weiter hinauf , sie machten sich ihre Lieder selbst , oder die Luft hauchte sie ihnen zu . Einige aus alter Zeit vom Scheiden und Meiden , von frühem Tod und Morgenroth , von grüner Erde und Lindenbäumen , klangen wohl noch wie das Wehen eines Frühlingshauches durch Blüthenwipfel , aber sie klangen selten . Der Soldat auf dem Marsche sehnt sich nach » cannibalischem Wohlsein . « Wenn Einer die Tabaksfreude anstimmt , den Krambambuli , das von den Müllersäcken und Müllermädeln , da stimmte der ganze Chorus ein ; Lieder sind es , welche der Schrift nicht angehören , aber sie leben , schon viele Jahrhunderte , und wollen auch wohl noch Jahrhunderte leben . Daher mochte der Leiermann im Garten , so er wollte , seine Ballade anheben , die ein patriotischer Poet , um der Begeisterung aufzuhelfen , gedichtet , und die etwa anfing : Grad fünfzig Jahre sind es her , Da zog der große König aus Und hinter ihm sein muthig Heer , Den Feinden all zu Schreck und Graus . Die Militärs hörten gar nicht , die Bürger nur halb zu , trotz dem , daß jeder Vers eine Schlacht des alten Fritz illustrirte , von Mollwitz bis Torgau . Wenn aber die Füsiliere : » Ein Schifflein seh ich fahren « anstimmten , war Alles Aug ' und Ohr und die Zuschauer schienen stumm die mit greller Lustigkeit gekreischten Verse mitzusingen : Wie kommen die Soldaten in den Himmel ? Kapitän und Lieutenant , auf einem weißen Schimmel , Da reiten die Soldaten in den Himmel . Kapitän und Lieutenant , Fähndrich , Sergeant , Nimm das Mädel , nimm das Mädel bei der Hand , Soldaten , Kameraden , Soldaten Kameraden ! Wie kommen die Offiziere in die Höllen ? Kapitän und Lieutenant , auf einem schwarzen Fohlen , Da wird sie der Teufel schon alle holen . Kapitän , Lieutenant , Fähnderich , Sergeant , Nimm das Mädel u.s.w. Es saßen viele Offiziere , darunter sehr vornehme , auf den Estraden , den Scheidegruß ihren Kameraden zu geben , den sie morgen von den nach ihnen Scheidenden empfangen wollten . Aber die ernste Wehmuth , welche ernste Scheidestunden hervorrufen , hättest du auf wenigen Gesichtern gefunden . Plötzlich war der Gesang des Leiermanns verstummt , und eine grelle Beckenmusik schallte übertäubend aus dem Garten herauf - wie zur Freude Aller . Der General , den wir einst in der Gesellschaft der Lupinus kennen gelernt , und der jetzt auf einen der größern Balkone trat , hatte es im Vorübergehen so angeordnet . » Das war ja nicht mehr zum Aushalten , « sprach er zu den Offizieren , die sich respektvoll erhoben . » Was soll das Krächzen ! Wenn der Soldat ins Feld zieht , muß er fidel gestimmt sein . « - Der General hielt auf seine Autorität und duldete keinen Widerspruch von unten ; nach oben erlaubte er sich aber Widerspruch , weil er auch dahin auf seine Autorität hielt . Er galt für streng , tyrannisch in seinen Launen , ja Einige nannten ihn barbarisch in der Strenge gegen den gemeinen Soldaten , und von brutalem Stolz gegen das Civil . Heut erschien er milder . War es der Anblick der wohlgeordneten Kriegerscharen , war es die Assurance , mit diesem Heer zu siegen , oder der Ernst , welcher sich der Seele jedes denkenden Kriegers vor einer Schlacht bemeistert . » Weiß vielleicht Einer von den Herren , « unterbrach er das Schweigen , » was aus dem Obristwachtmeister von Eisenhauch geworden ? Nach Oesterreich kam er voriges Jahr zu spät , die Campagne war vorüber . Demnächst schrieb man , daß er aus Alteration gefährlich erkrankt sei . Es sollte mich doch wundern , ob er sich nicht wieder bei uns einfindet , wenn es Ernst wird . « Auf die Frage wusste Niemand Bescheid ; sie wussten eben so wenig , ob der General etwas zum Lobe oder zum Tadel des genannten Offiziers hören wollte . Sie schwiegen . » Meine Herren , er ist ein Genieoffizier von admirablen Kenntnissen , hat auch manche vortreffliche Konceptionen . Ich gestehe Ihnen , einige waren wirklich acceptabel , und es that mir leid , als er den Abschied nahm . Verdachte es ihm freilich nicht . Wollte nicht bloß Rath geben , drauf los , ins Feuer ; chevaleresque und von exemplarischer Conduite . Aber , offenherzig , es ist mir heute doch lieb , daß er nicht bei uns blieb . Wir wären auf manche Vorschläge eingegangen , wir hätten Vieles geändert . Vielleicht zum Guten - wer weiß es , wer hat die Probe gemacht ! Heute gereicht es mir nun zur Genugthuung , daß auch nichts in unserm Armeewesen geändert ist . Wenn der große König aus den Wolken blickte , sähe er seine Armee , wie er sie verließ , kein Knopf an den Kamaschen mehr oder weniger . Und so soll und wird sie Bonaparte sehen . Meine Herren , Attention ! Das ist etwas , was wir nicht zu gering anschlagen dürfen . Er muß bei dem Anblick gleichsam fühlen , daß er mit dem Genius des vorigen Jahrhunderts sich schlagen soll . Und da er ein Mann von einem gewissen Sentiment ist , muß dies einen moralischen Eindruck auf ihn machen . In seinem Moniteur lässt er uns Don Ouixoten nennen . Nun , wir wollen doch abwarten , wer Mühlenflügel und wer Geister gesehen hat ! « Man konnte aber jetzt kaum noch etwas sehen und noch weniger hören . Der Staub war unerträglich geworden , zu Wolken aufwirbelnd fiel er als trockner Regen nieder . Dazu war ein Toben , Peitschengeknall , ein Gewieher der Pferde und ein Gekreisch der Troßknechte , daß die Kommandoworte nicht mehr durch das Gewirr drangen . Was halfen die Flüche und Klingen der Offiziere , die auf den Rücken der Säumigen fuchtelten , wo Alles stockte ! Drei Batterieen hatten , nachdem die Dragonerregimenter das Ihre gethan , die Straße in Grund und Boden aufgewühlt , und jetzt , so weit das Auge vor und zurück sehen konnte , war sie mit Bagagewagen , Fourgons , mit Kaleschen und Küchenwagen bedeckt . So breit der Weg , hatten die Fuhrwerke sich doch verfahren und grad am Garten war eine totale Stockung eingetreten . Auch im Fuhrwesen war die alte Ordnung , aber in jeder Ordnung giebt es Ausnahmen , und Kutscher und Fuhrknechte sind darin verstockte Aristokraten , die auf Rang und Stand im Vorfahren unerbittlich halten . Wessen Generals , Obristen oder Kapitäns eigne Wagen vorfahren wollen , und dadurch die Verwirrung verursacht , war nicht mehr zu ermitteln ; kurz , Räder , Deichseln , die Pferde und ihre Geschirre waren in ein wüstes Knäul gedrängt , daß die Campagnepferde der Offiziere dazwischen in Gefahr geriethen , und nicht Reiter noch Fußgänger mehr hindurch konnten , um zu sehen , wo die Stockung anfing und Abhülfe nöthig war . Die kommandirten Aufseher und Offiziere mussten über die Wagen wegklettern und springen , und wo sich auch das nicht thun ließ , schwangen sich Einzelne über die Hecke und suchten durch den Garten den Weg zu ihrem Ziel . Die Lyciumhecke war kein schirmender Wall mehr . Tische , Bänke und Estraden wurden , weil Alles überstieg und durchbrach , verlassen , um doch gleich wieder von Neugierigen besetzt zu werden . Eine Gefahr erschreckt nur im ersten Augenblick , im nächsten erregt sie schon den Kitzel , es mit ihr zu versuchen . Die rohe Wuth , die Leidenschaften waren entfesselt . Manches Gesicht glühte auch vom Branntewein , es konnte aus der Zänkerei ein Kampf werden . Die verschiedenen Truppentheile haben immer gegen einander Eifersucht . Da warfen sich die Feldkutscher vor , wer wider Recht den Vorrang erstreiten wollen ; dort hechelten sie sich über den Inhalt und die Größe der Bagagewagen , und aus ihren versteckten Winken - wo man diese Rücksicht noch beobachtete - erfuhr das Publikum , daß mancher Offizier Dinge oder Gegenstände mitnahm , die eigentlich nicht ins Feld gehören . Wer daran zweifelte , sah wohl vorn aus dem Rüstwagen ein halbverhülltes Frauengesicht scheu vorblicken , das nicht füglich zu den Marketenderinnen zählen konnte . Doch waren das nur Ausnahmen . Aber zwischen dem Schreien , Fluchen und Wiehern tönten noch andere Stimmen , die weder Pferden noch Menschen angehörten , sondern eher auf das Dasein einer Menagerie schließen ließen . Die Menagerie war indeß gar kein Geheimniß , und wenn die großen Hühnerkörbe , hinten oder vorn auf den Generalswagen , bis da mit Decken verhängt gewesen , so waren diese beim Zusammenstoß , dem Klettern und den Manipulationen der Helfenwollenden von den Meisten abgefallen . Das geängstete Federvieh flatterte und gackerte und schien selbst wieder einen Bürgerkrieg in den Gitterkörben zu führen , als durch das Zurückstoßen eines Wagens mit Zeltstangen diese an den Fourgon eines Generals stießen . Der Wagen schwankte und fiel auf die Seite über , ohne doch ganz fallen zu können , der Hühnerkorb aber brach , stürzte , und die gefiederten Innewohner , so weit sie nicht von den Zeltstangen getödtet waren , krochen , flatterten und flogen heraus . Da der Korb nach der Seite der Hecke übergestürzt war , entlud sich die lebendige Bescherung in den Garten . Die Hühner , in glücklichem Rettungs-Instinkt , drängten sich nicht wie die Schafe in einen Keil , sondern über Köpfe und Tische flatternd , krochen sie hier unter die Hecke , dort zwischen die Beine der Gäste oder suchten in sympathischem Zuge den Hühnerstall des Kafetiers . Der Aufruhr war damit in den Garten getragen . Wo war die Disciplin , wenn rohe Trainknechte über die Hecke auf den Tisch springen konnten , wenn die Gläser von Stabsoffizieren unterm wuchtigen Tritt ihrer gespornten Reiterstiefel zitterten , wenn sie ohne Rücksicht auf Orden und Epauletten , nicht einmal die Honneurs machend , auf die Erde platzten , wenn entlaufenes Federvieh für diese Menschen alle Rücksichten , die der Autorität gebühren , aufwog ! Wo , wenn selbst ordnungsliebende Bürger nicht davor schauderten , sondern es in der Ordnung fanden , denn durch den Garten verbreitete sich ein geflügeltes Gerücht . » Es sind ja Obrist Köckeritzens Truthähne ! « - » Nein , riefen andere Stimmen , es sind Excellenz Feldmarschall Möllendorfs Puthühner ! « Der Garten erstreckte sich weit in die Sandebene . Solche Gärten hatten auch stille Plätzchen , wohin gefühlvolle Gemüther sich aus dem Geräusch des Kegelschiebens und dem Klirren der Gläser zurückzogen . Auf einer Bank unter dem Lycium , das seine ausgewachsenen und schon vertrockneten Zweige zu einer Art wilden Laube über ihre Köpfe rankte , saßen Charlotte und ihr Wachtmeister . Es war die bittere Scheidestunde . Auch wir nähern uns der von unsern Lesern und scheuen uns deshalb , ihnen eine neue Figur vorzuführen , die - sie vielleicht nicht wiedersehn . Uebrigens sah ein Wachtmeister wie der andere aus . Charlotte musste das auch denken . Sie hatte geweint und hielt das Tuch noch an die Augen . Der Wachtmeister hatte wohl nicht grade geweint , aber sein Gesicht war roth , als er die rechte Locke unter dem Hute ajustirte . » Es geht nun mal nicht anders in der Welt ; aber mit Kourage geht Alles . « - » Halten Sie sich nur recht warm . « schluchzte sie , » daß Sie sich nicht verkälten . « - » Halten Sie nur Ihren Geheimrath warm , « sagte er . » Darauf kommt Alles an . Denn die Civilversorgungen , das ist die Schwerenoth , die sind verflucht mager . « - » Und trinken Sie nicht so viel Schnaps , - und wenn eine Kugel kommt « - » Dann schreib ich ' s Ihnen . « - » Und wenn Sie mir nicht schreiben ? « Da hub das Schluchzen von Neuem an ; aber es war nur Charlotte . Der Wachtmeister hatte seine Handschuh angezogen , den Pallasch in die rechte Lage gebracht und sich grad aufgerichtet : » Demoiselle Charlotte , wozu hilft das Greinen ! Sie müssen bedenken , der Soldat ist Soldat . Ist ' s nicht so , so ist ' s so . Sterben müssen wir Alle , und wenn ' s uns noch so gefällt in einem Quartier , einmal ziehen wir raus . Drum sagt unser Obristwachtmeister : Kerle , Ihr müsst denken , daß Andere nach Euch kommen , die wollen auch was finden . Und warum nicht ! Sie sind ja auch Menschen . Und so ist das ganze Leben , sagt er , wir ziehen aus einem Quartier ins andere . Und wem ' s sein letztes war , das weiß Keiner nicht , denn ' s kommt auf einmal , auf den Plutz . Da steht der Tod vor ihm roth und blaß auf der Mauer und kräht ihn an , und eh es ausgekräht « - Charlotte schrie auf . Es krähte ihn ja an . Auf der Hecke stand ein Kalekuter , seine rothen Lappen von der Sonne beschienen , seine Augen funkelnd vor Angst oder Zorn . Und eine Pute flog auch über die Hecke und ihr gar in die Arme . Aber auch die Trainknechte flogen den Gang herauf , schreiend , fluchend , die bösen Trainknechte , mit so zornfunkelnden Augen als der Hahn . Charlotte hatte sich wirklich die Pute nicht aneignen wollen , die sie unwillkürlich an ihr liebebedürftiges Herz gedrückt . Charlotte war selten um eine Antwort verlegen , aber kaum , daß sie über die Lippen war , musste sie es mit eignen Ohren hören , daß der Knecht sie anschrie : » Selbst Pute , sie ! « und mit eignen Augen musste sie es sehen , daß der Wachtmeister , statt ihr beizuspringen , mit nach dem Kalekuter haschte . » Es sind ja Excellenz Möllendorfs eigene Truthühner ! « rief ein Anderer , um sie zu Respekt und Raison zu bringen . Der Puter und die Pute waren längst fort , denn als Charlotte die Arme öffnete , hatte die letztere es vorgezogen , einen Satz in die Luft zu machen , als in die Arme des Knechts zu fliegen . » Bestien ihr , wartet ! « war das letzte Wort , das sie hörte , und leider war ihr die Stimme sehr bekannt . Das wilde Heer war verschwunden , und das war der letzte Abschied von ihrem Wachtmeister . Die Frau Hoflackir , die herbeikam , fand Charlotten in Thränen . Der Herr Hoflackir , der seiner Gemahlin die beiden jüngsten Kinder auf den Armen nachtrug , derweil das Aelteste an seinem Rockschooß ging , fragte , warum die Cousine weine . - » Das frägt er noch ! « sagte die Frau Hoflackir . - » Es frägt sich vieles , « sprach Charlotte mit einem Blick gen Himmel . » Ach , lieber Cousin , die Militärs in Ehren , aber ihnen geht doch das ab , was ein empfindungsvolles Gemüth bedarf , wenn es sich über das Gemeine des irdischen Daseins erheben soll . Die Montur und die Uniform sind etwas sehr Schönes für König und Vaterland , aber mehr Gefühle für Frauenwürde findet man doch beim Civil - selbst bei meinem lieben Geheimrath . « Und daß Puter und Pute , dieselben , noch ein zärtliches Paar aufschrecken , noch einen Abschied stören mussten ! Den Obristwachtmeister Stier von Dohleneck und die Baronin Eitelbach , die in der einfachen Allee am Rande des Gartens promenirten . Es war die süße Verständigung nach so langen , langen Zweifeln . » Und nun grade uns trennen müssen ! « Seltsam ! war es doch hier das Widerspiel der anderen Abschiedsscene . Er schien der Geknickte und strich über die Augenwimpern . Thränen waren es nicht , aber ein Jucken und Drängen an den Augen , als fürchte er sich vor ihnen . » Wissen Sie , mir ist ' s manchmal , als wären wir Alle nur da , um uns zu trennen , « sprach die Baronin und sah in den blauen Himmel . » Und wir lebten nur , damit wir uns darauf vorbereiteten . « Er blickte sie verwundert an . » Die zu einander gehörten , müssten sich ihr Leben lang suchen , und wenn sie sich gefunden haben , wäre es nur , um von einander Abschied zu nehmen . Da geht Mamsell Alltag mit ihrem Vater in den Salon . Das ist doch ein kreuzbraves , schönes und gescheites Mädchen . Was hat die ausstehen und sich versuchen müssen , darüber ist doch nun alle Welt im Klaren , und nun ' s ihr endlich gut geht , und die schlechten Zungen schweigen müssen , und die Königin sich ihrer angenommen hat , und sie Den nun endlich heirathen soll , den sie von ganzem Herzen lieb hat da - da muß er den Tag vor der Hochzeit spornstreichs auf und davon . « - » Nur auf einer dringenden Mission vom Könige . Er wird wiederkommen . « - » Wenn sie ihn nun als Spion hängen ! « Der Obristwachtmeister sah sie noch verwunderter an . Welche Lichter zückten plötzlich durch diese Seele ! » Alles kommt anders , als wir ' s uns gedacht , « fuhr die Baronin fort , » und es ist überall so . Die arme unglückliche schreckliche Geheimräthin ! Ich mag ' s noch immer nicht glauben , daß sie so schlimm ist , aber wenn sie ihn liebte und heirathen wollte , und es darum gethan hat , nun ist sie auch auf immer von ihm getrennt . « - » Von wem ? « - » Vom Legationsrath . A propos , der ist Ihr aufrichtiger Freund , Dohleneck , Sie mögen es nun glauben oder nicht . Ein Freund in der Noth ist er , das kann ich Ihnen sagen . Sie packen ihm Alles auf , wer was zu tragen hat und wen was ängstet , und dafür verreden sie ihn noch . Aber er trägt es und lächelt . Er weiß auch , Dohleneck , daß er Ihnen unausstehlich ist , und doch sorgt er um Sie wie ein Vater , nein , wie ein Freund , der Alles thun möchte , um mir meinen liebsten Freund zu erhalten . Was giebt er mir nicht für Rathschläge , daß Sie in der Campagne zu Ihrer Gesundheit thun und mitnehmen sollen , und bittet mich , daß ich Sie beschwören soll . Sie möchten sich nicht zu sehr exponiren . « - » Wenn er mir den Rath ins Gesicht gäbe , würde ich wissen , wie ich ihm ins Gesicht antworte ; ein Soldat thut nur seine Schuldigkeit . « Sie lächelte ihn ruhig an : » Ich weiß es schon . Grade so würden und müssten Sie sprechen , hat er zu mir gesagt . Darum hat er mir auch verboten , Ihnen von den Salben und Pulvern zu geben ; Sie würden lachen und den Plunder in den Graben werfen . Der Beste und der Klügste ändert ' s nicht , was kommen soll , und das ist das Wunderbare in unsrer Bestimmung , sagt er , daß man das weiß , und sich doch immer wieder gedrungen fühlt , den Rath zu geben , der nicht befolgt wird . So hat er ' s auch mit der Lupinus gemacht . Wie er es ihr auch zu verstehen gegeben , daß es nur Achtung und Verehrung von ihm sei , sie hat ' s für Liebe gehalten . Und wie er jetzt auch sich Mühe giebt , daß ihre Unschuld an den Tag kommen soll , er weiß doch , sie werden nicht auf ihn hören , denn die Menschen rennen alle in ihr Verhängniß , und er preist die am glücklichsten , die nicht klug sind , und nicht Alles sehen wollen , denn ihnen werden viele Qualen gespart . Darum , sagt er , hat er uns so lieb , ob er schon weiß , daß ich ihm nicht gut bin und Sie ihn gar nicht mögen . Da ist auch alle Mühe umsonst , setzte er hinzu , alle Beweise helfen nichts , und der Mißtrauische weiß sogar in der guten That die man ihm erzeigt , eine heimliche böse Absicht herauszulesen . « Dem Herrn von Dohleneck ging es dumpf durch den Kopf : » Wenn man sich doch getäuscht hätte ! « » Das sagt er ja auch . Wenn in der letzten Stunde nur die Enttäuschung käme ! Wenn er da liegt auf dem Felde der Ehre , und die Lüfte trügen mir wenigstens mit Aeolsharfenklang sein Geständniß zu : Ich habe mich in Dir geirrt ! Das wäre wenigstens ein Trost ! « - » Donner und - Himmeldonner ! Er macht mich doch nicht bei lebendigem Leibe todt ! « Der Obristwachtmeister Stier von Dohleneck hatte nicht die Veränderung gesehen , die auf dem Gesicht der Baronin vorgegangen . Die Thränen stürzten aus ihren großen , schönen Augen ; sie zitterte : » Ja , mein inniger , einziger Freund , er hat eine Ahnung - er wollte schweigen - ich erpresste ihm das Geständniß - Ihr zügelloser Muth - er sah Ihr Blut fließen - Wir ändern ' s nicht - ja , es ist nur zu wahr , es findet sich Alles nur , um sich zu trennen , die Herzen , um von einander gerissen zu werden , die Seelen und Geister , um sich schätzen zu lernen , wenn sie sich verloren haben , und das Glück ist nur da auf der Welt , daß es zerbricht ! - Es ging ja auch nicht anders , « sagte sie , sich zurückbeugend , und blickte ihn mit freudiger Wehmuth an . » Wir konnten uns ja nur finden , um uns wieder zu trennen ! - Freiwillig , nicht wahr , hatten wir es gethan ? Und nun trennt uns eine höhere Hand . « - » Aber warum denn auf immer ! « sagte der Offizier , ihre Hand an die Brust drückend . » Ohne Hoffnung - « » Darf der Mensch nicht leben und nicht sterben , « fiel sie ein . » Das hat er auch gesagt . Und sah dabei in den Himmel , und das war ein Blick ! - Nein , nicht auf immer ! sagte er , wer unvergänglich liebte , der liebt auch in die Ewigkeit . Ist denn das Blut ein Strom , der uns vom Jenseits trennt ? Da liegt er auf der Haide , purpurn strömt es aus Brust des Redlichen . Sein letzter Hauch ist seine Freundin , sein letzter Blick für Sie . Wenn er Sie im Tode sah , warum sollen Sie ihn denn nicht im Tode sehen ! Sie werden sich wiedersehen ! « - » Nun , um Gottes Barmherzigkeit willen , ja , wir werden uns auch wiedersehen ! « rief Dohleneck in ungewöhnlicher Aufregung . » Kein Krieg ohne Blut , aber warum gleich maustodt ! Wozu giebt ' s denn Charpie und Pflasterkasten ? Das Blut mag zwischen uns fließen , ja , ein tiefer Fluß , aber warum soll ich denn nicht rüberspringen und « - » Wir werden uns wiedersehen ! « und die Baronin öffnete die Arme und der Obristwachtmeister auch - Da musste es um sie sausen , krächzen , und die wilde Jagd kam hinterher . » Fangt sie ! - Da sind sie ! - Die Brut ! « Als die Unholde heranstürmten , war die Baronin schon durch die Oeffnung der Hecke geschlüpft . Der Obristwachtmeister warf einen Zornblick auf die Störenfriede , ja , seine Linke ruhte auf dem Degengriff . Ob Herr von Dohleneck ihn gezogen hätte , wir wissen es nicht ; aber es war ja sein Wachtmeister , der , in Respekt erstarrend , vor ihm schulterte und aus den Lippen des vorgestreckten Kopfes die Worte flüsterte : » Halten zu Gnaden , Herr Obristwachtmeister , sie sind die Puten von Excellenz Feldmarschall Möllendorf ! « Zweiundachtzigstes Kapitel . Die Scheidestunde schlug . Als die Baronin durch die Hecke geschlüpft - sie hoffte , unbemerkt von den Verfolgern , - befand sie sich in einem schmalen Gange , der eigentlich nicht zum Spazierengehen , sondern zwischen der beschnittenen Baumhecke und einem alten Plankenzaune , mit Unkraut bewachsen und für den Kehricht des Gartens bestimmt war . Ihre Absicht war auch wohl gewesen , wenn das wilde Heer vorüber , in die Allee zu ihrem Freunde zurückzukehren . Davon wurde sie zu ihrem Schreck durch einen andern Mann , den sie nicht als ihren Freund betrachtete , abgehalten . Nein , sie fürchtete oder verabscheute den alten Herrn von Bovillard , und glaubte dazu hinlänglichen Grund zu haben , denn hatte nicht der Legationsrath in einer vertrauten Stunde ihr - wir sagen nicht Alles , aber doch Vieles vertraut , was sie nie erfahren durfte , wenn man nicht ohnedem wüsste , daß das Amtssiegel der Verschwiegenheit über die geheimen Staatsangelegenheiten in der Hinterstube des Geheimraths Bovillard nur zu oft erbrochen war . Und diesen selben Bovillard , der mit ihr und dem Rittmeister ein so grausames Spiel gespielt , dem sie in in ihrer Entrüstung geschworen , nie mehr ins Gesicht zu sehen , traf sie an dem einsamen Orte , er kam grad ' auf sie zu , und hob grade den Kopf , den er gesenkt trug , ehe sie ausweichen konnte . Zu anderer Zeit kochte es in ihr , ihm Sottisen oder die Wahrheit zu sagen , was sollte sie ihm jetzt sagen , wenn er mit seinem medisanten Witze sie raillirte ! Ach , aber der Geheimrath war ein Anderer , in kurzer Zeit schien er um Jahre älter geworden . Wohin war der elastische Schritt , die Jugendlichkeit , die er im Umgange affectirte ? Er ging bedächtig und gesenkten Hauptes . Er litt an fixen Ideen , sagte man . War es sein Stammbaum , dessen Wurzeln bis zur Schöpfung der Welt zurückwuchsen , was seinen Blick auf der Erde wurzeln ließ ? Man hielt es nur für eine momentane Phantasie des aufgeklärten Lebemannes ; er benutzte sie , um seinem Depit gegen die Verbindung seines Sohnes mit der Demoiselle Alltag einen scheinbaren Grund unterzulegen . Er litt , wer sollte es glauben , an einer andern Idee , die er zwar nicht deutlich aussprach , aber aus seinen hervorgestoßenen Reden erschien es , daß er an gewissen Tagen sich für vergiftet hielt , von wem anders , als der Lupinus ! Auf vernünftige Vorstellungen gab der vernünftige Mann zu , daß dies unmöglich sei , da er jede gesellige Berührung mit ihr vermieden hatte ; aber er nahm doch in jenen Tagen viele und starke Laxanzen . Er , der erklärte Gegner der Romantik und alles Mysticismus , las in Büchern , die man nicht auf seinem Tisch erwarten sollen , und an Aerzte , die sich jener Richtung näherten , stellte er die verblümte Frage , was sie von dem bösen Blick hielten , an den die südlichen Nationen glauben , und ob nicht eine physische Möglichkeit sei daß er der Gesundheit Anderer schaden könne ? Der Geheimrath Bovillard war bereits als malade imaginaire sprüchwörtlich . Sein Gönner , der Minister mit der aufrechten Haltung , hatte ihm seine Universalkur , Karlsbad , wiederholentlich empfohlen , der Geheimrath den Rath aber von der Hand gewiesen - für jetzt . Er fürchte , es werde ihm als Furcht ausgelegt , wenn er sich aus Preußen entferne , er sei ein Patriot , darum müsse er es zeigen . Darum zeigte er sich an öffentlichen Orten ; wenn auch nicht grade an dem , wo die Baronin ihm begegnete . » Ach , meine gnädige Frau , « sagte er , nachdem von seiner Seite weder eine freudige noch eine andere Ueberraschung stattgefunden , er brachte vielmehr die Worte mit einer Art innerem Gähnen heraus , indem er neben ihr herging . » Ach , meine gnädige Frau , die Moralisten sagen , Alles in der Welt ist eitel ; aber es ist nur die Wirkung aus der Ferne . Ich sehe in der Welt nicht ab , warum das eitel sein soll , was ich genieße , und es schmeckt mir . Eitel , das heißt , es verdirbt und vergeht , wird es nur durch die Einflüsse von außerhalb . Könnte Jeder seinem Penchant nachgehen , dann gäbe es keine Eitelkeit und keine Sünde , nur vergnügte Menschen . Sie lieben im Frühling die Veilchen , ich die Maibutter , wie schön duften sie am Morgen , wie aromatisch und frisch schmeckt sie zum Frühstück ! Da muß ein Weltkörper viele Millionen Meilen von uns entfernt , so einwirken , das das Veilchen am Abende welk ist , auch die Philosophie hilft dagegen nicht . Der böse Magnet , Dämon , was es sei in der Ferne , unsere Pfeile erreichen ihn nicht , und , was noch schlimmer , wir wissen gar nicht , wo unser Feind sitzt . So ist der Klügste nicht sicher , woher ' s ihn einmal überkommt , ob er auf dem Eis einbrechen , oder im Tanzsaal ein Bein brechen soll . Was ist der Krieg ? Die Soldaten bilden sich ein , sie trügen ihn , und sie bluteten für uns . Aber , contrair , sie haben das Vergnügen , und der Civilist hat die Leiden ; er muß zahlen und zahlen , Handel und Gewerbe stocken und wir müssen Spott , Uebermuth und Einquartierung ertragen , bis wir aus der Haut fahren . Ich will mich nicht um die