Regimenter stand , die zur Sicherung des neu aufgerichteten Königsthrones der Bourbonen und zur Eintreibung der Kriegs-Contribution in Frankreich zurückgelassen wurden , seine Versetzung zu einem der heimkehrenden Regimenter zu erlangen . Aber das Glück , dessen die Freiherren von Arten sich in früheren Zeiten sprüchwörtlich zu rühmen geliebt hatten , war während dieser Kriege auch dem jungen Freiherrn treu geblieben . Strahlend in Siegesfreude , durch die Anstrengungen des Krieges abgehärtet und gekräftigt , hatte Renatus inmitten der vereinigten Heere , an der Spitze seiner Compagnie an dem zweiten Einzuge der Verbündeten in Frankreichs Hauptstadt Theil genommen , und die Reize dieser anmuthsvollsten unter allen Städten , welche er zum ersten Male kennen lernte , hatten auf den jungen Hauptmann , der mit seinen vierundzwanzig Jahren noch ein Neuling in dem Leben einer solchen Weltstadt war und dem die Gelegenheit , sie zu genießen , auf jede Art geboten wurde , ihre bezaubernde Wirkung nicht verfehlt . Allerdings sah die große Menge der Franzosen widerwillig und mit schweigender Empörung auf die fremden Krieger hin , welche ihnen die unwillkommene Herrschaft der Bourbonen aufgezwungen und , was dem Volke vielleicht noch verhaßter war , auch die alten , ausgewanderten Adelsgeschlechter und das ganze Priesterregiment wieder in das Land zurückgeführt hatten . Aber dafür standen den deutschen , russischen und englischen Offizieren in dem neu belebten Faubourg Saint Germain , in welchem die alte französische Aristokratie die in ihren stillen Höfen und Gärten gelegenen Paläste wieder bezogen hatte , Thor und Thüre offen ; und das Hotel der Herzogin von Duras war eines der ersten , das gleich nach der ersten Rückkehr der Bourbonen die alte , gute Sitte regelmäßigen Empfanges wieder aufnahm , denn die Herzogin wollte sich in ihrem Greisenalter endlich für alle die mannigfachen Entbehrungen schadlos halten , denen sie durch lange Jahre unterworfen gewesen war . Wie sie eine der Ersten Frankreich verlassen hatte , so war sie nun als der Ersten eine mit der wiedereingesetzten Königsfamilie in die Hauptstadt zurückgekehrt , und die unbegrenzte Freigebigkeit , welche die Bourbonen von jeher ihren Anhängern angedeihen lassen , war natürlich der Herzogin , die sich seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts immer in der Nähe und im Dienste des Hofes befunden hatte , vor allen Anderen zugewendet worden . Die Wiedererlangung ihres durch seine Gastlichkeit früher so berühmten Schlosses Vaudricourt war nicht mehr ihr Wunsch gewesen . Man wird die Greisin nicht besuchen kommen , wie die junge Schloßherrin , hatte sie sich gesagt , und der König , der an dem Hofe seines Schwiegervaters ihrer Gesellschaft gewohnt geworden war , hatte dieselbe auch in der wiedergewonnenen Heimath nicht entbehren mögen . Die Herzogin war nicht mehr im Dienste , aber sie lebte im engsten Vertrauen des Hofes , und sie verstand den Einfluß , den sie besaß , eben so wohl zu nutzen , als die Unterordnung und die Zuvorkommenheit aller derjenigen Personen , welche durch Vermittlung der Herzogin von dem neuen Hofe Gewährung ihrer alten Ansprüche und Forderungen zu erlangen wünschten . Es war nur wenig Tage nach seiner Ankunft in Paris , als der junge Freiherr in einer der eben ausgegebenen Zeitungen in den Hofberichten die Mittheilung las , daß die Frau Herzogin von Duras am verwichenen Abende ein Fest gegeben habe , welches von dem Könige und der ganzen königlichen Familie mit ihrem Besuche beehrt worden sei . Sie ist also hier , sie ist in Paris ! rief Renatus unwillkürlich aus , und eben so plötzlich , als ihm diese Kunde geworden war , beschloß er , die alte Freundin seines Vaters aufzusuchen . Er dachte freilich daran , welch einen unheilvollen Einfluß die Herzogin Margarethe auf das Schicksal seiner Mutter ausgeübt hatte ; aber diese Vergangenheit lag weit hinter der Gegenwart zurück und er wußte auch wenig Bestimmtes über alle jene Vorgänge . Seine Neugier , die Herzogin wiederzusehen , deren Bild ihm auch nur schattenhaft in der Erinnerung geblieben war , trug daher ohne große Mühe über die flüchtigen Bedenken seiner Kindesliebe den Sieg davon , und er hatte obenein eine schwere , doppelte Versäumniß nachzuholen . Er hatte der Herzogin in der Unruhe seines damaligen Lebens den Tod seines Vaters nicht gemeldet . Er schuldete es ihr daher , sowohl wie dem Andenken seines Vaters , die Unterlassung gut zu machen , und gerades Weges aus dem Kaffeehause in sein Quartier zurückkehrend , schrieb er der Herzogin , daß sein Vater gestorben , daß er selber in Paris sei und daß er sie um die Erlaubniß bitte , sich ihr vorstellen zu dürfen . Noch an dem nämlichen Abende fand er , von einem Gange wiederkehrend , eine Antwort der Herzogin vor . » Sie sind in Paris , lieber René , « schrieb sie ihm , » und nicht in meinem Hause ? - Wie ist das möglich ? - Ein Sohn , der einen Vater wie den Freiherrn verloren hat , ist immer beklagenswerth und hat des Trostes nöthig , welches auch seine Aussichten im Leben sein mögen . Wenn Sie mich nicht wissen lassen , daß es mit Ihren Verhältnissen und Wünschen unvereinbar ist , mein Gast zu sein , so wird morgen Mittag mein Wagen vor Ihrer Thüre stehen , um Ihre Uebersiedlung in mein Haus zu bewerkstelligen . Kommen Sie , wenn es Ihre Dienstpflichten nicht unmöglich machen , mein junger Freund ! Bereiten Sie mir die Genugthuung , mit Ihnen von Ihrem Vater , meinem unvergeßlichen Freunde , zu reden und Ihnen einen geringen Theil der großen Dankesschuld zu entrichten , die nur seine Freundschaft mir leicht zu tragen machen konnte . Auch ich habe einen theuren Todten zu beklagen ; aber Sie sind jung , das Leben liegt vor Ihnen , und auch neben mir blüht ein junges Leben auf . Sie sollen von dem Trübsinne des Alters nicht bei mir zu leiden haben . Somit auf Wiedersehen , mein junger Freund ! « Es war die alte Anmuth , welche allen Briefen der Herzogin von jeher eigen gewesen war , und Renatus wurde es nicht müde , die Zeilen immer auf ' s Neue zu lesen . Die Schrift , das Papier , der Duft desselben hatten etwas Reizendes für ihn . Er mußte sich förmlich daran erinnern , daß es eine Greisin sei , von welcher diese Zeilen ihm gekommen waren , denn er fühlte sich von ihnen erheitert und aufgeregt . Sie hatten ihn trotz der Mahnung an seines Vaters Tod , über den nun freilich schon zwei Jahre hingegangen waren , in eine so fröhliche Spannung versetzt , als stände er an der Schwelle eines Abenteuers , als erwarte ihn irgend ein ganz unverhofftes Glück . Er eilte zu seinem Chef , mit dem er auf dem besten Fuße stand , ihm von dem Anerbieten der Herzogin und von seinem Wunsche , es zu benutzen , Anzeige zu machen , und er fand von Seiten des Obersten , da das ganze Regiment an dem linken Seineufer untergebracht war , keine Schwierigkeiten für seine Absicht . Da er von seinem Chef es zufällig erfuhr , daß eben an diesem Tage ein Offizier des Stabes auf Urlaub in die Heimath gehe , nahm Renatus die Gelegenheit wahr , seiner Braut die Anzeige seines Wohnungswechsels zu machen . Er legte , um sich einen Theil des Briefschreibens zu ersparen , das Billet der Herzogin für Hildegard bei . Er dachte , es könne nebenher nicht schaden , wenn diese sehe , daß eine Greisin noch solcher bezaubernden Anmuth fähig sei , und wenn sie selbst sich daran ein Beispiel für sich und ihre eigenen Briefe nähme , deren schwärmerischer Ernst , ja , selbst deren feste , große Handschrift ihn eigentlich je länger desto unschöner bedünkten . Hildegard wird allerdings verdrießlich darüber sein ! sagte er sich . Aber mochte sie es auch einmal empfinden , wie es thue , von einem Briefe aus der Ferne keine Freude zu empfangen . Er hielt es für die höchste Zeit , an Hildegards Erziehung zu gehen , eben da nun ein dauernder Friede vor der Thüre stand und er an seine Heimkehr und an seine Heirath denken durfte . Aus dem Geräusche der volksbelebten Straßen , aus der Gluth der Mittagshitze brachte am nächsten Tage der Wagen der Herzogin den jungen Freiherrn in das alte Hotel der Herzoge von Duras . Hohe Mauern schlossen es nach Landessitte von der Straße ab ; ein weiter Garten dehnte sich hinter dem im edelsten Style des siebenzehnten Jahrhunderts errichteten Gebäude aus . Durch das geöffnete Portal des Hauses zeigten sich frische Rasenplätze , von großen Bäumen überschattet . Die Frau Herzogin lassen den Herrn Baron ersuchen , sich in seinen Zimmern einzurichten , sagte der Haushofmeister ; sie erwarten ihn danach im Gartensaale . Renatus war in den Gewohnheiten des Reichthums in einer würdigen Heimath aufgewachsen ; aber die letzten Eindrücke , welche er empfangen hatte , als er mit seinem Regimente vor dem russischen Feldzuge zum letzten Male in Richten gewesen war , hatten eine traurige Erinnerung in ihm zurückgelassen , und seit vollen drei Jahren war er im Felde , in den wechselnden und oft widerwärtigsten Umgebungen gewesen . Das erhöhte das Wohlgefallen , welches er bei dem Anblicke dieses Palastes , dieser edeln Räume , ja , selbst bei den Hülfsleistungen genoß , deren er von seinem Kammerdiener gewohnt gewesen war und mit denen jetzt die Dienerschaft der Herzogin sich sorgfältig um ihn bemühte . Man hatte ihn auf einer der Seitentreppen nach dem linken Flügel des Hauses geführt , in dessen erstem Stocke man ihm seine Wohnung eingerichtet hatte . Nachdem er sich umgekleidet , geleitete der Kammerdiener der Herzogin ihn die breite , marmorne Prachttreppe hinab nach dem Saale , in welchem er die Herzogin wiedersehen sollte . Es war ein großer , hoher Raum , dessen Thüren nach dem Garten zu geöffnet waren . Dunkelrothe Vorhänge brachen das Licht der Sonne an den Fenstern ; die Thüren waren von außen mit Marquisen verschattet . Nahe an dem einen Fenster lag in einem Lehnstuhle , die Füße mit einem weichen Polster unterstützt , die Herzogin ; an dem Schreibtische , der nicht fern von ihr stand , saß eine jugendliche Frauengestalt . Als Renatus eintrat , richtete die Herzogin sich mit lebhafter Bewegung in die Höhe , und ihm die Hand entgegenreichend , die heute noch , wie vor jenen Jahren , mit dem zierlichen Handschuh von schwarzer Seide halb bedeckt war , rief sie : Willkommen in Frankreich , mein junger , lieber Freund , und doppelt willkommen in meinem Hause , mein lieber René ! Ich danke es Ihnen , daß Sie gekommen sind , eine alte Freundin Ihres Vaters aufzusuchen . Der arme Baron , daß er so zeitig von uns gehen mußte ! Aber das Leben ist nur ein Darlehen des launenhaften Schicksals und nichts mehr . Sie wissen es , auch mein theurer Bruder ist schon längst gestorben , jung gestorben , und wir betrauern ihn noch heute , ich und seine Tochter ! Indeß von dieser Trauer war weder in den feinen Zügen der Greisin , noch in dem strahlenden Antlitze ihrer Nichte eine Spur zu finden , als diese auf ein Wort ihrer Tante sich zu ihnen wendete , um die Vorstellung des Freiherrn von Arten-Richten zu empfangen . Renatus konnte während dessen mit sich nicht darüber einig werden , ob er gar kein Bild von der Herzogin in seinem Gedächtnisse bewahrt gehabt , oder ob sie sich wirklich so wenig verändert hatte , daß nichts an ihr ihm störend oder fremd , sondern Alles vertraut und angenehm erschien . Ihre weiße Morgenkleidung , das Spitzentuch , welches sie über die zierliche Haube gebunden trug , die zahlreichen schneeweißen Löckchen , die ihre Stirn und ihre Wangen umgaben , machten ein so feines , in sich abgeschlossenes Bild , daß man meinte , es müsse eben so , es könne niemals anders gewesen sein , und daß man eben deshalb auch bereitwillig an die frische Farbe des Gesichtes glaubte , besonders da die allerdings tief eingesunkenen Augen der Greisin ihren einschmeichelnden Blick und ihr beredter Mund , trotz der schmal gewordenen Lippen , sein feines Lächeln noch nicht verloren hatten . Renatus war noch nicht lange bei der Herzogin , als verschiedene Besuche angemeldet wurden . Es waren jüngere und ältere Männer , zwei Geistliche unter ihnen . Alle aber trugen sie große Namen , alle waren sie unter einander bekannt und im Besitze jener leichten und doch feststehenden Umgangsformen , deren in solcher Vollendung nicht Herr zu sein , Renatus sich heute zum ersten Male bewußt ward . Wohin er bis dahin auch gekommen war , überall hatten sein Name , sein gutes Aeußeres und später selbst seine Uniform ihm eine Beachtung zugesichert . Hier trugen alle Männer das bürgerliche Kleid , und die Nennung seines Familiennamens glitt an den Anwesenden spurlos vorüber . Erst als die Herzogin erwähnte , daß sie in den Tagen der Verbannung eine sehr liebenswürdige Aufnahme bei dem Vater des jungen Barons gefunden habe , wurden ihre Freunde auf Renatus aufmerksam ; aber es war , als ob die Zeit der Auswanderung seit langen , langen Jahren hinter ihnen läge . Sie schienen es fast vergessen zu haben , daß sie Frankreich jemals verlassen hatten . Paris , der Hof , die Verhältnisse , in welche sie zurückgekehrt , waren für sie so ausschließlich die Welt , daß alles , was nicht in diese Welt hinein gehörte , kaum für sie vorhanden war . Freilich erboten sich die jüngeren Männer , den jungen Freiherrn mit dem Pariser Leben bekannt zu machen , man besprach auch seine Vorstellung bei Hofe ; Renatus konnte es sich indessen nicht verbergen , daß er unter diesen Marquis , Grafen und Prinzen eine sehr untergeordnete Rolle zu spielen haben werde , und während ihn dieses verdroß , fühlte er sich doch von der ihn umgebenden Gesellschaft wie nie zuvor angezogen und gefesselt . Alle diese Männer waren an den meisten Höfen von Europa heimisch . Man redete von den fürstlichen Familien von England , von Sardinien , von Rußland und von Holland , und von den Beherrschern der deutschen Länder mit einer Art von Vertraulichkeit , welche für Renatus etwas Ueberraschendes hatte . Nur wenn sich das Gespräch auf den Hof und die königliche Familie von Frankreich wendete , änderte und steigerte sich der Ton bis zu einer fanatischen Ergebenheit , und die Herzogin , die immer noch Meisterin darin war , die Unterhaltung auf die Gegenstände zu lenken , von denen sie gesprochen haben wollte , wußte an dem Ohre ihres jungen Gastes auf diese Weise eine Reihe von Thatsachen vorüber zu führen , die ihn beschäftigten , ohne sich zu einem zusammenhängenden Ganzen verbinden zu lassen , und die ihm unablässig und immer wieder das unbehagliche Gefühl aufnöthigten , daß er nur ein zufälliges und nur ein unbedeutendes Mitglied in diesem Kreise sei . Will sich die Herzogin an mir für die Dienste rächen , welche mein Vater ihr und ihrem Bruder geleistet hat ? fragte Renatus sich einmal unwillkürlich . Aber sein guter Sinn stieß diesen Gedanken mit einem Tadel gegen sich selber als eine Unwürdigkeit von sich , und doch lag diese Voraussetzung der Wahrheit näher , als er es zu glauben vermochte . Renatus wußte es noch nicht , daß man edeln Herzens und liebevollen Gemüthes sein muß , um die Dankbarkeit nicht als eine schwere Last zu empfinden : indeß der stolze Sinn der Herzogin hatte die Stunde nie vergessen , in welcher sie sich genöthigt gefunden hatte , von dem Freiherrn für sich und ihren Bruder unter Hinweis auf eine kaum bestehende Verwandtschaft eine Zuflucht und Hülfe zu begehren . In wie großmüthiger Weise der Freiherr sie auch empfangen und unterhalten hatte , das Brod der Fremde , das Gnadenbrod , wie sie es oft mit herbem Ausdrucke in ihrem Innern genannt , hatte nie aufgehört , ihr hart und bitter zu bedünken . Sie mochte sich der Zeiten nicht gern erinnern , in denen sie in Richten gelebt hatte , sie dachte auch an den Freiherrn weder oft noch gern , und doch hatte sie eine lebhafte Freude empfunden , als sie den Brief seines Sohnes empfangen , eine Freude , wie sie der mehr als siebenzigjährigen Frau nicht mehr oft zu Theil ward : sie konnte abbezahlen , was ihr geleistet worden war , sie konnte sich dem jungen Freiherrn in dem Glanze und in dem Ansehen ihrer wiedergewonnen Würden und Ehren zeigen und es ihn fühlen lehren , daß es eine Ehre für seinen Vater gewesen sei , die Herzogin von Duras , die Freundin und Vertraute der königlichen Familie von Frankreich , seinen Gast zu nennen . Sie konnte den jungen Freiherrn einsehen lassen , daß , was man auch für sie und für ihren Bruder gethan haben mochte , sie immerdar die Gunsterzeigende gewesen sei . Ihre Güte , ihre Freundlichkeit für Renatus trugen in jedem Worte den Stempel jener freiwilligen Herablassung , die , so schmeichelhaft sie sich im Augenblicke demjenigen , dem sie zu Theil wird , auch erweisen mag , ihn doch herunterdrückt und ihn seiner Freiheit mehr oder weniger verlustig macht . Renatus empfand es , daß er sich nicht geben konnte , geben durfte , wie er war ; aber die völlige Zusammengehörigkeit der Personen , welchen er an diesem ersten Morgen in dem Saale der Herzogin begegnete , die Uebereinstimmung zwischen ihnen und allem , was sie hier umgab , hinderten ihn , zu erkennen , worin jener ihn befangende Zauber bestehe , oder wer es sei , der denselben über ihn ausübe . Mitunter , wenn sein Auge eine Weile mit entzücktem Erstaunen auf der Nichte der Herzogin haften geblieben war , meinte er , daß es ihre Schönheit sei , welche ihn so seltsam beherrsche , ihn so wunderbar sich selbst entfremde , und die junge Gräfin war ganz dazu gemacht , einem Manne die Empfindung anbetenden Staunens aufzudringen . Renatus gestand sich , niemals eine so vollkommene Schönheit gesehen zu haben ; denn Eleonorens auffallend große und üppige Gestalt , die siegesgewisse Ruhe auf ihrer weißen Stirn , von welcher das goldig schimmernde Haar sich wie bei den antiken Statuen in welliger Fülle weit zurückbog , um sich in dickem Knoten an ihrem Hinterkopfe zu vereinen , gaben ihr trotz ihrer großen Jugend etwas Gebietendes und Mächtiges . Ihr Vater , der Marquis von Lauzun , welcher der Herzogin gleich gefolgt war , nachdem diese in Turin in die Dienste der königlichen Familie getreten war , hatte durch seine Wohlgestalt und durch die geschickte Vermittlung seiner vorsorglichen Schwester die Hand einer der reichsten englischen Erbinnen gewonnen , welche sich eben damals unter dem Schutze ihrer mütterlichen Verwandten am sardinischen Hofe aufgehalten hatte . Eleonore Haughton war , wie der englische Sprachgebrauch es bezeichnet , eine Erbin durch ihr eigenes Recht gewesen . Die großen Besitzungen , der Name und die Pairie ihres Hauses waren nach dem Tode ihrer Eltern und ihres Bruders auf sie übergegangen , aber sie hatte sich dieser Vorzüge nur kurze Zeit erfreuen können . Die Geburt ihres ersten Kindes hatte ihr das Leben gekostet , und mit dem Tauf- und Familiennamen ihrer Mutter waren der Tochter des Marquis die Adelstitel , die Pairswürde und der Reichthum der Grafen von Haughton von der Stunde ihrer Geburt an , als ausschließliches Erbe zugefallen . Nach der ausdrücklichen letztwilligen Verordnung ihrer Mutter war eine Freundin derselben zur Erzieherin des verwaisten Kindes von ihr bestimmt worden . Bei dem Einflusse , welchen die Herzogin aber von jeher über ihren Bruder ausgeübt , hatte sie es durchzusetzen gewußt , daß ihr die Oberaufsicht über dessen Tochter zugewiesen worden , als der Marquis ebenfalls frühzeitig vom Leben geschieden war , und Fräulein Arabella Warwell hatte also mit ihrer Pflegebefohlenen unter dem Schutze und in dem Hause der Herzogin gelebt , bis diese die Erziehung der jungen Gräfin für vollendet erklärt , und Fräulein Arabella von ihrem Zöglinge entfernt hatte . Die besten Lehrer hatten Eleonore vielseitig unterrichtet , und wie man ihr in der Taufe , zur Erinnerung an das Meisterwerk einer großen Dichterin , neben dem Namen ihrer Mutter den Namen Corinna beigelegt hatte , war ihre Bildung auch darauf hingeleitet worden , sie diesem bedeutungsvollen Namen anzupassen . Eleonore war mit ihren siebenzehn Jahren der Sprachen ihrer beiden Eltern wie des Italienischen völlig mächtig . Sie drückte sich in ihnen mit einer Sicherheit und Entschiedenheit aus , die ihr einen frauenhaften Anstrich gaben und sie älter erscheinen ließen , als sie war . Wer sie in diesem Kreise von Männern sich unter den Augen der Herzogin bewegen sah , sie ihre kurzen Fragen stellen , jede Anrede schnell erwidern , jedem ihrer Gedanken lebhaft und rückhaltlos Aeußerung geben hörte , der mußte sich eingestehen , daß er hier ein ungewöhnliches Wesen vor sich habe , wenn es ihm auch zweifelhaft bleiben mochte , ob man dieses Mädchen lieben könne oder nicht . Was aber dem flüchtigsten Beobachter nicht entgehen konnte , war die Vorsicht , mit welcher die Herzogin ihre Nichte behandelte , und die geflissentliche Weise , mit welcher diese ihre stolze Unabhängigkeit zur Schau trug . Sie trat fortwährend wie ein strahlendes Licht , wie ein mächtiger Ton aus der gleichmäßigen Stimmung dieser in feinen Formen abgeschliffenen Gesellschaft hervor , und Renatus fragte sich schon in der ersten halben Stunde : Wie kommt sie hierher , wie konnte sie in dieser Welt sich so entfalten , wie konnte sie ihre stolze Naturwüchsigkeit in dieser Luft bewahren ? Man hatte eine geraume Zeit hindurch die Vorkommnisse des Hoflebens bis in ihre kleinsten Einzelheiten abgehandelt und alle Anwesenden hatten sich in den Ausdrücken ihrer Verehrung und Ergebenheit für das zum zweiten Male wiedergekehrte bourbonische Königshaus überboten , als Eleonore , sich zu Renatus wendend , plötzlich ausrief : Und Sie , Herr Baron , Sie schweigen ? Sie sagen nichts zum Lobe der heimgekehrten Dynastie , für die Sie doch bei Ligny und bei Waterloo mit Ihren und meinen Landsleuten gefochten haben , während diese Herren friedlich in der Nähe ihres Königs weilten ? Eleonore , rief tadelnd die Herzogin , was soll hier diese Frage ? Mich aufklären , liebe Tante , weiter nichts ! entgegnete die Gräfin , ohne sich durch die Mißbilligung der Herzogin im geringsten beirren zu lassen . Man war es gewohnt , der Gräfin viel nachzusehen , und man hatte auch keine andere Wahl , wenn man das Haus der Herzogin , das man zum Theil um Eleonoren ' s willen suchte , nicht eben ihretwegen meiden wollte ; indeß der ernste Ton , mit welchem sie die dreiste Frage gethan hatte , ließ diesmal eine scherzhafte Deutung nicht wohl zu . Es war daher Allen sehr erwünscht , als der alte und vertraute Freund der Herzogin , der Prinz von Chimay , dessen grauem Haare die gemessene Ruhe seiner Sprache und Bewegungen sehr wohl anstand , sich in das Mittel legte und , den Kampf auf das Gebiet seiner schönen Gegnerin hinüberspielend , die Bemerkung machte : Sie sprechen von unserem Königshause , Gräfin , und von Ihren Landsleuten , als ob Sie nicht Französin , als ob Sie nicht unsere Landsmännin wären ! Bedenken Sie , daß wir auf eine solche Landsmannschaft in keinem Falle verzichten wollen ! So lange ein Fremder Sie uns nicht entführt , sind Sie die Unsere , und wir werden Alles thun , Sie in der Heimath und in Ihrem Vaterlande festzuhalten ! Vaterland und Heimath ! wiederholte die Gräfin , Sie nennen das zusammen , mein Fürst , als ob es nicht verschiedene Dinge wären ! Frankreich ist allerdings meines Vaters Geburtsland , ist mein Vaterland , aber meine Heimath ist es nicht . Meine Heimath ist jenseit des Kanals in Haughton Castle , wo ich so glücklich war , Sie bereits zu sehen , und wo ich Sie wieder zu begrüßen hoffe , wenn ich erst ganz dort leben werde , fügte sie mit einer Verneigung hinzu , die verbindlich , die versöhnend wirken sollte , während die stolze Siegesgewißheit abermals über ihre Mienen glitt . Und als wolle sie diese Unterhaltung nicht fortgesetzt sehen , wendete sie sich zu Renatus , um auch ihn für die Zukunft nach ihrem Schlosse einzuladen . Sie werde stolz und glücklich sein , sagte sie ihm , wenn er ihr Gast zu sein verspreche , nachdem ihr Vater durch so viele Jahre seines Hauses Gast gewesen sei . Dabei reichte sie ihm , nach Art ihrer englischen Landsleute , die Rechte hin , daß er einschlagen und ihr sein Versprechen geben solle , und ihm die Hand mit festem Drucke schüttelnd , während sie ihm frei und aufrecht in das Auge sah , rief sie : Wir wollen gute Freunde werden , nicht wahr , recht gute Freunde , Herr von Arten ! Renatus wußte sich nicht zu erklären , welcher Stimmung des schönen Mädchens er diese unerwartete und auffallende Gunstbezeigung zu verdanken habe , welche ihm sehr leicht die Abneigung der andern jungen Edelleute zuziehen konnte ; aber er fühlte sich deshalb nicht weniger von Eleonoren ' s sonnigem Auge erwärmt , er vermochte ihrer kräftigen und frischen Stimme den Zugang zu seinem Herzen nicht zu verschließen , und im Innersten seines Wesens geschmeichelt , sprach er : Sie eröffnen mir eine Aussicht , gnädige Gräfin , die mich hoch erhebt , und zeigen mir ein Ziel , nach dem zu streben mir um so mehr ein Glück sein wird , da ich die Freundschaft , die Sie mich hoffen lassen , zunächst doch nur meinem Vater zu verdanken habe . Wie er seinem Vater ähnlich sieht ! rief die Herzogin , sich an den alten Fürsten wendend , nicht wahr , mein Fürst ? Sie waren in Vaudricourt , als der Freiherr von Arten mich zum ersten Male besuchte , und Sie erinnern Sich des Freiherrn noch ! Aber der Fürst versicherte , daß er den Freiherrn nie gesehen habe , und die Herzogin wußte das eben so genau , als daß Renatus seinem Vater ganz und gar nicht glich . Sie hatte nur der Unterhaltung eine andere Richtung geben , nur Eleonoren ' s Launen in den Weg treten , einer unangenehmen Scene ein Ende machen wollen , und von allen Seiten war man sofort bereit , über die kleine Störung leicht hinweg zu gehen , um der Herzogin , über deren Absicht Niemand in Zweifel war , geschickten Beistand zu gewähren . Der Fürst rühmte die Reize von Haughton Castle , während die Herzogin das Klima des hoch gelegenen Ortes tadelte ; man sprach von der Jagd , die dort ergiebig sei , von dem Besuche , welchen der Prinz-Regent im vorigen Jahre , als die Herzogin es während der Sommermonate mit ihrer Nichte bewohnte , in dem Schlosse gemacht hatte , und Eleonore hörte der ganzen Unterhaltung schweigend zu . Als habe sie sich jetzt genug gethan , ließ sie ihre dunkeln Augen langsam von Einem zu dem Andern gleiten , und nur wenn ihr Blick auf den Fürsten oder auf die Herzogin fiel , meinte Renatus zu bemerken , daß ein spöttisches Lächeln um den Mund der jungen Schönen spiele und daß ein Gefühl des Triumphes ihre kräftigen Nasenflügel schwelle . Niemand machte ihn empfinden , daß er , wenn auch ohne sein Verschulden , den Anlaß zu der Kränkung geboten hatte , welche die Gräfin den Gästen und Freunden ihrer Tante zugefügt hatte . Renatus ließ es sich also doppelt angelegen sein , sich durch anspruchslose Freundlichkeit mit dem Menschenkreise , in den er eingetreten war , in ein günstiges Verhältniß zu setzen , und es gelang ihm dieses auch nach Wunsch ; denn als die Besucher sich empfahlen , weil die Stunde gekommen war , in welcher die Herzogin ihre tägliche Ausfahrt in das Gehölz von Boulogne zu machen pflegte , schied man in einer so heiteren Weise , als ob gar nichts Störendes vorgefallen wäre oder als ob überhaupt niemals etwas Störendes zwischen die Glieder dieses Kreises treten könnte . Fünftes Capitel Der Gartensaal der Herzogin lag , wie bei all den Schlössern , welche dem Anfange des achtzehnten Jahrhunderts ihre Entstehung verdanken , an einer mächtigen Terrasse . Am Abende des Tages , an welchem sie Renatus bei sich aufgenommen hatte , waren die Thüren des Gartensaales weit geöffnet . Das helle Licht der Kerzen mischte sich mit dem sanften Glanze des Mondes und ließ innen wie außen alle Gegenstände klar erkennen . Mitten im Saale saß die Herzogin mit ihrem Freunde , dem Prinzen , und noch zwei andern Personen beim Kartenspiele ; draußen ging Renatus an der Gräfin Seite auf und nieder , während ein Mann von reifem Alter und ein junger , schlanker Geistlicher , die am andern Ende des Zimmers Platz genommen hatten , in eifriger Unterhaltung begriffen zu sein schienen , obschon keiner von beiden die auf der Terrasse Lustwandelnden aus dem Auge verlor . Von Zeit zu Zeit warf auch die Gräfin ihre Blicke in den Saal , dann aber wendete sie sich gleich wieder dem Freiherrn zu , und obschon ihre Unterhaltung sich ausschließlich in jenen Fragen und Mittheilungen bewegte , mit denen man sich der äußerlichen Verhältnisse eines neuen Bekannten zu bemächtigen und ihn in der fremden Umgebung heimisch zu machen versucht , fühlte Renatus sich doch von einer Unruhe ergriffen , für welche er sich keine Ursache anzugeben wußte . Ohne es zu wollen , mußte er den Blicken Eleonorens folgen , ohne zu wissen , weßhalb , betrachtete er die Gesellschaft , die er in dem Zimmer vor sich sah , mit einer mißtrauischen Besorgniß . Er hörte achtsam auf alles , was Eleonore zu ihm sprach , und er fühlte sich trotzdem überzeugt , daß sie an etwas Anderes denke