er wird ihn im Dunkeln finden . « Herr Brander schien sich einige Thränen der Rührung aus den Augen zu wischen ; ja sein Gefühl überwältigte ihn und er drückte den Lehrling sanft an sein Herz . » Bei Gott ! « sprach er , » mein Freund , Herr Beil , hat sich nicht getäuscht . Sie sind ihm zugethan , wie ehedem . Aber er wußte das und zweifelte nicht daran . Sagte er mir doch : alle meine Ersparnisse hier in diesem Beutel waren für August bestimmt - für August , den ich schätze und liebe . Geben Sie ihm , bat er mich dringend , nicht die Hälfte , nein , das Ganze , wenn er sich seines ehemaligen Gefährten warm und aufrichtig erinnert . Keine Worte weiter , keine falsche Scham ! Nehmen Sie , junger edler Mann , ich schwöre Ihnen , daß ich dieses Gold nie mehr anrühren werde . « Bei diesen Worten drückte er dem Lehrling die kleine Börse mit solcher Energie in die Hand und schritt dabei so hastig der Treppe zu , daß August einsah , es sei überflüssige Mühe , hier noch länger zu wiederstreben . Er folgte also dem Herrn Brander , der mit seinem Gefühl nun absichtlich das Gespräch auf einen anderen Gegenstand brachte , und abermals die zweckmäßige Bauart des Hauses bewunderte . » Vortrefflich ! « sagte er ; » und sämmtliche Zimmer hier im ersten Stock gehen wohl durcheinander ? « » Verzeihen Sie , « entgegnete August ; » die zwei Zimmer , welche Herr Blaffer bewohnt , haben ihren eigenen Ausgang , ebenso die meiner Schwester . « » Also Herr Blaffer wohnt nach der Straße , « versetzte der Fremde in einem leicht begreiflichen Irrthum , den aber August alsbald berichtigte , indem er die Thüre zum Schlafzimmer des Prinzipals öffnete , um zu zeigen , wie er früher schon gesagt , daß die Fenster auf den Hof gingen ; worauf Herr Brander einen einzigen Blick in das Schlafzimmer warf und dann in ' s untere Stockwerk hinabstieg . An der Hausthüre angekommen , schüttelte er dem jungen Manne herzlich die Hand und ging auf die Straße . Doch kehrte er gleich darauf wieder zurück und sagte : » Apropos ! fast hätten wir vergessen , ein Zeichen abzureden , wenn Sie Herrn Beil erwarten dürfen . Wie machen wir das gleich ? - Richtig , sehen Sie hier neben dem Hause die Gaslaterne ; ihr Licht brennt doch jeden Abend ? « » Jeden Abend , sobald es dunkel wird , zündet man sie an . « » Schön , schön ! Betrachten Sie sich also die Laterne . Brennt in ihr das Licht wie gewöhnlich , so ist nichts zu erwarten , bemerken Sie aber , daß es ausgelöscht ist , so kommt Herr Beil . - Haben Sie mich verstanden ? « » Vollkommen ! Dann öffne ich langsam die Hausthüre . « » Und ziehen sich in Ihr Zimmer zurück . Sie werden mich verstehen : die Freude des Wiedersehens auf der Treppe könnte einigen Spektakel verursachen und den Herrn Blaffer beunruhigen . « » Verlassen Sie sich ganz auf mich . « » Das werde ich , vortrefflicher junger Mann , « sagte Herr Brander , worauf er das Haus eilig verließ und dicht an den Häusern vorbei die Straße hinab schritt . August kehrte in das Comptoir zurück und überzählte dort seinen Schatz - die Ersparnisse des guten Herrn Beil . Vierundsiebenzigstes Kapitel . Johann Christian Blaffer allein . Am Tage nach dem im vorigen Kapitel beschriebenen , an sich gewiß sehr unbedeutenden Vorfalle , befand sich Herr Blaffer allein in seinem Comptoir und saß gedankenvoll an seinem Pulte . Er hatte die Füße auf die höchsten Sprossen des Stuhles gesetzt , weßhalb seine spitzigen Kniee so hoch empor ragten , daß er die Ellbogen darauf stützen konnte , auf welchen , oder vielmehr seinen Händen , nun der Kopf ruhte , was seiner ganzen Figur ein höchst sonderbares , nicht gerade angenehmes Aussehen gab . Dazu hatte sein Gesicht einen finstern , unheimlichen Ausdruck , den ein höhnisches Lächeln zuweilen überflog , ohne seine Züge zu verschönern . Vielmehr lag in dem Lächeln etwas so Tückisches , daß vielleicht selbst Herr Beil davor erschrocken wäre , wenn er sich seinem würdigen Prinzipal noch gegenüber befunden hätte . Herr Blaffer war offenbar in sehr trüber Gemüthsstimmung und hatte in den letzten Tagen um eben so viele Jahre gealtert . Er hatte auch traurige Erfahrungen gemacht : er hatte beim Verkauf seines Geschäftes gefunden , daß dasselbe in den Augen der Welt ziemlich herunter gekommen erschien , denn er hatte um mehrere tausend Gulden wohlfeiler verkaufen müssen , als er noch vor Kurzem geglaubt . Mit seinem Hause , das er ebenfalls zu Geld gemacht , war es ihm nicht besser gegangen ; man hatte demselben alle möglichen Fehler nachgewiesen , und da Herr Blaffer obendrein auf baarer Bezahlung bestand , mußte er sich auch hier wieder zu einem ziemlichen Opfer entschließen . Auch Schulden hafteten noch darauf ; doch , nachdem Alles abbezahlt war , blieb dem Verkäufer für Geschäft und Haus immer noch die schöne runde Summe von zwanzigtausend Gulden übrig , die er in Werthpapieren und Gold droben in seiner Kasse eingeschlossen hatte . Aber auch Erfahrungen anderer Art hatte Herr Blaffer gemacht , und wenn er daran dachte , so überflog kein , wenn auch noch so finsteres Lächeln seine Züge ; wenn ihm das einfiel , so knirschte er mit den Zähnen , so biß er auf die dünnen , blassen Lippen , so fuhr er sich durch den spärlichen Haarwuchs , und dann warf er einen scheuen Seitenblick in den Spiegel , und grinste sich selbst an , indem er ausrief : » Ja , das hat so kommen müssen , aber - hier - hier - « fuhr er auf sein Herz schlagend grimmig fort , » hier thut das weh , o über alle Beschreibung weh ! « Eine Folge dieser momentanen Aufregung war es nun , daß er darauf wieder in sein trübes Nachsinnen verfiel , daß sein Gesicht dabei wohl finster und gehässig blieb , aber daß einige Zeit darnach das höhnische Lächeln wieder wie grelle Blitze darüber hinflog . In dem Augenblicke dachte er an die zwanzigtausend Gulden in seiner Kasse , daß er damit in den nächsten Tagen die Stadt verlassen , Marie mitnehmen , sich mit ihr in irgend einem kleinen Winkel verbergen und sie dort auf den Händen tragen wolle , wenn es ihm gelänge , ihre Liebe zu erwerben ; daß er sie im andern Fall aber quälen wolle , wie nie eine Menschenseele gequält worden sei . - » Ah ! und ich werde sie quälen müssen , « sagte er mit bebender Stimme und fuhr dabei mit der Hand an die Stirne , » denn es wird nur zu wahr sein , was ich in der Stadt gehört , was mir die Magd unseres Hauses endlich eingestanden hat . Sie liebt , sie wird wieder geliebt , es schwelgt Jemand in meinem Eigenthume - und ich bin betrogen . « Dabei sank er wieder tiefer in sich zusammen und ruhte längere Zeit so . Ein Unbefangener hätte glauben mögen , er schlafe . Doch ging hierzu sein Athem zu unregelmäßig ; bald stieß er ihn leis , aber schnell wie im Fieber , heraus , bald zog er ihn aus tiefer Brust an sich , und dann waren es schwere , schmerzliche Seufzer . Nur der Anblick eines Papieres , welches vor ihm lag , riß ihn zeitweise aus seinen Träumereien etwas empor . Es war der Verkaufs-Contrakt der Buchhandlung ; er hatte sich darin , wie wir wissen , die Anstellung eines Commis vorbehalten , ohne August vorderhand zu nennen , hatte diesem Commis ein sehr kärgliches Einkommen auswerfen lassen und allerlei für denselben bestimmt , was den Zweck hatte , ihm das Leben ziemlich sauer zu machen . So hatte er für den Bruder des Mädchens gesorgt , das er liebte , und er lächelte abermals , indem er an die unangenehme Ueberraschung seines ehemaligen Lehrlings dachte , wenn dieser seine neue Anstellung erführe . In diese Gedanken versunken mochte Herr Blaffer schon mehrere Stunden gesessen haben , und er war so menschenfreundlich gesinnt , daß er schon zu wiederholten Malen auf öfteres Klopfen an die Comptoirthüre keine Antwort gab . Die bescheidenen Besucher waren dann meistens wieder fortgegangen , zu furchtsam oder zu diskret , um heftig an die Thüre zu pochen oder dieselbe gar zu öffnen . Endlich aber mußte Jemand davor stehen , der nicht so dachte , denn einem einmaligen Klopfen folgte ein stärkeres und dann drei so kräftige Schläge , daß der Buchhändler empor fuhr und mit wilder Stimme : » Herein denn in ' s Teufels Namen ! « rief . Dabei machte er ein Gesicht wie ein reißendes Thier , das auf seine Beute losspringen will . Auch seine zusammengekauerte Stellung schien dies Vorhaben unterstützen zu wollen , weßhalb denn auch wohl der junge Mann , der nun in die Thüre trat , überrascht auf der Schwelle stehen blieb . » Bei allen Göttern ! « sagte der Eintretende mit einem leichten Lächeln auf den Lippen , » Sie blicken mich an , Herr Blaffer , als sei es Ihnen sehr unangenehm , mich hier zu sehen . « » Verzeihen Sie , verzeihen Sie , « entgegnete dieser nach einem tiefen Athemzuge ; » bitte sehr zu entschuldigen , Herr Erichsen ; ich hatte da meine tiefen Gedanken . « » So störe ich Sie ; das thut mir leid ! « versetzte der Maler . » O , Ihr Besuch stört nie ; er erfreut nur ! « gab der Buchhändler zur Antwort ; wobei er von seinem Comptoirstuhl herunter kletternd seine langen Gliedmaßen wahrhaft spinnenartig aus einander streckte . » Bitte , Platz zu nehmen . Sie machen sich selten , Herr Erichsen , sehr selten . « » Es ist wahr , « erwiderte Arthur , indem er sich niederließ , » ich war lange nicht auf dem Comptoir ; wir verkehrten brieflich . Aber unsere Arbeiten wurden deßhalb nicht vernachlässigt . « » Gewiß nicht ; Ihre Illustrationen kamen immer zur Zeit . Da gab ' s nie eine Stockung . « » Aber jetzt könnte es eine geben , Herr Blaffer , « erwiderte Arthur , und sah dabei auf den Boden nieder und zeichnete mit seinem Spazierstocke allerlei Linien in den Staub , » eine Stockung , die mich betrifft , nicht Ihr Geschäft . « » Wie verstehe ich das , bester Herr Erichsen ? « » Ich habe eine große Reise vor , « antwortete der Maler gedankenvoll , » in die Schweiz , vielleicht nach Italien , weßhalb ich nicht mehr im Stande bin , die mir übergebenen Illustrationen auszuführen . Doch wie schon gesagt : Das Geschäft soll nicht darunter leiden , ich habe einen Stellvertreter gefunden , einen talentvollen jungen Mann , der es mindestens ebenso schön macht wie ich . « » Na , na , Herr Erichsen , « sagte der Buchhändler höflichst , » das ist unmöglich . Aber ich begreife vollkommen , daß Sie sich wegen solcher Bagatelle nicht binden werden . « - Ihm war es ja vollkommen gleichgiltig , wer künftig die Illustrationen für das verkaufte Geschäft mache , ja es war ihm lieb , wenn sein Nachfolger einen guten Arbeiter verlor . Herr Blaffer nahm sein Lineal zwischen die Zähne , nickte mit dem Kopfe und sprach gedankenvoll : » So , so , Sie reisen ? - Sie glücklicher Mensch ! Das entschließt sich von heute auf morgen , packt ein , läßt sich Kreditbriefe geben und bricht alle Verbindungen leicht ab . « Arthur seufzte ein wenig und entgegnete : » Wenn man reist , bricht man freilich seine Verbindungen für einige Zeit ab , aber es ist noch die Frage , ob einem das leicht wird . « » Ah ! Ich verstehe ! « rief Herr Blaffer mit einem pfiffig sein sollenden Lächeln , das aber nur ein Grinsen war . » Verzeihen Sie meine Indiscretion , aber in der Balkengasse wird der Abschied sehr schwer fallen . « Der Maler zuckte mit den Achseln und erwiderte , ohne Herrn Blaffer anzusehen : » Da sind Sie im Irrthum . - In - der - Balkengasse - ich weiß wohl , worauf Sie anspielen - ist nichts , was meinen Abschied erschweren könnte . « » Nichts ? « fragte lauernd der Buchhändler . » Nichts , « wiederholte Arthur . » Aber doch etwas Vorübergehendes ? « » Sehr vorübergehend , « meinte Arthur gedankenvoll . Der Buchhändler klopfte mit dem Lineal auf seinen magern Schenkel und sagte : » Schaut , wie ihr jungen Leute eigentlich seid . Da faßt ihr eine Grille auf , da seht ihr ein schönes Gesicht , und da muß nun alle Welt helfen , damit sich so ein Geschöpfchen leichter verführen läßt . « » Bitte recht sehr , Herr Blaffer , « sprach ernst der Maler . » Nun , Sie werden mir das nicht übel nehmen , « fuhr der Andere lächelnd fort . » Ich meine es ja nicht böse ; und so ganz Unrecht habe ich auch nicht ; ich will Ihnen das beweisen . Mußte da nicht die arme Handlung Johann Christian Blaffer und Compagnie mehr als zu viel thun an Honorar für den armen Staiger ! Ich versichere Sie : Viel mehr als zu viel , denn das ursprüngliche Honorar war für seine Leistungen genügend . « » Möglich , « versetzte Arthur träumerisch . » Ich habe es auch nur Ihretwillen gethan . Nun , das hat er auch wohl gemerkt , und die Tochter wird nicht undankbar gewesen sein . « - Er sprach das mit einem sehr widrigen Lächeln , welches aber der junge Mann nicht sah , da er zu Boden blickte , denn sonst würde der Ton , mit welchem er antwortete : » Ich bitte darüber nicht mehr zu reden , « gewiß ein noch viel schärferer gewesen sein . Doch setzte Arthur gleich darauf hinzu : » Ich kann Sie versichern , der alte Mann hat keine Ahnung davon , daß er mir die Erhöhung seines Honorars zu verdanken hat . « » Das kann ich nicht glauben , « erwiderte Herr Blaffer mit künstlichem Erstaunen . » So wird er sich nicht überschätzen . Sechs Gulden für den kleinen Bogen ! « sagte er mit fast heulendem Tone . » Wenn er da nicht einsieht , daß ihm eine starke Hand geholfen , so ist es mehr als undankbar . Ueberhaupt - « » Was überhaupt ? Fahren Sie nur fort , Herr Blaffer . « » Nehmen Sie guten Rath an , mein lieber Herr Erichsen ; ich kenne die Welt . Man muß sich mit solchen Leuten nicht so tief einlassen ; das benutzt einen , so lange als möglich , kommt dann ein Anderer , vornehmer , reicher - oder jünger , « setzte er leise und zähneknirschend hinzu - » so wird der gut Denkende auf die Seite geschoben - verlassen . « » Ja verlassen , « sagte kaum hörbar der Maler . Doch verstand ihn Herr Blaffer vollkommen ; ja nicht allein das Wort , sondern auch die zerstreute und traurige Miene , mit der es Arthur sprach . Dieser fuhr nach einer kleinen Pause trübe lächelnd fort : » Wir wollen darüber nicht weiter reden ; es war ein Geschäft und ist abgemacht . Apropos ! Haben Sie nichts mehr von Herrn Beil gehört ? « » Der Schuft ! « entgegnete Herr Blaffer und stieß das Lineal heftig auf den Stuhl . » Nein , nein ! Gott sei Dank ! Ich weiß nicht , wo er crepirt ist . Ich sage Ihnen , Herr Erichsen , das war eine niederträchtige Seele . « » Sie standen nie gut mit ihm ; aber für schlecht hätte ich ihn nicht gehalten : für etwas unüberlegt - ja zu lustigen Streichen stets bereit . « » Boshaft , Herr Erichsen , boshaft wie ein Affe . Und wie konnte sich der Kerl verstellen ! Zum Beispiel , haben Sie je ein Talent zum Zeichnen an ihm bemerkt ? « » Nichts Auffallendes der Art. « » Ich früher auch nicht . Aber denken Sie , als er fort war , visitire ich seinen Pult und finde da ein Paketchen zugebunden , gesiegelt und mit der Ueberschrift : Meinem lieben Prinzipal , Herrn Blaffer . Hätte ich nur meiner ersten Idee nachgegeben und es in ' s Feuer geworfen ! Aber so plagt mich der Teufel der Neugierde und ich finde eine ganze Menge der scheußlichsten Karrikaturen . « » Ah ! « machte fast lächelnd der Maler , denn ihm kam plötzlich die Idee , Herr Blaffer spreche von den Zeichnungen , die er , Arthur selbst , auf dem Pulte des Herrn Beil hie und da verfertigt . » Karrikaturen der schändlichsten Art , und mit Beziehung auf unsern Roman : Onkel Tom ' s Hütte . Und mich hat er immer zur Hauptfigur genommen , mich , seinen Prinzipal und Wohlthäter . « » Das ist unerhört ! « entgegnete Arthur , indem er mühsam ein ernstes Gesicht , machte . » Das hätte ich hinter Herrn Beil nicht gesucht . « - Doch schien er das Gespräch und überhaupt seinen Besuch abbrechen zu wollen , denn er stand auf , reichte dem Buchhändler die Hand und sagte : » So halten Sie mich im besten Andenken , Herr Blaffer , und wenn ich von meiner Reise mit vollen Mappen zurückkehre , so können wir vielleicht eine Art Reisebeschreibung daraus machen . « Herr Blaffer war hierauf schon im Begriff , über den Verkauf des Geschäftes zu sprechen , doch dachte er : » Es ist besser , ich schweige darüber . « Er schüttelte deßhalb die dargebotene Hand , affektirte einige Rührung und begleitete den Maler bis an die Hausthüre , worauf dieser sich entfernte . Der Buchhändler trat in sein Comptoir zurück und ging mit großen Schritten auf und ab , wobei er das Lineal auf dem Rücken hielt und sich zuweilen damit auf die Schulterblätter klopfte . - » Auch der hat bittere Erfahrungen , « sagte er nach einiger Zeit in einem höhnischen Tone , » und ist doch hübsch und jung . Ja , trau ' Einer dem verfluchten Weibergeschlecht ! Wenn mich nur die dumme Grille dieses Herrn Erichsen nicht ein paar hundert Gulden gekostet hätte , die ich an das Bettelpack weggeworfen . Aber ich will mich noch dafür revanchiren ! Ein recht artiger Brief an den Herrn Staiger soll mein letztes Geschäft als Chef der Handlung Johann Christian Blaffer und Compagnie sein . « Damit trat er an den Pult und schrieb mit sichtlichem Wohlbehagen : » P.P. Die schlechten Zeiten , unter denen gegenwärtig der Buchhandel seufzt , veranlassen uns , Sie zu ersuchen , Ihre Arbeiten für unsere Handlung einstellen zu wollen . Onkel Tom ist beendigt , und wir sind außer Stande , das neue Unternehmen , für welches ja ohnedies noch kein Kontrakt zwischen uns abgeschlossen ist , in ' s Leben treten zu lassen . Genehmigen Sie indessen die Versicherung der ausgezeichneten Hochachtung , mit der wir sind Johann Christian Blaffer und Comp . « Wohlgefällig betrachtete der Buchhändler den säubern Schnörkel unter seinem Namen , setzte vorsichtig das Datum von gestern bei und siegelte den Brief . Dann rieb er sich die Hände , als habe er ein gutes Werk gethan , verschloß das Comptoir und ging in sein Schlafzimmer hinauf . Als es einige Stunden darauf dunkel wurde , saß August an dem Fenster seiner Kammer , den Blick auf die Straße gerichtet , wo man nach und nach alle Gaslampen angezündet hatte ; auch die bewußte vor dem Hause brannte hell und lustig , und so sehr der Lehrling auch umher spähte , nirgendwo ließ sich Jemand sehen , der Lust zu haben schien , diese einzige Flamme wieder auszulöschen und so den sehnlichst erwarteten Besuch des Herrn Beil anzuzeigen . Endlich wurde August zum Nachtessen gerufen , und das ging trübselig vorüber , wie die meisten in der letzten Zeit . Herr Blaffer sprach nichts und warf nur zuweilen finstere Blicke über den Tisch hinüber nach Marie , welche in tiefe Gedanken versunken zu sein schien , und wohl aus diesem Grunde häufig etwas Unpassendes sagte oder da lachte , wo es gerade nicht nothwendig war - ein Benehmen , welches die gute Laune des Buchhändlers durchaus nicht erhöhte , ja ihm einige beißende Bemerkungen ablockte , welche von dem jungen Mädchen nicht gerade auf die ehrerbietigste Art beantwortet wurden . Dann wurde der Prinzipal heftig , grob und kränkend , was zur Folge hatte , daß sie ihm einen verächtlichen Blick zuwarf , den Teller hastig zurückstieß , sich vom Tische erhob und auf ihr Zimmer ging . Glücklicherweise ließ sich August durch diese Scene gar nicht anfechten , sondern speiste mit großer Gemüthsruhe , wornach auch er seine Dachkammer aufsuchte . Trotzdem es ihm aber in der letzten Zeit besser in dem Hause gegangen , so erschien ihm doch Manches dafür so unheimlich und widerwärtig , daß er sich nach der früheren Zeit zurücksehnte , und namentlich nach Herrn Beil , mit dem er so manche Stunde angenehm verplaudert , und der es so vortrefflich verstanden , seine guten Lehren humoristisch in artige Gleichnisse einzukleiden , und der selbst Püffe und Katzenköpfe auf ungezwungene und fast angenehme Art zu geben wußte , so daß man ihm gar nicht einmal darüber böse sein konnte . Ach ! sogar dieser Püffe erinnerte sich August sehnsüchtig , und er hätte gern dergleichen wieder ausgehalten , dann wäre ja der gute Herr Beil wieder bei ihm gewesen . - Aber er hatte seinen Besuch noch nicht angezeigt , denn drunten die Gasflamme brannte hell wie immer , bestrahlte den eisernen Kandelaber und warf einen weiten Lichtkreis vor sich auf den Boden . - Doch halt ! was war das ? Plötzlich war das Licht verlöscht , und August hatte doch Niemand gesehen , der sich demselben genähert . Wie schlug ihm sein Herz ! Er eilte an die Kammerthüre und horchte in ' s Haus hinab . Drunten war Alles stille ; der Buchhändler hatte sich zur Ruhe begeben , und als August aufmerksamer lauschte , hörte er ihn aus seinem Schlafzimmer leise husten . Er wartete noch eine lange , lange halbe Stunde , dann ließ er sich an dem Treppengeländer hinab gleiten . Er hatte dieses Manöver oft ausgeführt , wenn er sich verschlafen hatte und von dem Prinzipal nicht gehört sein wollte . Unten angekommen , schlich er leise zur Hausthüre , drehte den Schlüssel zweimal , schob die schweren Riegel zurück und kehrte nun , gehorsam dem erhaltenen Befehl , mit verhaltenem Athem in seine Dachkammer zurück . Jede Minute , die er hier oben zubringen mußte , däuchte ihm eine Ewigkeit . Er hielt das Ohr an die Thüre und lauschte angestrengt in ' s Haus hinunter . - Alles ruhig und still , sogar Herr Blaffer hüstelte nicht mehr ; wahrscheinlich war derselbe eingeschlafen . Doch jetzt vernahm August ein Geräusch - aber nein , es kam nicht unten vom Hause herauf , es kam vom Dache her . Was konnte das sein ? Ja , in der Nebenkammer , wo ehedem die Schwester geschlafen , vernahm er es jetzt . Dort schlich etwas auf dem Boden , dort tappte es an der Wand fort und suchte die Thüre zu finden . Das konnte doch nicht Herr Beil sein , der sollte ja , was natürlich war , unten zur Hausthüre herein kommen . Und doch - es war keine Täuschung möglich - ihm gegenüber an der anderen Kammerthüre bewegte sich etwas . Vorsichtig wurde auf die Klinke gedrückt , und sie hob sich ganz geräuschlos . Doch ehe die Thüre geöffnet wurde , hatte August die Geistesgegenwart , sein Licht auszulöschen . Darauf lugte er wieder auf den Gang hinaus , während sein Herz so heftig klopfte , daß er fürchtete , die Schläge müssen seine Gegenwart verrathen ; dabei hatte er ein eigenes Gefühl in den Haarwurzeln ; es war ihm , als drehe sich jedes einzelne Haar langsam herum . Er dachte an Räuber , Mörder und Gespenster . An die letzteren zumeist ; denn das , was ihm gegenüber jetzt die Thüre geöffnet hatte und über den Gang dahin schwebte , konnte unmöglich ein menschliches Wesen sein . Er hörte keinen Tritt , er sah nur einen Schatten gegen die Treppe schweben und dann auf dem tieferen Dunkel derselben verschwinden . - Was war das ? Hätte er nicht den Herrn Beil erwartet und sich also gefürchtet , Lärmen zu machen , so würde er unfehlbar durch sein Geschrei das Haus erweckt haben . So aber eilte er an das Fenster zurück , betrachtete sich nochmals die finstere Gaslaterne und sah dann auf die Straße , ob sich nicht eine Spur von dem erwarteten Freunde entdecken ließe . Wer aber beschreibt seine Ueberraschung , als er sich wieder umwandte und unter der Thüre der Kammer ein helles Licht gewahrte , welches ihm so blendend in die Augen fiel , daß er nicht im Stande war , den Träger desselben zu erkennen . Sollte das vielleicht Herr Beil sein ? - Aber warum dann so still und stumm in das Zimmer treten ? Die Nerven des armen Lehrlings waren so aufgeregt , daß er , anstatt eine Frage zu thun , die Hände vor das Gesicht preßte und auf einen Stuhl niedersank . Die Laterne an der Thüre oder vielmehr der Träger derselben bewegte sich in ' s Zimmer herein und eine Stimme , die nicht wie die des Herrn Beil klang , aber auch keine ganz fremde für den Lehrling war , sagte ihm : » Sie haben Ihr Wort gehalten ; ich danke Ihnen dafür . « » Gott sei Dank ! « dachte August , indem er die Hände langsam herabsinken ließ , » das spricht doch jetzt und schleicht nicht mehr so gespensterhaft im Hause umher . « Er wagte es auch aufzublicken , und da nun der Eingetretene die kleine Blendlaterne , welche er in der Hand trug , von sich abhielt , so erkannte August mit Erstaunen die Züge des Herrn Brander , welcher ihm den Besuch des Freundes angezeigt hatte . » Sie wundern sich , mich hier zu sehen , « sagte dieser . » Das kann ich mir denken . Aber es anders zu machen war unmöglich . Herr Beil ist verhindert und ich komme , Ihnen das zu sagen . « » Dafür bin ich Ihnen sehr verbunden , « erwiderte kleinlaut der Lehrling . » Doch erlauben Sie mir eine Frage . Warum kamen Sie nicht zur Hausthüre herein und die Treppen herauf und zogen es lieber vor , über das Dach in ' s Haus zu klettern ? « » Hörten Sie Jemand über das Dach in ' s Haus klettern ? « fragte aufmerksam der Andere . » So leise Sie auch gingen , so hörte ich Sie doch und sah auch , wie Sie die Treppe hinab schwebten . « » Ah ! er ist schon da , « murmelte Herr Brander . » Nun , er hat den Weg oft genug gemacht und die Liebe treibt ihn . - Sie irren , « wandte er sich laut an den Lehrling , » ich stieg die Treppen herauf . « » Und der Andere ? « fragte angstvoll der Lehrling , dem es anfing bei der Sache unheimlich zu werden . » Der Andere ist ein guter Freund von mir und Herrn Beil , der hier einige kleine Geschäfte zu besorgen hat . « » Zu dieser Stunde ? « versetzte August , der endlich , obgleich spät genug ahnte , er habe einen dummen Streich gemacht , fremden Leuten bei Nacht die Thüre zu öffnen . » Ja , zu dieser Stunde , mein lieber junger Mann , « entgegnete freundlich Herr Brander . » Er besorgt seine kleinen Geschäfte , hat aber dabei immer noch Zeit , aus irgend einem Winkel hervor seine Augen auf Sie zu richten . « » Wo ? « fragte angstvoll der junge Mensch , indem er sich erschreckt umschaute . » Das ist gleichgiltig ; auch habe ich nicht lange Zeit zu Erklärungen . Hören Sie mich aber gefälligst einen Augenblick aufmerksam an ! Sie erwarten Herrn Beil , Herr Beil aber ist verhindert zu kommen , heute , morgen , die übrigen Tage . Aber er wünscht sehnlich Sie zu sehen und wird nicht verfehlen , Ihnen in den nächsten Tagen einen Weg zu diesem Zwecke anzeigen zu lassen . Doch verlange ich Eins von Ihnen : Sie bleiben ruhig auf Ihrem Zimmer , schließen Ihre Thüre ab und bekümmern sich nicht um das , was Sie allenfalls von drunten im Hause hören sollten . « » O mein Gott ! « rief August in kläglichem Tone . » Sie haben Schlimmes vor . Aber ich will mich nicht daran betheiligen , ich werde nach Hilfe schreien und den Prinzipal wecken . « » Versuchen Sie das , « sagte der Andere mit drohender Stimme . » Rufen Sie um Hilfe , rufen Sie meinetwegen die Polizei ! Ich werde mich ruhig hieher setzen und mich mit Ihnen fangen lassen , denn der Hehler ist wie der Stehler ; ich bezahlte Sie reichlich dafür , daß Sie mir die Hausthüre öffneten und will das vor aller Welt beschwören .