er es mir mit seinem Einfluß und seinen Bekanntschaften durchsetzen , daß Sie zum Bureaudienst commandirt werden . Das halten Sie zur Noth noch aus , denn ganz rückgängig kann die Sache nun einmal doch nicht gemacht werden . “ In dem Antlitz des Professors stieg wieder die sturmverkündende dunkle Röthe auf , seine Stirn zog sich finster zusammen und seine Stimme klang eigenthümlich gereizt , als er erwiderte : „ Ich danke Ihnen für den guten Willen , Doctor , muß aber alle und jede Einmischung Ihrerseits entschieden ablehnen . Ich bin zum Dienst mit der Waffe einberufen und werde dem Rufe folgen , genau so wie er an mich ergangen ist . “ In sprachloser Verwunderung sah der Doctor ihn an . Er war gewohnt , die unbedingteste Autorität über seinen Patienten auszuüben , war noch mehr an die stets geduldige Fügsamkeit desselben gewöhnt und jetzt auf einmal rebellirte dieser ganz offen gegen den zu seinem Besten gefaßten Beschluß . Das war dem Doctor zu viel , er wurde grob . „ Sind Sie toll ? “ rief er heftig . „ Sie wollen mit der Waffe dienen ? Sie ? Nein , das übersteigt denn doch alle Begriffe ! “ Der Professor schwieg , aber er biß die Zähne zusammen , wie Friedrich es vorhin beschrieben , und schaute blutroth im ganzen Gesichte den Doctor mit einem Blicke an , daß dieser sofort einen anderen Ton anschlug . Nennen Sie mir nur einen Grund , nur einen einzigen vernünftigen Grund für diesen Unsinn ! “ sagte er fast bittend . „ Können Sie dem Vaterlande nicht ebenso gut mit der Feder dienen , wenn Sie es sich nun einmal in den Kopf gesetzt haben ? Warum wollen Sie nicht in die Bureaux , sagen Sie mir nur warum ? “ „ Ich will nicht ! “ „ Sie sind ein Eisenkopf ! “ rief Stephan , wieder zornig werdend . „ Sie haben darin eine merkwürdige Aehnlichkeit mit meiner Nichte . ‚ Ich will nicht ! ‘ Und nun kann die ganze Welt sich dagegen setzen , es geschieht doch nicht . Genau Jane ’ s Manier , sogar ihr Ton , als hätten Sie es ihr abgelernt . Einer wie der Andere , ihr könntet zusammen ein Paar abgeben ! “ „ Doctor , ich bitte , verschonen Sie mich mit diesem albernen Scherz ! “ brach der Professor in vollster Heftigkeit aus , indem er heftig mit dem Fuße stampfte . Doctor Stephan stand einen Augenblick ganz starr vor dieser Kraftäußerung seines sanftmüthigen Patienten , dann aber sagte er in einem Tone aufrichtiger Bewunderung : „ Ich glaube , Sie können jetzt sogar grob werden . “ Fernow runzelte die Stirn und wendete sich ab . „ Nun , es war natürlich nur ein Scherz ! “ entschuldigte sich Stephan , „ ich weiß ja , daß Sie mit Jane so halb und halb auf dem Kriegsfuße stehen ; aber Sie können jetzt merkwürdig heftig werden , Professor ! Ich finde überhaupt , daß Sie seit den letzten zwei Monaten gar nicht mehr derselbe sind . “ Fernow vertheidigte sich mit keiner Silbe gegen den Vorwurf , er schwieg hartnäckig . „ Um nun wieder auf die Hauptsache zu kommen , “ begann der Doctor von neuem , diesmal aber etwas kleinlaut , „ Sie wollen also meine Verwendung nicht annehmen ? “ „ Nein ! “ „ Sie wollen wirklich morgen mit ausmarschiren ? “ „ Auf jeden Fall . “ „ Nun denn – zwingen kann ich Sie nicht , und wenn es denn durchaus nicht anders sein kann , “ hier brach auch bei dem Doctor der Patriotismus durch , er streckte ihm herzlich die Hand entgegen , „ so gehen Sie in Gottes Namen . Wer weiß ! Am Ende ist der Oberstabsarzt mit seinem Gewaltstreich klüger als wir Alle , und Eins wenigstens hat er Ihnen bewiesen , was Sie mir niemals glauben wollten , daß Sie weder schwindsüchtig sind , noch sonst eine ausgesprochene Krankheit haben , und ihre Nerven – erinnern Sie sich , was ich Ihnen vor vier Wochen anrieth ? “ Der Professor hob langsam das Auge zu ihm empor . „ Ein Gewaltmittel ! “ sagte er leise . „ Richtig ! Eine Radicalcur , vor der Sie sich damals entsetzten . Zu einem Tagelöhnerleben konnten Sie sich nicht entschließen , aber in ’ s Kriegsleben stürzen Sie sich jetzt , ohne mich zu fragen . Nun das Gewaltmittel hätte ich ihnen freilich nicht angerathen , denn damit können wir nicht aufhören , wenn die Dosis sich als zu stark erweist , da heißt es biegen oder brechen ! Aber wenn Sie es einmal darauf wagen wollen – Glück zu . “ Der Professor lächelte trübe . „ Ich habe wenig Vertrauen zu dieser Blut- und Eisencur , “ sagte er ruhig . „ Ich werde fallen , das fühle ich , ob vor dem Feinde , ob in Folge der ungewohnten Anstrengung – gleichviel , jedenfalls schneller und besser , als nach jahrelangem Siechthum hinter dem Schreibtisch . Rauben Sie mir diese Ueberzeugung nicht , Doctor , es ist das Beste , was ich mit mir nehme , so nütze ich doch wenigstens etwas in der Welt ! “ „ Kommen Sie mir nicht wieder mit ihren Todesahnungen ! “ rief der Doctor böse . „ Sterben – Unsinn ! Das werden wir uns in B. verbitten ! Sie nützen also gar nichts im Leben ? Sie haben kein Werk geschrieben , über das die ganze Gelehrtenwelt außer sich gerieth vor Bewunderung ? “ Um die Lippen des Professors zuckte es mit schmerzlicher Bitterkeit . „ Und das der gesammten übrigen Welt ein ‚ todter Bücherstaub ‘ bleiben wird . “ „ Wirklich ? und der Artikel , den Sie heut Morgen in der – -zeitung losließen , war das auch bloßer Bücherstaub ? Ja , entsetzen Sie sich nur , daß ich es weiß , die ganze Stadt weiß es , die Universität dito , – Professor , seit Sie das geschrieben haben , halte ich bei Ihnen alles für möglich , da verzweifle ich an nichts mehr ! “ Fernow hörte kaum die letzten Worte , sein Blick war der Hand des Doctors gefolgt , die nach der erwähnten Zeitung wies , und in seinen Augen flammte es plötzlich auf , wie eine tiefe glühende Genugthuung – das Blatt lag in dem Lehnstuhl , wo Jane vorhin gesessen . „ Und Sie sollten sich schämen , “ rief Stephan , in immer größeren Eifer gerathend , „ Sie sollten sich wirklich schämen , so kleinmüthig zu sein , während Sie mit ihrer Feder Tausende zu flammender Begeisterung fortreißen . “ Das Antlitz des Professors verdüsterte sich wieder , es lag ein harter bitterer Ausdruck darauf . „ Mit der Feder ! “ sagte er langsam . „ Die Feder hat sich noch immer die Verachtung gefallen lassen müssen , wo der Augenblick Thaten fordert . Ich stehe jetzt mit all meinem Wissen und Können hinter Friedrich zurück , der mit einem Paar kräftiger Arme für das Vaterland kämpfen kann , ich – kann höchstens sterben dafür , aber gleichviel , ich danke es dennoch ihrem Oberstabsarzte , er hat mich wenigstens losgesprochen von dem Fluche , jetzt nur ein – Federheld zu sein ! “ Der Doctor schüttelte den Kopf . „ Wenn ich nur wüßte , wie Sie auf einmal zu dieser furchtbaren Bitterkeit kommen ! Das klingt ja , als hätte Ihnen irgend Jemand eine tödtliche Beleidigung angethan mit dem Worte . Ich sage es ja , Ihre ganze Natur ändert sich . “ Mit einem schweren gepreßten Athemzuge , als wolle er eine Last von sich werfen , richtete Fernow sich empor . „ Ich vergesse ganz , was mich zu ihnen führt ! “ sagte er abbrechend . „ Man läßt uns wenig Zeit , wir müssen heut Abend bereits wieder nach H. zurück , da die Ordre auf morgen früh lautet . Ich wollte Sie bitten , meine Wohnung und meine Bibliothek unter ihre Obhut zu nehmen . Im Fall meines Todes schalten Sie mit der ersteren , wie es Ihnen gut dünkt , die letztere bleibt der Universität ; es ist manches Werthvolle darunter , ich habe sie zum größten Theil geerbt . “ „ Ja , und wenn denn doch einmal ein förmliches Testament gemacht werden soll , “ fiel der Doctor ein , dann bitte ich um die Adresse Ihrer verwandten , für alle möglichen Fälle . Ich mochte bisher nicht danach fragen , Sie hielten ein so strenges Geheimniß über Ihre Familienbeziehungen . “ „ Geheimniß ? Ich habe nichts zu verbergen . Ich besitze keine Verwandten . “ „ Was , nicht einen einzigen ? “ „ Niemanden ! Ich stehe ganz allein in der Welt ! “ Es lag ein ruhiges , aber tiefes Weh in den Worten . Der Doctor schwieg theilnehmend , Fernow reichte ihm die Hand . „ Ich sage ihnen jedenfalls Lebewohl . Jetzt habe ich noch Manches zu ordnen ; auf heute Abend denn ! “ Er ging . Stephan begleitete ihn bis zur Thür und verabschiedete sich dann mit einem herzlichen Händedruck . Der Professor trat in das Salonzimmer , das er durchschreiten mußte , um auf den Hausflur zu gelangen ; seine Züge hatten ganz wieder den sanften schwermüthigen Ausdruck , der ihnen sonst eigen war ; plötzlich aber zuckte er auf und wich zurück – er erblickte Miß Forest . Sie hatte ihren Platz am Fenster nicht verlassen , aber sie war etwas vorgetreten , so daß er sie sehen mußte , und ihr Blick begegnete dem seinigen . Jane ’ s Augen vermochten es nicht , weich oder träumerisch zu blicken , und selbst das Feuer darin glich immer nur einem Nordlichtscheine auf dem Eisfelde ; aber dennoch lag eine seltsame Gewalt in diesen dunklen Tiefen , die Macht eines stolzen unbeugsamen Willens , der nicht zu locken , aber zu zwingen verstand , und sie war sich dieser Macht im vollsten Maße bewußt . So selten sie auch angewendet ward , brauchte sie sie einmal , dann blieb ihr auch der Sieg , und kein Sieg über das Gewöhnliche . Den starken Charakter des Vaters hatte sie mit diesem Blicke gebeugt , die immer bereiten Sarkasmen Atkins ’ verstummen gemacht , die kalte , gleich energische Natur Henry ’ s zu ihren Füßen gezwungen . Und jetzt galt es auch etwas zu erzwingen , den Schritt , mit dem ein Anderer trotz alledem ihren Weg kreuzen sollte und mußte , das Abschiedswort , das sie nun einmal von seinen Lippen hören wollte – darum strahlten diese Augen jetzt ist ihrem vollen mächtigen Glanze , und tief unten , hinter all dem Eise , da flammte etwas , was wärmer war als bloßer Nordlichtschein . Auch Fernow schien dieser räthselhaften Macht zu erliegen ; wie festgebannt hing sein Blick an ihrem Antlitz ; er sah es , sie wartete , wartete auf ein Lebewohl . Nur einen Schritt kostete es ihn , nur ein einziges Wort , es galt ja den Abschied , vielleicht auf Nimmerwiedersehen ! In Jane ’ s Zügen blitzte es triumpirend auf – da verdüsterte sich auf einmal das Gesicht des Professors , jede Muskel spannte sich an zum energischen Widerstande . Langsam , als weiche er Schritt für Schritt aus dem Bereiche einer dämonischen Gewalt , so riß er das Auge los von ihrem Antlitz ; seine Lippen zuckten , als sie sich aufeinanderpreßten , um das Abschiedswort zu verschließen ; seine Brust hob sich krampfhaft im qualvollsten inneren Kampfe , aber der beleidigte Stolz des Mannes hielt Stand vor der Versuchung . Er wandte sich zum Gehen , eine Verbeugung , so kalt , so fremd , wie die letzte auf dem Ruinenberge , und die Thür fiel hinter ihm zu – er hatte Wort gehalten ! Jane stand da wie eine Bildsäule ; das war zu viel ! Sie hatte sich herabgelassen zu warten , hatte die ganze Zeit gewartet und stand nun da , entschlossen , die Hand zur Versöhnung zu bieten , bereit , ein letztes Abschiedswort zu geben und zu empfangen , und diese unglaubliche Selbstüberwindung ward so aufgenommen ! Was wollte denn dieser Mann ? Verlangte er etwa gar , sie solle ihm Abbitte leisten ? Abbitte ! Bei dem bloßen Worte schon empörte sich das ganze Wesen der jungen Dame in Zorn und Entrüstung ; das war etwas , was sie nicht kannte . Miß Forest , die Alles so klar prüfte , so ruhig überlegte , sie kam nie in den Fall , eine Aufwallung bereuen oder einen Irrthum wieder gut machen zu müssen , weil sie sich niemals hinreißen ließ ; und selbst in ihren Kinderjahren war die Abbitte etwas , das ihr unmöglich schien . Sie trug jede Strafe , aber sie trotzte finster dabei , trotzte eher wochenlang , ehe das Wort „ Verzeihung “ von ihren Lippen kam , und Forest fühlte in dem Kinde viel zu sehr seine eigene Natur , um bei ihm etwas zu erzwingen , was er selbst als eine Erniedrigung empfand . Der Gedanke blitzte nur auf , um sofort mit Abscheu zurückgewiesen zu werden – er wollte kein Lebewohl , nun denn , so mochte er ohne dasselbe gehen , in ’ s Feld , in den Tod , wie er selbst meinte . Und was hatte ihn dazu getrieben ? Sie wußte es jetzt , die bittere Genugthuung , mit der er das Lossprechen vom „ Federhelden “ begrüßte , hatte es ihr verrathen . Das Wort hatte gewühlt und gewühlt in dem Manne , wochenlang ; es war der Stachel , der allein ihn trieb , als er etwas unternahm , dem seine Kraft nicht gewachsen war , und wenn er nun unterlag , wenn er zu Grunde ging an dieser Aufgabe , wer trug die Schuld ? Jane begann heftig im Zimmer auf und nieder zu gehen ; sie wollte den Gedanken von sich weisen , und doch kam er immer und immer wieder zurück . Sie hörte nur sein mit so düsterer Ergebung gesprochenes „ Ich habe Niemanden , ich stehe ganz allein in der Welt ! “ Sie preßte die Hand gegen die Brust , als habe jenes Weh dort ein Echo gefunden ; hätte sie ihm jetzt gegenüber gestanden , vielleicht – da bäumte sich der alte Trotz wieder in seiner ganzen Wildheit empor , und sie preßte die Hände ineinander und stampfte außer sich mit dem Fuße . „ Nein ! Und nein ! Und abermals nein ! “ Der Nachmittag verging reißend schnell mit der Besorgung all ’ des Nöthigen für die beiden Abreisenden , endlich war alles geordnet , gepackt , zugeschlossen , und mit der beginnenden Abenddämmerung stand Friedrich reisefertig vor dem Doctor und seiner Frau , um Abschied zu nehmen . Der arme Bursche sah sehr niedergeschlagen aus , um seinen breiten Mund zuckte es schmerzlich , mühsam schluckte er die aufquellenden Thränen hinunter und weder das schwere Geldpäckchen , das der Doctor ihm zusteckte , noch das Versprechen der Doctorin , auch im Felde nach Möglichkeit für ihn zu sorgen , vermochte ihn aufzuheitern . „ Schäme Dich , Friedrich ! “ schalt Stephan . „ Ist das eine Art in den Krieg zu gehen ? Mit solcher Jammermiene , mit nassen Augen ? Ich hätte Dir mehr Courage zugetraut . “ Friedrich sperrte die nassen Augen verwundert auf , es dauerte eine ganze Weile , ehe er den Vorwurf überhaupt begriff , dann aber machte auch die Niedergeschlagenheit sogleich der tiefsten Gekränktheit Platz . „ Meinen Sie etwa , Herr Doctor , daß ich mich fürchte ? “ rief er entrüstet . „ Mir ist es ja eine wahre Wonne , das Gewehr auf den Rücken zu nehmen und dreinzuschlagen , daß nur alles so kracht ! Aber mein armer Herr Professor ! dem kostet die Geschichte das Leben , noch ehe er vor den Feind kommt ! “ „ Nun , das ist doch noch nicht ausgemacht ! “ meinte der Doctor , während Frau Stephan , in vollster Uebereinstimmung mit Friedrich , ihr Taschentuch an die Augen drückte . „ Vielleicht hält er es besser aus , als wir alle denken . Ich sage es Dir noch einmal , er ist gar nicht so krank , als Du Dir einbildest , und wenigstens reißt ihn das Kriegsleben von dem Studiren los , was unter allen Umständen ein Glück ist . “ „ Er geht drauf ! “ beharrte Friedrich mit traurigem Kopfschütteln . „ Er geht ganz gewiß drauf ! Beim ersten Marsch liegt er im Lazareth , und wenn ich nicht bei ihm sein und ihn pflegen kann , so stirbt er auch . Und daran , “ hier brach die von Mr. Atkins so gefürchtete Bärennatur Friedrich ’ s in unbändiger Wildheit durch , „ darin sind auch nur die verdammten Franzosen schuld ! Mindestens ein Dutzend schlage ich todt dafür ! “ „ Nun , nun , warte nur wenigstens damit , bis Du in Frankreich bist ! “ rief der Doctor , vor der wüthenden Pantomime retirirend , „ übrigens wollen wir erst abwarten , ob Du den Manen Deines Herrn ein solches Todtenopfer zu halten brauchst . So viel ich weiß , hat er doch das ganze Freiwilligenjahr durchgemacht und ist am Leben geblieben . “ „ Das war vor zehn Jahren ! “ sagte Friedrich , noch immer hoffnungslos . „ Damals war er noch weit gesünder und kräftiger , und beim Manöver hat er auch im Lazareth gelegen . – Nun , es hilft einmal nichts ! Adieu , Herr Doctor , adieu , Frau Doctorin ! “ er streckte den Beiden treuherzig seine große Hand entgegen und die hellen Thränen liefen ihm trotz alles Wehrens und Sträubens über die Backen . „ Sie haben mir viel Gutes gethan in den drei Jahren ; wenn ich zurückkomme , will ich ’ s redlich wieder gut machen , wenn nicht – vergelt ’ s Gott ! “ Damit drückte und schüttelte er mit seiner Riesenfaust die dargereichten Hände , nahm noch eine Ermahnung und ein paar gute Rathschläge in Empfang , schwenkte die Mütze und polterte die Treppe hinab , seinem Herrn nach , der bereits von dem Ehepaare Abschied genommen hatte und noch auf einen Augenblick in den Garten gegangen war . Der Professor stand am äußersten Ende desselben , auf die Gitterthür gestützt , und blickte träumend und unverwandt auf eine jetzt trockene Stelle des Heckenganges , der ihn von dem vorüberrauschenden Strome schied . Die Sonne war bereits untergegangen und das letzte Abendroth verglommen , am Himmel glänzten matt die ersten Sterne , zwischen den Bäumen und Gebüschen lagerten schon dämmernde Schatten , kühl strich der Nachthauch darüber hin . Von drüben her tönte das leise Murmeln und Rauschen der Wellen , die alte , liebe , vertraute Stimme flüsterte ihm den Abschiedsgruß , ob von der Heimath , ob vom ganzen Leben ? gleichviel – es war der letzte , den er zu erwarten hatte . Da rauschte es auf einmal auch von der anderen Seite , aber lauter , heftiger , wie ein seidenes Frauengewand , das den Kies des Ganges streifte ; Fernow wandte sich um , von einer Ahnung durchzuckt ; vor ihm stand Jane , todtenbleich , den Blick zu Boden geheftet , die Hände fest ineinander geschlungen und mit einem Ausdruck , als gelte es jetzt das Furchtbarste in ihrem ganzen Leben . Die Brust hob und senkte sich krampfhaft , die Lippen zuckten , sie wollten nicht gehorchen , und endlich öffneten sie sich doch zu dem verhängnisvollen Worte : „ Ich – ich bitte um Verzeihung ! “ „ Miß Forest ! Johanna ! “ rief er in ausbrechender Leidenschaft ; aber da hatte sie sich schon gewandt und floh , wie gejagt , den Gang hinauf . Er wollte ihr nachstürzen , da hallte die Stimme Friedrich ’ s laut durch den ganzen Garten . „ Herr Professor , wir müssen fort ! Herr Professor , wo sind Sie ? Wir haben keine Minute mehr Zeit ! “ Fort ! In diesem Augenblicke ! Die neue Pflicht forderte das erste schwere Opfer , ein minutenlanger Kampf , dann war es überstanden ! „ Ich komme ! “ klang es in festem Tone zurück . Er eilte dem Hause zu . Unter dem Weinlaub des Balcons dunkelte es bereits , nur die Umrisse der hellen Gestalt waren noch sichtbar , die sich zur Hälfte darunter verbarg ; einen Moment lang zögerte der Fuß des Professors , nur einen einzigen , und heiß und innig klang das nun endlich erzwungene Abschiedswort zu ihr hinauf : „ Lebe wohl ! “ Wochen und Monate waren vergangen , seit der erste Ruf zu den Waffen erklungen , und noch immer tobte das Kriegswetter mit unverminderter Gewalt , aber der Pfeil war auf den zurückgeschnellt , der ihn abgesandt . Am Rhein reifte friedlich die Traube und färbte sich dunkler von Tag zu Tag , auf den Feldern wogte die goldene Ernte , in den Städten flatterten die Siegesbanner , aber drüben in Frankreich , da sanken die Rebenhügel , verwüstet und blutgetränkt , da zerstampften Mann und Roß die blühenden Fluren , da schlug der Brand der Dörfer in flammender Lohe zum Himmel empor . All die Schrecknisse , die den Rheinlauben zugedacht waren , sie trafen jetzt den eigenen Boden , ein spätes , aber furchtbares Strafgericht für die einst so frevelhaft verheerte Pfalz , selbst der Sieger vermochte es nicht mehr zu hemmen , das einmal entfesselte Verderben nahm seinen Lauf , hinweg über Schuldige und Unschuldige , und das zuckende Land empfand jetzt endlich selbst die ganze Schwere des Wortes , mit dem es sich oft genug von jeder Verantwortung freigesprochen – c ’ est la guerre ! Ununterbrochen vorwärts ging der Siegeszug der deutschen Heere , vom Rhein zur Mosel , von der Mosel zur Maas , von der Maas zur Seine , Alles niederwerfend , was ihm im Wege stand . Stadt für Stadt öffnete ihre Thore , Festung auf Festung fiel nach längerem oder kürzerem Widerstande , die heiße Augustsonne brannte nieder auf sieben Schlachtfelder , sie begrüßte ebensoviel Siegesdenkmale , und das erste kühlere Wehen des September strich über jenen Boden , wo der weichende Feind , von allen Seiten umzingelt , eingeschlossen , erdrückt , sich endlich bezwungen gab . Ein ganzes französisches Heer , das einst gefürchtete Haupt an der Spitze , hielt nun wirklich den so sicher verheißenen Einzug in Deutschland , aber – ohne Wehr und Waffen , indeß seine Ueberwinder weiter vordrangen , mit rastlos eiserner Beharrlichkeit , nach dem Herzen Frankreichs , nach Paris ! In der Departementshauptstadt N. herrschte , trotzdem die eigentliche Kriegswoge längst darüber hinaus war , ein reges militärisches Leben . Die Stadt lag als eine der Hauptstationen auf der großen Militär- und Etappenstraße , die jetzt von Deutschland in das Innere Frankreichs führte . Nachrückende Regimenter , endlose Proviant- und Munitionscolonnen kreuzten sich hier mit den rückkehrenden Transporten von Kranken und Verwundeten , mit Ambulancen und Courieren , alle Straßen waren vollgepfropft mit Menschen , Wagen und Pferden , alle Quartiere überfüllt , und die beiden Reisenden , dem Anscheine nach Amerikaner oder Engländer , welche gestern angelangt waren , konnten , obwohl sie unzweifelhaft zu den Reichen gehörten , noch von Glück sagen , in einem Hôtel zweiten Ranges ein hochgelegenes , dürftig ausgestattetes Zimmer für einen unmäßigen Preis zu erhalten . Es war am Morgen nach ihrer Ankunft , der Fremde saß im Sopha , während seine junge Begleiterin am geöffneten Fenster stand und auf die Straße hinabblickte , wo sich auch heute wieder ein wirres Durcheinander von Fußgängern und Fuhrwerken drängte , dessen unaufhörliches Lärmen und Toben bis zu ihr hinaufdrang . „ Ich begreife nicht , wie Sie diesen betäubenden Lärm da unten noch aushalten , Miß Jane ! Sind Sie denn dieses ewigen Gewoges und Getreibes nicht endlich müde ? “ „ Nein ! “ lautete die kurze , etwas übellaunige Antwort der jungen Dame , die sich in diesem Augenblick weit vorbeugte , um einen Wagen mit Verwundeten schärfer in ’ s Auge zu fassen . Ihr Blick haftete unverwandt auf den bleichen Zügen der Kranken , sie sah ihnen nach , bis der Wagen um die Ecke bog . „ Nun , dann haben Sie bessere Nerven als ich ! “ sagte Atkins resignirt . „ Ich bekenne , in den letzten acht Tagen vollständig mürbe geworden zu sein . Eine volle Woche zu dieser Fahrt nach N. , das man sonst in vierundzwanzig Stunden erreicht , Nachquartier in den elendesten Dörfern , Essen , wie ich es in meinem Leben nicht gekostet , stunden- und tagelanges Liegenbleiben in halbzerstörten Ortschaften , gesprengte Brücken , unpassirbare Wege , und dabei immer in Gefahr , daß in unserer nächsten Nähe eine Schlacht geschlagen und wir von der Sieges- und Fluchtwoge mit fortgerissen werden – ich sollte meinen , das Alles hätte Ihnen nun endlich bewiesen , wie unmöglich es ist , Familienbeziehungen bis auf den Kriegsschauplatz verfolgen zu wollen . “ Jane hatte während dieser Rede das Fenster geschlossen und wandte sich jetzt um . „ Unmöglich ? “ fragte sie ruhig . „ Ich dächte , wir wären trotz alledem in N. angelangt , und hier wartet unser jedenfalls eine Entscheidung . “ „ Oder eine neue Enttäuschung ! Diese Spur narrt uns in einer ganz empörenden Weise , kaum meinen wir sie zu haben , so springt sie plötzlich ab , und weist nach einer andern Himmelsgegend . Vorläufig sind wir in Frankreich , mich sollte es durchaus nicht wundern , wenn wir das nächste Mal nach Amerika zurückdirigirt würden , von da zur Abwechselung wieder nach dem Rhein , und so fort . “ „ Gleichviel ! “ erklärte Jane energisch . „ Ich habe es meinem Vater gelobt , wenn mein Bruder noch am Leben ist , ihn zu finden und nur der Unmöglichkeit zu weichen . Ich werde Wort halten ! “ „ Wäre es wenigstens noch eine directe Spur , der wir folgen ! “ hob Atkins wieder an ; „ aber wen suchen wir denn ? Einen Menschen , der uns über die eigentliche Hauptperson möglicher Weise Auskunft geben könnte ! “ „ Vielmehr den Einzigen , der sie uns wirklich geben kann ! Die directe Spur ging verloren ; jener Geistliche war nicht aufzufinden , weder von seiner ehemaligen Pfarre aus , noch in anderer Weise ; alle unsere Bemühungen nach dieser Richtung scheiterten ; dafür fanden wir den Handwerker , der den anderen Knaben zu sich nahm . “ „ Um von ihm die erfreuliche Nachricht zu empfangen , daß sein Neffe bereits vor vier Jahren nach Frankreich gewandert sei und augenblicklich gerade dies N. , das so recht inmitten all der heillosen Kriegsoperationen liegt , zum Schauplatz seiner jedenfalls höchst achtungswerthen Leistungen an der Hobelbank gewählt habe . “ In Jane ’ s Augen flammte es halb unwillig auf . „ Sie vergessen das Wichtigste , das Eine , was allein uns herführte , die Behauptung jenes Mannes , daß der ehemalige Gefährte des jungen Erdmann noch am Leben sei , daß die Beiden , nachdem sie jahrelang getrennt waren , sich bei Ableistung ihrer Militärpflicht wiedergefunden . Näheres vermochte er uns freilich nicht anzugeben , sein Neffe diente damals fern von ihm in einer größeren Garnisonstadt ; das aber erinnerte er sich ganz bestimmt aus seinem Munde gehört zu haben . Ich weiß also jetzt , daß mein Bruder noch lebt , daß es Jemand auf der Welt giebt , der ihn kennt , der mir seinen Aufenthalt nennen kann . Scheint Ihnen dies kein Schritt , den wir vorwärts gethan haben ? Es ist mehr , als ich je gehofft ! “ „ Aber ich bestreite ja das ganz und gar nicht ! “ vertheidigte sich Atkins gegen den beinahe zürnenden Ton der jungen Dame . „ Ich war nur der Ansicht , die ferneren Nachforschungen bis nach Beendigung des Krieges aufzuschieben . “ Jane hob mit einer heftigen , diesmal vollendet unwilligen Bewegung das Haupt empor . ( Fortsetzung folgt . ) Heft 20 Bis zur Beendigung des Krieges , “ rief Jane aus , „ der alle Verhältnisse zerreißt und die Menschen hier und dorthin sprengt ? Noch kam die Nachricht nicht zu spät , ich hoffe es wenigstens , aber nicht einen Augenblick durften wir zögern , sie zu benutzen , und da ein brieflicher Verkehr nicht denkbar war , so gab es nur einen Ausweg , ich mußte persönlich eintreten und selbst der Spur folgen . Wenn Sie unter den Gefahren und Entbehrungen der Reise leiden , Mr. Atkins - es ist Ihre Schuld , ich wäre auch allein gegangen ! “ „ Ja , weiß Gott , das wären Sie ! “ sagte Atkins mit einem Seufzer . „ Jane , Sie sind manchmal ganz erschreckend mit Ihrer rastlosen Energie ! Ich gehöre doch wahrhaftig nicht zu den Trägen und Unentschlossenen , aber dies ruhelose Vorwärtsjagen nach einem einzigen Ziele spannt mich zuletzt völlig ab . “ „ Mich nicht ! “ erklärte Jane mit kalter Festigkeit . „ Ich bin entschlossen , noch weiter zu gehen , ich wiederhole es Ihnen , bis an die Grenzen des Möglichen . “ „ Nun , wenigstens eine Gewißheit haben wir , “ hob Atkins nach einer Pause wieder an , „ der deutsche Meister , bei dem der junge Erdmann noch beim Beginn des Krieges mit Arbeit stand , ist noch hier . Sie wissen ja , ich ging gestern von der Manie , wo mir die betreffende Auskunft ward