Um Raimars Lippen spielte ein spöttisches Lächeln , während er den Freund musterte . » Du siehst wirklich recht erholungsbedürftig aus . Merkwürdig , Heilsberg scheint nachgerade Kurort zu werden . Max ist auch wieder da und behauptet , daß er sich hier › erholen ‹ müsse , aber er wird uns diesmal nicht stören . Er wollte heute zur Stadt kommen , im übrigen aber ist er schon seit acht Tagen in Gernsbach . « » Was hat der dumme Junge denn in Gernsbach zu suchen ? « fuhr der Major heftig auf . » Wie kommt er dahin ? « » Er malt die kleine Lisbeth , und da bei der Lebhaftigkeit des Kindes die Sitzungen nicht immer glücken , hat ihn Frau von Maiendorf eingeladen , damit er das Bild in aller Ruhe vollenden kann . Was hast du denn , Arnold ? Die Einladung ist doch nicht auffallend . « » So ? Mir fällt sie sehr auf ! Aber ehe wir weiter reden , ein offenes Wort zwischen uns beiden , Ernst . Dein Onkel Treumann erzählte mir im Frühjahr von gewissen Heiratsplänen , auf die du allerdings damals nicht eingehen wolltest . Ich muß jetzt wissen , wie die Sache steht , also gerade heraus – hast du Absichten auf die junge Witwe ? Ja oder nein ? « Raimar runzelte die Stirn und machte eine unwillig abwehrende Bewegung . » Was fällt dir ein , Arnold ! Von einer Neigung meinerseits war nie die Rede , und eine bloße Geldheirat traust du mir hoffentlich nicht zu . Lieber zeitlebens Notar in Heilsberg bleiben , als von der Gnade einer reichen Frau leben . « » Nun , bei mir trifft das nicht zu , « sagte der Major ruhig . » Ich bin und bleibe Soldat und heirate nicht nach Vermögen , aber wenn meine künftige Frau zufällig mit einem Rittergut behaftet wäre , so würde ich ihr das großmütig verzeihen . Also du hast keine Absichten ? Freut mich außerordentlich ! Ich habe sie nämlich . « » Du willst heiraten ? « fragte Raimar erstaunt . » Aber du hast ja stets das Junggesellenleben für den einzig menschenwürdigen Zustand erklärt . « » Hast du denn nie in deinem Leben eine Dummheit gesagt ? « rief Hartmut ärgerlich . » Ich bin eben erst im Schwabenalter klug geworden . Kurz und gut , die kleine , blonde Frau mit ihren blauen Kinderaugen hat es mir angethan . Ich bin die Geschichte den ganzen Sommer nicht los geworden , und jetzt hielt ich es überhaupt nicht mehr aus . Als das Manöver vorbei war , packte ich auf und kam hierher , um mein Glück zu versuchen . Jetzt weißt du es ! « Ernst lächelte und streckte ihm herzlich die Hand hin . » Glückauf , Arnold ! Es heißt , die junge Frau hätte schon einige Anträge ausgeschlagen , um ihres Kindes willen , aber wenn du anrückst – du bist ja ein stattlicher Freiersmann ! « » Meinst du ? « fragte Hartmut etwas bedenklich . » Nun , die ausgebrannte Kraterseele , den Maxl , werde ich wohl aus dem Felde schlagen , denn daß der Junge da wieder Unfug anrichten will , steht fest . Bei seiner Millionärin scheint er gründlich abgefallen zu sein , jetzt ist er bescheidener und will als Rittergutsbesitzer den Kampf um das Dasein weiter kämpfen . « » Du könntest recht haben , « sagte Raimar nachdenklich . » Ich habe bisher noch nicht daran gedacht , aber dem Maxl ist das schon zuzutrauen . Ihm ist die Heirat ja überhaupt nur Spekulation . « » Also ist keine Zeit zu verlieren , « ergänzte der Major . » Wir fahren morgen nach Gernsbach , da sondiere ich vorläufig das Terrain , und wenn euer Familiengenie sich wirklich untersteht , da › Absichten ‹ zu haben , dann werde ich ihm das Handwerk legen . Abgemacht ! « Da wurde die Hausthür geöffnet , und das » Familiengenie « , von dem eben die Rede war , erschien in eigener Person mit dem Onkel Treumann , aber sie traten nicht mit der gewohnten Begrüßung ein , sondern stürzten sich förmlich in den Garten . » Weißt du es , Ernst ? « rief der Notar schon von weitem . » Hast du es schon gehört ? Nein , er weiß noch gar nichts , sonst würde er nicht so gemütlich dasitzen . – Ah , Herr Major Hartmut , Sie sind in Heilsberg ? Kommen Sie aus Berlin ? Dann wissen Sie es natürlich schon , ganz Berlin ist ja voll davon ! « » Was ist denn los ? « fragte überrascht der Major , während Raimar nicht das geringste Zeichen von Neugierde oder Teilnahme gab . » Der Teufel ist los ! « erklärte Max , der sich augenscheinlich in höchst vergnügter Stimmung befand und darüber sogar den Aerger vergaß , daß sein ewiger Widersacher so urplötzlich auftauchte . » Drüben in Steinfeld nämlich ! Ich wußte auch gar nichts ; aber als ich heut von Gernsbach hereinkam und den Onkel besuchte , da erfuhr ich die Geschichte . « » Ja , ich habe es , ich habe es ! « schrie der alte Herr , indem er ein ziemlich umfangreiches , gedrucktes Heft hervorzog und triumphierend schwenkte . » Das › Hexengold ‹ habe ich ! Jetzt geht es den Neustädtern und ihrem Pascha an den Kragen , diesem Menschen , der anständige Leute hinauswirft und das Gras wachsen lassen will in den Straßen von Heilsberg . Jetzt wird es in seinem Steinfeld wachsen , fußhoch , und in Neustadt auch , denn Neustadt ist gar nichts ohne die Steinfelder Werke ! « Hartmut sah erst den Onkel , dann den Neffen an , der ebenso aufgeregt war , und schüttelte den Kopf . » Verehrter Herr Notar , es gibt doch , soviel ich weiß , keine Taranteln in Heilsberg , « bemerkte er , » Sie sind ja ganz außer Rand und Band und der Maxl desgleichen . Wollen Sie uns denn nicht endlich sagen , was eigentlich los ist ? « Treumann stellte sich dicht neben ihn und hielt ihm das Heft vor die Nase . » Können Sie lesen , Herr Major ? « » Einigermaßen ja , « versetzte dieser , indem er das Heft nahm . » › Hexengold ! – Ein Warnungsruf in letzter Stunde ! ‹ – So viel buchstabiere ich noch zusammen , aber ich kann nicht behaupten , daß mir die Sache klar geworden ist . « » Den Ronald geht es an ! « erläuterte Max eifrig . » In der Broschüre da werden ihm die unerhörtesten Dinge vorgeworfen , die ganze Schwindelwirtschaft in Steinfeld wird aufgedeckt – das geht nieder wie ein Hagelwetter ! « » Nein , wie ein Schwefelregen ! « sagte der Notar feierlich , » Ich habe es ja prophezeit in der › Burgwarte ‹ , und dies elende › Tageblatt ‹ wollte sich ausschütten vor Lachen und nannte mich ein Fossil aus der prähistorischen Zeit , jetzt wird ihnen das Lachen schon vergehen , den Herren Neustädtern . Jetzt kommt das Gericht ! « Der sonst so gutmütige alte Herr sah so grimmig aus , als wolle er in eigener Person dies Gericht vollziehen . Hartmut aber war ernst geworden . » Gegen Ronald richtet sich die Flugschrift ? « fragte er . » Nein , ich weiß nicht das geringste davon , ich komme direkt aus meiner Garnison . Und du , Ernst ? « » Ich auch nicht – man wird ja wohl Näheres darüber hören , « versetzte Raimar mit einem gleichgültigen Achselzucken und trat zu dem Rosengebüsch in der Mitte des Gartens , wo er den anderen fast den Rücken kehrte . Sein Onkel geriet darüber in helle Entrüstung . » An dir ist Hopfen und Malz verloren ! « eiferte er . » Ein solches Ereignis ! Das geht nicht nur uns und die Neustädter , das geht die ganze Welt an , das rettet die Moral – und da stehst du wie ein Stock und sagst : Man wird ja Näheres hören ? Ernst , du verknöcherst noch ganz und gar ! « Ernst erwiderte keine Silbe , während Hartmut in dem Hefte blätterte und nochmals den Titel ansah . » Anonym erschienen – nur Veritas unterzeichnet – wer mag dahinterstecken ? « » Das wird man schon erfahren ! « rief Treumann wieder ganz begeistert . » Ein mutiger Mann ist ' s , ein Sankt Georg , der tapfer dem Drachen zu Leibe geht . Recht hat er , wenn er sagt : Es liegt ja alles vor diesem Götzenbilde des Mammon auf den Knieen – « Der Major stutzte bei den Worten und schickte einen raschen , funkelnden Blick zu seinem Freunde hinüber , der bemüht war , die welken Blätter aus dem Rosengesträuch zu entfernen , während der alte Herr fortfuhr : » Ja , eine Sprache hat das Ding , einen Schwung , ein Feuer ! Ich habe dem Maxl die schönsten Stellen vorgelesen , er war ganz weg davon – gelt , Maxl ? « » Großartig ! « bestätigte Max , der ebenfalls hochbefriedigt war von diesem Angriff auf den › Zerstörer seines Glücks ‹ . » Einfach großartig ! « » Herr Notar , « sagte Hartmut in einem eigentümlich erregten Tone , » lassen Sie mir die Flugschrift auf einige Stunden , ich interessiere mich mehr dafür als Ernst – bitte ! « » Mit Vergnügen , Herr Major . Der Doktor hat noch ein zweites Exemplar , das macht die Runde durch Heilsberg , und ich habe gleich in Berlin ein Dutzend bestellt . So etwas muß in das Volk gebracht werden , ja in das Volk ! – Komm , Maxl , jetzt gehen wir in den Goldenen Löwen und trinken eine Flasche vom Allerbesten ! Wir wollen ihn leben lassen , den mutigen Mann , den Sankt Georg ! Hoch soll er leben ! Dreimal hoch ! « Der Herr Notar sang im Übermaß seiner Freude die letzten Worte ganz laut , dann nahm er den ebenso vergnügten Maxl unter den Arm , und sie zogen beide ab nach dem Goldenen Löwen . Im Garten herrschte einige Minuten lang völliges Schweigen . Ernst stand noch immer bei seinen Rosen , und der Major verharrte auf seinem Platze und blickte schweigend zu dem Freunde hinüber , endlich aber trat er zu ihm und sagte halblaut : » So bedanke dich doch ! « » Wofür ? « fragte Raimar befremdet . » Für den Toast , den sie dir ausbringen wollen , und für den Sankt Georg . « » Aber Arnold , ich bitte dich ! Was soll – « » Duckmäuser ! « brach der Major los . » Willst du auch mir eine Komödie vorspielen ? Götzenbild des Mammon , vor dem alles auf den Knieen liegt – deine eigenen Worte auf der Rückfahrt von Gernsbach ! Darum also stecktest du fortwährend in Neustadt und in Steinfeld , Studien für dein › Hexengold ‹ hast du da gemacht . Und von mir läßt du dich ausschelten und bedauern als angehende Mumie , während du schon mitten drin stehst im Leben , im Kampfe des Tages – schäme dich ! « Trotz all der Vorwürfe klang es wie Jubel in den Worten , aber Raimars Antlitz blieb ernst und düster , als er antwortete : » Du hättest es noch heute abend von mir erfahren , aber die Sache ist ernster als du glaubst . Es handelt sich hier um keinen gewöhnlichen Angriff und um keinen Gegner gewöhnlicher Art , Ich bin mir vollkommen bewußt , daß ich meine ganze Existenz dabei auf das Spiel setze . Noch ist Ronald allmächtig in den Kreisen , auf die es hier ankommt , und er wird diese Macht bis aufs äußerste brauchen gegen mich , muß sie brauchen , denn wenn er mich und meine Anklagen nicht vernichtet , dann stürzt er selbst . Es wird ein Kampf auf Leben und Tod ! « » Den du doch nicht unternommen hättest ohne die Ueberzeugung des vollen Rechtes ? « fiel Hartmut ein . » Gewiß nicht ; aber wenn ich allein bleibe mit dieser Überzeugung , wenn die öffentliche Meinung mich im Stiche läßt , dann bin ich es , der unterliegt . Ronald hat zu viele Interessen an sich gefesselt , um nicht einen mächtigen Anhang zu haben , der mit ihm steht und fällt . Du ahnst nicht , mit welchen Mitteln da gearbeitet wird . Was nur irgendwie gefährlich werden kann , das ist entweder erkauft oder geknebelt . Sonst wären auch Verhältnisse , wie die drüben in Steinfeld , nicht möglich . Ich kenne sie , ich habe dies Steinfeld ja wachsen sehen und habe mich nie blenden lassen . « » Es gehen da freilich allerlei Gerüchte um , schon seit Jahr und Tag , « warf der Major ein . » Aber es sind eben Gerüchte geblieben . « » Weil keiner den Mut hatte , zu reden ! Sie brachten ja alles zum Schweigen , und bisher ging es doch in erster Linie Ronald an . Wenn er va banque spielte , so that er es auf seine Gefahr . Jetzt aber sollen die Aktien tausendweise hinausgeworfen werden in unsere ohnehin schon arme Bevölkerung , jetzt sollen die kleinen Leute , die vielleicht ihr ganzes Leben lang gespart und gedarbt haben , das bißchen Habe hingeben für den erlogenen Gewinn , um dann alles zu verlieren – jetzt wäre es ein Verbrechen , noch zu schweigen . Schon im Frühjahr , als jener Plan auftauchte , faßte ich den Entschluß , die Schrift da ist die Arbeit der letzten drei Monate . « Sie waren an den früheren Platz zurückgekehrt , und Hartmut nahm das Heft wieder auf . » Hexengold ! In dem Titel allein liegt schon die schwerste Anklage , aber du selbst hast dich nicht genannt ? Das wirst du doch früher oder später thun müssen . Täusche dich nicht , Ernst , in solchem Kampfe streitet man nicht mit geschlossenem Visier . « » Das ist auch nie meine Absicht gewesen , « lautete die feste Antwort . » Denkst du , ich treffe einen Feind aus dem Hinterhalt und bleibe selbst im Dunkel ? Für den Augenblick mußte ich es , wenn ich meiner Flugschrift die Wirkung sichern wollte . « » Du mußtest ? Warum ? « » Weil ich der Sohn meines Vaters bin ! Diese Schrift , mit meinem Namen unterzeichnet und hinausgeschickt , wäre von vornherein verurteilt . – Ernst Raimar – wer ist das ? Ah so , der Sohn des Bankrotteurs , der sich an fremden Geldern vergriff und sich dann mit einer Pistolenkugel der Rechenschaft entzog . Und der will sich zum Moralprediger aufwerfen in solchen Dingen , der will die Stellung eines Ronald erschüttern ? Der Mann trägt selbst einen Makel auf seinem Namen und versucht es , die Ehre anderer anzugreifen ! – So hätte es gelautet , und damit wäre mein Werk gerichtet und abgethan gewesen . « Die Worte klangen wieder in herber Bitterkeit , aber sie waren nur allzu wahr , und der Freund stimmte , wenn auch widerstrebend , bei . » Ich fürchte , du hast recht , so ungefähr hätte die Welt geurteilt . Jetzt ist das Geheimnis streng gewahrt ? « » Unbedingt , und deshalb ist die Wirkung eine ungeheure , wie mir mein Verleger aus Berlin schreibt . In den Finanzkreisen ist man außer sich , die sämtlichen Zeitungen besprechen die Schrift , das ganze Publikum liest sie , jetzt ist es nicht mehr möglich , diese Anklagen zu unterdrücken oder totzuschweigen . Ronald muß Rede stehen , und sobald er öffentlich antwortet , nenne ich mich – das ist beschlossene Sache . « » Und dann werden sie dich wieder bis aufs Blut peinigen mit der alten , unseligen Geschichte ! « rief der Major mit unterdrückter Heftigkeit . » Wirst du da standhalten ? Man erspart dir das nicht , verlaß dich darauf . « » Ich weiß es , « sagte Ernst fest und ruhig , » Ronald wird seine ganze Presse wie eine Meute gegen mich hetzen , und gerade an dem Punkte werden sie einsetzen , denn es ist der einzige , wo ich angreifbar bin ; aber fürchte nichts , Arnold ! Das habe ich durchgekämpft und überwunden , ehe ich meine Schrift in die Welt hinaussandte . Jetzt ist der Würfel gefallen , jetzt stehe ich auf dem Kampfplatze , und nun mögen sie herankommen . « Er hatte sich hoch aufgerichtet . Da war auch nicht eine Spur mehr von der einstigen düsteren Ergebung , nur noch energischer Wille , der das ganze Wesen des Mannes zu durchdringen schien . » Bist du endlich wieder der alte ! « brach Hartmut triumphierend aus , » Nun , dann will ich den Kampf segnen , wenn er dich dir selbst zurückgibt ! Aber nun her mit deiner Flugschrift : Wir haben lange genug darüber geredet , jetzt will ich sie endlich lesen . « » Hier ist sie . « Ernst reichte ihm das Heft . » Ich lasse dich jetzt allein . Ich war eben im Begriff , nach Berlin zu schreiben , als du ankamst , und der Brief muß noch heute fort . In einer Stunde komme ich und hole mir dein Urteil . « – Eine volle Stunde war vergangen , und Major Hartmut saß noch immer wie gebannt an seinem Platze und las . Jetzt schlug er die letzte Seite um , las die Schlußworte und schloß dann das Heft . Aber seine Kritik bestand nur in einem einzigen Worte : » Donnerwetter ! « Er zog sein Taschentuch hervor und fuhr sich damit über die Stirn , erst nach einem minutenlangen Schweigen sagte er mit einer gewissen Wehmut : » Da hat dieser Mensch , der Ernst , nun zehn Jahre lang in Heilsberg gesessen , mitten unter den Philistern , und ich habe ihm vorgehalten , daß er auch einer geworden ist , und jetzt geht er so ins Zeug und schlägt unter die ganze edle Raubrittergesellschaft , daß die Funken nur so fliegen ! Das sind ja fürchterliche Dinge , die er diesem Ronald da in das Gesicht schleudert ! Und die geehrten Herren von der Hochfinanz bekommen auch bittere Wahrheiten zu hören ! « Er sprang plötzlich auf und jetzt schlug seine Stimmung in hellen Jubel um . » Das ist er wieder , wie er leibt und lebt , mein alter Jugendgenosse ! So stand er damals vor den Schranken , als er die armen Teufel verteidigte , die in den Streik hineingehetzt waren und nun wegen Landfriedensbruch verurteilt werden sollten . So riß er einst mit seinen flammenden Worten alles hin und berief sich auf die Menschenrechte gegen den starren Buchstaben des Gesetzes . – Ja , ja , Onkel Treumann , dir und deinen braven Heilsbergern werden die Augen übergehen , wenn ihr ihn erst zu Gesicht bekommt , euren Sankt Georg , aber behalten werdet ihr ihn nicht lange mehr in eurem historischen Neste . Jetzt ist er los von dem Bann , jetzt ist er aufgewacht ! Der geht euch durch , so wahr ich Arnold Hartmut heiße ! Hurra ! « Er schwenkte das Heft ebenso triumphierend wie vorhin der Herr Notar , aber es kam ein ganz merkwürdiges Echo zurück . » Hurra , Onkel Hartmut ! « tönte eine helle Kinderstimme . Droben auf der Steintreppe stand die kleine Lisbeth von Maiendorf und schwenkte mit beiden Händen ihr Strohhütchen , dann sprang sie die Stufen herab und eilte dem Major jubelnd entgegen . » Kleiner Wildfang , weißt du es schon , daß man einstimmen muß , wenn Hurra gerufen wird ? « fragte er lachend , indem er sie auffing . » Wo kommst du her , Lisbeth ? Ist die Mama auch hier ? « » Die Mama ist bei dem Onkel Notar in der Kanz – lei , « berichtete Lisbeth , der das Wort noch einige Mühe machte . » Und da hat der Onkel gesagt , ich sollte in den Garten laufen zu dir , er käme nach mit der Mama . O da bin ich gelaufen ! Ich bin so froh , daß du wieder da bist ! « » Ich auch , « sagte Hartmut sehr aufrichtig und hochbefriedigt von der Mitteilung . Er nahm die Kleine auf seine Kniee ; sie fing sofort an , mit der größten Zutraulichkeit zu plaudern und mit sichtbarem Stolze zu erzählen , daß sie jetzt gemalt werde . » Ein so großes , schönes Bild ! Und ein weißes Kleidchen hab ' ich an und einen Strauß in der Hand – « » Und der Max Raimar malt dich , « ergänzte Arnold . » Ja , ich weiß es schon . Magst du ihn denn leiden , das angehende Genie – den Maxl meine ich ? « Lisbeth verzog schmollend das Gesicht und schüttelte sehr entschieden das Köpfchen . » Nein , ich mag ihn gar nicht . Er will immer nur bei der Mama sein und mit ihr reden . Mit mir will er nie spielen . Er ist so dumm ! « » Was das Kind schon für eine Menschenkenntnis hat ! « sagte der Major bewundernd . » Also er spricht immer mit der Mama , auch wenn er dich malt ? « » Ja immer , und dann macht er solche Augen , « und Klein-Lisbeth verdrehte ihre hellen Äuglein in einer ganz beängstigenden Weise , um den schwärmerischen Aufblick des jungen Künstlers wiederzugeben . » Dachte ich es doch ! Ich drehe dem dummen Jungen noch nächstens den Hals um ! « rief Hartmut wütend , ohne daran zu denken , daß die Kleine zuhörte ; diese aber sagte ganz ernsthaft : » Das darfst du nicht thun , dann wird ja das schöne Bild nicht fertig . « » Das male ich fertig , « behauptete der Major mit unfehlbarer Sicherheit , » und den Maxl brauchen wir dann nicht mehr , der fliegt hinaus ! « Lisbeth guckte ihn von der Seite an , sie schien doch einiges Mißtrauen in seine malerische Begabung zu setzen , plötzlich aber lachte sie hell auf . Sie fand es äußerst belustigend , daß der Maxl aus Gernsbach hinausfliegen sollte . Nach zehn Minuten war bereits ein Spiel im Gange . Das kleine Fräulein von Maiendorf lernte , mit einem Stock bewaffnet , die militärischen Griffe und den Parademarsch , und Herr Major Hartmut war so entzückt von ihren Fortschritten , daß er einmal über das andere versicherte : » Lisbeth , du verdientest wahrhaftig ein Soldatenkind zu sein ! « Sie waren beide so vertieft , daß sie es gar nicht bemerkten , wie Raimar mit Frau von Maiendorf in den Garten trat , bis der erstere lachend rief : » Aber Arnold – übst du hier Rekruten ein ? « » Ach , gnädige Frau – ich bitte um Verzeihung ! « fuhr Arnold auf , Wilma lächelte nur . Als ob es bei einer Mutter der Entschuldigung bedürfte , wenn man ihrem Kinde eine Freundlichkeit erweist ! Aber sie erwiderte seinen Gruß mit einer gewissen Befangenheit , und nun stellte sich auch noch Lisbeth vor sie hin und sagte in einem sehr vorwurfsvollen Tone : » Mama , Onkel Hartmut sagt , ich verdiente ein Soldatenkind zu sein – warum bin ich denn kein Soldatenkind ? « Die junge Frau wurde purpurrot , und ein Blick des Majors , den sie auffing , steigerte noch ihre Verwirrung ; glücklicherweise kam ihr Ernst zu Hilfe . » Komm , Lisbeth , da drüben im Gartenhause sind die jungen Kätzchen mit ihrer Mutter , mit denen sollst du spielen . – Es bleibt dabei , gnädige Frau , ich lasse sofort den neuen Pachtvertrag aufsetzen und bringe ihn dann selbst nach Gernsbach . Arnold , du mußt mich einstweilen hier vertreten , ich habe noch Geschäftliches zu erledigen . « Damit nahm er die Kleine an die Hand und führte sie nach dem Gartenhäuschen , wo die Katzenfamilie sofort ihre ganze Aufmerksamkeit fesselte . Arnold sandte seinem Freunde einen dankbaren Blick nach und widmete sich dann mit vollem Eifer der » Vertretung « . Er schien auch Glück damit zu haben . Ernst Raimar stand inzwischen am Fenster seines Wohnzimmers , das im oberen Stock lag , und blickte mit verschränkten Armen hinab in den Garten . Er hörte das Lachen des Kindes das sich mit den Kätzchen herumjagte , hinter dem Rosengebüsch schimmerte das helle Kleid der jungen Frau , und daneben war die Gestalt Hartmuts sichtbar . Ernst wandte sich jetzt plötzlich mit einer jähen Bewegung ab . Er nahm den Brief nach Berlin , der zum Abgehen fertig lag , von seinem Schreibtisch , um ihn fortzusenden , aber um seine Lippen zuckte es dabei wie mühsam verhaltene Qual . Er hatte ja auch geträumt , einen kurzen Frühlingstraum von wenigen Tagen , dann war ein bitteres Erwachen gekommen . Freilich ein Erwachen zum Kampf , zum Leben , aber das Glück – das ging doch in Trümmer dabei ! Hexengold ! Ein seltsamer Titel ! Man hatte die Flugschrift mit Kopfschütteln zur Hand genommen , aber schon auf der ersten Seite wurde die Aufmerksamkeit gefesselt , denn da war ein Name genannt , den jeder kannte . Felix Ronald , dessen Glück fast sprichwörtlich geworden war , der alles , was er berührte , in Gold zu verwandeln schien . Wie ein Meteor war er aus dem Dunkel emporgestiegen und von Erfolg zu Erfolg geschritten , hatte alles , was ihm anfangs noch feindlich oder mißtrauisch gegenüberstand , in seinen Bannkreis gezogen und übte jetzt eine unbestrittene Herrschaft in diesem Kreise aus . Die Steinfelder Industriewerke , sein erstes großes Unternehmen , das jetzt in die Hände der Aktiengesellschaft übergehen sollte , galt für eines der glänzendsten und gewinnreichsten , und das rechtfertigte die riesigen Summen , die dafür gefordert und bewilligt wurden . Die Ausgabe der Aktien deckte ja das alles und war mehr als gesichert . Man fand es begreiflich , daß Ronald von der Leitung zurücktrat . Der Mann erlag ja fast unter der Last all seiner Unternehmungen , er mußte sich wenigstens zum Teil davon frei machen , wenn er sich , wie es den Anschein hatte , jetzt den Aufgaben der hohen Finanz zuwenden wollte . Man wußte , daß er beim Abschluß der neuen Anleihe eine hervorragende Rolle gespielt hatte , und munkelte von einer besonderen Auszeichnung , die ihm zugedacht sei . Und nun kam auf einmal diese Flugschrift mit ihren Enthüllungen , die wie ein Blitz niederfuhren in das ahnungslose Publikum . Nun wurden auf den Steinfelder Werken Verhältnisse aufgedeckt und Dinge an das Licht gezogen , die ganz unglaublich schienen . Die glänzenden Jahresabschlüsse sollten Trug und Schwindel sein und die Werke schon seit Jahren mit Verlust arbeiten . Das Schweigen aller , die durch ihre Stellungen einen Einblick in die Sache haben mußten , sei erkauft , die anderen seien mit unlauteren Mitteln eingeschüchtert , und gegen die Arbeiter werde ein Ausbeutungs- und Bedrückungssystem ohnegleichen geübt . In einem Gebäude , das so sicher und festgegründet zu stehen schien , wurden jetzt Thüren und Fenster aufgerissen , und nun sah man die klaffenden Risse und Spalten in den Mauern , die wankenden Pfeiler – das brach ja rettungslos zusammen ! Wer aber war dieser Warner , der da so urplötzlich aufstand und den gefürchteten Ronald so kühn angriff ? Er nannte sich nicht , aber er wies auf die Thatsachen in Steinfeld selbst hin . Man solle sich dort die Beweise holen , man solle die Beamten , die Arbeiter , die bisher nicht zu sprechen wagten , zum Reden bringen , und in dem Schlußworte wurde dem Publikum zugerufen : Das ist eine der Schöpfungen des unheilvollen Mannes ! Seht euch die anderen an , sie tragen alle den Zusammenbruch in sich ! Dies » Hexengold « war in einem geradezu glänzenden Stile geschrieben und es wirkte beim Lesen wie eine flammende , hinreißende Rede von der Tribüne aus . Man riet bald auf einen Journalisten , bald auf einen Abgeordneten , bekannte und berühmte Namen wurden genannt und die Betreffenden direkt und indirekt ausgeforscht . Sie lehnten alle mit der größten Entschiedenheit die Autorschaft ab , und das steigerte noch das allgemeine fieberhafte Interesse . Ronald antwortete später , als man erwartete , er ließ eine volle Woche verstreichen , dann aber kam die Antwort mit gewohnter Energie . Er erklärte , ohne sich auf Einzelheiten einzulassen , alles für Verleumdung , für eine erbärmliche Intrigue , um die in der Bildung begriffene Aktiengesellschaft unmöglich zu machen , und dann wandte er sich gegen den » feigen Verleumder « , der die Ehre und die Stellung anderer zu untergraben suche und nicht einmal den Mut habe , sich zu nennen . Mit einem Namenlosen lasse er sich überhaupt nicht ein , der Angriff sei dadurch allein schon gerichtet . Der Sturm , der da eben in Berlin losbrach , hatte auch das stille Gernsbach in Mitleidenschaft gezogen . Frau von Maiendorf wußte ja von der Verlobung , die in ihrem Hause geschlossen , im übrigen aber ein Geheimnis geblieben war . In einigen Wochen , im Laufe des Oktober , sollte die Standeserhöhung Ronalds und zugleich die öffentliche Ankündigung der Verlobung erfolgen , und nun kam dieser Schlag . Wilma , die durch die Zeitungen von der Sache erfuhr , hatte sofort an Edith geschrieben