er hinaus . » Nun , so werde ich euch wohl um die Erklärung dieses seltsamen Auftrittes bitten müssen , « wandte sich die Fürstin jetzt zu den beiden andern . » Bleiben Sie , Herr Doktor ! « fuhr sie fort , als Doktor Fabian , der bisher ängstlich an der Thür gestanden hatte , Miene machte , seinem Zögling zu folgen . » Jedenfalls waltet hier ein Mißverständnis , und ich werde Sie wohl ersuchen müssen , die Aufklärung bei meinem Sohne zu übernehmen . Er macht es mir durch sein Fortstürmen ja unmöglich , dies selbst zu thun . – Was ist vorgegangen ? Ich will es wissen ! « Wanda kam der Aufforderung nicht nach ; sie warf sich statt dessen in das Sofa und brach in ein leidenschaftliches Weinen aus , Leo aber trat auf den Wink der Mutter zu ihr und teilte ihr leise das Vorgefallene mit . Die Miene der Fürstin war finsterer bei jedem seiner Worte , und es kostete ihr offenbar Mühe , die ruhige Haltung zu behaupten , als sie sich endlich zu dem Doktor wandte und scheinbar gelassen sagte : » Wie ich voraussetzte , ein Mißverständnis , nichts weiter ! Eine Neckerei zwischen meiner Nichte und meinem jüngsten Sohne hat Waldemar Anlaß gegeben , sich beleidigt zu fühlen . Ich bitte Sie , ihm zu sagen , daß ich das aufrichtig bedaure , aber auch von ihm erwarte , er werde der Thorheit der beiden übermütigen Kinder « – sie betonte die Worte scharf – » nicht mehr Wichtigkeit beilegen , als sie verdient . « » Es wäre wohl das beste , wenn ich jetzt meinen Zögling aufsuchte , « wagte Fabian zu bemerken . » Gewiß – thun Sie das ! « stimmte die Dame bei , der sehr daran lag , den ebenso unschuldigen wie unwillkommenen Zeugen der Familienscene zu entfernen . » Auf Wiedersehen , Herr Doktor ! Ich rechne bestimmt auf Ihre baldige Rückkehr in Begleitung Waldemars . « Sie sprach die letzten Worte sehr gnädig und nahm die Abschiedsverbeugung des Erziehers mit einem Lächeln entgegen , als sich aber die Thür hinter ihm geschlossen hatte , trat die Fürstin mit einer heftigen Bewegung zwischen Wanda und Leo , und ihr Antlitz verkündete einen Sturm , wie er nur selten bei der gestrengen Mutter und Tante heraufzog . – Doktor Fabian hatte inzwischen von Pawlick erfahren , daß der junge Herr Nordeck sich auf sein Pferd geworfen habe und fortgeritten sei . Es blieb dem Doktor nichts übrig , als gleichfalls nach Altenhof zu fahren , was er auch schleunigst that , aber bei seiner Ankunft dort erfuhr er , daß Waldemar noch nicht eingetroffen sei . Der Erzieher konnte nicht umhin , sich über dieses Ausbleiben zu beunruhigen , das ihm unter andern Umständen gar nicht aufgefallen wäre . Der Schluß der erregten Scene , die er mit angesehen , ließ ihn in seinen Vermutungen der Wahrheit einigermaßen nahe kommen . Die Fürstin hatte freilich nur von einem Mißverständnisse gesprochen , von einer Neckerei , die ihr Sohn übelgenommen habe , aber das wilde Fortstürmen desselben , seine schneidende Antwort auf den bittenden Ruf der jungen Gräfin – und vor allem der Ausdruck seines Gesichtes zeigte , daß es sich hier um ganz andres handelte . Es mußte etwas Ernstes vorgefallen sein , daß Waldemar , der eben noch geduldig , mit Verleugnung seines ganzen Charakters , sich jeder Laune Wandas beugte , ihr und den Ihrigen in so furchtbarer Erregung den Rücken kehrte , daß er das Haus der Mutter in einer Weise verließ , die auf Nimmerwiederkehr deutete . Aber auch hier in Altenhof verfloß der ganze Nachmittag , ohne daß Waldemar sich zeigte . Doktor Fabian harrte vergebens ; er war froh , daß Herr Witold die Abwesenheit seiner beiden Hausgenossen benutzt hatte , um nach der nahegelegenen Stadt zu fahren , von wo er erst gegen Abend zurückerwartet wurde – so entging man wenigstens fürs erste seinen unvermeidlichen Fragen . Stunde an Stunde verging ; der Abend brach herein , aber weder der Inspektor , der in der Försterei gewesen war , noch die Leute , die vom Felde heimkamen , hatten den jungen Herrn gesehen . Jetzt trieb die Angst den Doktor zum Hause hinaus ; er ging eine Strecke den Fahrweg hinauf , der nach dem Gute führte und den jeder Ankommende benutzen mußte . In einiger Entfernung zog sich ein sehr breiter und tiefer Graben hin , der meistens voll Wasser stand , aber die Hitze dieses Sommers hatte ihn völlig ausgetrocknet , und die mächtigen Feldsteine , mit denen der Grund förmlich gepflastert war , lagen offen da . Von der Brücke , die hinüberführte , hatte man einen weiten Umblick auf die Felder ringsum . Noch war es völlig hell im Freien , nur der Wald fing schon an , sich in Dämmerung zu hüllen . Ratlos stand Doktor Fabian auf der Brücke und überlegte eben , ob er weitergehen oder umkehren solle – da endlich erschien in der Ferne die Gestalt eines Reiters , der im Galopp näher kam . Der Doktor atmete auf ; er wußte selbst nicht recht , was er eigentlich gefürchtet hatte , aber die Befürchtung war ja grundlos gewesen , und voll Freude darüber eilte er am Graben entlang dem Ankommenden entgegen . » Gott sei Dank , daß Sie da sind , Waldemar ! « rief er . » Ich habe mich so sehr Ihretwegen geängstigt . « Waldemar zügelte sein Pferd beim Anblick seines Lehrers . » Weshalb ? « fragte er kalt . » Bin ich ein Kind , das man nicht aus den Augen lassen darf ? « Es war trotz der erzwungenen Ruhe ein fremder Klang in seiner Stimme , der die kaum beschwichtigten Besorgnisse des Doktors wieder aufwachen ließ . Er sah erst jetzt , daß das Roß bis zum Tode erschöpft schien ; es war über und über mit Schweiß bedeckt ; aus seinen Nüstern floß der Schaum nieder , und die Brust hob sich keuchend . Das Tier war augenscheinlich ruhelos umhergejagt worden , nur der Reiter zeigte keine Spur von Ermüdung ; er saß fest im Sattel , hatte mit eisernem Griff die Zügel gefaßt und machte jetzt , statt seitwärts nach der Brücke zu lenken , Miene , über den Graben zu setzen . » Um Gottes willen ! « wehrte Fabian ab . » Sie werden doch nicht eine solche Tollkühnheit begehen – Sie wissen ja , Normann nimmt den Graben nie . « » So nimmt er ihn heute , « erklärte Waldemar , seinem Roß die Sporen in die Seite setzend ; es stieg hoch empor , aber es scheute zurück vor dem Hindernis und mochte auch wohl fühlen , daß die erschöpften Kräfte ihm den Dienst versagen würden . » Aber so hören Sie doch ! « flehte der Doktor , indem er trotz seiner Furcht vor dem bäumenden , schlagenden Tier nahe herantrat . » Sie verlangen Unmögliches ; der Sprung mißlingt , und Sie zerschmettern sich im Sturze den Kopf an den Steinen da unten . « Statt aller Antwort trieb Waldemar seinen Normann von neuem an , » Gehen Sie mir aus dem Wege ! « stieß er hervor . » Ich will nun einmal hinüber – aus dem Wege , sage ich . « Der wilde , qualvoll gepreßte Ton zeigte dem Doktor , wie es in diesem Augenblick um seinen Zögling stand und daß er nicht viel danach fragte , ob er sich wirklich da unten auf den Steinen zerschmetterte . In seiner Todesangst vor dem Unglück , das er unvermeidlich herankommen sah , wagte es der sonst so furchtsame Mann , in die Zügel zu greifen , und wollte seine Vorstellungen fortsetzen . In demselben Moment aber sauste ein furchtbarer Hieb der Reitpeitsche auf das widerspenstige Roß nieder ; es bäumte sich in die Höhe und schlug wild mit den Vorderfüßen in die Luft , aber es versagte den Sprung . Zugleich schlug ein schwacher Schrei an das Ohr des Reiters ; er stutzte , hielt inne und riß dann blitzschnell das Tier zurück – es war zu spät . Doktor Fabian lag bereits am Boden , und als Waldemar in der nächsten Sekunde vom Pferde sprang , sah er seinen Lehrer blutend , ohne Lebenszeichen vor sich liegen . Als Waldemar in der nächsten Sekunde vom Pferde sprang , sah er seinen Lehrer blutend , ohne Lebenszeichen vor sich liegen . Die Bewohner von Altenhof hatten eine Woche voll Angst und Sorge durchlebt . Als Herr Witold an jenem Abend zurückkam , fand er das ganze Haus in Aufruhr . Doktor Fabian lag blutend und noch immer bewußtlos in seinem Zimmer , während Waldemar , mit einem Gesicht , das den Pflegevater fast noch mehr erschreckte , als das Aussehen des Verwundeten , sich bemühte , das Blut zu stillen . Von ihm war nichts weiter herauszubringen , als daß er die Schuld an dem Unglück trage , und so blieb der Gutsherr größtenteils auf den Bericht der Dienstleute angewiesen . Von ihnen erfuhr er , daß der junge Herr mit einbrechender Dämmerung angelangt war , den Verletzten , den er die ganze Strecke getragen haben mußte , in den Armen , und sofort Boten nach dem zunächst wohnenden Arzte gejagt hatte . Eine Viertelstunde später war auch das Pferd eingetroffen , erschöpft und mit allen Spuren eines heftigen Rittes . Das Tier hatte den wohlbekannten Weg allein nach Hause zurückgelegt , als es sich von seinem Herrn verlassen sah ; weiter wußten die Leute nichts . Der bald darauf eintreffende Arzt machte ein sehr ernstes Gesicht bei der Untersuchung . Die Kopfwunde , die offenbar von einem Hufschlag herrührte , schien bedenklicher Art zu sein , und der starke Blutverlust und die schwächliche Konstitution des Verwundeten ließen eine Zeit lang das Schlimmste befürchten . Herr Witold , der bei seiner eigenen und Waldemars kerngesunden Natur bisher nie gewußt hatte , was Krankheit und Sorge eigentlich sei , schwor oft genug , daß er für alle Schätze der Welt diese Tage nicht noch einmal durchleben möchte . Heute zum erstenmal zeigte das Gesicht des Gutsherrn wieder seinen gewöhnlichen , derb gutmütigen und unbekümmerten Ausdruck , als er in dem Zimmer des Kranken an dessen Bett saß . » Also das Schlimmste hätten wir glücklich überstanden , « sagte er . » Und nun , Doktor , thun Sie mir den Gefallen und setzen Sie dem Waldemar den Kopf zurecht ! « Er zeigte auf seinen Pflegesohn , der am Fenster stand und , die Stirn gegen die Scheiben gedrückt , auf den Hof hinausblickte . » Ich richte nichts mit ihm aus . Sie können jetzt alles bei ihm durchsetzen ; also bringen Sie ihn zur Vernunft ! Der Junge geht mir sonst noch zu Grunde an der unglückseligen Geschichte . « Doktor Fabian , der eine breite weiße Binde um die Stirn trug , sah noch sehr angegriffen aus , aber er saß doch schon wieder aufrecht in die Kissen gelehnt , und seine Stimme klang , wenn auch noch etwas matt , doch vollkommen klar , als er fragte : » Was soll denn Waldemar ? « » Vernünftig sein ! « erklärte Witold mit Nachdruck . » Und Gott danken , daß die Geschichte noch so abgelaufen ist ; statt dessen plagt er sich damit herum , als hätte er wirklich einen Mord auf dem Gewissen . Ich habe wahrhaftig auch Angst genug ausgestanden während der ersten Tage , wo Ihr Leben an einem Haar hing , aber jetzt , wo der Arzt Sie außer Gefahr erklärt hat , kann man doch wieder aufatmen . Was zuviel ist , ist zuviel , und ich halte es nicht aus , wenn mir der Junge noch länger mit solchem Gesicht herumgeht und stundenlang kein Wort spricht . « » Aber ich habe es Waldemar ja schon so oft versichert , daß ich allein die Schuld an dem Unfall trage , « sagte der Doktor . » Er war ja in vollem Kampf mit dem Pferde begriffen und konnte es nicht sehen , daß ich so nahe stand . Ich war so unvorsichtig , dem Tiere in die Zügel zu greifen , und da riß es mich nieder . « » Sie sind dem › Normann ‹ in die Zügel gefallen ? « rief der Gutsherr , starr vor Staunen . » Sie , der Sie jedem Pferde zehn Schritte aus dem Wege gehen und der wilden Bestie vollends niemals zu nahen wagten ? Wie kamen Sie denn dazu ? « Fabian sah zu seinem Zögling hinüber . » Ich hatte Furcht vor einem Unglück , « entgegnete er sanft . » Das auch ohne Frage erfolgt wäre , « ergänzte Witold . » Waldemar muß an dem Abend seine fünf Sinne nicht recht beisammen gehabt haben . An der Stelle über den Graben setzen zu wollen , noch dazu mit einem halbtot gejagten Pferde und bei einbrechender Dämmerung ! Ich habe es ihm immer gesagt , er würde noch einmal ein Unglück anrichten mit seiner Wildheit ; nun hat er eine Lehre bekommen – freilich , er nimmt sie sich doch etwas gar zu sehr zu Herzen . Also , Doktor , lesen Sie ihm ordentlich den Text – das Sprechen ist Ihnen ja jetzt wieder erlaubt – , und dann reden Sie ihm zu , vernünftig zu sein ! Ihnen folgt er jetzt aufs Wort , das weiß ich . « Damit stand der Gutsherr auf und verließ das Zimmer . Die beiden Zurückgebliebenen schwiegen eine Weile ; endlich begann der Doktor : » Haben Sie gehört , Waldemar , was mir aufgetragen wurde ? « Der junge Mann , der bisher schweigend und teilnahmlos am Fenster gestanden hatte , als berühre ihn das Gespräch gar nicht , wendete sich sofort um und trat an das Bett . Auf den ersten Blick schien die Besorgnis Witolds übertrieben ; eine Natur wie die Waldemars unterlag nicht so leicht seelischen Einflüssen . Er war nur etwas bleicher als sonst ; wer ihn aber genauer ansah , der bemerkte doch die Veränderung . Es stand ein fremder Zug in seinem Gesicht , der etwas geradezu Beängstigendes hatte ; eine eigentümliche Starrheit lag darin , in der jede andre Regung erstorben zu sein schien . Vielleicht war es auch nur der Panzer , mit dem eine furchtbar aufgereizte Empfindung sich gegen die Außenwelt abschloß , aber auch die Stimme hatte nicht mehr den vollen kräftigen Klang ; sie war matt und tonlos , als er erwiderte : » Hören Sie doch nicht auf den Onkel ! Mir ist ja nichts . « Doktor Fabian ergriff mit beiden Händen die Rechte seines Zöglings , was dieser widerstandslos geschehen ließ . » Herr Witold meint , Sie machten sich immer noch Vorwürfe wegen des Unfalles , der mich betroffen . Das können Sie aber doch jetzt nicht mehr , wo jede Gefahr beseitigt ist und die Schmerzen nur noch äußerst gering sind . – Ich fürchte , es handelt sich um etwas andres . « Die Hand des jungen Mannes zuckte in der seines Lehrers . Er wendete das Gesicht ab . » Ich habe diesen Punkt noch nicht zu berühren gewagt , « fuhr Fabian zaghaft fort . » Ich sehe , daß es Ihnen auch jetzt noch Pein verursacht . Soll ich schweigen ? « Ein tiefer Atemzug rang sich aus Waldemars Brust empor . » Nein ! Ich muß Ihnen ohnedies noch dafür danken , daß Sie dem Onkel die Wahrheit verschwiegen . Er hätte mich zu Tode gemartert mit seinen Fragen , und ihm hätte ich doch nicht Rede gestanden . Ihnen hat meine Stimmung an jenem Abend beinahe das Leben gekostet ; Ihnen kann und will ich nicht ableugnen , was Sie ja schon wissen . « » Ich weiß nichts , « versetzte der Doktor mit bekümmerter Miene . » Ich hege nur Vermutungen nach der Scene , die ich mitansah . Waldemar , um Gottes willen , was ist damals vorgefallen ? « » Eine Kinderei , « sagte Waldemar bitter . » Eine bloße Thorheit , die es gar nicht verdient , daß man sie ernst nimmt – so schrieb mir meine Mutter wenigstens vorgestern . Ich habe es aber nun einmal ernst genommen , so furchtbar ernst , daß es mir ein Stück von meinem Leben gekostet hat , das beste vielleicht . « » Sie lieben die Gräfin Morynska ? « fragte der Doktor leise . » Ich habe sie geliebt . Das ist vorbei . Ich weiß jetzt , daß sie nur ein erbärmliches Spiel mit mir getrieben hat – jetzt bin ich fertig mit ihr und mit meiner Liebe . « Fabian schüttelte den Kopf , während sein Blick mit tiefer Besorgnis auf den Zügen des jungen Mannes haftete . » Fertig ? Sie sind es noch lange nicht . Ich sehe es nur zu gut , wie schwer Sie noch in diesem Augenblick leiden . « Waldemar fuhr mit der Hand über die Stirn . » Das wird vorübergehen . Habe ich es ertragen , so werde ich es auch überwinden , und überwinden will ich ' s um jeden Preis . Nur noch eine Bitte : schweigen Sie auch ferner gegen den Onkel und – gegen mich . Ich werde die Schwäche niederkämpfen , das weiß ich , aber sprechen kann ich nicht darüber , auch mit Ihnen nicht . Lassen Sie mich das mit mir allein ausmachen – um so eher ist es begraben . « Seine zückenden Lippen verrieten , welche Qual ihm jede Berührung der Wunde schuf ; der Doktor sah , daß er davon abstehen mußte . » Ich schweige , wie Sie es wünschen , « versicherte er . » Sie sollen auch in Zukunft nie wieder ein Wort darüber hören . « » In Zukunft ? « wiederholte Waldemar . » Wollen Sie denn überhaupt noch bei mir bleiben ? Ich habe angenommen , Sie würden uns gleich nach Ihrer Genesung verlassen . Ich kann Ihnen doch nicht zumuten , bei einem Zögling auszuhalten , der Ihre Angst und Sorge um ihn damit vergalt , daß er Sie niederritt . « Der Doktor faßte wieder beschwichtigend die Hände des jungen Mannes . » Als ob ich nicht wüßte , daß Sie an meinem Krankenbett weit mehr ausgestanden haben , als ich selber ! Ein Gutes hat die Krankheit doch gehabt : sie hat mir eine Ueberzeugung gegeben , die ich – verzeihen Sie ! – bisher nicht hegte . Ich weiß jetzt , daß Sie ein Herz haben . « Waldemar schien die letzten Worte kaum zu hören ; er blickte finster vor sich hin . » In einem hat der Onkel recht , « sagte er plötzlich . » Wie kamen Sie dazu , dem Normann in die Zügel zu fallen , gerade Sie ? « Fabian lächelte . » Sie meinen , weil meine Furchtsamkeit allbekannt ist ? Die Angst um Sie war es , die mich auch einmal mutig sein ließ . Ich hatte Sie freilich schon öfter ähnliche Tollkühnheiten ausführen sehen und es doch nie gewagt , einzugreifen , aber ich wußte dann stets , daß Sie der Gefahr gewachsen waren , die Sie bezwingen wollten . An jenem Abend galt es nicht der Gefahr – Sie wollten den Sturz erzwingen , Waldemar . Ich sah , daß Sie ihn herbeiwünschten , sah , daß er Ihnen den Tod bringen würde , wenn ich Sie nicht mit Gewalt zurückhielt – und da vergaß ich selbst meine Furcht und griff in die Zügel . « Waldemar richtete das Auge groß und erstaunt auf den Sprechenden . » Es war also nicht bloße Unvorsichtigkeit , nicht ein unglücklicher Zufall , daß Sie niedergerissen wurden ? Sie kannten die Gefahr , der Sie sich aussetzten ? Liegt Ihnen denn überhaupt etwas an meinem Leben ? Ich glaubte , es frage niemand danach . « » Niemand ! Und Ihr Pflegevater ? « » Onkel Witold – ja , der vielleicht ! Er ist aber auch der einzige . « » Ich meine Ihnen doch bewiesen zu haben , daß er nicht der einzige ist , « sagte der Doktor mit leisem Vorwurf . Der junge Mann beugte sich über ihn . » Und ich habe es doch gerade um Sie am wenigsten verdient . Aber glauben Sie mir , Herr Doktor , ich habe eine harte Lehre erhalten , so hart , daß ich sie mein Leben lang nicht wieder vergessen werde . Seit der Stunde , in der ich Sie blutend nach Hause trug , seit den beiden ersten Tagen , in welchen der Arzt Sie verloren gab , weiß ich , wie einem Mörder zu Mute ist . Wenn Sie wirklich bei mir bleiben wollen , jetzt können Sie es wagen . An Ihrem Schmerzenslager habe ich den wilden Jähzorn abgeschworen , der mich blind macht gegen alles , was mir in den Weg tritt . Sie sollen nicht mehr über mich klagen . « Die Worte hatten wohl wieder etwas von der alten Energie , aber Doktor Fabian schaute doch sorgenvoll in das Antlitz seines Zöglings , das sich über ihn neigte . » Ich wollte , Sie sagten mir das mit einem andern Gesicht , « erwiderte er . » Es ist ja keine Frage , daß ich bei Ihnen bleibe , aber ich ertrüge viel lieber Ihr früheres ungestümes Wesen , als diese dumpfe , unheimliche Ruhe . Ihr Auge gefällt mir gar nicht . « Mit einer raschen Bewegung richtete sich Waldemar empor und entzog sich der Beobachtung . » Wir wollen nicht immer und ewig nur von mir sprechen . Der Arzt hat Ihnen ja die frische Luft wieder erlaubt – soll ich das Fenster öffnen ? « Der Doktor seufzte ; er sah , daß hier nichts auszurichten war ; überdies wurde das Gespräch jetzt durch Herrn Witold unterbrochen . » Da bin ich schon wieder , « sagte er eintretend . » Waldemar , du wirst wohl herunterkommen müssen ; der junge Fürst Baratowski ist da . « » Leo ? « fragte Waldemar in sichtlicher Ueberraschung . » Jawohl , er verlangt dich zu sprechen , und dabei werde ich wohl überflüssig sein . Geh nur ! Ich leiste inzwischen unserm Doktor Gesellschaft . « Der junge Mann verließ das Zimmer , wahrend Witold seinen früheren Platz am Bette wieder einnahm . » Die Baratowski haben gewaltige Eile , ihn wieder zu bekommen , « sprach er mit Bezug auf seinen Pflegesohn . » Schon vor drei Tagen kam ein Brief der gnädigen Frau Mama an , – Waldemar hat ihn meines Wissens nicht beantwortet ; er war ja überhaupt nicht von Ihrem Krankenbette wegzubringen – und jetzt erscheint der Herr Bruder in eigener Person . Diese junge Polenpflanze ist übrigens ein recht nettes Gewächs . Ein bildhübscher Junge ! Nur leider seiner Mutter wie aus den Augen geschnitten , und das setzt ihn bei mir von vornherein in Mißkredit . Dabei fällt mir ein , ich habe Sie noch gar nicht einmal gefragt , wie es eigentlich mit Ihren Entdeckungen in C. steht . In der Angst um Sie hatte ich die Sache ganz und gar vergessen . « Doktor Fabian sah vor sich nieder und zupfte verlegen an der Decke . » Ich kann Ihnen darüber leider gar nichts berichten , Herr Witold , « erwiderte er . » Mein Aufenthalt in C. war doch zu kurz und flüchtig , und ich sagte es Ihnen ja vorher , daß ich « – er lächelte wehmütig – » weder Geschick noch Glück zum Diplomaten habe . « » Sie meinen das Loch in Ihrem Kopfe ? « fragte der Gutsherr . » Nun , das hing doch eigentlich mit der Geschichte gar nicht zusammen , aber ich will Sie künftig nicht mehr mit solchen Aufträgen plagen . Also Sie haben nichts herausbekommen , schade ! Und wie steht es mit Waldemar ? Haben Sie ihm einen tüchtigen Sermon gehalten ? « » Er hat mir versprochen , sich das Geschehene aus dem Sinne zu schlagen . « » Gott sei Dank ! Ich sage es ja , Sie können jetzt alles mit ihm ausrichten . Uebrigens , Doktor , haben wir dem Jungen beide unrecht gethan , wenn wir meinten , er hätte überhaupt kein Gefühl . Ich dachte nie , daß ihm die Geschichte so zu Herzen gehen würde . « » Ich auch nicht , « sagte der Doktor mit einem Seufzer und mit einer Beziehung , die Herrn Witold natürlich entging . – Waldemar fand beim Eintritt in das Eckzimmer den Bruder seiner harrend . Der junge Fürst , dem schon bei seiner Ankunft das altertümliche , etwas niedrige Wohnhaus und die entsprechenden Hofgebäude aufgefallen waren , musterte jetzt mit äußerstem Befremden die einfache Einrichtung des Gemaches , in das man ihn gewiesen . Er war seit frühester Jugend an vornehme und elegante Umgebungen gewöhnt und begriff nicht , wie sein Bruder , dessen Reichtum er ja kannte , hier überhaupt ausdauern konnte . Der Salon der Mietwohnung in C. , der ihm und der Fürstin erbärmlich schien , war ja prachtvoll zu nennen gegen dieses Empfangszimmer von Altenhof . Doch all diese Erwägungen verschwanden beim Erscheinen Waldemars . Leo ging ihm entgegen und sagte hastig , als wolle er sich so rasch wie möglich einer unangenehmen Notwendigkeit entledigen : » Mein Kommen befremdet dich ? Du hast aber seit acht Tagen unser Haus nicht betreten und nicht einmal den Brief der Mama beantwortet ; da blieb mir wohl nichts andres übrig , als dich aufzusuchen . « Es war nicht schwer , zu sehen , daß der junge Mann bei diesem Besuche nicht aus eigenem Antrieb handelte ; sein Gruß und seine Haltung hatten etwas entschieden Gezwungenes ; er schien dem Bruder die Hand reichen zu wollen , aber so weit konnte er sich offenbar nicht überwinden ; es blieb bei dem bloßen Versuche dazu . Waldemar bemerkte das nicht oder wollte es nicht bemerken . » Du kommst auf Befehl der Mutter ? « fragte er . Leo errötete . Er wußte am besten , welchen Kampf es der Fürstin gekostet hatte , ehe sie diesen Besuch erzwang , für den sie schließlich ihre ganze Autorität einsetzen mußte . » Ja , « entgegnete er endlich . » Es thut mir leid , Leo , daß du zu etwas veranlaßt worden bist , was du notwendig als eine Demütigung empfinden mußt . Ich hätte es dir unbedingt erspart , wenn ich davon gewußt hätte . « Leo blickte überrascht auf ; der Ton war ihm so neu wie die Rücksichtnahme auf seine Empfindungen von dieser Seite . » Die Mama behauptet , du seist in unserm Hause beleidigt worden , « nahm er wieder das Wort . » Durch mich beleidigt , und deshalb müßte ich den ersten Schritt zur Versöhnung thun . Ich habe eingesehen , daß sie recht hat . Du glaubst mir doch , Waldemar , « – seine Stimme nahm einen erregten Ton an – » daß ich ohne diese Ueberzeugung den Schritt nie gethan hätte , niemals ? « » Ich glaube dir , « war die kurze aber bestimmte Antwort . » Nun , so mache mir die Abbitte auch nicht so schwer ! « rief Leo , indem er jetzt wirklich die Hand ausstreckte , doch der Bruder wies sie zurück . » Ich kann deine Abbitte nicht annehmen . Weder die Mutter noch du bist schuld an der Beleidigung , die mir in eurem Hause widerfuhr . Sie ist übrigens bereits vergessen . Sprechen wir nicht mehr davon ! « Leos Erstaunen wuchs mit jeder Minute ; er konnte sich in diese kühle Ruhe nicht finden , die er so gar nicht erwartet hatte . War er doch selbst Zeuge der furchtbaren Aufregung Waldemars gewesen , und jetzt lagen kaum acht Tage dazwischen . » Ich glaubte nicht , daß du so schnell vergessen könntest , « erwiderte er mit unverstellter Betroffenheit . » Wo ich verachten muß – allerdings ! « » Waldemar , das ist zu hart , « fuhr Leo auf , » Du thust Wanda unrecht ; sie hat mir eigens aufgetragen , dir – « » Willst du es mir nicht lieber ersparen , die Botschaft der Gräfin Morynska zu hören ? « schnitt ihm der Bruder das Wort ab . » Es handelt sich hier doch wohl um meine Auffassung der Sache , und die weicht durchaus von der eurigen ab . Doch lassen wir das ! – Die Mutter erwartet wohl nicht , daß ich ihr persönlich lebewohl sage . Sie wird es begreifen , daß ich für jetzt noch ihr Haus meide und auch in diesem Herbste nicht nach Wilicza komme , wie wir ausgemacht hatten . Vielleicht im nächsten Jahre . « Der junge Fürst trat mit finsterer Miene einen Schritt zurück . » Du wirst doch nicht etwa meinen , daß wir nach diesem Zerwürfnisse , nach dieser eiskalten Abweisung , die ich von dir erfahren muß , noch deine Gäste sein können ? « fragte er gereizt . Waldemar kreuzte die Arme und lehnte sich an das Schreibpult . » Du irrst ; von einem Zerwürfnisse zwischen uns ist keine Rede . Die Mutter hat jenen Vorfall in ihrem Briefe an mich auf das entschiedenste mißbilligt . Du hast es durch dein Einschreiten noch mehr gethan , und wenn mir noch eine formelle Genugthuung fehlte , so gibst du sie mir jetzt durch dein Kommen . Was hat denn überhaupt die ganze Sache mit eurem Aufenthalt auf meinen Gütern zu thun ? Du hast freilich dem Plane von jeher widerstrebt – ich weiß es