erst noch mit vielen Fragen und Redereien darüber ; sie wird wohl wissen , weshalb sie mir einen Abschlag gegeben hat , und ich weiß es auch , also nützt der Dritte nichts dazwischen . Und nun laß mich gehen , Vater ; ich muß fort . “ Heftig , als wolle er jeder ferneren Erörterung ausweichen , eilte der junge Mann davon ; der Schichtmeister faßte mit beiden Händen seine Pfeife und kam fast in Versuchung , sie auf den Boden zu schmettern , um seinem Aerger Luft zu machen . “ „ Versteh ’ sich einer auf die Frauenzimmer ! Ich hätte meinen Kopf gelassen , daß das Mädel ihn lieb hat , und jetzt schickt sie ihn mit einem Nein fort und er – ich dachte doch nicht , daß es dem Jungen so nahe gehen würde . Er sah ja ganz verstört aus , und wie toll läuft er davon ; aber der steht mir im Leben nicht Rede , soviel kenne ich ihn , und die Martha eben so wenig . Der Schichtmeister begann heftig in dem Gärtchen auf und ab zu laufen , bis seine Wuth einer mehr resignirten Stimmung Platz machte . Was war denn auch am Ende dagegen zu machen ? Mit Gewalt zusammen thun konnte man doch die Beiden nicht , wenn sie nun einmal nicht wollten , und es nützte nichts , sich den Kopf darüber zu zerbrechen , warum sie nicht wollten . Mit einem schweren Seufzer nahm der Alte Abschied von seinem gescheiterten Lieblingsplane ; erzwingen ließ sich so etwas ja nicht . Er stand noch in trüben Gedanken an der Gartenthür , als er den jungen Herrn Berkow den Weg entlang kommen sah , der an seinem Häuschen vorüber nach der hinteren Seite des Parkes führte . Arthur schien besser mit den Zugängen desselben vertraut zu sein , als seine Gemahlin . Er zog bereits einen Schlüssel aus der Tasche , der jedenfalls zu dem vorhin so gewaltsam geöffneten Schloß paßte . Der Schichtmeister grüßte tief und ehrerbietig , als der junge Erbe vorüberkam , der in gewohnter Theilnahmlosigkeit kaum einen Blick seitwärts warf , und mit einer vornehm nachlässigen Bewegung des Kopfes , die wahrscheinlich einen Dank ausdrücken sollte , im Begriff stand , weiter zu gehen . Es zuckte schmerzlich in den Zügen des alten Mannes ; er stand noch immer mit seinem abgezogenen Käppchen in der Hand und sah ihm mit einem stillen traurigen Blicke nach , der zu sagen schien : „ So also bist Du geworden ! “ Ob Arthur diesen Blick bemerkte oder ob es ihm jetzt erst einfiel , daß er ja den alten Freund und Gefährten seiner Kinderjahre vor sich habe , er blieb plötzlich stehen . „ Sieh da , Hartmann ! Wie geht es Ihnen ? “ In seiner matten , gleichgültigen Weise streckte er ihm die Hand hin und schien etwas befremdet , als sie nicht sofort ergriffen wurde , aber dem Schichtmeister war eine solche Vertraulichkeit seit Jahren nicht zu Theil geworden ; er zögerte sie anzunehmen , und als er es endlich dennoch that , geschah es so scheu und vorsichtig , als fürchte er , die feine weiße Hand könne in seiner harten Faust Schaden leiden . „ Ich danke ! Mir geht es ja soweit gut , Herr Arthur – um Vergebung : Herr Berkow wollte ich sagen . “ „ Bleiben Sie nur bei dem Arthur , “ sagte der junge Mann ruhig . „ Sie sind mehr daran gewöhnt , und ich höre es auch lieber von Ihnen als den anderen Namen . Sie sind also zufrieden , Hartmann ? “ „ Gott sei Dank , ja , Herr Arthur . Ich habe , was ich brauche . Ein bischen Kummer und Sorge giebt es ja in jedem Hause ; ich habe sie nun grade wegen meiner Kinder – aber das ist einmal nicht anders . “ Der Schichtmeister sah mit Verwunderung , daß der junge Herr näher trat und beide Arme auf das Holzgitter legte , als beabsichtige er ein längeres Gespräch . „ Mit Ihren Kindern ? Ich dachte , Sie hätten nur einen einzigen Sohn ? “ [ 92 ] „ Ganz recht , meinen Ulrich ! Ich habe aber noch ein Schwesterkind im Hause , die Martha Ewers . “ „ Und die macht Ihnen Sorge ? “ „ Bewahre ! “ rief der Schichtmeister eifrig . „ Das Mädchen ist so brav und gut wie nur irgend eine , aber ich hatte mir so gedacht , es könnte aus ihr und dem Ulrich ein Paar werden , und – “ „ Und der Ulrich will wohl nicht ? “ unterbrach ihn Arthur mit einem eigenthümlich raschen Aufblick der sonst so müden Augen . Der Alte zuckte die Achseln . „ Ich weiß nicht ! Hat er wirklich nicht gewollt oder hat er es mir verkehrt angefangen , genug , es ist aus zwischen ihnen . Und das war noch meine letzte Hoffnung , daß er eine ordentliche Frau bekäme , die ihm den Kopf zurecht setzt . “ Es war seltsam , daß die doch gewiß sehr einfachen und uninteressanten Familiengeschichten des alten Bergmannes den jungen Herrn nicht zu langweilen schienen ; er gähnte nicht einmal , was ihm sonst gewöhnlich passirte , wo er sich keinen Zwang aufzuerlegen brauchte , und sein Gesicht verrieth sogar ein gewisses Interesse , als er fragte : „ Ist Ihnen denn der Kopf nicht recht , so wie er ihn jetzt trägt ? “ Der Schichtmeister sah den Fragenden scheu von der Seite an und dann zu Boden . „ Nun , Herr Arthur , Ihnen brauche ich doch das nicht erst zu sagen . Sie werden wohl schon genug über den Ulrich gehört haben . “ „ Ja , ich erinnere mich ; mein Vater sprach mir davon . Ihr Sohn ist nicht gut angeschrieben bei den Herren drüben , Hartmann , ganz und gar nicht ! “ Der Alte stieß einen Seufzer aus . „ Ja , ich kann ’ s nicht ändern ! Er folgt mir nicht mehr , hat mir eigentlich nie gefolgt . Er mußte immer seinen Kopf für sich haben und ihn überall durchsetzen . Ich habe den Jungen ein ganz Theil mehr lernen lassen als die Anderen , vielleicht mehr als ihm gut war ; ich dachte , er sollte schneller vorwärts kommen , und er ist ja auch schon Steiger und bringt ’ s wohl auch noch bis zum Obersteiger , aber von dem Lernen ist doch das ganze Unglück hergekommen ! Da kümmert er sich um alle möglichen Geschichten , will alles besser wissen , sitzt die ganze Nacht über den Büchern und ist bei seinen Cameraden alles in allem . Wie er es anfängt , überall der Erste zu sein , das weiß ich nicht , aber er war noch ein kleiner Bube , da hatte er sie schon sämmtlich unter der Fuchtel , und jetzt ist das ärger als je . Was er sagt , das glauben sie blindlings ; wo er steht , da stehen sie allesammt , und wenn er sie in die leibhaftige Hölle hineinführte , sie gingen mit , wenn er nur voran wäre . Das ist aber ganz und gar nicht gut , zumal hier auf unseren Werken nicht . “ „ Warum grade bei uns nicht ? “ fragte Arthur , während er wie in tiefen Gedanken mit dem Schlüssel Figuren auf das Holz des Gitters zeichnete . „ Weil ’ s die Leute doch hier gar zu schlimm haben ! “ platzte der Schichtmeister heraus . „ Seien Sie nicht böse , Herr Arthur , daß ich Ihnen das so in ’ s Gesicht sage , aber es ist einmal so . Ich kann ja nicht klagen ; mir ist es von jeher über die Gebühr gut gegangen , weil Ihre verstorbene Mutter meine Frau gern hatte – aber die Anderen ! Das arbeitet und plagt sich Tag für Tag und schafft doch kaum das Nothwendigste für Frau und Kind . Es ist , weiß Gott , ein schweres Brod und ein saures Brod , aber arbeiten müssen wir ja Alle , und die Meisten thäten es ja auch herzlich gern , wenn ihnen nur ihr Recht würde , wie aus den anderen Werken . Aber hier drückt und preßt man sie noch um jeden Groschen von ihrem kargen Lohn , und in den Schachten unten sieht es so schlimm aus , daß Jeder beim Einfahren erst sein Vaterunser betet , weil er immer denken muß , die Geschichte stürzt ihm einmal über dem Kopfe zusammen . Aber es ist ja nie Geld zum Ausbessern da , und wenn Einer einmal in Noth und Elend ist , dann ist auch kein Geld da , und dabei müssen sie sehen , wie die Hunderttausende nur immer so nach der Residenz geschickt werden , damit – “ Der Alte hielt plötzlich inne und schlug sich im wahren Todesschrecken auf den vorwitzigen Mund . Er hatte sich so in den Eifer hineingesprochen , daß er ganz und gar vergessen hatte , wer vor ihm stand ; erst die tiefe Röthe , die bei den letzten Worten in dem Gesichte des jungen Mannes aufstieg , brachte ihn zur Besinnung . „ Nun ? “ fragte Arthur , als er schwieg . „ Sprechen Sie doch weiter , Hartmann ! Sie sehen ja , daß ich zuhöre . “ „ Um Gotteswillen ! “ stotterte der alte Mann in tödtlicher Verlegenheit , „ ich meinte das nicht so , ich hatte ganz vergessen – “ „ Wer die Hunderttausende gebraucht hat ! Sie sollen sich jetzt nicht entschuldigen , Hartmann , sondern ungescheut aussprechen , was Sie mir sagen wollten . Oder glauben Sie , daß ich bei meinem Vater den Angeber machen werde ? “ „ Nein ! “ sagte der Schichtmeister ehrlich . „ Das thun Sie ganz gewiß nicht . Sie sind nicht wie Ihr Herr Vater , bei dem hätte mich das vorwitzige Wort den Dienst gekostet . Nun , ich meinte nur , das Alles setzt böses Blut bei den Leuten . Herr Arthur “ – er trat ihm mit halb schüchterner , halb zutraulicher Bitte einen Schritt näher – , „ wenn Sie sich doch einmal um die Sachen kümmern wollten ! Sie sind ja der Sohn des Herrn Berkow und werden später das Alles hier erben ; es geht doch Keinen näher an als Sie ! “ „ Ich ? “ sagte Arthur mit einer Bitterkeit , die zum Glück seinem ungeübten Zuhörer völlig entging ; „ ich verstehe nichts von dem , was hier auf den Werken Brauch und Nothwendigkeit ist ; das ist mir von jeher völlig fremd geblieben . “ Der alte Mann schüttelte traurig den Kopf . „ Du lieber Gott , was ist da viel zu verstehen ! Dazu brauchen Sie nicht erst die Maschinen und die Schachte studirt zu haben . Sie brauchen die Leute nur anzusehen und anzuhören , wie Sie mich jetzt anhören , aber freilich , das thut ja Keiner . Wer klagt , wird fortgeschickt , und dann heißt es gleich ‚ wegen Widersetzlichkeit ‘ , und ein armer Bergmann , der deswegen entlassen ist , findet schwer ein anderes Unterkommen . Herr Arthur , ich sage Ihnen , es ist ein Elend ; und das ist ’ s , was der Ulrich nicht mit ansehen kann , was ihm das Herz abfrißt , und wenn ich zehn Mal gegen seine Ideen rede und predige , im Grunde hat er ja doch Recht ; so kann es nicht bleiben . Nur wie er das durchsetzen will , das ist gottlos und sündlich ; das wird ihn noch in ’ s Unglück bringen und die Anderen dazu . Herr Arthur “ – dem Schichtmeister standen die bitteren Thränen in den Augen , als er diesmal ohne alles Zögern die Hand des jungen Mannes ergriff , die noch auf dem Gitter lag – , „ ich bitte Sie um Gotteswillen , lassen Sie das nicht so fortgehen ! es ist nicht gut , auch für Herrn Berkow nicht . Auf den anderen Werken giebt es ja jetzt auch überall Streit , aber wenn es bei uns einmal losbricht , dann gnade uns Gott , dann wird ’ s fürchterlich ! “ Arthur hatte während der ganzen Rede stumm vor sich hingesehen ; jetzt hob er das Auge und richtete einen langen finsteren Blick auf den Sprechenden . „ Ich werde mit meinem Vater sprechen , “ sagte er langsam . „ Verlassen Sie sich darauf , Hartmann ! “ Der Schichtmeister ließ die ergriffene Hand wieder fallen und trat zurück . Er hatte hier , wo er sein ganzes Herz ausgeschüttet , doch wohl eine andere Wirkung erwartet , als diese karge Verheißung . Arthur richtete sich empor und wandte sich zum Gehen . „ Noch Eines , Hartmann ! Ihr Sohn hat mir neulich das Leben gerettet , und es hat ihn wohl gekränkt , daß er kein Wort des Dankes darüber hörte . Ich lege wenig Werth auf das Leben überhaupt , möglich , daß ich deshalb den geleisteten Dienst zu gering anschlug , aber ich hätte das Versäumte nachgeholt , wenn “ – der junge Erbe zog die Augenbrauen zusammen , und seine Stimme gewann einen scharfen Klang – „ wenn Ihr Ulrich nicht eben Der wäre , der er ist . Ich habe keine Lust , meine Anerkennung vielleicht in derselben Weise zurückgewiesen zu sehen , wie dies neulich meinem Beauftragten gegenüber geschah . Für undankbar möchte ich trotzdem nicht gehalten werden ; sagen Sie ihm , ich lasse ihm danken , und wegen des Uebrigen werde ich mit meinem Vater Rücksprache nehmen . Leben Sie wohl ! “ Er schlug den Weg nach dem Parke ein . Der Schichtmeister sah ihm trübe nach , und ein schwerer Seufzer kam über seine Lippen , als er leise vor sich hin sagte : „ Gebe Gott , daß es etwas hilft – ich glaube es nicht ! “ [ 105 ] Drüben am Landhause wurde die herrschaftliche Equipage aus der Remise hervorgezogen und der Kutscher machte sich daran , die Pferde anzuschirren . „ Das ist ja etwas ganz Neues ! “ sagte er zu dem neben ihm stehenden Bedienten , der soeben den Befehl zum Anspannen überbracht hatte . „ Der Herr und die gnädige Frau fahren zusammen aus ? Den Tag müßte man roth im Kalender anstreichen ! “ Der Diener lachte . „ Ja , viel Vergnügen werden sie wohl nicht dabei haben , aber es geht nicht anders . Es sollen Gegenbesuche in der Stadt gemacht werden , bei den vornehmen Herrschaften , die neulich zum Diner hier waren , und da schickt es sich ja wohl nicht , daß Jedes allein vorfährt , sonst hätten sie es sicher gethan . “ „ Eine curiose Wirthschaft ! “ meinte der Kutscher kopfschüttelnd . „ Und das nennen sie nun verheirathet sein ! Gott bewahre Jeden vor solch einer Ehe ! “ Eine Viertelstunde später rollte der Wagen , in dem sich Arthur Berkow mit seiner Gemahlin befand , auf dem Wege hin , der nach der Stadt führte . Das Wetter , das heut Vormittag noch erträglich gewesen war , hatte sich bedeutend verschlechtert . Der ganze Himmel war dicht umzogen ; der Wind , fast zum Sturme geworden , jagte die grauen Wolken vor sich her , die von Zeit zu Zeit einen Regenschauer auf die mit Nässe schon überreichlich getränkte Erde herabsandten . Es war überhaupt ein rauhes , stürmisches Frühjahr , so recht geeignet , Städtern den Aufenthalt auf dem Lande gründlich zu verleiden . Obgleich man bereits im Mai stand , zeigten die kahlen , blätterlosen Bäume des Parkes doch kaum die ersten Knospen ; der scharfe Wind und die kalten Regengüsse zerstörten zur Verzweiflung des Berkow ’ schen Gärtners den ganzen Blumenflor , den er so mühsam auf Terrassen und Gartenbeeten schuf , und zerrissen und ertödteten erbarmungslos jede Blüthe , die sich etwa noch im Freien öffnete ; die grundlosen Wege , die nassen , verregneten Wälder machten jeden Ausflug , der überhaupt nur im geschlossenen Wagen möglich war , zu einem ebenso unangenehmen als zwecklosen Unternehmen . Tag für Tag fast Sturm und Regen , grau umzogener Himmel , nebelumflorte Berge , kaum hin und wieder ein matter Sonnenblick , und dazu eine öde , trostlose Häuslichkeit , wo kein Sonnenstrahl je die Nebel durchdrang , die sich dichter und dichter herabsenkten , wo jede Blüthe , die sich vielleicht aufthun wollte , erstarrte in der eisigen Atmosphäre des Hasses und der Bitterkeit , wo zwei Gatten das , was sonst Neuvermählte als das höchste Glück ersehnen , das ungestörte Zusammenleben , als eine Art von Folter empfanden , der ein Jedes so viel als möglich zu entfliehen strebte – es war wahrlich genug , um die tiefe Blässe auf dem Antlitz der jungen Frau zu erklären , den Schmerzenszug um den Mund , den keine Selbstbeherrschung mehr verwischen konnte , den düsteren schwermüthigen Blick , mit dem sie in die Regenlandschaft hinausschaute . Sie hatte ihrer Kraft doch wohl mehr zugetraut , als sie zu tragen im Stande war . Das Opfer war schnell gebracht im Aufflammen des Muthes und der Kindesliebe , aber die Stunden und Tage nach dem Opfer , dies thatenlose Erliegen unter dem selbsterwählten Geschick , das erst fordert den wahren Muth , die vollste Willenskraft in die Schranken , und wie viel Eugenie auch von beiden besitzen mochte , man sah es ihr doch an , wie schwer sie an diesem „ Nachher “ trug . Ihr Gatte , der in der anderen Ecke des Wagens lehnte , möglichst weit entfernt , so daß die Falten ihrer Seidenrobe kaum seinen Mantel berührten , schien nicht viel leichter an seinem Glücke zu tragen . Freilich , sein Gesicht war von jeher so bleich gewesen , das Auge immer so müde , die Haltung stets so theilnahmlos , wie eben jetzt , aber es stand doch ein Zug in seinem Antlitz , der früher nicht dagewesen war , den erst die letzten vier Wochen dort eingegraben hatten , ein bitterer , finsterer Zug , der selbst der gleichgültigsten Blasirtheit nicht mehr weichen wollte . Er schaute gleichfalls stumm durch das Wagenfenster und machte so wenig wie Eugenie den Versuch , eine Unterhaltung zu beginnen . Sie hatten heut überhaupt erst beim Einsteigen einander zu Gesicht bekommen und dabei einige förmliche Redensarten über das Wetter , die Fahrt und den Zweck derselben ausgetauscht ; dann war ein eisiges Schweigen eingetreten , das dem Anschein nach bis zur Ankunft in der Stadt fortdauern sollte . Die Fahrt war auf diese Weise nicht die angenehmste ; zwar fühlte man in dem geschlossenen bequemen Wagen nichts von der Witterung draußen , aber selbst die weichsten Polster vermochten nicht ganz vor der schlechten Beschaffenheit des Weges zu schützen , auf dem die schwere Kutsche , trotz der schönen und kraftvollen Pferde , die sie zogen , nur langsam vorwärts rollte . Man hatte ungefähr die Hälfte der Fahrt zurückgelegt und befand sich mitten im Walde , als ein besonders heftiger Stoß den Wagen fast auf die Seite warf . Der Kutscher stieß einen halblauten Fluch aus [ 106 ] und hielt die Pferde an ; er und der Diener stiegen eiligst vom Bock herunter und es wurde draußen ein lautes Hin- und Herreden laut . „ Was giebt es denn ? “ fragte Eugenie , sich unruhig emporrichtend . Arthur seinerseits zeigte sehr wenig Interesse zu erfahren , was es gäbe ; er hätte wahrscheinlich ruhig gewartet , bis man ihm die betreffende Meldung machte , jetzt aber fühlte er sich doch bewogen , das Fenster herabzulassen und die Frage seiner Frau zu wiederholen . „ Aengstigen Sie sich nicht , Herr Berkow ! “ sagte der Kutscher , der , die Zügel fest in der Hand haltend , vor den Schlag trat . „ Wir sind noch glücklich genug davongekommen , aber um ein Haar hätten wir umgeworfen . An dem Hinterrade muß irgend etwas zerbrochen sein . Franz ist eben dabei , nachzusehen . “ Die Meldung , die Franz nach geschehener Untersuchung zurückbrachte , lautete nicht eben tröstlich . Das Rad war so stark beschädigt , daß es sich als eine Unmöglichkeit erwies , mit dem Wagen in diesem Zustande auch nur hundert Schritte weit zu fahren . Die beiden Diener sahen ihre Herrschaft rathlos an . „ Ich fürchte , wir müssen unter diesen Umständen auf die beabsichtigten Besuche verzichten , “ sagte Arthur gleichgültig , indem er sich zu seiner Frau wandte . „ Bis Franz nach Hause zurückkehrt und mit einem neuen Wagen wiederkommt , dürfte es für die Fahrt nach der Stadt doch wohl zu spät geworden sein . “ „ Das fürchte ich auch . Es bleibt uns also nichts übrig , als auszusteigen und umzukehren . “ „ Auszusteigen ? “ fragte Arthur mit offenbarer Verwunderung . „ Beabsichtigst Du etwa den Rückweg zu Fuße anzutreten ? “ „ Beabsichtigst Du etwa so lange im Wagen zu bleiben , bis Franz mit einem anderen zur Stelle ist ? “ Arthur schien dies in der That sich vorgenommen zu haben und er hätte es wahrscheinlich auch ausgehalten , zwei volle Stunden lang in der Ecke des Wagens zu liegen , wo er ja vor Wind und Wetter geschützt war , ehe er sich zu einer Fußtour durch den kalten nassen Wald entschloß . Eugenie mochte ihm das wohl ansehen , denn das verächtliche Lächeln trat wieder auf ihre Lippen . „ Ich meinestheils ziehe den Rückweg zu Fuße diesem zwecklosen und ermüdenden Warten vor ! Franz wird mich begleiten , da er ohnedies zurück muß . Du bleibst wohl jedenfalls im Wagen ? Ich möchte um keinen Preis die Verantwortung auf mich nehmen , Dir eine Erkältung zuzuziehen . “ Was der ganze Unfall nicht vermocht hatte , das bewirkte die unverhüllte Ironie dieser Worte ; sie scheuchten den jungen Mann aus seiner Ecke auf . Er richtete sich empor , stieß die Thür auf und stand in der nächsten Minute bereits draußen auf dem Wagentritt , ihr die Hand zum Aussteigen bietend . Eugenie zögerte . „ Ich bitte Dich , Arthur – “ „ Ich bitte Dich , den Leuten wenigstens kein Schauspiel zu geben , indem Du die Begleitung des Bedienten der meinigen vorziehst . Willst Du die Güte haben ? “ Die junge Frau zuckte fast unmerklich die Achseln , aber es blieb ihr nichts Anderes übrig , als die dargebotene Hand anzunehmen , denn Kutscher und Diener standen in der That in unmittelbarer Nähe ; sie stieg also aus und Arthur wandte sich zu den Leuten . „ Ich werde die gnädige Frau zurückbegleiten . Seht zu , daß Ihr den leeren Wagen nach irgend einem Gehöfte bringt , wo er vorläufig bleiben kann , und Ihr folgt uns sobald als möglich mit den Pferden . “ Die Diener zogen die Hüte und machten sich daran , den erhaltenen Befehl auszuführen ; es war allerdings das Einzige , was unter diesen Umständen zu thun übrig blieb . Mit einer leichten Bewegung lehnte Eugenie den dargebotenen Arm ihres Gatten ab . „ Ich fürchte , wir müssen hier auf den Promenadenschritt verzichten ! “ sagte sie ausweichend . „ Es muß wohl ein Jeder zusehen , wie er allein vorwärts kommt . “ Sie versuchte dies in der That , aber nur , um schon beim ersten Schritt bis an die Knöchel in dem zähen aufgeweichten Schlamm des Bodens zu versinken , und als sie erschreckt darüber nach der anderen Seite hinüberflüchtete , gerieth sie in zolltiefes Wasser , das unter ihren Füßen aufspritzte ; die junge Frau stand rathlos da . So schlimm war ihr der Weg vom Wagen aus denn doch nicht erschienen . „ Hier kommen wir überhaupt nicht vorwärts ! “ erklärte Arthur , der inzwischen das gleiche Experiment mit einem ähnlichen Erfolge versucht hatte . „ Wir müssen durch den Wald zurück . “ „ Ohne Weg und Steg zu kennen ? Wir werden uns verirren . “ „ Schwerlich ! Ich erinnere mich noch aus meinen Knabenjahren ganz deutlich eines Fußpfades , der mitten durch den Wald über die Höhen in ’ s Thal führt und dabei noch den Vortheil hat , den Weg bedeutend abzukürzen . Wir müssen ihn aufsuchen . “ Eugenie zögerte noch immer , aber die thatsächliche Unmöglichkeit , den zur Hälfte überschwemmten und von den Wagengeleisen noch mehr zerwühlten Fahrweg zu passiren , ließ ihr keine Wahl . Sie folgte ihrem Gatten , der bereits nach links abbog , und wenige Minuten später umfing sie Beide das dichte , dunkle Grün der Tannen . Auf dem Moos und den Wurzeln des Waldbodens war nun wenigstens die Möglichkeit gegeben , vorwärts zu kommen , das heißt für unverwöhnte Füße . Für einen Herrn und eine Dame , die nur das Parquet des Salons gewohnt waren , denen bei jedem Ausflug Wagen und Reitpferde zur Disposition standen , und deren ganze Fußtouren sich auf einen Spaziergang im Park bei vollendet schönem Wetter beschränkten , bot dieser Weg noch immer Schwierigkeiten genug – und dazu dieser stürmische Nebeltag ! Es regnete zwar jetzt nicht mehr , aber die ganze Umgebung triefte vor Nässe , und die Wolken drohten jeden Augenblick einen neuen Schauer herabzusenden . Ueber eine Stunde vom Hause entfernt , mitten im Walde , in den sie auf ’ s Gerathewohl wie ein paar Abenteurer eindrangen , ohne Wagen und Diener , ohne den geringsten Schutz gegen Wind und Regen – es war in der That eine ebenso ungewohnte als verzweifelte Situation für Herrn Arthur Berkow und dessen hochgeborene Gemahlin . Die junge Frau fand sich indessen bald mit ihrer gewöhnlichen Entschlossenheit in das Unvermeidliche . Sie hatte schon nach den ersten zehn Schritten die Unmöglichkeit eingesehen , ihr helles Seidenkleid und ihren weißen Burnus zu retten , sie gab daher beides ruhig dem nassen Moose und den tropfenden Bäumen preis und schritt muthig vorwärts . Aber so wenig ihre Toilette für eine solche Wanderung geeignet war , so wenig vermochte dieselbe sie vor der Witterung zu schützen ; sie hüllte sich fröstelnd fester in den leichten Cachemir und schauerte unwillkürlich zusammen , als der kalte Wind sie berührte . Ihr Gatte bemerkte das und blieb stehen . Er hatte , verweichlicht wie er war , trotz des geschlossenen Wagens einen Mantel umgeworfen , der ihn vollkommen schützte . Jetzt nahm er ihn schweigend ab , um ihn um die Schultern der jungen Frau zu legen , diese aber wich mit vollster Entschiedenheit zurück . „ Ich danke ! Ich bedarf dessen nicht . “ „ Du frierst ja . “ „ Durchaus nicht ! Ich bin nicht so empfindlich gegen die Witterung wie Du . “ Ohne ein Wort zu sagen , nahm Arthur den Mantel zurück , aber anstatt sich auf ’ s Neue darin einzuwickeln , warf er ihn nachlässig über den Arm und schritt nun in dem leichten Gesellschaftsanzuge an ihrer Seite hin . Eugenie kämpfte einen aufsteigenden Aerger nieder ; sie wußte selbst nicht recht , warum dies Benehmen sie so verletzte , aber sie hätte es weit lieber gesehen , wenn er sich jetzt ängstlich in den verschmähten Mantel gehüllt hätte , um seine kostbare Gesundheit zu schonen , anstatt sich so rücksichtslos Wind und Wetter preiszugeben . Ein ruhiges , überlegtes sich Fügen in das Unvermeidliche war ihre Sache ; sie konnte nicht begreifen , wie ihr Gatte dazu kam , dies Recht auch einmal für sich in Anspruch zu nehmen , konnte überhaupt nicht begreifen , wie er , der sich schon bei dem bloßen Gedanken an diese Waldpromenade entsetzt hatte , jetzt deren Unbequemlichkeiten gar nicht mehr zu empfinden schien , während sie schon halb und halb ihren Entschluß bereute . Ein Windstoß riß ihm den Hut vom Kopfe und wehte ihn einen Abhang hinunter , in dessen Tiefe er nicht mehr zu erreichen war . Gelassen sah Arthur dem Flüchtlinge nach und warf mit einer beinahe trotzigen Bewegung das lange braune Haar zurück . Sein Fuß sank bei jedem Schritt tief ein in das nasse Moos , und doch war Eugenien dieser Schritt nie so fest , so elastisch vorgekommen , wie heute . Die schlaffe Haltung ihres Gatten verlor sich mit jeder Minute mehr und [ 107 ] mehr , je tiefer sie in die grüne Wildniß eindrangen . Seine sonst so matten Augen späheten scharf nach dem gesuchten Wege umher . Der nasse , finstere Wald schien einen förmlich belebenden Einfluß auf ihn auszuüben , in so tiefen Zügen athmete er die herbe , harzige Tannenluft ein , so schnell führte er seine junge Frau unter den sausenden Wipfeln dahin . Plötzlich blieb er stehen und rief fast triumphirend aus : „ Da ist der Weg ! “ Sie sahen in der That einen schmalen Fußpfad vor sich , der quer durch den Wald lief und sich in einiger Entfernung zu senken schien . Eugenie schaute etwas verwundert darauf hin ; sie hatte es ihrem Manne wirklich nicht zugetraut , daß er im Stande wäre , einen sicheren Führer abzugeben , und sich bereits vollständig auf ’ s Verirren gefaßt gemacht . „ Du scheinst sehr vertraut mit der Gegend ! “ sagte sie , während sie an seiner Seite den Weg betrat . Arthur lächelte , aber freilich galt dies Lächeln nicht ihr , sondern der Umgebung , die er jetzt forschend musterte . „ Ich werde doch meinen Wald noch kennen ! Wir sind alte Freunde , wenn wir uns auch lange , sehr lange nicht gesehen haben . “ Eugenie hob verwundert das Haupt . Den Ton hatte sie noch