; ja , es kam ihm endlich vor , als sei sie mit ihm unzufrieden , als werde sie ungeduldig ; aber er konnte es sich nicht erklären , wie er ihr Anlaß zu irgend einer Unzufriedenheit gegeben haben könne . Nie zuvor war ihm so sonderbar zu Sinne gewesen . Die Empfindung , daß die Gräfin ihn geflissentlich auf die Terrasse hinausgeführt habe , daß jetzt etwas geschehen , etwas gethan werden müsse , wurde immer lebhafter und unabweislicher in ihm . Das Herz klopfte ihm in der Brust , er hatte eine Art von Furcht vor seiner schönen Gefährtin , und wie das dämmernde Mondlicht sie mit seinem webenden Schimmer hell und heller umgoß , kam sie ihm zwar wie eine Armide verführerisch und schön , aber so oft der strenge Blick ihres großen Auges ihn berührte , auch wie eine solche unheimlich und dämonisch vor . Sie hatte seit einer Weile zu sprechen aufgehört ; das konnte er nicht ertragen , und um sich aus der Befangenheit und Verwirrung , deren er sich schämte , herauszureißen , sagte er plötzlich : Sie haben mir heute , gnädige Gräfin , im Andenken an Ihren und meinen Vater , Ihre Freundschaft angeboten , und ich glaube , daß es Ihnen Ernst damit gewesen ist . Darf ich diese Freundschaft heute schon zu einem Dienste für mich in Anspruch nehmen ? Eleonore blieb stehen ; Renatus hörte , daß sie tief aufathmete , als werde eine Spannung von ihr genommen , und ohne sich zu besinnen , entgegnete sie ihm : Unbedenklich , wenn Sie mir vorher gestattet haben werden , Ihnen zu erklären , was mich bewogen hat , Ihnen diese Freundschaft so schnell und so gewaltsam aufzudrängen . Renatus wollte ihr entgegnen , daß sie ihn mit ihrem Vertrauen glücklich mache , aber sie ließ ihn dieses nicht vollenden . Keine Worte , Herr von Arten ! rief sie mit ihrer stolzen , gebieterischen Weise . Sie müssen es heute schon gesehen haben , es fehlt mir nicht an Männern , die mir schmeicheln , weil sie glauben , daß auch ich nichts Höheres kenne , als mich durch die Schmeicheleien eines Mannes gefangen nehmen und der Freiheit berauben zu lassen , die man mir mißgönnt ! Aber eben deßhalb bin ich in der Lage , meine Tante täglich daran zu erinnern , daß ich , Dank dem Testamente meiner Mutter , freier Herr über alle meine Entschließungen bin , und eben deßhalb bot ich Ihnen heute so unberufen meine Freundschaft an , um es meiner Tante darzuthun , daß ich ' s nicht liebe , wenn man selbst die heiligste aller Pflichten , die Dankbarkeit , nur zu einem Piedestal für sich , und zu einer Last für denjenigen zu machen sucht , dem man sie zu entrichten hat ! Nun , die Herzogin hat ja lange Jahre in Ihres Vaters Hause gelebt - Sie werden sie also kennen , so gut wie ich ! Der Zorn , der aus jedem ihrer Worte sprach , gab ihrer tiefen Stimme nur einen höheren Reiz , und doch erschreckte ihr Wesen den jungen Freiherrn auch in diesem Augenblicke wieder , weil es völlig von allen den Vorstellungen abwich , unter denen er bisher das Bild eines jungen Mädchens zu denken gewohnt gewesen war . Selbst die rückhaltlose Härte , mit welcher Eleonore über ihre greise Tante gegen einen Fremden ihr Urtheil aussprach , beleidigte sein Schicklichkeitsgefühl , und immer geneigt , sich desjenigen anzunehmen , dem nach seiner Meinung ein Unrecht zugefügt wurde , sagte er , daß er von der Herzogin zwar ein lebhaftes Bild in seiner Erinnerung bewahrt habe , daß er aber zur Zeit ihres Aufenthaltes in Richten zu jung gewesen sei , irgend ein selbständiges Urtheil über sie zu besitzen . Und abermals blieb Eleonore stehen , während sie , trotz des Halblichtes , in seinem Antlitze zu lesen versuchte . Sonderbar , sprach sie ; Ihnen fehlte also jener Instinkt , den das Kind doch mit dem Thiere gemein hat ? Sie hatten also kein inneres Widerstreben gegen die Herzogin ? Sie hatten kein Abmahnen gegen die selbstische , die tyrannische Feindseligkeit ihrer ganzen Natur ? Nein , versetzte Renatus nach einigem Besinnen . Ich glaubte nur , daß sie die Kinder nicht eben gern habe , und da meine theure Mutter ihr weniger als mein Vater nahe stand , so hatte ich damals , so viel ich mich entsinne , allerdings keine besondere Liebe für die Frau Herzogin ; aber ich könnte eben so wenig sagen , daß ich sie gefürchtet hätte . Ich habe sie gefürchtet , seit ich zu denken vermochte , fuhr Eleonore heraus , und jetzt - jetzt kenne ich sie ! fügte sie mit schneidender Bitterkeit leise hinzu , als der Edelmann , welcher bis dahin mit dem Geistlichen gesprochen hatte , man nannte ihn , um ihn von seinem Vater , dem Fürsten von Chimay , zu unterscheiden , mit seinem Taufnamen den Prinzen Polydor , zu den Beiden heraustrat und der besonderen Unterhaltung des jungen Paares damit ein Ende machte . Eleonore verließ die Terrasse , und Renatus , der dem Prinzen schon am Mittage bei der Fahrt im Gehölze vorgestellt worden war , blieb allein mit ihm zurück . Der Prinz mochte über fünfzig Jahre alt sein , aber sein hellblondes Haar , seine schlanke Gestalt und seine schöne Haltung machten ihn , bei der großen Sorgfalt , mit welcher er gekleidet war , noch vortrefflich aussehen . Renatus wußte , daß er des alten Fürsten einziger Sohn und Erbe sei und daß er mit seinem Vater während der ganzen Zeit der Verbannung am Hofe zu Petersburg gelebt habe . Bei der Herzogin stand er offenbar in großer Gunst . Sie hatte , nachdem man ihm am Morgen begegnet war , den jungen Freiherrn aufmerksam darauf gemacht , wie er in dem Prinzen Polydor das Muster eines französischen Edelmannes vor sich sehe , und dann , gleichsam im Selbstgespräche , hinzugefügt : Und doch war seiner Mutter Blut dem seines Vaters nicht an Reinheit gleich . Als Renatus sie darauf fragend angesehen , hatte sie sich in ihren Mittheilungen plötzlich unterbrochen und nur flüchtig die Bemerkung hingeworfen , daß es sich dabei um ein sehr romantisches Ereigniß handle , von welchem man nicht eben spreche , obschon es dem alten Fürsten eigentlich zur höchsten Ehre angerechnet werden müsse , wie der König dies denn auch durch sein Verhalten gegen den Vater und den Sohn gethan habe . Und es war danach der Einbildungskraft des jungen Freiherrn vorläufig noch überlassen geblieben , unter welcher Gestalt er sich die romantischen Erlebnisse des alten Fürsten vorstellen mochte und konnte . Nach einigen Tagen aber kam die Herzogin , als sich am Abende ihre gewohnten Gäste bereits entfernt hatten , unter dem Vorgeben , daß sie Renatus recht bald und recht schnell unter ihren Umgangsgenossen bekannt zu machen wünsche , abermals auf den Fürsten und seinen Sohn zurück , und bei diesem Anlasse erfuhr Renatus , was die Herzogin ihm am ersten Morgen nur anzudeuten für gut befunden hatte . Der alte Fürst von Chimay , so erzählte die Herzogin , war in seiner Jugend ohne alle Frage der schönste Mann , der vollendetste Cavalier des Hofes , und wir lebten damals noch in einer Zeit , in welcher man es einem Manne weit mehr als jetzt zum Verdienste anzurechnen verstand , wenn er der Welt in sich selbst ein vollkommenes Bild edelmännischer oder fürstlicher Würdigkeit darzubieten wußte . Er hatte in früher Jugend bedeutende Reisen gemacht , überall war ihm der ehrenvollste Empfang zu Theil geworden , der Ruf seines Geistes und seiner Liebenswürdigkeit stand über jeden Zweifel fest , die Gunst der Frauen kam ihm bereitwillig entgegen ; aber der Fürst war nicht nur schön wie ein Adonis , er war auch spröde wie ein solcher , und das Gerücht , das ihn unbesieglich nannte , steigerte nur das Verlangen der Frauen , ihn zu überwinden und zu fesseln . Die Herzogin lehnte sich , in ihrer Erzählung innehaltend , in ihren Polsterstuhl zurück . Es ist die alte Eva-Natur , sagte sie lächelnd , alles , was ihnen versagt ist , was sich ihnen entzieht , das reizt die Frauen . Machen Sie sich daraus Ihren Schluß , mein junger Freund ; und sich langsam mit einem der kleinen dunkelrothen Fächer , deren Renatus sich noch aus seiner Kindheit zu erinnern meinte , Kühlung zuwehend , fuhr sie nach einer kurzen Pause also in ihrer Erzählung fort : Ich lebte damals fern vom Hofe , an meines verehrten Gatten Seite , in unserem Schlosse . Wir sahen den Fürsten , der uns sehr befreundet war , immer nur für einzelne Wochen und in Zwischenräumen bei uns , da die Gesellschaft des Hofes ihn uns streitig machte . Es war oftmals von seiner Verheirathung die Rede gewesen , öfter noch von Herzensverhältnissen , in die er verstrickt sein sollte ; aber alle diese Gerüchte erwiesen sich stets als unbegründet , und man gewöhnte sich bereits daran , den Fürsten als einen Weiberfeind zu betrachten , als sich ganz unerwartet und zum höchsten Erstaunen aller Welt die Nachricht verbreitete , der Fürst habe sich mit einem jungen , im Kloster erzogenen , einer geringen und armen Adelsfamilie angehörenden Mädchen verehelicht , das ihm einen Sohn geboren habe , und sei , da die junge Mutter von einem unheilbaren Brustleiden ergriffen worden , zu ihrer Erhaltung mit Frau und Sohn in ' s Ausland , in den Süden , ich meine , nach Sicilien , gegangen . Die Kunde setzte den Hof , die Stadt , den ganzen Adel des Landes in Bewegung . Niemand wollte es glauben , Niemand hatte dem Fürsten eine so phantastische Leidenschaft zugetraut , Niemand es für möglich gehalten , daß eben der Fürst von Chimay es vergessen könne , was er sich selber schuldig sei . Man fragte sich : Wer ist die Zauberin , die den bisher Unbesiegten nicht nur zu besiegen , sondern sich selber abwendig zu machen verstanden hat ? Man forschte nach ihrem Namen , man war begierig , sie zu sehen , man glaubte an jedem Tage , irgend eine Lösung dieses Räthsels zu erhalten , die wo möglich noch geheimnißvoller und auffallender als das Ereigniß selber sein sollte ; indeß man erfuhr nichts , gar nichts über den Gegenstand dieser unbegreiflichen Leidenschaft . Der Fürst kehrte denn auch nicht , wie man es doch erwartet hatte , mit der schönen Jahreszeit nach Frankreich und an den Hof zurück ; er legte vielmehr das Amt eines Kammerherrn , das er bekleidet hatte , nieder , und alles , was man ermitteln konnte , war , daß die Trauung in der kleinen Kirche des Klosters vollzogen worden war , in welchem die Braut bis dahin gelebt hatte , und daß sie an ihrem Hochzeitstage eben so schön als krank ausgesehen habe . Ich befand mich im Auslande , auf einer Badereise , als dieser Roman die Gesellschaft in Aufruhr setzte , und alle Briefe , welche ich erhielt , sprachen mir nur von unserem Freunde . Indeß er selber gab mir keine Kunde von sich , und nachdem man des Verwunderns von allen Seiten müde geworden war , fingen die Einen den Prinzen zu vergessen , die Andern auf ihn zu verzichten an . Man sagte sich , daß er wiederkehren und seine alte Stelle unter uns einnehmen werde , wenn er seiner romanhaften Grille genug gethan habe oder wenn die fabelhafte Prinzessin gestorben sein würde . Aber als handele es sich wirklich um ein Märchen , so geschahen auch hier jetzt Wunder , und zwar gerade diejenigen , welche man am wenigsten erwartet hatte . Die Herzogin unterbrach sich abermals , und Renatus , den die Thatsachen dieser Erzählung eben so anzogen , als ihn die meisterhafte Weise fesselte , in welcher die Greisin sie berichtete , bemerkte , daß Eleonore das Buch , in welchem sie bis dahin gelesen hatte , zur Seite legte und , die Arme über die Brust gekreuzt , ebenfalls auf die Fortsetzung der Erzählung achten zu wollen schien . Auch der Herzogin entging die plötzliche Aufmerksamkeit keineswegs . Sie fragte , ob Eleonore ihr Buch beendet habe . Nein , versetzte diese ; Ihre Erzählung ist mir aber weit wichtiger , als das Buch , und ich bin begierig , liebe Tante , den Ausgang derselben , über den ich sonst schon sprechen hörte , gerade aus Ihrem Munde zu vernehmen . Nicht wahr , die Fürstin bewies sich den schönen Frauen des Hofes nicht so gefällig , als sie es wünschten und erwartet hatten , die Fürstin blieb am Leben ; und , was noch schlimmer war , der Fürst , weit davon entfernt , ihr dieses zu verargen , gewöhnte sich an sie und liebte sie , so daß er darüber des Hofes und seiner schönen Frauen ganz und gar vergaß ? Es schoß ein scharfer , schneidender Blick aus den eingesunkenen Augen der Herzogin zu ihrer Nichte herüber , als diese ihre Fragen im Tone der Unwiderleglichkeit spöttisch über ihre Lippen gleiten ließ , und Renatus wußte nicht , welche von den Beiden , ob die Greisin oder das junge Mädchen , ihm in diesem Augenblicke mehr mißfiel . Aber das Antlitz der Herzogin gewann gleich wieder seine Ruhe , und mit der freundlichen Gelassenheit , die sie äußerlich fast immer zu bewahren wußte , fragte sie : Und wer ist es , dem Du diese Mittheilungen dankst ? Dem Herrn Abbé von Montmerie ! entgegnete die junge Gräfin mit einer so geflissentlichen Deutlichkeit und Langsamkeit , als wolle sie damit etwas Besonderes sagen oder errathen lassen . Die Herzogin ging jedoch , während ihr Gast sich von dem ihm unverständlichen Vorgange wie von der unverkennbaren Feindseligkeit , welche zwischen den beiden Frauen herrschte , unheimlich berührt fand , leicht darüber fort . Da sehen Sie die Ungeduld und auch den Unbedacht der Jugend , mein lieber René , sagte sie . Wir alten Leute sind nicht schnell , wie sie . Wir müssen uns langsam in unsere Erinnerungen versenken , wir spinnen sie mühsam zu einem Ganzen zusammen , und wenn wir unser kleines Kunstwerk zu vollenden denken , fährt irgend eine unvorsichtige junge Hand dazwischen und zerreißt und verwirrt uns unsern Faden , daß wir ihn nicht wiederfinden können . Sie legte ihren Fächer aus der Hand , zog die kleine , mit Brillanten besetzte Tabacksdose aus der Tasche , nahm mit gespitztem Finger eine Prise und schellte , damit der Diener ihr zu ihrem Zimmer leuchte . Es war vergebens , daß Renatus sie ersuchte , ihm den Schluß der Erzählung nicht zu entziehen . Sie vertröstete ihn auf einen anderen Tag , wiederholte , daß sie nicht mehr in der Fülle ihrer geistigen Mittel lebe , daß sie Rücksicht und Schonung nöthig habe , und forderte , obgleich sie sich noch immer mit voller Freiheit bewegte , den Arm Eleonorens , sich darauf zu stützen , als sie , ihrem jungen Gaste unter ihres Hauses Dach eine angenehme Ruhe und gute Träume wünschend , den Saal verließ . Es währte jedoch lange , ehe der Freiherr die ihm gewünschte Ruhe finden konnte . Die Menge der Eindrücke , welche er heute in seiner nächsten Umgebung erhalten hatte , hielt ihn wach . Er konnte nicht aufhören , darüber nachzudenken , wie in einem Mädchen von Eleonorens Alter , bei einer so bevorzugten Lebenslage , sich eine solche Herbigkeit habe entwickeln können und wodurch in das Verhältniß zwischen ihr und ihrer Tante jene Bitterkeit gekommen sei , die Eleonore selbst vor dem fremden Manne entweder nicht verbergen wollte oder nicht zu verbergen vermochte . Aber der rechte Aufschluß bot sich ihm nicht dar , und in jener Aufregung , welche uns immer befällt , wenn wir nicht wissen , ob wir die Personen , die uns anziehen , lieben oder hassen sollen , schlief er endlich überreizt und sehr ermüdet ein , auch im Traume noch von wirren , unzusammenhängenden Vorstellungen und Gebilden hin und her geworfen . Am folgenden Morgen sah er die Frauen des Hauses nicht , da der Dienst ihn auswärts beschäftigt hielt . Später , als er sie aufzusuchen kam , vermied die Gräfin ihn eben so absichtlich , als sie ihm Anfangs entgegengekommen war . Nicht einmal die Möglichkeit vergönnte sie ihm , sie um die Gründe ihrer veränderten Haltung zu befragen . Sie schien überhaupt wenig Gefallen an der Geselligkeit zu haben , denn sie zog sich , wenn die Empfangsstunde der Herzogin gekommen war , häufig aus dem Saale in ihre eigenen Zimmer zurück , und ihre Tante versuchte es dann auch nicht , sie neben sich und in der Gesellschaft festzuhalten . Renatus wußte nicht , was er thun sollte . Bisweilen fühlte er das Bedürfniß , der Gräfin zu schreiben und sich zu erkundigen , womit er ihre gute Meinung verscherzt habe , dann wieder schalt er sich eitel und thöricht , daß er Eleonorens Fortbleiben überhaupt in irgend eine Verbindung mit sich zu bringen wagte . Wenn er sich schuldig glaubte , dachte er mit Bewunderung , ja , mit Entzücken an die Gräfin ; wenn er die Kälte , welche sie ihm bewies , auf Rechnung ihrer launenhaften Selbstwilligkeit stellte , zürnte und grollte er ihr , aber immer blieb sein Sinn mit ihr beschäftigt , wie das neue Leben , das er führte , seit er in das Haus der Herzogin gekommen war , ihn auch gefangen nahm und von allen seinen bisherigen Erinnerungen und Wünschen abzuziehen geeignet war . Renatus hatte noch nie an einem Hofe gelebt und noch kein weibliches Wesen gekannt , das mit der Gräfin Haughton zu vergleichen gewesen wäre . Das Erfahren und Erleben wurde für ihn fast überwältigend , und doch sagte er sich an jedem Tage , daß er jetzt erst zu leben anfange , daß ihm jetzt erst eine Jugend aufgehe , wie sein Vater sie genossen habe , wie sie eines Mannes von seinem Stande würdig und wie sie ihm durch die Ungunst der Verhältnisse viel zu lange vorenthalten worden sei . Da er in den Stürmen der Revolutionszeit geboren und erwachsen war , hatte man ihn , mit dem Hinweise auf die Unbeständigkeit aller irdischen Macht und Güter , zu einer gewissen Selbstbeschränkung erzogen und es waren , ohne daß man es beabsichtigt oder er selbst es gemerkt hätte , doch viele der Anschauungen an ihn herangekommen , welche als ein neues Menschheits-Evangelium die Welt umzugestalten begonnen hatten . Nun befand er sich mit Einem Male auf einem Boden und inmitten einer Nation , in welchen die Lehren von der Freiheit und Gleichberechtigung aller Menschen tiefer als irgendwo sonst in das Volksbewußtsein eingedrungen , und von Wirkungen und Thaten so zerstörender und durchgreifender Art gefolgt gewesen waren , daß man die erneute Herrschaft der früheren Weltanschauung und die Wiederkehr der alten Staatsverhältnisse und Zustände für immer unmöglich hätte halten müssen . Trotzdem thronte der achtzehnte Ludwig wieder in den Tuilerieen , doch waren den vertriebenen und wieder heimgekehrten Adelsgeschlechtern , doch waren der katholischen Geistlichkeit ihre Titel und Würden und Besitzthümer zurückerstattet worden , und von den Beamten des Kaiserthums wie von den einstigen Republikanern drängten sich große Massen an die neue Gnadensonne heran , und gar viele von den Bekennern der Vernunft-Religion füllten jetzt wieder die Kirchen , in denen man die Dankes-Hymnen für die Niederwerfung der Revolution und für die Besiegung des Bonapartismus ertönen ließ . Konnte es da befremden , wenn ein werdender , ein in sich noch in keiner Weise gefestigter Charakter sich der , seinen eigenen Anschauungen nahe verwandten Meinung der Gesellschaft anschloß , in der er sich bewegte ? Und was hatte Renatus aus seinem eigenen Geiste oder seiner eigenen Erfahrung dagegen einzuwenden , wenn die Herzogin und ihre Freunde den Ausspruch des Kaisers Alexander auch zu dem ihrigen machten , wenn sie die ganzen Ereignisse der letzten dreißig Jahre als einen wilden Strom betrachteten , dessen Wassern man nur die Zeit zum Verlaufen habe gönnen müssen , damit das Dauernde , das allein Würdige , die Herrschaft des Adels und der Kirche in ungetrübter Ruhe wieder zur Erscheinung und zu ihrer Geltung habe kommen können . Der junge Freiherr hatte bisher mit Stolz daran gedacht , daß auch er , so viel an ihm gewesen sei , zum Sturze Napoleon ' s und der Napoleoniden , zur Wiederherstellung der alten , legitimen Herrscher beigetragen habe ; aber der Ton , die Art und Weise , in welcher man in der französischen Hofgesellschaft von dem Ueberwundenen sprach , verleidete ihm allmählich seine Siegesfreude . Nicht die Niederwerfung des Eroberers war das Verdienst , das man hier schätzte , sondern die zuversichtliche Treue , mit welcher man auf den endlichen Untergang Bonaparte ' s und auf den Sieg des angestammten Königshauses wie auf eine Naturnothwendigkeit gerechnet und gewartet hatte . Nicht die That war es , die man hier ehrte , sondern der Glaube und das Erdulden , und für dieses Letztere sich zu entschädigen , war alles , worauf man jetzt noch dachte . Feste folgten den Festen , die Verbindungen des jungen Freiherrn dehnten sich bei denselben immer weiter aus , und seine Bewunderung der französischen Gesellschaft , sein Geschmack an dem Hofleben wuchsen , je mehr er in demselben heimisch wurde . Weil er von frühester Kindheit an zu einer strengen Unterwürfigkeit unter den Willen der Kirche und unter den Willen seines Vaters und Erziehers angehalten worden war , hatte er sich gewöhnt , sich selbst und seinen Werth nach dem Maßstabe zu messen , der ihm von Andern , gleichsam von außen her , dargeboten wurde . Er fand sich also sehr leicht darein , ja , es dünkte ihn eigentlich nur natürlich , daß die Gesellschaft , in die er jetzt eingetreten war , einander nach der Bedeutung schätzte , welche der König und die königliche Familie den einzelnen Personen zuerkannten , und er stand sich gar wohl bei dieser neuen Ansicht , denn man nahm ihn um seiner Beschützerin willen am königlichen Hofe günstig auf . Er war ein schöner Mann geworden , er tanzte den Walzer , den die Fremden in Frankreich eingeführt hatten , mit Meisterschaft , seine jugendliche Genußfähigkeit , selbst seine Schüchternheit empfahlen ihn den Frauen . Dazu war er ein trefflicher Reiter , wußte die Waffen wohl zu brauchen , und weil er sich der ihn umgebenden Meinung gefügig zeigte , gewann er sich auch die Gunst der Männer . Es währte also gar nicht lange , bis man der Herzogin von vielen Seiten das Lob ihres jungen Schützlings wiederholte , und diese blieb nur sich selbst getreu , wenn sie Renatus , den sie in ganz eigensüchtiger Absicht bei sich aufgenommen hatte , werth zu halten und auszuzeichnen anfing , sobald er eine vortheilhafte Erwerbung für ihre besondere Hofhaltung zu werden versprach . Kein Tag verstrich , an welchem sie sich nicht eine Weile in einsamem Zwiegespräche mit ihm beschäftigte . Sie machte sich eine Pflicht daraus , seine Ausdrucksweise in der fremden Sprache zu verbessern , sie wies ihn an , wie er sich gegen die verschiedenen Personen , mit welchen sie ihn in Berührung brachte , zu verhalten habe , und wenn er sich ihr dankbar und allen ihren Anordnungen gehorsam erwies , rief die Herzogin oft seufzend aus : Ach , warum hat der Himmel mir es versagt , in meiner Nichte ein so weiches Herz zu finden ! Warum ist es mir auferlegt , kaltem Starrsinne zu begegnen , wo ich so viel Liebe säete und für die letzten Tage meines Lebens Liebe zu ernten hoffte ! Sie hielt ihrem neuen Schützlinge dann ihre Hände hin , sie drückte einmal sogar einen Kuß auf sein schönes , blondes Haar , da er sich neigte , ihre Hand an seine Lippen zu ziehen , und gerade , daß er sich sagen mußte , wie hart und ungerecht er , von Eleonoren dazu verleitet , an dem ersten Tage die Herzogin zu beurtheilen geneigt gewesen war , gerade das befestigte seine Ergebenheit für die Greisin und wendete seine Empfindung von Eleonoren ab , so oft er die eisige Zurückweisung bemerkte , mit welcher die Gräfin die Freundlichkeit der Herzogin vergalt . Sechstes Capitel Tage reihten sich an Tage , Wochen wurden zu Wochen , und vieles , was Renatus in seiner neuen Umgebung im Anfange nicht verständlich gewesen war , klärte sich ihm von selber auf . Er sah , daß die Freundschaft und Huldigung , welche der alte Fürst der Gräfin Eleonore entgegenbrachte , ihren Ursprung nicht nur in seiner vieljährigen Verbindung mit ihrer Tante hatten , sondern auf Rechnung der Bewerbung zu setzen waren , mit welcher der Prinz , sein Sohn , sich um die schöne Erbin bemühte . Auch über die Absichten der beiden Geistlichen , welche zu den täglichen Gästen der Herzogin gehörten , konnte Renatus auf die Länge nicht in Zweifel bleiben . Er fand es jedoch sehr natürlich , daß ein Mann von den Vorzügen des Prinzen sich noch die Fähigkeit zutraue , die Liebe eines jungen Weibes zu erwerben ; es däuchte ihm durchaus berechtigt , daß die katholische Kirche sich die in jedem Betrachte ausgezeichnete Gräfin , die nach dem Glauben ihrer Mutter der englisch-protestantischen Kirche angehörte , anzueignen strebte ; denn für Beides hatte er die Beispiele in seinem eigenen Hause vorgefunden . Allerdings waren die Ehen , welche der verstorbene Freiherr in reifem und in vorgerücktem Alter mit bedeutend jüngeren Frauen eingegangen war , nicht glücklich ausgefallen . Aber seine protestantische Mutter hatte doch Glück und Frieden im Schooße der römischen Kirche gefunden , und obschon sich bei Renatus die Gewohnheit der kirchlichen Unterordnung wie das Bedürfniß nach religiösem Anhalte , seit er das Vaterhaus verlassen und namentlich jetzt in den Jahren des Krieges , sehr vermindert hatten , hegte er doch den Glauben , daß für ein so stolzes Herz , wie das der Gräfin , die Sorge und Pflege durch einen ihr überlegenen geistlichen Berather nur heilsam sein könne . Niemand aber mußte zu einer solchen Aufgabe geeigneter erscheinen , als der Abbé von Montmerie , als der jüngere der beiden geistlichen Herren , welche in dem Hause der Herzogin fast an keinem Tage fehlten . Die Herzogin hatte den Abbé schon in Italien gekannt . Seine Hingebung an die Kirche und seine umfassende Gelehrsamkeit hatten ihn früh zu einem Gegenstande der Aufmerksamkeit für seine Vorgesetzten gemacht , seine weltmännischen Manieren empfahlen ihn der vornehmen Gesellschaft , welcher er durch seine Geburt angehörte . Von Jugend auf kannte er aus den Erzählungen seiner Anverwandten alle die geheimen Fäden , durch welche diese schöne Welt unter einander zusammenhing , und da er das scharfe Auge eines Beobachters hatte , war es ihm , als der Hof und mit ihm auch der Adel und der Abbé selber in ihre französische Heimath zurückkehrten , nicht schwer gefallen , in den Reihen dieses Hofes den Platz für sich zu finden , welchen er als den angemessensten für sich erachtete . Er hatte sich nicht , wie viele Andere , in den Beichtstuhl gedrängt , denn es hatte ihn nicht danach gelüstet , die Bekenntnisse dieses oder jenes beängstigten Herzens zu vernehmen , und hier eingreifend , dort berathend in kleinen Verhältnissen einen Einfluß zu gewinnen , der sich nur allmählich ausdehnen , nur langsam von Bedeutung werden konnte . Man hätte sagen mögen , er weise das Vertrauen zurück , das man ihm entgegenbrachte , so wenig zeigte er sich geneigt , sich um fremde Angelegenheiten zu bekümmern , und was ihn selber und seine Zukunft anging , das schien ihm vollends keine große Sorge zu erregen . Seine gründlichen Studien in den klassischen Sprachen , die ihn zu einem der hervorragendsten Lehrer an dem Kollegium gemacht , dem er angehörte , hatten ihn auch der Beachtung des Königs empfohlen . Ließ man ihm von gewisser Seite merken , daß seine andauernde Beschäftigung mit dem heidnischen Alterthume seiner Hingebung an das Christenthum Abbruch zu thun drohe , so versicherte er , daß er ein eben so orthodoxer Christ sei , als Seine Majestät , wennschon er sich nicht rühmen dürfe , in der heidnischen Vorzeit so völlig heimisch zu sein , als sein König und Herr ; und der Abbé von Montmerie wußte es sehr genau , daß eine solche Wendung alle Aussicht hatte , an rechter Stelle wiederholt und von Ludwig dem Achtzehnten mit geneigtem Ohre aufgenommen zu werden . Seine Amtsbrüder nannten den Abbé mit schlecht verhehltem Spotte einen schönen Geist , der König hatte ihn als einen feinen Geist bezeichnet und die Frauen ihn nach dem Beispiele der Herzogin als einen liebenswürdigen Geist und als einen jener Männer anerkannt , die überall vermittelnd wirken , weil sie für sich selber nichts zu erstreben scheinen . Es gab Niemanden , der wie der Abbé ein Mißverständniß unter Freunden behutsam auszugleichen wußte , Niemanden , der sich mit größerer Freude dazu erbot , der Ueberbringer einer willkommenen Botschaft zu sein , und der wie er , eine unangenehme Eröffnung in milde Formen einzukleiden sich geschickt erwies . Wollte man ihm danken , so nannte er sich als den Verpflichteten , weil man ihm die Gelegenheit gegeben habe , seinem innersten Wesen zu genügen und im Sinne seines Amtes zu handeln ; und der König war noch nicht lange in sein Reich zurückgekehrt , als man bereits mit Sicherheit behauptete , daß in den langen , besonderen Gesprächen , mit welchen Seine Majestät den jungen gelehrten Geistlichen begnadigte , auch von anderen als von jenen philologischen Gegenständen , die der König als sein besonderes Fach ansah , die Rede sei , und daß die Verbindungen des Geistlichen eben so weit verzweigt als mächtig wären . Die