das Aeußerste bot . „ In die Trennung , ja ! “ erwiderte sie fest . „ Ich bist ja machtlos dagegen . Aber nicht in Deine Rückkehr , Reinhold . Wenn Du jetzt gehst , mit ihr gehst , trotz meiner Bitte , trotz unseres Kindes , so thue es – aber dann gehe auch für immer ! “ „ Willst Du mir Bedingungen stellen ? “ rief Reinhold auflodernd . „ Habe ich es nicht jahrelang getragen , dieses Joch , das die sogenannten Wohlthaten Deines Vaters mir aufzwangen , das meine Kindheit verbittert , meine Jugend vernichtet hat und mich jetzt an der Schwelle des Mannesalters zwingt , mir das erst in endlosen Kämpfen zu erobern , was ein Jeder als sein natürliches Recht beansprucht , die freie Selbstbestimmung ? Ihr habt mich losgelöst von Allem , was Anderen Freiheit und Glück heißt , habt mich festgekettet an eine verhaßte Lebenssphäre mit allen nur möglichen Banden und glaubtet nun Eures Eigenthums sicher zu sein . Aber endlich ist doch für mich die Stunde gekommen , wo es beginnt , zu tagen , und wenn es dann auf einmal wie ein Blitz in die Seele niederschlägt und in flammender Klarheit das Ziel zeigt und den Preis am Ziele , dann erwacht man aus dem jahrelangen dumpfen Traume und findet sich – in Fesseln . “ Es war ein Ausbruch der wildesten Leidenschaftlichkeit , des glühendsten Hasses , der schrankenlos hervorbrach , ohne danach zu fragen , ob er sich über Schuldige oder Unschuldige ergoß . Das ist ja eben das furchtbar Dämonische der Leidenschaft , daß sie den Haß gegen Alles kehrt , was sich ihr entgegenstellt , und träfe dieser Haß auch die nächsten und heiligsten , träfe er auch die selbstgeknüpften Bande . Es folgte eine lange , todtenstille Pause . Reinhold hatte sich , überwältigt von der Aufregung , in einen Sessel geworfen und die Hand über die Augen gelegt . Ella stand noch an demselben Platze wie vorhin ; sie sprach nicht , regte sich nicht ; selbst das Beben , das so oft während der Unterredung sie durchzitterte , hatte aufgehört . So vergingen mehrere Minuten , da endlich näherte sie sich langsam ihrem Gatten . „ Das Kind läßt Du mir doch wohl ? “ sagte sie mit zuckender Lippe . „ Dir würde es nur eine – Last sein in Deinem neuen Leben , und ich habe ja sonst nichts weiter auf der Welt . “ Reinhold sah auf und sprang dann plötzlich empor . Es waren nicht die Worte , die ihn so seltsam erschütterten , auch nicht die todtenstarre Ruhe ihres Gesichtes ; es war der Blick , der sich auch ihm jetzt so unerwartet und überraschend entschleierte , wie einst seinem Bruder . Zum ersten Male sah auch er in dem Antlitze seiner Gattin die „ schönen blauen Märchenaugen “ , die er so oft an seinem Knaben bewundert , ohne je danach zu fragen , woher sie stammten , und diese Augen waren jetzt groß und voll auf ihn gerichtet . Es stand keine Thräne darin , auch keine Bitte mehr , aber ein Ausdruck , dessen er Ella nie für fähig gehalten , ein Ausdruck , vor dem sein Auge zu Boden sank . „ Ella , “ sagte er ungewiß . „ Wenn ich zu heftig war – was hast Du , Ella ? “ Er wollte ihre Hand ergreifen ; sie wich zurück . „ Nichts . Wann gedenkst Du zu reisen ? “ „ Ich weiß nicht , “ antwortete Reinhold immer mehr betreten . „ In einigen Tagen – oder Wochen – es eilt nicht . “ „ Ich werde die Eltern benachrichtigen . Gute Nacht ! “ Sie wandte sich , um zu gehen . Er that ihr heftig einen Schritt nach , als wolle er sie zurückhalten . Ella blieb . „ Du hast mich mißverstanden . “ Die junge Frau richtete sich hoch und fest auf . Sie schien auf einmal eine Andere geworden zu sein ; diesen Ton und diese Haltung hatte Ella Almbach nie gekannt . „ Die ‚ Fessel ‘ soll Dich nicht länger drücken , Reinhold . Du wirst ungehindert Dein Ziel erreichen und Deinen – Preis . Gute Nacht ! “ Sie öffnete rasch die Thür und trat hinaus . Das Mondlicht fiel hell auf die schlanke Gestalt ist dem dunklen Kleide , auf das starre blasse Antlitz und die blonden Flechten . Im nächsten Augenblicke schon war sie verschwunden . Reinhold stand allein . „ Das ist jetzt ein Elend hier im Hause ! “ sagte der alte Buchhalter im Comptoir , indem er die Feder hinter das Ohr steckte und das Rechnungsbuch zuklappte . „ Der junge Herr seit drei Tagen fort , ohne ein Lebenszeichen von sich zu geben , ohne nach Frau und Kind zu fragen – der Herr Capitain setzt den Fuß nicht mehr [ 446 ] über die Schwelle – der Principal geht in einer Wuth herum , daß man es kaum wagt , ihm nahe zu kommen , und die junge Frau Almbach sieht aus , daß Einem das Herz in der Brust weh thut , wenn man sie nur anschaut . Weiß der Himmel , was aus dieser unglückseligen Geschichte noch werden wird ! “ „ Aber wie ist denn der Bruch nur so plötzlich gekommen ? “ fragte der erste Commis , der gleichfalls – es war der Schluß der Comptoirstunde – seine Schreibereien bei Seite legte und sein Pult verschloß . Der Buchhalter zuckte die Achseln . „ Plötzlich ? Ich glaube kaum , daß er Einem von uns unerwartet kam . Das hat ja wochen- und monatelang gewühlt in der Familie ; es fehlte nur noch der Funke in all dem Zündstoffe , und der ist schließlich auch gekommen . Frau Almbach brachte aus einer Damengesellschaft die Neuigkeit mit nach Hause und so erfuhr denn auch ihr Mann , was bereits die halbe Stadt weiß , und was nun freilich Keiner gern von seinem Schwiegersohne hört . Sie kennen ja den Principal und wissen , mit welchem Widerwillen er von jeher diese ganze Künstlergeschichte angesehen , wie er dagegen gekämpft hat , und nun noch diese Entdeckung ! Er ließ den jungen Herrn rufen , und da gab es einen Auftritt – ich habe ihn theilweise im Nebenzimmer mit angehört . Hätte Herr Reinhold sich wenigstens noch vernünftig benommen und nachgegeben , hier , wo er doch wahrhaftig nicht schuldlos war , die Sache wäre vielleicht noch beigelegt worden , statt dessen aber setzte er seinen ärgsten Trotzkopf auf , sagte dem Schwiegervater in ’ s Gesicht , er wolle nicht länger Kaufmann bleiben , wolle nach Italien gehen , Musiker werden , er habe die Sclaverei hier lange genug ausgehalten , und was dergleichen Dinge mehr waren . Der Principal kannte sich nicht mehr vor Wuth ; er verbot , drohte , beleidigte endlich , und da freilich war ’ s aus . Der junge Herr brach los mit einer Wildheit , daß ich glaubte , es würde ein Unglück geben . Wie wahnsinnig stampfte er mit dem Fuße und rief : ‚ Und wenn die ganze Welt sich dagegen setzt , es geschieht doch . Ich lasse mich nicht länger knechten , lasse mir mein Denken und Fühlen nicht vorschreiben . ‘ Und in dem Tone ging es fort ; eine Stunde darauf stürmte er aus dem Hause und hat noch nichts wieder von sich hören lassen . Gott bewahre einen Jeden vor solchen Familienscenen ! “ Der alte Herr legte die Feder bei Seite , verließ seinen Sitz und wünschte den übrigen Herren einen guten Abend , während er zugleich Anstalt machte , das Comptoir zu verlassen . Er hatte aber kaum einige Schritte in den Hausflur hinaus gethan , als er dort mit Hugo Almbach zusammentraf , der rasch von der Straße her einbog . Der Buchhalter schlug im freudigen Schreck die Hände zusammen . „ Gott sei Dank , daß wenigstens Sie sich wieder sehen lassen , Herr Capitain ! “ rief er . „ Es thut uns wahrlich Noth hier im Hause . “ „ Steht das Thermometer immer noch auf Sturm ? “ fragte Hugo , mit einem Blicke nach dem oberen Stock hinauf . Der Buchhalter seufzte . „ Auf Unwetter ! Vielleicht bringen Sie uns Sonnenschein . “ „ Schwerlich ! “ sagte Hugo ernst . „ Augenblicklich suche ich Frau Almbach . Sie ist doch zu Hause ? “ „ Ihre Frau Tante ist mit dem Herrn Principal ausgegangen , “ berichtete Jener . „ Nicht doch . Ich meine meine Schwägerin . “ „ Die junge Frau ? Du lieber Gott , die haben wir in den drei Tagen kaum zu Gesichte bekommen . Sie wird wohl oben im Kinderzimmer sein ; sie geht jetzt kaum eine Minute mehr weg von dem Kleinen . “ „ Ich werde sie aufsuchen , “ erklärte Hugo , mit flüchtigem Gruße die Treppe hinaufeilend . „ Guten Abend ! “ Der Buchhalter sah ihm kopfschüttelnd nach . Er war es so gar nicht gewohnt , daß der junge Capitain ohne irgend einen Scherz , ohne eine Neckerei an ihm vorüberging , und er hatte auch die Wolke bemerkt , die heute auf der sonst so hellen Stirn des jungen Mannes lag . Er schüttelte noch einmal den Kopf und wiederholte seinen Stoßseufzer von vorhin . „ Weiß der Himmel , wie die Geschichte enden wird ! “ Hugo hatte inzwischen die Wohnung seiner Schwägerin erreicht . „ Ich bin ’ s , Ella , “ sagte er eintretend . „ Habe ich Sie erschreckt ? “ Die junge Frau war allein ; sie saß am Bettchen ihres Knaben . Der jugendlich rasche Schritt draußen und das schnelle Oeffnen der Thür mochten sie wohl über den Kommenden getäuscht haben , sie hatte sicher einen Anderen erwartet . Das bewies ihr jähes Auffahren und die Gluth in ihrem Antlitz , die urplötzlich einer tiefen Blässe wich , als sie in dem Eintretenden ihren Schwager erkannte . „ Der Onkel treibt die Ungerechtigkeit so weit , auch mir sein Haus zu verbieten , “ fuhr dieser fort , indem er näher trat . „ Er hält nun einmal fest an dem Gedanken , daß auch ich einen Antheil an dem unglückseligen Zerwürfniß habe . Ich hoffe , Ella , Sie sprechen mich frei davon . “ Die junge Frau hörte kaum auf die letzten Worte . „ Sie bringen mir Nachricht von Reinhold ? “ fragte sie rasch mit fliegendem Athem . „ Wo ist er ? “ „ Sie haben doch wohl nicht erwartet , daß er selbst kommt , “ fragte der Capitain ausweichend . „ Welche Schuld er auch bei der ganzen Sache tragen mag , die Behandlung von Seiten des Onkels war derart , daß sich ein Jeder dagegen erhoben hätte . In dem Punkte stehe ich ganz auf seiner Seite und begreife es vollkommen , daß er mit der Absicht ging , nicht zurückzukehren . Ich hätte es auch gethan . “ „ Es war ein furchtbarer Auftritt , “ versetzte Ella , die hervorbrechenden Thränen niederkämpfend . „ Die Eltern erfuhren von anderer Seite , was ich ihnen um jeden Preis verbergen wollte , und Reinhold war entsetzlich in seiner wilden Gereiztheit . Er verließ uns , aber ein Wort hätte er mir in den drei Tagen doch zukommen lassen können , wenigstens durch Sie . Er ist doch bei Ihnen ? “ „ Nein , “ erwiderte Hugo kurz , beinahe herb . „ Nicht ? “ wiederholte Ella , „ er ist nicht bei Ihnen ? Ich nahm es als selbstverständlich an , daß er dort sei . “ Der Capitain sah zu Boden . „ Er kam zu mir , und zwar in der Absicht , zu bleiben , aber es stellte sich eine Differenz zwischen uns heraus . Reinhold ist maßlos heftig , wenn ein gewisser Punkt berührt wird ; ich konnte und mochte ihm meine Ansichten darüber nicht verhehlen , und wir geriethen zum ersten Male in unserem Leben ernstlich in Streit . Er verweigerte es daraufhin , mein Gast zu sein ; ich habe ihn erst heute Mittag wiedergesehen . “ Ella erwiderte nichts . Sie fragte auch nicht , was den Anlaß zum Streite gegeben , fühlte sie doch nur zu gut , daß sie in dem für so leichtsinnig , übermüthig und herzlos gehaltenen Schwager den energischsten Schutz ihrer Rechte gehabt hatte . „ Ich habe noch einmal das Aeußerste versucht , “ sagte er dicht an ihre Seite tretend , „ obgleich ich wußte , daß es umsonst sein werde . Aber Sie – Ella ? Konnten Sie ihn nicht halten ? “ „ Nein , “ entgegnete die junge Frau . „ Ich konnte nicht – und ich wollte auch nicht mehr . “ Statt aller Antwort wies Hugo nach dem schlafenden Kinde hinüber ; sie schüttelte heftig den Kopf . „ Um seinetwillen habe ich mich überwunden und den Mann , der sich um jeden Preis von mir losreißen wollte , gebeten zu bleiben . Ich wurde zurückgewiesen ; er ließ es mich fühlen , welch eine Fessel ich ihm bin – so mag er denn frei werden ! “ Hugo ’ s Blick ruhte forschend auf ihrem Antlitz , das wieder jenen Ausdruck von Energie zeigte , der diesen Zügen einst so fremd gewesen war , langsam zog er ein Billet hervor . „ Wenn Sie denn vorbereitet sind – ich habe Ihnen einige Zeilen von Reinhold zu bringen . Er übergab sie mir vor einigen Stunden . “ Die junge Frau fuhr zusammen . Die eben noch gezeigte Festigkeit wollte nicht Stand halten , als sie auf dem Couvert die Handschrift ihres Gatten erblickte , nur seine Handschrift , wo sie sich mit Todesangst an die Hoffnung geklammert , er werde selbst kommen und wäre es auch nur , um Abschied zu nehmen . Mit bebender Hand nahm sie den Brief und erbrach ihn ; er enthielt nur wenige Zeilen . „ Du bist Zeugin des Auftrittes zwischen Deinem Vater und mir gewesen und wirst es daher begreifen , daß ich sein Haus nicht wieder betrete . An meinem Entschlusse ändert jene Scene nichts ; sie beschleunigt nur meine Abreise , denn die Tactlosigkeit Deiner Eltern hat der Sache eine Oeffentlichkeit gegeben , die es mir nicht wünschenswerth erscheinen läßt , auch nur eine [ 447 ] Stunde länger in H. zu bleiben , als unbedingt nothwendig ist . Ich kann Dir und dem Kinde nicht persönlich Lebewohl sagen ; denn ich setze nicht wieder den Fuß über die Schwelle , von der man mich in solcher Weise fortwies . Meine Schuld ist es nicht , wenn die zeitweise Trennung , die ich erzwingen wollte , jetzt zu einer dauernden wird und sich im gewaltsamen Bruche vollzieht . Du warst es , die mir die Bedingung stellte , entweder zu bleiben , oder für immer zu gehen . Nun denn , ich gehe ! Vielleicht ist es das Beste für uns Beide . Lebe wohl ! [ 459 ] Der Capitain mußte wohl wissen , was der Brief enthielt , denn er stand dicht an Ella ’ s Seite , augenscheinlich bereit , sie zu stützen , wie damals im Theater , aber diesmal verrieth die junge Frau keine Schwäche . Sie blickte stumm nieder auf die eisigen Abschiedsworte , mit denen ihr Gatte sich lossagte von Weib und Kind . Mit welcher Hast ergriff er den Vorwand , den die Härte ihres Vaters und ihre eigenen Worte ihm boten , mit welchem Aufathmen schüttelte er die belästigenden Bande ab ! Unvorbereitet traf sie der Schlag freilich nicht mehr . Seit jener letzten Unterredung kannte sie ihr Schicksal . „ Er ist bereits abgereist ? “ fragte sie , ohne das Auge von dem Briefe zu erheben , den sie noch immer in der Hand hielt . „ Vor einer Stunde . “ „ Und – mit ihr ? “ Hugo schwieg ; er hatte kein ‚ Nein ‘ auf diese Frage . Ella erhob sich scheinbar ruhig , aber sie stützte sich doch schwer auf das Bettchen des Knaben . „ Ich wußte es . Und jetzt – lassen Sie mich allein ! Ich bitte Sie . “ Der Capitain zauderte . „ Ich kam gleichfalls , um Ihnen Lebewohl zu sagen , “ entgegnete er . „ Meine Abreise war ohnedies bestimmt , und jetzt , nach der Entfernung meines Bruders , hält mich hier nichts mehr . Ich mache keinen Versuch , das erneute Vorurtheil des Onkels gegen mich zu brechen , aber von Ihnen , Ella , wollte ich ein Abschiedswort mit hinaus nehmen . Werden Sie es mir verweigern ? “ Die junge Frau schlug langsam das Auge empor , es begegnete dem seinigen , und wie einer unwillkürliche Regung folgend , streckte sie ihm beide Hände hin . „ Ich danke Ihnen , Hugo . Leben Sie wohl ! “ Er schloß mit einer raschen Bewegung die Hände in die seinigen . „ Ich habe Ihnen immer nur Schmerz bringen können , “ sagte er leise . „ Von mir kam die erste Nachricht , die Ihren Frieden rettungslos zerstörte ; sie kam zu spät , und heute war es wieder meine Hand , die Ihnen die letzte brachte . Aber wenn ich Ihnen wehe that , Ella , wehe thun mußte – bei Gott ! leicht ist es mir nicht geworden . “ Seine Lippen ruhten einen Moment lang auf ihrer Hand , dann ließ er sie fallen und verließ rasch das Zimmer ; wenige Minuten darauf war er im Freien . Es war ein rauher , echt nordischer Frühlingsabend . Einförmig plätscherte der Regen nieder ; schwer und dicht hing der Nebel in den Straßen ; selbst die Flammen der Laternen schimmerten nur röthlich trübe in dem grauen Dunste . In diesem Nebel trug der rollende Bahnzug Reinhold Almbach nach dem Süden , wo ihm Ruhm und Liebe , wo ihm sonnenhell die Zukunft winkte , und in derselben Stunde lag sein junges Weib daheim auf den Knieen , an der Wiege ihres Kindes und drückte das Haupt tief in die Kissen , um den Verzweiflungsschrei zu ersticken , der jetzt , wo sie sich allein wußte , doch endlich hervorbrach . Er war nicht einmal gekommen , ihr Lebewohl zu sagen ; er hatte nicht ein letztes freundliches Wort für sie , nicht einmal einen Abschiedskuß für sein Kind . Sie waren Beide verlassen , aufgegeben – wahrscheinlich schon vergessen . Die flammende Pracht des Sonnenunterganges schien Erde und Himmel in ein Meer von Gluth und Verklärung zu tauchen . Das ganze wunderbare Farbenspiel des Südens leuchtete auf am westlichen Horizonte , und die Lichtfluth ergoß sich weithin über die Stadt mit ihren Kuppeln , Thürmen und Palästen . Es war ein unvergleichliches Panorama , das sich rings um die Villa ausbreitete , die außerhalb der Stadt auf einer Anhöhe lag , weithin sichtbar mit ihren Terrassen und Säulengängen und umgeben von den tiefer gelegenen Gärten , in denen sich die üppigste Fülle südlicher Vegetation entfaltete . Da hoben die ernsten Cypressen ihre dunklen Häupter ; da schwankten Pinien im leisen Abendwinde , weiße Marmorstatuen blickten aus Lorbeer- und Myrthengebüschen hervor ; der Strahl der Fontainen rauschte und sprühte nieder auf den Rasenteppich , und Tausende von Blumenkelchen sandten ihren berauschend süßen Duft empor . Ueberall Schönheit und Kunst , Duft und Blüthen , Licht und Farbenglanz . Auf der Terrasse und in den angrenzenden Partien des Parkes befand sich eine zahlreiche Gesellschaft , die den Genuß des herrlichen Abends und die wundervolle Aussicht hier draußen dem Aufenthalte in den Sälen drinnen vorziehen mochte . Sie schien in ihrer überwiegenden Mehrheit der Aristokratie anzugehören , doch sah man auch manche Gestalt darunter , die unzweifelhaft den Künstler verrieth , und hier und da erschien das dunkle Gewand eines Geistlichen neben den hellen Toiletten der Damen oder den glänzenden Uniformen . Die verschiedensten Elemente schienen sich hier zu vereinigen . Man promenirte , plauderte , und saß oder stand in zwanglosen Gruppen beisammen . In einer dieser Gruppen , die sich am Fuße der Terrasse , dicht neben der großen Fontaine zusammengefunden hatte , wurde [ 460 ] die Unterhaltung mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit geführt ; es mußte sich wohl um einen Gegenstand von allgemeinerem Interesse handeln . Die einzelnen Worte und Namen , die genannt wurden , schienen die Aufmerksamkeit eines der Gäste zu erregen , der , von der Terrasse kommend , gerade an der Gruppe vorüberging . Es war offenbar ein Fremder ; das verrieth das helle Braun des Haares und der Augen , wie überhaupt das ganze Gesicht , das , obwohl gebräunt von Luft und Sonne , dennoch nicht das dunkle Colorit des Südländers zeigte . Die Capitainsuniform kleidete die kräftig männliche Gestalt äußerst vortheilhaft , und Haltung und Bewegungen vereinigten sehr glücklich das freie , etwas ungebundene Wesen des Seemannes mit den Formen der guten Gesellschaft . Er blieb in der Nähe der lebhaft debattirenden Herren stehen und folgte deren Gespräch mit offenbarer Theilnahme . „ Diese neue Oper ist und bleibt aber doch nun einmal das Hauptereigniß der Saison , “ sagte ein Officier in der Uniform der Carabinieri , „ und da begreife ich nicht , wie man sie so ohne Weiteres verschieben kann . Die Aufführung ist bereits festgesetzt ; die Proben haben begonnen ; die sämmtlichen Vorbereitungen sind fast geendigt , da auf einmal wird das Alles unterbrochen , und die ganze Aufführung bis zum Herbste verschoben – das Alles ohne irgend einen ersichtlichen Grund . “ „ Der Grund liegt einzig in dem souverainen Belieben des Signor Rinaldo , “ entgegnete ein anderer Herr in etwas hämischem Tone . „ Er ist es nun einmal gewohnt , Oper und Publicum ganz nach Laune und Willkür zu behandeln . “ „ Ich fürchte , Sie irren , Signor Gianelli , “ fiel ein junger Mann von vornehmem Aeußeren ein wenig erregt ein . „ Wenn Rinaldo selbst den Aufschub forderte , so wird man ihm wohl Anlaß dazu gegeben haben . “ „ Um Vergebung , Signor Marchese , das that man nicht , “ versetzte Jener . „ Ich , als Capellmeister der großen Oper , weiß am besten , welch eine unendliche Mühe und welche immensen Opfer an Zeit und Geld es gekostet hat , um den Wünschen Rinaldo ’ s zu entsprechen . Er brachte mit seinen Anforderungen und Bedingungen die ganze Theaterwelt in Verwirrung ; denn er verlangte Aenderungen im Personale , wie sie noch nicht dagewesen sind , und dergleichen mehr . Es wurde ihm , wie gewöhnlich , in Allem nachgegeben , und man glaubte nun endlich seines hohen Beifalls sicher zu sein , aber jetzt , wo er aus M. eintrifft , findet er Alles noch tief unter seiner Erwartung , befiehlt Abänderungen und dictirt Neuerungen in der rücksichtslosesten Weise . Es war vergebens , daß man den Versuch machte , ihn durch Signora Biancona umzustimmen ; er drohte die ganze Oper zurückzuziehen , und , “ hier zuckte der Maestro spöttisch die Achseln , „ die Verantwortung für ein solches Unglück wollten Eccellenza , der Intendant , denn doch nicht auf sich nehmen . Er versprach Alles , gewährte Alles , und da es schlechterdings nicht möglich war , die dictatorisch geforderten Aenderungen in der kurzen Zeit auszuführen , selbst auf den Herrscherbefehl Signor Rinaldo ’ s nicht , so muß die Aufführung bis zur nächsten Saison verschoben werden . “ „ Der Intendant hat ist diesem Falle ganz recht gethan , dem Wunsche oder meinetwegen der Laune des Componisten nachzugeben , “ sagte der junge Marchese bestimmt . „ Die Gesellschaft hätte es ihm nie verziehen , wenn eine übel angebrachte Consequenz sie einer Oper Rinaldo ’ s beraubt hätte . Man weiß , daß dieser im Stande ist , seine Drohung auszuführen , und sein Werk in der That zurückzuziehen , und einer solchen Alternative gegenüber blieb eben nichts weiter übrig als unbedingtes Nachgeben . “ „ Freilich ! Mein Widerspruch gilt nur dieser Art von Terrorismus , den sich ein fremder Künstler hier im Herzen Italiens erlaubt , indem er die Einheimischen zwingt , sich seiner speciell deutschen Auffassung der Musik zu fügen . “ „ Besonders wenn diese Einheimischen schon zweimal mit einer Oper Fiasco gemacht haben , während jede neue Schöpfung Rinaldo ’ s vom stürmischen Beifall des Publicums getragen wird , “ flüsterte der Marchese seinem Nachbar zu . Dieser , ein Engländer , sah äußerst gelangweilt aus . Er war des Italienischen nur theilweise mächtig , und die rasch und lebhaft geführte Unterhaltung blieb ihm daher größtentheils unverständlich . Nichtsdestoweniger beantwortete er die leise und verächtliche Bemerkung seines jugendlichen Nachbars mit einem würdevollen Kopfnicken und sah sich darauf hin aufmerksam den Maestro an , als sei ihm dieser auf einmal eine Merkwürdigkeit geworden . „ Wir sprechen von der neuen Oper Rinaldo ’ s , “ wandte sich der Officier artig erklärend an den Fremden , der bisher einen stummen Zuhörer abgegeben hatte , und jetzt in fremdartig klingendem , aber doch geläufigem Italienisch antwortete . „ Ich hörte soeben den Namen . Irgend eine musikalische Größe vermuthlich ? “ Die Herren blickten den Fragenden in sprachlosem Erstaunen an , nur das Gesicht des Maestro verrieth eine unverkennbare Genugthuung darüber , daß es doch wenigstens einen Menschen auf der Welt gab , der diesen Namen nicht kannte . „ Irgend eine ? “ betonte Marchese Tortoni . „ Verzeihung , Signor Capitano , aber Sie sind wohl sehr lange auf der See gewesen und kommen vermuthlich aus einer andern Hemisphäre ? “ „ Direct von den Südsee-Inseln ! “ bestätigte der Capitain , trotz des ironischen Tones der Frage mit einem verbindlichen Lächeln . „ Und da man dort leider noch nicht so vertraut ist mit den künstlerischen Erzeugnissen der Neuzeit , wie es im Interesse der Civilisation wohl zu wünschen wäre , so bitte ich , meiner bedauernswerthen Unkenntniß zu Hülfe zu kommen . “ „ Es handelt sich um den ersten und genialsten unserer jetzigen Componisten , “ sagte der Marchese . „ Er ist zwar von Geburt ein Deutscher , aber seit Jahren schon gehört er ausschließlich uns an . Er lebt und schafft nur auf italienischem Boden , und wir sind stolz darauf , ihn den Unseren nennen zu dürfen . Uebrigens würde es Ihnen leicht sein , heute Abend seine persönliche Bekanntschaft zu machen . Er erscheint jedenfalls . “ „ Mit Signora Biancona – selbstverständlich ! “ fiel der Officier ein . „ Hatten Sie schon Gelegenheit , unsere schöne Primadonna zu hören ? “ Der Capitain machte eine verneinende Bewegung . „ Ich bin erst vor einigen Tagen hier angekommen , indessen sah ich sie bereits vor Jahren in meiner Heimath , wo sie damals ihre ersten Lorbeeren einsammelte . “ „ Ah , damals war sie ein aufsteigendes Gestirn , “ rief der Andere . „ Freilich , im Norden hat sie ihren Ruhm gegründet ; sie kam bereits als gefeierte Künstlerin zu uns zurück . Jetzt aber steht sie unbedingt auf der Höhe ihres Talentes . Sie müssen sie hören und zwar in einer von Rinaldo ’ s Opern hören , wenn Sie sie in ihrem vollen Glanze bewundern wollen . “ „ Gewiß , denn da flammt ein Feuer in das andere , “ bestätigte der junge Marchese . „ Jedenfalls werden Sie auch heute schon in der Signora eine blendend schöne Erscheinung finden . Versäumen Sie ja nicht eine Vorstellung und Unterredung mit ihr . “ „ Falls dies nämlich dem Signor Rinaldo genehm ist , “ mischte sich der Maestro jetzt wieder ein . „ Sonst würden Sie ganz vergeblich eine Annäherung versuchen . “ „ Hat Rinaldo darüber zu bestimmen ? “ warf der Capitain flüchtig hin . „ Nun , wenigstens nimmt er sich das Recht dazu . Er ist so gewöhnt , überall den Herrn und Gebieter herauszukehren , daß er dies auch hier versucht , und leider nicht ohne Erfolg . Ich begreife die Biancona nicht . Eine Künstlerin von ihrer Bedeutung , eine Frau von ihrer Schönheit – und sie läßt sich so gänzlich von einem Manne beherrschen . “ „ Aber dieser Eine ist Rinaldo , “ lachte der Officier , „ und damit ist genug gesagt . Gestehen wir es nur , Tortoni , wir Alle können uns nicht mit seinen Erfolgen messen . Dem fliegen ja alle Herzen entgegen , wo er nur erscheint – da ist es am Ende kein Wunder , wenn selbst eine Biancona sich willig dem Zauber beugt , den dieser Mann nun einmal an sich zu tragen scheint . “ „ Nun , so willig geschieht es gerade nicht , “ meinte Gianelli hämisch . „ Signora ist leidenschaftlich im höchsten Grade , aber Rinaldo überbietet sie darin womöglich noch . Es giebt zwischen ihnen mindestens ebenso oft Sturm wie Sonnenschein , und heftige Scenen sind an der Tagesordnung . “ „ Dieser Rinaldo scheint ja , wie das Publicum , so auch die gesammte Gesellschaft zu beherrschen , “ sagte der Capitain sich jetzt ausschließlich an den Capellmeister wendend . „ Läßt man sich dergleichen denn von einem einzigen Menschen und noch dazu von einem Fremden gefallen ? “ „ Weil man eben blind ist und sein will für jedes andere [ 461 ] Verdienst , “ rief der Maestro mit unterdrückter Heftigkeit . „ Wenn die Gesellschaft einmal einen Götzen auf den Thron erhebt , so pflegt sie auch in ihrer Anbetung bis zur Lächerlichkeit zu gehen . Man treibt ja einen förmlichen Cultus mit diesem Rinaldo , da ist es am Ende kein Wunder , wenn sein Hochmuth und