Der Mann hat Gefühl ! Er erinnerte sich meines Lebens und wurde mein Beistand ! Die Rache gab er auf ! Welche Rache ? Ich sagt ' es nicht ? Er war von dem Mönche am Tage vorher beleidigt worden . Der Pater ist voll Heftigkeit und vor den Narben in seinem Antlitz kann man erschrecken ! Herr Löb Seligmann beschwichtigte den Küfer und ich gewann wieder meine Kraft . In Güte hab ' ich mit ihm mancherlei besprochen und er ließ mir die Tasche und er versprach zu schweigen ... Das können Sie nur durch eine flammende Beredsamkeit erreicht haben ! sagte Lucinde und gedachte der schauervollen Tage auf Schloß Neuhof , der Lisabeth , ihres eigenen Verhörs , ihres Schwurs ... Den Küfer kenn ' ich und die That auch , um die es sich handelt ... Was sagten Sie ihm , das ihn so entwaffnen konnte ? Wieder kam jetzt Nathan herein und machte sich schaffen , um die aufregende Unterhaltung zu stören ... Veilchen wurde nun selbst über ihn verdrießlich ... Mir scheint , Herr Seligmann , sagte sie , Sie suchen den gestrigen Tag ! Ich suche das nächste Jahr ! fuhr Seligmann zornig auf . Wo werden Sie sein , wenn Sie nicht aufhören , Ihre Nerven - zu malträtiren ! Meine Nerven sind mein ! sagte Veilchen hinter dem Zornigen her ; mit irgendeinem Gegenstand , den er scheinbar gesucht hatte , war er wieder gegangen ... Ja , Fräulein ! fuhr sie zu Lucinden gewandt fort : Ich sprach , was ich eben sprechen konnte . Die Leidenschaften kenn ' ich und ich schilderte die Rache . Ich sagte , daß alles gut im Menschen ist , was ihm zum Bedürfniß wird seiner Selbsterhaltung , falls seine Selbsterhaltung die andern nicht kränkt und die Erkenntniß Gottes befördert . Ich sagte : Großmuth und Edelsinn sind die einzige Waffe gegen die Leidenschaften ! Ich bewies dem Mann , daß es sich um die Ehre eines Geistlichen handelt ! Ich schilderte ihm die Leiden eines Priesters und einer ewigen Entsagung ! Ich sah , daß der grimmige Mann ein Ohr für meine Rede hatte , und da gab ich ihm die Hand und sprach : Auch mein Feind war der Mann , der in wilder Blindheit eine grausame That gethan hat , die sich Gott wie seine andern Thaten wird gemerkt haben ! Ich sagte ihm , daß ich gehört hätte , der Mann wäre ein Greis jetzt , voll Kummer , und verschwendete an die Armen und die Priester , daß sie ihm haben seinen eigenen Sohn zum Wächter setzen müssen ! Dann sagt ' ich ihm , daß ich dem Pater einen Schwur gethan , der mehr als meine Ehre , der die Ehre Gottes selber wäre ! Bei dem Gotte Spinoza ' s ? warf Lucinde ungläubig lächelnd ein . Wer ist dieser Gott ? fuhr sie fort , den Kopf aufstützend ... Den Hut hatte sie gar nicht abgenommen ... Das kann ich nicht sagen ! erwiderte Veilchen . Aber jedenfalls ist es auch Ihr Gott ! Es ist der Gott des Mannes , den ich liebte ! Es ist der Gott , der in nächtlichen Stunden aus den Sternen zu uns sprach , wenn wir im schönen Garten der Dechanei Arm in Arm spazieren gingen - damals bewohnte sie der Herr Dechant von Asselyn noch nicht - ! Es ist der Gott , in dem die Seele des Geliebten sich damals mit der meinigen vereinte ! ... Und dennoch verließ Leo Perl diesen Gott ? fragte Lucinde ... Nathan öffnete wieder die Thür und wisperte : Warum möcht ' ich doch , daß der Kirchenfürst heute begnadigt würde und den Schwarzen Adlerorden noch dazu kriegte mit Brillanten ? Nun ? fragte Veilchen und machte eine Miene der Spannung auf einen » Witz « - trotz ihrer feuchtschimmernden Augen ... Weil uns dann die » Gecken « hier keine Zeit lassen würden zum - Schwätzen ; bitte um Vergebung , mein Fräulein ! Sie sehen , mein Fräulein , sagte Veilchen aus ihren Thränen heraus , als die Thür rasch geschlossen wurde , er ist unglücklich über den abgesagten Carneval und fürchtet , daß er neben seinem Geld auch noch den Kopf verliert , falls wir uns wieder mit der Kirche einlassen ohne Kanonen . Verlangen Sie also von uns nichts mehr ! Der Küfer sitzt im Gefängniß und hat sich vor der Regierung compromittirt ... Der Pater kam damals zurück und bekam seine Tasche und ich hab ' ihm erzählt , was damit vorgefallen . Wenn der Kronsyndikus todt ist , dann will er dem Küfer dienlich sein . Ich weiß nicht , was ihm muß sein Vater aus dem Grabe für wunderliche Sachen zugerufen haben ... Nun ist das schon vier Monate her ... Der Mönch kam noch einige male , wurde aber verrathen und seitdem ist er ganz gefangen und daß ich mit ihm durch die » Stufenbriefe vom Kalvarienberge des Lebens « correspondire , ist jetzt alles , was wir noch wagen können . Aber Herr Nück ! Herr Nück ! Der ist allmächtig ! Sprechen Sie ja mit Herrn Nück ! Der Pater ist krank , Sie hörten es ! Er sehnt sich nach seiner Heimat zurück , manchmal zu einem Mönche , den er Vater Ivo nennt , manchmal zu einem andern , Bruder Hubertus ... Nun Sie sahen es ja vorhin ... Was soll ich ihm schreiben , mein Fräulein ? Lucinde stand träumend und blickte finster und voll Mismuth ... Wie denn schreiben Sie ihm ? fragte sie ... Durch die nächste Correctur ! Mit Pünktchen ... Lucinde vergegenwärtigte sich die Worte , die Nück zu ihr gesprochen : Ueberreden Sie ihn , nach Belgien zu gehen ! Sie mochte von Klingsohrn nicht länger ihre Bahnen durchkreuzt sehen und um sich zu dem kalten Entschlusse , ihn für immer aus ihrem Leben zu verweisen , zu ermuthigen , sagte sie sich sogar , daß die geistige Verkommenheit desselben jeden erschüttern dürfte , der seinen Geist , seine Kenntnisse , seine Kraft als besser verwendbar zu schätzen wüßte ... Die Jüdin stand erwartungsvoll und wie bittend ... Sie wären nicht geneigt , die Zelle des Paters zu besuchen ? fragte Lucinde . Mein Fräulein ! lehnte erschreckend Veilchen ab ... Herr Seligmann nicht - ? Dieser antwortete selbst durch ein heftiges Rumoren nebenan ... Lucinde wußte , daß es sich hier um eine geistige Aufrichtung Klingsohr ' s handelte , die kaum anders , als von ihr selbst kommen konnte ... Sie bedachte einen Brief , den sie etwa schreiben könnte ... Die Augen der kleinen Jüdin leuchteten hoffnungsvoll ... Eine Pause trat ein ... Aus vielen Gründen , sagte dann Lucinde , nachdem Veilchen als die einzigen Personen , die man allenfalls zu dem Pater ließe , den Arzt , Medicinalrath Goldfinger , oder einen Geistlichen oder vielleicht den Druckerburschen genannt und hinzugefügt hatte , daß der Wächter des Hauses auch bei diesem vielleicht nicht in der Zelle zugegen bleiben würde - aus vielen Gründen wünscht ' ich , daß der Pater aus seiner Lethargie erwache ... Das ist herrlich ! rief Veilchen ... Ich wünschte , fuhr Lucinde grübelnd fort , daß er seine Muthlosigkeit aufgäbe , daß er sich für seinen nun einmal gewählten Beruf erkräftigte ... Ja ! Ja ! ... Ich würde ihm rathen , mit allem , was ihn hier bedrängt und ihn auch künftig in Fesseln halten wird , lieber für immer zu brechen und vielleicht - ins Ausland zu fliehen ... Stellen Sie ihm alles das vor ... Ich ? Wie kann das ich ? ... Sie meinen - um die Vergangenheit - Das hinderte nicht ... Schreiben Sie es ihm ... Ich schicke sogleich in die Druckerei ... Der Bursche ist ein guter Junge - und pfiffig ... Haha ! Kaplan Michahelles hatte den auch in eine Druckerei gegeben ... Hernach soll er nach Belgien und Jesuit werden ... Jesuit ? Ist Ihnen das ein so gleichgültiges Wort , daß Sie lachen ? Hab ' ich die Welt zu verbessern ? Ihre Duldsamkeit scheint größer , als Ihr Wahrheitseifer ! Was ist Wahrheit ? Mindestens ist die Wahrheit das Gute ! Was ist Gut ? Suchen Sie nicht , was wahr , gut und gerecht ist ? Was ist Recht ? Sie anerkennen nicht Recht oder Unrecht ? Recht geht so weit wie Gewalt ! Wie einmal das Leben ist ! Aber - Im Himmel auch ! Gott ist nicht weiter allgerecht , als er allmächtig ist ! Lucinde mußte lachen über dies Wortspielen ... Was ist Ihnen die Tugend ? fragte sie , jetzt sogar zutraulicher geworden ... Ah ! Die Tugend ist mir viel ! Die Tugend ist die Erkenntniß Gottes ! Sie kehren , seh ' ich , alles um , was wir Christen glauben ! Haben Sie vielleicht auch keine Freiheit des Willens ? Wenn Sie hungert , müssen Sie essen ! ... Richtig , Sie wählen die Speisen ! Aber - Sie wählen Speisen , die Ihr Appetit Ihnen vorschreibt ! Jetzt begreif ' ich , sagte Lucinde lachend , wie Sie über sich bringen , falsche Medaillen in die Welt zu setzen und die Spitzen da in Kaffee zu tränken , nur damit man glauben könnte , Maria von Medicis hätte sie schon getragen ... Hören Sie ! Ich nenne das Betrug ! Ein hartes Wort ! sagte Veilchen erschreckend . Dann aber setzte sie mit einem gewissen elegischen Tone hinzu : Mein Fräulein , was ist die Kunst ? Ein falscher Schein ! Was ist das ganze Leben ? Eine Mummerei ! Wer dreißig Jahre in solchen Possen lebt , wie ich hier unter den bunten Röcken , nimmt die Possen der Erde für ihren Ernst ! Ich kehre alles um ! sagen Sie ? Ganz recht ! Sie lieben ! So sagen Sie ? Ich sage : Sie glauben , daß Sie geliebt werden ... Keine glückliche Lebensauffassung ! seufzte Lucinde . Ihr Spinoza , glaub ' ich , war krank ... Das war er ... Er entsagte und entbehrte ... Zu sehr ... Er schuf sich eine Philosophie für die , die nichts mehr wollen und nichts mehr wünschen ... Er liebte die Freiheit ... Eroberte sie sich aber nicht ... Wer die Erkenntniß hat , hat alles ... Das bestreit ' ich ! Sehen Sie , da gebe ich einen einzigen reellen Genuß für alle Schatten der Erkenntniß ! Geschmackssache ! ... Auch Wahrheitssache ! Eine einzige Reliquie , die ein Gläubiger küßt , ist , wenn man einmal Religion haben will , mehr werth als Ihr Gott , der wahrscheinlich die ganze Welt sein wird oder die Natur ? Der Mönch sagte dasselbe ... Ich lass ' es ihm ... wer Religion braucht ... Fräulein ! Fräulein ! Ich wünschte - die Spitzen da nicht in dem Kaffee zu sehen ! Veilchen zog ihre Haarnadeln aus , ließ ihre Locken fallen , stützte das Haupt auf und sagte träumerisch : Spinoza sagt einmal : » Einen Mann hört ' ich mir neulich zurufen : Da ist Ihr Hof in den Huhn geflogen ! Der Mann versprach sich nur . Er wußt ' es nicht . Wozu sollt ' ich ihn erinnern , daß er sagen wollte : Sie meinen , Ihr Huhn ist in den Hof geflogen ! Er irrte sich , aber ich verstand ihn ja . « So rufen uns alle Religionen zu : Da ist Ihr Hof in den Huhn geflogen ! ... Machen die Religionen gute Menschen , wozu diese Sprachfehler corrigiren ? ... Ebenso gibt es ganz vernünftige Menschen , die keine antiken Spitzen , wie die da , die Elle zu einem Viertel-Brabanter-Thaler nehmen ! Sie wissen vollkommen , was echte Spitzen , die noch Maria von Medicis getragen hat , für einen Werth haben ! Lassen Sie uns getrost die falsche Grammatik der Erde sprechen . Wenn hier in der Stadt die Herren von der Regierung und die alten Offiziere sagen : Gott straf mir ! so wissen wir alle , sie meinen : Gott straf mich ! Gott und was und wen wird wol einst die Ewigkeit strafen ! Die Welt will Wunder - und Ahasverus macht sie ihr ! resumirte Lucinde ... Sagte der Franciscaner auch ! Ihr rächt euch an der Welt , die euch verstieß ! Ihr macht sie verkehrt , lacht dazu und laßt sie laufen ... Sagte der Franciscaner auch ! ... Je nun , mein Fräulein , Sie haben vielleicht Recht ! Ich gebe mich nicht für vollkommen aus . Glauben Sie mir , wenn man die Welt nicht lieben kann und nicht hassen mag , da ist es am besten - man führt dem Nathan Seligmann sein Geschäft , wie ein armes Mädchen , das verlassen und kränklich in der Welt stand und nichts zu erwerben wußte , vor dreißig Jahren es vorgefunden ... Ja , ja , Sie haben vielleicht Recht , der Franciscaner sagte auch , in dem einzigen kleinen grünen Streifen Tuch - da läge der ganze Unterschied zwischen seinem Gott und dem Gott Spinoza ' s ! Lucinde grübelte über dies Wort und hätte darüber vielleicht noch gestritten . Aber Nathan unterbrach aufs neue die Unterhaltung der beiden im Denken , nicht im Fühlen verwandten Frauen und bewies somit vollständig , daß die Philosophie des klugen , aber willensschwachen Mädchens seit dreißig Jahren vorzugsweise von seiner Tyrannei bedingt wurde . Seinen Helm und seinen Panzer warf er , als wenn sie von Eisen wären und keine Beulen bekommen könnten . Seine bunten Geckenkleider und Tirolerhüte trug er hin und her , nur um damit seinen Wunsch auszudrücken , daß Veilchen zu dem Ziele käme , die ganze Beziehung seines Geschäfts zu Staat und Kirche ein für allemal abzubrechen und die Sorge für den Mönch in Lucindens Hände zu legen ... Lucinde betrachtete schon lange nachdenklich die bunte Herrlichkeit um sich her und sagte : Wenn ich wüßte , wie ich selbst den Pater sprechen könnte - O , das wäre das Beste , Fräulein ! O erbarmen Sie sich seiner ! Lassen Sie ihn noch einmal Ihre schöne Hand küssen ! Ja , Sie , Sie können ihn erheben , Sie können ihm neue Kraft verleihen ... Für sein ganzes Leben - möcht ' ich ihm - einen Rath geben - Man wird Sie nicht zulassen ! ... O das ist traurig ! Ziehen Sie diesen Rock an ! sagte Seligmann , sich wieder vorwitzig einmischend und hielt ihr eine braune Mönchskutte entgegen ... Aber Herr Seligmann ! rief Veilchen vorwurfsvoll ... Der Störenfried entfernte sich ... Er hat nicht Unrecht - ! entgegnete Lucinde ... Veilchen blickte mit Staunen ... Hat jener Druckerbursche wol - meine Gestalt ? Himmel ! triumphirte Veilchen und schlug die Hände zusammen und freudestrahlend begreifend blickten ihre Augen und die Stimme dämpfend sprach sie : Eine ganz neue blaue Blouse hab ' ich - Eine kostbare schwarze Sammetmütze mit einem Schirm - im Abenddunkel - Da könnten Sie - wahrhaftig - ! Der Wächter des Hauses würde mich begleiten ... Lucinde wich nur einer allzu hastigen Zustimmung aus ... Nein ! Oder schützen Sie Eile - die Censur vor - die Censur ! Diesmal soll die Abscheuliche segensreiche Früchte tragen ! In Lucindens Innern sagten tausend Stimmen : Aber würdest du entdeckt ! Aber käme auch diese neue Demüthigung auf dein großes Schuldbuch ! ... Ebenso viel andere Stimmen sprachen : Ist es nicht ohnehin dein Letztes ! Der morgende Tag muß für dich - für Paula - für Nück - für alles , alles auf ewig entscheiden ! ... Die Jüdin flüsterte fort und fort , malte die Gefahrlosigkeit des Unternehmens , beschrieb den Eingang des alten Profeßhauses , die Lage der Zelle des Mönches , alles , was sie von dem jungen Burschen wußte , der Jesuit werden sollte , wie Tönneschen Hilgers auf Lindenwerth - die Väter der Gesellschaft Jesu sind in ihren Collegien ihre eigenen Handwerker und eine von einem Laienbruder dirigirte eigene Buchdruckerpresse zu besitzen muß für sie überall eine große Annehmlichkeit sein - Sie versprach , Lucinden umzukleiden ... sie zu begleiten bis an die Pforte ... sie draußen wieder zu erwarten ... Lucinde hörte und hörte und stand im Kampf der Entscheidung über - ihr ganzes Dasein ... Die Jüdin betheuerte ihre Verschwiegenheit , versprach , Herrn Nathan in nichts einzuweihen ... Sabbat war es ; sie würde von Nathan verlangen , daß er den Abend zum Nachtgebet in den Tempel ginge und der » gemüthlichen Börse « beiwohnte , die sich nach demselben in der Vorhalle zu versammeln pflegte ... Während sie so fortflüsterte , drängte sich in die verworrene Musik im Innern Lucindens ein einziger melodischer Accord , der zuletzt die Oberhand behielt . Diese sanfte Harmonie , die sie zuletzt sogar wie mit Opferfreudigkeit erfüllte , entwickelte sich aus verworrenen Anfängen und sprach nach und nach : Du hoffst noch einmal auf deinen unglücklichen Genius ! Läßt er auch dies Werk scheitern , dann - dann gibt dir vielleicht dein religiöser Ruf die Rechtfertigung , daß du eine That vollbringen wolltest , die einem Streiter der Kirche zu Hülfe kommen sollte oder - ! Nein , nein , in hoc signo - sie sprach sich ' s lateinisch - in diesem Zeichen wirst du siegen , selbst unterliegend ! Gelingt aber die Flucht , auch dann verlangst du von Bonaventura morgen die Beichte , die erste und - vielleicht die letzte ! Auch das mag er hören , entschuldigen - verurtheilen ! ... In einem Briefe hatte sie schon in erster Morgenfrühe Bonaventura vor seiner Reise noch um eine Generalbeichte gebeten . Rasch brach sie ab und versprach , in der Abenddämmerung , um die fünfte Stunde , wiederzukommen ... Eine Secunde - und sie war gegangen . Als Veilchen Igelsheimer allein mit Herrn Nathan Seligmann war , überschüttete sie diesen mit den bittersten Vorwürfen , verweigerte ihm alle Auskunft , schmollte ernstlich und versparte sich bis nach dem Mittagsessen den Antrag auf den Tempelbesuch , den er in den Abendstunden machen sollte ... Und ihre Spitzen und ihre Medaillen und die alt sein sollenden Kupferstiche sah sie wirklich mit Unmuth an und murmelte vor sich hin : Spinoza war krank ? Er liebte und wurde nicht erhört und ging dann hin und schrieb über die Liebe , als wäre sie eine mathematische Figur ... Beweisen will er das menschliche Herz wie die zwei rechten Winkel bewiesen sind , die sich in jedem Dreieck von selbst verstehen ... Ha , dies muthige , tollköpfige Mädchen ! Ihr schwarzer Kopf ! Ihre feurigen Augen ! Ihr trotziger Schritt ! Die kann alles , was sie will - ! Und sie glaubt an die Freiheit des menschlichen Willens ! Die könnte mich ja - fast irre machen ! Wär ' ich ein Mann , dann gewiß ! Es war ihr , als wenn der Gott Spinoza ' s dem Menschen die Thatkraft , den schönen Wahn , der allein das Oel zur wahren Flamme des Lebens gibt , die ganze tausendjährige Poesie geschichtserzeugender - Irrthümer nähme ... Nur eine Weile war ' s ihr so . Sie kehrte bald in ihr sanftes , lächelndes Dulden zurück . 10. Im siebzehnten Jahrhundert war es , wo sich der Jesuitismus zu jener Alleinherrschaft innerhalb der katholischen Kirche erhob , durch die sein Sturz mehr herbeigeführt wurde , als durch die Philosophie der Aufklärung . Die übrige Geistlichkeit , die der weltlichen sowol wie der Ordenssphäre , lieferte im stillen die Materialien zu jener Verfolgung , die sich zum Sturz der auch von ihnen gehaßten mächtigen Staatenlenker und Gewissensräthe verschworen hatte . In jener Zeit des höchsten und übermüthigsten Triumphes entstanden die großen Kirchen und Collegien , die auf den Namen der Jesuiten gehen und nach dem entarteten italienischen Geschmack , der damals herrschte , gebaut worden sind . Es war die Eleganz der gewundenen Bandschleife eines Zopfes , die glatte Dressur des über den Kamm gestrichenen Haares , die Form der gebogenen Schnalle an den Schuhen , die auf die Windungen , Rundungen , Cannelirungen , Fenstersimse und Portale der Architektur übertragen wurde . Das Innere der Kirchen wurde mit Marmor und Gold überkleidet . An den Altären erhoben sich gewundene Säulen , umgeben von schwebenden Engeln , die die gemüthlichen Wirkungen , die sonst die Malerei hervorgebracht hatte , jetzt auch durch die Plastik versuchten . Alles sollte sinnlich , erfaßbar , wie wirklich und leibhaftig in die Augen fallend erscheinen . Blumen wurden in halb erhobener Arbeit bunt an die Decken und Wände geheftet , plastische Heiligenbilder schmückten sich mit Farben und mit wirklichen Kleidern . Man wollte das Wohlgefallen aller Sinne gewinnen . Sogar die Glocken auf den nicht mehr zu hohen , nicht mehr zum Himmel anstrebenden Thürmen erhielten einen eigenen Rhythmus . Die Jesuitenglocken schlagen in kurzathmiger , schnellaufender Hast eine zwei- oder dreitönige musikalische Figur an , deren endlose Wiederholung , wie eine jener alten Litaneien , die man in Abendmetten vom Chor anstimmt , die Seele zuletzt so verwirren und betäuben kann , wie die Begleitung mit Trommel oder Pfeife asiatische Tänzer und Schamanen . Aber in den ersten Anfängen der Verbreitung des von Loyola gestifteten neuen geistlichen Ritterordens war das Auftreten desselben bescheidener ... In der Residenz des Kirchenfürsten gab es eine stattliche Jesuitenkirche mit marmornen Portalen . Ihr gegenüber lag das Collegium der Väter in jenem Styl , in dem unter Ludwig XIV. gebaut wurde . Beide Sitze der alten , von Ganganelli gestürzten Herrlichkeit gehören nicht mehr den Jesuiten , auch seitdem das Jahr 1848 ihnen fast allein - Erfolge der Freiheit gegeben hat . Ihr früheres ältestes Profeßhaus liegt in einem entlegenern Theile der Stadt und hat das Ansehen eines mäßigen Klosters ... Ein Hofraum ist von drei Seiten mit einem zweistöckigen Gebäude umgeben , von der vierten Seite mit einer hohen Mauer , in der sich das Eingangsthor befindet . Eine kleine düstere Kapelle unter hohen breitastigen Bäumen liegt an der Pforte von außen ; von innen , ehe man den grasbewachsenen Hof betritt , muß man erst an der Wohnung des Pförtners vorüber . Ein kleiner Thurm mit durchbrochenem Glockenstuhl und einer alten heisern , schon lange geborstenen Glocke bezeichnet die Stelle , wo sich noch jetzt eine damals nur für die Väter bestimmte Kirche befindet . Das Dach des dreigeschenkelten Hauses ist von Schiefer ; die Fenster sind winzig klein ; ein neuer weißer Kalkanstrich steht in grellem Contrast zur Verfallenheit des ganzen Gebäudes , das sowol durch die vorliegende vergitterte kleine unzugängliche Kapelle , in welcher der mit Immortellen und gemachten Blumen und bunter Madonna verzierte Altar etwas von dem Gespenstischen eines Wachsfigurencabinets darbietet , wie durch die ringsumher stehenden uralten Bäume auf seinem etwas hoch gelegenen einsamen Platze einen unheimlichen und düstern Eindruck gewährt . Dies alte Profeßhaus dient jetzt noch zu allerlei geistlichen Zwecken . Es ist nicht in allen seinen Zellen bewohnt . Hier in dem einen Flügel scheint es eine Art Krankenhaus zu sein ; denn ein hüstelnder langer , hagerer Greis , den nicht mehr die Tonsur unter dem Sammetkäppchen als Geistlichen erkennen lassen würde , öffnet ein Fenster und hält die Hand in die rauhe Abendluft hinaus . Seit Jahren ist er heiser , kann nicht mehr die Messe singen und fand , da er seine Pfarre aufgeben mußte , hier im alten Jesuiter-Profeßhause seine Versorgung . Dort jener gegenüberliegende Flügel deutet auf eine Strafanstalt . Einige Fenster sind vergittert und wiederum ist es ein Geistlicher , der einen Moment eine lange Pfeife durch die Eisengitter steckt und sich den mit Schnee gemischten , in Glatteis übergehenden Regen nicht verdrießen läßt . Ein Irrsinniger ist es nicht , aber die ganz klaren Gedanken kommen ihm selten . Seine Stelle mußte er verlieren , weil er in die Messe zuweilen deutsche Zwischenreden mischte , den Wein beim Namen des Gewächses nannte , bei Austheilung des heiligen Brotes ein : Wohl bekomm ' s ! mit einfallen ließ , auf der Kanzel Wirthshausanekdoten erzählte und in den Beichtstuhl mit der Pfeife im Munde ging . Nicht so schlimm ist er , wie sein Nachbar links , den man ganz absperren mußte , weil er kein weibliches Wesen erblicken kann , ohne mit ihm Gespräche anzuknüpfen , die selbst einem Laien nicht gestattet sind . Sein Nachbar rechts wieder ist ein so heilloser Flucher , Schwörer , Händelsucher und Wirthshausmatador , wie nur ein geborener Bauernsohn sein kann , der , wenn er wieder in ein Amt kommen sollte und auf seiner Pfarre dem Oberförster , dem Amtmann , dem Schulmeister begegnet und nicht den Gruß so geboten bekommt , wie er ihn verlangt , den Leuten den Hut vom Kopf schlägt . Noch jetzt geht er im Zorn aus Rand und Band und kann schon lange nur durch Hunger gezähmt werden ... Strafklöster und Strafanstalten gehören dieser Kirche ausschließlich an und sind in solchem Grade eine stillempfundene Demüthigung ihres Priesterstandes , daß man sie gern eingehen ließe . Man bedient sich dazu des Vorwandes , daß unter den Geistlichen neuen Stils keine Vergehen so arger Art mehr vorkämen ... Der mittlere Bau , an welchem sich im Sommer vom Grase des Hofes empor hier und da einige Weinranken auf der weißgetünchten Wand hinziehen , hat einige freundlichere Zimmer , ein Refectorium und nach der entgegengesetzten Seite zu sogar ein schmales Gärtchen , das indessen schon lange von einer alten hohen Mauer , der Brandmauer anderer Gebäude , begrenzt wird . Hier finden oft arme durchreisende Geistliche ihr Unterkommen . Mancher von ihnen wird auch zu irgendeiner Verantwortung berufen ; andere kommen in eigenen Geschäften und scheuen die Ausgabe in einem Gasthofe ... Die Ordnung in einem solchen Hause aufrecht zu erhalten , ist keine geringe Aufgabe . Nicht nur gehören dazu Fleiß und Umsicht , auch Unbestechlichkeit , Pflichtgefühl jeder Art und physische Kraft . Für die Reinlichkeit sorgt eine alte Frau , die durch ihre Kleidung sich als zum Geschlecht der Grazien gehörig ausweist ; sonst würde man sie den Männern und solchen zugerechnet haben , die ohne Gefahr für ihre Gesundheit bei Schleusenarbeiten in Morast leben können . Dies zarte Wesen ist die Hanne Sterz . Nur ein Auge hat sie , ist lahm , kocht aber leidlich . Die Elasticität ihres rechten Fußes hat sie von einem unglücklichen Eingeklemmtwerden in einer der Zellenthüren auf der Strafseite des Profeßhauses , da , wo Entbehrung selbst über Macbeth-Hexen hergefallen wäre . Frau Hanne Sterz zählt schon siebzig Jahre und verdient den Beistand , der ihr seit einigen Monaten durch einen ihrer Anverwandten wird , einen groben , rothhaarigen Knecht , den man den Joseph nennt . Ueber Hanne Sterz aber und dem Joseph steht der eigentliche Verwalter des Hauses , ein ehemaliger Soldat , den die Regierung installirt , ohne ihn vom Gehorsam auch gegen die geistlichen Behörden zu entbinden , die eine Art Jurisdiction und Disciplinargewalt in diesen Mauern ausüben können . Aber Herr Kratzer muß der Regierung von jedem Misbrauch dieser Befugnisse der Curie Anzeige machen und die Rapporte über die im Profeßhause befindlichen Einwohner und deren Befinden allwöchentlich abliefern . Denn Fälle wie die , daß man in die unterirdischen Gefängnisse geistliche Strafgefangene wirft , sollen nach dem Willen der Regierung nicht mehr vorkommen . Kratzer führt die Schlüssel zu den unterirdischen Gängen der Stadt . Er hat dafür zu sorgen , daß sie nicht misbraucht werden . Längst ist es der Plan der Regierung , sie zu verschütten . Bis dahin muß Kratzer sie so reinlich halten , als es die Ratten und sich einmündenden Kloaken erlauben . In diesem Amte unterstützen den » Castellan « die herculischen Schultern irgendeines vom Staat besoldeten Knechtes . Joseph ist einer der vielen , die Kratzer schon in diesem Amte als Beistand hatte . Er selbst scheint einer jener alten ergrimmten und ewig verstimmten Invaliden ohne Weib und Kind . In dem kleinen Hause an der Pforte , die er wie ein Cerberus hütet , wohnt er . Grützmacher ist andern Glaubens als Kratzer ; hätte er den Kameraden im Sommer so am offenen Fenster , im Lehnstuhl sitzend und rauchend und mit unveränderlich mürrischer Miene in dem weißbebarteten Antlitz immer auf dieselbe Stelle im Hofe , immer auf dieselbe kleine bunte Winde oder Kresse in dem sechs Fuß breiten Gärtchen , das er um sein Häuschen herum angelegt hat , blickend gefunden , er würde ihn entschuldigt und gesagt haben : Die Menschen verstehen gar nicht diese furchtbare Müdigkeit eines alten ausgedienten Militärs ! In zwei der kleinen Zellen des Mittelbaues wohnt seit einiger Zeit Pater Sebastus . Anfangs war er nur hier in Herberge . Seit einigen Monaten ist er ein Gefangener . Täglich erwartet er eine Entscheidung , wann und unter welchen Umständen er zum Kloster Himmelpfort bei Witoborn zurückkehren darf . Er ist krank , will keinen Arzt , liest und schreibt nur und grübelt . Seine Petitionen an die Curie und die Regierung enthalten schon lange nur noch die Bitte , rauchen zu dürfen . Diese verwies dafür auf jene , jene auf diese , und so bettelte der Mönch noch vor Weihnachten den Castellan nur um Cigarren an ... Jetzt entsagt er auch diesen ... Die Censurstriche können ihn zuweilen noch lebendig machen und die Druckfehler . Kratzer , der oft den Burschen mit den » Stufenbriefen « begleitet , ahnt nicht , daß sie mehr enthalten , als Betrachtungen über die Buße , die Sünde , die Erlösung . Bei alledem ist Sebastus beim Eintritt in sein dreißigstes Lebensjahr der Alte geblieben ... Ja ! und : Nein ! hatte er drei Tage lang zu Bonaventura gesprochen . Als er aufs neue die Rumpelgasse besuchte , erhielt er Gefangenschaft ; dennoch geißelt er sich wirklich , wenn sein Guardian im Kloster Himmelpfort : Miserere