doch schon das Glas aufnehmend . » Meine Geburtstagsbowle reklamiere ich als Privateigentum ! « rief Fritz . » Also – Prosit ! « Debberitz schmunzelte vergnügt . Die Erinnerung an manchen mit Fritz auf heimlichen Schleichwegen erbeuteten guten Tropfen stieg mit dem Duft des Maitranks lieblich in seiner Phantasie empor , und die Begeisterung für den intelligenten , feinen , immer zu tausend überraschenden , tollen Streichen bereiten Jugendkameraden wachte in seinem leeren Herzen wieder auf . » Prost , alter Junge ! « sagte er behaglich mit seiner fett und satt gewordenen Stimme . Die Gläser klangen aneinander . Debberitz bewegte nach einem langen Zuge schmatzend die Lippen und wischte sich mit seinem Batisttuch die Tropfen aus dem Schnurrbart . » Vorzüglich , « lobte er . » Nee weißte , Fritz , deiner Mutter ihre Bowlen – alle Achtung ! Man hat ja so manche Pulle Sekt und so manche Bowle getrunken , aber so ' n Rauschenroder Maitrank , der hat ' s in sich ! « » Ja , « sagte Fritz und füllte die Gläser aufs neue , » der hat einen Geschmack wie erste Liebe und überdies noch den Vorzug , daß er immer wieder gebraut werden kann , während die erste Liebe ... Na , reden wir nicht weiter darüber ! Was vorbei ist , ist vorbei ! Das zweite Glas auf unsere alten und unsere neuen Streiche ! « Debberitz hatte sich nun schon auf einen der breiten weißen Gartenstühle behaglich niedergelassen . Er lachte und schlug sich vergnügt auf die Schenkel . » Nee weißte , Fritzeken , mit den dummen Streichen , da is es bei mir zu Ende ! Überlegt wird , aber sehr gründlich , ehe ich ne Chose anpacke – aber denn auch rin ins Geschäft und nich wieder locker jelassen ! « » Scheint dir ja mächtig geglückt mit deinem Grundsatz , « bemerkte Fritz humoristisch , » präsentabler Kerl ! « Er schlug ihm lustig mit der flachen Hand auf den stattlichen Bauch . » Es macht sich , es macht sich , « wehrte Debberitz bescheiden ab . Er holte sein Zigarrenetui hervor und bot es Fritz an . » Echte Importen , feine Jelegenheitschose , « sagte er mit der Miene eines Mannes , der zu leben weiß und die guten Dinge der Welt zu genießen gelernt hat . Fritz bediente sich und lobte die Marke . Debberitz aber sagte , sinnend in das blaue duftende Rauchgewölk blickend , das vor ihm in der Luft wirbelte : » Schade , Fritzeken , daß du noch nicht hier warst , als ich mit deinem Vater wegen des Verkaufs von Rauschenrode anfing . Zwischen uns beiden wäre die Sache jlatt abgeschlossen , und das wäre auch das beste für deinen Vater jewesen . « Fritz nahm eine kühlere und verschlossenere Miene an . » Das fragt sich doch sehr , mein lieber Junge , « gab er zurück . » Auf den Preis , den du meinem Vater geboten hast , hätte ich mich jedenfalls nicht eingelassen . « » Aber Mensch ! « rief Debberitz , » du kommst hierher und weißt jar nicht , wie die Sachen hier stehen . Jlaube man , ich weiß hier besser Bescheid wie dein Vater selber . « » Das ist leicht möglich , « meinte Fritz trocken . » Es gibt aber noch andere Wege , um aus der Verlegenheit zu kommen , als den allerletzten , den wir einschlagen würden , nämlich den , unser altes Familiengut für einen Schleuderpreis fortzuwerfen . « Debberitz faßte mit seinen großen Händen beide Armlehnen seines Stuhls , beugte sich vor und rief höhnisch : » Welchen denn , wenn ich bitten darf ? He , welchen denn ? Da wär ich doch sehr neugierig ! Ich will dir mal was sagen , mein Lieber , ihr seid in meiner Hand , ihr seid janz in meiner Hand ! Wenn ich deinem Vater heut abend die Hypothek kündige , da ist er morgen bankrott , verstehste mich ? Bankrott ist er , da jibt ' s keine Rettung ! Ihr tätet wirklich vernünftig , den Vergleich , den ich euch aus alter Anhänglichkeit angeboten habe , mit Dankbarkeit anzunehmen . « Fritz erhob sich von seinem Stuhl und blickte so auf seinen erregten Jugendkameraden nieder . Er begriff in diesem Augenblick , daß sein Vater dem Mann in wildem Zorn die Tür gewiesen hatte . Sein Gesicht blieb ganz ruhig , nur die Mundwinkel zogen sich ein wenig herab und die Brauen in die Höhe , und die Augen bekamen statt der liebenswürdigen Freundlichkeit , die sie sonst widerspiegelten , einen kalten , klugen , überlegenen Blick . » Wir sind also deiner Ansicht nach ganz in deiner Macht ... « begann er langsam und so gelassen , daß der vom Siegesgefühl berauschte Mann ihn erstaunt anblickte . » Ich kann mir denken , « fuhr er weiter fort , » daß es dir ein teuflisches Vergnügen bereitet , mit uns zu spielen wie die Katze mit der Maus . Ja , ja , ich kann mir das sehr gut vorstellen . – Übrigens sehe ich da eben August herankommen , und es liegt mir daran , über alle diese Dinge einmal eingehend mit dir unter vier Augen zu sprechen . Erlaube also , daß ich dich einen Augenblick verlasse , um meinem Bruder zu sagen , wo er die andere Gesellschaft im Walde finden wird . « Er ging auf August zu , der in der Ferne stehengeblieben war und ihn mit einem Gesicht , das eitel Mißbilligung ausdrückte , empfing . » Ich weiß alles , was du sagen willst , « rief ihm Fritz halblaut zu , » ich will auch heute abend noch deine Vorwürfe und Warnungen geduldig über mich ergehen lassen , nur im Augenblick würden sie mich entsetzlich stören . « August , der blaß und nervös aussah , hatte bei Fritzens Anrede eine Bewegung gemacht , als träte er vor etwas Widerlichem zurück . » Ich bitte dich , diesen frivolen Ton zu mäßigen , « sagte er heftig , wenn auch leise , » oder ... oder ich vergesse , daß du mein Bruder bist . « » Nanu ? « fragte Fritz erstaunt . » Ja , « sagte August , vor ihm stehenbleibend , mit mühsam unterdrückter Leidenschaft , » mögen sie dich alle verhätscheln und um dich herumtanzen , ich will dir nur sagen , daß du mir gar nicht imponierst , daß ich keinen Menschen auf der Welt so wütend hasse wie dich ! « » Herrgott , « sagte Fritz ungeduldig , » das begreife ich ja vollkommen , ich will mich ja heute abend gern mit dir über deine Gefühle auseinandersetzen . Dort oben sucht Mimi Rahlen Maiblumen – sie würde sich freuen , wenn du ihr dabei helfen möchtest ! Ich glaube , sie ist gerade in einer Stimmung , die mit der deinen höchst sympathisch zusammenklingen wird ! « August zog gepeinigt das Gesicht zusammen und rieb nervös die Finger . » Ich bitte dich , laß das Mädchen aus dem Spiel , du bist gar nicht wert ... « » Sehr richtig , « unterbrach ihn Fritz lebhaft , » ich bin ihrer gar nicht wert , davon ist sie jetzt auch überzeugt . Ich sagte dir ja schon , in eurer Antipathie gegen mich werden eure Herzen harmonisch zusammenklingen ! « August machte eine verzweifelte Gebärde . » Mit dir ist kein ernstes Wort zu reden ! « » Lieber Junge , « rief Fritz , » um Reden handelt sich ' s hier nicht , es gibt ein besseres Zeitwort , das heißt › handeln ‹ . Und wenn du jetzt nicht handelst und die günstige Stimmung zur Eroberung ausnutzest , so bist du der größte Schafskopf , der mir noch begegnet ist ! Also adieu und verzeih , wenn ich dich deinen Sternen überlasse , um den meinen zu folgen . « Er winkte ihm mit der Hand und ging eilig zu Debberitz zurück . August starrte ihm bestürzt nach . In dem Wort › Schafskopf ‹ hatte ein Ausdruck von Herzlichkeit gelegen , der ihn verwirrte und stutzig machte . Jedenfalls würde er bei Mimi Aufklärung finden , und so war es denn schon das beste , er suchte sie auf , wozu er ja auch eigentlich gekommen war , denn er hätte es doch nicht ertragen können , sie dem Einfluß dieses unberechenbaren Bruders für einen ganzen Nachmittag zu überlassen . » Was war denn mit deinem Bruder los ? « fragte Debberitz neugierig , als Fritz zu ihm zurückkehrte , » der schien ja ganz aus dem Häuschen . « Er saß in dem weißen Stuhl zurückgelehnt , die Beine übereinandergeschlagen , den Rauch der schweren Zigarre behaglich vor sich hinblasend , ein Bild breiter , würdevoller Ruhe , die die Dinge dieser Welt gemächlich an sich herankommen läßt . » Fritz lächelte . Der Mensch hat so Stimmungen , « warf er leicht hin , » ... es könnte sein , daß wir nächstens Verlobung auf Rauschenrode feiern . « Debberitz nahm die Zigarre aus dem Mund und horchte auf . » Verlobung ? Was du sagst ! Doch nicht etwa auf Rauschenrode und Niedernrode ? « Fritz zuckte die Achseln . » Da fragst du mich zuviel ! Diskretion Ehrensache ! « » Donnerschock ! « stieß Debberitz heraus , » so ein Schlaumeier ! Jetzt jeht mir erst ein Dalglicht auf ! Hätte den August nie für solchen Schlaumeier jehalten ! « Er kaute wütend an seiner Zigarre und warf sie dann mit einer bösen Bewegung beiseite . » Zieht nicht mehr , das Biest , « murmelte er verdrießlich . » Du meinst , mit der reichen Schwiegertochter im Hintergrunde kann mein Vater den Verkauf von Rauschenrode ruhig abwarten ? « fragte Fritz liebenswürdig . » Ha , « murrte Debberitz , » so gewaltig ist das Rahlensche Vermögen denn doch nicht , und der Bruder kriegt das meiste . Die überschuldete Klitsche hier zu halten , dazu langt ' s nicht , dazu langt ' s bei weitem nicht . Da macht euch nur keine Illusionen . « » Ich glaube auch nicht , « sagte Fritz , » daß August solche Absichten hegt ... Aber sage mir einmal , was veranlaßt dich denn eigentlich , dein Geld hier hineinstecken zu wollen ? Wenn du immer solche Geschäfte machst , versteh ich nicht , wie du zu deinem Kapital gekommen bist . « Debberitz lachte ein behagliches , sattes Lachen . » Ja , Fritzeken , das is nu sozusagen ne Jemütschose . « » Solchen Luxus wie Gemütschosen kannst du dir also schon leisten ? « fragte Fritz . » Kann ich , Jungchen – kann ich , « wurde ihm geantwortet . » Gratuliere ! « Herr Theodor Debberitz strich sich mit der fleischigen Hand , an deren kleinem Finger ein breiter Goldreif mit einem Diamanten blitzte , den hochgedrehten Schnurrbart . » Siehst du , Fritzeken , « begann er zu erzählen , » daß ich Besitzer von Rauschenrode werden wollte – das habe ich mir schon vorgenommen , als ich hier noch auf dem Hof mit nem zerrissenen Hosenboden rumflankierte und meine Mutter in der Küche half . Das war nu immer so eine Phantasie von mir – un dadruff hab ich auch immer hingearbeitet ... Weeßte , so Sonntags nach der Kirche so als Gutsherr durch die Ställe jehn , so mit der Frau Jemahlin am Arm , de seidene Schleppe übern Kies , un de Kinderchens um einen rumspringen – un denn so durch den Park nach de Jräbers von de Vorfahren – un da so nen Kranz niederlegen .. . weeßte Fritze , unsereens hat ooch sein Herz in der Brust . « » Hab ich ja vorhin erst gesagt , « bemerkte Fritz ernsthaft , » du bist ein deutscher Idealist . « Thete Debberitz nickte einverstanden mit dem Kopf . » Na also , nich wahr , wenn man ' s doch haben kann ... « » Gewiß , gewiß , « bestätigte Fritz . » Ich begreife ja auch vollständig , daß man für seine Ideale Opfer bringt ... Aber , Thete , wenn man alles haben könnte , was man sich wünscht , und daneben noch ein ausgezeichnetes Geschäft mache » , das würdest du doch nicht von der Hand weisen ? Was ? Mit der Landwirtschaft allein ist heutzutage nichts mehr anzufangen , darüber sind wir uns doch beide klar ... « » Dadruff laß ich mich schon gar nicht ein , « lachte Debberitz vergnügt . » So schlau sind wir hier auch noch , wir alten Europäer . Wenn du aber meinst , ich soll dir meine Pläne verraten – nee , mein Lieber , so dumm sind wir hier ooch nicht . « » Ganz wie du willst , « meinte Fritz kühl , » ich habe keine Geheimnisse vor dir . Ich gestehe dir ganz offen und ehrlich , daß ich mit dir Hand in Hand gehen möchte , und daß , wenn ich deine Unterstützung finde , ich auch August und meinen Vater für meine Pläne gewinnen werde . Also höre mal zu : die Wasserkraft des Rauschenfalles wird für ein Elektrizitätswerk ausgenutzt , dem August als Direktor vorsteht . Unten im Tal , wo jetzt die magern Haferfelder liegen , erhebt sich bald ein großes Sanatorium , das die Kraft zu seinen elektrischen Bädern und sonstigen Scherzartikelchen aus dem Elektrizitätswerk empfängt . Die Villen des neuen Kurortes gruppieren sich naturgemäß um das Sanatorium . Eine elektrische Bahn unten im Bogen um die Berge und durch Niedernroder Gebiet bringt uns in direkte Verbindung mit der Residenz Langenrode , mit dem dortigen Hof und der Welt . Denn von Langenrode ist man in vier Stunden in Berlin . Diese Sache wird gemacht , ob mit oder ohne deine Hilfe ist mir gleich . Aber gemacht wird sie ! Darauf kannst du dich verlassen ! Ist auch eine Jemütschose ! Und darum werde ich auch meinem Alten nicht erlauben , daß er Rauschenrode jetzt aus der Hand gibt . « » Du hast wohl noch ein Fräulein van Gould in Aussicht , die dir die Millionen zu deinen Plänen bereit hält ? « fragte Debberitz hämisch . » Ich mache solche Geschäfte mit Männern . Wenn deutsche Kapitalisten sich nicht dazu bereitfinden , so hole ich mir allerdings das nötige Geld aus Amerika . Ich war nicht zehn Jahre drüben , um ohne Verbindungen zu bleiben . Glaubst du , ich bin nach Deutschland gekommen , um bei Muttern mal wieder Maibowle zu trinken ? « Debberitz hatte lauernd zugehört . Jeder von beiden Männern achtete gespannt auf jede Schattierung im Wort des andern , beobachtete aufs schärfste jede Bewegung der Gesichtsmuskeln des Gegners : zwei Kämpfer , die argwöhnisch und listig gegenseitig ihre Kräfte abschätzen , ehe sie auf den Kampfplatz treten , auf dem jeder zu siegen entschlossen ist . Der eine hatte die breite , brutale Wucht seiner Geldsäcke einzusetzen , der andere die geschmeidige Gewandtheit seiner Intelligenz , und hinter beiden lag die Erfahrung von wechselnden Erfolgen und Niederlagen . Debberitz stand schwerfällig aus seinem Stuhl auf und reckte die mächtigen Glieder . » Das klingt allens janz schön , « sagte er in einem wegwerfenden und ablehnenden Tone , » wo der Vorteil herausspringen soll , ist mir noch sehr schleierhaft . Nee , nee , ich will mir mit Rauschenrode eine stille Ruhestätte für meine alten Tage erwerben . « » Ein Kerl wie du , « sagte Fritz , » und spricht von Ruhestätte für seine alten Tage ? Du solltest dich was schämen ! Mein alter Herr , der hat ein Recht auf Ruhestätte und auf stille Träume bei den Gräbern der Vorfahren . Dem lassen wir das alte rumplige Schloß , den Park – die Jagd . « » Sonst nicht noch was ? « fuhr Debberitz dazwischen . » Nein , sonst nichts , « sagte Fritz unbewegt . » Das übrige Terrain kaufst du ihm ab . Du gehörst mitten hinein in deine Gründung . Ich sehe schon die Villa Debberitz sich in der Nähe des Bahnhofs erheben . Kolossal – der Palast der modernen Industrie mit allem Komfort der Neuzeit . « » Nee , nee , « machte Debberitz , » ihr auf dem Schloß bleibt doch immer die Herrschaft . « Fritz trat an ihn heran und schlug ihn auf die Schulter . » Komme mir doch nicht mit so abgestandenen Begriffen . Bis deine Villa steht , wird dir ein Flügel im Schloß eingeräumt . Du hast deinen eigenen Diener , nimmst teil an den Mahlzeiten der Familie oder nicht , wie es dir paßt ... kurz , geehrter Gast – Familienmitglied ... « Debberitz lachte . » Dazu werden sich deine hochmütigen Leute jerade herablassen . Nee , Fritz , alles oder nischt , is mein Wahlspruch . – Du fängst mich nicht mit deinen schönen Vorspiegelungen ! Verschafft ihr euch nur euer Kapital zu eurer Gründung von deinen Yankeefreunden . Wollen mal sehen , ob ' s rechtzeitig eintrifft , wenn ich die Hypothek kündige . « In diesem Augenblick ertönte ein ängstlicher Schrei , und man hörte eine Frauenstimme rufen : » Ich rutsche ja , halten Sie mich doch , Kunze , aber so halten Sie mich doch ! « Fritz war aufgesprungen und eilte der Gegend zu , woher der Schrei ertönte . Zu seinem äußersten Erstaunen fand er auf einem etwas steilen , vom Heuberg niedergehenden Waldpfade , der zudem durch altes , vermoderndes Laub schlüpfrig gemacht wurde , die Prinzessin Karoline , hochrot im Gesicht , mit ganz verängstigten Augen und krampfhaft den Arm des sie begleitenden Lakaien umklammernd . Die korpulente Dame in ihrem falbelreichen lila Seidenkleid war augenscheinlich wenig an Bergpartien gewöhnt und begrüßte Fritz wie einen Retter in höchster Gefahr . » Ach , mein lieber , junger Freund ! « stöhnte sie , » welch ein Glück , daß ich Sie gefunden habe ! Ich habe Ihretwegen diese halsbrecherische Partie unternommen ! Hörte durch Trinette , daß heute Ihr Geburtstag ist , wollte Ihnen Glück wünschen . Nett von mir , was ? Ohne Gefolge durchgebrannt , was sagen Sie ? « » Vorzüglich , Hoheit , « rief Fritz , » wie soll ich für solche Gnade danken ? « Sie hatte ihre Fröhlichkeit schon wieder gewonnen und kicherte jugendlich kokett , indem sie sich schwer auf ihn stützte ; trotzdem glitten ihr die Füße aus , und sie mußte , auf der einen Seite von Fritz , auf der andern vom Lakaien halb gestützt und halb getragen , auf der Wiese und auf sicherm Terrain angelangt sein , ehe sie wieder zu Atem kam . » Nun sagen mir Hoheit , « fragte sie Fritz , » warum Hoheit diesen unbequemen Weg wählen statt des gutgeebneten Waldwegs , der vom Schloß hierher führt , denn ich nehme doch nicht an , daß Hoheit von Nassenstein aus zu Fuß gekommen sind ? « » Ach , was trauen Sie mir zu . Sie junger Springinsfeld , « rief die Prinzessin und erzählte , ihr Wagen warte vor dem Schloß . Dort habe man ihr mitgeteilt , wo sie die Familie finden werde , und so sei sie denn nach dem Wald aufgebrochen . Ein schmaler , moosiger , grüner Seitenpfad , der ihr so viel romantischer geschienen als die breite Straße , habe sie in die Irre gelockt , und so sei sie auf diesen unbequemen Abstieg geraten . Fritz führte die fürstliche Dame mit der liebenswürdigen Sorglichkeit , die ihm Frauen gegenüber eigen war , nach dem Pavillon und zu einem bequemen Stuhl , in dem sie sich erschöpft und ächzend niederließ . » Mon Dieu , bin ich echauffiert ! « Er neigte sich über ihre Hand und küßte sie ehrfurchtsvoll etwas länger und zärtlicher , als es die Etikette gerade geboten hätte . » Hoheit sehen mich sehr beglückt von so viel unverdienter Gnade , « beteuerte er dabei . Die Prinzessin Karoline betrachtete mit einem wehmütig komischen Gesichtsausdruck ihren Handrücken , der den Kuß empfangen hatte , nickte ein wenig mit dem Kopf und sagte weich und träumerisch : » Ach Jugend , Jugend ! « Fritz fand es nötig , sie ihren gefährlichen Träumereien nicht zu lange zu überlassen , und fragte , ob er nicht Tante Trinette rufen dürfe , sie müsse sich irgendwo in der Nähe auf der Ameisenjagd befinden . Die Prinzessin aber zog Fritz unbefangen an der Hand auf den Sitz neben sich , hielt die kräftige Männerhand zwischen ihren weichen , warmen Fingern und strich mütterlich zärtlich darüber hin , » nein , nein , lassen Sie Tante Trinette nur , wo sie ist . Ich bin nicht Tante Trinettens wegen gekommen . « Plötzlich aber blickte sie ängstlich um sich . » Kunze , schnell meinen Umhang , es zieht hier ein wenig ! Ach , so wird man gemahnt ! Gicht , Rheuma – Trinettens Ameisenspiritus ! Ach , man ist eine alte , fette Ruine ! « Sie blickte Fritz mit ihren sonst so muntern Augen kläglich und hilfesuchend an , als könnte er sie auf irgendeine Weise von diesem unabwendbaren Schicksal befreien , und er wußte sie nicht besser zu trösten , als indem er sich aufs neue über ihre Hand beugte und noch einen Kuß darauf drückte . Dies schien ihr auch wohlzutun . Sie blickte um sich und bemerkte nun erst Herrn Theodor Debberitz , der seinerseits höchst spannende Augenblicke durchlebt hatte . Er , Thete Debberitz , stand kaum drei Schritte von einem wahrhaftigen Mitglied seines angestammten Fürstenhauses ! Obschon er in Berlin der freisinnigen Partei angehörte und den vorgeschrittensten Grundsätzen huldigte , überfiel ihn dieses Bewußtsein wie ein berauschendes Glück . Was hatte man nicht seinerzeit für Geschichten von der Prinzessin Karoline zu berichten gewußt ! Wie oft war nicht ihr Name tuschelnd von Ohr zu Ohr geführt worden unter der tugendsam entrüsteten Bürgerschaft von Langenrode-Hirschburg-Nassenstein . So mischte sich denn in Theodor Debberitz die atembeklemmende Achtung vor dem hohen Range der Dame mit einem pikanten Interesse an ihrer Person . Es war abscheulich , daß er vor Spannung und Erregung ganz verlegen wurde , von einem Fuß auf den andern trat und nicht wußte , ob er sich durch irgendeine Anrede bemerkbar machen dürfe oder bescheiden warten müsse , bis Fritz ihn vorstellen würde . Indessen ließ dieses Ereignis auch nur wenige Sekunden auf sich warten . Dann legte Fritz den Arm um seine Schultern , zog ihn näher zu der Prinzessin heran und fragte sie , ob er die Ehre haben dürfe , ihr seinen alten Jugendfreund Herrn Theodor Debberitz aus Berlin vorzustellen . Die Prinzessin nahm die Lorgnette vor die Augen und betrachtete mit der Versicherung , daß sie Jugendfreunde rührend finde , den prächtigen Herrn Debberitz von oben bis unten . Er hatte sich mit strahlendem Gesicht tief verneigt und stammelte als Erwiderung die Entschuldigung , man sei ja sozusagen auf dem Lande . Womit er wahrscheinlich andeuten wollte , daß er bedauere , nicht sofort in Frack und weißer Binde vor der Hoheit erscheinen zu können . » Es muß Hoheit aufs äußerste interessieren , « rief Fritz eindringlich erklärend , » in Theodor Debberitz einen jener Männer kennenzulernen , deren geschäftliches Genie einen großen Anteil hat an dem kolossalen Aufschwunge , den unser Vaterland in den letzten Jahren genommen hat , und der die ganze übrige Welt mit Furcht und Bewunderung erfüllt . « Hier fand Herr Debberitz , von der Fülle dieses Lobes überwältigt , es an der Zeit , einzugreifen und zu erklären , daß er ein bescheidener Mann sei , obschon er ja manches vor sich gebracht habe . Die Prinzessin aber winkte ihm ab und rief ungeduldig , mit ihren muntern Augen von einem zum andern blickend : » Nicht stören , weiter , weiter ! Sehr interessant alles dieses ! Handel , Industrie – Industrie ist Trumpf , sagt mein Bruder , der Herzog . Ich bin begeistert , in Ihnen , Herr von Debberitz , einen Vertreter jener Kreise kennenzulernen . « Theodor Debberitz schmunzelte . Das Wörtlein » von « gefiel in so naher Verbindung mit seinem Namen seinen Ohren allzu wohl . Fritz aber sagte : » Hoheit fühlen mit Recht , daß ein Mann , der im Begriff steht , seiner engern Heimat von unermeßlichem Nutzen zu werden und durch ein neues riesiges Unternehmen diese Gegend zu ungeahnter Blüte zu bringen , ihr sozusagen die Goldströme des internationalen Verkehrs zuzuführen , in erster Linie den Adel verdient und sicher auch in nicht allzuferner Zeit von seinem Fürsten für seine immensen Verdienste damit belohnt werden wird . « » O , « rief die Prinzessin , » immense Verdienste ! Gewiß wird mein Bruder , der Herzog , nicht verfehlen ... wenn ich auch selbst natürlich wenig Einfluß habe . « Es geschah Herrn Debberitz , daß er errötete wie ein junger Bursche , während der Regen von Fritzens Lobeserhebungen sich über sein Haupt ergoß . Noch vor wenigen Minuten würde er diese reklamehaften Anpreisungen als ein plumpes Geschäftsmanöver einfach verlacht haben . Er erkannte sie auch jetzt als ein solches , aber sie eröffneten ihm zugleich neue Ausblicke , die ihm mit einem Male einen ganz neuen Weg für seine Ziele zeigten . Durch die neckische Art , in der Fritz mit der Prinzessin verkehrte , hatte Debberitz ja erst einen Einblick gewonnen , wie es eigentlich unter diesen Leuten herging , wie nahe sie zusammenhingen , wie fest und sicher das Band geschlungen war , das diesen Kreis verband . Nein , nicht indem er die Familie von Kosegarten aus ihrem Besitz vertrieb und sich an ihre Stelle setzte , würde es ihm gelingen , Einlaß in den heiligen Zirkel zu finden , sondern im Gegenteil , im Anschluß an sie , von ihr geschoben und geführt , mit ihr durch tausend Interessen verknüpft und , wer weiß – am Ende gar durch Familienbande verbunden . Alle diese Erwägungen zogen , wenn auch nicht ganz klar formuliert , blitzschnell an seinem Geist vorüber . Und so geschah es , daß er Fritzens Vorschläge in einem andern Licht erblickte und mit einigen Möglichkeiten zu rechnen begann , die ihm bisher noch nicht aufgegangen waren . Die bei Herrn Debberitz stattfindende innere Veränderung in der Betrachtungsweise von Fritzens Vorschlägen wurde äußerlich von ebendiesem durch eine verlockende , mit den heitersten Farben geschmückte Ausmalung des neuen Weltbades Rauschenrode-Hirschburg-Nassenstein begleitet . Die Prinzessin zeigte sich begeistert von dem Bilde , das er ihr im Stil eines amerikanischen Reporters entwarf . Sie klatschte in die Hände wie im Theater und tief mehrfach : » Bravo , bravo , bravissimo ! Das wird ein anderes Leben hier werden , da werden wir uns amüsieren können . O , man wird Toiletten hier sehen – nicht nur die gehäkelten Tücher der Sommerfrischenmütter . Wir werden doch Kurkonzerte haben , nicht wahr ? Könnten Sie nicht eine Rulette aufstellen lassen ? Ach , bitte , bitte ! Das wär so nett ! « » Wer weiß , was alles im Schoß der Zukunft verborgen ruht , « orakelte Fritz munter drauflos . Debberitz aber sagte ernst und gewichtig : » Hoheit , die Chose ist noch nicht spruchreif . Solche Gründung will überlegt werden . Der Deubel auch ! Dabei handelt sich ' s nicht um einen Pappenstiel . « » O , Herr von Debberitz , « rief die Prinzessin bittend und die Lippen aufwerfend wie ein schmollendes Kind , » überlegen Sie nicht zu lange ! Es wäre süperb , wenn wir nächsten Sommer schon die Kurkonzerte hätten – und ein kleines Jeuchen ! « Sie beugte sich vor , blickte ihn mit einem ihrer koketten Schelmenblicke in die Augen und tippte ihn aufmunternd mit dem Fächer auf den Arm . Obwohl Prinzessin Karoline dem fünfzigsten Jahre näher stand als dem vierzigsten , rann Theodor Debberitz dennoch bei dieser leichten Berührung ein Schauer der Wonne durch die Glieder . Er bemühte sich , gnädig gewährend und zugleich dankbar beglückt zu lächeln , und sagte mit einem tiefen Atemzuge : » Hoheit können versichert sein , daß Theodor Debberitz alles tun wird , was in seinen Kräften steht , um Hoheits Wünsche zu erfüllen ! « Die Prinzessin schlug mit einem kleinen jugendlichen Jauchzer in die Hände und rief : » Das wird schrecklich ... Nun wird man wieder niemals genug Geld haben ! « Sie wandte sich vertraulich zu Fritz : » Ach , Herr von Kosegarten , diese ewigen Geldkalamitäten ! Gar nicht nett , gar nicht nett für eine Prinzessin ! « » Begreife ich vollkommen ... Sollte auch niemals einer Dame , wie Hoheit sind , nahetreten . Aber es gibt da eine Abhilfe ... « Und sich zu der Prinzessin niederbeugend , flüsterte er ihr mit dem zärtlichsten Tonfall seiner liebenswürdigen Stimme ins Ohr : » Haben Hoheit schon einmal das Wort » Aktien « gehört ? « » Gewiß doch , « rief die Prinzessin stolz , » Aktionäre – Millionäre , ist das nicht etwas Ähnliches ? « » Nun , Hoheit , « sagte Fritz , während Debberitz in ein pruschendes Lachen verfiel , » zuweilen trifft beides zusammen , zuweilen weniger , zuweilen auch gar nicht ! Wer aber eine genügende Anzahl der Aktien des Elektrizitätswerkes Rauschengrund sowie des Weltbades Rauschenrode-Nassenstein erwirbt , der , Hoheit , das darf ich wohl mit der Überzeugung eines ehrlichen Mannes behaupten , dürfte dem Millionär um eine beträchtliche Stufe nähergerückt sein ! « Die Prinzessin griff nach Fritzens Arm und drückte ihn in der Freude