprochenen Absicht in ihr Haus gezogen , daß er die Bekehrung Eleonorens , welche ohnehin dem strenggläubigen und äußerst kirchlichen Hofe ein wohlgefälliges Ereigniß sein mußte , unternehmen möge . Sie hatte sich dabei sorgfältig gehütet , es dem Abbé zu vertrauen , welche Hoffnungen sie auf Eleonorens Uebertritt zur katholischen Kirche baue , und der gewandte Weltmann hatte zu viel Umsicht und zu viel gute Erziehung besessen , um errathen zu lassen , daß ihm klar sei , was man ihm zu verbergen noch für angemessen fand . Nur von Eleonorens Seelenheil war zwischen ihm und der Herzogin die Rede gewesen , nur im Hinblick auf dieses hatte die Herzogin die Besorgniß ausgesprochen , daß ihr und des Abbé ' s Einfluß auf Eleonore sich nothwendig jetzt verringern dürfte , da Eleonore mit ihrem letzten Geburtststage ihre gesetzliche Volljährigkeit erreicht habe , nach welcher es allein von ihrem Ermessen abhing , ob sie noch in Frankreich , ob sie in dem Hause ihrer Tante bleiben , oder dasselbe verlassen wolle , um ihren Wohnsitz in ihrem englischen Stammschlosse oder wo sonst immer aufzuschlagen . Indeß der Tag ihrer Volljährigkeit war zu Ende des Jahres achtzehnhundert und siebzehn vorübergegangen , und die Gräfin , welche diesen Tag sonst so lebhaft herbeigesehnt hatte , verweilte noch in Frankreich , verweilte noch im Palast Duras . Sie schien jetzt den Aufenthalt in demselben nicht mehr so drückend zu finden , als sonst . Aber wie sehr die Herzogin auch gewünscht hätte , vermochte sie dennoch nicht , diese Sinnesänderung auf ihre Rechnung zu schreiben oder als eine ihren Absichten günstige zu deuten . Selbst ein weniger scharfes Auge und eine Frau , die weniger herzenskundig gewesen wäre , als sie , konnte sich nicht darüber täuschen , was Eleonore in ihrem Hause festhielt , und doch konnte sie trotz der Besorgnisse , welche sie erfüllten , gar nichts thun , dieselben zu vermindern . Sie hatte sich selbst die Hände gebunden und sich mit gebundenen Händen an eine Kraft und an eine Energie überantwortet , welche die ihrige um ein Großes übertrafen . Wenn die Herzogin ihre Nichte darauf aufmerksam zu machen versuchte , daß deren Gesinnungen in Bezug auf die katholische Kirche und ihr Mißtrauen gegen den katholischen Klerus sich wesentlich geändert hätten , so entgegnete Eleonore ihr , daß sie mit ganzem Herzen an ihrem alten Bekenntnisse festhalte . Sie versicherte , daß zwischen ihr und dem Abbé von religiösen oder gar von kirchlichen Fragen äußerst selten die Rede sei und daß sie keinen Anlaß habe , von dem Klerus , dessen Thun und Treiben ihr verdächtig und unheilvoll erscheine , eine bessere Meinung zu fassen , weil ihr das seltene Glück zu Theil geworden sei , unter demselben einem Manne zu begegnen , dessen tiefe Bildung und Gelehrsamkeit sie fördere , und dessen weiter , freier Blick sich über die engen Schranken zu erheben wisse , in welche der Beruf , den er vielleicht zu frühzeitig und ohne genaue Kenntniß seiner eigenen Begabung und Natur erwählt habe , ihn zu bannen strebe . Rühmte man in Eleonorens Beisein , wie man es überhaupt zu thun gewohnt war , die strengen Gesinnungen und den kirchlichen Eifer des Abbé , so schien seine junge Anhängerin dies nicht zu hören , und die Herzogin , der nichts entging , hatte es bei den mannigfachsten Anlässen wahrgenommen , wie der schnelle und leuchtende Blick ihrer Nichte dann das Auge des Geistlichen suchte und von ihm mit einem verständnißvollen Lächeln begrüßt und aufgenommen wurde . Eleonore hatte es auch durchaus kein Hehl , wie sie den Abbé hochschätze und verehre . Sie rühmte es von ihm und auch von sich , daß die völlige Verschiedenheit ihrer religiösen Ueberzeugungen , daß die Ungleichheit ihres Alters und ihrer Lebensverhältnisse sie nicht gehindert habe , Freunde zu werden , weil sie beide selbstgewisse und ein Ziel verfolgende Charaktere seien ; und wenn die Herzogin ihr warnend zu überlegen gab , wie eine solche Freundschaft ihre Gefahren für beide Theile habe , so antwortete die Gräfin mit der Entschiedenheit , welche ihr angeboren und in den letzten Jahren unter der Leitung ihres neuen Freundes noch sehr gewachsen war : sie zweifle nicht , daß eine solche Erinnerung für die meisten Fälle sehr berechtigt wäre ; sie aber kenne den Abbé , und dieser kenne sie . Man möge sie gewähren lassen , wenn man sie nicht zwingen wolle , sich durch eine Uebersiedelung in ihre Heimath jeder lästigen Beeinflussung für immer zu entziehen und ihre Freunde , denn auch Herr von Arten sei ihr ein werther Freund geworden , in der ihr wünschenswerthen Unabhängigkeit und Freiheit in Haughton Castle zu empfangen . Je länger diese Verhältnisse bestanden , um so beunruhigender wurden sie für die Herzogin . Sie mußte sich sagen , daß ihre Nichte nur deshalb noch in ihrem Hause lebe , weil sie voraussehe , daß der Abbé sich nicht leicht entschließen würde , den Hof zu verlassen und auf die Vortheile zu verzichten , welche die stets wachsende Gunst des Königs ihn und durch ihn seine Kirche hoffen ließ . Wollte die Herzogin ihre alten Plane noch zur Ausführung bringen , so mußte sie jetzt mehr als jemals darauf denken , den Abbé selber zu ihrem Werkzeuge zu machen . Dieses zu ermöglichen , gab es aber nur noch Einen Weg , und sie beschloß , ihn einzuschlagen . Neuntes Capitel Das Leben am Hofe hatte seit der Rückkehr der Bourbonen eine völlige Umwandlung erlitten . Die körperliche Unbehülflichkeit des Königs und die mannigfachen Beschwerden , welche ihn im Winter heimzusuchen pflegten , hatten ihn einer spät dauernden Geselligkeit abhold und die großen Feste in seiner persönlichen Hofhaltung allmählich seltener gemacht . Wir sind eine Gesellschaft alt gewordener junger Leute , welche versäumte Freuden nachzuholen haben ! konnte man den König , wenn er sich leidlich wohl und in guter Stimmung befand , bisweilen gegen seine Zeitgenossen und Günstlinge äußern hören ; aber es schienen vorzüglich die Freuden der Tafel zu sein , welche der König damit meinte , und wer Gelegenheit hatte , ihn bei denselben zu beobachten , konnte sich versucht fühlen , seine Behauptung wahr zu finden , obschon es fast lauter Greise und Matronen waren , welche die Tafelrunde des alten Königs bildeten . Eines Abends , als man sich im kleinen Speisesaale von der Mahlzeit erhoben und sich in das angrenzende Gemach begeben hatte , in welchem man den Kaffee einzunehmen pflegte , schien der König , der eben in der letzten Zeit viel von der Gicht zu leiden gehabt hatte , sich schmerzensfrei zu fühlen und deßhalb besonders gut gestimmt zu sein . Die Lakaien , welche ihn in seinem Rollsessel aus dem Speisesaale an den Kamin des Nebenzimmers gefahren hatten , waren zurückgetreten und die dienstthuenden Kammerherren hielten sich in seiner Nähe , um diejenigen Personen , denen der König die Gnade seiner Unterhaltung angedeihen lassen wollte , sofort herbeizurufen . Schon hatte der König Diesen und Jenen zu sich entboten , und noch immer stand die Herzogin , der Anstrengung solches Dienstes von frühe her gewohnt , fest und aufrecht da , als ob die Last der Jahre sie nicht beugen , als ob keine körperliche Schwäche sie anfechten könne , wenn die Gnadensonne der Majestät sie anstrahle und erwärme . Sie kannte die Weise des Königs , sich zuerst diejenigen Personen vorführen zu lassen , welche er mit wenig Worten abzufertigen gedachte , um sich dann in behaglichem Geplauder mit den bevorzugteren Gästen und mit seinen Günstlingen zu ergehen . Einen nach dem Andern sah die Herzogin vortreten und entlassen , ohne daß ihr feines Lächeln von ihren schmalen Lippen wich , ohne daß ihre welke Hand den Fächer auch nur in einem Augenblicke lebhafter bewegte , als die schöne Form es erheischte , oder ihre Haltung ermüdeter geworden wäre . Endlich ertheilte der König selber mit einer auffordernden Frage ihr die Erlaubniß , sich ihm zu nahen , und auf ein leises Zeichen schob der dienstthuende Edelmann ihr das Tabouret herbei , das am Hofe der Bourbonen zu allen Zeiten der Ehrgeiz und das Vorrecht der Herzoginnen gewesen war . Würdevoll , wie es ihrem Range , wie es ihrem Alter ziemte , und doch mit einer Leichtigkeit , welche es kund gab , daß es hier nicht auf ein langes Verweilen abgesehen sei , hatte die Herzogin das ihr zustehende Tabouret eingenommen . Der König fragte gnädig nach ihrem Ergehen , aber noch ehe sie ihm darauf die Antwort geben können , nannte er jene Frage selber eine müßige . Man braucht Sie nur zu sehen , sagte er , um sich zu überzeugen , wie sehr Sie Sich getreu geblieben sind . Immer noch unwiderstehlich in Ihrer Liebenswürdigkeit , wissen Sie der Zeit zu widerstehen , wie Sie einst den Huldigungen der Männer widerstanden haben . Die Unwiderstehlichkeit ist erblich unter den Frauen Ihres Hauses , das thut uns Ihre schöne Nichte dar . Die Herzogin nahm die Gnade des Königs , wie es sich gebührte , auf , und sie war selbst zu sehr eine Künstlerin in der Unterhaltung , um nicht wirklich eine Freude an der epigrammatischen Form zu haben , in welcher der König sich ausgedrückt hatte . Aber während sie sich in warmen Dankesbezeigungen erging , vergaß sie es nicht , seufzend hinzuzufügen , daß es Familien-Eigenthümlichkeiten gebe , die man nicht wünschen dürfe , fortgeerbt zu sehen . Ich hoffe , daß Sie zu diesen Gaben nicht die Schönheit , nicht die ewig jugendliche Anmuth des Geistes zählen , warnte sie der König . Bedenken Sie , daß es nicht süßer ist , die Schönheit zu besiegen , als sich von ihrer Macht besiegt zu fühlen ! Wie schön ! rief die Herzogin , indem sie beistimmend ihr Haupt neigte . Man muß , wie Eure Majestät , die klassische Bildung mit französischem Geiste einen , um diese Wendungen zu finden ! Aber , fügte sie seufzend hinzu , wenn Schönheit ohne Gnade ist , so hört sie auf , ein Gegenstand der Liebe , der Verehrung zu sein , und sie wird furchtbar ! Oh , rief der König , den diese Weise der Unterhaltung , wie sie in den Tagen seiner Jugend Mode gewesen war , immer noch erheiterte , weil er sich in ihr jung erschien und sich seiner mannigfachen geselligen Vorzüge angenehm bewußt ward , eine solche Schönheit ohne Gnade würde auch vor unseren Augen keine Gnade finden ! Aber ich fürchte , es ist mehr als ein allgemeiner Satz , den Sie hier ausgesprochen haben , und ich errathe , wer die schöne Unerbittliche ist , an die Sie dabei dachten . Niemand als der König konnte die Antwort der Herzogin vernehmen , Niemand hörte , was er ihr entgegnete ; aber Aller Augen waren auf sie gerichtet , denn die Unterredung währte noch eine Weile fort , und keinem von allen seinen Gästen hatte der König ein so langes Zwiegespräch gegönnt . Wovon konnten sie sprechen ? Weßhalb lächelte der König so anmuthig ? Woher glänzten die Augen der Herzogin in einem Feuer , das ihrer Jahre spottete , als sie sich endlich von ihrem Sitze erhob und dem Könige mit tiefer Verbeugung , welche kunstreich zu machen Niemand besser als sie verstand , ihren heißen Dank aussprach ? - Der König ließ sich langsam durch den Saal fahren , um jedem der Anwesenden , die jetzt , wie es sich gebührte , wieder im Kreise umherstanden , ein Wort zu sagen . Als die Reihe an die Herzogin kam , lächelte er wieder eben so freundlich , als vorhin , und so laut , daß es Keinem entgehen konnte , sprach er : Verlassen Sie Sich auf mich ! Ich mache Ihre Sache zu der meinigen ; verlassen Sie Sich auf mich ! Dann trat der Ober-Ceremonien-Meister vor , der König winkte den Anwesenden mit einer Neigung des Hauptes und der Hand seinen Abschiedsgruß zu , und langsam den Rollsessel fortbewegend , fuhren die Kammerdiener den Monarchen durch die lange Reihe der Gemächer nach seinen Wohnzimmern , während die besondere Gnade , deren die Herzogin genoß , und die geheimnißvollen Worte , welche er ihr zugerufen hatte und die auf ein völliges Einverständniß schließen ließen , die Hofleute sammt und sonders in Aufregung und Verwirrung setzten . Die wundersamsten Vermuthungen wurden ausgesprochen und fanden Glauben . Daß die Herzogin durch die Gnade des Königs , ohne all ihr Zuthun , wieder in den Besitz von Vaudricourt gekommen war , und daß der König ihr zugesagt hatte , sobald er im Stande sein werde , die Reise durch die Provinzen anzutreten , in Vaudricourt bei ihr zu rasten , das hatte schon lange festgestanden ; aber man hatte kein sonderliches Gewicht darauf gelegt , da man wußte , daß der König zwar von Reisen sprach , daß er aber ihre Unbequemlichkeit scheute . Was also hatte er ihr verheißen ? Was hatte sie begehren können ? Was konnte ihr so sehr am Herzen liegen , daß sie Seine Majestät damit zu behelligen wagte ? Persönlicher Ehrgeiz konnte die hochbetagte Frau nicht antreiben , dem Könige beschwerlich zu fallen ; wo jedoch Viele sich zu gleichem Zwecke vereinen , braucht man an dem Erfolge nicht zu verzweifeln , und noch hatten die letzten Gäste des Königs das Schloß der Tuilerieen nicht verlassen , als der dienstthuende Kammerherr sich erinnerte , wie Seine Majestät zu Anfang jener Unterredung von einer unbesieglichen Schönheit gesprochen habe ; und man kannte den unternehmenden Geist der Herzogin genugsam , um ihr ein Wagniß zuzutrauen , wenn sie nur durch ein solches an ihr Ziel gelangen konnte . Von Mund zu Mund sprach sich die Ueberzeugung aus , daß der König es der Herzogin zugesagt habe , den Freiwerber des Prinzen Polydor bei der Gräfin Haughton zu machen , und als an einem der folgenden Tage der König einen jener Tagbälle ansagen ließ , welche unter seiner Herrschaft am Hofe bisweilen abgehalten wurden , brachte man denselben mit dem Ereignisse in Verbindung , das den ganzen Hof beschäftigte und von dem man selbst in den stillen Sälen des erzbischöflichen Palastes reden hören konnte . Es war gegen den Abend hin , als der Abbé im Vorsaale des Erzbischofs auf den Augenblick wartete , in welchem er den Zutritt zu demselben erhalten konnte . Ein eigenes Handbillet des Kirchenfürsten hatte ihn aufgefordert , sich bei ihm einzustellen , und ruhig , wie seine ganze Haltung es immer war , saß der Abbé an einem der hohen Fenster und las bei dem letzten Scheine des Tages in seinem Brevier . Eine Viertelstunde mochte so hingegangen sein , als ein Ordensgeistlicher das Empfangszimmer Seiner Eminenz verließ und der Kammerdiener dem Abbé die Kunde brachte , daß er jetzt erwartet werde . Es ist lange her , Herr Abbé , redete der Erzbischof ihn an , daß ich Sie nicht bei mir gesehen habe , und ich hatte Ihren Besuch seit einiger Zeit erwartet , weil ich eine Nachricht von Ihnen zu erhalten hoffte , an welcher man nicht allein von unserer Seite Theil nimmt . Sie haben , ich weiß es , gestern wieder die Gnade genossen , von Seiner Majestät im Besonderen empfangen zu werden . Wovon hat Seine Majestät zu Ihnen gesprochen ? Der Erzbischof war schon ein Mann bei Jahren . Das Licht einer von der Decke herabhängenden doppelarmigen Lampe beleuchtete seine hohe Stirn und ließ jeden seiner feinen und scharfen Züge erkennen , wie er in seinem hochlehnigen Sessel fest und aufrecht da saß , während seine Hand , an welcher der Fischerring erglänzte , auf der breiten Seitenlehne ruhte . Auf dem Tische vor ihm lagen Briefschaften , Papiere , Akten , Druckschriften und Bücher aller Art , theils in Päcken sorgfältig gesondert , theils zur Unterzeichnung vorgelegt und ausgebreitet . Es war ein edler Raum , einfach und doch fürstlich ausgestattet . Der Abbé war in demselben wohl zu Hause . Als sein Auge über den Schreibtisch des Erzbischofs hinglitt , entdeckte sein sicherer Blick trotz dieser Schnelle auf einem der Briefe , die zur Rechten des Erzbischofs lagen , eine schöne , freie weibliche Handschrift , die ihm sehr genau bekannt war und die hier zu sehen ihn , wie gut er sich auch zu beherrschen gelernt hatte , doch erschreckte . Da Eurer Eminenz nicht daran gelegen sein kann , hob er , sich schnell fassend , an , von mir Auskunft über die philologischen Fragen zu erhalten , mit denen Seine Majestät sich zu beschäftigen geruhten , so darf ich wohl ohne Weiteres berichten , daß Seine Majestät sich über dieselbe Angelegenheit geäußert haben , die mir , wie ich vermuthe , die Ehre zugewendet hat , heute von Eurer Eminenz hierher beschieden und empfangen zu werden . Sie haben das Richtige gefunden , Herr Abbé , sprach der Erzbischof mit einer kaum merklichen Neigung seines Hauptes . Dann wies er den Abbé an , sich zu setzen , und sagte : Es sind jetzt drei Jahre her , daß die Frau Herzogin von Duras gegen mich das natürliche und fromme Verlangen äußerte , ihre Nichte , die einzige ihr lebende Blutsverwandte , zu unserer Kirche zurückgeführt zu sehen ; und wenn ihr auch der Vorwurf nicht zu ersparen war , daß sie ihrer Zeit sehr übel daran gethan hatte , die Verbindung ihres verstorbenen Bruders mit einer Nichtkatholikin zu betreiben , so war ich es doch wohl zufrieden , als sie das fromme Werk in Ihre Hand gelegt zu wissen begehrte , zu dem wir selber uns des Besten versehen zu können meinten . Woran liegt es , daß die Gräfin Haughton sich noch immer den ihr zugedachten Segnungen entzieht ? Der Abbé schwieg einen Augenblick , dann sagte er : Die Frage , welche Eure Eminenz mir vorlegen , und die Art , in welcher Sie mir dieselbe vorlegen , beweist mir , daß Sie nicht an meinem Eifer zweifeln , und macht es mir möglich , mich einfach zu erkären . Wie die Frau Herzogin durch ihre Neigung , Ehen zu stiften , einst den Marquis von Lauzun zu der Ehe mit einer Protestantin hintrieb , so hindert ihr Verlangen , die Gräfin Haughton mit dem Prinzen von Chimay zu vermählen , den Uebertritt derselben . Hätte die Frau Herzogin die Klugheit und die Mäßigung besessen , ihrer Nichte die Plane , welche sie hegte , zu verbergen , so würde sicherlich schon lange geschehen sein , was wir wünschen und für das Seelenheil der Gräfin hoffen müssen . Der Erzbischof ließ die Antwort gelten . Sie wissen , daß Seine Majestät sich für die gedachte Heirath ausgesprochen hat ? sagte er . Seine Majestät haben , wie ich vorhin die Ehre hatte Eurer Eminenz zu sagen , die Gnade gehabt , sich auch gegen mich dahin zu äußern . Was haben Sie darauf geantwortet ? Der Abbé richtete sich hoch auf , und mit einem Tone , dessen Festigkeit sehr gegen die Unterordnung abstach , die er bis dahin gegen seinen Vorgesetzten kund gegeben hatte , sprach er : Ich habe geantwortet , was meine Pflicht und mein Gewissen mir geboten . Ich habe geantwortet , daß ich die Bekehrung der hochbegabten jungen Gräfin als eine mir von Gott zugewiesene heilige Aufgabe betrachte , daß ich mit allen meinen Kräften danach strebe , ihrem Auge das Licht der Wahrheit , ihrer Seele die Gnade zuzuführen , aber daß ich meine Hand nicht dazu bieten könne , die Gräfin in ein Eheband zu verstricken , das durch die Nähe ihrer Blutsverwandtschaft mit dem Prinzen ein verbotenes , das in den Augen unserer Kirche ein Incest ist . Es entstand eine Pause ; der Erzbischof befand sich in einer