von der Signorina , welche die Welt freilich noch weniger als ihre Schwester kenne , bestärkt werde , und die Mutter sei der Meinung , daß man den Beiden keine Hindernisse in den Weg legen dürfe , sondern ihnen so bald als möglich die Gelegenheit eröffnen müsse , sich selber durch die Gehaltlosigkeit der sogenannten Zerstreuungen von dem Werthe einer ernsten Lebensführung zu überzeugen . Sie habe eben deßhalb einen Plan entworfen , den sie Renatus bei seiner Rückkehr vorzulegen denke und dessen Ausführung hoffentlich das Wohlbehagen Aller sichern werde , während er zugleich die Mittel für eine zweckmäßige Erziehung Valerio ' s darzubieten verspreche , der hier im Schlosse , unter der schwachen Hand und bei dem launenhaften Sinne seiner Mutter , völlig sich selber und seiner eigenen Phantastik überlassen sei . Sie erwähnte dann noch , daß man ab und zu Besuche aus der Nachbarschaft empfange , daß sie und die Mutter sich darin um des lieben Friedens willen den beiden lebenslustigen Freundinnen gern fügten und daß neulich auch Graf Gerhard wieder für einige Tage , von Berka kommend , im Schlosse ihr Gast gewesen sei . Da Renatus keine Zuversicht zu der Sinnesänderung seines Oheims besitze und ihrem und ihrer Mutter Auge nicht vertraue , enthalte sie sich , ihrem Verlobten zu berichten , wie wohlthuend des Grafen männliche Haltung auf Vittoria eingewirkt habe und wie eine einzige geheime Unterredung , die er mit derselben gehabt habe , die Baronin zu einem Nachdenken , ja , zu einem Ernste gebracht hätte , welchen der jetzige Geistliche in Vittoria hervorzurufen leider nicht verstehe . Auch mit dem Amtmann und mit dem Justitiarius habe der Graf , der sich in den letzten Jahren in Berka vielfach mit der Landwirthschaft beschäftigt , gelegentliche Rücksprache genommen und danach ihr und der Mutter es an das Herz gelegt , Renatus zur Ernennung eines der Gutsverwaltung und der Landwirthschaft kundigen Generalbevollmächtigten zu bestimmen , falls er nicht bald zurückkommen und die allerdings schwierige Verwaltung seiner Güter wie die eben so wenig leichte Ordnung seiner Vermögensverhältnisse selber zu übernehmen entschlossen sein sollte . Je weniger der Inhalt dieser Briefe mit dem fröhlichen Leben zusammenstimmte , in welchem Renatus sich bewegte , um so unangenehmer wirkten sie auf ihn , und auch die Briefe , welche er , seit Herr Flies gestorben und Paul der Inhaber des Flies ' schen Geschäftes geworden war , aus der Residenz erhielt , waren nicht erfreulich . Als ihm die Anzeige von dem Ableben des Kaufmanns Flies durch das allgemeine Rundschreiben der Firma auf dem Umwege über Richten zugegangen war , hatte Renatus mit einem gewissen Erschrecken aus demselben Briefe ersehen , daß der jetzige Inhaber des Geschäftes aus dem Heere in sein Haus zurückgekehrt sei und den Angelegenheiten desselben nunmehr wieder in Person seine Thätigkeit widme . Dem Sohne seines Vaters mittelbar , wenn es sich so fügte , einen Vortheil zuzuwenden , hatte dem jungen Freiherrn angemessen und wohlanständig gedünkt ; aber er mochte sich dagegen sträuben und sich dagegen vorhalten , wie und was er wollte , dieser Bastardbruder , der ihm , als sei es das Recht seiner Erstgeburt , die Züge seines Vaters , der ihm das Antlitz und die Haltung der Herren von Arten entwendet zu haben schien , war ihm immer eine unheimliche Gestalt gewesen . Seit nun vollends Renatus es den Seinigen verschwiegen , daß es eben Paul gewesen sei , dem er die Errettung aus Todesgefahr zu danken habe , hatte das Bewußtsein , eine Undankbarkeit begangen zu haben , seine unbestimmte Abneigung gegen seinen Halbbruder noch gesteigert ; denn es liegt in der Natur der meisten Menschen , daß sie demjenigen zürnen , dem sie ein Unrecht zugefügt haben . Er bereute es jetzt , die Verbindung mit dem alten Flies nicht gleich nach dem Tode des Freiherrn abgebrochen zu haben , er ging mit sich zu Rathe , ob und wie er diese Versäumniß jetzt unschädlich machen könne ; aber die Sache hatte , besonders da er in Paris zu bleiben wünschte , ihre großen Schwierigkeiten , ja , sie dünkte ihn in den gegenwärtigen Zeitläuften und Umständen , ohne Gefahr für seine Angelegenheiten , gar nicht ausführbar . Wenn er dem neuen Geschäftsinhaber des Flies ' schen Hauses ein kränkendes Mißtrauen zeigte , konnte derselbe sich leicht versucht fühlen , Gleiches mit Gleichem zu vergelten und die Flies ' schen Capitalien zu kündigen , die , seit langen Jahren auf Neudorf und Rothenfeld eingetragen , jetzt ohne Frage höher zu verwerthen waren , als in jenen Hypotheken . Dazu wußte Renatus , der sich bisher in der Heimath nur unter seinen Kameraden und inmitten der seiner Familie befreundeten adeligen Gesellschaft bewegt hatte , ganz und gar nicht , wie und in wem er einen Ersatz für die alten Geschäftsfreunde seines Hauses zu suchen habe oder wen er an Stelle des alten Flies zum Curator Vittoria ' s und Valerio ' s ernennen lassen solle . Und nachdem er im Geiste lange suchend um sich her gesehen hatte , meinte er plötzlich , doch eben in Paul den Mann gefunden zu haben , dessen er bedurfte . Der Mann , der mich mit eigener Lebensgefahr beschützte , der also meinen Untergang nicht wünschte , kann nicht im Stande sein , so sagte er sich , mich irgendwie geflissentlich zu schädigen . Und dieser auf das menschliche , natürliche Gefühl richtig gebaute Schluß fand , nachdem er ihn einmal gezogen hatte , in dem Adelsstolze des jungen Freiherrn sofort noch eine unvorhergesehene Bekräftigung ; denn obschon Renatus dies nur anerkannte , wenn es ihm eben für seine Zwecke paßte , es floß doch immer Arten ' sches Blut in Tremann ' s Adern , und dieses konnte sich nicht in Paul verläugnen , mit solchem Blute war man keiner niederen , keiner schlechten Handlung fähig . Er war einen Augenblick nahe daran , es Tremann unumwunden auszusprechen , wie er in der Beziehung , in welcher sie zu einander ständen , und in der Selbstaufopferung , mit welcher Paul ihm vor Möckern beigestanden habe , die beste Bürgschaft dafür zu besitzen glaube , daß er die Familien- und Geschäfts-Angelegenheiten des Hauses von Arten-Richten keiner zuverlässigeren Kontrole , als der seinigen übergeben könne . Indeß Renatus war von früh auf dazu angehalten worden , bei allem seinem Thun es reiflich zu überlegen , ob er sich und seinem Stande damit auch nichts vergebe , und dieses ewige Erwägen hatte ihm allmählich die Fähigkeit eines schnellen Entschlusses und jede Möglichkeit eines Handelns nach freien , plötzlichen Eingebungen ein für alle Mal genommen . Seine Erziehung hatte ihn , wie einen Fürsten , ängstlich und scheu , hatte ihn mißtrauisch gegen Andere und gegen seine eigenen besten Empfindungen gemacht . Er bedachte also auch in diesem Falle wieder , daß ein solches Aussprechen seines Vertrauens ihm für spätere Zeiten unbequeme , bindende Verpflichtungen auferlegen könne ; daß es den scharfsichtigen Kaufmann leicht auf ein vorhergegangenes Mißtrauen schließen lassen dürfte , und als er dann endlich die Feder in die Hand nahm , um Paul mit nöthiger Behutsamkeit seine Zugeständnisse und Vorschläge zu machen , deutete er es ihm also , ganz gegen seine erste Absicht , in keiner Weise an , daß er wisse , in welchem Verhältnisse Paul zu seinem Vater gestanden habe . Er erwähnte es auch mit keinem Worte , daß er seinen Erretter in der Schlacht erkannt . Er erklärte ihm nur ohne Weiteres , wie er ihn , als den Nachfolger des Herrn Flies , mit welchem die Familie von Arten seit langen Jahren alle ihre Geschäfte zu machen gewohnt gewesen sei , auch ferner mit denselben ganz und gar zu betrauen wünsche . Sollte Paul jedoch aus irgend einem Grunde zu der Uebernahme dieses Auftrages nicht geneigt sein , so müsse er ihn trotzdem jedenfalls ersuchen , sich der bisherigen Mühewaltung wenigstens so lange zu unterziehen , bis Renatus in die Heimath zurückkehren und sich , sofern dies nöthig würde , nach einem andern Handlungshause für seine Zwecke umsehen könne . Er sprach danach in guter Form die Hoffnung aus , daß die alte Geschäftsverbindung keine Störung zu erleiden brauche , knüpfte daran den Wunsch , daß sie beiden Theilen ersprießlich werden oder bleiben möge , und als er den Brief dann noch einmal gelesen und gesiegelt hatte , hielt er sich überzeugt , als ein sich selbst achtender Mann , nach reiflicher Ueberlegung und mit einem Vertrauen gehandelt zu haben , das mancher Andere in ähnlicher Lage Paul nicht bewiesen haben würde und das anzuerkennen derselbe sicherlich nicht ermangeln könne . Ja , er machte sich endlich geradezu darauf gefaßt , sich von dem geschmeichelten Ehrgefühle seines Bastardbruders jetzt für alle Zeit jedes Besten versehen zu dürfen . Er rechnete sich , wie gar Mancher , seine Aufwallungen von guter Empfindung , auch wenn er es , wie eben jetzt , für recht befunden hatte , sie schnell wieder zu unterdrücken , als gute Thaten an , deren Anerkennung und Belohnung ihm von dem Leben nicht vorenthalten werden dürfe , und er gewann damit nichts als die Möglichkeit , sich über das Leben und über die Menschen zu beklagen , wenn sie ihm für das Nichtgeschehene nicht zu danken vermochten und ihn nicht schätzten , wie er selbst sich beurtheilte und hochhielt . - Es verging eine geraume Zeit , ehe Paul von dem jungen Freiherrn die lange ausgebliebene Antwort auf die Todesanzeige des Herrn Flies erhielt . Da Renatus dieselbe nicht , wie es sich eigentlich gebührte , an die Firma , sondern im Style und Tone eines halben Vertrauens an Paul persönlich gerichtet hatte , ließ dieser den Brief sofort verzeichnen , aber er behielt ihn auf seinem Pulte liegen , denn er war nicht mit sich einig , was er thun und wofür er sich entscheiden sollte . Ein paar Tage lang erwog er diese Angelegenheit still mit sich allein , dann trug er sie , als er sich in einer ruhigen Abendstunde mit Seba und Daviden zusammenfand , gegen seine Gewohnheit den beiden Frauen vor . Es begegnet mir selten , sagte er mit seinem schlichten Ernste , nachdem er ihnen das Schreiben von Renatus vorgelesen hatte , daß ich mir über meine Gedanken und Empfindungen keine rechte klare Rechenschaft zu geben vermag , und wo dieses der Fall ist , zögere ich mit meinen Entschlüssen . Ich hatte Anfangs die Absicht , das sogenannte Vertrauen des Freiherrn ohne Weiteres zurückzuweisen , weil er mit der geflissentlichen Rückhaltigkeit der Kaste , welcher er angehört , sich Dank von mir verdienen möchte , wo er mir viel Mühe und mannichfache Verantwortungen auferlegt . Ich wollte seiner halben Wahrheit mit dem ganzen Geständnisse entgegentreten , daß es mir nicht wünschenswerth sei , in das Vertrauen eben seines Hauses gezogen zu werden , weil ich selbst in dessen geheime Geschichte verwickelt bin . Damit ich dann aber auch völlig des äußeren Zusammenhanges mit der freiherrlichen Familie ledig würde , beabsichtigte ich Deine Capitalien , liebe Seba , von Rothenfeld und Neudorf zurückzuziehen und sie hier unter meinen Augen anderweit unterzubringen . Aber ... Hältst Du sie auf den Gütern irgendwie gefährdet ? unterbrach ihn Seba . Paul verneinte dies , da es erste Hypotheken wären und der bloße Bodenwerth der Güter sehr bedeutend sei . So laß das Geld dort stehen , bat die Freundin . Renatus ist der Sohn meiner theuersten Freundin , meiner unvergeßlichen Angelika ! Man soll nicht glauben ... Sie hielt inne , und da Paul sie darauf fragend ansah , sprach sie : Es lebt doch eine Anzahl von Personen , die um Deine Herkunft wissen . Ich möchte nicht , daß irgend Jemand Dir den Vorwurf machen könnte , Du habest aus persönlichem Uebelwollen die ohnehin nicht günstige Lage der Arten ' schen Familie noch verschlimmert . Und wenn Du in Dir selber ungewiß gewesen bist , wie Du handeln solltest , so bitte ich Dich , da mir obenein nach Deiner Meinung kein Nachtheil daraus erwächst , ändere nichts in den bis jetzt bestandenen Verhältnissen ! Paul gab ihr darin Recht . Ich hatte mich in Bezug auf die Hypothek , sagte er , bereits in Deinem Sinne entschieden ; denn wenn es überall thöricht ist , sich unnöthig einer übeln Nachrede auszusetzen , so hat der Kaufmann doppelt Ursache , sich vor einer solchen zu bewahren . Seine Unternehmungen wie seine Erfolge sind vielfach auf das Vertrauen begründet , dessen er genießt , und es ist nicht der Nachtheil , sondern der Vortheil , den wir unseren Geschäftsverbündeten bereiten , welcher uns den eigenen , dauernden Gewinn verbürgt . Darüber also , daß Dein Capital auf Rothenfeld verbleiben soll , war ich selbst nicht mehr in Zweifel ; nur ob ich wohl daran thun würde , das Amt zu übernehmen , welches Renatus Deinem Vater übertragen hatte und das er nun auf meine Schultern legen möchte , das habe ich mir noch nicht klar gemacht . Du meinst , hob Seba an , es stehe Dir nicht zu , Dich zum Berather und Vertrauten eben der Arten ' schen Familie herzugeben , weil man vermuthen könnte , Du seiest in ihren Angelegenheiten nicht völlig unparteiisch ? Aber wenn Du wirklich Theil an ihnen nimmst und Renatus die Zuversicht zu Dir hat , daß Du ihm helfen könntest , so weiß ich nicht , warum Du dieser nicht entsprechen solltest ? Du pflegtest doch vor dem Urtheile der Unverständigen nicht leicht Scheu zu tragen ! Paul hatte sie ruhig sprechen lassen . Als sie geendet hatte , sagte er : Ich mache , da ich Dich , Liebe , reden hörte , eine Erfahrung , die sich mir oft bestätigt hat und die sich mir jetzt eben deutlich wiederholt . Man braucht mitunter einen unrichtigen Gedanken , den man selbst gehegt hat , nur von einem Andern aussprechen zu hören , um seine Unrichtigkeit sofort zu erkennen und auch die trübe Quelle zu entdecken , aus der er stammt . Ich habe mich , wie ich eben merke , bisher wirklich mit den Vorstellungen herumgeschlagen , deren Du gedenkst . Nun sehe ich , daß es lauter leere Schemen sind , die man nur fest in ' s Auge zu fassen braucht , damit sie in ihr Nichts verschwinden , und ich frage mich mit Erstaunen , wie ich mich also an falsche Begriffe verlieren konnte ! Denn legte ich auf die Verwandtschaft , auf die Zusammengehörigkeit mit dem Arten ' schen Hause irgend einen Werth , nun , so thäte ich vielleicht recht und klug daran , die mir gebotene Handhabe zu ergreifen ! Gebe ich aber , wie dies der Fall ist , nichts auf meine Abstammung von ihnen , so ist , wie Du mit Recht behauptest , vollends kein Grund vorhanden , weßhalb ich ein an und für sich gutes Zutrauen von mir weisen sollte ! Und wenn ich daneben mein inneres Widerstreben immer wieder fühle , so frage ich mich mit Fug und Recht : Was habe ich mit diesen Artens denn gemein , daß ich befürchten müßte , für oder wider sie in einem Grade eingenommen zu sein , der mein Thun und Lassen bis zu einer ungerechtfertigten Handlungsweise beeinflussen könnte ? Seba blickte ihn mit Ueberraschung an , und auch Davide hob ihre sanften , klugen Augen fragend zu ihm empor , als die Erstere die Worte aussprach : Was Du gemein mit ihnen hast ? - Der Freiherr von Arten war Dein Vater ! Der Freiherr von Arten war mein Erzeuger , weiter nichts ! Ein Vater hat er mir nicht sein wollen , ist er mir nicht gewesen ! entgegnete Paul bestimmt . Und , fügte er hinzu , die Zeit , die Knabenzeit , in welcher ich dieses Letztere als ein Unglück für mich empfand , liegt sehr fern hinter mir ! Der Baron von Arten lebte und handelte nach sehr falschen , sehr verwerflichen Begriffen , als er das verwaiste , nicht zu seiner Kaste gehörende Mädchen je nach seiner Laune und nach seinem Bedürfen an sich kettete und von sich stieß , als er es zu dem Opfer seiner Wollust machte und es dann später seiner Ehe auch zum Opfer brachte . Aber er handelte darin nicht besser und nicht schlechter , wie unzählige Andere auch ! Mein Dasein hat ihn sicherlich nur bis zu dem Augenblicke gefreut , in welchem er meine Mutter von sich zu entfernen wünschte - ich habe ihm für dasselbe also keinen besonderen Dank zu zollen , denn die höchsten Vaterrechte und die wahre Kindesliebe werden für den denkenden Menschen nicht angeboren , sondern durch die dem Kinde gespendete Liebe erworben ! Der Freiherr hat meine Liebe nicht begehrt , und als ich nach der seinigen Verlangen trug , ist sie mir nicht zu Theil geworden ! Den Tod meiner Mutter hat er , deß bin ich gewiß , eben so wenig gewollt , als ich die kranke Baronin zu erschrecken und zu gefährden beabsichtigte , da ich in Deines Vaters Laden vor sie hintrat ! Mit seinem kalten Blicke hat er mich in die Welt hinausgetrieben , weil mein früh erwachtes und von Dir gepflegtes Selbstgefühl es nicht ertragen konnte , Wohlthaten von demjenigen anzunehmen , der uns zu verläugnen nöthig findet ! Und ich bin dann in einer Anwandlung von Empfindsamkeit , der nachzugeben ich nicht wohlgethan habe , ihm vor dem Kriege einmal in Richten in einer Weise gegenüber getreten , die ihn quälte und mich nicht erfreute ! Der Freiherr Franz von Arten und ich , wir waren also völlig mit einander quitt ! Seba schüttelte leise verneinend das Haupt . Wissentlich oder nicht - ich glaube , Du täuschest Dich über Dich selbst , bemerkte sie - Du grollst dem Freiherrn noch ! Nein ! betheuerte er , wie könnte ich das , da ich meine Flucht aus Europa schon zeitig als ein Glück für mich erkennen lernte ? Hat sie allein mich doch zu der inneren und äußeren Selbständigkeit geführt , die ich im Weißenbach ' schen Hause und in der Abhängigkeit von des Freiherrn Willen schwerlich oder doch weit später erst errungen haben würde ! Muß ich Dir heute noch versichern , daß ich mit meinem Lebensgange und Lebensloose ganz und gar zufrieden bin , weil sie mir für alle meine Fähigkeiten die Möglichkeit einer vollständigen Entwicklung , für all mein Wollen und Thun eine völlige Freiheit gewähren ! Was hat das Leben mir denn versagt ? Was könnte ich wünschen , das ich mir nicht zu erringen vermöchte ? Oder was besitzt Renatus , des Freiherrn Erbe , um das ich ihn zu beneiden hätte ? - Und vollends seit Du mir gewiß bist , seit Dir , Du Geliebte , zu Gute kommen soll , was ich schaffe und bin , fügte er zärtlich hinzu , Davide in seine Arme schließend - was könnte ich noch verlangen ? Aber Seba gab sich so leichten Kaufs nicht für überwunden . Der Unterschied , den Du zwischen einem Erzeuger und einem Vater machst , widerstrebt meinem ganzen Empfinden , sagte sie . Der Mensch hängt , wie ich es fühle , unzertrennbar mit denen zusammen , denen er sein Dasein schuldet . Er kann sich nicht denken , ohne an sie zu denken - sie sind seine Voraussetzung . Und war es denn nicht ein Gefühl der brüderlichen Zusammengehörigkeit , mit welchem Du , Renatus erkennend , ihm trotz eigener Gefahr zu Hülfe eiltest ? Du irrst , Liebe ! In jenem Augenblicke dachte ich gewiß an nichts und an Niemanden weniger , als an irgend eine Verwandtschaft mit dem Herrn von Arten ! Ich eilte einem Angegriffenen , einem Kameraden zu Hülfe und erkannte in ihm den jungen Freiherrn ! Welchem Bedrängten hätte ich , hätte jeder Andere nicht das Nämliche gethan ? Was aber kann Dich also zögern machen , den Auftrag von Renatus anzunehmen und seinem bittenden Wunsche zu entsprechen ? Du würdest keinem Andern an seiner Stelle diesen Dienst verweigern , wie mich dünkt ! Nein , gewiß nicht , entgegnete ihr Paul , und das eben ist es , was mich die Tage hier innerlich belästigt hat ! Ich wiederhole es mir , daß ich keinen ausreichenden Grund habe , mich dieses Dienstes zu weigern , daß ich ihn dem Freiherrn wenigstens bis zu seiner Heimkehr zu leisten nicht wohl umhin kann , ohne ihm zu Vermuthungen über mich Ursache zu geben , die jedes Anhaltes entbehren ; und doch wollte ich , ich fände einen Anlaß , mich von dem Anspruche wie von der Leistung zu befreien ! Paul stand auf , ging an das Fenster und blickte eine Weile schweigend hinaus . Da trat Davide zu ihm , legte ihren Arm in den seinigen und fragte : Besorgst Du denn irgend welche Unannehmlichkeiten für Dich , wenn Du das Verlangen des Barons erfüllst ? Paul besann sich . Einen eigentlichen Nachtheil für mich befürchte ich nicht , gab er ihr zur Antwort . Aber , fügte er hinzu , und die Frauen erkannten an seinem Tone , daß der Unmuth in ihm rege wurde , aber an Unannehmlichkeiten würde es dabei für mich nicht fehlen ; denn Ihr kennt meine Unlust an allem halben Thun und meine Abneigung , mich mit den Angelegenheiten einer Kaste zu befassen , welche sich schon durch ihre bloße Geburt von der Allgemeinheit abgesondert und über sie erhaben glaubt . Ihr wißt , ich habe die im Ganzen stets kleinlichen Geschäfte , welche der Vater mit dem Adel des Landes zu machen pflegte , nach und nach völlig von uns abgewiesen . Sie sagten mir nicht zu , und ich ziehe es ohnehin vor , mit meines Gleichen in Geschäftsverkehr zu stehen ! Seba schwieg noch einen Augenblick , um seiner Stimmung zum Ausklingen die Zeit lassen , dann sagte sie : Du tadelst uns , und stets mit Recht , wenn Du uns in einem Vorurtheile befangen findest . Ist Deine Abneigung gegen den Adel im Allgemeinen denn nicht auch ein Vorurtheil , wie jedes im Allgemeinen über einen ganzen Stand gefällte Urtheil ? Nein , versetzte Paul , und es überrascht mich , in Dir einen heimlichen Bundesgenossen des jungen Freiherrn , ja , eine Art von Vorliebe für den Adel zu entdecken , die ich , ich möchte sagen , in Deinem Tone mehr noch als in Deinen Worten höre . Deine bittende , entschuldigende Stimme spricht für sie , und ... Er hielt inne und sprach dann mit unverkennbarer Bitterkeit : Du weißt es , dünkt mich , es waren nicht die Herren von Arten , die zuerst den Widerwillen gegen die Adelskaste in mein Herz gedrückt haben ! Es entstand eine Pause ; Seba war bleich geworden . Paul , der sich nur selten zu einer Härte hinreißen ließ , besonders wo diese einem geliebten Menschen schmerzlich werden konnte , bereute seine Uebereilung auch sofort . Und wie er eben jetzt von dem Allgemeinen zu einem Persönlichen übergegangen war , versuchte er nun , von diesem zu jenem seinen Rückweg zu finden . Von einem wirklichen Vorurtheile , hob er an , kann , wie mich dünkt , überhaupt nur da die Rede sein , wo es sich um bloße Meinungen , um Vermuthungen , um unbestimmte Abneigungen , nicht aber , wo es sich um ganz entschiedene Thatsachen und um sehr wesentliche Vorrechte handelt , welche noch in jedem Augenblicke von einem bis jetzt vielfach bevorzugten Theile der Staatsangehörigen gegen alle übrigen Staatsbürger geltend gemacht werden können . So lange es noch Gesellschaften gibt , die sich einem Bürgerlichen blos um seines Blutes willen verschließen , Würden und Aemter , die man ihm aus gleichem Grunde vorenthält , so lange die Heirath eines Edelmannes mit der edelsten Tochter einer ehrenhaften bürgerlichen Familie , mag des Adeligen Charakter noch so elend , sein Ruf noch so zweifelhaft sein , von seines Gleichen als eine Mißheirath angesehen wird , die in gewissen Fällen der Staat als eine solche gesetzlich anzuerkennen nicht Bedenken trägt , ja , so lange selbst die Arbeit , die ich thue , der Handel , auf dem mein Wohlstand und mein Stolz , wie der ganze große Weltverkehr beruhen , als ein dem Adeligen nicht anstehendes Thun erachtet wird , so lange fühle ich mich nicht berufen , die Hand dazu zu bieten , daß diesen alten Geschlechtern neben ihren ererbten Vorrechten auch noch ihr ererbter Besitz trotz ihres oft hochmüthigen und müßiggängerischen Leichtsinnes erhalten bleibe . Der Stolz auf ihr Blut , vergiß das nicht , ist in ihnen völlig unabhängig von ihrem Besitze , wendete Seba ein . Aber die Besitzlosigkeit zwingt sie , sich in Arbeit und Gewerbe aller Art zu uns zu gesellen und damit ihren Ansprüchen auf eine Ausnahmestellung so nothwendig zu entsagen , als sie genöthigt gewesen sind , aus ihren einsamen Burgen und Raubnestern in die Städte und in das flache Land hinunter zu ziehen . Ausnahmestellungen verschlechtern den , der sie inne hat , wie sie auch jenem zu nahe treten , gegen den sie sich richten . Willst Du es geflissentlich verkennen , fragte Seba , deren hoher Sinn es sich zur Aufgabe gemacht hatte , selbst da gerecht und mild zu sein , wo sie am meisten Anlaß zur Strenge und zur Verdammung hatte , willst Du es verkennen , daß die letzten Jahrzehnde viel , sehr viel in jenen Zuständen geändert haben , deren Du gedenkst ? Haben wir uns nicht lange vor den Freiheitskriegen in dem gemeinsamen Bestreben , für die Erhebung des Vaterlandes zu wirken , mit Personen aller Stände , mit den Mitgliedern des ältesten Adels in nie zu vergessender Begeisterung und Einigkeit zusammengefunden ? Habt ihr nicht Mann an Mann in Reihe und Glied gestanden , der Bürger wie der Edelmann ? Ja , entgegnete Paul , und es ging ein düsterer Schatten über seine festen , ernsten Züge , ja , so lange Noth am Manne war , so lange der Mann seinen Mann zu stehen hatte und man die Landwehr brauchte , sich des Feindes zu erwehren ! - Er hielt wie im Nachdenken eine kleine Weile inne . Dann sprach er mit ernstem Gewichte : Die Spanne Zeit , die seitdem verflossen , ist kurz genug ; aber blicke um Dich und frage heute nach , und Du wirst erfahren , was Dich nicht erfreut ! Wo ist die Freundschaft der Gräfin Rhoden geblieben , die zur Zeit des Tugendbundes ohne Dich kaum leben zu können behauptete ? Wo zeigt sich noch die große Verehrung , welche Hildegard für Dich hatte ? Seit der Freiherr von Arten ihnen ein Asyl in seinem Schlosse angeboten hat , seit die alte Ordnung der Dinge wieder hergestellt , ist jene Freundschaft sehr schweigsam geworden , und von Hildegard ' s Verehrung ist auch nichts mehr zu hören . Und vollends nun im Heere ! Wir Landwehrmänner sind , wie es sich gebührt , zu unserem Herde , zu unserer Arbeit , zu einer schaffenden Thätigkeit zurückgekehrt . Die Wunden , welche der Krieg dem Lande geschlagen , verlangen ihre Heilung . Die Junker aber stehen und bleiben in der Armee nach wie vor , auch im tiefsten Frieden , in Reihe und Glied beisammen , und schon jetzt wieder fühlen sie sich als die alte Kaste . Nur noch eine kleine Geduld , und sie werden es vergessen haben , daß es nicht eine , daß es sicherlich nicht ihre Kaste allein gewesen ist , welche das Joch der Fremdherrschaft von uns genommen hat , sondern daß der König seinen Thron und wir unsere Befreiung der großen , ganzen Masse des Bürgerstandes zu verdanken haben , der sich mit seiner überwiegenden Zahl und Kraft in den Kampf gestürzt und geholfen hat , ihn glorreich auszufechten . Er stand auf und ging ein paar Mal im Zimmer auf und nieder . Da gesellte sich Davide abermals zu ihm , und ihren Arm wieder in den seinigen legend , fragte sie : Du bist also entschlossen , das Verlangen des Freiherrn nicht zu erfüllen ? Ja , denn es ist sicherlich das Klügste , was ich thun kann . Die beiden Frauen schwiegen ; aber Paul konnte bemerken , daß es ihm dieses Mal nicht gelungen war , sie zu seiner Meinung hinüberzuziehen , und er wollte eben das Gemach verlassen , um dem Freiherrn zu melden , daß er dessen Wünschen nicht entsprechen könne , als Seba ihn mit der Bitte anging , ihr zu Liebe von seinem Vorsatze abzustehen . Sie behauptete , man dürfe im besonderen Falle , und er dürfe gerade in diesem besonderen Falle es den Einzelnen nicht entgelten lassen , was man gegen die Gesammtheit , welcher jener zufällig angehöre , einzuwenden habe . Wer sich geistiger Freiheit rühmen könne , habe vielmehr die sittliche Aufgabe , die weniger Freien so viel als möglich an sich heranzuziehen , um ihnen den Weg zu richtigeren Anschauungen zu eröffnen ; und als Paul darauf den Einwand machte , daß ihre Güte sie zu falschen Schlüssen und Urtheilen verleite , erklärte sie , daß , wie sie auch irren möge , sie sich doch von dem guten Herzen und der guten Sinnesart des jungen Freiherrn völlig überzeugt halte . Schon daß Renatus sich eben an Paul wende , verbürge ihr , wie die Erfahrungen der letzten Jahre für Renatus Frucht getragen hätten . Es könne ihm ja in seiner Familie , unter seiner Bekanntschaft nicht an Personen fehlen , die ein solches Vertrauensamt zu übernehmen nicht anstehen würden . Wenn er trotzdem es eben Paul zu übertragen wünsche , dessen Abstammung von dem verstorbenen Freiherrn Franz für Renatus kein Geheimniß sei , wenn er einen Bürgerlichen , dessen auf Freiheit gegründete Gesinnungen er kenne , wenn er endlich einen Kaufmann zum Berather und Vertrauensmanne der Familie zu