Folianten will ich , vor Ihren Augen , so viel Arsenikstaub entwickeln , um das ganze Kammergericht vom Präsidenten bis zum letzten Nuntius , damit zu vergeben . Da würden manche Leute triumphiren , die immer gesagt , daß in den Büchern Gift steckt ! - Au revoir ! « » Aber im Magen des Dieners stak positiv ein starker Arseniksatz . Wie erklären Sie das ? « Wandel verbeugte sich : » Gar nicht ; wo das Märchen anfängt , kriecht die Vernunft in ihr Schneckenhaus . Wenn der Märchendichter ein Motiv erfindet , warum die Lupinus ihren Hausknecht vergiften musste , um ihn los zu werden , wo es ganz einfach bei ihr stand , ihn fortzujagen , wenn er ihr nicht mehr gefiel , wird er auch ein Motiv dafür finden , warum sie dem Hausknecht bei einem Dejeuner Trüffelwürste servirte . Mein Verstand steht still , ich weiß aus dem Märchen keine andere Moral zu ziehen , als daß ein Hausknecht von einer Geheimräthin sich nicht mit Trüffelwürsten muß traktiren lassen . « Er hatte schon vorhin Hut und Stock genommen und drückte jetzt dem Rath die Hand . » Wohin so eilig ? « - » Zu meinem alten Geschäftsfreunde , dem unglücklichen van Asten . « - » Es kam ja noch nicht zum Aeußersten . Der Wein lagert in Stettin . Bis der Konkurs regulirt ist , finden sich doch vielleicht Abnehmer . « » Wer redet davon ! - Sein Sohn , sein einziger Sohn könnte ihn retten , wenn er das Mündel des Alten heirathet . Sechszigtausend - nein , mit den Zinsen müssen es jetzt achtzigtausend Thaler sein , und Demoiselle Schlarbaum ist ein hübsches , sittsames Mädchen , er hat nichts gegen sie einzuwenden , er bekäme eine vortreffliche Hausfrau , aber - der junge Mann denkt höher hinaus , sie ist ihm nicht ästhetisch genug , er hat dem Vater erklärt , betteln wolle er für ihn , nur könne er das Glück seines ganzen Lebens nicht tödten , das wäre Selbstmord an seiner Bestimmung , er gehöre nicht sich allein an , es gebe höhere Pflichten , und was der sentimentalen Redensarten mehr sind . Ich sah eine Thräne im Auge des Alten , als er es erzählte . Und um dieser Tiraden und Sentiments willen lässt der junge Herr , der als ein Muster von Tugend verschrieen ist , den würdigen alten Mann , seinen Vater - ruiniren . Und das loben noch Einige , er hat doch seinen Gefühlen gehorcht ! - O Menschen ! « Als der Legationsrath hinaus war sprach Herr von Fuchsius : » Sollte ich mich doch getäuscht haben ? « Aber der Legationsrath trat wieder ein , ohne anzuklopfen ; ja in seiner Aufregung vergaß er , den Hut abzuziehen . » Sie fanden ein Residuum von Arsenik im Magen des Menschen , des Bedienten oder Hausknechts ? « - » Unzweifelhaftes Arsenikpräparat « Wandel fuhr mit beiden Händen an die Stirn , der Hut flog ab , er selbst sank auf einen Stuhl , einige Minuten sprachlos : » Dann bin ich sein Mörder - ich verschulde indirekt seinen Tod - ich gab den Rathschlag . « - » Erklären Sie sich deutlicher , wenn ich bitten darf . Es ist vermuthlich nur eine Phantasie . « - » Nein , Wahrheit ! Der Mensch litt an einem perennirenden kalten Fieber . - Die Aerzte hatten es nicht erkannt , getäuscht durch zufällige Symptome . Heim macht jetzt Versuche , das Wechselfieber mit Arsenik zu kuriren . Er wendet es bei Unbemittelten an , seit die China durch den gehemmten ostindischen Handel so enorm aufschlug . Ich erzählte in einer Gesellschaft von der ersten glücklichen Kur . - Jetzt entsinne ich mich , die Lupinus hörte mit besonderer Aufmerksamkeit zu - dieser Blick , den ich damals nicht verstand ! - Ihre Wißbegierde , ihre unselige Lust , alles Gewagte zu versuchen - o arme Freundin , jetzt wird mir Alles klar , und ich - Dein Mörder ! Wollen Sie mich jetzt verhaften lassen ; Sie haben ja ein vollständiges Bekenntniß ! « sprach der Legationsrath aufstehend . Fuchsius hat ihn nicht verhaften lassen ; aber als er jetzt hinaus war , um nicht wiederzukehren , sagte der Regierungsrath : » So kann man sich in einem Menschen täuschen . Das ist der Fluch der vorgefassten Meinungen . « Achtzigstes Kapitel . Verschlungene Hände . Ob die Fürstin in der Hedwigskirche ihr Herz ausgeschüttet , wissen wir nicht , aber einige Stunden , nachdem wir sie verlassen , finden wir sie schon in vollständiger Morgentoilette , wie sie mit einiger Verwunderung die Meldung eines Besuches anhört . Der Besuch ward angenommen und der Gesandte , Herr von Laforest , erschien im Zimmer , um bald darauf im Fauteuil ihr gegenüber zu sitzen . Die Fürstin hatte diese - Aufmerksamkeit , wie sie sagte , nicht erwartet . » Die Scheidestunde ist so ernst , daß man über die gewöhnlichen Höflichkeitsformeln wegsieht , « setzte sie hinzu . » Warum ernster , Fürstin , als jede andere Trennung ? « - » Weil es eine auf immer ist . « - » Das Wort immer und ewig ist , dünkt mich , aus dem Lexikon der Diplomatie gestrichen . Nämlich aus dem zum Gebrauch der Adepten . In der Ausgabe , die ins Publikum kommt , ist es freilich dick unterstrichen ; wir schließen immer ewige Verträge . Die Formeln aber dürfen wir nicht aus dem Auge lassen , sie sind die ewigen Fäden , an denen ein zerrissenes Gewebe wieder zusammengeknüpft wird . Man muß auch mit dem Teufel höflich sein , weil man nie weiß , ob man nicht seine Allianz einmal braucht « - » Sie können unmöglich glauben , daß man auch jetzt noch einmal den Bruch kittet . « - » Mit Diesen hier ? Nein . Gott sei Dank , die Saat ist reif , zur Ernte , und die Sicheln geschliffen ; für Körbe und Scheuern werden Napoleons Receveurs gesorgt haben . Preußen hat uns viel , sehr viel Geld gekostet . Es wird mit Zins auf Zins Alles wieder zahlen müssen , auch wenn es darüber drauf geht . « - » Ihre Assurance lass ' ich auf sich beruhen , aber wir sind Preußens Alliirte . « Laforest fixirte sie lächelnd : » Ist der starke Mann , der einen Knaben hinter sich aufs Pferd nimmt , weil das Kind allein durch den Wald sich fürchtet , der Alliirte desselben ? Eigentlich ist ' s ein Zwerg , der sich an die Croupe des Riesen klammert . « - » Durch zehn Jahre hat das große Frankreich unter allen seinen wechselnden Regimenten diesem Zwerge geschmeichelt . « - » Um so verdrießlicher sind wir gestimmt , und um so schärfer wird die Züchtigung ausfallen . « - » Wenn der Riese es zugiebt ! « - » Das ist der Punkt , Prinzessin . Wir müssen uns darüber klar werden . Der Zwerg hinten auf der Croupe wird auf die Länge dem Reiter eine lästige Zugabe , er hindert ihn in seiner freien Bewegung und will wohl gar mitsprechen und das Pferd mitlenken . Wenn man ihn vor aller Welt aufhob , und von seiner Großmuth ein Fait machte , kann man ihn nicht immer ohne Weiteres wieder in den Staub setzen . « - » Lassen wir die Gleichnisse . Sie sind merveillös in Ihrer Zuversicht auf Sieg . « - » Mein Kaiser schlägt nur los , wenn er ihn schon in Händen hat . « - » Das kontrastirt furchtbar gegen den Glauben hier . « - » Desto besser . Seit Friedrichs Auge erlosch , sieht man hier durch eine Brille , die ihnen immer das Gegentheil von dem zeigt , wie die Dinge sind . Eine wahre Wohlthat der Vorsehung . Was braucht ein Maulwurf in die Sonne zu sehen ! Den Lauf der Gestirne berechnen Andere . « - » Sie gefallen sich heute in Paradoxieen . « » Ohne alle Gleichnisse , Prinzessin , und aufrichtig , Gedanke gegen Gedanke ! Wenn große Mächte über große Fragen miteinander in Streit liegen , so ist die Einmischung der kleinen immer verdrießlich . Was haben sie in die Wagschale zu legen , wo Kraft , Wille , Genie auf beiden Seiten stehen ? « - » Wo das Zünglein der Wage hin und her schwankt , dünkt mich , giebt grade ein kleines Gewicht den Ausschlag . « - » Das bestreite ich . In der Theorie mag es richtig sein , in der Praxis grundfalsch . Bundesgenossen bringen Prätensionen mit , und beschweren , und hemmen die Macht , die zu entscheiden hat . Wodurch siegte Friedrich ? Weil er keine Bagage von Alliirten hatte , weil er immer frei handeln konnte . Wodurch ist dies deutsche Reich mit seinem König und Kaiser römischer Nation , das ehedem die Weltherrschaft prätendirte , untergegangen ? Weil seine Kaiser nie frei handeln konnten ; an den Rücksichten , die sie allen möglichen Berechtigungen in dem bunten Reiche gewähren mussten . Oesterreich verblutet , England lassen wir auf seinem Brett im Meer Rule Britannia singen , die Frage steht nur noch zwischen Frankreich und Rußland . Ich bin wenigstens des Glaubens , daß Rußlands große Staatsmänner die Sache so ins Auge fassen . Es ist der Kampf um die Herrschaft auf dem Continent zwischen dem Occident und dem Orient . Was soll , was hat da mitzusprechen in diesem Kampfe zwischen zwei Kolossen , die Bagatelle Preußens ? « » Und doch ist jetzt von ihr allein die Rede . Sie ruft unsern Beistand an , wir gewähren ihn ihr . Alexander lässt marschiren . Herr von Laforest . Möge Ihr Kaiser auf einen ernsteren Zusammenstoß bereit sein , als - Sie denken . « - » Wir sind bereit und - freuen uns darauf , denn endlich muß es doch entschieden werden , wem zwischen zwei gleich großen Spielern das Schachbrett gehört . Aber das ist ein Kampf , der im Jahre 1806 noch nicht ausgefochten wird . Jetzt räumen wir nur das Feld von kleinen Mitspielern , unnützen Rathgebern ; es könnte eigentlich beiden Großmächten gleichgültig sein , welche es über sich nimmt , diese Parteigänger fortzukehren , denn Beide haben den Vortheil , wenn das Feld frei wird . Ihre Armeen können sich entwickeln . Und « - setzte er aufstehend hinzu - » sie können ihre ganze Stärke zeigen , sie kämpfen nicht für einen Vorwand , sie kämpfen für sich - wer weiß , ob es dann zum Kampfe mit den Massen kommt , ob beide Gewaltige sich nicht besser im Frieden über die Theilung der Erde zu verständigen wissen . « » Nur nicht Menschheitsbeglückungsträume , Herr von Laforest ! « sprach die Fürstin . » Mit dem Ossian konnten Sie diese hier nicht beschwatzen ; uns in Rußland - « » Männer wird Napoleon nicht mit Kinderspielzeug fangen wollen . Die Welt bedarf der Autorität . Ein Stempel der Kraft muß den Völkern wieder aufgedrückt werden , damit sie nicht vom Winde der Meinungen wie Flugsand durcheinander treiben . In Frankreich hat sein Fuß die Jakobiner zertreten , er hat die zerrüttete Ruhe und Ordnung der Gesellschaft wiedergeschenkt , er ist des Willens , sie auch den Völkern wieder aufzudrücken , wenn - wenn nicht , die seine Bundesgenossen darin sein sollten , mit dem gemeinschaftlichen Feind gemeinschaftliche Sache machen . « Die Fürstin blickte ihn scharf an . Sie war verwundert , sie wollte mehr hören . Der Mund schien , halb geöffnet , als ein Zeichen der Aufmerksamkeit , aber er spitzte sich auch wohl schon zu einer satirischen Entgegnung , während Laforest fortfuhr : » Ist dies Preußen nicht das wahrhafte Wespennest der Sektirer , Illuminaten , wo täglich Ideen und Neuerungen geheckt werden , Laiche und Brut zu neuen Revolutionen ? Und das Schlimmste , sie wurden von oben unterstützt , oder gingen von oben aus ; die Philosophen lässt man Systeme bauen , man schmeichelt ihnen , ruft sie in den Staatsdienst , und was man niedertreten und ausrotten sollte , begießt man noch ! Können wir , nach solchen Erfahrungen , uns noch täuschen , wie weit diese Systeme tragen , wie sie das Blut vergiften , den Glauben an die Autorität in Kirche und Staat untergraben , wo jeder dürftige Verstand sich anmaßt , selbst Alles von vorn an zu prüfen , bis in den Grund der Dinge hinein ! Täuschen wir uns auch darüber nicht , daß die Könige von Preußen noch die Macht hätten , wenn sie wollten , das Unkraut auszujäten . Wir sahen ja , wie der Versuch unter dem vorigen Monarchen mißlang . Es hat sich so eingefressen in den fruchtbaren Boden , daß es den Weizen nicht mehr aufkommen lässt ; ja , man wird noch oft Versuche machen , aber ich besorge , immer vergebens . Was hat selbst in Oesterreich das kurze Beispiel Josephs geschadet ; nun bedenken Sie , was und wie tief eine sechsundvierzigjährige Regierung , und eines Friedrich , das Blut des Volkes vergiften musste ! Voran dem Reigen ging , um das Maß voll zu machen , sogar eine philosophische Königin ! Es ist in der Nation zur Tradition geworden , daß die Macht ihres Staates auf der sogenannten Intelligenz beruht , und sie hat , meines Dafürhaltens , darin nicht so ganz Unrecht . Darum , Prinzessin , darf dieser Staat keine Macht bleiben , oder wird der Funke zu einem Brande für alle Staaten . Und welche Verpflichtungen haben denn die alten Mächtigen , in ihrer Mitte einen Emporkömmling zu dulden , der auf seine Bildung sich geckenhaft brüstet , und sich zuweilen die Miene giebt , sie zu verachten ; stand er nicht jetzt eben noch , es war unerhört , wie der Minos da , und maßte sich an , zwischen den Kombattanten über Europa ' s Schicksal zu richten ? « Die Gargazin war ihm mit gespannter , dann , wie es schien , gesättigter Aufmerksamkeit gefolgt : » Herr von Laforest überraschen mich . Wer hätte das vermuthet . Auch Ihr Kaiser will , als ein neuer Sankt Georg , den Drachen des Unglaubens zertreten ! Seit wann ging diese remarquable Veränderung in Sr. Majestät vor ? « » Können Sie mit Spott das Einmaleins umändern , oder einen mathematischen Lehrsatz umstoßen ? Der Satz heißt in diesem Falle : er folgt den Maximen , die er zu seiner Selbsterhaltung für nothwendig hält . Seine Pläne gehen tiefer , als Sie glauben . Von wo entspringt alles das Unheil , an dem die Völker leiden ? Aus den Beispielen , die wir unvorsichtig aus dem Alterthum holten , aus der unverständigen Anwendung der Begriffe , die damals galten , auf die Verhältnisse von heut . Schon lange geht er mit dem Projekt um , das Studium der Klassiker von den Schulen zu verbannen . Das , was uns nützlich ist , soll daraus übersetzt werden , eine Uebersetzung unter dem Stempel der Autorität ; mit dem anderen klassischen Kram fort als Zeitvertreib oder Gift . Stimmte dies nicht mit den Ansichten meiner erlauchten Frau ? Ihre Kirche giebt aus der Bibel dem Volke nur , was sie für gut hält . Napoleon will dasselbe , das Heidenthum will er verbannen . Mich dünkt , da gehen wir noch Hand in Hand . Er hat die Pariser Universität zum Instrumente seiner Macht umgeschaffen . Sind wir da nicht auch einig ? Er will nicht , daß , wie in Deutschland , so viel Lehrstühle sind , so viel Irrlehren der Jugend gepredigt werden . Der Staat soll eine Lehre prüfen , als gut und richtig approbiren , und diese soll dann in allen Schulen vorgetragen werden . Stimmen wir darin nicht ? Er hasst die Ideologie , weil sie den Menschen vom Praktischen und Nothwendigen entfernt , weil sie ewig an der Autorität rüttelt , Stolz , Ueberhebung , Schwärmer hervorruft . Will Ihre Kirche die ? darf der Staat des großen Czaren sie dulden ? Deutschland ging daran unter . Preußen schmeichelt ihnen , weil die ganze Nation aus Ideologen besteht . Darum nennt mein Kaiser sie die Jakobiner des Nordens . Mich dünkt , eins der treffendsten Worte , die aus seinem Kopf entsprangen . « » Und was ist der langen Rede kurzer Sinn ? « - » Das nur andeuten wollen , wäre Vermessenheit , wo die Weisheit eines Alexander selbst das Beste treffen und - Fürstin Gargazin das , was einschlägt , ihm anrathen wird . « - » Was aber würden Sie an meiner Statt meinem Kaiser rathen ? Versetzen Sie sich einmal in meine Stelle . « - » Fürs Erste würde ich diese Don Quixoten anlaufen lassen , wie sie ' s verdienen . Wer den heißen Brei angerichtet , kann ihn aufessen . Ihnen ihren Willen gelassen ! - Sie lächeln , das wäre gut französisch gerathen , und so arglistig dumm , daß es eigentlich eine Beleidigung sei , einer Fürstin Gargazin es ins Gesicht zu sagen . - Erlauben Sie mir die Bemerkung , es ist nicht so ganz dumm . Buxhövden hat in Riga den Befehl , zu rüsten . Vergönnen Sie mir auch , zu bemerken , der Befehl ist etwas spät an ihn ergangen , viel zu spät . Ich tadle darum Ihre Staatsmänner nicht , denn konnten sie wissen , daß es hier endlich Ernst , daß man sich nicht doch einmal wieder anders besinnen werde ? Eine Mobilmachung kostet viel Geld ; man thut es doch nicht immer blos zum Vergnügen , besonders dann nicht , wenn eine ernsthafte , große Rüstung uns bevorsteht . Für die spart ein weiser Staatsmann die vollen Kräfte . Nun rüstet Buxhövden . Es ist jetzt Anfang Oktober . Bis spätestens Ende Oktober stoßen die preußischen und französischen Heere auf einander ; irgendwo im Herzen von Deutschland , geht es nach den Feuerköpfen hier , so weit wie möglich nach dem Rheine zu . Nun bitte ich Sie , wie viel Truppen kann der wackere Buxhövden bis dahin disponibel machen , bis dahin durch Kurland , Lithauen , Preußen , Pommern , Brandenburg , durch unwegsame Sandsteppen , aufgewühlte Wege , dem Gros der Preußen nachschicken ? Ich will das Höchste annehmen , daß dreißigtausend Mann in forcirten Märschen bis zum Entscheidungstage die Preußen erreichen , daß sie dieselben noch nicht geschlagen finden : würden diese dreißigtausend abgematteten Krieger , aus Complaisance auf die Schlachtbank geführt , das Schicksal ändern ? Sie würden mit den Preußen aufgerollt , vernichtet . Und gesetzt , die Preußen siegten , wie viel Brosamen Ehre würden die Bramarbasse dem russischen Succurs zukommen lassen ? - Rußland wäre noch einmal moralisch geschlagen , ohne geschlagen zu haben . - Nein , erlauchte Frau , ich versetze mich ganz in die Seele Ihrer klugen Staatsmänner , und spreche zugleich im Stolz eines Franzosen , wenn ich sie sagen lasse : Rußland ist es sich selbst schuldig , nicht mehr durch Echantillons seiner Macht gegen den Giganten zu kämpfen , es darf nicht mehr das Schwert ziehen gelegentlich für Andere , es ist Pflicht seiner Ehre , Gehorsam gegen seine Machtstellung , seine ganze Macht zusammenzuhalten , um sie für sich auf den furchtbaren Rivalen loszuwälzen , wenn - die Zeit kam . « » Nachdem die preußische Armee vernichtet ist ! « - » Die wird es ohnedies . In ihrem Dünkel wollen es die Herren , die den König zum Kriege zwingen , auf einen Schlag ankommen lassen . Durch einen Effektstreich soll wieder gut gemacht werden , was so lange Jahre durch versäumt ist . Sind sie besiegt , so ist Preußen zertrümmert , das Land liegt vor uns , eine offene Beute . « - » Und Rußland , das zusieht ? « - » Behält die Kraft , auf einen Feind sich zu stürzen , der zwar Sieger ist , aber blutet . Denn auf einen verzweifelten Widerstand dieser zweimalhunderttausend Preußen sind wir gefasst . Was dann weiter , steht im Rath der Götter , aber ich meine , daß Kaiser Alexander , an der Spitze seines Reiches , soutenirt von seiner Grenze , ein Wort darin mitsprechen wird , das nicht verhallen kann . Wo zwei Gleiche sich gegenüberstehen , ist aber Zeit zum Verhandeln . « » Ich könnte es eine Gnade Gottes nennen , daß Preußen keine Staatsmänner hat , wie Herrn von Laforest . « » Und ich Rußland Glück wünschen , daß sein Czar eine Freundin hat , deren hellerem Blick er traut . Unter uns , Napoleon hat keine solche Freundin , er glaubt nicht an das wunderbare den Frauen geschenkte Ahnungsvermögen . Er traut nur auf sich . Das ist - ein Unglück , denn über aller menschlichen Weisheit schwebt doch ein Etwas - was wir mit dem Verstande nicht ergründen . - Gleichviel nun , ob Sie Buxhövden die Regimenter , die er zusammentreibt , marschiren lassen , oder ihn freundlich warnen , daß er die Dinge sich vorher ansieht , daß er mehr an Rußlands Ansehen denke , als an die momentane Freundschaftsaufwallung Alexanders für Friedrich Wilhelm - das , theuerste Frau , sind Bagatellen - so oder so , ein höherer Wille lenkt dennoch Alles , und - ich denke , unser Abschied ist nicht auf lange , wir sehen uns bald unter andern Verhältnissen wieder . « - An der Thür war der Gesandte noch einmal umgekehrt , und zog ein gedrucktes Blatt aus der Brusttasche : » A propos , Prinzessin , Sie kennen vermuthlich das noch nicht . Ein Korrekturabzug , durch Zufall mir in die Hände gerathen , ein Avantcoureur des kommenden Manifestes , in die Erfurter Zeitung gestreut . Bemerken Sie den Passus ! « Die Fürstin überflog das Blatt : » Nicht blos Preußen , die deutsche Nation sollte , ihrer Selbstständigkeit beraubt , aus der Reihe unabhängiger Völker gestoßen , einer fremden Souverainetät untergeordnet werden . Diesem Schlage , dem schrecklichsten , der Deutschland noch treffen könnte , zu begegnen , ehe es zu spät ist , dieses ist , nach glaubwürdigen Nachrichten , der einzige Zweck von Preußens gegenwärtiger Rüstung . « » Qu ' en dites-vous , Madame ? Preußen rüstet nicht für sich , sondern für die deutsche Nation ! Wenn es nicht so entsetzlich naiv wäre , könnten Andere als wir vor den Konsequenzen erschrecken . Aber ich hoffe , man wird weder in der Hofburg zu Wien blaß werden , noch in Sanct Petersburg roth , noch wird mein Kaiser fragen : wer in aller Welt gab denn Preußen die Vollmacht für die deutsche Nation ? Denn in Wien , Petersburg und Paris weiß man , daß Phrasen tönender Wind sind . Nicht wahr ? Aber ein wenig Achtung giebt man doch , wenn die Kinder in Phrasen zu sprechen anfangen , die sie freilich gelernt haben , aber man fragt doch : von wem ? « Der französische Gesandte , Herr von Laforest , war längst in seinem Wagen fortgerollt . » Und doch betrügt er mich nur ! « war das Ende eines langen Selbstgespräches , aus dem die Fürstin bei diesen Worten zu erwachen schien . » Aber man lässt sich zuweilen gern betrügen . « Sie setzte sich an ihren Sekretär , und schrieb hastig . Das Billet auf Rosenpapier mit der Aufschrift : » An den Legationsrath , Herrn von Wandel , « ward einem Diener übergeben , mit dem Befehl , auf der Stelle dahin zu fliegen und Antwort zu bringen . Die Antwort ließ doch eine Stunde auf sich warten , welche für die Prinzessin in sichtlicher Spannung verging . Mehrmals hatte sie sich wieder zum Schreiben niedergesetzt , aber Alles , was sie angefangen , gefiel ihr nicht , sie zerriß es wieder . » Es geht nicht schriftlich , « sprach sie . » Solche Botschaft kann nur mündlich an Buxhövden gebracht werden . « Endlich kam Wandels Antwort . Sie lautete : » Die ehrenvolle Mission , welche Fürstin Gargazin mir zugedacht , wie sie auch laute , ist mir der sicherste Beweis für das , was mein Herz mir sagt , daß es eine Selbsttäuschung war , als ich einen Moment glaubte , daß sie im Zorn von mir scheiden wollte . Eine Heilige kann nicht zürnen . Um so schmerzlicher trifft es mein Herz , daß ich dem Rufe nicht folgen kann . Meine Verhältnisse , meine Ehre gebieten mir , hier zu bleiben . Die Dame , um deren Hand ich mich bewerbe , wird eine Aufwallung , zu der ich mich hinreißen ließ , vergessen , und die Gerüchte , die man über eine Entzweiung aussprengt , selbst widerlegen . Wenn die geringen Gaben , welche die Natur mir schenkte , die Kenntnisse , welche ich mir erwarb , in Mancher Augen mir vielleicht eine höhere Sphäre anweisen , so fühle ich doch nur zu sehr , daß der Mensch , der immer in weiteren Peripherieen sein Glück sucht , so oft das übersieht , was ihm zunächst liegt , und worauf Natur oder Geburt ihn gleichsam hinstieß . Meine physikalischen und chemischen Kenntnisse berechtigen mich zum Glauben , daß ich in der Tuchfabrikation Verbesserungen einführen werde , welche dem Lande , dem ich fortan gehören will , von , wenn auch nur geringem , doch von Nutzen sein werden . Lächelt Fürstin Gargazin darüber , so denkt sie doch vielleicht milder , wenn sie den Spruch sich zuruft von dem , der sich selbst erniedrigt . Und doch würde ich Ihrem Rufe folgen , wenn nicht die heiligste Pflicht mich fesselte . Jene Aussichten bei Seite gesetzt , in diesem Augenblick kenne ich nur eine Pflicht , eine unschuldig verfolgte Frau , die mir einst theuer war , gegen die Barbarei der Gesetze zu schützen . Ja , ihr gehört mein Leben . Urtheilen Sie über mich , verdammen Sie mich , ich werde nie vergessen , was seiner Wohlthäterin , der edelsten Frau des Jahrhunderts , der Fürstin Gargazin verdankt Ihr unterthänigster - « Die Fürstin zerriß mit einem verächtlichen Lächeln den Brief in kleine Stücke : » Nun muß ich selbst - « In ihrem Hause war helle Unruhe . Um Mittag fuhr ihr Reisewagen , mit vier Courierpferden vorgespannt , aus dem Thore von Berlin . Eine Relaisbestellung bis Riga flog ihr voraus . Von der Höhe draußen wandte sie sich noch einmal um : » Lebe wohl , Babel ! du und dein Reich sollen vergehen ! « Einundachtzigstes Kapitel . Sie sind die Puten von Excellenz . In einem öffentlichen Garten der Vorstadt war an einem schönen Oktobernachmittage eine ungewöhnlich große Zahl von Gästen versammelt . Jene Zeit , wo die Schichten der Gesellschaft sich weit schroffer gegenüber standen , als es später der Fall war , hatte doch den Vorzug , oder , wenn man es nicht so nennen will , sie bot für das gesellige Leben den Vortheil , daß die öffentlichen Vergnügungsorte noch nicht in der Art schroff gesondert waren , daß die Anwesenheit von im Leben niedriger Gestellten die höher Gestellten abhielt , auch ihr Vergnügen zu suchen . Wo der Handwerksbursch Kegel schob , konnte auch der höhere Bürgerstand mit Ehren Weißbier trinken ; Beider Gegenwart schreckte sogar den Königlichen Staatsbeamten und - was mehr sagen will - den Offizier nicht ab , seine Pfeife zu rauchen . Wenn auch der Respekt die Stände nicht an denselben Tischen vereinigte , wie es im glücklicheren Süden der Fall ist , so war doch Gottes freier Himmel , die bretternen Lauben und der schmucklose Saal , wenn es regnete , für Alle ein gleiches Asyl , wenn sie aus dem Staub und Geräusch der Stadt sich retten wollten . Zwar dem Staub und dem Geräusch waren Diese hier nicht entflohen , denn der Garten lag an der Landstraße und auf derselben wälzten sich vom frühen Morgen an die Züge der ausmarschirenden Truppen . Der Wind trug die Staubwirbel und Wolken bis mitten in die große Stadt , und die dicke Lyciumhecke , welche den erhöhten Garten wie eine Mauer von der Straße trennte , lag in einem braungrauen Puderkleide , welches nichts mehr von dem ursprünglichen Grün zum Vorschein kommen ließ . Auch gaben sich die Mägde und die Gäste gar nicht mehr Mühe , den dicken Staub von den Tischen abzuwischen , und empfahlen nur , die Porzellandeckel sorgsam wieder auf die Weißbiergläser zu stülpen . Gegen Staub , meinten die Herren , sei der Tabaksdampf die beste Waffe . Man war ja zu Staub und Geräusch gekommen , und von den offenen Balkonen oder Estraden an der Hecke konnte man den braven Kriegern , die zum Tod für König und Vaterland auszogen , ein Lebewohl rufen , man konnte seinen Bekannten allenfalls die Hand reichen oder einen frischen Trunk auf den Weg - den schon von der Sonne Gebräunten ; denn wie weit her waren die Meisten marschirt und wie lange hatten sie auf den Sammelplätzen stehen müssen , ehe die Trommel zum Abmarsch wirbelte . Wie die Lyciumhecke , Alle vom Staub gepudert , vom Blau ihres Rockes , vom schönen weißen Mehl ihrer Locken war nichts mehr zu sehen . Aber die Spontons und Bajonette funkelten in der Sonne , die Federbüsche schüttelten in ihrer bunten Farbenpracht den Staub ab und - Alle sangen . Ohne Gesang kein deutscher Soldat . Die Disciplin kann Alles ; das Singen wagt sie nicht zu verbieten . Lieder waren es , die kein Dichter für sie gedichtet , am wenigsten brauchten die Soldaten in Deutschland einen Tytäus ; von den Zeiten des dreißigjährigen Krieges , der Landsknechte , ja noch