, lassen Sie mich hier zurück . Ich war seine Braut vor Gott und vor Ihnen , er darf nicht verlassen sterben . Die Pflege ist spät , aber den letzten Dienst kann ich ihm erzeigen . Lassen Sie mich ihm die Augen zudrücken . « Da richtete sich das verwilderte Mädchen etwas auf und starrte die Hinzugekommenen an . Der Traum der Wahrheit schien durch ihre brechenden Augen zu dämmern . Die Gräfin Voß war an die Königin , die zweifelnd dastand , getreten und flüsterte ihr zu : » Wenn Ihro Majestät das zugeben , ist es absolut unmöglich , daß die Demoiselle ferner , in welcher Stellung es sei , in Dero Nähe verweilt . Ja , wenn sie nur getraut wären - « In dem nächsten Augenblick geschah vieles . Der alte Geistliche hatte sich über den Sterbenden gebeugt : » Er athmet noch . « - Das Mädchen zu seinen Füßen rief wie in wahnsinniger Freude : » Louis schlägt die Augen auf . « Der Sonnenschein hatte eine rothe Scheibe getroffen , und ein rosiger Schein breitete sich über die eng zusammengedrängte Gruppe aus . Der Todte lebte noch , er schien zu lächeln , er erkannte die Gegenstände . Die Königin aber hatte im nächsten Augenblicke mit dem Prediger heimlich gesprochen . » Ich übernehme alle Verantwortung . « Der Geistliche erwiderte : » Auf die wage ich es selbst vor dem höchsten Richter , wo ich bald mit ihm erscheine . Aber hat er die Besinnung - und die junge Dame ? « - » Sie wird ihr Ja deutlich sprechen , « hatte die Königin geantwortet und flüsterte Adelheid etwas ins Ohr : » Bleib ' knieen , mein Kind ! « Da wollte es der Zufall , während der Pfarrer in Kürze die liturgischen Formeln der Trauung sprach , daß ein Knabe des Küsters auf der Orgel intonirte . Der Sterbende wollte den Kopf aufrichten , das gelang ihm nicht , aber von seinen Lippen kam es : » Da rufen sie uns ! « Der Prediger sah froh der Königin ins Gesicht , welche Adelheid schnell einen Ring an den Finger gesteckt hatte . Das fremde Mädchen aber hielt den Kopf des Sterbenden , während der Prediger die Ringe wechselte . Als er die entscheidende Frage that , antwortete ein Ja so wunderbar laut , daß es die Orgel übertönte . Es war sein letztes Wort . Kaum daß der Segen gesprochen , sank er röchelnd nieder . Der Brautkuß war der Sterbekuß . Das fremde Mädchen weinte und lachte : » Ich habe doch seinen letzten Händedruck . « - Die Königin sagte : » Ich konnte ihm doch danken . « Der Wagen stand fertig vor der Kirchenthür . » Frau von Bovillard ! sprach feierlich die alte Voß , Ihro Majestät sind bereit . « Die Fürstin sah fragend auf die Trauernde . Ihr Blick schien zu sprechen : » Willst Du mich jetzt verlassen ! « Der Geistliche sagte : » Für die Todten sorgt Gott und die Kirche . Wer noch Pflichten im Leben hat , fliehe von hier . Den Todten ist wohler in der Erde als den Lebendigen , wo die Verwüstung ihr Reich aufschlägt . « Das fremde Mädchen schrie wie im Irrsinn auf : » Er wird nicht allein begraben werden . « Fünfundachtzigstes Kapitel . Ein Frühstück bei Dallach . Es ist in der Luft eine Magie , die unsere Wissenschaft noch nicht erklärt hat ; eine Kommunikation durch unfassbare Organe , welche die Begebenheiten verbinden . Unergründlich nannten unsere Väter eine Tiefe , die sie noch nicht ergründet ; unfassbar hätten sie das Lichtbild genannt , wir lernten es fassen und festigen auf der Platte , und an Drahtseilen fliegt der Gedanke hunderte von Meilen in Sekundenschnelle , und drückt sich auf die Tafel in bunten Buchstaben , für jedes Auge lesbar . Dieses Lichtbild spiegelte sich auch schon vor den Augen unserer Väter , der Gedanke flog auch da mit derselben Schnelle , nur fassten sie ihn nicht , weil ihnen die Verbindungsmittel unbekannt waren ; weil sie die Platten und die Drahtseile nicht sahen , tauften sie es Wunder . Alte Leute entsinnen sich , daß man in der Stille der Nacht nach dem 14. October vor Berlin auf der Erde die Schläge des Kanonendonners von Auerstädt hatte hören können . Von Andern sagt man , daß sie am folgenden Tage schon den Ausgang der Schlacht gewusst . Aufgeklärte meinten , das sei nur die Nachdröhnung gewesen von dem unglücklichen Gefecht von Saalfeld , die als Vorahnung gespukt . Nicht Alle waren es , es waren nur Wenige , darunter zwei , die wir kennen . Der Rath Fuchsius konnte in der Nacht nicht schlafen , seine Beängstigung ward gegen Morgen immer größer . Er horte die Kanonenschläge , sein Bett schien unter ihm zu zittern ; wie fest er auch die Augen zudrückte , er sah immer wieder den hellen Schein , wie ein Nordlicht , das am äußersten Horizont aus der Erde quillt . Er zündete das Licht an und ergriff eine Lekture , es war ein Band des Shakespeare . Die Stelle aus Macbeth , die er aufschlug , war nicht geeignet , seine Träume zu beschwichtigen : Die Nacht war stürmisch ; wo wir schliefen , heul ' es Den Schlott herab ; und wie man sagt , erscholl Ein Wimmern in der Luft , ein Todesstöhnen , Ein Prophezein in fürchterlichem Laut , Von wildem Brand und gräflichen Geschichten , Neu ausgebrütet einer Zeit des Leidens , Der dunkle Vogel schrie die ganze Nacht durch : Man sagt , die Erde bebte fieberkrank . Er sah die Schlacht , die meilenweit sich dehnende , mit ihren wankenden und wogenden Linien , den dampfenden Batterieen , den Kavallerieattaquen , und so gewiß er das Herz unter der Brust pochen hörte , so centnerschwer drückte ihn eine Gewißheit - daß er nichts Frohes sah . Um den fürchterlichen Alp los zu werden , zündete er noch ein Licht an und begrub sich unter seinen Akten . Auch aus diesen Bergen stiegen Dünste , tiefe Schachte öffneten sich , deren Ende er nicht sah , und Sphinxe lagerten sich vor dem Eingang . » Ein Weib , das selbst eine Sphinx ist , « rief er , sich im Armsessel zurücklehnend , » und der Oedipus will nicht erscheinen . Die Thatsache liegt nackt da , und alle Bezüge , Fäden , die zu einem Motiv führen , plötzlich abgeschnitten ! « Er blätterte weiter in einem Konvolut . Es waren Privatkorrespondenzen der gefangenen Geheimräthin : » Welcher Verstand ! welche klare Erwägung der Verhältnisse , welche ruhige treffende Beobachtung im Urtheil über Personen ! Und nirgends nur ein Wink von auswärts her ! Alle ihre Verbindungen bestehen die Probe . Und vor allem dieser ! « Er überlas noch einmal die Billette , welche Wandel an die Lupinus gerichtet , und die mit ihrer ganzen Korrespondenz zu den Akten genommen waren . Er fuhr , wie ein Unzufriedener mit sich selbst , mit beiden Händen über das Gesicht : » Wie ein Kriminalrichter sich in Acht nehmen muß , auch auf den dringendsten Verdacht hin , eine bestimmte Meinung zu fassen ! Wie leicht verführt er sich , und wie schwer wird es ihm , dann wieder auf den richtigen Weg einzulenken ! - War ich nicht schon innerlich überzeugt von der Identität jenes von der französischen Justiz verfolgten Aventuriers mit Herrn von Wandel ! - Seine Verbindung mit meiner Giftmischerin erschien mir als ein nur zu deutlicher Fingerzeig ! - Selbst die kecke Weise , wie er sich mir damals aufdrängte , konnte mich noch nicht ganz überzeugen . Man hat Beispiele - und er ist klug , sehr klug ! - Aber diese Briefe an die Lupinus ! - Der klarste Spiegel einer unbefangenen Seele , besser als er sich selbst darstellt . Er mag anderweitig - aber in dieser Sache ist er nicht implicirt . Nichts von Ostentation , Raffinement ! Er schreibt wie ein welterfahrener Mann . Seine Rathschläge , wie vernünftig ! Er warnt sie vor der Exaltation , ihr aufrichtiger Freund ; anfänglich zwar scheint ein anderes Gefühl im Spiele , die Neigung steigert sich , aber dann dies allmälige Zurückfallen in den Ton der Achtung und des Respektes . - Schade , daß ihre Briefe fehlen ! ja eine Ahnung von dem , was in ihr vorging , mag er gehabt haben , darum zog er sich zurück . Und soll ich es ihm als Verbrechen anrechnen , daß er sich jetzt Mühe giebt , eine von ihm hochverehrte Frau zu vertheidigen ? - Als Kriminalist sollte ich es vielleicht , als Mensch kann ich es nicht . « Fuchsius war an ein anderes Konvolut , das auf einem Nebentisch lag , getreten . Es waren französische Akten , er nahm eine Silhouette heraus und hielt sie ans Licht : » Und was bedeutete die Aehnlichkeit eines Schattenbildes mit einem lebendigen Menschen , wenn sie zu entdecken wäre ! - Und dann , wie vieler Jahre Staub hat an diesen Papieren gezehrt ! - Uebrigens - « sagte er mit wehmüthigem Lächeln - » muß man die Gefälligkeit der französischen Behörden bewundern . Daß wir in einem Kampf auf Leben und Tod sind , in einem Kriege , der sie verpflichtet , Tausende und aber Tausende der Unsern umzubringen , hindert sie nicht , uns in unserm köstlichen Rechte beizustehen , damit wir ja nicht fehl gehen , ein uns verfallenes Justizopfer , und wäre es auch aus ihren Reihen , zum Tode zu fangen ! Welche Zuvorkommenheit ! Es war Laforest ' s letzter Akt hier , unserm Kanzler die Akten aus Paris zu kommuniciren . Eine schöne Sache um das Band der Civilisation ! Die Revolutionen , die große Verbrecher krönen , retten die kleinen nicht vorm Galgen . Die ganze Welt wird für ihn zum Netz und ein Verbrecher findet in keinem Staat und keinem Volke mehr ein Asyl ! « Er war ans Fenster getreten . Als er nach den Sternen ausschaute , sah er einen fernen Lichtschein . Es kam aus einem Hoffenster in einer jenseits gelegenen Straße . Er kannte die Straße , das Haus , das Fenster . Hier wohnte der Legationsrath . Das Fenster gehörte zu seiner Küche , die Küche diente ihm zum Laboratorium . Was konnte Wandel so früh hier zu schaffen haben ? Er war ein Nachtschwärmer ; er experimentirte nie anders als bei Tageslicht , hatte er selbst zu Fuchsius gesagt . Was präparirte er jetzt ? Es war zwischen drei und vier . Und das Licht verschwand nicht . Gedanken durchzuckten ihn in rascher Folge . Was kann er in dieser Nachtstunde experimentiren ? Warum die Heimlichkeit ? Warum hat er , bei aller Offenherzigkeit in andern Dingen , Niemand klaren Wein über seine Vermögensverhältnisse eingeschenkt ? Warum schweigt über ihn der alte van Asten , der einmal merken ließ , daß er etwas wisse , und jetzt behauptet , daß er nichts weiß ? Er hatte Wechsel von ihm in der Hand ! - Wechsel ! Fuchsius sah Wandel schreiben . Er rieb sich wieder die Stirn . Plötzlich saß er am Tisch und wühlte in den französischen Akten . In einem kleinen vergilbten Handbillet verfolgte er mit dem Auge und mit dem Finger die Buchstaben . Ebenso rasch riß er das vorige Aktenstück herbei , und verglich Wort um Wort , es schien Buchstabe um Buchstabe . Es war ein französisch geschriebenes Billet Wandels an die Lupinus : » Welche täuschende Waffe die Aehnlichkeit der Schriftzüge ! Wie man auch da sich in Acht nehmen muß ! « Aber plötzlich vergrößerten sich seine Augen , sein Mund öffnete sich - ein , zwei - drei Worte - nicht nur die Schriftzüge der Buchstaben , die Schleifzüge , die Abbreviaturen waren dieselben , auch die ungewöhnliche Orthographie . » Florestan Vansitter ! « rief er aufstehend , und es schien , als fröstele ihn . Er warf einen Blick in den Spiegel , sein Auge glänzte ihm entgegen , ein Glanz , den man der Freude beimisst . » Pfui , « entfuhr es seinen Lippen . » Ist das nicht die kannibalische Lust des Menschenfressers , wenn er sein Opfer auf Schußweite erblickt ! O du Mantel der Humanität , der uns so schön sitzt , aus welchen Mondscheinspinnefäden bist du gewebt ! « Als er sich angekleidet und der graue Tag schon durch die Fensterscheiben blickte , stand ein junger Mensch in unansehnlicher Kleidung vor dem Rathe . » Nichts von Wichtigkeit , « antwortete der Eingetretene auf eine Frage des Rathes . » Ihr Benehmen im Gefängniß bleibt dasselbe . Sie ließ den Hofrath Heim , der ihr die Wahrheit sagte , anlaufen und verbat sich seine fernere Theilnahme . « - » Sie kennen wir « , entgegnete Fuchsius , » aber mein Auftrag war , daß Sie auf alle Ereignisse und Bewegungen in dem Kreise Acht hätten , dem sie bis jetzt angehört . Was haben sie da beobachtet , Eckard ? « - » Nicht das Geringste , was zur Sache gehört , « erwiderte Eckard mit einiger Selbstzufriedenheit . » Ob es dazu gehört , werde ich beurtheilen . Was macht ihr Schwager ? « - » Er wird sich doch nicht freuen , daß er pensionirt ist . Der Auszug aus seiner Amtswohnung in der Voigtei liegt ihm noch in den Gliedern . Er spuckt . Neulich in der Weinstube bei Sala Tarone ließ er einen Witz los . Sie haben darüber gelacht . Das passirt ihm jetzt selten , « - - » Welchen ? « - » Damals , als er wirklich eine Bêtise begangen , sagte er , nämlich mit den Gefangenen , sei er mit blauem Aug ' davongekommen , und jetzt müsse er büßen , wo er unschuldig sei wie ein neugeboren Kind . Er hätte doch seinem Bruder nie was zu trinken gegeben . Nun müsse er aus Haus und Brod , bloß weil es sich nicht schicke , daß er der Kerkermeister seiner Schwägerin würde . « - » Die Justiz ist blind , trifft aber in der Regel doch am rechten Fleck . Noch etwas von ihm ? « - » Er heirathet sie . Das ist abgemacht . Im Dom ist schon die Trauung bestellt . « - » Aus Depit , daß er die Voigtei verlor ? « - » Nun ja ! Er sagt aber , weil er das Heulen der Charlotte nicht länger aushalten können . Das ist wahr , ihr Wachtmeister ist bei Saalfeld niedergehauen , als er den Prinzen raushauen wollte . « - » Was ist denn nicht wahr ? « - » Daß der Major Stier von Dohleneck auch da geblieben wäre . Der ist nur blessirt vom Pferde gefallen . Sie haben ihn splitternackt ausgezogen , dann gefangen genommen , dann hat er ihnen sein Ehrenwort geben müssen , und so kommt er retour nach Berlin . Die Baroneß Eitelbach weiß es nur noch nicht ; sie geht schwarz . « Der Vigilant musste sehr genau , auch mit den inneren Familienverhältnissen , vertraut sein . Ein flüchtiges Lächeln ging über die Lippen des Rathes . » Was macht Geheimrath Bovillard ? « - » Sieht schon wie eine Leiche aus . Larirt einen Tag um den andern ; zur Abwechselung nimmt er auch Vomissements . Der Legationsrath Wandel sagt , wenn er so fortführe , würde es ihm ans Leben gehen . Es sei kein Spaß damit . Die Ruhr geht ohnedies bei der Witterung um , und die Werderschen bringen unreifes Obst . Man wisse aber garnicht , was noch daraus werden könne , denn die Ruhr könne noch was ganz Anderes sein , woran jetzt kein Mensch denkt . « Fuchsius hatte nur auf den einen Namen Acht gegeben : » Läßt der Legationsrath sich viel beim Kranken sehn ? « - » Nicht eben . Er steckt ja fast immer bei der Braunbiegler . Auch mit dem Baron Eitelbach hat er viel zu schaffen . Der mag ihn nicht ; aber er läßt ihn nicht los . Besonders wenn er in der Fabrik ist , da spricht er in allen Dingen mit . « Der Baron sagte : » wenn er mal in den Farbekessel fiele , dann wäre auch nichts verdorben , als die Farbe . « - » Eckard ! « Der Rath zog ihn in den Winkel , als könnte die Luft hören , was er ihm zu sagen hatte . Er schloß : » Von jetzt ab vigiliren Sie auf ihn , Schritt und Tritt . Sie lassen ihn keinen Moment aus dem Auge , wo er hingeht , an wen er Briefe abschickt , von wo er Briefe empfängt , und wo möglich sehen Sie durch seine Wände . « Auch der Legationsrath konnte in der Nacht nicht schlafen , auch er hörte den Kanonendonner , auch unter ihm zitterte das Bett , der Himmel leuchtete , er sah die Bataillelinien hin und her schwanken und war aufgesprungen , um Herr zu werden seiner Sinne . Er zündete eine chemisch präparirte Kerze an , welche einen besonders hellen Schein warf , und trat , was er wirklich selten bei Nacht that , in sein Laboratorium . Alles , wie er es am Abend verlassen , dort hingen die Bilder , da das Gerippe , die Retorten , Kolben , Tiegel auf dem Heerde ; einige kleine Fläschchen , auf die sein Auge zuerst fiel , standen wie zur Abkühlung am Fenster . Er hielt den Athem an , wie um zu horchen . Es bewegte sich außer ihm etwas . Er biß sich in die Lippen : Thorheit ! es ist die aufgeregte Phantasie ! Da bewegte sich das Gerippe sichtlich , ein schrillender Ton kam aus der Mundhöhlung , es rauschte etwas heraus , es wehte durch die Luft und das Licht erlosch . Wandel sank nicht zu Boden , aber er presste den Leuchter so fest , daß das Metall eingebogen war , der Todtenschweiß , der von seiner Stirn tropfte , hatte ihn aus seinem Starrkrampf geweckt . » Von einem Nachtvogel sich erschrecken lassen , der in seiner Angst durch den Schornstein eindrang ! « rief er , nachdem er mittelst eines chemischen Feuerzeuges das Licht wieder angezündet . » Flattre nur , Unhold , Du bist kein Leben , und lügst keines mehr der schönen Hülle an . Es giebt keine Geister , nur Spuk , den , den die Schwäche unserer Nerven gebiert . Aber ein Spuk und eine Verhöhnung unserer Kraft , daß wir uns zumeist von Denen in Angst setzen lassen , die selbst vor Angst aus sich herausgehen . « Aber weshalb war er hier ? Um mit den Gespenstern , an die er nicht glaubte , eine Lanze zu brechen ? - Warum hatte ihn die Dröhnung des Kannonendonners , warum das Phantasma der Schlacht aufgeschreckt ? Berührte ihn der Ausgang , welcher es sei ? - » Doch ! « rief er plötzlich . » Das ist der Vortheil jener chaotischen Katastrophen , welche die kleine Menschenwelt und ihre Ameisenhaufen , Staat und Gesellschaft genannt , durcheinander werfen , daß wir uns da frei fühlen . Wo das Haus über ihren Köpfen zusammenbricht , merken sie nicht das Insekt , das sie sticht . - Die Kerker öffnen sich - vielleicht ! Es wird vergessen , Alles - nein , doch Vieles - auch das ? - Vielleicht . « Er nahm die Fläschchen , hielt sie gegen das Licht und that sie dann in ein Etui » So viele Arbeit um - eine Bagatell . Ich ging doch an schwerere mit leichterm Muth , fast im elastischen Tänzerschritt . Aber der alte Asten hatte Recht . Die Polypragmosyne hat mir Schaden gethan . Das erste Gesetz lautet : nicht zu Vieles im Aug ! Dies Abwägen verwirrt und schwächt unsere Sehkraft . Rasch drauf los . Die Weisheit unserer Väter : Frisch gewagt , halb gewonnen ! Es ist eine ewige alte Fabel vom Hunde und dem Fleisch , und doch , wer wehrt sich vor dem Blendwerk , daß ihn das große Bild im Wasser verlockt . Und das : Morgen , morgen , nur nicht heute - wie viel kühnen Entschlüssen brach es den Hals . « Und doch schien er selbst durch hervorgezogene Sprüchwörterphilosophie entweder sich Muth einzusprechen , oder sich immer noch einen Aufschub abzulisten . Er packte die Fläschchen aus , um zu sehen , ob sie auch eingewickelt , waren . Er befühlte auch Gegenstände , die er nicht mitnehmen wollte . Es war so heiß in der Küche , ob von der eingeschlossenen Luft oder von seiner inneren Hitze ? Schon hatte er die Thür in der Hand , als er zurückkehrte . Ihm fiel ein , daß er auch auf die schlimmste Eventualität sich waffnen müsse . » Sie dürfen auch nicht das finden , was sie bei der Lupinus gefunden . « Er musste schon vorgearbeitet haben . Nur aus einem Tiegel schabte er vorsichtig den Bodensatz und warf ihn in den Abzugsgraben . Dann streute er verschiedenen Farbenpuder verschwenderisch umher . Die Küche bekam dadurch einen Wohlgeruch : » In meinen Schminkpräparaten mögen sie meine Arkane entdecken . « Dann näherte er sich dem Gerippe : » Wieder eifersüchtig ? Gieb mir die Hand , Angelika . « Sie gab sie ihm , aber schüttelte er so heftig , oder war der Wandnagel lose ? Das Knochenweib stürzte herab . Wir wissen nicht , ob er geschaudert , doch schnell hatte er sich und das Gerippe gefasst : » Das hätte ein böser Fall werden können , wie damals , als Du vom Pferde sprangst und ich Dich auffing . Du nanntest mich Deinen Lebensretter . Ja , ein theurer ward ich Dir . Zwei Mal für das eine Bischen Rettung nahm ich Dein Leben . Ihr armen jungen Weiber ! Mit Eurem warmen Blut und leichten Sinn seid Ihr nun einmal vom Fatum destinirt , in unsere Netze zu flattern . Hier lernte ich Klügere , Kältere kennen , die auch denken , sogar berechnen konnten . Das war Euch unmöglich . Und doch weiß ich nicht , ob Ihr nicht die Glücklicheren seid . Ihr nipptet und dann schlürftet Ihr die Wonne des Lebens in vollen Zügen . Dann - mit einem Mal - war es aus ! Aber jetzt - jetzt - mach ' mir das Leben nicht schwer . Du könntest hier an der Wand in einem unbedachten Augenblick plaudern . Dort im Kasten bist Du nicht gefährlich , Du bist ein Präparat , eine anatomische Studie . Ruhe da sanft , und was würdest Du sagen , Liebchen , wenn ich Dir über Jahr und Tag eine Gesellschafterin zulegte ? Schön und groß wie Du , aber etwas dumm . Was thut das ? Sie wird Dich nicht langweilen . Sie ist stumm wie Du . Und wenn Ihr Beide dann friedlich neben einander ruht , sieh , den Trost gebe ich Dir , bei Dir wird mein Sinnen bleiben , wir werden nach wie vor kosen , bei Dir werde ich mir Rathes erholen , Du wirst mich verstehen . Die Andere ist eine Gliederpuppe , jetzt gelenkig , dann wie Du , aber Deine Folie . Adieu , mein Herz ! « Und wer behauptet , daß seines nicht doch schlug , daß der kalte , grässliche Hohn auf seinen Lippen nicht nur der Mantel war , der die Natterstiche , das konvulsivische Aechzen , die Qualen , die keinen Namen haben , bedecken sollte ? Nicht täglich , wie er der Lupinus log , drückte er das Gerippe an seine Brust . Es waren nur die fürchterlichsten Momente , wo er Kraft bedurfte , und er konnte sie in sich nicht finden . Wer sah den Angstschweiß auf seiner Stirn , wer , wie die Kniee wankten , wie er sich an das Treppengeländer hielt , als er herunter stieg . Es war ein saurer Gang . Warum ? das wusste er sich nicht zu sagen . Er hatte schon viele Gänge der Art gemacht . Aber draußen sah man ihm nichts davon an . Wie der Hahn , um die Witterung anzukrähen , schlürfte er sie ein . Die Luft war grau , regenhaltig , eine bange Stimmung , wie sie einem großen Unglück vorangeht . Der Tausendkünstler hatte schnell die Physiognomie sich angeeignet . Wo fand er nicht auf der Straße Bekannte ! Wo sah man sich nicht ängstlich an , hatte sich trübe Nachrichten , bange Ahnungen mitzutheilen . Schon wandelten Frauengestalten in Trauer , die frühe Nachwirkung des Gefechtes von Saalfeld . Der Baron Eitelbach ging zur Börse . Er ward unterwegs von Mehreren angesprochen . Man kondolirte ihm . » Wie nahm sie ' s auf ? « - » Ich kann wohl sagen , sie deployirt eine große Seelenstärke . « - » Ist ' s denn auch ganz gewiß ? « - » Na , warum denn nicht ? Sein Neveu , der Wolfskehl , hat ihn selbst vom Pferde hauen sehen ; er hat ' s hergeschrieben . « Der Legationsrath trat in dem Augenblick an die Gruppe , und es war der vollste Ausdruck inniger Theilnahme , mit der er dem Baron die Hand drückte : » Sie sind ein Mann . « Er zog ihn etwas bei Seite . » Und sie ist eine Frau , die durch Leiden geadelt wird . Ich bin überzeugt , daß dies Unglück den wahren Bund Ihrer Seelen nur fester schlingen wird . Es ist schön , es ist edel - ich sage nicht groß von Ihnen , daß Sie ihre Empfindungen durch solche Theilnahme ehren . « - Als noch Jemand an die Gruppe getreten , war der Legationsrath plötzlich fortgesprungen . Fuchsius sah ihm verwundert nach , aber noch verwundeter sah er dem zu , was Wandel begann . Er unterhandelte mit einer Obsthökerin . Er zog die Börse und schien eine ahnsehnliche Summe ihr in die Hand zu drücken . Dann nahm er plötzlich die Körbe mit Birnen und Pflaumen , den ganzen Vorrath der Händlerin , und warf ihn in einen der tiefen Rinnsteine , die den ganzen schwimmenden Vorrath alsbald in ein Abzugsloch trieben . Die Straßenjugend jubelte , Andere jubelten nicht , sie schimpften auf den vornehmen Herren , der so mit Gottes Gabe umgehe ; statt armen Leuten sie zu schenken , verderbe er sie . Es gab einen kleinen Auflauf , aus welchem Wandel sich nur mit einiger Mühe losmachte . Die Herren in der Gruppe hatten zwar mit Verwunderung zugesehen , doch ahnten sie die Aufklärung . Wahrscheinlich war das Obst unreif , oder der Legationsrath hielt es dafür . Er hatte schon an mehreren Orten von der unverzeihlichen Nachlässigkeit der Polizei gesprochen , daß sie solchen Verkauf zulasse , wo die Ruhr in der Stadt grassire , man wisse ja nicht , was noch daraus entstehe . » Ihre Intention in Ehren . « sagte Jemand zu dem Zurückkehrenden , » in dieser allgemeinen Kalamität ist es aber nicht recht , Anlaß zum Skandal zu geben . Das Volk ist ohnedem aufsässig . « - » Und was helfen zwei Körbe weniger ! « - » Sie haben vollkommen Recht , meine Herren , « sagte Wandel , » doch wer ist Herr über seine Impulse ! Zudem sehe ich ein Gespenst , welches mir fürchterlicher dünkt als alle Kriegskalamitäten , die uns noch drohen mögen . Noch ist es nicht hier , aber es wogt aus dem fernen Asien herüber , eine Pest , gegen die der schwarze Tod , das gelbe Fieber , und was sonst den Namen führte , unbedeutend erscheinen werden . Eine Krankheit , die ganze Ortschaften , Landstriche hinrafft , entwickelt sich in dem britischen Indien . Die englischen Aerzte geben entsetzliche Schilderungen und behaupten , daß sie ihren Siegerzug durch die ganze Welt halten werde . Sie nennen sie Cholera morbus , und was das Schrecklichste , es ist kein ärztliches Mittel dagegen zu entdecken . Sie fängt mit Vomiren an , heftiger Dyssenterie , dies steigert sich in wenigen Stunden bis zum Tode . Der geringste Diätfehler , namentlich der Genuß von unreifem , ja , selbst von reifem Obst ruft sie hervor . Ich kann Ihnen meine Besorgniß nicht verhehlen , ich hörte durch Selle vorhin von Fällen , die mich fürchten machen , daß sie schon in den Ringmauern von Berlin ist . - Ich bitte , lassen Sie sich nicht ängstlich machen , meine Herren , aber hüten Sie sich ja vor jeder Erkältung , vor Obstgenuß . Ja , ja , meine Herren , wir wissen alle nicht , was uns bevorsteht , und welche neue Wendung das Schicksal nimmt . Wo diese Krankheit grassirt , hört der Krieg von selbst auf . - Sie fühlen sich doch nicht unwohl , liebster Baron , Sie fassen sich an den Magen ? « Der Baron hatte Melonen gegessen . Die Gesichter einiger Andern verriethen die Nachwirkung einer zu lebhaften Schilderung . Da erst erblickte Wandel den Rath Fuchsius . Er ergriff seine Hand : » Ach , mein werthester Freund ! Vorsicht , Vorsicht , meine Herren , weiter nichts ! A propos , was macht denn unser Freund Bovillard ? Ich sah ihn seit vorgestern nicht . « Der Rath zuckte die Achseln : » Durch seine Selbstkur - « » Thut er Buße , « fiel der Baron ein , für die Gänseleberpasteten und Trüffelwürste , um die er seine Nebenmenschen übervortheilt hat . » Es hat Einer ausgerechnet