Angeroder Archiventdeckung und Ihr , läugnen Sie es nicht , eigenmächtiges Verfahren ausgesprochen haben . Sie frühstückten noch nicht , lieber Herr Wildungen , darf ich- ? Bitte ! Bitte ! Ich freue mich wahrhaft , Sie wiederzusehen . Ahnte Das nicht im Heidekrug , als Justus so wohlbehäbig sein dummes Juste-Milieu auftischte und der kecke Handwerksgesell am Fenster schnarchte ! Ahnte auch nicht , daß Sie meiner Familie so viel Liebenswürdigkeit erwiesen ... O Herr Justizrath ! Sie kehren die Rolle um . Ich bin der verpflichtete Theil . Man war sehr liebenswürdig gegen mich . Nein ! Meine Frau hat mir nicht genug erzählen können von Ihrer Artigkeit , Ihrer Zuvorkommenheit ... Es ist sehr komisch , ja ! Man war höchst charmant gegen mich . Nur Schade , man hielt mich für den Prinzen Egon . Schlurck lachte überlaut . Mein altes Faktotum , sagte er und griff in seine Dose , mein alter Bartusch will immer schlau sein und von dem vielen Ohrenspitzen wachsen die Ohren auch manchmal zu hoch und aus einem Fuchs wird ein Esel . Bartusch zuckte oben , als er diese Anzüglichkeit hören mußte , mitleidig die Achseln . Sie verwundete ihn nicht im geringsten , so laut sie auch Schlurck hervorhob , um sie ihm anzuhören zu geben . Schlurck wußte , daß oben gelauscht wurde . Ich hätte schon gestern Ihren Damen meine Aufwartung machen sollen , sagte Dankmar gelassener . Ich bitte , mich bei Ihnen zu entschuldigen . Sie waren sehr gütig gegen - gegen den Prinzen Egon . Melanie biß sich auf die Lippen , was ihr immer ein sehr leidenschaftliches Ansehen gab . Essen Sie heute bei mir ! Was ? Hm ? Was ? Wollen Sie ? schmunzelte der Vater . Ich danke ... war Dankmar ' s kalte Antwort . Meiner Frau haben Sie ' s angethan , Herr Wildungen ... und Melanie ... nun , Das werden Sie besser beurtheilen können . Sie haben Menschenkenntniß , Mann ! Worin ? Schlurck blinzelte mit den Augen . Nun , sagte er mit künstlichem Lachen , ich versichere Ihnen , meine Frauen sind fast verletzt , daß Sie gestern nicht schon kamen . Ich lebe in zu dürftigem Zusammenhange mit den Meinigen - Hätt ' ich Sie schon gestern wiedergesehen , wie leicht würde man sich verständigt haben ! Ihr Feuer , Ihre Offenheit , das sind unwiderstehliche Sieger , die sich den Eingang zu jedem Herzen zu bahnen wissen . Der Justizrath war dem jungen Manne , den er zu seinem Schwiegersohn haben wollte , so nahe gerückt , daß er ihm mit Vertraulichkeit auf die Kniee klopfen konnte . Dankmar rückte seinen Sessel zurück und stand auf . Herr Schlurck , sagte er , ich bedaure , daß ich nun für ' s Erste aufbrechen muß , um meinen Bruder zu beruhigen , der zu Rudhard geeilt ist . Wollen Sie mir nun nicht sagen - Sitzen Sie doch noch ! Ei was , zu den Geschäften ist noch immer Zeit . Referendar ? Hm ! Hm ! Ein Bruder ? Rudhard ? Wie alt sind Sie denn , Herr Wildungen ? Vierundzwanzig Jahre , Herr Schlurck . Vierundzwanzig Jahre ! Hören Sie , da war ich noch nicht halb so weit wie Sie ! Das heißt , an Witz und Verstand . Im Avancement freilich - Wollen Sie denn die Richtercarrière - Bin noch unentschlossen , wozu ich mich ... doch genug , ich ... Das geht so . In diesen Zeiten ! Ja , ja , Politik , Das wäre ein Feld für Sie ! Nur schlimm , daß man zuviel einsetzt , wenn man freimüthig sein will , und die Zeit ist nicht reif für uns ; ein freimüthiger junger Beamter ist bald abgenutzt . Und dem loyalen geht ' s kaum anders . Man belohnt ihn mit dem Bewußtsein seiner erfüllten Pflicht . Der Teufel auch ! Wär ' ich jung , ich hielte mich immer links und nur Einmal paßt ' ich auf den rechten Moment , um nach Rechts zu springen . Wetter ! Warum lassen Sie sich denn nicht wählen ? Von vierundzwanzig Jahren kann man jetzt ein Perikles sein und ich glaube , Pitt und Fox waren noch jünger , als sie in ' s Parlament kamen ... Es gibt bessere Kräfte als die meinigen ! Also auch bescheiden ! Bravo ! Bravo ! Wissen Sie , daß ich den Vorfall von heute früh recht bereue ? Aber diese Fanatiker des Egoismus ! Was haben sie mich gequält ! In den Ohren lagen sie mir wie die Verzweifelnden . Ja ! ja ! Sie sollen bei den Gerichten in dieser Sache recusirt werden . Man will Sie entfernt wissen aus der zweiten Abtheilung des Obergerichts . Ja , ja ! Das Alles geht vor ... Wissen Sie ' s schon ? Da ich bald selbst Partei in diesem Prozesse sein werde , so kann ich natürlich für eine andre nicht mehr arbeiten -ich finde Das in der Ordnung . Selbst Partei ? Wie so ? fragte Schlurck gespannt . Herr Justizrath , ich muß aufbrechen . Wollen Sie mir also nun nicht - Ei , sitzen Sie doch ! Ein Glas Champagner ? Was ? Sie waren auf einem Ball : da will der Magen eine Anregung . Es ist heiß . Dieser Hundstagssommer ! Ich klingle - na ? Ein Glas Madeira ? Portwein ? Sie sind zu gütig , Herr Justizrath ! Auch meine Nerven laufen nicht zum Feinde über . Sie bleiben mir treu und sagen : Danke ! O sehr fein ! Sehr schlau ! O ich wußte es ja ! Melanie war entzückt von Ihnen ... Ja , Sie Tausendsasa ! ... Meine Tochter zum ersten Male gesehen ? Zum ersten Male , Herr Schlurck . Ich sprach schon im Heidekrug bedauernd davon , daß ich nicht früher die Ehre hatte . Im Heidekrug ? War etwas verwirrt im Heidekrug ! Ja ! Ja ! Ich besinne mich . Was war ' s doch ? Sie erwähnten Egmont ... Aha ! » Freudvoll und leidvoll « ? Nein ! » Du wirst sie nicht verachten , weil sie mein war ! « Richtig ! Geldermann-Deutz ! Reubund ! Nun weiß ich Alles ... Was doch Ideen-Association thut ! Ja , ja , mein Töchterlein ... Etwas keck , wild , nicht wahr ? Sie ist hübsch , sagt man . Sie hat ' s von der Mutter ! Die schlanke Taille ist von mir ; ich bin mager , spindeldürr . Aber eine Taille muß sein wie bei einer Wespe . Die Neigung zu compakteren Formen kommt erst in spätern Jahren , junger Mann ! Wie sagt Heinrich Heine ? » Kolossale Gliedermassen « ... oder wie ? Ah ! Es gab eine Zeit , wo ich meinen Heine auswendig konnte . Ein gutes Mädchen , besser als sie sich gibt , meine Melanie . Haben Sie sie reiten sehen ? Sie wollten im Heidekrug nicht , daß Ich von Fräulein Melanie als einer Amazone sprach . Ah , ja ! Ah , ja ! Ich entsinne mich - Richtig ! ... Nun , wissen Sie ... Wahrscheinlich dachten Sie an Herrn Lasally ... Das war ' s ! Sehen Sie , Sie kennen meine Empfindungen ... Ja , dieser Lasally ! Das ist auch so ein Thema , wo der Mensch ... Mein Bruder bewundert Ihr Fräulein Tochter , wie ich es that , wie Alle ! Ihr Herr Bruder ? Haben einen Bruder ? Ja , ja , ich besinne mich ; aber hören Sie , nicht Alle ! Wozu Alle ? Einer und der Rechte , der die Zügel kurz zu fassen versteht . Das wäre mir lieber ... ein Mann ! Ein Eroberer ! Ein rechter Held ! Herr Lasally ! sagte Dankmar boshaft . Der versteht sich auf kurze Zügel . Als Melanie diese Äußerung hörte , war es ihr , als drehte sich ihr das innerste Leben um . Sie fühlte einen Schmerz zum Aufschreien . Mit einem erstickten Ah ! ließ sie die beiden andern Lauscher stehen und schlich sich halbohnmächtig hinweg . Dieses letzte Wort war zu grausam gewesen . Schon die kalten Antworten , die Dankmar vorher gab , durchrieselten sie ; aber dies letzte : » Herr Lasally ! Der versteht sich auf kurze Zügel ! « ging über das Maß Dessen , was ihr Stolz , ihre unleugbare Liebe ertragen konnte , hinaus . Schlurck hörte oben eine Thür gehen und verstand , daß einer der Lauscher sich entfernt hatte ... wer anders , als der wichtigste , ihm wie sein Leben liebste ... Sie gibt die Partie auf ! sagte er zu sich selbst mit Schmerz ; hier ist keine Freundschaft möglich , hier ist kein Bundsgenosse für mich ! Noch einmal versuchte er noch , an Dankmar ' s Herz zu klopfen . Noch einmal sagte er : Heirathen Sie nur nicht zu früh ! Ein junger Mann , der eine bedeutende Zukunft erstrebt , darf nicht in die Knäuel der Strickstrümpfe gerathen ... Ich danke Ihnen , Herr Schlurck , antwortete Dankmar kalt , für diese Rathschläge , die ganz mit meinen eigenen Empfindungen zusammenstimmen . Mein Herz ist glücklicherweise derjenige Muskel meines Körpers , dem ich seit frühester Jugend , vielleicht durch zeitige Übung , eine große Kraft verlieh . Dieser Muskel besitzt viel Elastizität und ich habe ihn darin mit einem guten Magen auf eine Linie gestellt , ich fühl ' ihn nicht zu lebhaft . Ein Weiberfeind ? Geist und Schönheit können mich fesseln ... doch nur vorübergehend ... flüchtig . Und diese Erfahrung machen Sie überall ? Bis jetzt überall ! Ich habe einen zu kalten Verstand . Ich durchschaue zu bald die Eitelkeit und die Schwäche der Frauen , und wenn mich etwas entzückt hat und ich sehe dann , daß Das , was mich blendete , doch nur ein flüchtiger Schimmer ist und keine Grundsätze , keine Bürgschaften für die Zukunft geboten werden , und ich nun erst selbst , als Mann , ich Schwankender , ich Egoistischer , ich Grausamer , nur auf mich und meine Eitelkeit ohnehin Bedachter ... doch was verschwend ' ich die Zeit ! Der kleine Kläffer , Bello , mahnt schon wieder , daß wir ein Ende machen ... ... Damit stand Dankmar auf und Schlurck wußte nun entschieden , daß er für Melanie nichts zu hoffen hatte . Er wurde ernst und nahm sich zusammen und fiel in seinem Zorn erst auf Bello . Sie haben Recht , das Thier ist unerträglich , sagte er , und schien zu erwarten , daß sich Dankmar empfahl . Nun - sagte aber dieser staunend ... und der Schrein ? Die Dokumente ? Schlurck antwortete kalt : Sind im städtischen Archiv . Die Papiere werden bei den Akten figuriren . In der That ! Wirklich ? O , Das ist seltsam ! Schreiben Sie diese Unannehmlichkeiten dem Ihnen wohlbekannten Gange der Gesetze zu ! Wer hat die Aufsicht des städtischen Archivs ! Einer unserer gefeiertsten Alterthümler , dem wir die treffliche Abhandlung über die allmäligen Veränderungen unseres Stadtwappens verdanken ... Propst Gelbsattel ! Dankmar stampfte zornig mit dem Fuße auf . Er fühlte sich zu unglücklich über diese ihm unerwartete Wendung der Dinge . Er sah den Schrein im Geiste geöffnet , die Dokumente , die für ihn und seine Familie sprachen , vernichtet . Wer konnte ihn schützen ? Sie sahen die Papiere nicht ? rief er . Wissen nicht , daß ich in der Lage bin , Das , was etwa fehlen sollte , mit Aufopferung meines Blutes zurückzuverlangen und daß ich beschwören würde , Die , die etwa gewisse Papiere unterschlagen hätten , gehörten als Schurken und Bösewichter an denselben Pranger , der an der Ecke dieses Rathhauses durch eine eiserne Kette bezeichnet wird ? Ich weiß nichts , was Veranlassung zu so gewaltsamen Reflexionen gäbe ; antwortete Schlurck kalt . In furchtbarer Aufregung und wie von dem raschen Entschlusse , zu Gelbsattel zu eilen , getrieben , öffnete Dankmar die Thür , ohne ein Wort des Abschieds . Bello , der längst schon mehre Mal wieder an die Thür des Vorzimmers gekratzt und sich nicht hatte beruhigen lassen , sprang nun wie wüthend in das Zimmer und faßte , ungehindert durch sein lahmes Bein , in grimmiger Verbissenheit die Zipfel von Schlurck ' s seidenem Schlafrocke , zerrte und kratzte an ihnen herum , daß der geängstete Justizrath im Zorn den in der Thür stehenden und die Mütze bescheiden in der Hand haltenden Peters anfuhr : Die Bestie fort ! Zum Haus hinaus ! Zum Haus hinaus ! Ihr Gesindel ! Dankmar stutzte , biß die Zähne zusammen und sagte zu dem verdutzten Peters : Der Schrein ist verloren ! Bello aber , das treue , wachsame Thier , hatte eine andre Fährte , als dem menschlichen Organe möglich war . Schon zehn Jahre war das kleine Thier ein treuer Wächter auf den Güter-Wägen seines Herrn gewesen . Es schien den Duft von Angerode , ja den Duft des Strohes zu erkennen , mit dem man in Thüringen die Frachtgüter verpackt . Winselnd und wie lustig und ausgelassen kläffend war es in eine Nische des dunklen , nur von einem Hoffenster erleuchteten Zimmers gesprungen , hatte eine Tapetenwand fast umgeworfen und Peters schrie schon lachend : Nichts verloren ! Da ist das Kreuz ! Bello , ist ' s möglich ? Rief Dankmar . Aufgeladen ! sagte Peters , der den vorigen ganzen Streit gehört hatte , zu sich selbst , und in demselben Augenblicke schon hatte der treue Fuhrmann sich gebückt , den Schrein gepackt , und war im Begriff , das gefundene Gut auf die Schulter zu heben . Das war zuviel für den Justizrath . Er stand todtenbleich , hatte aber doch noch den Muth , rasch die Hand des Fuhrmanns zu halten ... Dankmar sprang hinzu , riß den Deckel auf , griff in den Schrein , fühlte , daß er voller Schriften war , fühlte die Siegel der Pergamente und im Triumphe faßte er an , schleuderte den Justizrath zurück und hob den eroberten Schatz auf Peters ' markige Schultern . Schlurck war einer Ohnmacht nahe .... Er klingelte . Bartusch fühlte , daß es Zeit war , ihm beizuspringen . Er gab die allein wichtigen Papiere , die er in den Händen hatte , rasch der Mutter , die von Alledem nichts begriff und nur zu Melanie eilte , um ihr zuzuschreien : Schließ die Papiere ein ! ... und stieg polternd die Wendeltreppe hinab ... Ah ! rief der Justizrath und athmete auf . Bartusch , Sie werden eine neue eigenmächtige Handlung des Herrn Wildungen bezeugen . Mein junger Mann , ich warne Sie ernstlich ! Sie werden Ihre Vermessenheiten bitter bereuen ! Und Sie Ihre Lügen , Ihre Verstellungen , Ihre Heucheleien , Ihre Sittenlosigkeit ! rief Dankmar , als Peters schon vorausschritt und mit der rechten , freien Hand seinen Bello liebkoste . Welche freche Stirn ! antwortete Schlurck , der die verletzenden Erfahrungen von gestern in seinem eignen Hause nicht wieder erleben wollte . Die Stunde wird schlagen , sagte Dankmar noch im Vorzimmer sich umwendend , für Vieles , was schlummerte ! Die Zeugen gegen Ihr Haus mehren sich ! Die , die auf dem Krankenlager liegen , werden genesen ! Die , die bei der Nacht wandeln , werden noch auf andre Namen , als den Namen » Fritz Hackert « erwachen . Das geweihte Kreuz auf dieser Truhe wird reinen Händen den Muth zu einem Kampfe geben , dessen Schlachten mehr erschüttern sollen als nur die Ruhe eines gewissenlosen Notars ! Damit ging Dankmar und suchte die Luft der Straße , um seine furchtbar klopfende Brust zu erleichtern . Bartusch aber flüsterte rasch dem entfärbt und erschöpft in seinen Voltaire-Sessel sinkenden Justizrath zu : Beruhigen Sie sich ! Die Papiere , die doch der Rahm an der Sache scheinen , liegen ja oben ! O wären sie mit ihm gegangen ! sagte Schlurck vernichtet . Wären sie in dem Schrein geblieben ! Ich fühle mich nicht stark , solche Scenen zu ertragen ! Ich bin kein Schurke ! Ich bin kein Dieb ! Weg von mir Bartusch ! Weg ! Weg ! Ihr Alle seid mein Verderben ! Meine Schwäche ist mein Elend ! Ihr treibt mich auf schlimme Wege , die mir fremd sind . Ihr treibt mich in die Schande ! Tragen Sie ihm die Dokumente nach ! Fort ! Fort ! Nimmermehr ! rief Bartusch . Justizrath ! Besonnenheit , Muth ! Bedenken Sie , was der Propst sagen würde ! Mann ! Warum haben Sie Heimlichkeiten vor mir , vor Ihrem treuesten Anhänger , vor Ihrer linken Hand , wenn Ihnen die rechte zu müde wird , ja vor Ihrer rechten , wenn Sie mich schalten ließen und Farbe halten könnten ! Justizrath ! Justizrath ! Wir unterschlagen diese Papiere ! Wir vernichten , wir verbrennen sie ! Schlurck schwieg . Er war seiner selbst nicht mehr bewußt . Ein Bild stand vor ihm , das grauenhafteste , das Bild seiner Schande ! In Todesangst griff er nach seiner kalten Stirn und flüsterte : Welche Bahn wandl ' ich ! ... Ein guter Genius fügte nun aber Folgendes : Peters öffnet schon das Thor und tritt mit dem Schrein auf die Straße . Dankmar liebkost den auf seinem lahmen Beine tänzelnden Bello und wirft im Gehen einen flüchtigen Blick auf die mit Bildern gezierte Treppe , die hinaufführte zu Melanie , zur Tochter eines solchen Vaters , zu ihr , der süßen , himmlischen Melanie ; zu ihr , die im Mondenschein in seinem Arme lag ! Zu ihr , die ihn noch in diesem Augenblicke wie ein Zauber umstrickte , trotzdem , daß sein sittliches Gefühl sie verläugnen mußte ! Da hört ' er Geräusch , wie von einer leicht von einem Felsen herunter springenden Gazelle . Er erstarrt ... Es ist Melanie ! Freundlich und holdselig , wie in Hohenberg , ruft sie ihm von den letzten Stufen , von denen sie sich herabbeugte , zu : Sie böser , undankbarer Mann ! Das Bild , das ich Ihnen mit so vieler Mühe erobert habe , ließen Sie sich wieder rauben . Ist Das wahr ? Melanie ! sagte Dankmar stammelnd und sprachlos . Hier , fuhr sie fort , hier , was ich Ihnen jetzt bringe , halten Sie Das fester . Gehört es nicht Ihnen ? Dankmar nahm , was sie ihm darreichte ... Es waren , auf flüchtigen Blick sah er ' s , diejenigen Papiere , auf die in seiner Angelegenheit Alles , Alles ankam , die einzigen wichtigen , die entscheidenden Papiere ! Sein Schreck über die Möglichkeit , ohne sie gegangen zu sein , die Überraschung , Melanie nun wiederum als eine treue , aufopfernde , hingebende Freundin zu erkennen , wirkten so mächtig auf ihn , daß er sich nicht sammeln konnte und in ihrem Anblick verloren dastand ... Nun , sagte Melanie harmlos , es sind doch die Ihrigen , Wildungen ? Wohl ! Wohl ! Wie soll ich Ihnen danken ! stammelte Dankmar und griff nach ihren Händen , um sie beide zugleich zu küssen . O ! sagte sie , sich leise entziehend ; lassen Sie ' s , sehen Sie diese Hände ! Voller Staub ! Voller Moder ! Es ist meine Schuld nicht , daß Sie mir immer solche tolle Aufträge mit alten Bildern und Papieren geben . Sie ! Lassen Sie ! O Melanie , wie tief beschämen Sie mich ! rief Dankmar und gab die Hände nicht her , er küßte sie und drückte sie an sein Herz wie ein Verzückter . Was wollen Sie denn ? fragte sie mit Lippen , die ihr furchtbares Beben durch scherzhafte Laune vergebens zu beherrschen suchten . Grüßen Sie Ihren blonden Bruder ! Lassen Sie sich nichts von ihm vorreden , was ich ihm für Sie aufgetragen hätte ! Er ist nur eifersüchtig auf mich , weil ich den alten Professor Berg mit den schönen , weißen Locken mehr liebe als ihn und Alle - Euch Alle ! Melanie ! rief Dankmar , mußte Das so kommen ? Nach jener Nacht in Hohenberg ? Die wenigen Tage sind wie Monden . Er konnte sich nicht trennen . Hüten Sie die Papiere besser wie das Bild ! sagte Melanie . Was wird nun mit dem Portrait , das der schönen d ' Azimont ähnlich sieht ? Ja , die ist schön . Kennen Sie sie ? Die sollten Sie sehen ! Die würde Sie bezaubern ... Ein , ein Bild nur , das Ihrige , Melanie , lebt in meinem Herzen ! rief Dankmar und sah tief in die zitternden , braunen Augen des Mädchens . Die Mutter sagte mir , Sie hätten dem Vater böse Dinge gesagt , fuhr sie fort . Versprechen Sie mir , ihm einige Zeilen zu schreiben und ihn um Verzeihung zu bitten ? Wollen Sie Das ? ... Sie zögern ? ... Selbst Das nicht ? Wildungen ? Melanie , ich will zu ihm zurück , ich will ihm zu Füßen fallen , ihm danken ... Das nicht ! Das nicht ! Jetzt nicht ! Sie schreiben ihm und bitten um Verzeihung ? Thun Sie ' s meinem Kindesherzen zu Liebe ! Ja ? Weiter nichts ! Nur Achtung , Schonung , nur ein Wort der Bitte um Verzeihung ! Ich thue es ... Melanie ! rief Dankmar willenlos . Sie gehen ? Sie bleiben nicht ? Melanie ? Sie steigen die Stufen hinauf ... Sie fliehen ... Immer eine Staffel weniger zu meinem Glücke und meine Seele folgt Ihnen ? Melanie ? ... Dankmar stand noch eine Weile , sich besinnend auf Das , was er erlebt hatte . Melanie war verschwunden . Tief erschüttert steckte er nun die wahren Beglaubigungen der Ansprüche seiner Familie zu sich und gab Peters , der am Thorwege wartete , ein stummes Zeichen , voranzugehen . Er folgte schwankend . Er stand still ... Er wagte aber nicht , noch einmal aufzusehen zu den Fenstern , wo diese Zauberin wohnte , die ihn so mächtig überrascht , so plötzlich auf ' s neue in den Bann ihrer Liebenswürdigkeit und Schönheit eingeschlossen hatte . Er bedurfte des ganzen Hinblickes auf die große Aufgabe , die er sich gestellt hatte , auf die neue und eigenthümliche Anwendung , die er im Interesse seines Vaterlandes und des ringenden Geistes der Freiheit und der Menschheitserlösung von dem gehofften glücklichen Erfolge seiner geltend gemachten Ansprüche auf ein großes Besitzthum versuchen wollte , um sich von diesen rasch aufeinander folgenden Schlägen des Schreckens und der Freude zu einem klaren Bewußtsein und der ihm eignen ruhigen Selbstbeherrschung wieder zu sammeln . Schlurck aber , der sich mühsam die Wendeltreppe zu den Seinigen hinaufgeschlichen hatte und von der zornfunkelnden Mutter , von dem die Hände entrüstet zusammenschlagenden Bartusch , dann von Melanie selbst hören mußte , daß sein Kind soeben dem » abscheulichen « jungen Manne die Papiere übergeben hatte , deren ihm höchstwahrscheinliche Entscheidung ihm auch den zweiten Anhalt seiner heitern , bisher so sorglos gewesenen Existenz rauben mußte .. Schlurck zürnte nicht ... nein , er umarmte sein Kind , drückte es wie seinen Rettungsengel an ' s Herz , war sprachlos , zitterte vor Freude und konnte sich vor Wehmuth nicht mehr fassen ... Die Mutter wollte verzweifeln , Bartusch wollte zanken ... Melanie aber sagte : Seid doch ruhig ! Es ist noch nichts verloren ... Seht , der Vater weint ! Ende des vierten Buches . Fünftes Buch Erstes Capitel Genesung Einem regnerischen , unfreundlichen Spätsommer folgte ein milder , klarer , sonniger Herbst . Die Septembertage ersetzten , was man vom August gehofft hatte , gemäßigte Witterung , linde Tage , erquickende Nächte . Es hatte gestürmt wie im April . Nun war es fast , als ginge noch einmal der Mai über die Erde und das kalte , steinerne Thor des Winters würde sich noch lange , lange nicht öffnen . Man führte nun doch noch die fast aufgegebenen Reisepläne aus , man flüchtete wieder auf ' s Land zurück , man begrüßte die Gärten , die sich durch all die Regenschauer nur erfrischt hatten und noch aus Florens Blumenhorne reiche , bunte Spenden boten . Sechs Wochen nach den auf den voranstehenden Blättern geschilderten Ereignissen , an einem Morgen dieser holden Septembertage , schritt eine schlanke , männliche Gestalt , blaß und hinfällig , am Arme eines andern jungen Mannes , durch die Gänge eines kleinen Parkes , durch dessen hie und da schon gelbes Laubwerk die Sonne mit der ganzen Wärme jenes Strahles brannte , an dem in gesegneteren Gegenden , als die , wo wir uns befinden , die Traube auf den Bergen ihre letzte Glut und Reife empfängt . Kein Lüftchen regte sich . Käfer , die im feuchten August erstarrt schienen , erhoben sich zu neuem Leben . Selbst noch ein dunkelfarbiger Schmetterling hüpfte von einer der vollen Blumenglocken der schlanken Malve zur andern ; denn in einer Seitenbiegung kam man aus dem kleinen Parke in einen Blumengarten . Hier und da stand ein Obstbaum und verbreitete den vollen würzigen Duft der reifenden Äpfel , den milderen , weicheren von Birnen , ja an der Einfassungsmauer der ganzen Anlage blickte aus dem dunkeln großblätterigen Grün eines Rebenspaliers sogar manche Traube , die für eine Pflege und Wartung lohnen und danken wollte , die das Spalier in diesem Jahre nur spärlich empfangen zu haben schien . Der am Arme des Andern langsam schleichende junge Mann deutete erschöpft auf eine verwitterte steinerne Bank , die an der Grenzscheide des Parkes und des Gartens stand . Hier mochte lange kein ruhiger Freund der Natur , kein so dankbarer Anbeter der Herrlichkeit Gottes in stillergebener Betrachtung verweilt haben . Die Bank von einer Steinlehne bequem begrenzt , mit einem in diese Lehne gehauenen Wappen im Rücken geziert , war verwittert , vom Regen zerbröckelt , Moos überschimmelte sie wie eine flache Felswand . In der den Rücken zierenden Krone und ihren durchbrochenen Henkeln , wenn man wie Richard II. bei Shakespeare die Krone einem Eimer vergleichen wollte , stand noch Wasser , das die Luft oder der Stein so rasch aufzusaugen nicht die Kraft gehabt hatte . Der Gefährte des blassen Spaziergängers war auf diese Unbequemlichkeit gerüstet . Er trug ein großes Polster , das er nicht der Länge nach , sondern so in die Quere auf die Steinbank legte , daß der Ermüdete sich auch zugleich durch eine weiche Rücklehne erfreut fand , als er erschöpft vom Arme des Gefährten abließ und auf das Polster niedersank . Ah , Das thut wohl ! sagte der Leidende . Das ist kein Gefühl des Schmerzes mehr in den schweren Gliedern ; Das ist die Lust und Wonne der Genesung ! Und zu seinem Gefährten sich wendend , setzte er in französischer Sprache hinzu : Aber Louis - der Stein ist kalt für dich und hart ... Wir hätten das Kissen in die Länge legen sollen . Damit wollte er aufstehen , stemmte sich schon an die Seitenlehne und hob sich mühsam in die Höhe . Nein , nein , sagte der Andere in derselben fremden Sprache und hielt ihn nieder , während er sich neben ihn setzte ; diese Steinbank ist für Gesunde , wie ich es bin . Ja und die kleine Erhöhung über uns , die Wappenkrone , ist ein Symbol , daß nun bald die Rücksichten der Gesellschaft an die Stelle der Freiheiten des Krankenzimmers treten werden . Laß es nur so ! Der Genesene ließ die großen , noch schweren Augen liebevoll auf seinem Gefährten ruhen , legte ihm die noch heißen Hände , in denen ein leises Zittern bebte , in die seinen und sagte , die blassen Lippen des schöngeformten Mundes mäßig öffnend : O nie ! Nie , mein Freund ! Sieh nur , betonte lebhafter der Andere , wie uns diese Krone auf der Rückwand trennt ! Es ist noch Regen in ihr , erwiderte der Leidende mit scherzender , aber mehr wehmüthig gemilderter Miene , sie schwimmt fort ! Laß sie dahintanzen auf den Wellen des Lebens ! Sinkt sie unter , ich lohnte dem Taucher nicht , der sie mir wiederbringt . Sprich nicht zuviel , Egon ! bemerkte sorgend der Gefährte . Genieße die linde Luft ! Ziehe sie in deine Brust mit tiefem Athem ein ! Sie wird dich stärken . Egon gehorchte . Er war in jener gehorsamen Schwäche , die dem Genesenden so rührend steht ... Der Kranke widerstrebt . Lange währt es , bis er sich den Anordnungen Derer fügt , die aus Liebe zu ihm streng sind . Endlich schwindet in seiner gebrochenen Kraft das Bewußtsein , die Macht des Widerstrebens läßt nach , er muß sich gefallen lassen , was besorgt mit ihm geschieht ; denn er weiß nicht mehr , was die Welt um ihn her bedeutet , seine Sinne schwinden . Endlich aber bricht der Lichtstrahl des Bewußtseins wieder durch die Nacht des schon drohenden Todes , das Leben faßt mit starkem Arme den Wiedergewonnenen und drückt ihn an ' s Herz und der Genesende wird ein Kind , ein neugeborenes , schwaches , hülfloses Kind , gehorsam und ergeben , sanft und duldsam , wie umgewandelt , wie neuerschaffen , jedes Gebot vollziehend , jeder Weisung gehorchend und gerührt ... über sich selbst ! Egon sah auf die Blumenbeete hinüber . Die Zeit der Rosen und Nelken war hin . Die Düfte hatten nicht mehr die süße Würze des Juli . Aber es waren noch Farben , die seinem Auge wohlthaten und durch allzu lebhaftes Colorit es nicht reizten . Er sog sich förmlich hinein in dies sichere , feste Leben