nächtlichen Spaziergängen , Maskeraden überredet hatte , im wildesten Zornausbruche ihn schon öfters aus dem Hause geworfen und fast mit Füßen getreten . Allein er nahm ihn immer wieder auf . Sah er doch , wie Hackert die Herrschaft im Hause hatte , wie er Melanie und die Mutter tyrannisirte , ja Allen nothwendig war ! Später aber kam Ärgeres . Da Melanie heranwuchs , durfte er ihn nicht mehr dulden . Aber auch nun rührte es ihn , als er hörte , daß die dämonische , kranke Anlage des Knaben sich bis zum Nachtwandeln da steigerte , als Melanie in wachsender , jungfräulicher , kälterer Überlegung sich von ihm abwandte , ihn haßte und verabscheute und er dennoch nächtlich an ihre Thür schlich und vor ihrer verriegelten Schwelle auf dem nackten Erdboden schlief , ganze Nächte ihrer Rückkehr aus Gesellschaften wartete und sich in Sehnsucht um seine Halbschwester verzehrte ... er war gerecht genug , so etwas wie thatsächlich , ohne Einmischung persönlichen Mismuthes , zu beurtheilen und hätte sein eignes Lebensglück hingegeben , wenn er die leichtsinnigste Erziehung von der Welt durch feinere Ausbildung Dessen , der ihm so vielen Kummer machte , hätte wieder berichtigen und zu seiner eigenen Herzenserleichterung schließen können . Vergebens ! Die Frauen sträubten sich immer dagegen und glaubten , alle diese Schwierigkeiten würden sich befriedigend lösen lassen , bis dann wieder die leidenschaftliche Liebe des verstoßenen , kranken , sich mishandelt fühlenden Pfleglings alle ihre Berechnungen durchkreuzte und Gewaltthätigkeiten veranlaßte , wie jener gestrige Überfall im Wagen war , dessen glückliches Gelingen an dem Übermaß gesteigerter Lebenskraft und entflammter , toller Freude , die wir bei Hackert beobachteten , wohl sich abnehmen läßt . Gern hätte Schlurck diese höchst schwierige Angelegenheit in gewohnter Weise zur Sprache gebracht , aber seine Frau duldete es nicht . Sie drängte nun um Das , was er aus jenen Papieren , die er auf den Tisch hingelegt hatte , für Melanie ' s Zukunft entnehmen wollte . Was ist ' s mit den Sternen ? sagte sie fast frivol ; du schlimmer Patron , was soll ' s mit den Mondnächten ? Schlurck zog seine Brille auf die Stirn und sah in die Papiere ... Ja , fing er an , wenn sich Alles so fügte , wie man hoffen möchte ... Melanie müßte die Frau eines Millionärs werden . Laß Das Vater , sagte Melanie ruhig und gefaßt ; Eure Millionärs kosten gewöhnlich ein Leben . Ich rüste mich in aller Duldsamkeit darauf , daß Lasally als Lohn für meine Bitte meine Hand begehrt und ich gebe sie ihm . Ich beschwöre dich , sagte die Mutter ; nur keine Übereilung ! Ich gebe sie ihm . Lasally ist der einzige Mann , mit dem ich mich über meine Vergangenheit und Zukunft verständigen kann . Er hat klare und vorurtheilslose Anschauungen . Er bedarf mich , er liebt mich , Das seh ' ich aus seinem Schmerz , daß er mich nicht nehmen könnte , wenn ich kein Vermögen hätte . Nicht alle Männer sind darum nur Spekulanten , weil sie nach Vermögen heirathen . Das macht ihn in meinen Augen nicht geringer . Aber Herzlieb ! sagte Schlurck schmeichlerisch und tätschelnd . Was wird denn aus jenem jungen Mann in Hohenberg ! Jener prächtige Dankmar Wildungen ! Ich entsinne mich ja seiner - ei , ich sah ihn ja auf dem Heidekrug bei Justus dem Gerechten ! Er ist ja schön , geistreich , unternehmend ; Himmel , ein Gott von einem Mann ! Vater ! Kind ! Wenn dieser Mensch mir sagt : Ich liebe Ihre Melanie , so sag ' ich : Herr , ich wiege Ihnen das Wort mit einer Million auf ! Diese Papiere lagen in dem Schrein , den der tolle Bursch sich anzueignen wußte und den ich auffinden sollte . Weiß er sie zu benutzen , Kinder , so bringen sie ihm alle die Güter und Häuser und Liegenschaften , um die jetzt der große Proceß zwischen dem Staate schwebt und der Stadt ... Die Frauen waren im höchsten Grade erstaunt und Schlurck setzte ihnen den Zusammenhang auseinander . Natürlich war die Wirkung eine außerordentliche . Melanie liebte Dankmar als Persönlichkeit , vergab ihm zwar nicht , daß er ein unendlich Geringerer war , als sie vermuthet hatte ; vergab ihm nicht , daß sie ihm lächerlich erschienen war ; vergab ihm nicht , daß er nicht kam und selbst um Verzeihung bat . Sie hätte ihn , aus Wuth über sich selbst , mit kaltem Blute » morden « können ... sie sagte das so hin zur Mutter , aber ... glaubte sie es selbst ? Es war ein Act von Verzweiflung , wenn sie vorzog , Lasally ' s Gattin zu werden ... Dankmar hatte das Bild empfangen , der Amerikaner hatte ihr es gestern in diesem Hause gesagt , wie pünktlich er ihren stummen Auftrag vollzogen , als sie Hackert ' s Anblick unfähig machte , es selbst in das offene Zimmer Dankmar ' s hineinzureichen ... Zerrissen von der Vorstellung , nur misbraucht zu sein , nur getäuscht von den abscheulichen Männern , entrüstet darüber , daß man ihr gestern nicht zu Füßen sank , Niemand sich zeigte und sie wie eine Göttin anbetete , ewig und ewig der schaudervollen Möglichkeit ausgesetzt , von Hackerten gefoltert zu werden , wollte sie , wenn auch verzweifelnd , selbst das Äußerste wagen , um wenigstens von diesem frei zu werden , und Lasally nun erhören , wenn er auf die Bedingung bestand ... aber ihre Liebe gehörte Dankmarn . Der Justizrath ließ sich vollständig über seine Beziehung zu Dankmar Wildungen aus , auch das Bild kam zur Sprache . Die Art , wie Melanie es gewonnen hatte , verbreitete , da sie nichts verschwieg , sogleich wieder die heiterste Stimmung . Als Melanie dabei nicht umhin konnte , erröthend zu gestehen , wie sie sich vielleicht entschließen könnte , ihren Zorn gegen Dankmar Wildungen zu mäßigen , wenn ... Wenn er dir gesteht , daß er dich feurig liebt ! unterbrach sie Schlurck . Und dir den Schein des Irrthums ersparte ? Den Schein , dich lächerlich gemacht zu haben , als du ihn für einen Prinzen nahmst ? Das wird er nicht ! Er wird mich ewig verspotten , sagte Melanie . Ich werde das Gelächter aller jungen Männer der Residenz werden . Ah bah ! antwortete Schlurck . Es kommt auf einen Versuch an . Wie die Dinge jetzt stehen , sind zwei Fälle möglich , entweder dieser Wildungen ist unser Freund oder unser Feind . Ein unternehmender , kecker Mann muß es sein . Kann ich Hand in Hand mit ihm gehen , so wird es einer kurzen Verständigung zur Freundschaft bedürfen . Dem , der um meine Tochter wirbt , Dem , der eingesteht , daß er mein Sohn werden könnte , geb ' ich freudig die Mittel an die Hand , eine Million zu erwerben . Hat er aber Melanien ' s Freundlichkeit nur misbraucht , gehört er zu dem räthselhaften Complot , das sich mit der Zurückkunft des Prinzen Egon von Paris gegen mich zusammenzuziehen scheint , so zeig ' ich ihm meine Stirn und einen Ernst , den er schon heute früh kennen gelernt haben wird ... Man brachte dem Justizrath in diesem Augenblick ein kleines zierliches Billet . Die Frauen wollten von diesem Kennenlernen seines Ernstes etwas wissen . Aber Schlurck erbrach das Billet . Es kam von der Geheimenräthin von Harder und lautete : » Himmlischer Justizrath ! Theuerste Freudesseele ! Mit Zittern führe ich die Feder und danke Ihnen aus innigstem Herzen für Ihre Güte ! Das Bild ist da und das Geheimniß von mir endlich entdeckt . Ich lese - die Memoiren der Fürstin Amanda von Hohenberg ! Jeder Nerv meines Daseins zittert . Fühlen Sie es diesen Buchstaben nach , wie ich bebe ! Aber auch der Dank meines Herzens ist ohne Schilderung . Sie braver , guter , herrlicher , edler Freund ! Um sechs Uhr hatt ' ich das Bild ! Gott ! Welch ein Moment . Das Äußere des Bildes geht zu den übrigen Geräthschaften , die heute noch , mit Ausnahme der Ihnen und dem Prinzen gehörenden Familienportraits , an den Hof abgeliefert werden . Verschweigen Sie Alles Ihrer Tochter , die höchst , höchst liebenswürdig war , Alles bezaubert hat und ein wahrer Engel , das Idol meiner Zärtlichkeit werden soll . Einen Kuß auf diese edle Götterstirn ! Wann seh ' ich Sie ? Bester ! Bester ! Dank ! Dank ! -Ihre Pauline . « Schlurck , von den Frauen beobachtet , lächelte und runzelte doch wieder die Stirn . Er fühlte , wie ernst das Alles wurde , wie furchtbar seine Verantwortlichkeit stieg . Man drängte in ihn , etwas von diesem Brief zu erfahren , seine Geheimnisse zu durchschauen ... Er wich aus . Die Geheimräthin ist von deinem Erscheinen entzückt ! sagte er . Melanie wollte Das selbst lesen ... Er bog den Brief um und zeigte ihr die Stelle , die ihr natürlich viel Freude machte . Und das Übrige ? fragte sie . Geschäftssachen ... Frau Justizräthin schüttelte den Kopf und seufzte leise . Es schien ihr fast , als wenn auch hier das stark pulsirende , aber flüchtige Herz des Gatten mit im Spiele wäre . Sie wollte scherzen , aber Bartusch trat ein ... Bartusch berichtete über Neumann , der wol ein Vierteljahr liegen könne , wie Drommeldey gesagt hätte , über Jeannette , die die Nacht bei ihm gewacht und ganz die Kokette verläugnet hätte und auf diese Art auch wol nicht aus dem Hause käme ; zugleich auch über einen Kutscher , Namens Peters , der sich melde , um für Neumann einzutreten und unten warte ... Schlurck ' s Erstaunen , wie doch auf jeden Verlust sich in diesem grausamen Menschenleben gleich ein Ersatz dränge , seine weitern Betrachtungen über Wiege und Grab und ähnliche Philosopheme , zu denen der sehr aufgeregte Justizrath geneigt war überzugehen , unterbrach Bartusch durch die trockene Äußerung : Auch Herr Dankmar Wildungen ist unten . Es ist wirklich der junge Mann von Hohenberg , den wir für den Prinzen Egon hielten . Er fodert den Schrein mit dem Kreuz und scheint in einer sehr entschiedenen Stimmung zu kommen . Schlurck mußte sich zusammennehmen . Er wurde blaß und die Papiere zitterten in seiner Hand . Die Frauen baten ihn , sich nicht aufzuregen . Schalkhaft aber drohte er doch seiner Tochter mit dem Finger und sagte : Wart ' , Hänschen , wart ' ! Wenn er nun sagte : Herr , Sie haben wie gegen einen Spitzbuben gegen mich verfahren ! und ich antworte : Spitzbube du selbst ! Du hast mir mein Töchterchen gestohlen ! Was ? Vater , ich beschwöre dich ! rief Melanie . Welcher Einfall ! Was würd ' er denken über einen solchen plumpen Antrag ... Hm ! Wenn ich aber nicht plump , sondern fein in meinem Antrage wäre - und der Trotzkopf sagte : Herr Justizrath , die Welt um Melanie ! Nie sagt ' er Das ! So wie ich , sagt er ' s nicht ! Nein , er sagt es schöner , inniger , als meine fahlen Lippen Das malen können ... und ich böte ihm dann die Rechte und sagte : Schlagen Sie ein ! Hinfort gehen wir , ausgerüstet mit diesen hochwichtigen Papieren da , Hand in Hand , junger Mann ! Melanie fing hier in einer Weise an zu lachen , daß man wohl sah , ein Herzenskrampf mußte sich Luft machen . Sie lachte so anhaltend , so ängstlich , daß die Mutter in Sorge gerieth . Melanie nahm die Blumen , zerzauste sie , tanzte im Zimmer , klatschte mit den Händen und riß , um sich nur helfen zu können , das Fenster auf und lehnte , Allen den Rücken kehrend , sich hinaus in die freie frische Luft , deren ihr krankhaft erregter Zustand wirklich bedurfte . Schlurck , ergriffen von diesem Ausbruche der wahnsinnigsten Liebe , die Melanie für Dankmar gefaßt hatte , ließ die wichtigen Papiere in der Zerstreuung liegen und ging gefaßt nach jenem hintern Zimmer , von dem die Wendeltreppe hinunter zu seinen Arbeitsräumen führte . Die Frauen aber und Bartusch , als sie Schlurck ' s seidenen Schlafrock nicht mehr rauschen hörten , folgten ihm behutsam , um von oben zu horchen , was man unten verhandeln würde . Funfzehntes Capitel Der Schrein Die Lauschenden vernahmen erst das Kläffen eines Hundes , das jedoch nicht aus dem Zimmer des Justizrathes selbst emporscholl , sondern aus dem vor ihm befindlichen und auf die Hausflur hinausgehenden Wartezimmer . Dann hörten sie , daß der Justizrath Etwas zu rücken schien ... St ! sagte Bartusch . Er versteckt den Schrein mit dem Kreuze ! Das eigentliche Mark , den Kern , die Blume hab ' ich doch wol hier in Händen ! Er zeigte auf die alten Papiere , die er in der Hand hielt . Schlurck hatte sie liegen lassen . Wieder bellte der Hund . Wieder brummte der Papa etwas Unverständliches , dann rückte er an den Stühlen , schloß das Fenster , stellte die Klingel auf dem Bureau zurecht und schloß nun erst von innen die Thür auf , um aus dem Vorzimmer die Besuche hereinzulassen ... Ein noch gewaltigeres Kläffen war jetzt vernehmbar . Bello , zurück ! hörte man scharf sprechen und ein lautes Schreien des Hundes ließ annehmen , daß sein Besitzer oder sonst Wer ihn vielleicht beim Hals gepackt und in das Vorzimmer zurückgeworfen hatte . Das ist das lahme Thierchen ! sagte Melanie flüsternd ; weißt du , das ihm nachgefahren wurde . Es war nicht sein . Er pflegte es wie ein krankes Kind ... St ! sagte die Mutter . Er spricht ! Ja , er ist ' s , wisperte Melanie , es war seine Stimme ! Ihr Herz bebte ... Ruhig , Fräulein ! flüsterte Bartusch höflich , daß man hören kann , ... wenn ' s erlaubt ist . Bartusch war in dem Grade mit den Angelegenheiten des Hauses vertraut , daß seine Anwesenheit hier eher gewünscht wurde , als hinderte . Herr Justizrath ! erscholl jetzt Dankmar ' s volle tönende Stimme , wollen Sie erst diesen braven Mann abfertigen , der sich melden will , für Ihren kranken Kutscher einzutreten ? Das hat Zeit , antwortete Schlurck sehr verbindlich , höchst geschmeidig und liebenswürdig . Was steht zu Diensten , mein Herr ! Ich erkenne ja mit Vergnügen in Ihnen den jungen Mann wieder , den ich im Heidekrug so frei und treffend über die Politik reden hörte . Umsomehr , Herr Justizrath , begann Dankmar mit plötzlich ziemlich starkem Nachdruck , umsomehr muß ich auf ' s Höchste entrüstet sein , daß ich in Ihrer Vorstellung für nicht viel mehr oder weniger als ein Spitzbube gelte ... O ! Urtheilen Sie nicht so rasch , mein junger Freund - nicht wahr , Herr Dankmar Wildungen ? sagte Schlurck sich zusammennehmend . Dankmar und Siegbert heißen die beiden Brüder , fuhr Dankmar fort , die heute früh von einem Ball , auf den sie der Zufall verschlagen mußte , nach Hause kommen und sich unglücklicherweise von den singenden Vögeln , dem frischen , anmuthigen Anbruch des Tages , dem goldenen Lichte der Morgensonne verlocken ließen , statt um vier , erst um halb sechs Uhr ihre Schwelle zu betreten , die inzwischen von dem schändlichsten Attentate entweiht worden war ... Ei , ei , ei , ei ! Zwei Hallunken , von denen ich nicht glauben kann , daß sie mit einer gesetzlichen Vollmacht erschienen , untersuchten unterdessen unsere Wohnung , erbrachen unsere Schränke , öffneten unsere Commoden und stahlen wie die Raben hinweg , was mit der Angelegenheit , wegen der sie zu kommen vorgaben , nicht in der geringsten Verbindung stehen kann ... Was Sie in diesem Falle wieder bekommen werden , mein Lieber ! Es ist unglaublich , was eine solche gerichtliche Requisition rasch geht . Sie waren gar nicht zu Hause , meine Herren ? Sie sahen die Sonne aufgehen ? Schlurck that , als wär ' er voll innigster Theilnahme und reizte dadurch Dankmarn nur noch mehr . Ich stürzte , sagte Dankmar , in meinem gerechten Zorn über dieses Attentat zum Oberkommissär Pax und hörte dort zu meinem Erstaunen , daß Sie selbst , Herr Justizrath Schlurck , Sie , den ein glücklicher Zufall zum Finder eines mir zugehörigen Schreins machte , Sie , der Sie mich in den Zeitungen auffordern , mich zu melden , Befehl gegeben haben , gegen mich auf so abscheuliche , ehrverletzende Art einzuschreiten . Mein Herr , wie kommen Sie zu dieser Gewaltthat ? Bitte ! Bitte ! Nicht zu rasch ! Sie verwechseln die Momente ... Die Momente ? Welche Momente ? Zum Henker , Herr -Herr Wildungen - Ich - ich ersuche Sie , leiser zu sprechen , wär ' s auch nur des Hundes draußen wegen , der sich von Ihrem Lärm zu einem unaufhörlichen Accompagnement ermuthigt fühlt ... Schlurck konnte sich nicht ganz bemeistern . Denn in der That Bello gab keine Ruhe . Das Thier schien außer sich , kratzte an der Thür und gebehrdete sich so unmanierlich , daß sich Dankmar selbst unterbrach und die Thür öffnen wollte , um Peters zu bedeuten , seinen Hund besser in Obacht zu halten ... Ums Himmelswillen nicht , schrie Schlurck , machen Sie nicht auf ! Die Bestie springt herein . Ich fürchte sehr , daß ich einen Kutscher , der so zudringliche Hunde hat , nicht brauchen kann . Und an die Thür gehend , rief er in der Gegend des Schlüsselloches : Gehen Sie , bester Mann , die Stelle ist schon vergeben ! O ! Herr Justizrath , sagte Dankmar gemäßigter , wie kann Das möglich sein ? Im Gegentheil , ich ersuche Sie selbst , diesen Kutscher zu nehmen . Er ist brav , sehr ehrlich und Sie haben Etwas an ihm gut zu machen . Wie so ? Was ? Ich gutmachen ? Es ist Dies jener arme Fuhrmann , der so unglücklich war , mir den Schrein zu verlieren , den Sie so glücklich waren zu finden . Ich gestehe Ihnen , nach diesem abscheulichen Attentat auf meine Wohnung , von dem wir später sprechen wollen , bin ich in der That begierig , zu hören , auf welche Art Sie zu meinem Eigenthum gekommen sind ? Eigenthum ? sagte Schlurck lächelnd , aber schon mit ganz abgestorbener Stimme . Die Anwesenheit jenes verunglückten Fuhrmanns von der Plessener Schmiede und des ihm nun plötzlich erinnerlichen Hundes war ihm , verbunden mit dem heftigen Tone des jungen Mannes , fast wie ein Überfall , und es gereichte ihm sehr zur Beruhigung , als er merkte , daß seine Leute vielleicht oben über der Wendeltreppe lauschten . Mein verehrter Herr Wildungen , sagte Schlurck nach einer Pause der Sammlung und während auch Bello schwieg - man konnte annehmen , daß sich Peters mit ihm entfernt hatte - lassen Sie mich zuvörderst Etwas zu meiner Vertheidigung sagen . Sie kennen den Prozeß über die St.-Johannes-Güter ... Ich arbeite selbst in ihm , sagte Dankmar . Weiß ich jetzt . Um so mehr ! ... Ich bin der Advokat der Stadt . Man schreibt mir , als ich in Hohenberg bin , auf dem alten Tempelhause in Angerode wäre von einem jungen Rechtsgelehrten ein Archiv entdeckt worden mit wichtigen Papieren . Herr Dankmar Wildungen , statt den Behörden davon Anzeige zu machen , eignet sich seinen Fund selber zu , läßt einen Schrein durch einen bereits gerichtlich vernommenen Schlosser erbrechen und reist mit seiner widerrechtlichen Aneignung in die Residenz . Der Schlosser gibt eine Beschreibung des Schreins . Selbst Ihre Mutter , die Witwe des Predigers Wildungen , kann nichts gegen diese Entdeckung den städtischen Behörden einwenden . Da macht mich der Zufall zum Zeugen jenes Unglücksfalles an der Schmiede zu Plessen . Ich sah einen zusammengestürzten Frachtwagen , dessen lose gepackte Güter abgeladen werden müssen , um den Wagen wieder herstellen zu können . Ich finde jenen Schrein , erkenne das genau angegebene Signalement , das Zeichen des Kreuzes mit dem vierblättrigen Kleeblatt , das Sie auch auf diesem Hause erkannt haben werden - ich lege Beschlag auf den Schrein , weil ich wußte ... Gerichtlichen Beschlag ? Eine weitläuftige Prozedur war im Augenblick nicht möglich ; denn am Morgen nach dieser Entdeckung fuhr ich von Hohenberg ab ... Verteufelter Hund ! Gibt das Thier wol Ruhe ? Dankmar trat an die Thür und rief zum Schlüsselloch hinaus : Peters , gehen Sie zum Teufel mit Ihrer Bestie ! Sie stört uns ! Der Justizrath wird Sie behalten , er muß es thun . Der Justizrath fühlt zu edel , um nicht zu begreifen , wie grausam er gegen Sie gehandelt hat . Er fand Ihren Verlust , freute sich des gelungenen Werkes und ließ Sie jammern , verzweifeln , blieb taub bei Ihren Klagen ; arme Seele , er wird Sie schadlos halten . Gehen Sie auf die Hausflur hinaus und machen Sie dem Gekläff der Satansbestie ein Ende ! Darauf wurde es still . Der Justizrath blieb in seinem künstlichen Humor und seiner erzwungenen Selbstbeherrschung . Das muß ich gestehen ! rief er . Sie wissen die Menschen in Angriff zu nehmen . Sie disponiren vortrefflich über mich ! Entschädigung für die arme verletzte Seele eines Fuhrmanns ! Wenn Sie darauf bestehen ? Warum nicht ? Ei ! Sie gefallen mir ... Bravo ! Bravo ! Sie aber , Herr Justizrath ! sagte Dankmar mit schwächerer und wenn auch scherzender , doch sehr entschiedener Stimme ; Sie gefallen mir noch gar nicht . Ich will Ihnen die glücklich bestandene Probe eines polizeilichen Entdeckungstalentes in Plessen an einer gewissen Schmiede verzeihen . Was geschieht nun , da Sie hier ankommen ? Schickten Sie zu dem rechtmäßigen Besitzer Ihres Fundes ? Oder hatten Sie den Namen vergessen , den Sie schon in Hohenberg wollen gewußt haben ? In der That hatt ' ich Das ! Ich ließ Sie in der Zeitung auffordern , sich zu melden ... Zwölf Stunden vor dem Attentat auf meine Wohnung ? Die Anzeige sollte eine Falle sein ? Die Anzeige war in der Frühe des gestrigen Tages in die Zeitungsbureaux gesandt worden . Inzwischen kamen von Seiten meiner Vollmachtgeber die ärgsten Anklagen gegen Sie und die erneuerte Nennung Ihres Namens . Sie arbeiteten selbst in diesem Prozeß ! Sie kannten die Geschichte desselben und eignen sich durch Einbruch die Urkunden des alten Tempelhauses an ! Zum Henker , Herr , dies alte Tempelhaus ist die Wohnung meiner Eltern gewesen . Welches Gericht will mir verwehren , in meinen eignen vier Pfählen eine hohlklingende Wand zu untersuchen ? Hör ' ich da den Juristen sprechen ? Unmöglich ! Gestehen Sie , daß Sie sich von dem Interesse , das Ihre Person , Ihre Familie an diesen Urkunden nehmen muß , haben verleiten lassen , eine unerlaubte Handlung zu begehen ! Meine Person ? Meine Familie ? Was wissen Sie - Glauben Sie , daß ich den Inhalt des Schreines nicht kenne ? Sie haben ihn - Wieder öffnen lassen , wie billig . War ich als Anwalt der Stadt nicht in meinem Rechte ? Sie haben wahrscheinlich noch mehr entwandt ... dies Mehr mußte bei Ihnen gesucht werden ... Dankmar schwieg , weil ihm die furchtbarste Aufregung die Worte raubte . Der Justizrath setzte ruhig hinzu : Die in Angerode gelegenen Besitzthümer der protestantisch gewordenen Johanniter sind eine Dependenz der hiesigen St.-Johanniskirche. Der Schrein mit dem Kreuz gehört zu unserm Archiv und wird in unserm Prozeß eine Rolle zu spielen haben . Das hoff ' ich ! sagte Dankmar mit großem Nachdruck . Ich begreife nun vollkommen , daß man mir , einem Hülfsarbeiter dieses Prozesses , zugetraut hat , ich hätte mir eigenmächtige Eingriffe in den Gang desselben erlauben wollen ... So ist es , Herr Referendar ... Man gibt mir vielleicht Schuld , ich hätte im Interesse des Staates , dem ich diene , gegen die Stadt Etwas unternehmen wollen ... Sie treffen das Richtige ! Aber Sie haben in den Papieren gelesen ? Geblättert ... Entdeckten Sie meinen Namen ? Wildungen ? Er ist seit dreihundert Jahren oft genug in diesem Prozesse genannt worden . Fanden Sie nicht Urkunden , die Ihnen auf den ersten Anblick zeigten , daß ich ein sehr begründetes , persönliches Recht für meine Familie an diesen Akten gefunden habe ? Daß ich ... nicht wüßte ... stammelte unentschlossen Schlurck . Nun , Herr Justizrath , ich hoffe Ihnen noch in Zukunft beweisen zu können , daß ich die entschiedenste Absicht hatte , nichts von meinen Entdeckungen zu unterschlagen , sondern sie zu einer ganz neuen Diversion der großen Streitfrage zwischen dem Fiskus und der Stadt-Kämmerei , zwischen dem Fürsten und den Bürgern , öffentlich zu benutzen ! Sie überraschen mich ... Ihr Mistrauen , das Mistrauen Ihrer Clienten hat Sie zu weit geführt . Sie haben geglaubt , noch mehr Eroberungen aus dem Archiv von Angerode bei mir anzutreffen - Allerdings ... Ich fehlte darin , daß ich wußte , Sie haben meinen Schrein gefunden und nicht gestern schon bei Ihnen vorsprach - Es erweckte Verdacht ... Nun wohlan ! So bitt ' ich jetzt um zwei Dinge . Erstens - Nehmen Sie doch Platz ! Regen Sie sich doch nicht so auf , mein Verehrtester ! Erstens : Die Diener der hier so sonderbar eiligen Hermandad haben sich ein Bild , ein mir und andern Personen sehr theures Bild angeeignet ... Das zum Angeroder Archiv gehörte ? Die Dummköpfe müssen Das geglaubt haben ... Oder Ihre Instruction war zu allgemein . Was ist das für ein Bild ? Ein Bild , das einer Person gehört , die Ihnen selbst sehr theuer sein sollte , dem Prinzen Egon von Hohenberg . Wie kommen Sie ... Ich brachte es von Hohenberg ... Ei ! ei ! Ein Bild ! Geheimrath von Harder wird das vermissen . Sie wissen doch , daß ihm die Verlassenschaft der Fürstin Amanda nach der Residenz zu führen aufgetragen war . Doch thut Das nichts . Die Familienportraits , wenn es eins derselben war , bin ich beauftragt , dem Prinzen zurückzustellen . Der Oberkommissär Pax , bei dem ich eben war , behauptet auch in der That , in dem Bilde eine Reclamation des Geheimraths von Harder entdeckt zu haben und schickte es Diesem zur Recognition ... Es ist der kürzeste Weg , es in meine Hand und dann in die des leider erkrankten Prinzen Egon von Hohenberg zu bringen . Aber Sie wissen nicht , daß sich an dieses Bild Geheimnisse knüpfen , die das Interesse der ganzen Hohenbergischen Familie betreffen . Sie sind der natürliche Anwalt dieser Interessen ... Sie überraschen mich ... Wenn eine unberufene Hand ... Geheimnisse ? Ein Bild ? Fürchten Sie doch nichts ! Alles ! Alles ! Auf dies Bild hat im Auftrage der seligen Fürstin Amanda nur Ein Mensch auf Erden die gerechtesten Ansprüche , der ehemalige Erzieher des Prinzen Egon , der frühere Pfarrer Rudhard ... Pfarrer Rudhard ? Ich kenne ihn . Ich weiß , daß er hier ist , mit der Fürstin Wäsämskoi ! Aber ich staune ... Der ? Welche Ansprüche ? Was ist damit ? O Gott ! Jede Minute der Verzögerung , jeder Augenblick , wo dies theure Bild in den Händen einer Pauline von Harder ist , kann die Quelle ewigen Leidens für den Prinzen Egon werden ... Ich zittere . Bester Freund , wie dank ' ich Ihnen ! Da soll eiligst - Aber geben Sie mir Aufklärung ! Rudhard soll sie Ihnen geben . Schicken Sie sogleich zu Herrn von Harder , fordern Sie alle Familienbilder zurück ! Sie wissen nicht , welcher unsägliche Aufwand von Schalkheit , List und Charakter angewandt wurde , um dahin zu gelangen , wo wir jetzt uns befinden , an der Gefahr , eingestehen zu müssen , daß Alles vergebens war ! So schick ' ich sogleich zum Geheimenrath ! Warten Sie einen Augenblick ! Schlurck schellte . Es kam ein Diener seines Bureaus . Er schrieb , während oben die drei Lauscher sich bedeutsam und hoffnungsvoll anlächelten , einige Zeilen an den Geheimenrath , siegelte sie , nachdem er sie Dankmarn hatte lesen lassen . Dieser war , eben so von der verlorenen Nacht , wie von den gewaltigen Eindrücken des Morgens , erschöpft und saß fast abgespannt im Sessel ... Schlurck wurde immer freundlicher und zuthunlicher . Seine Geistesgegenwart verließ ihn keinen Augenblick . Als der Diener sich entfernt hatte und Melanie durch die eingetretene Stille und die Erwähnung des Bildes , an dem sie so ernstlich betheiligt war , sich auf eine gemüthlichere und wärmere Wendung des Gespräches gefaßt machte , begann Schlurck : Und nun : Ihr gefälliges Zweitens ? Sie sprachen doch von - Zweitens , sagte Dankmar , ich wünschte nun zu wissen , wo ich den nur mir gehörenden , in der Wohnung meiner Eltern gefundenen Schrein mit dem Kreuze und seinem wichtigen Inhalte wiederfinde ? Wo ist er ? Ich muß ihn haben ... Der Justizrath machte hier eine große Pause . Deutlich hörte man , daß er auf die Dose klopfte und sich zu einem vertraulicheren Gespräche rüstete . Bello war still . Melanie , die Mutter und Bartusch hielten den Athem zurück . Lieber Herr Wildungen , sagte Schlurck , erholen Sie sich . Sie haben die Nacht durchwacht . Sie sind erschüttert von den Erlebnissen des Morgens . Ich gestehe , daß ich ungern dem Drängen meiner Clienten nachgab . Sie glauben nicht , wie reizbar über diese Angelegenheit die ganze Commune ist und wie leidenschaftlich sich einige der eifrigsten und hitzigsten Verfechter ihrer Interessen über die