war am wenigsten geschaffen , sich solchen Eindrücken zu entziehen . Sie gab sich ihnen mit voller Seele hin , während sie , ganz erfüllt von Freude und Erwartung , an der Seite ihres Vormundes dahinschritt . Sie hatte ihm gegenüber schnell genug die frühere Unbefangenheit wiedergefunden . Jene seltsame Stunde am Nixenbrunnen war längst vergessen , ebenso wie der flüchtige Ernst , den sie wachgerufen . Das war wie ein Traum an ihr vorübergegangen und schnell und spurlos wie ein Traum auch wieder verschwunden . Auf diesem sonnenhellen Grunde haftete nun einmal nichts , was einen Schatten ähnlich sah . Gabriele empfand es allerdings , daß der Freiherr seit jenem Tage eine ganz ungewohnte Güte und Nachgiebigkeit gegen sie zeigte , hatte er doch den heutigen Ball nur beschlossen , um , wie er sagte , gewissen tanzlustigen Füßchen Gelegenheit zu geben , sich endlich einmal müde zu tanzen . Das [ 240 ] war unerhört bei ihm , der alle Festlichkeiten nur als lästige Etiquettenpflichten betrachtete , aber die junge Dame war es so gewohnt , von den Eltern und der Umgebung verzogen zu werden , daß ihr das alles nicht besonders auffiel . Sie nahm die Güte ihres Vormundes hin , wie sie früher seine Strenge hingenommen hatte , mit dem Uebermuthe und der Launenhaftigkeit eines Kindes , und heute drängte nun vollends der Gedanke an das kommende Fest alles Uebrige bei ihr in den Hintergrund . Sie sprühte von allerlei neckischen Einfällen , und ihr helles Lachen klang immer wieder von Neuem durch die feierliche Stille der Prachträume . Raven war ernst und schweigsam wie gewöhnlich , aber er hörte mit offenbarem Vergnügen dem Geplauder zu , und dabei haftete sein Blick wie selbstvergessen auf dem jungen Wesen , das so rosig blühend an seinem Arme hing und mit den leuchtenden , glückstrahlenden Augen zu ihm aufblickte . Gabriele hatte nie reizender ausgesehen , als an diesem Abende , in dem duftigen weißen Ballanzuge , durch den sich hier und da blühende Gewinde schlangen , und mit dem vollen Blüthenkranze in den blonden Haaren ; ihre ganze Erscheinung war von einem so bestrickenden Zauber , von einer so thaufrischen Anmuth , als sei eine der lustigen , neckischen Elfengestalten der Sage lebendig geworden . In dem Lichtmeer , das heute durch die Säle floß , war sie das Hellste und Lichteste von Allem . Sie hatten ihren Rundgang beendet und betraten jetzt den großen Empfangssalon , der mit den Portraits verschiedener historischer und fürstlicher Persönlichkeiten geschmückt war . Der blendende Glanz der Kronleuchter floß nieder auf die prachtvollen , aber noch völlig öden Räume , die trotz des festlichen Schmuckes in ihrer Leere und Stille einen beinahe unheimlichen Eindruck machten . Man vernahm nichts , als den Schritt des Freiherrn und das Rauschen des Kleides seiner Begleiterin . „ Wir sind wirklich wie in einem verzauberten Schlosse , “ sagte Gabriele muthwillig . „ Die einzigen lebenden Wesen in all der todten Pracht ringsum . Ich habe nicht geglaubt , daß Dir so viel Glanz zu Gebote stände , Onkel Arno ; es muß doch schön sein , sich als Herr darüber zu fühlen . “ Der Freiherr sandte einen prüfenden , aber sehr gleichgültigen Blick durch die Gemächer , als er antwortete : „ Du findest das wohl sehr beneidenswert ? Ich habe von jeher auf diese Seite meiner Stellung wenig Gewicht gelegt . “ „ Auch auf diese nicht ? “ Gabriele deutete auf das Ordensband . Es war einer der höchsten Orden des Landes , den der Freiherr trug , eine Auszeichnung , wie sie nur in den seltensten Fällen gewährt wurde . „ Auch darauf nicht , “ sagte Raven ruhig , „ obwohl ich beides nicht entbehren möchte . Der äußere Glanz ist nun einmal unzertrennlich von jeder Machtsphäre ; den meisten Menschen verkörpert sie sich ja nur in solchen Aeußerlichkeiten ; also muß man ihnen Rechnung tragen . Ich habe das von jeher gethan , aber mein Streben selbst ging nach anderen Zielen . “ „ Die Du doch auch erreicht hast , wie Alles im Leben . “ Der Freiherr schwieg einige Secunden lang . Es war ein rätselhafter Ausdruck , mit dem sein Auge aus dem Antlitze des jungen Mädchens ruhte , als er endlich entgegnete : „ Ich habe Viel erreicht . Alles – nein ! “ „ Willst Du noch höher hinaus ? “ fragte Gabriele mit naiver Verwunderung . Er lächelte . „ Nein , diesmal möchte ich um zwanzig Jahre rückwärts schreiten . “ „ Und weshalb denn ? “ „ Um wieder jung zu sein . Ich habe es in der letzten Zeit oft genug empfunden , daß ich – alt geworden bin . “ Die junge Baroneß deutete neckend auf den großen Wandspiegel , der sich ihnen gerade gegenüber befand . „ Sieh dorthin , Onkel Arno , und dann sage es noch einmal , daß Du alt bist ! “ Raven folgte der Richtung ihrer Hand . Das helle Glas warf in voller Klarheit sein Bild zurück , die hohe , gebietende Gestalt in reifster Manneskraft . Er musterte es mit einem Gemisch von Befriedigung und leiser Unruhe . „ Und doch stehe ich bereits an der Schwelle der Fünfzig , “ sagte er langsam . „ Weißt Du das , Gabriele ? “ „ Gewiß ! Aber weshalb legst Du einen solchen Nachdruck darauf ? Du fühlst doch sicher noch nicht einen einzigen der Vorboten des Alters . “ „ Eben deshalb komme ich bisweilen in Versuchung , es zu vergessen , und das kann unter Umständen gefährlich werden . Du solltest mich am wenigsten dazu ermuthigen . “ Raven brach plötzlich ab , als er den fragenden Blick des jungen Mädchens gewahrte , das die Aeußerung offenbar nicht verstand . Er wandte sich weg von dem Spiegel und fuhr in leichterem Tone fort : „ Es gefällt Dir also bei mir im Schlosse ? “ „ Wenn Alles so licht und hell ist wie heute Abend , gewiß , “ versicherte Gabriele . „ Am Tage finde ich das Schloß recht düster . Diese hohen Wölbungen , diese tiefen Nischen und breiten Pfeiler geben nichts als Schatten , und Dein Arbeitszimmer ist nun vollends der düsterste Ort , den ich kenne . Die schweren Vorhänge lassen ja auch nicht einen einzigen Sonnenstrahl hinein . “ „ Die Sonne stört mich beim Arbeiten , “ wandte der Freiherr ein . Die junge Dame warf ärgerlich das Köpfchen zurück . „ Aber mein Gott , man lebt doch nicht blos , um zu arbeiten . “ „ Es giebt aber Naturen , denen die Arbeit Nothwendigkeit und Bedürfniß ist , wie mir zum Beispiel . Ein Schmetterling , wie Du , begreift das freilich nicht . Der fliegt und flattert im Sonnenschein , glänzt in tausend Farben – und ist hin , sobald der bunte Staub von den Flügeln fällt . Es ist etwas Schönes , aber auch etwas Vergängliches um solch ein Schmetterlingsdasein . “ Es lag wieder etwas von dem alten Sarkasmus in den letzten Worten des Freiherrn . Gabriele nahm eine höchst beleidigte Miene an . „ Ah so , Du meinst , ich bin auch so ein buntes Nichts ? Nicht wahr , Onkel Arno ? “ „ Ich meine , daß es ein Unrecht wäre , von Dir zu verlangen , Du solltest Leiden oder Kämpfen gewachsen sein , “ sagte Raveu ernster . „ Wesen wie Du sind nun einmal nur für Glück und Sonnenschein geschaffen und können in keinem anderen Elemente leben . Die Arbeit und den Kampf überlasse mir und meines Gleichen ! Es ist auch eine Bestimmung , der Sonnenstrahl für seine Umgebung zu sein und alles Dunkle licht und hell zu machen ; Du hast ganz Recht , es ist töricht , ihn so streng zu verbannen , aus Furcht , man könne dadurch geblendet werden . Warum soll er nicht auch einmal den Herbst vergolden ? “ Er hatte sich zu dem jungen Mädchen niedergebeugt und sah ihr tief in ’ s Auge , als die Flügelthüren geräuschvoll geöffnet wurden und die Baronin Harder über die Schwelle rauschte . Der Freiherr richtete sich jäh empor und warf seiner Schwägerin einen nichts weniger als freundschaftlichen Blick zu , den sie zum Glück nicht gewahrte . Sie passirte gerade den großen Wandspiegel und prüfte darin den Effect ihrer Erscheinung . Die Dame hatte von der Freigebigkeit ihres Schwagers einen sehr ausgiebigen Gebrauch gemacht ; ihre reiche Toilette war nur etwas zu überladen , um schön zu sein . Die kostbare Atlasrobe verschwand fast unter all dem Sammet und den Spitzen , die sie bedeckten . Das Haar schmückte ein förmlicher Blumengarten , und die gleichfalls durch die Großmuth des Freiherrn aus dem Ruin geretteten Diamanten funkelten an Hals und Armen . Was Toilettenkünste nur leisten konnten , das war aufgeboten worden , und mit deren Hülfe wäre es der Baronin vielleicht auch gelungen , am heutigen Abende noch für eine schöne Frau zu gelten , wenn nicht die jugendlich blühende Gestalt der Tochter neben ihr gestanden hätte . Vor der Anmuth und Frische des siebenzehnjährigen Mädchens hielt keiner jener künstlichen Reize Stand , und daneben erschien die Mutter als das , was sie in der That war , als eine verblühte , alternde Frau . „ Verzeihung , wenn ich habe warten lassen ! “ sagte sie , sich mit gewohnter Liebenswürdigkeit ihrem Schwager nähernd . „ Ich wußte nicht , daß Sie bereits im Salon waren , Arno , und noch ist Niemand von den Gästen vorgefahren . Gabriele hat Sie hoffentlich während meiner Abwesenheit unterhalten . “ Raven erwiderte nichts . „ Unsere Gäste müssen sogleich erscheinen , “ äußerte er nach einer Weile , sichtlich verstimmt durch die Unterbrechung , und in der That hörte man gleich darauf den ersten Wagen vorfahren . Der Freiherr bot seiner Schwägerin [ 241 ] den Arm , um sie zu ihrem Platze am oberen Ende des Saales zu führen , dabei ging sein Blick prüfend von der Mutter zur Tochter . „ Gabriele gleicht Ihnen doch gar nicht , Mathilde , “ sagte er plötzlich , und der Ton verrieth eine geheime Befriedigung . „ Finden Sie das ? “ fragte die Baronin , die wahrscheinlich die entgegengesetzte Bemerkung lieber gehört hätte . „ Es mag sein , daß sie mehr ihrem Vater – “ „ Auch dem Baron gleicht sie nicht im Mindesten , “ fiel Raven ein . „ Sie hat auch nicht einen einzigen Zug von ihren Eltern geerbt – Gott sei Dank ! “ setzte er bei sich selber hinzu . Die Baronin schwieg mit empfindlicher Miene , obwohl sie den verletzenden Schluß der Bemerkung nicht vernehmen konnte . Es ließ sich freilich nicht leugnen , daß Gabriele weder die Harder ’ schen Familienzüge , noch die ihrer Mutter trug , sie war beiden Eltern so unähnlich , wie nur möglich . Den ersten Gästen , die jetzt eintraten , folgten bald mehrere . Wagen auf Wagen rollte in das Portal des Regierungsgebäudes , und die Säle begannen sich allmählich zu füllen . Die Einladungen waren diesmal in so ausgedehntem Maße ergangen , daß die weiten Festräume sich kaum ausreichend erwiesen für die glänzende Versammlung , die sich darin bewegte . Inmitten der Civiltracht , welche die meisten der Herren trugen , sah man auch zahlreiche Uniformen und die zum Theil prachtvollen Toiletten eines reichen Damenflors . Die Spitzen sämmtlicher Behörden , der Commandant und die Officiere der Garnison , wie die der nahegelegenen Festung waren vollzählig erschienen ; ebenso das ganze Beamtenpersonal des Freiherrn und überhaupt Alles , was in den Gesellschaftskreisen von R. nur irgendwie aus Stellung oder Bedeutung Anspruch machen konnte . Da die Veranlassung des Festes eine officielle war , so galt die Annahme der Einladungen als selbstverständlich , und aus diesem Grunde waren auch der Bürgermeister und die übrigen Vertreter der Stadt anwesend , trotz des Conflictes , der zwischen ihnen und dem Gouverneur schwebte und an jedem Tage an Schärfe und Ausdehnung gewann . Freiherr von Raven schien diesen Conflict für heute gänzlich zu ignoriren . Er empfing die Gäste , wie alle Uebrigen , mit vollendeter Artigkeit , aber auch mit jener kühlen Zurückhaltung , die ihm eigen war und stets eine unsichtbare Schranke um ihn zog . An seiner Seite machte die Baronin Harder die Honneurs des Hauses und nahm mit großer Befriedigung wahr , daß sie und ihre Tochter im Vordergrunde des allgemeinen Interesses standen . Beide Damen hatten bisher noch keine Gelegenheit gehabt , an dem Gesellschaftsleben von R. theilzunehmen , das erst jetzt mit dem beginnenden Herbste seinen Anfang nahm . Erst mit dem heutigen Feste traten sie in die Kreise ihrer neuen Heimath , die ihnen zum Theil noch fremd waren und in denen ihre nahe Verwandtschaft mit dem Gouverneur ihnen gleichfalls den ersten Platz anwies . Es war natürlich , daß sie den Mittelpunkt für die sämmtlichen Gäste bildeten , aber während die Baronin all die Artigkeiten und Aufmerksamkeiten in Empfang nahm , die der Dame des Hauses gebührten , feierte die Schönheit und Anmuth ihrer Tochter wahre Triumphe ; die junge Baroneß war fortwährend umringt , gefeiert , bewundert , und besonders die jüngeren Herren wagten einen förmlichen Sturm , um die Zusage irgend eines Tanzes zu erhalten . Raven blickte bisweilen zu den Gruppen hinüber , die sich immer wieder von Neuem um sein reizendes Mündel bildeten , aber es lag nur ein halbes Lächeln auf seinen Lippen . Er sah , mit welchem Vergnügen , aber auch mit welcher Unbefangenheit sie die Huldigungen entgegennahm , die ihr von allen Seiten dargebracht wurden . In der That waren Triumphe und Huldigungen das beste Mittel , die Ungeduld zu beschwichtigen , mit der Gabriele die Annäherung eines Einzigen erwartete , während immer neue Gestalten vor ihr auftauchten und eine unendliche Menge von Namen an ihrem Ohre vorüberschwirrte . Georg Winterfeld war längst im Saale , aber sie hatte kaum einige flüchtige Worte mit ihm wechseln können . Er hatte eben erst ihre Mutter und sie begrüßt , als der Oberst herantrat , um seine beiden Söhne vorzustellen , und die Aufmerksamkeit der Damen vollständig für sich und die jungen Officiere in Anspruch nahm . Einige hochgestellte Persönlichkeiten , die gleichfalls zu den näheren Bekannten des Hauses gehörten , gesellten sich dazu , und der junge Beamte , der völlig fremd und isolirt in diesem Kreise war , mußte sich zurückziehen , wollte er nicht aufdringlich erscheinen . Es war ihm noch nicht möglich gewesen , sich Gabrielen wieder zu nähern ; sie befand sich fortwährend in unmittelbarer Nähe des Freiherrn und ihrer Mutter und nahm mit Beiden an dem Empfange der Gäste Theil . Aber jetzt galt kein längeres Zögern ; bereits erklangen die ersten Tacte der Musik , und Georg , der sich um jeden Preis noch eine Begegnung für den heutigen Abend sichern wollte , gab die Zurückhaltung auf . Er trat heran und bat Baroneß Harder , ihm einen Tanz zu gewähren . Gabriele hatte das vorhergesehen und dafür gesorgt , daß wenigstens einer der Tänze frei blieb . Sie sagte sofort zu ; der Freiherr , der soeben mit dem Hofrath Moser sprach , hörte die Zusage , er wandte sich um und sah die Beiden befremdet an . „ Ich dächte , Du hättest keinen einzigen Tanz mehr zur Verfügung , “ sagte er . „ Ist wirklich noch einer davon frei ? “ „ Das gnädige Fräulein war so gütig , mir den zweiten Walzer zu versprechen , “ erklärte Georg . Der Freiherr runzelte die Stirn . „ In der That , Gabriele ? So viel ich weiß , hast Du diesen Tanz vorhin dem Sohne des Oberst Wilten verweigert . “ „ Allerdings , aber ich hatte ihn bereits vorher dem Herrn Assessor versprochen . “ „ So ? “ sagte Raven langsam . „ Nun , wer der Erste war , hat allerdings das Vorrecht . Baron Wilten wird es sehr bedauern , zu spät gekommen zu sein . “ Es war ein seltsam forschender Blick , mit dem der Freiherr bei diesen Worten das Antlitz Gabrielens streifte und der dann auf Georg haften blieb . In diesem Moment erschien der Cavalier , dem es gelungen war , die Zusage des ersten Tanzes von der jungen Baroneß zu erhalten , und bot ihr den Arm . Georg verneigte sich und trat zurück . Es kam jetzt eine lebhaftere Bewegung in die Gesellschaft . Der jüngere Theil derselben fluthete nach dem Ballsaal hin , aus dessen weitgeöffneten Thüren die Musik erklang , während die Aelteren sich in den übrigen Gemächern zerstreuten . Der Empfangssaal begann sich zu leeren , und die Baronin Harder war soeben im Begriff , ihren Platz dort zu verlassen , als ihr Schwager zu ihr trat . „ Sie kennen den Assessor Winterfeld näher ? “ fragte er halblaut . Die Baronin machte eine bejahende Bewegung . „ Ich sagte Ihnen ja bereits , daß wir im Sommer in der Schweiz seine Bekanntschaft machten . “ „ Kam er oft in Ihr Haus ? “ „ Ziemlich oft . Ich habe ihn stets gern empfangen und hätte das auch hier gethan , wenn Sie sich nicht so bestimmt dagegen ausgesprochen hätten . “ „ Ich liebe es nicht , die jungen Beamten in meine Privatkreise zu ziehen , “ entgegnete der Freiherr schroff , „ und ich begreife überhaupt nicht , Mathilde , wie Sie in Ihrer damaligen Zurückgezogenheit dem ersten besten Fremden den Zutritt in Ihr Haus und den unbeschränkten Verkehr mit Ihrer Tochter gestatten konnten . “ „ Es war ein Ausnahmefall , “ vertheidigte sich die Baronin . „ Der Assessor hatte uns einen großen Dienst geleistet , als wir auf dem See in Gefahr geriethen . Sie wissen es ja , daß er mich und Gabriele – “ „ Durch das seichte Wasser , ohne alle Schwierigkeit , an das Land brachte , “ ergänzte Raven . „ Ja , das weiß ich , und zweifle durchaus nicht , daß er diesen Dienst , den jeder Fischerbube Ihnen hätte leisten können , benutzt hat , um als Lebensretter bei Ihnen zu debütiren , wie es scheint nicht ohne Erfolg . Gabriele gewährt ihm einen Tanz , den sie dem jungen Baron Wilten verweigert hat und der vermuthlich eigens für den Herrn Assessor aufgehoben wurde . Das ist eine Vertraulichkeit , die sich jedenfalls auf die frühere Bekanntschaft stützt , die ich aber im höchsten Grade unpassend finde . Die einmal gegebene Zusage kann allerdings nicht zurückgenommen werden , ich bitte Sie aber , dafür zu sorgen , daß Gabriele nicht öfter mit dem jungen Manne tanzt . Ich wünsche es durchaus nicht ! “ Er sprach in gedämpftem , aber offenbar gereiztem Tone . Die Baronin war etwas überrascht von dieser Gereiztheit , die sie sich nicht zu erklären vermochte , beeilte sich aber , zu versichern , daß sie mit ihrer Tochter sprechen werde , und nahm dann den [ 242 ] Arm des Oberst Wilten , der soeben kam , um sie gleichfalls nach dem Tanzsaal zu führen . Inzwischen schritt der Freiherr durch die anderen Säle , wo die übrige Gesellschaft sich meist in lebhafter Unterhaltung befand . Raven trat zu den einzelnen Gruppen , indem er hier am Gespräch theilnahm , dort nur wenige flüchtige Bemerkungen hinwarf und am dritten Orte wenige Artigkeiten austauschte . Auch mit dem Bürgermeister sprach er in verbindlicher Weise , ohne den schwebenden Conflict auch nur mit einem Worte zu erwähnen . Er war zuvorkommend gegen Einzelne , herablassend gegen Andere , höflich mit Allen , aber mit keinem Einzigen vertraulich . Sein Benehmen zeigte nur die Ruhe und Sicherheit eines Mannes , der gewohnt ist , den ersten Platz einzunehmen , und sich von vornherein über seine Umgebung stellt . Und die Umgebung war es längst gewohnt , ihm diese Stellung unbedingt einzuräumen . „ Man sollte meinen , wir wären bei unserem Landesherrn selbst zu Gaste , nicht bei seinem Vertreter , “ sagte der Bürgermeister zum Polizeidirector , als er mit diesem zusammentraf . „ Die Airs , die sich Excellenz bei solchen Gelegenheiten zu geben liebt , sind wirklich bewundernswürdig , aber sie passen besser für einen Souverain , als für den Gouverneur einer Provinz . Sind Sie auch schon mit einer allergnädigsten Anrede und huldreichen Entlassung beehrt worden ? “ Der Gefragte lächelte in seiner verbindlichen Weise , ohne die Bitterkeit bemerken zu wollen . „ Ich bin wirklich überrascht , Sie hier zu sehen , “ entgegnete er . „ Bei der schroffen Stellung , die Sie und die übrigen Herren von der Stadt jetzt dem Gouverneur gegenüber einnehmen , fürchtete ich , daß Sie die Annahme der Einladung verweigern würden . “ „ Können wir das ? “ fragte der Bürgermeister mit unterdrückter Heftigkeit . „ Das Fest gilt dem Landesherrn ; unser Fernbleiben wäre eine Demonstration , die in gehässigster Weise gedeutet und ausgebeutet werden könnte , und wir möchten gerade nach dieser Seite hin am wenigsten verletzen . Der Freiherr weiß es so gut wie wir , daß nur diese Rücksicht unser Erscheinen veranlaßt . Zu seinen Festen wären wir schwerlich gekommen . “ „ Sie sollten den Conflict Ihrerseits nicht auch noch auf die Spitze treiben , “ mahnte der Andere . „ Sie kennen ja den Freiherrn von Raven ; von ihm ist keine Nachgiebigkeit zu erwarten . “ „ Von uns noch weniger ! Wir halten fest an unseren Rechten , und es wird sich ja zeigen , ob ein Gouverneur , der in solcher Weise uns gegenübersteht , sich auf die Dauer behaupten kann . “ „ Er wird sich behaupten , “ sagte der Polizeidirector mit Bestimmtheit . „ Hoffen Sie nichts in dieser Beziehung ! Noch ist sein Einfluß an maßgebender Stelle ein unumschränkter . “ Der Bürgermeister stutzte und warf einen forschenden Blick auf den Sprechenden . „ Sie scheinen das sehr genau zu wissen . Freilich , Sie kamen ja aus der Residenz zu uns und haben dort jedenfalls Freunde und Verbindungen . “ „ Durchaus nicht , “ lehnte der Director in kühlem Tone ab . „ Ich meine nur , das Auftreten des Freiherrn zeigt zur Genüge , wie sicher er sich in seiner Stellung fühlt , und wie allmächtig sein Einfluß in gewissen Kreisen ist . Sie thäten besser , es nicht zum offenen Bruche zwischen ihm und der Stadt kommen zu lassen ; noch wird eine Katastrophe ja zu vermeiden sein . “ Damit ging er . Der Bürgermeister schaute ihm ärgerlich nach . „ Jawohl , “ murmelte er , „ die Katastrophe soll um jeden Preis vermieden werden , damit es dem Herrn Polizeidirector möglich ist , die schöne Neutralität zu bewahren , die er so offenbar zur Schau trägt . Er hat es wirklich fertig gebracht , zugleich der gehorsame Diener des Freiherrn zu sein und in der ganzen Stadt für den liebenswürdigen , maßvollen Vermittler zu gelten , der nur gezwungen seinem Chef gehorcht . Da ist mir ein offener Gegner wie Raven noch lieber ; ihm gegenüber weiß man doch wenigstens , woran man ist , aber diese Neutralen , die es mit beiden Parteien halten und es mit keiner ehrlich meinen – ich traue ihnen nun einmal nicht . “ Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Um hohen Preis aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 16 , S. 255 – 258 Fortsetzungsroman – Teil 8 [ 255 ] Im Ballsaal wurde inzwischen der längst begonnene Tanz mit Lebhaftigkeit fortgesetzt , und die Paare ordneten sich bereits zum zweiten Walzer . Gabriele war von einem Tanz zum andern geflogen ; sie liebte dieses Vergnügen über Alles und sog mit vollen Zügen den Weihrauch ein , der ihr freigebig von allen Seiten gestreut wurde . Die Huldigungen und Schmeicheleien der Herren fanden ein williges Ohr bei der jungen Dame ; sie bemerkte es nicht , wie ernst und vorwurfsvoll Georg ’ s Augen bisweilen auf ihrem Antlitz hafteten , wenn sie das Alles in spielender Koketterie hinnahm , und reichte ihm die Hand , als er endlich kam , um sie an ihre Zusage zu erinnern , und sie in die Reihen führte . „ Baroneß Harder ist doch eine reizende Erscheinung , “ sagte Oberst Wilten zu dem Freiherrn , der vor einigen Minuten in den Saal getreten war und ganz gegen seine sonstige Gewohnheit dem Tanze zusah . „ Ich fürchte nur , Excellenz , Sie werden Ihre schöne Pflegebefohlene nicht allzu lange behalten ; sie dürfte Ihnen bald genug von dem künftigen Gemahl entführt werden . “ „ Warum nicht gar ! “ erwiderte Raven in halb unwilligem Tone . „ Davon kann vorläufig keine Rede sein , Gabriele ist ja noch ein halbes Kind . “ Der Oberst lachte . „ Mit siebenzehn Jahren sind unsere jungen Mädchen keine Kinder mehr . Fräulein von Harder würde ganz entschieden gegen eine solche Zumuthung protestiren . Sehen Sie nur , wie graziös sie mit ihrem Tänzer dahinschwebt ! Die eigenthümlich sonnige Art ihrer Schönheit ist noch nie so siegreich zur Geltung gekommen , wie an dem heutigen Abend . Ich möchte Sie wirklich um Ihre Vaterrechte an diesem liebenswürdigen Wesen beneiden . “ Vaterrechte ! Das Wort schien den Freiherrn unangenehm zu berühren ; auf seiner Stirn zeigte sich eine tiefe Falte , als er , ohne etwas zu erwidern , mit den Blicken dem jungen Paare folgte , das seine ganze Aufmerksamkeit fesselte . Wilten hatte nicht ohne alle Beziehung gesprochen . Er hatte es recht gut bemerkt , wie angelegentlich sein ältester Sohn der jungen Baroneß den Hof machte , die als wahrscheinliche Erbin ihres Vormundes eine glänzende Partie war . Der Oberst hätte durchaus nichts dagegen gehabt , dem letzteren die Vaterrechte abzunehmen ; die schöne und reiche Schwiegertochter wäre ihm höchst willkommen gewesen , und er versuchte es , die Sache wenigstens anzubahnen . Aber seine Andeutungen in dieser Hinsicht schienen durchaus nicht verstanden zu werden ; er ließ also vorläufig den Gegenstand fallen . „ Ich sprach soeben den Polizeidirector , “ begann er von Neuem . „ Er meint , daß nichts zu besorgen wäre , hat aber doch alle nöthigen Vorsichtsmaßregeln getroffen für den Fall , daß es heute in der Stadt zu irgend welchen Excessen kommen sollte . “ „ Heute ? Warum gerade heute ? “ fragte Raven zerstreut und noch immer mit seinen Beobachtungen beschäftigt . „ Nun , der heutige Festtag giebt doch Gelegenheit zu manchen Zusammenkünften , besonders in den niederen Ständen , und hat bei der jetzigen gereizten Stimmung sein Bedenkliches , zumal wenn die Köpfe erhitzt sind . “ Dem Freiherrn schien das Gespräch lästig zu sein ; er hörte kaum darauf und war offenbar von ganz anderen Gedanken in Anspruch genommen , als er gleichgültig erwiderte : „ So , meinen Sie das ? “ Der Oberst sah ihn befremdet an . „ Aber , Excellenz , das müssen Sie doch am besten wissen . Wir sprachen ja erst gestern ausführlich darüber , und es ist leider kein Geheimniß , daß die allgemeine Aufregung sich in erster Linie gegen Sie richtet . Hofrath Moser sagte mir vorhin , Sie hätten kürzlich wieder einen Drohbrief erhalten . “ Der Gouverneur zuckte verächtlich die Achseln . „ Ich habe ein halbes Dutzend davon in meinem Papierkorbe . Man sollte doch nun endlich einsehen , daß ich solchen Albernheiten nicht zugänglich bin . “ Wilten warf einen Blick umher : sie standen am Ende des Saales , und es befand sich augenblicklich Niemand nahe genug , um das Gespräch hören zu können . Der Oberst fuhr in leiserem Tone fort : „ Sie sollten aber doch die Gefahr nicht geradezu herausfordern . Es ist allzu unvorsichtig , daß Sie ohne jede Begleitung und Sicherheitsmaßregeln zu Fuß durch die Stadt gehen . Ich habe Sie schon neulich bitten wollen , das zu unterlassen . Wer weiß , ob der Pöbel nicht systematisch gegen Sie aufgehetzt wird ; die ganze Bürgerschaft steht ja in geschlossener Opposition Ihnen gegenüber . “ „ Desto besser , “ sagte Raven mechanisch . Seine Augen wichen nicht einen Moment lang von einem gewissen Punkte des Saales . Der Oberst trat einen Schritt zurück . „ Excellenz ! “ Sein Erstaunen brachte den Freiherrn zur Besinnung . Er wendete sich rasch um . „ Verzeihen Sie ! Ich bin zerstreut . Ich – hörte nicht recht , was Sie sagten . Wovon sprachen wir doch ? “ [ 256 ] „ Ich bat Sie , etwas mehr Rücksicht auf Ihre persönliche Sicherheit zu nehmen . “ „ Ja so ! Sie müssen es schon entschuldigen , daß ich unaufmerksam war . Wer wie ich täglich von hundert verschiedenen Seiten in Anspruch genommen wird , der kann sich nicht einmal an einem Festabende , wie der heutige , mit seinen Gedanken frei machen . “ „ Es ist aber auch eine allzu große Arbeitslast , die Sie auf Ihre Schultern genommen haben , “ meinte der Oberst . „ Selbst die ausdauerndste Kraft muß schließlich den Anstrengungen erliegen , wie Sie sich Tag für Tag zumuthen . – Sehen Sie die beneidenswerthe Jugend dort , die von solchen Sorgen keine Ahnung hat ! Das tanzt und lacht und plaudert und ist glücklich mit einander . “ „ Und ist glücklich ! “ wiederholte Raven . „ Ja wohl ! “ Es lag eine tiefe Bitterkeit in den Worten , und doch bot der Saal einen ungemein heiteren und belebten Anblick . Der weite , prächtige Raum mit den strahlenden Kerzen , der rauschenden Musik und all den jugendlich blühenden Gestalten , die