- Seien Sie kein Kind , « fuhr er nach einer Pause fort , als er sah , daß der Lehrling seinen Kopf abermals in die Hände vergrub und darauf mit einer Jammermiene empor blickte . » Glauben Sie mir , es soll Niemand ein Leides geschehen . Sollten Sie aber , sobald ich diese Kammer verlasse , dennoch Geräusch machen , um Hilfe rufen oder dergleichen Tollheiten treiben , so vergessen Sie ja nicht , daß Jener , der vorhin über den Gang schlich , in Ihrer Nähe ist und daß Sie beim ersten Laut ein Kind des Todes sind . « August konnte vor Entsetzen kein Wort hervorbringen ; er blickte scheu um sich , denn plötzlich war das Licht der Blendlaterne nicht mehr sichtbar , doch fühlte er die Hand des fremden Mannes , welcher ihn an der Schulter rüttelte und ihm in ' s Ohr raunte : » Haben Sie Ihr Leben lieb und machen Sie keinen Lärm ! « - Bevor sich an diesem Abend Herr Blaffer zur Ruhe begeben hatte , war er noch längere Zeit in tiefem Nachdenken im Zimmer auf- und abspaziert . Seine Sachen waren geordnet , die Papiere über den Kauf ausgewechselt , das Geld lag im Kasten , er war im Begriff , in ein ganz neues Verhältniß einzutreten , weßhalb es denn auch leicht begreiflich war , daß er den vergangenen Tagen einen kleinen Rückblick schenkte . Herr Blaffer hatte von seiner frühesten Jugend an tüchtig gearbeitet , seine Zeit , sein Geld zu Rath gehalten , was ihm übrigens leicht war , da er nicht von den gewöhnlichen Leidenschaften der Menschen berührt wurde . Er trank nicht , er spielte nicht , er war gegen das schöne Geschlecht vollkommen gleichgiltig . So mußte es denn auch kommen , daß er etwas vor sich gebracht : ja , Herr Blaffer war auf dem Punkte , ein recht wohlhabender Mann zu werden , als ihm einige Unternehmungen fehlschlugen und ihn eine bedeutende Summe kosteten . Das entmuthigte ihn und von dem Augenblicke an trachtete er mehr darnach , sein Vermögen zu erhalten , als zu vermehren . Da kam jenes Mädchen in sein Haus , und die Flamme , die sein Herz plötzlich ergriff , brannte um so gefräßiger , als dieses Herz alt , dürr und trocken war . Vergebens hatte er eine Zeit lang gegen diese Leidenschaft angekämpft : sie war stärker als sein Wille , er unterlag , und jedes Opfer , welches er gezwungen war , derselben zu bringen , däuchte ihm leicht zu sein . Deßhalb hatte es ihm auch wenig Kummer gemacht , daß die Firma , die er gegründet , in fremde Hände überging , daß das Haus , in welchem er geboren , jetzt von Andern bewohnt werden sollte . Alles Das beschäftigte seinen Geist wenig , aber eine andere Frage lag auf seiner Seele und verursachte ihm ein Gefühl , als tropfe von Sekunde auf Sekunde flüssiges Metall auf sein Herz , die Frage : ist sie dir wirklich untreu geworden ? - eine Frage , die tausend Teufel in seiner Brust mit jubelndem Ja beantworteten . Dann ballte er krampfhaft die Hände , fuhr in sein spärliches Haar und stöhnte : » O nur Gewißheit darüber , nur Gewißheit , daß ich ein Recht hätte , sie zu fassen und langsam zu verderben . « Endlich begab er sich zur Ruhe , und nachdem er sich lange umhergeworfen , kam der Schlaf auf seine Augen , ohne ihn zu beglücken . Denn die wilden Gedanken , die ihn wachend beschäftigt , hatten sich schon in schlimmere Träume verwandelt , die ihm alles , Das , was er fürchtete , in den schrecklichsten , üppigsten Bildern vormalten . Ihm träumte wieder , es schleiche Jemand durch das Haus und komme an ihre Zimmerthüre . Diese wurde langsam geöffnet und von Licht und Glanz überflossen empfing sie den Geliebten , den wirklich und einzig Geliebten . Das sah man an dem innigen Blick ihres feuchten Auges , an dem Lächeln um ihren leicht geöffneten Mund , an dem Zittern ihrer Hand , die sie ihm entgegen streckte und mit der sie ihn alsdann hastig zu sich in ' s Zimmer zog . - Ah ! - Es gibt einen leichten , unruhigen Schlaf , aus dem man sich emporreißen kann , erwachen durch die Kraft des Willens : so auch der Schläfer hier , als ihm dies geträumt . Er that einen tiefen Athemzug , er öffnete gewaltsam die Augen , er erwachte , er horchte , wie er oft in der Nacht that . Spielten denn seine Träume in die Wirklichkeit über , wie sich vorher seine Gedanken in Träume verwandelt ? Konnte er sich diesmal täuschen ? - Schlich nicht Jemand draußen auf dem Gange ? Im Nu war Herr Blaffer aus dem Bette und stand mit verhaltenem Athem an der Stubenthüre . Oh ! der Buchhändler war nicht so leicht zu überlisten ! Schon lange schloß er seine Thüre nicht mehr fest , damit das Geräusch des Schlosses ihn nicht verrathe , wenn er auf den Gang blicken wollte . Allabendlich löschte er sein Licht aus und dann zog er den Thürflügel so viel zurück , daß er durch die entstandene Spalte hinaus schauen konnte . So war es auch heute Abend geschehen , und als er zitternd vor Erwartung davor stand , sah er genau dasselbe , was ihm wenige Augenblicke vorher geträumt . Sie stand an ihrer Stubenthüre und von Licht und Glanz übergossen empfing sie den Geliebten - den wirklich und einzig Geliebten . Das sah man an dem innigen Blick ihres Auges , an dem Lächeln um ihren leicht geöffneten Mund , an dem Zittern ihrer Hand , die sie ihm entgegen streckte und mit der sie ihn alsdann hastig zu sich in ' s Zimmer zog . Darauf schloß sich die Thüre wieder - und der Riegel wurde vorgeschoben . - Nein , er auf dem dunkeln Gange träumte nicht mehr , wie er wohl gehofft , wie er glaubte , denn er schlug sich so lange vor die Stirn , bis sie ihn schmerzte , er preßte die Hand krampfhaft auf die Brust und fühlte sein Herz schlagen . Er wollte vorwärts stürzen und die Thüre mit einem Fußstoß eintreten . Aber er besann sich eines Bessern ; der da drinnen war vielleicht stärker als er , und da er Rache nehmen wollte , blutige Rache , so mußte er sich eine Waffe suchen . Wo war etwas der Art im Hause ? Er dachte eine Sekunde nach , dann trat er in ' s Zimmer zurück , warf sich mit fiebrischer Hast in die Kleider und schlich auf den bloßen Füßen die Treppen hinab nach dem Magazine , dessen Thüre er geräuschlos öffnete . Dort in einer Ecke neben der Wage lag das große Packmesser . Als er das kalte Heft desselben ergriff , durchschauerte es ihn unheimlich ; er fuhr mit der andern Hand an die glühende Stirn und wischte sich die Schweißtropfen davon ab . Auch bedeckte er einen Moment lang seine Augen , denn trotz der tiefen Finsterniß , die ihn umgab , gaukelten allerlei formlose Gestalten um ihn her . Das war sein empörtes Blut , welches ihn auch Funken und Blitze sehen ließ , die seinen Augen zu entspringen schienen . Dabei hatte er das Gefühl , als wanke der Boden unter ihm , und als er nun doch vorwärts strebte , dem Ausgang und der Treppe zu , schwankte er hin und her , und mußte sich an den Wänden halten und zuweilen einen Augenblick ausruhen , um nicht niederzustürzen . Von seinen verwirrten Sinnen blieb nur ein einziger klar und thätig - das Gehör . In seinen wildesten Gedanken , mitten in den qualvollsten Anstrengungen des kraftvollen Vorwärtsstrebens lauschte er angestrengt - und jetzt - hörte er abermals schleichende Tritte . Ja , das war er , dem das Mädchen die Thüre geöffnet ; er mußte es sein . - Und doch ! Er sammelte einen Augenblick seine zerstörten Gedanken , um sich zu erinnern , wo er sich befinde , und als ihm klar wurde , daß er im Magazine sei , wußte er auch sogleich , daß die Tritte , die er hörte , aus seinem eigenen Schlafzimmer herunter tönten und nicht aus dem ihrigen . Er horchte angestrengter . Er vernahm ein leises Klirren ; - ja , er irrte sich nicht : droben wurde ein schweres Schloß geöffnet . - Herr des Himmels ! das seiner Kasse . Er zuckte aus seiner horchenden Stellung empor , er strebte die Thüre zu erreichen , und als er gerade auf den Gang hinaus wollte , vernahm er , daß droben ein Fenster geöffnet wurde . Unwillkürlich wandte er den Kopf und blickte auf die untern Fenster , die von dem Magazin auf den Hof gingen und mit denen seines Schlafzimmers correspondirten . Da sah er , wie sich von oben ein Körper langsam herab bewegte : es war ein Mann , der sich an einem Stricke herunter ließ . - » Räuber ! Räuber ! « schrie Herr Blaffer , so laut er konnte . Dabei stürzte er gegen das Fenster , riß es auf und da in diesem Augenblicke der Körper eines Menschen , eines Diebes , gerade vor demselben schwebte , so stieß er demselben mit aller Kraft das große Packmesser in den Leib , so daß er augenblicklich den Strick losließ und dröhnend zu Boden fiel . Leider ließ sich Herr Blaffer darauf verleiten , dem Fallenden nachzublicken , aber nur eine Sekunde lang streckte er seinen Kopf zum Fenster hinaus . Dann taumelte er von einem furchtbaren Schlage auf denselben getroffen in das Zimmer zurück , wo er regungslos liegen blieb . - Der Lehrling hatte droben zitternd in einem Winkel seiner Dachkammer gesessen . Mehrmals war er aufgesprungen und im Begriff , herunter zu eilen , doch jedesmal hielt ihn eine große Angst zurück . Er war sicher , sobald er auf den Gang hinaus träte , augenblicklich zu Boden geschlagen zu werden . Wohl hatte er vernommen , das Jemand das Schlafzimmer des Prinzipals verlasse , - wahrscheinlich Herr Blaffer selbst , der sich in das Magazin hinunter begab . Später hörte er andere Tritte , die sich in dem Schlafzimmer verloren ; vielleicht war der Buchhändler wieder herauf gekommen . Ein Fenster wurde geöffnet und kurze Zeit darauf war es die Stimme des Prinzipals , welche » Räuber ! Räuber ! « rief . Jetzt eilte August auf den Gang hinaus und wollte die Treppen hinab , als er unten im Hause flüsternde Stimmen vernahm : die seiner Schwester und die eines Mannes . Was war das ? Von all ' diesem Räthselhaften überrascht , blieb er oben an dem Geländer stehen und horchte . Zwei Personen schlichen die Treppen hinab , durch den Gang nach der Hausthüre , und darauf vernahm er deutlich , wie diese letztere zugezogen wurde . Er hörte das Schloß zuschnappen , dann war Alles todtenstill im Hause . - Langsam , auf jeder Stufe stehen bleibend , stieg nun der Lehrling die Treppe hinab . Die Stille in dem Hause war ihm fürchterlich . Endlich gelangte er in die Küche , neben welcher die alte Magd in einem Verschlage schlief . Sie hatte von dem Lärmen nichts gehört und war schwer zu erwecken . August hatte die Thüre vorsichtig hinter sich geschlossen , und erst als er Licht angezündet und die Magd bereit war , ihm zu folgen , wagte er sich wieder in den Gang hinaus . Die Thüre des Magazins stand offen und in demselben lag Herr Blaffer am Boden , schwer athmend , doch ohne äußere Verletzung . Der Schlag auf den Kopf hatte ihn betäubt , doch kam er bald wieder zu sich ; und als er sich des Geschehenen erinnerte , als ihm all ' das Schreckliche einfiel , welches geschehen , preßte er beide Hände gegen seine Schläfe und eilte zähneknirschend in das Haus hinauf , um über die Größe des angerichteten Unglücks in ' s Klare zu kommen . Dies konnte nun nicht größer sein und war für ihn niederschmetternd . Die Thüre zu Mariens Schlafzimmer stand offen , sie selbst war verschwunden . Mit wankenden Schritten kehrte er in sein Zimmer zurück und wagte es kaum , seine geöffnete Kasse mit scheuem Blick zu betrachten : sie war leer - er war ein ruinirter Mann , und man hatte ihm Alles , Alles gestohlen . Als am andern Morgen die Polizei , von dem Vorfall in Kenntniß gesetzt , sich an Ort und Stelle begab , hatte es der Chef derselben für wichtig genug gefunden , sich selbst dorthin zu verfügen , um in seinem Besein die Lokal-Inspektion vornehmen zu lassen . Herr Blaffer , den die schrecklichen Vorfälle auf das Bett geworfen hatten , sagte ohne Rückhalt , was er wußte . August dagegen hatte sich vorgenommen , Einiges , wie zum Beispiel den Besuch des Herrn Brander , die Geschichte mit den Dukaten , sowie das Oeffnen der Hausthüre , als unwichtig zu übergehen . Doch waren der Polizeidirektor , namentlich aber sein erster Sekretär , nicht die Leute , denen eine Persönlichkeit , wie der blonde Lehrling , im Stande gewesen wäre , etwas zu verschweigen . August wurde in die Enge getrieben , und als ihm der Präsident mit angefaßter Nase , die er zornig bald rechts bald links zog und alsdann drohend in die Höhe schnellen ließ , auseinandersetzte , daß es ein wahres Verbrechen sei , der Polizei etwas zu verheimlichen , berichtete er die ganze Geschichte , ja er wurde gezwungen , am Schlusse weinend den Namen des Herrn Beil anzugeben , als des Freundes , den er erwartet . Man kann sich denken , daß Herr Blaffer über seinen ehemaligen Commis das Schlimmste aussagte , was namentlich den Polizeipräsidenten veranlaßte , ein genaues Signalement des Herrn Beil aufzunehmen , eine Sache , die bei der auffallenden Körperbeschaffenheit desselben nicht schwer war . Daß bei dieser Lokalinspektion die Fenster , durch welche sich der Dieb herabgelassen , sowie der Hof auf ' s Genaueste untersucht wurden , brauchen wir wohl nicht zu sagen . Auf dem weichen Boden des letztern fand man übrigens genaue Spuren von dem , was hier vorgefallen . Man sah , daß hier ein menschlicher Körper niedergestürzt war , man bemerkte Blutspuren und rings herum Fußtritte , welche deutlich anzeigten , daß mehrere Personen da gewesen , den Gefallenen aufgehoben und über die niedrige Mauer auf die Straße geschafft hatten . Der ganze Boden war mit schweren Stiefelabsätzen zertreten , und als sich einer der Polizeibeamten in seinem Geschäftseifer das Vergnügen machte , mehrere dieser Fußspuren der Länge und Breite nach zu messen , entdeckte er zufällig ein Papier , welches fast ganz in die feuchte Erde hinein getreten war . Da bei dergleichen Geschichten Alles von Wichtigkeit ist , so zog er es säuberlich hervor und händigte es dem Sekretär Seiner Excellenz ein . Dieser entfaltete es behutsam , warf einen Blick hinein und sein trockenes Amtsgesicht strahlte darauf vor Freude und Ueberraschung . » Euer Excellenz , « sagte er , als er das Papier dem Präsidenten überreichte , » hier ist der deutliche Beweis für meine Behauptung , die ich schon lange Zeit aufzustellen wagte , daß nämlich in hiesiger Stadt eine wohlorganisirte Bande besteht , welche von mächtiger Hand und , man kann es nicht leugnen , bis jetzt mit großer Umsicht geführt wurde . Dieses Papier enthält eine Instruktion über den hier verübten Einbruch , in der Alles auf das Genaueste vorgesehen ist . Wenn es nicht eine so schlechte Sache beträfe , so würde ich es außerordentlich nennen . « Die Nase Seiner Excellenz hatte sich gerade nach dem oberen Fenster gerichtet , doch fing er sie mit einem gewandten Griffe ein und zog sie auf das zerknitterte und beschmutzte Papier herab . Auf diesem stand mit sehr undeutlichen und verwischten Schriftzügen Folgendes : » Zwei , Sechs , Acht und Zehn sollen sich dabei betheiligen , sie umstellen das Haus , während Eins durch die geöffnete Thüre eintritt . Der Bewußte ist bereit , das Mädchen zu entführen ; er erhielt Gelder und Papiere und wird nicht eingeholt werden . Geräusch an ihrer Zimmerthüre muß den Andern hervorlocken . Forcirt er die Thüre , so muß ihn der junge Mensch auf sich nehmen , bis das Geschäft drüben beendigt ist . Es soll keine Gewalt angewandt , vielmehr wenn sich Hindernisse finden , die ganze Sache verschoben werden ! « » Da ist kein Zweifel mehr , « sagte der Präsident mit großer Wichtigkeit , als er gelesen , und fügte hinzu , nachdem er sich rings umgeschaut : » Vor allen Dingen gilt es nun , über die ganze Geschichte ein unverbrüchliches Stillschweigen zu beobachten . Unsere Leute sind durch ihren Eid gebunden ; der Buchhändler wird ohnedies nicht darüber sprechen , und was den jungen , angehenden Taugenichts anbelangt , so wollen wir den ein wenig in Gewahrsam nehmen . Das ist eine Sache , « wandte er sich mit leiser Stimme an seinen Sekretär , » die reiflich überlegt sein will und klug eingefädelt . Hauptsächlich muß uns Alles daran gelegen sein , den Aufenthalt des gewissen Beil zu erfahren , damit wir den fassen können . « Der Präsident unterstützte bei diesen Worten seine Rede pantomimisch dadurch , daß er mit seinen fünf Fingern die eigene Nase umspielte und sie dann plötzlich und unversehens ergriff . Der Sekretär aber spitzte wohlgefällig seinen Mund , schloß dabei die Augen und sein angenehmes Lächeln schien sagen zu wollen : o der ist uns sicher ! Fünfundsiebenzigstes Kapitel . General und Präsident . Vielleicht hat der geneigte Leser noch nicht vergessen , daß man von dem königlichen Adjutantenzimmer gerade vor sich einen Flügel des Schloßbaues sah , denselben , nach dessen Fenstern Graf Fohrbach , sowie seine jungen Kameraden zuweilen ihre Beobachtungen anzustellen pflegten . Der erste Stock dieses Baues war , wie wir ebenfalls wissen , von seiner Excellenz , dem General-Adjutanten Baron von W. , bewohnt , einem alten Herrn , dessen Bekanntschaft wir auf der Soiré e des Kriegsministers Excellenz gemacht . Der Baron hatte seine großen Eigenthümlichkeiten , und eine für die königlichen Adjutanten gerade nicht angenehme bestand darin , daß er stundenlang an einem Fenster seiner Wohnung saß und mit einer Lorgnette die Umgebung des Schlosses , die An- und Abfahrenden , Fußgänger und Reiter beobachtete . Es war gerade , als führte der alte Herr darüber ein Journal , denn wenn er zufällig etwas entdeckte , was nicht jeden Tag vorkam , so vergaß er das niemals und wußte es später bei einer Hoftafel , einem Ball oder dergleichen immer so anzubringen , daß irgend Jemand darüber in Verlegenheit kam , oder doch in den Fall sich entschuldigen zu müssen . Viele suchten die Ursache dieser bösartigen Schwatzhaftigkeit Seiner Excellenz in dem Alter desselben oder in der Einsamkeit , in der er seine meisten Stunden verbrachte , denn Kinder hatte er keine , und mit der Baronin , seiner Frau , so munkelte die böse Welt , lebte er auf gar keinem vertraulichen und mittheilsamen Fuße . Die älteren Herren bei Hofe aber , die ihn noch von der Zeit her kannten , wo er als Adjutant des hochseligen Königs fungirte , nannten ihn , wenn sie allein waren , einen boshaften Affen , dessen einziges Vergnügen es von jeher gewesen sei , die Leute unter einander zu verhetzen , überall Zwietracht zu säen und sich dann händereibend an den unangenehmen Scenen zu erfreuen , die er angestiftet . Wenn man übrigens die alte Excellenz sah , wie sie so mit gekrümmtem Rücken dahin schlich , die Hände hinter sich haltend , in der Rechten eine goldene Tabati ère , die sie mit zitternden Fingern beständig drehte , leise und vorsichtig dahin gleitend , um kein Aufsehen zu erregen , von einem Salon in den andern , und dazu das spitze , gelbe vertrocknete Gesicht , die lebhaften , listigen Augen und die schwarze Perücke , so mußte man , nach dem Aeußern urtheilend , unbedingt der Ansicht Derer sein , welche den General für einen Schleicher hielten und ihm nichts Gutes zutrauten . Bei den jüngern Adjutanten und Ordonnanz-Offizieren galt er überdies für einen Hofwetter-Propheten , und alle behaupteten steif und fest , wer von ihnen den Baron drüben des Morgens vor dem Rapporte in seiner weißen Nachtmütze am Fenster erscheinen sehe , der habe unbedingt im Laufe des Tages irgend eine Unannehmlichkeit zu erwarten . Und diese böse Vorbedeutung konnte nur paralisirt werden , wenn sich zufälligerweise auch die Baronin sehen ließ . Denn daß die arme Frau der gute Geist des Hauses sei , die Schönheit , Liebenswürdigkeit und Grazie in Person , darüber waren nicht blos die jüngeren und älteren Herren , sondern , was viel sagen will , selbst die alten Hofdamen einig . Die arme Frau führte aber bei ihrem Tyrannen ein beklagenswerthes Leben . Fast täglich berichteten die Adjutanten einander über Scenen , die es drüben gegeben , und wenn man gerade nichts sah , so hörte man öfters die schrille Stimme des Barons , oder entnahm einen vorübergegangenen Sturm aus allerhand kleinen Anzeichen . Man bemerkte dann die schöne Frau mit verweinten Augen , man sah sie in ihrem Coupé ausfahren , in welchem auf seinen Befehl die grünen Vorhänge fest herabgezogen waren . Der General wußte übrigens ganz genau , daß man ihn vom Schlosse aus beobachte , und deßhalb hatte er schon öfters wochenlang seine Fensterläden fest verschlossen gehalten . Doch konnte er sich nicht entschließen , die andere Seite seiner Wohnung zu beziehen , denn es war ihm , wie schon früher bemerkt , ein Bedürfniß geworden , die Ein- und Ausgänge des Schlosses vor Augen zu haben . Es war kurz vor der Carnevalszeit und der Major von S. hatte den Dienst in dem königlichen Vorzimmer . Er stand vor dem schon oft erwähnten Fenster , neben ihm Graf Fohrbach , und das Gespräch war unter Anderem auf die Bewohner des Schloßbaues gekommen , und beide Herren ergingen sich in ähnlichen Betrachtungen , wie wir sie eingangs dieses Kapitels unseren Lesern mitgetheilt haben . » Es muß da drüben in der letzten Seit etwas vorgefallen sein , « meinte der Major . » Du hast wohl auch davon gehört ? « » O ja . Aber im Hause selbst ist nichts passirt ; du meinst die Geschichte auf dem neulichen Hofkonzerte . « » Ja , aber ich weiß sie nicht genau . Ich hatte an dem Tag den Dienst und war sehr dankbar dafür , daß es uns freigestellt wurde , zu bleiben oder zu gehen . Ich zog begreiflicherweise das Letztere vor . « » Ich dagegen war glücklich , daß man mich eingeladen , « lachte der Graf . » Das glaube ich . Du durftest schmachtend die Augen niederschlagen und sie wieder öffnen ; du durftest dir mit vielsagendem Blick durch das Haar fahren und deinen Schnurrbart kräuseln , du durftest hüsteln durch alle Nuancen . « » Allerdings . Aber trotzdem sah ich , was bei Hofe vorging und bin geneigt , dir darüber zu rapportiren . Du weißt , ich fuhr mit Steinfeld hieher . Der arme Kerl , viele Jahre abwesend , war aus allen Bekanntschaften heraus und mußte sich vorstellen lassen wie ein neuer , eben erst bei Hof erscheinender Kammerherr . Nun , ich sorgte für ihn und machte ihm die Honneurs bei Hofe . « » Da fingst du bei dem jüngsten Ehrenfräulein an ; ich kann mir das denken . « » Im Gegentheil . Ich sparte Eugenie fast bis zuletzt auf , aber du hättest seine großen Augen sehen sollen , als wir nun zurücktraten und ich ihm zuraunte : Das ist die künftige Gräfin Fohrbach . « » Hm ! « machte der Major . » Aber die Geschichte . « Der Graf sah ihn einen Augenblick fragend an , doch kannte er ihn zu genau , um sich die vergebliche Mühe zu machen , ihn wegen des » hm ! « zu befragen . » Endlich also , « fuhr er fort , » suchte ich Hugo auch der Baronin v. W. zu präsentiren . Ich hatte sie zu Anfang des Konzerts gesehen , dann aber war sie mir aus den Augen verschwunden . Nun , ich präsentirte Steinfeld ihrem Manne , dem alten General , und bat ihn um die Erlaubniß , meinen Freund der Baronin vorstellen zu dürfen . - , Meine Frau , ' sagte er , ,klagt über Kopfweh und zog sich in die hinteren Zimmer zurück . ' Wir suchten sie also auf . « » Das hättest du nicht thun sollen . Eine so kluge Frau wie die hat immer ihre guten Gründe , wenn sie sich aus dem Cercle zurückzieht . Sie wollte vielleicht von Jemanden nicht gesehen sein . « » Du könntest Recht haben ; aber ich bin noch nicht alt genug , um alle Nuancen des Hoflebens zu verstehen . Nun also , wir fanden sie , ich stellte Hugo vor - « » Und die Baronin erschrak vielleicht ? « » Nein , die Baronin erbleichte nur , wenn man das bei ihrem ohnedies bleichen Teint sagen kann . Aber Steinfeld erschrak , fuhr zusammen , drückte krampfhaft meinen Arm und kam so aus aller Contenance , daß ich mich mit meiner bekannten Geistesgegenwart - die auch du kennst , « setzte er lächelnd hinzu - » in das Gefecht werfen mußte , um mit meinem Vorgestellten nicht eine totale Niederlage zu erleben . « » Und sein Erschrecken war auffallend ? « » Ungeheuer . Die kleine U. , die daneben stand , machte ein langes , überraschtes Gesicht . « » Und der alte General war in der Nähe ? « » Der Teufel führte ihn gerade daher , oder vielmehr der Herr Herzog , denn dieser brachte ihn gerade in dem ungeschickten Moment in die hinteren Zimmer . « » Das ist eine räthselhafte Geschichte , « meinte der Major , indem er den rechten Arm gegen das Fenster lehnte und den Kopf darauf stützte . » Und hast du auch gehört , wie man behaupten will , daß der General harte Worte zu seiner Frau sagte ? « » Etwas davon vernahm ich schon ; begreiflicherweise zogen wir uns aber zurück , deßhalb konnte ich an der Thüre nur verstehen , daß der General zu seiner Frau sagte : Madame , wir fahren nach Hause ! « » Vielleicht hat er überhaupt weiter nichts gesagt , denn du Weißt , wie in der Welt jedes Wort auseinander gezerrt wird . Die kleine U. war bei meiner Frau und wollte allerlei gehört haben , von Einverständnissen , die die ganze Welt merken müsse und die er , der General , schon entdecken wolle . « » Unter uns gesagt , Steinfeld erschien mir höchst merkwürdig . Er war wie verwandelt , wollte Niemand mehr sehen , sprach nicht mehr , und kurze Zeit nachher war er verschwunden . - Aber jetzt habe ich dir diese interessante Geschichte erzählt , dafür bezeige dich dankbar und sage mir , warum hast du vorhin hm ! gemacht , als ich von der zukünftigen Gräfin Fohrbach sprach ? « Der Major lachte laut auf . » Man kann sich bei dir nicht genug in Acht nehmen , « sprach er ; » ich glaube , du controlirst sogar meine Mienen . « » Weil die immer etwas zu bedeuten haben , und weil du obendrein hm ! machtest , und hinter deinen Hms steckt immer etwas . « » Es steckt eigentlich nichts dahinter , « entgegnete der Andere mit ernsterem Tone . » Aber wenn man so seine Brautschaften Freunden proklamirt , da muß auch Alles in Ordnung sein , glatt und eben und der Altar in Sicht . « » Nun , bei Gott ! « erwiderte einigermaßen verdrießlich der Graf , » ich sehe auch keine großen Steine mehr im Wege . Eugenie und ich - « » Ihr seid einig , das wissen wir , « sagte der Major mit einer Handbewegung gegen seinen Freund . » Mama werden auch über den mangelnden Reichthum der Braut hinweg sehen , auch sind der Herr Kriegsminister ein guter Vater ; aber vergiß nicht , daß deine Heirath in hohen Kreisen etwas mißliebig angesehen wird , und wenn Seine Excellenz einen tüchtigen Wink erhält , so könnte es kommen , daß man dich avancirte , zum Major machte und als Anhängsel zu irgend einer Gesandtschaft schickte . « » Zum Henker ! Du siehst immer schwarz ! « rief der Graf . » Ich weiß wohl , du meinst , der Herzog machinire gegen mich . Nun , ich glaube wohl , daß er trotz allen fehlgeschlagenen Versuchen noch nicht den Muth verloren hat . « » Ich sehe nicht schwarz , lieber Freund , « erwiderte der Major . » Aber ich kenne mein Terrain , und leugnen wirst du mir nicht , daß der Herzog auf Tod und Leben in das schöne Mädchen verliebt ist . Sie ist arm , aber von sehr gutem Hause ; ihn selbst verheirathet sehen , ist der sehnlichste Wunsch der Herzogin . Meinst du , es sei am Ende nicht möglich , daß sich der Herzog seiner Mutter declarirte und Eugenie zu seiner Frau machte , da sie ihm nichts Anderes sein will ? « Graf Fohrbach blickte mit dem Ausdruck eines großen Schreckens auf das Gesicht seines Freundes , ob dort nicht ein lächelnder Zug den Scherz verrathe . Aber die Züge des Letzteren blieben vollkommen gleich und ernst .