» Ich habe keine bestimmte Idee , « sagte er , » daß dies so kommen könnte , aber wie die Verhältnisse nun einmal liegen , sollst du als Verliebter die Sache nicht so leicht nehmen , sondern alle Schrauben anziehen , um baldigst zu einem Ziele zu gelangen . - Mich hat , « fuhr der Major nach einer Pause fort , während der Graf Fohrbach nachdenkend zum Fenster hinausgeblickt , » die Wette , welche dir der Herzog neulich proponirt , verletzt , ja erschreckt . Mach ' mir keine Einreden in Betreff Eugeniens . Ich kenne die große und auch feste Seele dieses Mädchens ; aber sie steht auf glattem Boden . Ja , ich sage es offen , nur ein Narr proponirt dergleichen Wetten ohne irgend welche Aussicht auf Erfolg . Und ein Narr ist der Herzog gerade nicht . « » Nun , diese Aussichten sind gering , « versetzte nach einem tiefen Athemzuge lächelnd der Graf . » Da lies dies Billet ; ich erhielt es gestern von Eugenien . « Der Major nahm das dargereichte zierliche Briefchen , entfaltete es und las : » Wie leid thut es mir , daß ich deinen Wunsch so ohne alle Schwierigkeiten erfüllen kann ! Ich bin für den Maskenball zu einer der Ecuyèren Ihrer Majestät ernannt , und da ich mit den beiden andern Damen Achselbänder in einer der Farben des angenommenen Wappens tragen soll , weiß , grün und Gold , so ward es mir leicht , die erste Farbe für mich zu wählen . O , wie sie mir lieb ist , da ich weiß , daß du sie gerne siehst ! « - » Ja , das ist recht schön und es freut mich , « sprach der Major , nachdem er gelesen . » Und das ist noch nicht Alles , « entgegnete der Graf , indem er sich dem Freunde näherte und die Stimme dämpfte , als fürchte er unsichtbare Ohren in dem leeren Zimmer . » Eugenie will mit der Frau Herzogin sprechen , und , im Falle diese uns gnädig gesinnt ist , ebenfalls an ihrem Hute eine weiße Schleife tragen . « » Nun , Gott gebe seinen Segen dazu , « sagte der Major . Dann zog er seine Uhr hervor und fuhr fort : » Nimm mir nicht übel , Eugen , ich habe einen Fremden anzumelden . Wenn du noch ein bischen verziehen willst , so setz ' dich nieder und nimm ein Buch , es dauert nicht lange . « Der Graf hatte sein Billet sorgfältig wieder eingesteckt und erwiderte lachend : » Ich danke dir herzlich ; nur die Lust , mit dir ein paar Worte zu sprechen , hielt mich hier zurück . Ohnedies habe ich ja morgen wieder die Ehre , ein Sklave dieser Räume zu sein . Deßhalb will ich mich heute meiner Freiheit freuen . Leb ' wohl ! « » Heute Abend sehen wir dich ? « fragte der Major . » Natürlich , deine Frage veranlaßt mich , das Schloß schleunigst , zu verlassen . Gott der Gerechte ! Man könnte mich am Ende wieder zu einer Whistpartie da behalten wollen ! « Mit diesen Worten ging er fort , der Major blieb allein zurück , nahm eine sehr wichtige Miene an , rückte Schärpe und Säbelkuppel zurecht , und erwartete auf-und abschreitend die lispelnde Meldung des Kammerdieners . Als der Graf das Schloß verlassen hatte und über den Hof dahin schritt , ging er sehr langsam und schaute lange rückwärts zu einem Fenster hinauf , an welchem sich Blumen befanden . Dort war leider heute nichts sichtbar als eben nur diese , und das hartnäckige Hinaufschauen hätte den Grafen beinahe in Schaden gebracht , denn da er nicht auf seinen Weg blickte , gerieth er fast zwischen die Pferde einer Equipage , die ziemlich rasch um die Ecke des Schlosses herumkam . Erst auf das Hoje ! des Kutschers prallte er auf die Seite , und erblickte das Coupé des Polizeipräsidenten , der ihm lächelnd mit dem Finger drohte und zurief : » Welches Unglück , Graf Fohrbach , wenn ich Sie überfahren hätte ! « » Ein Unglück für uns Beide , « erwiderte lustig der Graf , » denn wie hätten das Euer Excellenz , verantwortlich für die Sicherheit der Einwohner , rechtfertigen können ! « Damit ging er seiner Wege , und der kleine Wagen des Andern beschrieb einen Bogen auf dem weichen Sande des hintern Schloßhofes und hielt vor der Thüre des General-Adjutanten Baron v. W. Da nun wir , geneigter Leser , Flaneurs vergleichbar sind , die sich nur da aufhalten und beobachten , wo sie etwas Interessantes zu entdecken glauben , und es so unsere Art ist , Diesen zu verlassen und Jenem nachzugehen , so wollen wir den Grafen Fohrbach ruhig seiner Wohnung zuschreiten lassen und der Equipage Seiner Excellenz folgen . Der Polizeipräsident schien in dem Hause , in welches er eintrat , erwartet worden zu sein . Ein alter Bedienter in einer maulbeerfarbenen Livrée öffnete nach einer tiefen Verbeugung den Schlag , und zog dann eine Glocke , die im ersten Stock klingelte , sobald der Präsident die Treppen hinanstieg . Oben öffnete ihm ein schwarzgekleideter Kammerdiener die Glasthüre und führte ihn durch mehrere Zimmer in das Kabinet des Generals , rollte einen Fauteuil vor das lodernde Kaminfeuer und bat ihn , einige Sekunden zu verziehen , indem Seine Excellenz gleich erscheinen würde . Der Präsident ließ sich nieder , rieb sich die Hände vor dem Feuer , befühlte darauf tastend seine Nase und blickte schmunzelnd in die lodernden Flammen . Alle Kammern seines Gehirns waren mit Räubern und Mördern angefüllt , und sein Geist beschäftigte sich seit mehreren Tagen nur noch mit dem uns bekannten Einbruch , den er hin und her beleuchtete , um Fäden zu finden , durch deren Hilfe er in allerlei schauerliche Schlupfwinkel dringen könne und mit denen er die gefürchtete Räuberbande , die also doch wirklich existirte , zu umgarnen hoffte . Während dieser Betrachtungen blickte Seine Excellenz zuweilen an der linken Seite seines Frackes herunter , wo sich noch eine leere Fläche befand , wogegen das Knopfloch mit mehreren buntfarbigen Bändchen besetzt war . » Man wird so große Dienste zu belohnen wissen , « dachte er bei sich , » und ich werde nach dieser glorreichen Geschichte nicht länger des Sterns zu entbehren haben , der mir schon lange gehört . « In diesem Augenblicke erschien der alte General , und beeilte sich so viel als möglich , den Polizei-Präsidenten auf seinem Fauteuil festzuhalten , denn dieser schickte sich an , mit einem Anfluge von Respektsgefühl in die Höhe zu fahren . - » Aber , alter Freund , welche Geschichten ! « rief kopfschüttelnd die militärische Excellenz . » Sitzenbleiben . -Parbleu ! Gerade thun , als wenn man zu Hause wäre . Alle Hagel ! Wenn man sich auch nicht so viel sieht , so bleiben doch die freundschaftlichen Gefühle zwischen uns dieselben , he ! « Was nun die Bemerkung des Generals , daß sie sich selten sehen , anbelangte , so hatte der letztere vollkommen Recht , war aber selbst die Ursache , daß er sich mit seinem früher sehr intimen Freunde , damaligen geheimen Rathe , jetzt Polizei-Präsidenten , etwas brouillirt hatte . Er hatte ihm auch einstens eine seiner kleinen Bosheiten zugefügt , sich eine giftige , aber sehr komische Bemerkung bei Hofe über ihn erlaubt , freilich dadurch die Lacher auf seine Seite gebracht , aber den Freund von sich zurückgestoßen . Das war nun allerdings nach und nach wieder so weit verglichen worden , daß sich Beide in Gesellschaften freundlich begegneten , auch wohl einen Rubber zusammen spielten , aber eine eigentliche Vertraulichkeit hatte nie mehr stattgefunden . Deßhalb wunderte sich denn auch der Polizei-Präsident , als er am heutigen Morgen ein höchst amicables Billet des Generals erhielt , mit : » Mein lieber Freund ! « anfangend und mit : » stets Ihr Getreuester ! « schließend , worin derselbe um den Besuch des Polizei-Präsidenten bat , weil ihn leider ein Unwohlsein verhindere , selbst auszugehen . Nach dem Aussehen des Generals war Letzteres sehr glaubwürdig ; seine Wangen waren , wenn möglich , noch eingefallener als sonst , sein Gang gebückter , und nachdem er dem Präsidenten beide Hände geschüttelt , ließ er sich wie erschöpft auf einem gegenüberstehenden Fauteuil nieder . » Ma foi ! « sagte er , » man wird alt ; doch Sie scheinen nichts davon zu spüren , sehen in der That vortrefflich aus , wie vor zwanzig Jahren , als ich ebenfalls noch im Dienste war . Vraiment , Präsident , die Ruhe ist ein Unglück . Sie bleiben geschmeidig wie polirt , während ich einroste . Enfin , was will man machen ? Das ist der Lauf der Welt . « » Euer Excellenz sollten nicht so sprechen , « erwiderte der Andere seufzend . » Ich will über meine Gesundheit nicht klagen , aber das kann ich Sie versichern : Mein gutes Aussehen ist eigentlich nur Echauffement , Erregtheit . Glauben Sie mir , dieses beständige Arbeiten , die Last , die auf mir liegt , drückt mich langsam zu Boden . Ich kann kaum aufathmen . Jetzt ruft man rechts , jetzt ruft man links . Nein , nein , Sie führen ein glücklicheres Leben , beschäftigen sich nur mit angenehmen Erinnerungen , promeniren , reiten , kurz Sie thun , was Ihnen beliebt . « » Was an Ihrer Behauptung Wahres ist , mon cher , das wollen wir sehen . Ich habe mir nämlich vorgenommen , Ihnen einige Konfidenzen zu machen . « » Dem alten Freunde ! « erwiderte der Präsident halb gerührt , wobei er seine Nase tief herab zog und aufwärts blinzelte . » Dem alten Freunde - ja ! « sagte der General , und fuhr dann mit sehr scharfem Tone fort : » Eigentlich mehr noch dem Polizei-Präsidenten . « Der Andere ließ erstaunt seine Nase los , welche sich frei fühlend , augenblicklich in die Höhe schnellte . Seine Augen drückten großes Erstaunen aus , weßhalb der General hinzusetzte : » Comprenez , mon enfant , dem Polizei-Präsidenten - par ce qu ' il est mon ami . « Hierauf hüstelte er in sich hinein , polirte dann den Deckel seiner goldenen Schnupftabaksdose und bot seinem Gegenüber ein Prise an . Doch bedankte sich der Präsident , denn er hatte einen wahren Abscheu vor dem Schnupfen , ja , seine Nasenflügel zitterten scheinbar entrüstet ob dieser Zumuthung . Dagegen aber schnupfte der General für Zwei , und nachdem er sich den Tabak aus dem dünnen Schnurrbart gewischt , Cravatte und Morgenrock gesäubert , sagte er : » Eh bien , ich bin ein alter Soldat und gehe gerade darauf los . Nur bitte ich , mon cher , daß Sie mir einige Aufmerksamkeit schenken mögen . - Sie wissen , es gibt in jeder Familie einen Haken , den man nicht gern anschaut , an dem man sich stoßt , den man nicht wegbringen kann , und der unsern guten lieben Nebenmenschen Veranlassung gibt , alles Böse daran aufzuhängen . « Der Präsident nickte schweigend mit dem Kopfe . » Meistens , « fuhr die alte Excellenz fort , » sind es Anverwandte , die einem Kummer bereiten , oder gottlose Kinder , falsche Freunde , Ungnaden von ober herunter , aber alles das habe ich nicht . Ueberhaupt kann ich in meiner Carrière von Unglück nicht sprechen , j ' ai fait rapidement mon chemin , mein Vermögen ließ mich alles mitmachen , ich lebte glücklich und zufrieden , bis mich der Teufel plagte und ich eine Frau nahm . « » Oh ! « machte der Präsident . » Sie spassen , General . « » Soll mich - wenn ich spasse ! D ' honneur ! Es ist das mein blutiger Ernst . Sehen Sie , Präsident , damals hätten wir Beide nicht so weit von einander stehen sollen . Ich weiß , daß Sie es immer gut mit mir meinten ; Sie wären aufrichtig gewesen und hätten mir gesagt : Mon vieux , crois-mois , laß das Heirathen bleiben . Nun , man hat mir wohl dergleichen unter die Nase gerieben , aber Mademoiselle war sehr schön , ich ein verblendeter alter Narr - enfin ! Darüber läßt sich nichts mehr sagen , ich habe meinen Willen durchgesetzt , voilà tout . « Der Präsident wußte nicht , was er bei dieser Erklärung für eine Miene machen sollte . Er fühlte wohl , daß der General in manchen Dingen Recht habe , aber wenn Jemand sich selbst Grobheiten sagt , so kann man ihm doch unmöglich darin beistehen . Der Chef der Polizei fühlte ein Jucken oben an seiner Nase , und um diesen Kitzel zu befriedigen , senkte er sie tief herab , - das Beste , was er thun konnte , denn dies gab ihm ein Aussehen von Nachdenken , von gerührter Theilnahme , weßhalb ihm denn auch der General die Hand auf den Arm legte und fortfuhr : » Lassen Sie sich das gar nicht anfechten , theuerster Freund . Wie gesagt : Wir sind darüber hinaus . Nichts von Leidenschaften , nichts von Klagen , nur eine ruhige Besprechung . « » So sei es , « entgegnete der Präsident , und dabei streckte er dem General mit einer ziemlich wehmüthigen Geberde seine Hand entgegen . » Also eine Besprechung . « » Zum Freunde , aber auch zum Chef der Polizei . « » Beide hören . « » Sie kennen meine Frau , - eine schöne Frau , vraiment , die Welt sagt auch , eine geistreiche , liebenswürdige , charmante Frau , kurz , die Welt , die sonst gern Böses spricht , macht mit meiner Gemahlin eine seltene Ausnahme . « » Und diesmal , glaube ich , hat die Welt Recht , « wagte der Präsident zu sagen . Ein bitteres Lächeln flog über die Züge des Generals ; nichtsdestoweniger aber fuhr er ruhig fort : » Da aber von eben dieser bösen Welt eine Familie , ein Haus nie ungerupft davon kommt , so ist auch in dem meinigen ein böses Prinzip , ein finsterer Geist , Schatten neben Licht - und dieser Schatten bin ich . « » Wie kann man nur so etwas denken ! « sprach scheinbar entrüstet der Präsident , und knipste dann seine Nase , so daß sich dieselbe wie erschrocken abwandte . » Nur nicht dergleichen Grillen , lieber Freund ! Die Welt kennt Sie , achtet und liebt Sie . « » Amen ! « sagte hämisch der General . » Das ist mir auch von der Welt sehr gleichgiltig . Doch gehen wir weiter . Meine Frau also , dieser Engel der Sanftmuth , Aufrichtigkeit , Ehrbarkeit und was man Alles will , hat mir von jeher Veranlassung zu - nun , wie soll ich sagen ? - zu Mißtrauen gegeben . Anfänglich kämpfte ich es nieder : Ich schämte mich vor mir selber . Was mir Alles verdächtig erschien , kann ich nicht sagen - ein Blick , ein Wort , ein Brief , eine seltsame Bekanntschaft , Vieles war vielleicht folie et pure imagination de ma part , mais - mir ward immer klarer , in dem Leben meiner Frau sei etwas Ungehöriges , sie sei sich einer Schuld gegen mich bewußt , sie habe mir etwas zu verbergen . « » Aber lieber Freund , « entgegnete der Polizei-Präsident mit sanfter Stimme , » nehmen Sie mir nicht übel : Da ist freilich viel Phantasie im Spiel . Das Leben der Baronin hier in diesem Hause liegt so klar und offen da , ihr ganzes Betragen ist durchsichtig wie Kristall . Alle Wetter ! « fuhr er mit einem scheinbaren Anfluge von Humor fort , » wir von der Polizei wissen mehr , als man glaubt . Wir sehen in viele Intriguen hinein . Uns sollte ein Ehemann fragen , wenn er seiner Frau mißtraut . « » In diesem Fall , « erwiderte spöttisch der General , » würde er viel erfahren ! Wir sind ja unter uns , mon cher . Gehen Sie mir mit der Allwissenheit Ihrer Polizei . Ihr seht nur das , was auf der Oberfläche schwimmt ; tief hinein wagt ihr eure Nase nicht zu stecken . - Au nom de Dieu , je vous prie , was Sie vom jetzigen Leben meiner Frau sagen , mag sehr wahr sein , aber ich denke ja an die Vergangenheit ! Von da her zieht sich durch ihr Wesen ein finsterer Ton , ein schwarzer Faden , den sie nicht abbrechen kann , den sie beständig mit Geist und Liebenswürdigkeit zuzudecken sucht , dem ich aber auf die Spur gekommen bin . « » Sie erschrecken mich . « » Ich habe meine Frau eigentlich nie daran gehindert , auszugehen , auszufahren , kurz , zu thun , was ihr beliebt . Wohl ist es wahr , daß ich ein auffallendes Umhertreiben nie leiden konnte , und mich deßhalb zuweilen veranlaßt sah , der beständigen Lust meiner Frau , Besuche zu machen , einen Zügel anzulegen . Ich gestehe es , ich bestand zuweilen , namentlich nach kleinen Scenen unter uns , darauf , daß sie das Haus nicht verlasse , und daß sie gerade dann oft ausfuhr , machte mich aufmerksam . Je l ' épiais . « » Das war sehr gefährlich , bester General . « » So besuchte sie eines Tags eins unserer großen Magazine , ließ ihren Wagen draußen halten , ging zur vorderen Thüre hinein , zur hinteren aber wieder hinaus , so daß meine Leute glauben mußten , sie sei stundenlang mit ihren Einkäufen beschäftigt . « » Und das war sie nicht ? « » Que Diable ! Sie hören ja , daß sie den Laden verließ . Sie bediente sich eines Fiakers und fuhr in eine kleine Straße . Sie stieg an einem unscheinbaren Hause ab , ging in den ersten Stock und sah dort - « » O General ! « » Sah dort - einen Knaben von circa sechs Jahren , mit dem sie sich auf ' s Zärtlichste unterhielt . « » Einen Knaben ! « - » Einen Knaben , den sie in ihre Arme preßte , dessen Gesicht sie mit Küssen und Thränen bedeckte , den sie mit der Liebe einer Mutter an sich drückte . « » Mit der Liebe einer Mutter ? « » So ist es Präsident . « » Teufel ! Teufel ! Aber , General , Sie erzählen mir da eine Geschichte , die mich ganz confus macht . - Ein Knabe ; - was soll es mit dem Knaben ? Wer ist der Knabe ? « » Es ist der schwarze Faden im Leben meiner Frau , von dem ich vorhin sprach , voilà l ' affaire ! Woher der Knabe mit seiner Wärterin so plötzlich erschienen , je l ' ignore complètement , sowie Sie , lieber Freund , der Chef der Polizei . Damals aber schon war ich im Begriff , mich an Sie zu wenden , ich wollte mich mit Ihrer Hilfe des Knaben bemächtigen . « » Das war auch der richtigste Weg , um etwas zu erfahren , « entgegnete der Präsident , der in diesem Augenblicke ganz Polizeimann war . » Aber die Andern dachten Aehnliches , « fuhr der General mit einem trockenen Lachen fort , » und plötzlich war Kind und Wärterin verschwunden . « » Sehen Sie , General , sehen Sie , « sprach ernst der Andere , indem er den Zeigefinger drohend erhob und ihn dann an die linke Seite seiner Nase drückte . » Hätten Sie Ihrer ersten Eingebung gefolgt und uns von der Sache benachrichtigt , so wäre uns Wärterin und Kind nicht entwischt . Ah ! wir hätten ein Wort mit ihr gesprochen ; man hält sich nicht so unbefugter Weise und ohne Erlaubniß in hiesiger Residenz auf ; ich muß mir das ausbitten , ich , der Chef der Polizei . « Ein leichtes Lächeln überflog bei diesen Worten das vertrocknete Gesicht des alten Generals . » Die Sache läßt sich wieder gut machen , « meinte er nach einer kleinen Pause . » Wir haben die Spur des Knaben wieder gefunden . « » Das ist mir sehr lieb , « sagte aufathmend der Präsident . » Es ist ja für mich komplett unheimlich , von dergleichen Geschichten zu hören , die unbemerkt von der Polizei getrieben werden . - Nun also ? « » Offen gestanden , sie hatte den Knaben so gut versteckt , daß wir ihn nimmer gefunden hätten , wenn sich nicht glücklicherweise bei mir Jemand gemeldet hätte , der sich anheischig machte , mich für eine ziemliche Summe auf die Spur zu leiten . « » Und - « » Dieser Jemand , natürlicherweise ein mauvais sujet , ist im Hause . Ich habe ihn auf heute bestellt , er kam und steht zu Ihrer Verfügung . Sie sehen , bester Präsident , daß Ihr Gang zu mir sich vielleicht belohnen könnte . Man könnte dabei noch allerlei Anderem auf die Spur kommen . ! « » Und weiß dies Subjekt , daß es vor mir , dem Polizei-Präsidenten , zu erscheinen hat ? « » Man hat ihm begreiflicherweise nichts davon gesagt . Dieu nous en garde ! « » Schön , « sprach der Andere mit großer Wichtigkeit , wobei er seine Nase fest zwischen die Finger einklemmte . » Lassen Sie ihn erscheinen , bester General , ich werde auf den ersten Blick sehen , wen wir vor uns haben . - Apropos ! hat die Baronin von diesen Schritten Kenntniß ? Das heißt , verstehen Sie mich wohl , kann sie eine Ahnung davon haben , daß der Aufenthalt ihres - des Knaben , « verbesserte er sich , » abermals entdeckt ist ? « » Une belle affaire , ma foi ! « meinte der General , » da würden wir abermals das Nachsehen haben . Davon ahnt sie nichts . Vor kurzer Zeit noch aufgeregt , fast fieberhaft , ist sie jetzt ruhig und sicher geworden . Sie sieht sich ungestört im Besitz des geliebten Knaben . « Bei diesen letzten Worten preßte der General die Lippen aufeinander , dann öffnete er die Thüre des Nebenzimmers , und sagte dem Kammerdiener , welcher unter derselben erschien , einige Worte . Der Polizei-Präsident war aufgestanden , machte ein paar Gänge durch ' s Zimmer und dann stellte er sich so in die Vertiefung des Fensters , daß der dunkle Vorhang sein Gesicht beschattete . Jetzt öffnete sich die Thüre des Nebenzimmers wieder , und ein Mann trat herein , der , den Hut in der Hand , schüchtern und befangen auf der Schwelle stehen blieb . Es war eine schmächtige Gestalt , und wenn wir dem geneigten Leser zum Ueberflusse sagen , daß er einen schwarzen Frack trug , scheu und ängstlich um sich blickte , und eine Fassung dadurch erheuchelte , daß er seinen gelben Hemdkragen in die Höhe zog , so wird Niemand mehr im Zweifel sein , daß es Herr Sträuber ist , den wir vor uns haben . » Treten Sie näher , « sagte der General . » Ich ließ Sie zu mir bitten , um Ihnen zu sagen , daß ich die verlangte Summe bewilligen will , Sie aber dabei auffordere , mir Ihre Aussagen im Beisein eines meiner Freunde zu machen . - Wollen Sie ? « Herr Sträuber warf einen schnellen Blick auf das Fenster , an welchem der Präsident stand , doch deckte jetzt der Vorhang auch vollkommen die Gestalt desselben . » Warum nicht ! « sagte der Schuft nach einer kleinen Pause . » Doch was mir Eure Erlaucht , der Herr Graf , versprach : meinen Namen geheim zu halten , diese Bedingung wird der andere Herr wohl auch eingehen ? « » Natürlich , « versetzte der General . » So sprechen Sie . Sie wissen also , wo das bewußte Kind ist ? « » Ich weiß es . « » Begreiflicherweise verlangen Sie zuerst Ihr Geld und werden mir dann erst den Aufenthalt nennen . Ich finde das in Ihrer Stellung nicht mehr als billig , und habe darauf gerechnet . Hier zählen Sie diese Papiere durch . « Herr Sträuber wollte einige höfliche Einwendungen machen , doch warf der General verächtlich seinen Kopf empor und sagte in bestimmtem Tone : » Sie werden das Geld zählen und dann sprechen . « » Halt ! « mischte sich der Präsident aus seinem Versteck heraus in ' s Gespräch , » die Partie ist zu ungleich . Wenn Sie diesen - Herrn auch im Voraus bezahlen wollen , so wäre doch zu verlangen , daß er sich über die Glaubwürdigkeit seiner Angaben einigermaßen legitimirt . Den Teufel auch ! er könnte Ihnen da für ächtes Geld eine falsche Adresse geben . « Für Leute , wie Herr Sträuber , die mit einem schlechten Gewissen behaftet , begreiflicherweise in einer fortwährenden Angst leben , ist es immer unheimlich , eine Stimme zu hören , wenn man das dazu gehörige Gesicht nicht sehen kann . Umsonst versuchte er es , hinter den Vorhang zu schielen , er mußte sich endlich zu einer Antwort bequemen , da nun auch der General der Ansicht des Andern beitrat . » Und wie soll ich mich vor den Herren legitimiren ? « fragte zaghaft Herr Sträuber . » Auf die einfachste Art von der Welt . Wenn Sie wirklich dem Aufenthalt des Kindes nachgespürt haben , so beschäftigen Sie sich schon längere Zeit damit und werden also ersucht , uns zu sagen , wo das Kind in hiesiger Stadt sich früher befand , und wie es an seinen jetzigen Aufenthaltsort kam . « Herr Sträuber schluckte einige Mal und blickte verlegen zu Boden . Er drehte seinen abgerissenen Hut zwischen den Fingern , und wenn ihm auch die angebotene Summe recht hübsch vorkam , und bereits sehr erreichbar schien , so war ihm doch die auferlegte Verbindlichkeit nicht angenehm . Den jetzigen Aufenthalt des Knaben anzugeben , darin hätte er nichts Arges gesehen , namentlich keine Verrätherei , vor der er sich über alle Maßen scheute , aber wenn er von den früheren Vorfällen , jenen Knaben betreffend , sprach , so mußte er auch die Wohnung des seligen Schwemmer nennen , ja er mußte eine gewisse Person auftreten lassen , eine Person , bei der ihn ein tiefer Schauder überflog , wenn er nur an sie dachte . Herr Sträuber beschloß , klug zu Werk zu gehen , deßhalb erhob er seine Augen , blickte den General so treuherzig an , als ihm nur möglich war , und sagte : » Verzeihen mir Euer Erlaucht , Herr Graf , so war eigentlich die Bedingung nicht , unter welcher ich mich verpflichtete , aber da es dem andern Herrn wünschenswert erscheint , so stehe ich gern zu Befehl . Der Knabe , um den es sich handelt , wohnte in der E. ' schen Straße , im Haus Numero zehn bei einer gewissen Frau Fischer , die seine Wärterin war . « » Ist das nicht vielleicht seine Mutter ? « fragte scheinbar unbefangen der General . Herr Sträuber lächelte eigenthümlich , als er antwortete : » Darüber habe ich keine Gewißheit ; so viel ich erfuhr , war Frau Fischer die Wärterin . « » Weiter ! « » Die Angehörigen des Knaben , die ich übrigens nicht kenne , « fuhr Herr Sträuber fort , » fanden es nun mit einem Male angemessen , denselben verschwinden zu lassen . « » Aus welchem Grunde ? « fragte der General . » Euer Erlaucht , ich weiß das nicht . Die Wärterin blieb in dem Hause Numero zehn wohnen , der Knabe kam durch die Vermittlung einiger Personen , die ich nicht kenne , in eine Privat-Erziehungsanstalt hiesiger Stadt , wo er es , wie ich vermuthe , sehr gut hatte . « » Richtig , c ' est cela même , « sagte nachdenkend der General . » Und aus dieser Privaterziehungsanstalt verschwand clandestinement das Kind eines Tags auf geheimnißvolle Weise , wie Sie mir selbst sagten . « » Wo war diese Privaterziehungsanstalt ? « fragte der Polizei-Präsident . Herr Sträuber hustete verlegen , zupfte an seinen Vatermördern und entgegnete nach einem kleinen Stillschweigen : » Die gnädigen Herren werden mir vielleicht den Namen dieser Anstalt erlassen ; dieselbe war auf gegenseitige Verschwiegenheit gegründet , auch kann der Name hier nichts zur Sache thun , da der Eigenthümer dieser an sich vortrefflichen Anstalt vor kurzer Zeit starb , tief betrauert von seinen Pfleglingen . « Bei diesen Worten trat der Polizei-Präsident rasch aus der Fensternische hervor , und als er sich dem Herrn Sträuber genähert , ihm fest in das Gesicht gesehen , schien diesen alle Geistesgegenwart zu verlassen , seine Kniee knickten zusammen , und seine ohnedies ungesunde Gesichtsfarbe wurde fahl und bleich . Er hatte augenblicklich den Chef der Polizei erkannt , und ihn überschlich plötzlich die Idee , er selbst stehe hier an einem sonderbaren Lebensabschnitte . Der Präsident wechselte einen Blick mit dem General , dann , wandte er sich an den so auffallend Erschreckten und sagte mit ruhiger , aber sehr ernster Stimme : » Der würdige , vor kurzer Zeit verstorbene Vorsteher jener Privaterziehungsanstalt hieß Schwemmer und war « - das Folgende sprach er zum General - » einer der abgefeimtesten Spitzbuben , die je in hiesiger Stadt gelebt . Dabei schlau wie der Teufel , wußte er beständig durchzuschlüpfen , und gewährte nie eine Handhabe , woran man ihn