sich nicht zur Ruhe geben wollen ! Führe mich , Auguste ! Ich kann nicht gut sehen . Komm , Auguste ! Auguste ! sagte Mullrich triumphirend . Ich kann nicht gut sehen ? fiel Kümmerlein ein . Wer ? Der da ! Nun ? Nichts begriffen ? Es ist die Auguste , die mir für vier Monate ... Zum Henker , ja ! Aber der Andre ... Was denn ? Kommen Sie , sagte Kümmerlein kopfschüttelnd über die Beschränktheit seines Collegen . Rasch ! Der verdammte Tunnel ! Es muß von hier noch eine Treppe gerade in den Saal hinunter gemacht werden . Wir machen einen Capitalfang . Ziehen Sie die Pfeife heraus , wenn Succurs nöthig ist ... Mullrich , der immer nur an Nr. 17 und die ihm schuldigen vier Thaler dachte , folgte verwundert dem klügern , an die schwarze Binde denkenden Kümmerlein ... Gerade aber fünf Minuten vor dem vollen Glockenschlag Vier begab sich unten im Saale der Fortuna folgende seltsame Scene : Es war eben ein stürmischer Galopp , den man den Tarantelstich nannte , beendigt ; die nur noch spärlichen Paare traten zurück und Manches rüstete sich , der tiefernsten , sittlicherhabenen Mahnung des durch die großen Fenster hereinschimmernden Tageslichtes zu folgen und nun still niederblickend heimzugehen . Die Kraft des zuströmenden Gases ließ in den Kronenleuchtern nach , ein unheimliches , gespenstisches Helldunkel verbreitete sich in dem staubigen Raume . Die vorhin noch so freundlich schimmernden Toiletten wurden plötzlich fahl und erschienen zerknittert , die Gesichter , eben noch prahlerisch , machten sich häßlich , alt , ja als ein Kronenleuchter plötzlich ganz verlöschte , war es , als spräche eine Geisterstimme plötzlich ein schauerliches Wort , das dem Feste noch vor der Zeit ein Ende zu machen schien . In diesem Augenblicke stoben , vor einem seltsamen Anblick , entsetzt , die Tänzer auseinander . Die wenigen Tänzerinnen , die eben eiligst ihre Shawls und Hüte suchten , stießen ein ängstliches unterdrücktes Ach ! aus . Alles sah mit dem Ausdrucke des fragenden , unsichern Erstaunens nach einer Erscheinung hin , die , durch die große Hauptthür eintretend , erst Wenigen auffiel , dann Alle in Furcht und Schrecken versetzte . Ein Tänzer , den Alle kannten , weil er sich als der Gewandteste , Witzigste , Ausgelassenste in ihren Reihen getummelt hatte , kam in zerrissenem Anzuge , verwilderten Kleidern , zerschlagenem Hute über dem röthlichen Haar , Staub und Gras an den Kleidern und Stiefeln , mit einem jener Lichter , wie man sie unter Glasglocken , die die Flamme schützen , in öffentlichen Gärten aufstellt , herein , feierlich schreitend , gespenstisch , mit geschlossenen Augen . Hinter ihm die rothe Dame , die Allen aufgefallen war und noch immer ihre Maske trug . Ängstlich besorgt folgte sie dem Wandelnden und hielt Alle , die von dem Anblick überrascht erst lachend , dann entsetzt stillstanden , zurück , den Finger auf den Mund legend und förmlich mit den Händen um Schonung und Mitleid flehend . Die Musik begann nicht wieder . Die Tänzer flohen von jeder Seite weg , wo der gespenstische Wanderer mit dem großen Windlichte daherkam . Auch zu den wenigen noch besetzten Logen hinauf zischte man und erzwang Ruhe und allgemeine ängstliche Aufmerksamkeit . Ein Nachtwandler ! ging es mit flüsterndem Grauen durch die Reihen aller Anwesenden , die beklommen den Athem anhielten und nicht wußten , ob sie bestürzt sich entfernen oder das Ende dieses Zustandes und seine mögliche Entwickelung abwarten sollten . Manche waren freilich so frivol gespannt , daß es ihnen das Liebste gewesen wäre , der Unglückliche hätte irgend ein gefährliches Unternehmen begonnen und eine Thatsache ihnen bestätigt , von der man allgemein wol viel erfährt , aber selten so günstige Gelegenheit findet , selbst von ihr etwas in Erfahrung zu bringen . In diesem Augenblick schlug es voll vier ... Der Nachtwandler horchte auf und lächelte ... Er blieb stehen ... Seine schützende Begleiterin war in Verzweiflung , weil sie nicht wußte , was sie thun , was unterlassen sollte . Indem setzt der Nachtwandler seinen großen Leuchter auf einen Tisch , sieht sich nach der Uhr um , schlägt , als wenn er die acht Klänge der Uhr wiederholte , acht mal mit der Hand langsam in die Luft und beugt sich bald nach rechts , bald nach links , als suchte er etwas . Dabei lächelt er ... Dann nimmt er den Leuchter und gleichsam , als wenn er sich über Schlafende beugte , leuchtete er hin ... bald hier , bald dort ... Die Begleiterin riß sich jetzt die Larve vom Gesicht ; denn die Thränen rannen ihr aus dem Auge ... Alle starrten nach ihr hin ... Niemand kannte sie ... Dies Rathen und Forschen mehrte die Ängstlichkeit der Scene ... Was thut er ? Was bedeuten diese Bewegungen der Hände , als wenn er ein Kind schaukelte ... ? So sprachen die stummen Mienen der Umstehenden und forschten leise die weinende Fremde aus . Diese verstand sehr wohl , daß der Unglückliche durch das Schlagen der Uhr an den alten Großvater Eisold in der Brandgasse und an dessen Urenkel , die Kinder , erinnert wurde und daß diese Gebehrde , die er in seinem träumenden Zustande machte , Scenen vorstellte , die sie oft zu ihrer innigen Freude erlebt hatte , wo der Bemitleidenswerthe auf milder , weicher und ihr zugewandter besserer Stimmung Abends kam , zu den schlafenden Kindern auf ihre Lagerstätten niederleuchtete und diesen eine gute von Engeln behütete Nacht wünschte . Der Nachtwandler hielt das Licht und leuchtete auf den Boden und lächelte und die Flamme des Lichtes faßte bereits sengend seine eigenen zerfetzten Kleider ... Hackert ! rief die Fremde jetzt vor Schreck und der Gefahr des Verbrennens und in ihrem überwältigten Gefühle stürzte sie auf diesen zu , dem aber schon ein muthigerer Zuschauer die Lampe aus der Hand riß und auf den Tisch stellte und ihn selbst auffangen wollte , wie er eben in Louisens Arme sank und sich schaudernd besann auf Das , was ihm eben geschehen war und noch geschah ... Alles kam näher ; Alles wollte fragen , die Pein war furchtbar für Louise und Hackert , der sich in diesem Aufzuge unter allen diesen Menschen und in seinem Zustande sah ... Glücklicherweise dauerte diese Folterqual für Hackert und Louise nur eine Sekunde . Denn im Nu erscholl ein gellender markdurchbohrender Pfiff . Man sah sich um . Die Polizei umringte eben jenen Mann , der Hackerten mit raschem Entschlusse das Licht aus der Hand gerissen hatte . Es war Dies ein gebeugter , älterer Mann , sehr fein gekleidet , mit dunkler Perrücke und einer großen schwarzen Binde über dem rechten aufstarrenden Auge . Auch ein junges , allgemein gekanntes Mädchen , Namens Auguste Ludmer , wurde mit ihm zugleich verhaftet . Die große , bildschöne , schlanke Figur war so reich gekleidet , so mit Gold und Edelsteinen geschmückt , daß Alle starrten . Der Grund dieses überraschenden Zwischenfalls konnte Niemandem auffallen . Der Mann mit der schwarzen Binde hatte auf Kümmerlein ' s einfache Frage : Sie sind Murray ? einfach geantwortet : Ich bin Murray . Ruhig hatte er sich in sein Schicksal ergeben , während Auguste Ludmer , genannt die Maler-Guste , sich wie verrückt gebehrdete , halb wüthete , halb lachte und Mullrich mit den Worten anredete : War Das ein Pfiff auf einem von deinen Hausschlüsseln ? Pechdraht du ! Diebsschlosser ! Das Sträuben des schönen , üppig geformten , an die Statüen der Griechinnen aus dem Zeitalter des Alexander erinnernden Mädchens half ihr aber nichts . Zwei Agenten , die Mullrich und Kümmerlein zu Hülfe gekommen waren , führten sie fort . Mullrich aber und Kümmerlein nahmen den Mann mit der schwarzen Binde , der sich Murray nannte , in die Mitte . Er ging ruhig lächelnd . Hackert schlich am Arme des armen Mädchens , Louise Eisold , die die entstandene Aufregung benutzte um Hackerten fortzuziehen . Sie ging still und unscheinbar . Sie hatte den seidnen rothen Mantel über dem Arm , die Maske in der Hand . Die Tänzer , die Flöten , die Geigen , die Posaunen folgten . Die Gaslichter erloschen . Der Fortunaball hatte ein Ende . Vierzehntes Capitel Eine Morgenstunde Es war sieben Uhr Morgens , als Justizrath Schlurck mit seinem » guten Hannchen « am Kaffeetische saß und das Frühstück verzehrte . Franz Schlurck war im seidenen , leichten Schlafrock , Johanna Schlurck in einer leichten Morgenrobe , über dem Haupte eine Dormeuse alten Geschmackes , jedoch neuester Mode . Die Spitzen lagen bis tief über die Stirn der klugen und besonnenen Frau , die heute den Kaffee lobte , weil - ihn Jeannette nicht gemacht hatte . Auch die Aufmerksamkeit des zweiten Mädchens , frische Blumen , die gestern Abend geschnitten , aber frisch benetzt heute früh schon um sechs Uhr auf dem Markte gekauft wurden , neben den Zwieback in einer Vase auf den Kaffeetisch zu stellen , lobte Hannchen Schlurck ausnehmend und stellte dadurch die Ruhe des Justizraths wieder her , die von der Nachricht , Melanie hätte eben der Mutter aus ihrem Schlafzimmer zugerufen , Jeannette wäre von ihr verabschiedet , etwas gestört schien . Auch die Mutter hatte diese Nachricht ungern vernommen . Sie haßte alles Gewaltsame , alles Extreme . Da aber Melanie einmal darauf bestand , mußte diese Anordnung so bleiben wie sie war . Auf des Justizraths Einrede , daß solch verletztes Volk viel Gift und Galle verspritze , viel klatsche und austrüge , erwiderte seine Gattin , die ebenso gedacht , daß man wol , wenn Melanie ' s Zorn vorüberwäre , Jeannetten diesen oder jenen Beweis freundlicher Gesinnung geben könne , was Schlurck um so natürlicher fand , als er sich auch noch damit trösten zu können glaubte , daß Neumann mit der Zeit doch wol die Jeannette heirathen würde . Jetzt wartete aber bereits eine andere unangenehme Nachricht . Man hatte Neumann , wie die Frau Justizräthin heute in aller Frühe schon erfahren , halbtodt von einem nächtlichen Balle heimgebracht und während noch die bedächtige Frau darüber nachsann , ob sie oder Bartusch dies neue unangenehme Ereigniß dem durch solche Bedrängnisse der nächsten Umgebung überaus leicht zu verstimmenden Gatten vortragen sollte , wollte dieser denn doch ein wenig genauer wissen , worüber die Jeannette nach dreijährigem Dienst so über Hals und Kopf aus dem Hause fort müsse ? Er hoffe , sagte er , daß sie noch auf ihrem Zimmer wäre und nur verboten erhalten hätte , zum Serviren des Frühstücks herunter zu kommen ... Sie ist boshaft , gefährlich und fügt sich nicht in Melaniens jetzt recht empfindlichen Charakter ! sagte die Mutter . Ja , ja , setzte Schlurck hinzu , Melanie ist seit kurzem wirblich und wunderlich geworden ! Ich glaube , daß es Zeit ist , sie entschließt sich zu irgend einer Partie . Diese Tändeleien und kleinen Romane stumpfen das Interesse für ein Mädchen ab . Man muß nicht zu lange gefallen wollen und Alle blenden . Das Auftauchen einer hübschen Erscheinung sei wie das kurze Leben eines Schmetterlings ! Weibliche Liebenswürdigkeit muß ein Ziel haben , die Ehe . Hernach kann sie sich ja noch einmal entpuppen und sehen , wie es sich in dieser Welt in anderer Form leben läßt . Die Ehe gibt ja erst die wahre Freiheit . Ich wünsche um so mehr ein Ende , als es Zeit ist , auch einmal über ihre Mitgift nachzudenken , die nicht groß sein wird . Nicht groß ? versetzte die Mutter etwas befremdet . Was verstehst du unter groß ? Ich habe Verluste gehabt , sagte Schlurck verdrüßlich , und werde deren noch mehr haben . Die Verwaltung der Hohenbergischen Güter ist in andere Hände übergegangen , die Administration der Johanniterhäuser wird mir auch noch genommen werden - In Folge des Prozesses ? So wie so ! Bei der Stadt bleiben diese Güter und Häuser nun schwerlich länger und der Staat würde ihre Nutzung ganz anders ausbeuten , als wir bisher . Man wird alle die milden Stiftungen , die auf sie angewiesen sind , wie früher unterstützen , aber den Ertrag wird man zu erhöhen , die Kosten der Verwaltung zu vereinfachen suchen . Brechen damit zwei meiner Hauptstützen zusammen , so wird die Wendung unseres Gerichtsverfahrens mir nicht einmal mehr den alten Credit als Sachwalter lassen ; denn bei Einführung des mündlichen Verfahrens kann es nur den Rednern gelingen , sich einen Namen zu erwerben und ich bin kein Redner . Das Bischen Politik , das ich , angestachelt von den conservativen Vereinen und besonders dem verdammten Reubunde , getrieben habe , hat mich bereits mit allen meinen Arbeiten in Rückstand gebracht . Das sind ja traurige Aussichten ! Wir wollen uns einschränken ... sagte die Justizräthin seufzend . Sprich das Wort nicht aus ! antwortete Schlurck . Einschränken ! So wie mich Mangel oder Sorge begrüßt , ist mein Lebensende da . Etwas entbehren , etwas gehabt haben und sich ' s nun versagen müssen , nein , liebes Kind , Das wäre mein Tod ! Du sprichst wie ein Verschwender , Schlurck ... Der ich doch nicht bin , willst du sagen ? Herz , wir haben keine Übersicht über Das , was wir besitzen und brauchen . Wir geben aus und geben , weil wir einnehmen . Plötzlich sich nun einrichten müssen , die Reflexion bei sich zu Tische sehen und mit der Weisheit soupiren , das Alles würde vielleicht äußerlich gehen , aber du würdest erleben , daß ich innerlich anfinge recht zusammen zu fallen und an einem stillen Herzweh hinzusiechen . Ich würde lachen , scheinbar heiter sein , aber den Ruck hätt ' ich doch weg und eines Tages bliese mich ein kühler Abendwind von dieser schönen Erde weg . Franz ! Franz ! Welche düstere Gedanken ! Frau Schlurck weinte fast . Sie hatte ihren Franz lieb , als Charakter , als Gemüthsmenschen , wenn auch die Sage ging , daß der vorurtheilslosen Frau Bartusch näher stehen sollte . Weltmann , wie Schlurck war , ignorirte er alle Mysterien und hielt sich an das Offene , an das Nothwendige und Schickliche . Auch ihm war sein Weib so nöthig wie er ihr . Er hatte in ihr die mildeste Richterin und die bequemste Freundin . Sie duldete alle seine großen und kleinen Schwächen , nahm sie für gegebene Thatsachen und quälte ihn nie mit etwaigen Zumuthungen , sich zu ändern , in sich zu gehen oder dergleichen angewandter Moral , die er um so mehr ablehnte , als er oft sagte : Kind , es gibt ein Dutzend moralischer Systeme ! Welches ist das rechte ? Er liebte im Vollen zu leben , und sie rechnete nie , da sie reichlich von ihm empfing . Sie schonte selbst seine geheimen , kleinen Neigungen , von denen er nicht frei war . Gern hatte sie dabei freilich , daß er sich unter seiner Sphäre hielt . Der kleine Roman mit der Justizdirektorin von Zeisel , geborenen Nutzholz-Dünkerke , der sich unter ihren Augen in Hohenberg entsponnen hatte , überraschte sie unangenehm und doch hatte sie sich auch bereits in diesen gefunden . Du hast gestern Nachmittag nach Plessen geschrieben ? sagte sie , um ihm einen Beweis ihrer Güte zu geben . Ja , antwortete Schlurck etwas verlegen ; ich habe dem Justizdirektor eiligst angezeigt , daß Prinz Egon die Verwaltung der Güter selbst antritt . Ich habe ihm gesagt , er möchte auf seiner Hut sein vor dem neuen Generalpächter , einem gewissen Ackermann , der aus Amerika gekommen ist , um seine Dollars in allerlei agronomischen Experimenten zu verpuffen . Bis er völlig zu Grunde gerichtet ist , wird dieser anmaßende Sonderling viel Menschen zusammenhetzen und recht quälen können . Du hast doch Frau von Zeisel gegrüßt ? sagte die Justizräthin mit mildem und versöhntem Ton . Sie ist eine gute und liebe Frau , die uns wol einmal besuchen könnte ? Meinst du nicht , Franz ? Schlurck war über solche Beweise von Güte leicht gerührt . Schwach , charakterlos wie er war , hatte er wirklich ein weiches Herz und fühlte nie unzart . Er sah scharf genug , daß ihn seine Frau mit ihrer frivolen Philosophie trösten und erheitern wollte ... Du bist wehmüthig gestimmt über unsere finanzielle Lage , sagte er . Noch läßt sie sich aber ertragen . Wir nahmen viel ein , aber leider wir sparten nicht . Dennoch werd ' ich Melanie , wenn sie endlich sich verheirathet , funfzehntausend Thaler sogleich baar mitgeben können und mich gern verpflichten , meinem Schwiegersohn jede Erleichterung zu gewähren . Viel größer , liebes Kind , ist nämlich nicht mein baares Geld , das durch den Fall der Papiere um die Hälfte im Werthe sank . Deine Zukunft , liebes Hannchen , sichert dir eine in dem Londoner » Janus « eingeschriebene Rente und die Gothaer Bank ... Ich werde sie nie benutzen ... antwortete Madame Schlurck , die sich lange nicht von ihrem Manne mit liebes Hannchen angeredet gehört hatte und auch darin ein ominöses Zeichen sah ... Nie ! Nie ! wiederholte sie gerührt und weinerlich . Das wäre schlimm , Herz ! sagte Schlurck jetzt wieder mit seinem gewöhnlichen Humor ; soll ich London und Gotha reich machen , jährlich Gelder einzahlen in Kassen , die mir dann nicht einmal solvent würden ? Nein , Kind , den Gefallen thu ' ich ihnen nicht ... ich sterbe vor dir . Frau Schlurck brach diese Gedankenreihe , die zu trüb ' war und zu dem comfortablen Frühstück , der hellen Morgensonne und den Blumen in den Porzellanvasen nicht paßte , ab und knüpfte eine andere an . Fünfzehntausend Thaler ! sagte sie . Wer gibt auch jetzt mehr von seinem baaren Gelde einer Tochter mit ? Bei den reichsten Familien erstaunt man über die geringen Summen , die die Schwiegersöhne baar in die Hand bekommen , und so viel weiß ich doch auch , daß der Credit jede baare Summe im Geschäftsverkehr verdoppelt . Ganz Recht ! Machte nur Melanie endlich Anstalten ! rief Schlurck halb zufrieden , halb ärgerlich und sah dabei auf einige alte Papiere , die er unter den Zeitungen neben sich liegen hatte ... Sie hat heute in aller Frühe schon geschrieben ; antwortete die Mutter und legte die Papiere so , daß ihr alterthümliches Aussehen nicht die schöne Symmetrie und die Wäsche ihres Frühstückstisches störte ; um fünf Uhr war sie auf und hier in den Zimmern . Um sechs schon mußte Johann einen Brief forttragen . Sie sagte mir nicht an wen ? Aber Johann zeigte mir die Adresse : An Lasally . An Lasally ! Hm ! Ich glaube fast , daß sie sich entschließt , dem wirklich treuen Bewerber nun zuzusagen . Zwar in Hohenberg , wo sie sich einbildete , den Prinzen erobert zu haben , hat sie ihn kalt , fast zurückstoßend behandelt , allein Das ist noch kein Beweis . Die Parthie hatte nie deinen Beifall ... Schlurck zog die Achseln . Ein junger Mann , sagte er ; von sehr reichen Ältern , zurückgekommen , aber im Reichthum erzogen , mismüthig , verstimmt , verlebt , halb bankerutt , ein Israelit ... ich muß gestehen , etwas Seltsameres konnte uns nicht begegnen . Aber aus dem ganzen Leben weiß ' ich , nichts kommt so wunderbar wie ein Schwiegersohn . Man träumt von einem Gelehrten und es ist ein Soldat , von einem Pfarrer und es ist ein Schauspieler . Das menschliche Herz ! Die Mutter suchte mancherlei Günstiges für Lasally vorzubringen . Er wäre längst getauft , wäre gutmüthig , gefällig , oft edel denkend , nur etwas verwildert und ohne Erziehung . Auch sie begreife nicht , wie ihnen Das geschehen mußte , ihr schönes , gefeiertes , liebenswürdiges Kind gerade zu solcher Parthie hergeben zu sollen , aber ein nachdrücklicher Bewerber stellte sich sonderbarer Weise ja nicht ein . Was wäre da zu thun ? Man würde Lasally ' s Finanzen verbessern und dann vielleicht die Gewißheit haben , daß gerade Melanie in dem lebhaften Treiben seines Berufes sich gefallen würde ... Schlurck schüttelte ungläubig , verdrießlich den Kopf . Sonderbar , sagte er , ich liebe Vieles , was gefährlich ist , nur nicht die Öffentlichkeit , und auch du bist bescheiden und zurückhaltend und dies unser Kind nimmt den Lasally vielleicht nur , um immer gesehen zu werden , immer von Männern umringt zu sein , sich auffallend tragen zu können , auf allen Parthieen und Corsos in der ersten Reihe zu stehen , zu Wagen , zu Pferde , wie eine Komödiantin ... ich begreife nicht , welche Geheimnisse in der Natur liegen und manchmal glaub ' ich doch , daß es mit den Sternen etwas Eigenes auf sich hat . Wer weiß z.B. , ob ich nicht da etwas in der Hand habe , was uns doch von der Nothwendigkeit , aus Melanien die Frau Stallmeisterin Lasally zu machen , vielleicht befreit ? In der Hand ? Diese alten Papiere ? Die Sterne bringen mich drauf . Es gibt mondhelle Nächte , Hannchen , in denen die Geister geschäftiger sind als sonst . So könnt ' ich fast den Wallenstein parodirend sagen . Du hast mir von der Verwechselung des Prinzen mit einem jungen , hübschen Manne , Namens Dankmar Wildungen , gesprochen ; Bartusch erzählte mir Wunderdinge über Melanie ' s Gefallen an diesem Fremden ... So lange sie ihn für den Prinzen hielt ... ergänzte die Mutter mit achselzuckender Bitterkeit . Es wäre möglich , daß dieser junge Mann in die Lage kommen könnte , mit dem Prinzen Hohenberg nicht zu tauschen . Wie ? fragte die Justizräthin erstaunt ... In seltsamer Aufregung war Schlurck aufgestanden , die alten vergilbten Papiere in der Hand , die er als die wichtigsten Dokumente aus dem im untern Studirzimmer befindlichen Schrein mit dem Kreuze zu sich hinauf genommen hatte ... Eben wollte er sich anschicken , seiner Frau eine interessante Auseinandersetzung zu machen , als ein Wagen an sein Haus rollte und er durch ' s Fenster blickte . Was ? rief er . Das ist ja Drommeldey ' s Wagen . Er steigt aus . Was will denn Drommeldey bei uns so früh ? Ist Jemand im Hause krank ? Die Justizräthin errieth , daß der Sanitätsrath eben kam , um Neumann ' s ihm gemeldeten Zustand zu untersuchen . Einen nahegelegenen , gewöhnlichen Wundarzt hatte man schon in der Nacht gerufen ... Sie verwünschte den unangenehmen Zufall , daß ihr Mann nun doch etwas erfuhr , was man ihm verschweigen wollte . Da er aber diese Absicht sogleich merkte , drang er auf Wahrheit und ängstigte sich schon , es möchte Melanien selbst etwas begegnet sein , da sie zu lange ausbliebe . Nun mußte ihm seine Frau erzählen , was die Nacht geschehen war . Es berührte ihn das Alles höchst unangenehm . Die Nothwendigkeit , einen andern Diener für seine Pferde zu dingen , wenn auch nur für einige Zeit , ja auch einen Kranken im Hause zu haben , das Alles , sagte er , griffe seine Nerven an . Auch von moralischer Seite zeigte er sich heute empfindlicher als sonst . Er fand dies heimliche Auslaufen auf Bälle und auf nächtliche Vergnügungen abscheulich und als gar auf Hackert die Rede kam und die Mutter sagte : Neumann wäre eigentlich Recht geschehen , da es wieder Hackerten hätte gelten sollen ! brach er in heftige Verwünschungen gegen alle Welt und die Seinigen insbesondere aus und polterte sich in diese Stimmung so hinein , daß Madame Schlurck bedacht war , sie rasch auf Hackert allein zu lenken und sagte : Bartusch ist auch unverrichteter Sache aus der Brandgasse wiedergekommen . Fritz will Lasally ' s Prozeß abwarten und nicht von hier fort gehen . Diese Worte hatte die eben eintretende Melanie gehört . Melanie war im weißen Morgenkleide mit einem langen Kragen , der von den reizenden Schultern fiel . Obschon sie ihr Haar bereits geordnet hatte , mußte doch etwas Überwachtes , Gestörtes an ihr auffallen . Sie schien sehr erschöpft , fast hinfällig , fast leidend . In aller Ruhe bot sie den Anwesenden einen guten Morgen und setzte sich zum Frühstück . Die Ältern waren erstaunt . War Das ihre heitre Melanie , die immer so sorgenlos hereinhüpfte ? War Das der Schalk , der dem Väterchen um den Hals fiel und ihn herzlich küßte ? Sprachlos sahen die Ältern auf diese feierliche Umwandlung und hörten mit seltsamem Befremden , daß Melanie , den Zwieback sich in ihren Milchkaffee brockend , ganz kurz äußerte : Lasally läßt den Prozeß fallen . Das wird ja nun abgemacht sein . Schlurck näherte sich auf diese Worte . Sein Unmuth war vorüber . Voll Zärtlichkeit setzte er sich an die Seite seiner Tochter , faßte ihren Arm , von dem die weißen seidenschnurbesetzten Oberärmel herabglitten und fragte : Mein Herzblättchen , was hast du denn nur ? Spracht Ihr nicht eben ... sagte sie stockend . Von Hackert , leider von dem ewigen Thema unsres Hauses , antwortete Schlurck . Eure Besorgnisse werden nicht mehr nöthig sein , fiel Melanie ruhig ein . Weiß der Himmel , es ist eine große Plage , die auf uns ruht ; aber sie wird ein Ende nehmen . Lasally wird nicht so boshaft sein , diesen Gegenstand öffentlich zu machen . Ich habe ihm geschrieben und ihm bei Allem , was ihn noch an uns bindet , gebeten , die Vergangenheit ruhen zu lassen ... Kind , du hast ihm doch keine Versprechungen gegeben ? fragte Schlurck besorgt . Warum ? Werden diese Dinge nicht damit enden müssen , daß ich mich unter einen sichern Schutz und in ein festes Schicksal flüchte ? Wessen Schuld ich so hart büßen muß , ... ich weiß nicht , ob es ganz die meine ist ! Diese Worte sprach Melanie mit großer schmerzlicher Bitterkeit . Du wirfst mir vor , daß wir Hackert schonen ? sagte Schlurck . Ich schone ihn , weil er gefährlich ist , Schlurck sprach Dies mit einer Miene , die es verrieth , daß er nicht im rechten Ernste sprach ; - ich schone ihn , weil er in meinem Geschäftsgange manches Durcheinander beobachtet hat . Melanie lachte höchst bitter auf . Du bist erregt , sagte die Mutter zu ihr , ungemein besorgt . Schweig , Franz , wir wollen nicht mehr davon sprechen ... Immer nicht sprechen , rief Melanie ; immer nicht die Wunde berühren ! Allmächtiger Gott , was bin ich doch unglücklich ! Damit stürzten ihr die Thränen aus den Augen ... Melanie weinte ... Sie , die die Thränen haßte , vergoß Thränen und ihre Ältern ... verstanden diese Thränen . Nach einer langen , ängstlichen Pause sagte der Justizrath : Die Schuld ist unser ! Ich nahm ein Kind aus dem Waisenhause , weil ich Kinder liebe - und keins hatte . Ich wählte ein Findelkind aus Mitleid und erzog es wie mein eignes . Da schenkt mir die Mutter dich ! Das Findelkind wird eine Stufe herabgesetzt . Ich erzieh ' es für mein Bureau . Es ist anschlägig , aber voll schlimmer Eigenschaften . Wir achten ihrer nicht , weil wir das Vergnügen lieben und das Leben genießen wollen . Melanie und Fritz wachsen auf wie Geschwister und sind es nicht . Was dann später gekommen sein mag , was der schlimme , leidenschaftliche Bursche gethan hat ... O ! Franz ! rief die Mutter vorwurfsvoll . Melanie sah in die Tasse und stützte das schöne Haupt auf den linken Arm ; der rechte spielte mit dem Löffel . Schlurck aber seufzte und sprach in sich hinein : Es ist unsre Schuld ... und unser Kind muß uns vergeben . Melanie war da gewiß nicht ohne Gefühl , wo es ihr nächstes eignes Empfinden berührte . Sie liebte ihren Vater , sie stürzte auf ihn zu , sie weinte und bedeckte ihn mit ihren Küssen . Von diesem Augenblicke an schwiegen alle drei und ließen die sonst so stolzen Fittiche hängen ... Endlich begann die Mutter : Du wolltest von jenen Papieren sprechen ? Schlurck sammelte sich . Er hätte gern ein Thema angeregt , das ihn oft beschäftigte , ob nicht eine bessere Entwickelung Hackert ' s eine Heirath zwischen ihm und Melanie möglich machte . Er wußte , daß er jedesmal mit Entrüstung abgewiesen wurde , er wußte , daß Melanie zitterte , wenn sie nur den Namen Hackert ' s nennen hörte . Er hatte vielfache Forschungen nach seinem wahren Ursprunge angestellt . Er hatte sogar einige Resultate , die er gern erzählte . Er zeigte gern den zerbrochenen Ring , der bei Hackert in dem Korbe , in dem man ihn am Waisenhause ausgesetzt hatte , gefunden worden war ... er schickte Bartusch oft in das Rathsarchiv , um in den hier gesammelten Registern der Gebornen und Getauften von der Stadt und der nächsten Umgegend zu suchen ... er hatte eine Vermuthung von einer heimlichen Geburt , die einmal unter sonderbaren Umständen einige Meilen weit von der Stadt vorgekommen war und betrieb längst unter dem Deckmantel der größten Behutsamkeit Nachforschungen aller Art , selbst in den höchsten Kreisen ; ... aber er kannte den Widerstand der Frauen , die einmal glaubten , ein Vorhang müßte diese Vergangenheit für immer bedecken . Er liebte Hackerten , weil er anschlägig , talentvoll und so bizarr war , wie er selbst zuweilen sein konnte . Selbst daß der unerzogne Knabe von Leidenschaft für das ihm sorglos zur Gespielin gegebene Mädchen entbrannt war , fand er menschlich und ganz in seinem Geschmack . Er hatte wohl , als er erfuhr , daß Hackert Melanie als Kind zu den wildesten Streichen , zu Männertrachten , zu