Welthändel kümmern , sagt der gute Bürger . Und hat er dazu nicht ein Recht ? was er nicht eingerührt hat , braucht er nicht aufzuessen . Hat der Weizenbauer in Pyritz die französische Revolution gemacht , hat er consentirt zur Pillnitzer Alliance , oder hat er Napoleon zum Kai er ausgerufen ? Gott bewahre , er weiß von alledem nichts , hat nie was von dem wissen wollen ; aber büßen muß er jetzt : seine Pferde werden ihm ausgespannt , Fourage muß er liefern , seine Söhne muß er hergeben zum Todtschießen , und wenn die Franzosen gewinnen , frißt und prügelt ihn die Einquartierung , sie schmeißt ihn am Ende aus Haus und Bett , wenn er eine Frau hat , alles das die Wirkung aus der Ferne , und Niemand weiß , meine theuerste Baronin , wo das Uebel ihm sitzt und von wo es kommt . « Die Baronin schenkte ihm einen Blick , der zu verrathen schien , daß sie wenigstens die Ferne kenne , aus welcher sie die Wirkung empfunden . Der Geheimrath hatte für solche Blicke keine Augen und kein Gefühl . » Meine Beste , « sagte er , das Gesicht in eigenthümlicher Weise verkneifend , und beide Hände gegen die Seiten stemmend , » denken wir nicht an vergangene Thorheiten . Sie sollten nach Karlsbad . Hier , Gott weiß , was hier kommt ; die schwere Luft und Niemand weiß , was er in den Sonnenstäubchen runterschluckt , die er einathmet , wenn er den Mund aufthut . - Da - da können Sie ungenirt und frei leben . Ich ginge ja auch herzensgern , aber - ein Staatsmann und die Rücksichten . - Excuse ! « Mit einem raschen Sprung war er in den Gang zurück , aus dem er die Baronin unter so liebenswürdigem Gespräch bis in den Garten zurückgeführt hatte . Da trafen sich im Gewühl viele Bekannte , die wieder auf die Estraden stiegen . Die Stopfung auf der Straße war gelöst . Der Abendwind trieb den Staub nach einer jenseitigen Richtung . Herr von Fuchsius , der die vereinsamte Frau zuerst gewahrte , hatte ihr seinen Arm angeboten . Sie hätte wohl einen bessern Führer gewünscht , sagte er lächelnd , aber in dem Gedränge müsse man sich schon dem ersten Besten anvertrauen . » Wer in der Gefahr vereinsamt steht , ist verloren . « Ueberall Abschiedsscenen , Thränen , Tücher . » Sie waren eben Zeugin einer der tragischesten Abschiedsscenen ! « Die Baronin sah ihn verwundert an . » Herr von Bovillard scheint förmlich von seinem Verstande sich geschieden zu haben . Es ist der Abschied eines Verschwenders von seinem verschleuderten Gute . Er ist auf dem Wege , ein vollständiger Hypochonder zu werden . - Aber beachten Sie den Abschied dort , er ist weit trauriger , zwischen Vater und Sohn . « » Zieht der junge van Asten auch ins Feld ? « fragte die Baronin , denn dieser war es , dem sein Vater nach einem langen , wie es schien , eindringlichen Gespräch plötzlich den Rücken wandte . » Nur in die Freiheit - und der Alte vielleicht in das Schuldgefängniß . « Das Verhältniß war stadtkundig : » Mein Gott , wer hat denn da nun Recht ? Der junge Walter ist auch ein so braver Mann ! « Der Rath zuckte die Achseln : » Baroneß , das sind Fragen , auf die nur der liebe Gott Antwort weiß . « Die Baronin drückte plötzlich die Hand ihres Begleiters und der Freudenstrahl in ihrem Auge schien zu sprechen , daß der liebe Gott wohl Antwort gegeben habe . Der alte van Asten , der noch eben den Stock mit beiden Armen unmuthig auf die Erde gestampft und den Hut in die Stirn gedrückt hatte , um den Garten zu verlassen , war plötzlich stillgestanden . Eben so rasch wandte er sich um , und fiel dem Sohn , der ihm wehmüthig nachgesehen , um den Hals . Ob sie etwas gesprochen und was , wer konnte das hören , besonders jetzt , wo wieder ein feierlicher Marsch von Blaseinstrumenten durch die einbrechende Dämmerung schmetterte . Die Baronin riß ihren Führer auf die Estrade . War erst jetzt die Ordre gekommen ? Die Gensdarmen zogen aus der Stadt , um in einem benachbarten Dorfe Nachtquartier zu halten . Noch war es hell genug um sich zu erkennen , und ein letzter rother Schimmer färbte die Federbüsche und Gesichter der Reiter . Die Baronin ließ ihr Tuch wehen , er sah es und salutirte mit dem Degen . Sie sprach kein Wort , aber unverwandten Blickes starrte sie hin , bis die Gestalt sich in der Menge verlor , dann lehnte sie sich , wie erschöpft , auf die Schulter des Rathes . » Wir werden uns wiedersehen ! « kam es wie aus tiefster Brust . - Unfern von ihr schrie eine andere weibliche , Stimme : » Ich werde ihn nie wiedersehen ! Was soll aus mir werden ! « Charlotte war auf eine Bank gesunken . Zum Glück stand jetzt neben ihr ein ältlicher Herr - denn unter den übrigen Zuschauern schien keiner sich um den andern zu kümmern , ihre Blicke und ihre Gedanken gehörten den schönen , jungen ausmarschirenden Reitern allein an . Der ältliche Herr klopfte ihr auf die Schultern : » Charlotte , weine Sie nur nicht , gebe Sie sich zur Ruhe , es wird sich schon Alles finden , und ich verlasse Sie nicht . « Es war eine besondere Stimmung unter Allen , sehr verschieden von der lauten beim Vorüberziehen der frühern Regimenter . Hatte der Abend sie gemacht ? Waren die Gensdarmen grade die Lieblinge der Zuschauer ? Man hörte keine lauten Hurrahs , keinen jubelnden Zuruf , nur unterdrücktes Schluchzen . Vielleicht that ' s die Regimentsmusik ; sie spielte die Melodie eines alten Volksliedes von Morgenroth und frühem Tod . Nachher flüsterte man sich zu : Prinz Louis sei in seinem Mantel verhüllt unter dieser Schwadron in der Stille mit ausmarschirt . In den Sälen , die als sehr bescheidene Pavillons des auch bescheidenen Restaurationsgebäudes in den Garten ausliefen , hatten einzelne Familien und Gesellschaften zum Abendbrod sich vereinigt . Die Lichter wurden schon angezündet , es sah aber wenig festlich aus , trotz der Astern und anderer Herbstblumen , die eine sorgende Hand wohl hie und da auf den Tisch gestellt . Luft und Boden , die Dielen auf dem Erdreich liegend , waren kalt und feucht , die Frauen hatten ihre Enveloppen , die Männer ihre Ueberröcke umgethan . Es war auch sonst ein Etwas , was die helle Freude nicht aufkommen ließ . In einem dieser Pavillons hatte der Geheime Kriegsrath Alltag seine Familie und einige Bekannte vereinigt . Als Fuchsius die Baronin vorüberführte , um sie nach ihrer Equipage zu geleiten , rief sie , durch die hellen Fenster blickend : » Herr Je - da geht ja Adelheid mit dem jungen van Asten . « - » Er war ihr hochverehrter Lehrer , « sagte der Rath , » und der alte Alltag hat zum Abschied alle nächsten Angehörigen zu sich gebeten « - » Geht er auch mit in den Krieg ? « - » Er nicht , aber seine Tochter . Die Königin folgt ihrem Gemahl ins Hauptquartier , und Mamsell Alltag ist , als Gesellschafterin der Viereck , bestimmt . Ihre Majestät zu begleiten . « - » Das ist eigen , « sagte die Baronin , » das schöne junge Mädchen in den Krieg ! Was man nicht erlebt ! Wissen Sie wohl , was ich glaube ? « - » Gewiß etwas Richtiges . « - » Der Alte mochte damals nicht die Brautschaft . Jetzt , glaube ich , gäbe er etwas drum , wenn die Adelheid beim jungen Asten geblieben wäre . Er ist ein solider Mensch , und die Leute meinen , er wird eine gute Karriere machen . Hübsch ist er nicht , aber es ist so etwas in ihm - man traut ihm aufs Wort . « Möglich , daß die Baronin das Richtige getroffen hatte . Der alte Alltag , der schweigsam in der Gesellschaft umherging , drückte bei einer Gelegenheit ganz besonders die Hand des jungen Asten , dankte ihm mit gerührter Stimme , daß er seine Tochter zu dem gemacht , was sie sei . Rührung war weder sonst noch jetzt das Departement des Geheimen Kriegsrathes . Die Geheimräthin brachte selten das Tuch von den Augen . Sie unterhielt sich mit dem alten Rittgarten , er musste ihr vom Krieg erzählen , wie weit man sich herangetrauen könne ohne Gefahr , ob die Franzosen auch auf Frauenzimmer schössen ? Nie war sonst ihren Gedanken etwas entfernter gewesen . » Sie ist noch gar nicht gereist , das Kind , einmal nur bis Potsdam , und nun muß ihre erste Reise gleich in den Krieg sein ! - Wer hätte das nur als möglich gedacht ; es wird doch Alles anders , als es sonst war . « - » Alles - Alles ! « sagte der alte Major , den Kopf schüttelnd , die Pfeife musste ihm heut nicht schmecken . » ' S ist Fügung des Himmels ; das muß uns wohl trösten , « sagte die Geheime Kriegsräthin , » aber - aber - « » Der Himmel fügt es , daß Alles aus dem Gefüge geht , und es wird noch mehr losgehen . Er weiß , warum . Es muß wohl nicht recht zusammengefügt gewesen sein . « Eine Konversation kam nicht auf . Wer zu sprechen anfing , brach plötzlich ab , im Gefühl , daß es Wichtigeres zu sprechen gab , und die Zeit war kostbar . Und dann hatte Jeder mit dem Andern etwas Besonderes zu sprechen . Wenn er fortgegangen , fiel ihm ein , daß er das vergessen , was ihm besonders auf dem Herzen lag . Welch ein Strom mütterlicher Ermahnungen war von den Lippen der Mutter geflossen , und immer besann sie sich , daß sie doch noch etwas Anderes , etwas Neues zu sagen hatte . Jetzt nahte die Scheidestunde . Adelheid konnte nicht zum Abendessen bleiben , der Wagen der Hofdame , der sie nach dem Palais bringen sollte , war angemeldet . Der Vater hatte eigentlich am wenigsten mit ihr gesprochen . Jetzt legte er seine Arme auf ihre Schultern : » Du , mein geliebtes Kind , mein Bijou ! Nun ich Dich verlieren soll , begreife ich erst , was ich in Dir gehabt habe . Und was ich hätte in Dir haben können , dann wäre ich Dir mehr gewesen und Du mehr mir . Ich hätte Dich besser verstanden , und Manches wäre besser - vielleicht ! Aber es hat nicht sein sollen . Andere sagen , der Mensch gehöre zuerst sich selbst und seiner Familie , und dann erst seiner Pflicht gegen den Staat . Ich verstand es anders . Gott wird wissen , wer Recht hat . Wenn Alles in der Welt wechselt , so wechseln wohl auch die Ansichten über die Pflichten . Aber ich glaube doch , wer das thut , was er gelernt hat , daß es recht sei , der thut Recht , und der himmlische Vater wird ihm vergeben , wenn er dabei auch mal Unrecht thut . - « Adelheid an seinem Halse wollte nichts davon wissen , daß ihr Vater gegen sie Unrecht gethan ; sie habe sich anzuklagen , daß sie nicht alle Pflichten eines Kindes gegen ihn erfüllt . Er schüttelte den Kopf : » Du warst ein ausgezeichnetes Kind , und für die hat die Vorsehung wohl besondere Gesetze . Sie führt sie Wege , die uns nicht gut dünken , aber sie leiten zum Ziel , das wir nur nicht sehen . So ist ' s mit Dir gekommen , und so wird es noch weiter kommen . Es wird Vieles besser werden , als wir denken - und - wir werden uns wiedersehen und froher als heut - « Endlich musste doch die Glasthür geschlossen werden , von der Zugluft schmolzen schon die Talglichter . Die Geschwister wollten mit ; anfänglich die Mutter auch , sie fühlte sich zu schwach . Die Kinder aber konnten sich im Gedräng und der Finsterniß verlieren . So machte es sich denn wie von selbst , daß van Asten seine ehemalige Braut allein nach dem Wagen begleitete . Die Sterne funkelten hell am klaren Herbsthorizont , als sie aus dem Baumgang traten . An der Hinterpforte stand der Wagen . Sie reichte ihm die Hand . Mit ihrer Silberstimme sprach sie : » Walter , hinter uns ist es klar ; ich hoffe es wird auch vor uns immer klar bleiben . « Er schlug ein : » Es werden noch viele Nebel aufsteigen , bewahre Deinen hellen Blick und dann bleibt es zwischen uns klar . « - » In keinem Fältchen Deines Herzens ist ein Groll , « sprach sie » nicht wahr ? - Das giebt mir Muth . Aber - « Sie zauderte . » Sprich es aus ! « sagte er . » Es soll gar kein Fältchen zwischen uns bleiben . « - » Ich möchte Dich auch ganz zufrieden , ganz klar mit Dir selbst verlassen . Bin ich ' s noch , Walter , die wie eine Nachtwolke zwischen Dir und Deinem Vater schwebt , den Wünschen des Mannes , dessen Glück und Frieden Dir das Theuerste sein müsste ? « » Und wenn Du es wärest , was kannst Du dafür ? Kann der Nordpol dafür , daß der Magnet nach ihm zeigt ? Es wäre die Arbeit eines Narren , den Magnet zwingen zu wollen , daß er nach einer andern Himmelsgegend weist . Das sind ewige Nothwendigkeiten , vor denen sie sich beugen sollen und müssen , die nicht Muth haben , sie freiwillig anzuerkennen . Dieser überreichen Welt an Allem fehlt nur etwas - Charaktere . Ich bilde mir nicht ein , sie bessern zu wollen , dazu fühle ich mich zu schwach , aber ich bin stark genug , mich nicht von ihr bilden , fortreißen zu lassen . « » Lebe wohl , Walter ! « sprach sie mit erstickter Stimme . » Ich habe den Glauben : es ist kein Lebewohl für immer . Wir sehen uns wieder . « Sie drückte , sich auf den Zehen hebend , einen Kuß auf seine Stirn ; dann schwebte sie in den Wagen , er rollte fort . Dreiundachtzigstes Kapitel . Der Schüler des Schauspielers . Es war eine wunderbar bewegte Nacht vom 13. zum 14. Oktober . Die Sterne warfen kein Licht auf das tiefe Saalethal , und die Tausende von Lichtern , die auf Befehl an den Fenstern der Stadt Jena brannten , verbreiteten nur einen ungewissen Schimmer , der die Dunkelheit noch dunkler zeigte . Durch die Krümmungen der Schlucht , so weit das Auge getragen hätte , das Ohr reichte , wogte und wallte es ; es war kein Strom , der durch die Rippen der Erde bricht , keine Windsbraut , die die Wolken peitscht , keine Feuersbrunst , die über Dächerreihen prasselt , es war ein heimliches dumpfes Wirken und Schaffen , wie eine Sprache , die keine artikulirten Töne findet . Wie die Riesenschlange die Erde umfasst : in lautloser Wuth und Kraft drückt sie ihre Weichen , und da steigen gepresste Schmerzenstöne in die Luft , so durchbrach die Monotonie hier ein Schrei , dort ein Hallo , ein Zusammenstoß der Geschütze und Rüstwagen , ein Peitschenknallen , ein grässlicher Fluch . Dann aber tiefe Stille , man hörte nur den dumpfen , dröhnenden , ehernen Tritt der Tausende , die Erde stampfend , das Wiehern der Rosse , das wuchtige Rasseln der Kanonen . Die Heeressäulen der Franzosen wälzten sich durch das tiefe Saalethal ; wie die fabelhafte Heerschlange , die im Thüringer Walde sich zeigt , eine Kette , Mann und Roß , von den Höhen der Berge bis schon hinaus viele Meilen über Jena , da , wo die Unstrut in die Saale fällt . Die Thüringer , die das Weh aller großen Kriege , welche Deutschland zerfleichten , in ihren schönen Thälern , an ihren Berggeländen recht aufgesogen und eingesammelt , hatten solche Massen Krieger nie gesehen . Eine Völkerwanderung schien es . Wo die Schlange sich in dem Lichtschein ringelte , blitzte es auf von den Bajonetten und Flintenläufen , den funkelnden Säbeln , von umbauschten Helmen . Da auf dem Markte preschten die Chasseure , Raum machend für den Gewaltigen , und die Glieder standen und präsentirten . Es war eine kurze , aber ernste Heeresschau . Tausende und Tausende wälzten sich durch die Thore weiter , aber Tausende und Tausende verschwanden aus der lichthellen Stadt , man wusste nicht , wohin . Keiner legte sich zur Ruhe , der Kaiser wachte ! Für nicht wie viel Tausende sollte es die letzte Nacht sein , eine schlaflose Todesnacht . Steile Felsberge gipfeln sich über der Stadt ; die Knaben üben sich im Spiel zu klettern , der Jenaer Bursch wagt in kecker Laune den gefährlichen graden Aufweg ; wie wollen Mann und Roß und Kanonen zu uns herauf ? scheinen die kahlen Berge höhnisch zu fragen . Aber ein siegreiches Kriegsheer hat für jede Mauer eine Leiter . Es ward eine Nacht voll Bewegung und Leben ; Fackeln , brennende Kienscheite erhellten die Berge , die Axtschläge krachten durch das Thal . Es giebt keine noch so nackte und steile Höhe , die nicht durch Schlingungen und Wendungen zu gewinnen ist . Einige hat hier die Natur oder Vorzeit schon gebildet , der Berg am Mühlthal heißt die Schnecke , andere kann ein geübter Blick suchen , und wo die Natur vorgearbeitet , hilft die Kunst nach . Napoleon hatte in jener Nacht auch die Hülfe der deutschen Wissenschaft . Ein gelehrter Militär in seiner Suite , welcher einst in Jena studirt , wies den Ingenieuren die Stege , die er im tollen Uebermuth der Jugend erklettert . Was man in einer Wette thut um Kannen Bier , soll man ' s nicht , wo der Einsatz die Weltherrschaft ist ! Schaufeln und Aexte halfen nach ; Gerüll , in die Tiefen geschleudert , Baumstämme wurden zu Brücken und das Saalufer von Jena war kein schneebedeckter Simplon . Wo die Pferde nicht konnten , zogen Menschenarme das Geschütz . Napoleon schmähte in dieser Nacht nicht auf die Ideologie der deutschen Studenten . Lange , ehe der erste Hahn krähte , war es vollbracht . Die Massen der kaiserlichen Garden und Linientruppen standen , ein dicht gedrängt Quarré , auf dem Bergufer , und auf dem Landgrafenberg , dem höchsten Punkte , von dem das Auge eine weite Aussicht hat auf die Hochebene , die sich nach Weimar erstreckt , erschien der Feldherr in der Mitte der Seinen . Fackeln beleuchteten den Mantelrock , das schöne , prüfende Auge des Siegers , während er längs der Reihen ritt , und den Jubel , der ihn begrüßte und verdoppelt bei jeder neuen Reihe in die Luft schallte , mit dem Lüften seines Hutes erwiderte . Seine Lippen blieben verschlossen , die Augen sprachen um so beredter : es ist morgen ein größerer Tag denn je ! Der Jubel verhallte , er war in das Gebüsch geritten , um - zu ruhen , bis der Tag der Entscheidung anbrach . Auch seinen Kriegern war es jetzt vergönnt . Sie sanken hin , wo sie in Reih und Glied gestanden , die neben dem Pferde , die unter der Kanone ; die kalte Nacht ihr Mantel . Hier brannten wenige Feuer , auch diese halb versteckt hinter Gebüsch und Erderhöhungen . Die Augen schlossen sich , ein allgemeines Schnarchen , ein Bild des Friedens wenige Stunden vor einem Gemälde des Todes , und welchem ! Nicht Alle schliefen . Die dunklen Gestalten dort vorn , in ihre grauen Kapotmäntel gehüllt , das Gewehr in den Arm gedrückt , gegen einen Baum gelehnt , an einen Steinhaufen gekauert , hatten scharf das Aug geöffnet . Es verfolgte jeden Rauchwirbel , der über den Wachtfeuern des Feindes sich kräuselte , jeden Windzug , der in der Zeltleinwand spielte . Seit die Rotten und Glieder sich auf die Erde gestreckt konnte man das Schauspiel frei übersehen . So weit das Auge in die Nacht reichte , Wachtfeuer und Zeltreihen . Durch sechs Stunden dehnte sich das Schlachtfeld der Preußen aus , hell , licht , Alles in bequemer , hergebrachter Ordnung . Und hier auf engem Raum , um einen bewaldeten Berg zusammengedrängt , im Dunkel seiner Schatten und Nacht , und am Rande eines Abgrunds hinter ihm , der Feind . Die Wachtposten standen kaum auf Schußweite von einander entfernt ; aber es fiel kein Schuß , kein Allarmzeichen , kein versprengtes Pferd störte die Ruhe . Schien es doch ein stillschweigend Abkommen , sie bedurften Beide der Ruhe , um morgen sich zu morden . Nicht Alle schliefen , auch von Denen nicht , welchen es vergönnt war . Unter einer Eiche lag ein zum Tode Verurtheilter . Der Offizier , der ihm zur Bewachung zubeordert , hatte ihm doch höflich das Bund Heu , das für sein Pferd bestimmt , zum Kopfkissen gegeben , daß er , so bequem es ging , eines letzten Schlafes vor seinem letzten Tage sich erfreue . Aber Louis Bovillard konnte nicht schlafen , oder er hatte schon genug geschlafen ; er richtete sich auf und stützte den Kopf auf seinen gesunden rechten Arm . Der linke war verwundet , ein Verband war darum geschlungen . Vorgestern war er , als er , aus dem Saalethal aufgescheucht , über die Schwarzach setzen wollte , von französischen Jägern angerufen worden . Als er die Antwort schuldig blieb , hatten sie gefeuert . Am Arm verwundet , war er vom Pferde abgeschleudert und gefangen worden . Man hatte ihn nach Kahla gebracht und vor ein Kriegsgericht gestellt . Da er nichts sagen konnte oder wollte , als daß er in Aufträgen seiner Regierung nach Franken geschickt gewesen , und , beim Rückwege unter die Schaaren der Franzosen gerathen , den Versuch gemacht , durch den Thüringer Wald sich nach dem Hauptquartier seines Königs durchzuschlagen , hatte das Gericht ihn für einen Spion erklärt und zum Strang verurtheilt . Irgend ein Zufall , der schnelle Abmarsch , hatte die Exekution verhindert ; man hatte ihn mitgeschleppt bis Jena . Auch hier war dazu keine Zeit , man hatte ihn auch auf den Berg mitgeschleppt . - Betrachtete er jetzt über sich den dürren Ast der Eiche , von dem er morgen herab schweben sollte , eine kalte Leiche ? Oder suchte sein Auge durch den nebelgrau belegten Himmel nach einem Stern , an den er seine Hoffnung knüpfen wollte ? Es war keine Hoffnung , die noch mit diesem Leben liebäugelt : das sprach sein umflorter Blick . Man hatte ihn immer menschlich , zuletzt mit chevaleresker Höflichkeit behandelt . Sein Wächter hatte ihm vorhin eine Cigarre angeboten , mit dem seltsamen Trost , wie in Spanien , woher er sie gebracht , die Sitte fordere , daß der Henker mit seinem Opfer eine Art Friedenspfeife raucht . » Der Tod ist ja der Frieden ! « hatte der Gefangene erwidert . Eine Schaar Krähen , von der momentanen Stille getäuscht , hatte sich auf den Aesten des Baumes niedergelassen ; auch sie schienen wie der kluge Feldherr das große Feld zu überschauen , wo morgen Abend eine Tafel , und eine wie große , für sie gedeckt sein sollte . Der Offizier , der , mit verschränkten Armen auf einem Sattel sitzend , die Augen auf einen Moment geschlossen , schien durch das Gekreisch der Thiere erweckt , und sah mit Verwunderung die Stellung seines Gefangenen . Der Gedanke an einen Fluchtversuch konnte ihm nicht kommen : » Schreckten böse Träume Sie auf , oder die geflügelten Bestien da ? « - » Ich bin auf mein Schicksal gefasst . « - Der Gefangene schwieg , der Andere sagte nach einer Pause : » Kamerad , aus Vorsicht möchte ich Ihnen anrathen , präpariren Sie sich noch für einige Momente auf das Leben . Sahen Sie nicht , daß der Kaiser einen eigenthümlichen Blick auf Sie warf ? Er wandte noch einmal sein Pferd , um Sie wieder anzusehen . « - » Wie der Tiger sein Opfer , ehe er es zerreißt . Das war sein Blick auf Leichenhaufen . « - » Die sieht er vor jeder Schlacht . Ob eine mehr oder weniger , darauf kommt es - « » Dem Großhändler über Menschenleben freilich nicht an . « - » Sie haben den unnatürlichen Haß Ihrer Nation gegen ihn eingeimpft . « - » Nein ! « antwortete Bovillard nach einigem Besinnen . » Dann würden Sie sich selbst sagen : wenn ein Fürst einen zum Tode Verurtheilten vor sein Auge ließ , bedeutete es sonst Gnade . « - » Sonst ! « - » Sie prätendiren doch nicht , daß Napoleon einen persönlichen Haß gegen Sie hat , daß er an Ihrer Angst sich weiden wollte ? « - » So wenig , als ich glaube , daß er den Herzog von Enghien persönlich hasste , auch nicht den Buchhändler Palm . « - » Sie nähren selbst einen bittern Haß gegen den großen Mann . Das thut mir von Ihnen leid . « - » Gegen den großen Mann ! Nein . Es gab Stunden , wo ich ihn bewunderte . Ja , in dieser meiner letzten , darf ich es aussprechen , Momente , wo ich in ihm den neuen Heiland der modernen Weltordnung erblickte . Seitdem - genug ! Der edle Prinz , den ich bei Saalfeld stürzen sah , war ein Bewunderer Ihres Kaisers . Einst rief er aus : Ich erlaube ihm ja , uns zu vernichten , aber moralisch zu meuchelmorden , das empört . « » Eine seltsame Konversation , Kamerad ! Der zum Tode Verurtheilte richtet seinen Richter . Ich hätte gewünscht , daß Sie heute wenigstens noch sein Bewunderer wären , daß man ihn darauf aufmerksam machen könnte - « » Und daß er vor der Schlacht einen Komödienakt spielen , großmüthig mit einer Tirade aus Racine oder Corneille mich begnadigen könnte ! « - » Was kümmerte Sie die Posse , wenn sie den ernsten Schluß hätte , daß Sie mit dem Leben davon kämen , vielleicht gar mit der Freiheit . Nachher könnten Sie darüber lachen , so viel Sie wollten . - Nun , im Ernst gesprochen - man weiß in seiner Suite , wer Sie sind - « » Da weiß man sehr viel ! « - » Der Sohn eines Mannes von Einfluß , der lange die französische Partei an Ihrem Hofe gehalten , vielleicht noch jetzt . Das hat die Gemüther sanft gestimmt ; Gott weiß , welche Konjekturen die Herren daran knüpfen , genug - ich glaube , es käme nur auf Sie an - « » Ich sterbe in der größten Tragödie , in der mein Vaterland untergeht . « Die Augen des Verwundeten stierten mit einem Fieberglanze auf die Wachtfeuer im Thale , deren Flammen jetzt sichtlich niederbrannten . Der Offizier sah ihn verwundert an : » Wir werden siegen , denn ich glaube fest an Napoleons Stern . Aber Sie , ein Preuße ! Der kleine Sieg bei Saalfeld - « » Ward zum entscheidenden , da Ihre Feldherren ihn benutzten , die Saale in reißender Schnelligkeit zu okkupiren . Sie haben das preußische Herr umflügelt , von den Marken und Sachsen , woher es seine Lebenssäfte erhält , abgeschnitten , Sie haben die Höhen des Flusses , die Uebergangspunkte besetzt , Sie greifen es im Rücken an , und drängen es mit Ihrer Uebermacht in die Positionen , wo Sie Herren sind . Und hier vor meinen Augen sah ich die Nacht , das Lager von Hochkirchen wieder , sogar der verhängnißvolle Jahrestag ist ' s der Schlacht ! Dort die weit zerstreuten Feuer der sorglos Gelagerten , ohne Schanzen , Verhau , natürliche Grenzen ; hier zusammengekeilt auf der Höhe , welche das Plateau beherrscht , eine stärkere Kriegsmacht , die , beweglich und elastisch , wie ein Bergstrom hinabrauschend , die zerstreuten Feinde durchbrechen , trennen , aufrollen , vernichten muß . Und der größte Feldherr des Jahrhunderts gebietet über ein Heer , das eine Einheit ist . Ja , mein Herr , Diese verdienen vernichtet zu werden , die Sie auf die steilen Wände klimmen ließen , ohne den Versuch nur , Sie daran zu hindern . Die mit Mann und Roß und vollem Geschütz müßig , zaudernd , unschlüssig zusehen konnten , wie Napoleon sich auf diesen Höhen formirte , die keinen Angriff wagten und Ihre Kolonnen nicht in den Abgrund stürzten - die sind schon geschlagen , vernichtet . « Der Sprecher sank zurück und drückte sein Gesicht in das Heu . Mit gespannter Aufmerksamkeit hatte der Kapitän ihm zugehört . Mit Voranschickung eines französischen Fluches schloß er : » In Ihnen ist ein Soldat verloren ! « - » Verloren - verloren ! « murmelte Bovillard dumpf in sich . » Warum , Kamerad ? Der Mann ist ' s nie , wenn er sich nicht selbst verloren giebt . « - » Oder eine höhere Hand ihn schlug ! - Da wieder ! « Er athmete krampfhaft auf . Die brennenden Augen stierten in den Morgennebel . Die Hand machte eine konvulsivische Bewegung , er war im Fieber : - » Morgen , morgen hinab - mit meinem Vaterland ! « - » Sehn Sie Geister ? « Der Kapitän fuhr mit Franzbranntwein über die eiskalte Stirn des Verwundeten