der gesunden Natur . Jeder Luftzug berührte ihn wie die magische Gewalt eines Kusses , der alle Lebenskräfte des Menschen elastisch weckt . Die Sinne gewannen Kraft , das Gegenwärtige festzuhalten und von ihm auf die Vergangenheit zurück- , auf die Zukunft hinauszuschließen ... Welch ein Chaos ! Welche unbekannte Länder , über die erst allmälig wieder ein heimatliches Licht fällt ! Was ist da Alles gewesen ! Was hat man erlebt oder nur geträumt ? Was ist Erinnerung , was nur Phantasie ? Die Kräfte des Geistes halten diese Thätigkeit noch nicht aus . Ermattet sinken die Schwingen wieder nieder und es ist dem Gedanken , als müßt ' er sich auf die Flügeldecken eines Käfers setzen und nur , um sich erhalten zu können , mit Käfern , nur mit Bienen so fortsummen , als gehörte man , ein Nichts , in ' s große Ganze und könnte nur leben im zitternden Sonnenstrahl . Es ist mir so , Louis , sagte Egon , als hätt ' ich eines Abends mit einem Kopfschmerz , der mir das Bewußtsein raubte , an jenem Fenster dort gestanden - er zeigte auf das Palais - und dich ein Lied singen hören als Frage , ob ich daheim wäre ? Du wolltest mich begrüßen , wie in Lyon , wenn du von Paris kamst und ich aus Louison ' s Armen auffuhr , horchend dem fernen Liede und der wohlbekannten Stimme des Bruders ! Oder war ' s nicht das Gondellied , das wir damals auf dem See von Enghien sangen ? Die muthwillige Barcarole ! antwortete Louis Armand . Ich glaubte nicht , als ich mir die verborgene kleine Thür dort aufschloß , deine Gestalt erblickte , das Liedchen anstimmte , dich erkannte und zu dir hinaufsprang über die kleine versteckte Treppe , daß ich dich fast bewußtlos antreffen würde und Alles wecken mußte und die Hülfe grade der Menschen ansprechen , die du von dir entfernen wolltest ... Sind wir also wirklich doch in meiner Heimat ? sagte Egon . Ja , ja , Das ist das Schloß meines Vaters - Das ist der Pavillon , über den ich gesprochen habe - wo ? zu wem ? O Gott ... wie schwer das Erinnern , wenn man sich fürchtet vor dem Vergangenen ! Louis , mir ist so schwach , daß ich noch am Grabe Louison ' s zu liegen glaube . Ich suche die Kreuze und Immortellenkränze des Cimetière Montmartre . Führe mich dahin ! Es wird mir schwer dies Erinnern ! Mein geliebter Freund , sagte Louis Armand und faßte Egon ' s Hand . Beruhige dich ! Die Todten ziehen Niemanden nach ! ... Sie gönnen uns das Glück dieser Erde , damit wir seine geringe Vollkommenheit erkennen und sehnsuchtsvoller einst dem Tode von selbst in ' s Auge blicken . Sie ziehen uns nicht nach ... wiederholte Egon und schwieg eine Weile . Dann fuhr er sich mit streichelnder Hand über sein leidendes edles Antlitz und hielt lächelnd einige Haare hin , die ihm dabei in der Hand geblieben waren . Immer mehr , immer mehr ! sagte er schmerzlich . Auf der Stirn sieht es herbstlicher aus als unter diesen Bäumen und Blumen . Sieh , wieviel Laub wieder in der Hand geblieben ! Da ! Noch mehr ! Noch mehr ! Ich sah mich gestern im Spiegel ... Ich habe Mitleid mit mir selbst und könnte um mich weinen . Ein Nervenfieber , sagte Louis , nimmt viel vom alten Menschen mit und gibt dafür einen neuen wieder . Selbst wenn deine Stirn so hochgewölbt bliebe , würde sie jetzt erst recht die Stirn eines Denkers scheinen . Allein die gütige Natur nimmt nur die Zeugen deines Leidens mit und gibt dir bald die Begleiter neuer Freuden . Und wenn sie nicht kämen ? fragte Egon lächelnd , doch besorgt um sein Äußeres , das man bisher schön genannt hatte ... Sie kommen , sie kommen ! tröstete Louis . Freilich ... wer weiß , ob Alle , die dich lieb haben , auch gerade die Stirn des Denkers an dir lieben . Louis sprach diese Worte ernst und voll Kummer . Egon seufzte . Er verstand sie wohl . Sie bezogen sich auf Helene d ' Azimont , deren Charakter man nur halb würde begriffen haben , wenn man hätte glauben können , daß diese stürmische , liebeglühende Seele es ertragen hätte , so ganz von Egon ' s wiedererwachtem Bewußtsein ausgeschlossen zu bleiben ... In der ersten raschen Entwickelung der mit großer Regelmäßigkeit vorübergegangenen Krankheit hielten die vereinten Anstrengungen der Ärzte und des treuen Wächters Louis Armand Helene d ' Azimont fern ; bald aber , mit den ersten in das freiwillige gesellschaftliche Exil , das sie sich auferlegte , hereinbrechenden Hoffnungsstrahlen ruhte sie nicht länger und bot jede List , jede Berechnung auf , um sich Egon zu nähern , sogar sein Krankenbett zu erstürmen und sich die Sorge für sein Leben ausschließlich anzueignen . Das Letztere mislang ihr freilich . Louis hütete den Fieberkranken mit der Treue eines Hundes . Er schlief auf einer Matratze zu seinen Füßen , ließ nichts in Egon ' s Hände kommen , was nicht vorher von ihm untersucht war , und wurde darin von den strengern Ärzten unterstützt ... Drommeldey , der ärztliche Rathgeber der vornehmen Stände , hatte wol sonst eine mildere Ansicht . Man hatte auch Sorge getragen , ihn mit der d ' Azimont sogleich bekannt zu machen ; allein so rührend sie zu bitten verstand , bis zu einem gewissen Zeitraum , der seinen Anordnungen zufolge erst heute eintreten sollte , duldete auch Drommeldey keine Aufregung seines Patienten . So blieb Helenen nichts übrig , als sich jenem Rafflard anzuvertrauen , dessen Ankunft in dieser Stadt sie mit so vielem Misvergnügen bei Paulinen von Harder vernommen hatte ... Wahrhaft erstaunt mußte sie sein , als dieser vertraute Freund ihrer Schwiegermutter sich ihr selbst näherte und ihr die innigste Theilnahme für ihr Leiden zu erkennen gab . Von einer Prüfung seiner Absichten war keine Rede ; denn er nahm ihren Schmerz für vollkommen begründet hin und weinte selbst über ihre Thränen . Sie faßte zitternd seine Hand . Rafflard , der geheime Jesuit , küßte die ihrige und sogleich war er mit in das Complot gezogen , das ihre vereinten Geisteskräfte geschmiedet hatten , um Egon nun zuvörderst die Nähe der Geliebten zu verrathen . Rafflard bot ihr darin jeden Vorschub . Man bestach alle Diener des Hauses . Rafflard setzte sich vorzugsweise mit den Wandstabler ' s in Verbindung und so war denn bald einmal eine Blume auf die grünseidene Decke von Egon ' s Bett geworfen , die seine Gedanken verwirrte , bald ertönte in den entlegenen Zimmern des Palais der Klang einer Harfe , die Helene mit einiger Virtuosität zu spielen verstand . Egon erfuhr zuletzt von Louis Armand selbst die Anwesenheit jener schönen Frau , aus deren Armen er sich in diesem Frühjahr auf der reizenden Villa von Enghien gewaltsam losgerissen hatte . Er seufzte . Das Übermaß ihrer Liebe schien ihn nicht zu beglücken . Es kamen Briefe mit einer unverfänglichen , geschäftlichen Außenseite ... man erbrach sie harmlos ; sie waren von Helenen . Als sie die Überzeugung gewann , daß diese Briefe gelesen wurden , gab sie jeden Morgen ihrem Geliebten das Tagebuch ihrer Sehnsucht und Beobachtung des kalten steinernen Palastes , der ihr so grausam noch den Angebeteten entzog . Ein solches Blatt überreichte Louis seinem Freunde auch heute . Egon nahm es mit gelassener Miene . Er hielt das aus der Enveloppe genommene zierlich duftende Papier mit feinen Arabesken und der gemalten Krone und den silbernen Buchstaben H.d ' A. lange in der Hand , ehe er sich entschließen konnte , es zu lesen . Wenn ich dem Leben erhalten bleibe , sagte er nach einer Pause ernster Betrachtung , wie soll ich mich mit diesem Verhältnisse zurecht finden ! Geliebt zu werden , sagte Louis , ist wol nur dann eine Last , wenn man nicht wieder liebt . Wie soll ich das Gefühl nennen , das mich an diese Frau fesselte ! fuhr Egon fort . Seit dem Tage am See von Enghien , wo Louison ihren Tod , wenn er einmal beschlossen war , glücklicher gefunden hätte als nach meiner Untreue ; welche Umwälzungen meines Innern ! Ich floh , um meinen Erinnerungen zu entrinnen und sie überholen mich und lassen mich nicht wieder los . Das sind die Erinnyen der Fabel . Man muß , sagte Louis mit Fassung und ohne die geringste Zurückhaltung zu Nutzen seiner eignen Ansprüche auf Egon , man muß den Lauf der Natur in seiner Bahn nicht unterbrechen . Mismuth über eine verkehrte Erziehungsmethode , die angedrohte Rache eines frühern Lehrers treibt dich von Genf abenteuerlich in die Welt hinaus ... Glaubst du , unterbrach ihn Egon , daß ich Rafflard ' s Bosheit fürchtete , der sich bei meinem zweiten Aufenthalte erinnerte , daß er wegen meiner und eines heimlich mir zugesteckten Casanova die Anstalt des Herrn Monnard verlassen mußte ? Deshalb , weil ich ihn an der offnen Tafel des Syndicus Lhardy einen heimlichen Jesuiten genannt hatte , deshalb allein wäre mir der Aufenthalt in dem kleingeistigen , beschränkten , spießbürgerlichen Genf unerträglich geworden ? Ach nein ! Es war der Zug nach einem kräftigen Wettkampfe mit dem Schicksal , der mich auf die Wanderschaft , hinauf zu den blauen Höhen des Jura trieb .. Ich schließe mich auf der Landstraße , ergänzte Armand , dem Wanderer in der Blouse an , heimkehrend von einem Ankauf von Nußbaumhölzern in Poncin , und nehme dich als Zeltkameraden in meine bescheidene Hütte , wo meine Großältern , meine Ältern , Verwandte , erinnerungsreiche Menschen , eine Schwester mit mir leben ! Du ergreifst die Axt , die Säge , ja führst sogar mit deiner zarten Hand den Hobel und ich glaube , daß du der Sohn eines Kaufmanns in Deutschland bist , verfolgt als politischer Verbrecher . Wie hab ' ich dich , eingedenk meiner Großältern und ihrer Schicksale , verborgen gehalten ! Wie gezittert , die feige Politik unsrer Regierungen würde dir eins der heiligsten Menschenrechte , das Recht des Asyls , versagen ! Wie glücklich war ich , daß du wie wir die Einsamkeit liebtest , die kleinen Freuden der Armuth theiltest , so vollendet dich auf französische Sitte und Sprache verstandest , daß das argwöhnische Auge der Polizei dich nicht entdeckte und dich für einen Schweizer nahm ... Und dennoch ... Nein , nein , klage dich nicht an ! Ich habe dich gehaßt , Egon , als Franz Rudhard , wie du dich nanntest , die Liebe meiner Schwester , seine eignen Schwüre vergessen hatte . Franz Rudhard , so standest du vor meinen Augen ! Den rauhen Namen hattest du dir von deinem ersten Erzieher gegeben , den du liebtest .. Franz Rudhard ! sagte Egon lächelnd , leise das gebeugte Haupt schüttelnd ... Louis , der mit den Gebrüdern Wildungen während seiner Wacht an dem Krankenlager nur in geringe Beziehung hatte kommen können , wußte wol kaum davon , daß Egon ' s alter Lehrer , von dem er in Lyon den Namen geborgt hatte , ihnen inzwischen wieder so nahe gerückt war . Der Alte lebt noch in Odessa ! fuhr Egon fort . Ich nahm diesen Namen , weil er in meiner Erinnerung mit einem stillen , häuslichen und bescheidenen Frieden der Familie im Zusammenhange stand . Als ich in euer Haus trat ... der verfallene Thorweg ... das niedrige Dach ... die Blumenterrasse ... die Ziege , die eben auf ein Bruchstück alter Römermauer geklettert war ... und Louison , die ihr nachkletterte und sie mit keckem Griff an den Hörnern herunterlenkte ... fort von ihren jungen Kürbissen und Melonen , die sie auf der Mauer pflegte und zog ... der freundliche Gruß des Vaters , der im Hofe arbeitete ... das prüfende mistrauische Grüßen der alten sarmatischen Großmutter , der Jagellona , einer gebildeten , noch aus Kosziuszko ' s Zeiten stammenden Polin .. sie thronte wie eine Zauberin unter dem Dache eines Feigenbaums , der eure Wohnung umwand , auf einer steinernen Erhöhung und klöppelte mit der alten Tante , einer Deutschen , ihrer Schwägerin , Teppiche ... von dieser wunderbaren Familie ergriffen , gehalten von deiner Freundschaft , geblendet von Louison , nehm ' ich für die Nacht vorlieb auf einem Sack von Maisstroh als Lager ... es ist ein Sonnabend ... am Sonntag begleit ' ich Louison schon in die Kirche ... Sie zeigt mir in der Frühe den Reliquienschrein der heiligen Märtyrer in der Kathedrale ... am Abend holen die Nachbarinnen sie ab und wir wandern nach der Croix-Rousse auf die Chaumière ... schon am zweiten Sonntag hatt ' ich einen Blumenstrauß von ihrem Hut gewonnen ... am dritten lohnte sie mich nicht mehr für meine Liebe , sondern nur noch für meinen Fleiß ... wir müssen uns beherrschen , sagte sie , arbeiten , Glück verdienen ... ich arbeitete , um den ersten Kuß zu verdienen ... ich arbeitete , um drei Küsse zu verdienen ... ich arbeitete ... Bis du sie ganz gewannst und sie ohne des Priesters Segen dein Weib war , fiel Louis ein . Beide schwiegen erschüttert ... Ein schwarzer verspäteter Schmetterling , den die Knaben am liebsten haschen , obgleich er der Trauermantel heißt , setzte sich eben auf das Papier in Egon ' s Hand . Als der bunte Sommervogel zu den Blumen entschwebte , war es ihnen , als hätte sie die verwandelte Seele Louison ' s begrüßt ... Ich klage dich nicht mehr an , mein Freund , sagte Louis . Du hattest uns getäuscht , aber auch dich selbst . Schon als wir von Lyon zur Erweiterung unsres Geschäftes nach Paris zogen und von Jagellona , der Tante , ja den Ältern selbst die Grabeshügel zurücklassen mußten , war die Erkenntniß über dich gekommen , daß dir die Kraft fehlen würde , diese Rolle länger fortzuspielen ... Keine Rolle ! rief Egon . Nie , nie hab ' ich daran gedacht , daß ich jenen arkadischen Schäfern von Navarra nachahmen wollte , die sich in Schäfer nur verkleideten . Ich war so mit mir einig , als Franz Rudhard in Paris zu wirken , meinen deutschen Beziehungen zu entsagen , daß ich es der Mutter kurz vor ihrem Tode nach Hohenberg schrieb und für immer von meinem vergangenen Leben mich lossagte . Eine Schwärmerei , sagte Armand , von der dich die Fahrt auf dem See von Enghien heilte ! Jene weichen Arme der Liebe öffneten sich , für die du geboren bist ! Damals , als ich noch glaubte , dein Name wäre Franz Rudhard , hätt ' ich dich morden können , daß du die Schwester verließest , die dir Alles geopfert hatte . Sie hielt mich zurück , sie hoffte auf deine Wiederkehr . Sie hoffte , bis der Thau der Nächte ausblieb und die Blume keine Thränen mehr hatte . Sie verwelkte . Ich erhalte einen Auftrag für eine Villa in Enghien , ich soll zu einem Tempel der Freude und des Glückes den Schmuck , die Vergoldungen und Spiegel zaubern , ich komme in das Boudoir jener Frau , wo Louison einst in deinen Armen sich von dem Unglück einer Wasserfahrt erholte ... Schweige , Louis , schweige ! rief Egon . Und Louis , erschreckend über sich selbst , fiel rasch ein : Vergebung ! Vergebung ! Was beginn ' ich mit einem Kranken ! Der Schmetterling auf diesem Papiere war das Bild der Versöhnung und ich hatte dir ja auch nur zu sagen , Egon , daß ich um Egon ' s willen Franz vergab . Schon als du uns verlassen hattest , ahnten wir deinen höhern gesellschaftlichen Ursprung , aber als ich auf dem frischgeschaufelten Grabe Louison ' s erfuhr , daß du ein Prinz bist , Sprößling eines vornehmen Hauses , daß du aus Liebe zu dieser Todten , aus Liebe zu dem bescheidenen Leben der Armuth , aus Hingebung an die große Sache der Arbeit , deinem Stande , deinen Titeln , allen Vortheilen deiner Geburt drei Jahre entsagen lernen , arbeiten konntest ... o , Egon , und wenn die Grabeshügel der Ältern auf den Tod meiner Schwester erst gefolgt wären , statt daß sie ihr vorangegangen , wenn das Herz des zu seiner Sphäre zurückkehrenden Jünglings mir das Leben der eignen Geliebten geraubt hätte ... wer weiß , ob ich nicht vergeben hätte um dieses heroischen Entschlusses willen , um eine That , so einzig und groß , daß ich alle eigenen Schmerzen vergaß und dein blieb , Egon , um der Sache des Volkes und der Menschheit willen ! Und ich verspreche dir , sagte Egon feierlich , daß diese von Patschouli duftende Verlockung - er zeigte dabei auf das noch ungelesene Papier - mich nicht aus der Bahn entfernen wird , auf der wir uns wieder begegneten und dein reines Herz meiner elenden Schwäche vergeben hat ! Geliebt zu werden ist süß ! warf Louis ein , um die Selbstanklage Egon ' s zu mildern . Ich sehe rathlos , fuhr Egon fort , auf die schmeichelnden Worte , die ich nun seit acht Tagen von dieser Unbesonnenen erhalte , die mir von dem Herzen Frankreichs hierher nachreist und an eine Trennung unserer Wege nicht zu denken scheint ! Ich zittre vor dem Wiedersehen . Es ist etwas in mir , das mir sagt : Louison ' s Schatten verlangt die Sühne der Trennung von Helenen ... Nein , nein , fiel Louis ein , Louison ' s Schatten ist gesühnt durch unsere Versöhnung an ihrem Grabe . Hätte sie geahnt , was du ihr zum Opfer brachtest , wer weiß , ob die Vernunft nicht Trostgründe geboten hätte , die heilend wirkten . Man soll nicht Liebe von sich stoßen ; nie ! nie ! Das Leben ist zu arm daran . Wenn ich nur nicht fürchten müßte ... Louis stockte und blickte zufällig auf den Pavillon ... Egon foderte ihn auf zu reden . Lies diesen Brief ! sagte Louis , um noch auszuweichen ... Egon entfaltete das duftende Papier und las , was ihm Helene d ' Azimont mit ihrer zierlichen kleinen Hand geschrieben hatte . Zweites Capitel Der Pavillon Helene schrieb Egon in deutscher Sprache : » Heute , mein geliebter Egon , sind sechs Wochen vorüber , als ich vor deinen Fenstern im Wagen hielt , mitten in der Nacht , eben von der Reise gekommen . Ich konnte nichts von dir entdecken als den Schimmer eines Lichts , das vielleicht vor deinem Lager stand , als du schon die Annäherung dieser schrecklichen Krankheit , die dich niederwerfen sollte , fühltest . O welches rauschende Leben glaubt ' ich zu finden , einen belebten Palast , auf- und abschwirrende Diener , hellerleuchtete Fenster , Wagengerassel ... und ich fand ein fast ausgestorbenes Haus , in dem nur mein Egon lebte , nur sein Pulsschlag mir hörbar erschien . Wie hab ' ich seitdem die Schläge meines Herzens gezählt ! Wie mich mit dem Ohr auf die Erde gelegt , um etwas von dir zu vernehmen ! O Gott , Das ertragen zu sollen ! Wenn ich zurück denke und mir noch einmal vorstelle , daß ich in einer Stadt mit dir leben und dich nicht sehen sollte , ich begriffe nicht , was einem Herzen möglich ist , das dulden kann und hofft . Aber nun öffnen sich auch die Himmel und die Genien der Liebe reichen mir den Kranz der Bewährung und des seligsten Lohnes ! Egon , ich werde dich wiedersehen , dir in ' s Auge blicken , den Kuß deiner Lippen fühlen . Ich zähle die Minuten , ich begreife nicht , wie mich die Vorsehung mit dieser Langmuth ausstattete , ich erkenne mich nicht . Mein geliebter Egon ! Wie konntest du fliehen ? Fliehen vor einem Herzen , das ohne dich brechen muß ? Laß mich leben ! Leben in deiner wiedergewonnenen Liebe ! Ich habe unter den Erinnerungsblättern an unser Glück heute das letzte angefangen , eine kleine Zeichnung des Tempels , den ich unserer Liebe auf meiner Villa in Enghien bauen wollte . Alle diese Skizzen , die ich nur mit ungeübter Hand entwerfen konnte , sind mein einziger Trost in dieser Einsamkeit gewesen . Der See , die Terrasse , der alte Eichbaum auf der Höhe des Waldrückens , die große Ebene mit dem Bahnhofe , meine kleine Veranda , die du so liebtest und so zierlich schmücken halfst , alle diese Blättchen hab ' ich im Vertrauen auf die Macht der Liebe , die auch die Schwingen des Talents kräftiger heben lehrt , als sie von Natur fliegen würden , mit zitterndem Bleistift hingeworfen . Ich suche einen Maler , der mir würdig scheint , sie auszuführen ; dann überrasch ' ich dich mit den Erinnerungen an schöne Tage . O sie werden wiederkommen ! Egon , hast du denn nicht Mitleid mit mir ? Nur ein Wort der Erquickung für meine zehrende Sehnsucht ! O laß mich bald an deinem Herzen ruhen , mein Geliebter , mein einziger , einziger Egon ! « Es war Dies eine Apostrophe , wie sie Egon seit vierzehn Tagen in immer gleichen Lauten der Verzweiflung , der Liebe und der ohne Weiteres vorausgesetzten Wiedervereinigung erhielt . Als er das Papier gelesen hatte , summten ihm im Gedächtniß die Shakespeare ' schen Verse : Wenn Ihr Euch meiner nicht erbarmt , mein Lieber , Baut ' ich an Eurer Thür ' ein Weidenhüttchen Und riefe meiner Seel ' im Hause zu , Schrieb ' fromme Lieder der verschmähten Liebe , Und sänge laut sie durch die stille Nacht , Ließ ' Eure Namen an die Hügel hallen , Daß die vertraute Schwätzerin der Luft Olivia ! riefe ! O ihr solltet mir Nicht Ruh ' genießen zwischen Erd ' und Himmel , Bevor Ihr Euch erbarmet ! Beide Freunde schwiegen ... Was ist da zu thun ? begann Egon nach längerm schmerzlichem Nachdenken . Nur zu wachen , sagte Louis ernst , daß diese Liebe männlich bleibt , deine Gedanken nicht verweichlicht , deine Entschlüsse nicht lähmt . Ah ! sagte Egon , diese Liebe ist doch ein Unglück . Damit richtete er sich auf . Das Gespräch hatte ihn nicht erschöpft . Die Sprossen auf der Leiter der Gedanken , die er langsam wieder zu erklimmen versuchte , brachen nicht . Er fand sich in seinen Erinnerungen zurecht und aus der wiedergewonnenen Kraft des Geistes theilte sich , stärkend , eine Belebung des ganzen Körpers mit . Er faßte Louis ' Arm und wandelte zwischen den Blumenbeeten . Sie kamen in die Gegend jenes Pavillons , dessen Inneres Künstlerhände für die lebhafte und bequeme Phantasie des alten Fürsten Waldemar , des Generalfeldmarschalls , geschmückt hatten . Egon kannte dies Innere und betrachtete nachdenklich die angelehnten grünen Jalousieen . Er besann sich , ob er nicht einst Jemanden eingeladen hatte , sich in diesem Saale , unter Spiegeln , Blumen und kerzenstrahlenden Lüstres die Geschichte seiner Liebe erzählen zu lassen ... noch wollten aber solche Gedanken nicht haften . Nur wie auf flüchtigen Sommerfäden zogen sie an ihm dämmernd vorüber und streiften sein Gedächtniß ... Sie traten dem Pavillon näher . Egon besann sich schmerzlich lächelnd auf dessen Bestimmung und öffnete leise eine der Jalousieen . Kaum war Louis , der sich eben , weil die Gartenthür ging , umgewandt hatte , von ihm veranlaßt worden , gleichfalls einen Blick auf diese üppige Einrichtung zu werfen , als er die Jalousie auch sogleich fallen ließ . Träum ' ich ? rief Egon oder sah ' ich ... Louis bemerkte seinen Schrecken und trat näher . Als auch er die Jalousie fallen ließ , schüttelte er den Kopf und schien nicht begreifen zu können , warum er noch staunte . Es war ein Spiegelbild Helenens ! sagte Egon . Wol muß es die Gräfin d ' Azimont sein , erklärte Louis . Irgendwo wird sie in dem Pavillon verweilen . Der Spiegel fing sie von dieser Seite her wie ein lebendes Bild auf . Sie schlief ? sagte Egon . Sie schien zu schlafen ... sie ruhte nur . Der Spiegel empfängt seinen Reflex von jener Seite her , wo das Badezimmer meines Vaters ... Komm , Louis ! Komm ! Damit wollte Egon stürmisch zu jenem Fenster hin , wo die magische rothe Beleuchtung einer Kuppel auf eine zierliche Rotunde fiel , deren Bilder , Statuen , Vasen wir bereits oberflächlich kennen und erst später gründlicher betrachten werden . Auch Louis begriff nicht , wie die Gräfin dorthin gelangen , dort auf einem Divan in beinahe phantastischer Kleidung schlummern konnte . Er glaubte an den Reflex eines dort aufgehängten Bildes ... Er schickte sich an , dem Prinzen zu folgen , der den Eingang nur vom Hofe aus gewinnen konnte und in stürmischer Eile mit trunkenen Sinnen , wie elektrisirt , das schöne verführerische Ziel suchte . Doch in diesem Augenblick hielt sie Sanitätsrath Drommeldey auf . Ei , ei , wohin so rasch ? rief der Arzt und schlug Egon auf die Schulter . Dieser wandte sich , unangenehm überrascht , und hätte sich gern von dem Arzte losgemacht . Aber der Gehorsam eines Genesenden hinderte ihn . Der Arzt hatte schon den Puls in der Hand und behauptete , daß Egon zu lange im Garten verweilt hätte . Er müßte hinauf ... Nein , nein , sagte Egon , es ist nur eine augenblickliche Aufregung ... und so wollte er zu dem Eingang des Pavillons hin . Der Arzt hielt ihn aber sehr entschieden zurück und sagte : Ich statuire keine Aufregungen . Sie bleiben hübsch an meiner Seite , Durchlaucht ! Damit faßte er Egon ' s Arm und lenkte in eine Allee des kleinen Parkes ein , die der Thür , die zum Hofe führte , zunächst lag . Er machte mancherlei Vorschriften und endete damit , daß er sagte : Unter diesen Bäumen ist es zu schwül und unter den Blumen dort lauern noch immer die bösen Geister des Fiebers . Sie müssen sich an frischer reiner Waldluft stärken . Ich schreibe Ihnen für heute Folgendes vor : Nachmittag vier Uhr nehmen Ew . Durchlaucht einen Wagen und fahren mit Herrn Louis und sonst einem Freunde auf das königliche Schloß Solitüde . Dort kommen Sie um punkt dreiviertel auf fünf , ich sage punkt dreiviertel fünf - der Sonne wegen - an , steigen aus , durchwandern die noch sonnenwarmen Boskette , einige Gänge des Parks und setzen sich auf dem kleinen Hügel , wo man die berühmte Aussicht auf die Felder und den dort so mächtig sich ausdehnenden Fluß genießt , eine Viertelstunde in der Sonne nieder ; dann lassen Sie den Wagen an der Südpforte vorfahren , sind mit fünfzig Schritten wieder auf Ihren Polstern und kommen einige Minuten nach sechs Uhr wieder in Ihrem Zimmer an , wo Sie sich etwas vorlesen lassen , eine Suppe essen und um acht Uhr zu Bett gehen . Wird Das befolgt werden ? Egon hatte nur halb zugehört . Er war zu bewegt , zu elektrisirt von dem Gedanken , daß Helene so in der Nähe war , so auf ihn lauschte , so vielleicht in jenem Pavillon auf seinen Anblick gewartet hatte und darüber entschlummert war ... Louis aber , der aufmerksam zugehört hatte , antwortete statt seiner : Pünktlich ! Herr Sanitätsrath ! Nun begleit ' ich Sie auf Ihr Zimmer , sagte Drommeldey , einer kleinen Tisane wegen , die Sie doch noch nehmen sollen und die ich verschreiben muß . Kommen Sie , Durchlaucht ! Bald besuch ' ich Sie nur , um Ihnen von der Welt zu erzählen und mir von Ihnen Pariser Anekdoten auszubitten . Mit feiner weltmännischer Gewandtheit faßte der diesmal allopathisch gestimmte Arzt den träumenden , erschütterten Egon unterm Arm und führte ihn durch den Hof in die vordere Fronte . Louis aber folgte in einiger Entfernung . Zum Pavillon zu gehen und sich in den Cabineten zu überzeugen , ob dort die Gräfin d ' Azimont wirklich auf einem Divan schlief , wie er in jenem Spiegel gesehen hatte , dazu konnt ' er sich nicht überwinden ; aber Doretten Wandstabler , die im Hofe sich tief knixend vor dem Prinzen verbeugte und nicht ohne Gefallsucht zur Feier der Wiedergenesung des jungen schönen Herrn eine gewählte Toilette gemacht hatte und recht auffällig mit einem ungeheuren Bunde Schlüssel klingelte , Doretten Wandstabler hielt er an und sagte energisch : Sie haben die Gräfin d ' Azimont in den Pavillon gelassen ... ? Vergeben Sie ! sagte Dorette schon etwas trotzig . Der Herr Sanitätsrath haben es selbst befohlen . Wie ? Der Arzt wußte ... ? Sie wollte in den Garten stürzen und den Prinzen .... Ein Arrangement ! sagte Louis vor sich hin , voller Entrüstung und die weitern Worte der Beschließerin überhörend . Dann fragte er laut : War die Gräfin allein ? Herr Professor begleiteten sie ... Hören Sie ihn nicht husten ? Herr Professor ? Wer hustet ? Dorette erröthete , daß sie von einem Manne wie von einem gewöhnlichen Besucher sprach , den sie doch gegen Louis Armand bisher verheimlicht hatte . Jetzt aber , wo der Arzt selbst für das Complot gewonnen war , glaubte sie sich nicht mehr so ängstlich zurückhalten zu müssen und ergänzte ihre Aussage dahin , daß sie den Professor Rafflard meine . Louis wollte reden ; aber Egon sah sich nach ihm um . Er folgte dem Prinzen , der nun auf Louis gestützt , zum ersten male wieder die große Treppe bestieg und mit völliger Abwesenheit des Geistes den materialistischen Auseinandersetzungen zuhörte , mit denen Drommeldey gewohnt war , die Psyche seiner Reconvalescenten neu zu beleben und ihnen die