. Er erholte sich , er hatte sich wieder aufgerichtet . Die Krähen flatterten , durch etwas erschreckt , schreiend in die Höhe , die Morgenluft strich durch die Wipfel des Holzes . Es war ein Bedürfniß , sich selbst Luft zu machen , als Louis mit tonloser Stimme vor sich hin sprach : » In Rudolstadt , am Tage vor seinem Tode , hatte der Prinz an der fürstlichen Tafel gespeist . Die Familie nahm ihn beim Aufbruch mit sich in ihre Gemächer ; er winkte mir im Abgehen , daß ich auf ihn warte . Dort warf er sich ans Klavier und überließ sich seinen Phantasien . Er hat nie so schön gespielt . Ich stand allein in dem Saal , ein alterthümlich Zimmer , es dunkelte . Ich lehnte mich an den Fensterpfeiler und sah den Wolken zu , die über den Horizont strichen . Ich schloß wohl die Augen . Das waren Töne , die nicht die Finger den Tasten entlockten , die Seele wogte in düstern und schmerzlich weichen Melodien ; er schüttete sein Innerstes aus . Die Prinzessinnen weinten . Wolken , nichts als Wolkengetreibe mit blutrothen Streifen . Da fuhr eine kalte Hand über meine Stirn , die Hand des Todes , und vom Druck öffneten sich meine Augen . Es gleitete an der Wand hin , ein Schein , ein Licht , wie ich es nie gesehen - ein Roß in den Wolken , Pulverdampf , Staub . Es bäumte sich mit seinem Reiter - ein Blitzschlag , oder ein Strahl , aus den Wolken niederzückend - der Schädel spaltete - die Brust klaffte - der Reiter sank vom Pferde - und es ward wieder Nacht . - Im selben Augenblicke schloß das Spiel am Klavier mit einer grellen Dissonanz , als sprängen die Saiten . - Der Prinz , blasser als je , trat heraus und winkte mir , ihm zu folgen . Er blieb einsilbig . Als er mich entließ , sprach er dumpf : Ich habe meinen Tod gesehen - Er hatte gesehen , was ich sah . « - » Und ? « - » Er fiel am nächsten Tage . « - » Und Sie ? « - » Ich bin kein Fortepianospieler , der auf den Wellen der Melodien sein Schicksal beschwört . Und doch , vorhin drückte wieder dieselbe kalte Hand auf meine Stirn , die Wolken theilten sich und ich sah - ich sah nicht mehr , als ich schon längst gesehen , und ich sehe es wieder - « Er richtete sich plötzlich auf , er stand aufrecht . » Lachen Sie doch ! - Wenn Sie ein Schüler von Voltaire und Diderot , so müssen Sie mich auslachen - ich sah mich selbst . « Der Kapitän lachte nicht , ihn fröstelte . Er sah eine Patrouille mit einem Ordonnanzoffizier heraneilen . Er reichte dem Gefangenen die Hand : » So wünsche ich Ihnen wenigstens Eines - vor Ihrer letzten Stunde einen letzten Sonnenblick . « Bovillard schüttelte die dargereichte : » Das ist ein guter Wunsch . Das Scheiden von diesem Leben wird mir nicht schwer , ist ' s doch nur ein Rest , den ein Verschwender ließ - aber scheiden mit einer hellen Aussicht , von Harmonien umrauscht - und es ist mir gewährt , ich sah ein Bild - « Der Ordonnanzoffizier war herangetreten : » Der Gefangene soll schleunigst vor Seine Majestät den Kaiser gebracht werden . « - » Glück auf ! « flüsterte der Kapitän ihm zu . » Das ist Ihr schönes Bild . « In der kleinen Hütte eines Haidewärters stand der große Mann des Jahrhunderts . Sie war so klein , daß der Adjutant , der die Feder führte , sich in den Winkel drücken musste , um den Bewegungen des Kaisers Platz zu machen . Den Hut auf dem Kopfe , den Kapotrock über der Uniform , schritt er auf und ab , den Tubus in der behandschuhten Hand . Er diktirte , er sprach zu den Generalen , die im Halbkreis draußen standen , durch die offene Thür . Durch diesen vornehmen Wächterkreis war auch der Gefangene in die Hütte gebracht worden . Der Kaiser hatte ihn offiziell nicht bemerkt ; er diktirte weiter , er observirte mit dem Tubus durch das Fenster . » Wenn die Sonne aufgeht , okkupiren am linken Flügel die Tirailleure das Kiefergebüsch ! « kommandirte er zur Thür hinaus . Ein Adjutant flog fort . Jetzt , als er sich umwandte , bemerkte er den Eingebrachten offiziell . » Ein Spion ! « - » Ein Gefangener , Sire ! « Der Spion oder der Gefangene sank auch jetzt nicht auf die Knie , er zitterte nicht , er ertrug den kaiserlichen Blick , fest , ruhig . Vier Augen , die sich begegneten , ohne zu zucken . » Ihre Generale lassen die Spione hängen , ich lasse sie laufen . « Der Gefangene stürzte dem Großmüthigen nicht zu Füßen , er küsste nicht seine Füße . Der Angriff war fehlgeschlagen . Sonderbar , und doch stimmten Beide in ihren Empfindungen . Als der Kaiser jetzt wieder mit dem Tubus ans Fenster trat , glaubte der Adjutant ein Lächeln über seine Lippen schweben zu sehen . Auch über Bovillards Gesicht flog unwillkürlich eine Bewegung , die man so hätte deuten können . Wieder stand im Vorübergehn , wie zufällig , der Imperator vor dem Gefangenen still : » Ihr König hat Krieg gegen mich angefangen ; ich weiß nicht warum . « - » Ich gehöre nicht zu den Vertrauten Seiner Majestät , meines gnädigsten Königs , auch nicht zu seinen Räthen , « entgegnete Bovillard . » Meine Räthe haben mir ein gedrucktes Papier aus Erfurt gezeigt . Da steht lauter Unsinn drin . Ich kann nicht glauben , daß der König von Preußen drum weiß . « Der Gefangene schwieg . Der Kaiser winkte einigen Generalen und gab ihnen leise Befehle . Es lichtete sich vor der Hütte . » Ihr König ist ein guter Mann , « fuhr der Cäsar fort , » aber er hat böse Räthe . Sie sind von England bestochen . Er hört nicht die Wahrheit . Ich habe einen Brief von ihm erhalten , er schreibt , er will nicht Krieg . Ich will ihn auch nicht . Aber die Konspirationen meiner Feinde zwingen mich ; sie sind auch seine Feinde , aller Welt Feinde . Sie leben von Intriguen , sie möchten in ihrem Ehrgeiz , ihrer Rachsucht , die ganze Welt gegen mich aufwiegeln . « Der Gefangene schwieg . » Der Brief kam zu spät . Sagen Sie das Ihrem Könige . Das Blut , was vergossen wird , komme über ihre Häupter . Ich kenne sie - Alle - Alle ! « Der Cäsar musste noch Zeit haben zum Zorn ; aber die Gelegenheit war ungünstig . Wenn ein Gegner , der uns in Zorn bringen soll , schweigt , müssen wir uns selbst in Harnisch setzen . » Sie waren bei dem Prinzen Louis , « fuhr er dazwischen , - » ich meine in Saalfeld - Sie waren sein Freund . « - » Ich sah ihn fallen , den ritterlichen Fürsten , das edelste Blut , was für eine heilige Sache geflossen ist . « - » Er war betrunken , als er ausritt . « - » Er war der größte Bewunderer des größten militärischen Genius dieser Zeit , und sprach von Eurer Majestät mit der hohen Achtung , welche jeder große Mann einer andern Größe schuldig ist . « Die Antwort kam dem Cäsar ungelegen . Indem er sein Auge nach einem Punkte draußen richtete , rief sein Blick einen Obristen heran . Er mochte etwas sehen , was dem Feldherrn nicht gefiel . Nachdem er dem Unwillen gegen den Offizier Luft gemacht , hatte er den Ton gefunden , in dem er gegen den Gefangenen einfiel : » Diese Hitzköpfe sind es , diese Kriegspartei von hirnverbrannten Phantasten , diese Ideologen und Studenten ! Der Prinz hat seinen Lohn weg . Viel zu gut ! Wie , ist es erhört , hier schreibt mir der König von Preußen , er wünscht Frieden , er wünscht eine Zusammenkunft , eine Vermittelung . Die hätte sich so leicht gemacht . Und während sein König das mir schreibt , verlässt der Tollkopf seinen Posten , greift im rasenden Ehrgeiz meine Truppen an . Gleichviel ihm , wie viel Tausende darum ihr Leben ließen . Wollte durch die Attaque zur Schlacht zwingen . Und das nennt er Gehorsam gegen seinen Monarchen . Unerhört ! « Es war die ernsteste Stunde in Louis Bovillards Leben . Dem größten Genius des Jahrhunderts stand er , der Unbedeutende , gegenüber , gewürdigt einer Unterhaltung , um die ihn Millionen beneidet hätten , und in der brennenden Krisis welchen Momentes ! Und wie kam es , daß nicht Schauer vor der Größe , nicht Haß und Bewunderung wie Fieberfrost und Hitze , in ihm wechselten ? Nein , er entsann sich des spöttischen Artikels einer englischen Zeitung , worin der angebliche Unterricht geschildert ward , den Talma dem neuen Kaiser im Ausdruck tragischer Affekte gebe . Er sah nicht den Gewaltigen vor sich , sondern den Schüler des Schauspielers . » Sire , « entgegnete er , » es ist die Taktik der Preußen , einen gewissen Angriff nicht abzuwarten , sondern ihm zuvor zu kommen . « Seine Majestät der Kaiser musste aus irgend einem Grunde auch diese Antwort nicht gehört haben . Er fuhr im vorigen Tone , als wäre gar nicht dazwischen geredet , fort : » Füsiliren ließe ich ihn , wäre ich Ihr König , wenn er noch lebte . Weiß Ihr König nicht , wie auf diesen Prinzen die Hoffnungen der preußischen Jakobiner gerichtet waren ? Wer stand ihm dafür , daß sein Ehrgeiz nicht weiter ging ? Von politischer Freiheit sprach er , er klagte , daß ich die liberalen Ideen ersticke - ich kann Briefe des Todten vorlegen - eine Krone wäre ihm nicht zu hoch gewesen , wenn seine Freunde sie ihm boten . Kennt Ihr König diese Freunde ? Hab ' ich umsonst die Jakobiner in Frankreich zertreten , damit sie in Preußen ihr Haupt erheben ? Ihr König dauert mich . Er ist von Schwärmern und Jakobinern umgeben . Man will nicht sein Wohl , man will liberale Ideen . Ja , die will man ! « - » Lasst die Todten ruhen ! « sprach Bovillard . » Und die Weiber auch . - Mit toll gewordenen Frauen kämpfen müssen ! Und man soll nicht in Harnisch gerathen ! - Ich weiß Alles . - Warum ist die Königin bei der Armee ? - Was thut eine Frau , wo die Waffen entscheiden ? Ihre alten Generale sind außer sich . Weiber im Train , Weiber im Hauptquartier und eine Armee ist verloren . Ich sollte mich freuen . Nein , ich weiß , was sie soll . - Den König warm halten . Sie ist im Dienste Englands , von Alexander beschwatzt ; sie ist die Hoffnung oder die Puppe der Schwärmer für Deutschland . Sie hat ihn angetrieben , sie das Feuer geschürt , sie ist die - « » Sire ! « fuhr Bovillard auf , » muß ein Gefangener auf Alles schweigen ! « Napoleons Schlachtroß war vorgeführt . » Gebt ihm die Briefe ! « rief ihm der Kaiser , » und das schnellste Pferd aus meinem Stall . « Das Roß stampfte . Der Kaiser war so dicht an Bovillard getreten , daß die Gesichter sich fast berührten . » Junger Mann , die Sterne gehen ihren Lauf trotz der Weiberlaunen , und wehe , wenn in das Rad der Weltgeschicke eine Frauenhand greift . - Ich biete dem Könige von Preußen noch einmal meine Hand . Fliegen Sie mit dem Schreiben in sein Hauptquartier . Keinen Moment Rast , das Leben von Hunderttausend hängt an einem Haar . Dringen Sie zu ihm durch , selbst übergeben Sie ihm die Briefe , denn er ist von Verräthern umringt . Ich will den Angriff von Saalfeld , ich will Alles vergessen , aber keine Weiber zwischen uns . Die Königin muß fort . Sie bringen ihm , Ihrem Vaterlande Frieden , junger Mann . Rasch , ohne sich umzusehen , ohne zu athmen , wie der Blitz ! « Das Schlachtroß bäumte sich unter dem Imperator . Der erste Kanonenschuß tönte dumpf aus der Tiefe , und in dem Augenblick ging die Sonne auf , eine unförmliche , bluthroth dunstende Kugel , den Herbstnebel färbend , der nicht weichen wollte . Auch des Imperators Haupt war einen Augenblick von ihr angeglüht , der Jubelruf seiner Garden schwellte in die Luft . In Louis Bovillard rief eine Stimme : » Dieser Sieger bringt der Welt nicht das Heil , er bringt ihr den Sieg der Lüge . « Kaum daß der Kaiser fortgesprengt , stand der schönste andalusische Renner vor der Thür , man hob ihn hinauf , vornehme Offiziere waren dabei geschäftig , man empfahl ihm dringend Eile , die Richtung , die er zu halten habe , rechts am linken Saaleufer fort , damit er aus dem Bereich der scharmutzirenden Parteigänger komme , dann müsse er nordwestlich nach der Gegend zwischen Weimar und Auerstädt sich halten , rasch direkt nach des Königs Hauptquartier . Der Kapitän geleitete ihn wieder bis zu den äußersten Vorposten . Las er die Fragen und Zweifel auf der Stirn des Entlassenen ? Er flüsterte ihm zu : » Ein Emissär Napoleons , ein Herr von Montesquieu ist , wie ich eben hörte , von preußischen Parteigängern gefangen . Ihm könnte das Schicksal drohen , dem Sie entgingen . Die Großmuth ist vielleicht das Facit einer Rechnung . Gedenken Sie daran . « Das konnte es nicht sein ! Auf einer Höhe hielt er einen Moment , um Athem zu schöpfen . Der mit Millionen Menschenleben spielte , konnte zu einem solchen Spiel in solchem Augenblick sich nicht gedrängt fühlen - um einen seiner Offiziere ! Da hörten die einzelnen Signalschüsse auf , das Knattern der Tirailleure verstummte vor dem Krachen der Geschützsalven , es donnerte an den Bergen und die Erde unter ihm zitterte . Jetzt trieb ein frischer Morgenwind die Nebel aus einander . In dem Rahmen breitete sich zu seinen Füßen ein sonnenerhelltes Bild - die Schlacht von Jena . Und in ihm riß auch ein Vorhang , es ward heller und heller : dort will er den Fürsten von Hohenlohe schlagen , und er wird vernichtet , wenn das Hauptheer ihm nicht zeitig zu Hülfe eilt . Den König soll der Brief zweifelhaft machen , er soll , der Sirenenstimme der Friedenslockung horchend , den Moment versäumen , er soll zaudern , um selbst vernichtet zu sein ! Louis Bovillard fühlte an sein Herz . Es schlug nicht , wie es sollte , er fühlte seinen Puls , er konnte die Schläge nicht zählen , er drückte die Hand an seine kalte Stirn . Ein tiefbanger Seufzer stieg aus seiner Brust : » O Du Lenker des Weltalls ! - nur bis dahin - warum so groß die Mission , wenn der Athem so kurz ist . Kraft nur - dann - dann - « Der Andalusier unter ihm scharrte und schnaufte in frischer Morgenjugendlust : » Dank für das Geschenk ! « rief Louis . » Trage mich , mein Segler , durch die Lüfte . Du und ich , wir mögen in Staub sinken , wenn der Athem nur ausreicht zu einem Wort - ein letztes Wort ! « Vierundachtzigstes Kapitel . In der Dorfkirche . Im letzten Dorfe , welches die Königin passirte , hatten die Relaispferde gefehlt . Der Geistliche hatte seine Ackerpferde vorgespannt ; aber sie waren auch müde , eben von einer Vorspannfahrt zurückgekehrt . Die Königin glaubte dem alten Manne die Sorge um seine Thiere anzusehn ; sie hatte sich anfänglich geweigert sie anzunehmen . Der Prediger hatte erwidert : wer weiß , was heute sein ist , ob es morgen sein bleibt ! Wer es hingiebt zu einem guten Werke , hat das Bewusstsein hinter sich . Es war noch keine Flucht ; die Monarchin hatte endlich , von den tausend Stimmen , die laut und lauter gegen ihre Anwesenheit beim Heere sich aussprachen , gedrängt , das Hauptquartier verlassen ; sie wollte über Naumburg nach ihrem geliebten Magdeburg zurück . Es war ein herzzerreißender Abschied gewesen von dem Gemahl - der Schatten einer Leiche schwebte schon über der Umarmung . Ihr schwarzes Kleid galt der blutigen Erinnerung an den Prinzen Louis Ferdinand . Tausend wüste Nachrichten schwirrten durch Weimar , als sie es verließ . Alles hatte sich verändert , der Feind kam nicht von daher , wo man ihn erwartete , sondern griff vom Rücken an . So viel wusste man schon , nicht , wie weit er vorgedrungen . Die festen Positionen an der Saale mussten ihn doch aufhalten ! Aber Wirrwarr überall auf der Straße : verfahrenes Fuhrwerk , Marodeure , Kranke , umgestürzte , geplünderte Bagagewagen , versprengte Flüchtlinge , die , jenseits der Saale durch die ersten Angriffe der Franzosen geworfen , jetzt ihre Corps aufsuchten . Viele suchten sie auch nicht . Bei Lobeda war die sächsische Bagage , ehe die Franzosen erschienen , von den eignen Trainknechten aufgegeben , überfallen und geplündert worden . Wer mochte unter den Hunderten , die davon auf der Straße erzählten , die Vorfallenheiten vergrößerten , ausschmückten , die Beraubten immer von den Räubern unterscheiden ! Wohin war schon jetzt der Zauber der Autorität , wenn man Mühe hatte , für den königlichen Wagen Platz zu machen . In jenem Dorfe mochte die Ankunft der Monarchin eine Katastrophe abgewendet haben . Verwilderte Schaaren Zersprengter , die sich eingelagert , machten Miene , das Mein und Dein zu vergessen . ' S ist Krieg , da hört Alles auf ! hörte die Königin mit eignen Ohren . Welche Schadenfreude auf den Gesichtern jener Soldaten , die an der Hecke nicht schulterten , und sie trugen den preußischen Rock , sie wussten , daß es ihre Königin war . Es sind ausgehobene Polen ! Sollte die Monarchin dies zugeflüsterte Wort beruhigen ? Unter dem blauen Rock sei Herz und Verlaß , hatte man sie gelehrt . Wenn nun Tausende von Herzen darunter schlugen , auf die kein Verlaß war , und Friedrichs Disciplin fehlte ! Daß diese nicht mehr sei , hatte sie in Weimar , Naumburg , selbst in Berlin von so vielen klagenden Stimmen gehört . Auf dem Kirchhof sangen Marodeure , die ihre Beute von Lobeda theilten , unter wildem Gekreisch das Räuberlied : Ein freies Leben führen wir , ein Leben voller Wonne ! - Die Königin , während der Umspannung einen Augenblick abgestiegen , hatte in die offene Kirche treten wollen , der Geistliche aber bat sie , umzukehren , es seien da Verwundete , Sterbende untergebracht . Es mochte noch mancher andere Anblick sein , nicht geeignet für die Augen einer zarten Frau . Am Ausgang hatte sie ein hingesunkenes Weib bemerkt , die Züge des Todes auf ihrem blassen , schönen Gesicht . Der Prediger wollte den Anblick mit seinem Rücken decken , aber die edleren Züge des Mädchens in der widerwärtigen Umgebung interessirten unwillkürlich die Königin . Wie kommt die Unglückliche hierher ? Der Geistliche hatte die Achseln gezuckt : » Eins von den Geschöpfen , welche die Soldaten mitschleppen , oder sie laufen ihnen von selbst nach . So was gehört freilich nicht in ein Gotteshaus , aber wer kann ' s hindern . Sie haben sie auch wohl arg mitgenommen da bei der Plünderung in Lobeda und geschlagen . Sie blutete . « Die Königin fühlte das Bedürfniß , der Armen etwas Wohlthätiges zu erweisen . Ach , sie hatte nichts , nicht einmal das , was jeder ihrer Diener bei sich führte , eine Börse . Sie wollte einen heranwinken , aber der Stallmeister stand schon mit der Miene banger Ungeduld am Wagenschlag . Aller Mienen sagten : hier ist nicht länger zu verweilen ! Es war stiller geworden auf der Straße . Der Wagen mit den müden Pferden fuhr aber nur langsam in den aufgewühlten Wegen . Zuweilen ließ der Wind den Kanonendonner von der Mittagsseite herübertönen . Es schien eine stillschweigende Uebereinkunft , nicht darauf zu achten . Die Hofdamen , von Ueberanstrengung erschöpft , nickten . Auch die Königin hatte den Kopf in die Ecke gelehnt , zu schlafen geschienen . Jetzt richtete sie sich auf , warf den Schleier zurück und bedeckte das Gesicht mit beiden Händen . Nach einem kräftigen Athemholen löste sich ihr Schmerz in Thränen , sie glaubte ohne Zeugen ; aber ihr gegenüber in der Wagenecke wachten zwei Augen . Adelheid Alltag , die hier in bescheidener Zurückgezogenheit gesessen , wagte die Hand der Fürstin zu ergreifen und , halb auf das Knie sinkend , sie an die Lippen zu drücken . » Es ist ja noch nichts verloren . « » Nichts ! « sagte die Königin und schüttelte wehmüthig den Kopf . - » Aber Ihr Anblick , liebes Kind , sollte mir eigentlich Stärke geben . Würden Sie denn den Muth gehabt haben , Alles zu ertragen , wenn Sie voraus gewusst , was Ihnen bevorstand ? Die gütige Vorsehung verhüllte es mit einem Schleier . So hat der Vater im Himmel es wohl auch mit mir gefügt . Hätte ich das , was ich jetzt erlebe , noch vor zwei Jahren ahnen können , und wer sagt , was mir noch bevorsteht ! Da tänzeln wir im Flügelkleide der Lust und sehen überall Sonnenschein und Wiesengrün um uns , während die Herbststürme schon heranziehen . Aber es ist in seinem unerforschlichen Rathschluß , daß wir nichts davon ahnen , um gesund zu sein und stark , wenn sie hereinbrechen . « Adelheid versuchte von einer besseren nächsten Zukunft zu sprechen . Der Ton ihrer Stimme verrieth , daß sie nicht daran glaubte . » Nein , liebes Kind , ich täusche mich nicht mehr ; es ist vieles in diesen Tagen vor meinen Augen gerissen . Es ist nicht mehr , wie es war . Wohin ist unser Ansehen , wohin die Kriegszucht , wenn so kleine Derangements schon solche Unordnung bringen . Die Offiziere mussten ein Auge zudrücken . Wenn das die preußische Armee betrifft ! Wie hat man uns belogen ! Ich hörte Stimmen aus dem Volke - « » Wir sind hier nicht in Preußen . « » Auch in unserem Heere selbst . Ich hatte nicht geglaubt , daß unsere Offiziere so gehasst sind ! Dieser Widerwille gegen die Junkerherrschaft ! Und sah ich ' s nicht mit eignen Augen ! Die Brutalität gegen die armen Menschen , und diese alten Generale , denen drei Mann helfen mussten , um aufs Pferd zu steigen . Die in Weimar lachten , unsere Soldaten verzogen auch den Mund . Der wackere Rüchel suchte es mir zu verbergen . Ach , er ist auch gefürchtet und gehasst - « » Desto allgemeiner verehrt und geliebt ist Seine Majestät der König . « - » Gott sei Dank ! Aber auch ich bin verredet , gehasst , verleumdet . « - » Um Gotteswillen , Ihro Majestät , es ist nur eine Stimme der Liebe und Bewunderung - « Durch einen Lärm draußen wurden sie unterbrochen . Eine durchdringende Stimme hatte schon aus der Ferne ein wiederholtes Zurück ! gerufen . Die Pferde , entweder scheu geworden oder angehalten , hatten eine Bewegung nach rückwärts gemacht , auch der Wagen war davon zurückgestoßen , als man das Fenster von innen niederließ . Ein staubbedeckter Reiter sprengte mit verhängtem Zügel ihnen entgegen . Sein Wehen mit dem Tuche hatten sie in den Staubwirbeln , die um ihnen aufflogen , nicht gesehen . Jetzt hielt er am Kutschenschlag . - Da kam ein Schrei aus dem Wagen . Der Anblick konnte wohl ein zartes Frauenherz außer sich bringen . Er hing mehr , als er saß , auf dem Pferde , ein leichenblasses Todtengesicht mit gläsernen Augen und stierem Blick . Der Hut war ihm vom Kopf geflogen , die Haare hingen in zerrissenen Streifen vom Scheitel . Wie gänzlich vom Ritt erschöpft , hielt er sich mit den Händen am Sattelknopf , während die Lippen konvulsivisch bebten im Versuch , Worte hervorzubringen . Jetzt gelang es ihm , er riß zugleich Briefe aus der Brust , die Worte kamen abgebrochen vor : » Zurück - die Königin muß zurück - die Feinde in Naumburg - die Brücken genommen , Franzosen auf den Höhen von Kösen - ein Angriff von dort ! « - » Die Franzosen ! « schrien zehn Stimmen . » Wir sind verloren ! « die Hofdamen . » Kehrt ! Kehrt ! Auf der Stelle Kehrt gemacht ! « kommandirten die Stallmeister . » Ist schon Gefahr ? « rief die Königin zum Fenster hinaus . Ihr Blick schien dem Erschöpften auf einen Augenblick Besinnung und Kraft wiederzugeben . » Noch nicht - noch um Stunden sind sie zurück - mein guter Renner - aber Majestät muß nach Weimar zurück , über den Harz ist noch ein sicherer Rückweg . - Diese Schreiben an den König ! - Schreiben der Arglist - traue Niemand . « Die Briefe flogen aus seiner zitternden Hand grade noch in den Wagen , als dieser Kehrt machte und die Insitzenden den Reiter aus dem Gesicht verloren . Es war gut , daß die Hofdamen Riechfläschchen bei sich führten , ein Händedruck der Königin wirkte indeß vielleicht doch belebender . Luise hielt mit der Linken Adelheids Hand , während sie aus dem Fenster mit den Stallmeistern und den begleitenden Offizieren sprach . » Die Gefahr ist vorüber ! « sagte sie , den Kopf zurückziehend . » Er stirbt ! « rief Adelheid mit einer ohnmächtigen Bewegung , sich aufzurichten . Dann ward sie still und blickte ruhig vor sich hin . Wer Zeit und Sinn dafür gehabt , sie zu beobachten , würde jetzt ein Lächeln auf ihrem Gesicht erblickt haben . Wer hatte Sinn dafür , wer Zeit ! Der Wagen schien sich nicht fortzubewegen : alles Peitschen und Fluchen war vergebens bei den müden Thieren . Endlich stürzten sie ; es war aber am Eingang ins Dorf . Gefahr war nicht mehr , denn von der preußischen Avantgarde war das Dorf schon besetzt . Rüchel hatte einen Adjutanten der Königin nachgesandt , dessen Meldung mit der des Reiters übereinstimmte , sie müsse in Eil nach Weimar zurück , von dort seien Relais und Escorte nach Sondershausen und dem Harze für sie bereit . Aber noch fehlten die Pferde , auch am Wagen war etwas zu bessern . Die Königin ging ins Dorf zurück . Sie sprach lebhaft mit den Offizieren . Sie schien in raschen , scharfen Fragen den Sinn jeder Falte auf ihrem Gesicht entdecken zu wollen . Adelheid wankte allein . Er kam noch nicht . Sie wagte nicht zu fragen ; sie stand , ohne zu wissen wie und warum , auf dem Kirchhof . Ein angelehntes Hinterpförtchen führte in die Kirche ; eine einfache gothische Landkirche von Steinquadern , mit einer Balkendecke . Und doch hatten Reste von bunten Scheiben in den Spitzbogenfenstern sich erhalten ; spinneumwebt , verdunkelt von Staub und Wetter , und doch genug Farbe enthaltend , um dem Sonnenschein , der eindrang , eine dumpfe , gelb brennende Färbung zu geben . Sie passte zu ihrer Stimmung . Ob der Schein sie lockte , ob eine Ahnung ? Sie war eingetreten . Sie sah nichts von den Schrecken . Vielleicht waren sie schon entfernt . Auf den Stufen am Hochaltar lag der Bote , welcher der Königin die Rettungspost gebracht . Sein Pferd hatte sich losgerissen von den Vorreitern , die es auf einen Wink des Stallmeisters am Zügel führen sollten . Der Mann selbst war ja nicht mehr im Stande , es zu lenken . Im Dorfe war das Thier gestürzt mit seinem Herrn - ein heftiger , tödtlicher Blutsturz . Louis Bovillard hatte sich nicht mehr aufrichten können , der Pfarrer hatte ihn in die Kirche tragen lassen . Der Sonnenschein fiel durch die gelben Scheiben grade auf sein Gesicht , als Adelheid eintrat . Sie schrie nicht auf , sie rang nicht die Hände , ihre Knie zitterten nicht . Schien es doch , als sei es nur die Erfüllung von etwas , was sie längst gewusst . Die Hände faltend blieb sie noch in der Entfernung stehen und blickte auf ihn , wie man zum ersten Mal den Grabstein eines theuren Verblichenen erblickt . Nicht einmal eine Thräne stürzte aus ihrem Auge . Aber etwas hätte sie befremden mögen , - auf der Stufe drunter die jugendliche Gestalt eines Weibes ; sie hatte ihr Tuch über seine Füße gebreitet und ihr Gesicht in seinen Schooß gedrückt . Ein Bildhauer hätte die Figur der Trauer nicht besser dargestellt . Ihr aufgelöstes Haar wallte um ihren Nacken . Auch die Anwesenheit dieser Trauernden störte sie nicht . Sie war jetzt neben ihm niedergekniet und hatte die kalte Hand erfasst , die sie an die Lippen drückte . Sie schien zu beten , als es hinter ihr rauschte ; die Königin legte die Hände sanft auf ihren Scheitel ; » Mein Kind , es trifft Jeden sein Theil und Du warst darauf vorbereitet . « - » Wenn er nur noch einmal die Augen aufschlüge ! « athmete sie leise . - » Um meinen Dank in den Himmel mitzunehmen , denn er hat seine Königin gerettet . Ich kann ihm nicht mehr danken . « - » Doch , Königin . « sprach Adelheid , sich umwendend . » Gönnen Sie mir die Freiheit