, daß Sie diese ebenso sehr verachten wie den – Mönch , aus dessen Munde sie kommt . Meiden Sie künftig dergleichen Verabredungen , Graf Rhaneck ist nicht der Mann , an dessen Seite der Ruf eines jungen Mädchens vor Verleumdungen sicher ist , selbst wenn sie es verstehen sollte , ihn in Schranken zu halten . Sie handelten sehr unvorsichtig , als Sie ihm diese Zusammenkunft bewilligten . “ Er stand mit der ganzen Strenge eines Richters vor ihr , das war zu viel und Lucie fuhr empört auf . „ Eine Zusammenkunft bewilligen ? Habe ich etwa den Grafen nach dem Walde gerufen ? “ „ Wollen Sie mich vielleicht glauben machen , daß sein Erscheinen Ihnen unerwartet war ? “ Es grollte dumpf und drohend in seiner Stimme , und seine Augen hefteten sich wieder so durchbohrend wie vorhin auf sie , aber jetzt hatten sie ihre Macht verloren , das Gefühl einer unverdienten Kränkung überwog bei Lucie jede Furcht , heiß und ungestüm brachen ihre Thränen hervor , mit ihnen aber auch der Zorn . „ Ich will Sie gar nichts glauben machen ! “ rief sie in vollster Heftigkeit , „ aber ich lasse mich auch nicht von Ihnen beleidigen , wie Graf Rhaneck es sich gefallen läßt . Ich will nicht ! “ – sie stampfte zornig mit dem Fuße – „ und solche ungerechte Vorwürfe ertrage ich nicht , nie , niemals – “ Das Weitere erstickte in ihrem Schluchzen , Benedict sah sie starr an . „ Nicht ? “ wiederholte er langsam . „ Sie haben den Grafen nicht erwartet ? “ Lucie gab keine Antwort , sie weinte leidenschaftlich , aber es lag eine überzeugende Gewalt in diesem so plötzlich hervorbrechenden Trotze . Er trat ihr mit einer stürmischen Bewegung näher und faßte ihre beiden Hände , trotz ihrer eigenen Erregung sah sie doch , daß er sich in einer noch furchtbareren befand . Die Hände , welche die ihrigen festhielten , bebten , sein Blick senkte sich flammend tief in ihr Auge , und seine Stimme klang dumpf , gepreßt , als fehle ihm der Athem . „ Antworten Sie mir , Lucie ! Bei Allem , was Ihnen heilig ist – Sie haben den Grafen nicht erwartet ? “ „ Nein ! “ rief Lucie , außer sich gebracht durch dies Examen , und in diesem Moment war es wieder einmal Bernhard ’ s Schwester , die über das Kind siegte , so energisch und leidenschaftlich schleuderte sie ihm das Nein entgegen . Ein tiefer , tiefer Athemzug hob Benedict ’ s Brust und ein schnelles blitzähnliches Aufleuchten flog über seine Züge ; er ließ ihre Hände los und trat zurück . „ So bitte ich um Verzeihung ! “ sagte er leise . Lucie hielt plötzlich mit Weinen inne , ebenso sehr über diese ganz unerwartete Wendung , wie über den Ton seiner Stimme betroffen , die auf einmal von der rauhesten Härte zur vollsten Weichheit umschlug . Halb bestürzt blickte sie ihn mit den großen thränenvollen Augen an . Sein Blick hing jetzt wieder fest an diesen Augen ; aber er machte keinen Versuch , sich ihr auf ’ s Neue zu nahen ; im Gegentheil , es schien , als wolle er noch weiter zurückweichen . „ Ich habe Ihnen wehe gethan mit meinem Verdachte , ich sehe es ! Aber ich hatte allen Grund dazu . Graf Rhaneck hat Ihnen schon einmal von Liebe gesprochen , und Sie wiesen ihn nicht zurück ! “ – Lucie machte unwillkürlich eine Bewegung des Schreckens . War denn dieser Mann allwissend ? – „ Aber was Sie Liebe nennen , kann der Graf nicht mehr empfinden , wenn er es überhaupt jemals empfunden hat . Er ist einer reinen Zuneigung nicht werth . Glauben Sie mir das , mein Fräulein , und gestatten Sie ihm keine weitere Annäherung ; ich warne Sie davor , ich – ich bitte Sie darum ! “ Er sprach noch leise , aber in einem eigenthümlichen erschütternden Tone , der die innere mühsam gebändigte Bewegung verrieth . Es war dieselbe Warnung , die Lucie vorgestern aus dem Munde des Bruders gehört ; aber wenn Bernhard ’ s herrisches Verbot ihren ganzen Trotz wach rief , dies hier wirkte anders . Das „ Ich bitte Sie darum ! “ , das fast unhörbar an ihrem Ohre hinwehte , weckte wieder jenen schmerzenden Stich , der ihr bis in ’ s innerste Herz drang ; sie wußte nicht weshalb und woher , sie fühlte nur , daß es wehe that . Das junge Mädchen senkte lautlos den Kopf und trocknete sich die Thränen ab . Sie gab keine Antwort , gab auch kein Versprechen ; aber man sah es , die heutige Warnung war tiefer gegangen als jene erste . Stumm wendete sie sich zum Gehen . Benedict machte eine Bewegung , es sah fast aus , als wolle er ihr nachstürzen , aber plötzlich schlug er krampfhaft den Arm um den Stamm des Baumes , an dem er stand , und blieb unbeweglich in dieser Stellung . Lucie wandte sich noch einmal um , wie mit einem halben Gruße ; es schien , als erwarte sie noch ein Abschiedswort oder ein Lebewohl , aber nichts dergleichen kam von den festgeschlossenen Lippen des jungen Priesters , nur sein Blick folgte ihr , als sie über den Abhang schritt und durch die Felder eilte , folgte ihr so lange , bis die helle Gestalt zwischen den Gebüschen verschwand , welche dort hinten die Wiese säumten . Da tönten Schritte hinter ihm , und aufblickend gewahrte Benedict den Grafen , der jetzt gleichfalls aus dem Walde hervortrat . Ob er ihnen in einiger Entfernung gefolgt war oder ob er sich nur auf dem Rückwege nach Rhaneck befand , dessen Gebiet hier das von Dobra berührte , blieb unentschieden ; jedenfalls sah er den jungen Geistlichen und näherte sich ihm rasch . Benedict schien der nun unvermeidlich folgenden Erklärung sehr gelassen entgegenzusehen ; er lehnte sich an den Baum und erwartete ruhig den Kommenden . Ein halb verächtlicher Ausdruck lag dabei auf seinem Gesichte ; aber der Angriff sollte mit einer Waffe geführt werden , an die er nicht gedacht . Ottfried trat ihm keineswegs in hellem Zorn entgegen ; im Gegentheil , sein Gesicht war wieder vollkommen glatt und ruhig ; aber ein boshaftes Lächeln spielte um seine Lippen und mit einem unverkennbaren Hohne begann er : „ Erlauben Sie mir , Hochwürden , Ihnen etwas zurückzustellen , was Sie im Eifer Ihrer Beschützerrolle ganz und gar vergessen zu haben scheinen . Das Werk hier ist doch wohl Ihr Eigenthum , oder ziehen Sie es vor , zu behaupten , daß Fräulein Günther sich auf ihrem Waldspaziergange mit Spinoza beschäftigt hat ? “ Der Stich traf doch . Benedict erbleichte einen Moment lang und ein heftiger Blick glitt über den verrätherischen Band , den Ottfried in Händen hielt ; aber er faßte sich sofort wieder . „ Das Buch gehört mir ! “ sagte er ruhig , die Hand danach ausstreckend . Ottfried jedoch schien die Herausgabe vorläufig noch weigern zu wollen . „ Ein höchst interessantes Studium ohne Zweifel ! “ fuhr er boshaft fort . „ Nur ist die Beschäftigung damit , so viel ich weiß , im Kloster auf ’ s Strengste verboten und mit den schwersten Bannstrafen belegt ; oder sollte ich mich irren ? Vielleicht können Sie mir darüber Auskunft geben , Hochwürden . “ Zu der Verachtung in Benedict ’ s Antlitz gesellte sich jetzt ein leiser Zug von Ironie , als er entgegnete : „ Sie haben vollkommen Recht , Herr Graf . Sie sehen , ich lese das Buch auch nicht im Kloster ; ich nehme es mit mir in den Wald hinaus . Uebrigens steht es Ihnen frei , bei dem Herrn Prälaten den Angeber zu machen , wenn Sie sich sonst mit diesem ritterlichen Geschäft befassen wollen . “ „ Herr Pater , ich verbitte mir dergleichen beleidigende Aeußerungen ! “ sagte der Graf in hohem Tone . [ 87 ] „ In Ihren Worten sollte doch wohl eine solche Drohung liegen , “ gab Benedict kalt zurück . „ Ich habe nur diese eine Antwort darauf ! “ Ottfried hatte jedenfalls geglaubt , einen ausgezeichneten Trumpf in der Hand zu haben ; er sah jetzt , daß auf diesem Wege nichts zu erreichen war , und ließ deshalb den Gegenstand fallen . „ Es handelt sich nicht darum , “ sagte er scharf , „ sondern um Ihre unberufene Einmischung in meine Angelegenheiten . Ich weiß , daß mein Vater Sie zu meinem Beichtiger bestimmt hat , und diese Bestimmung gab jedenfalls den alleinigen Anlaß dazu ; aber ich möchte Sie denn doch darauf aufmerksam machen , Hochwürden , daß ich Ihnen außerhalb des Beichtstuhls keine Befugniß zuerkenne , mein Thun und Lassen einer Kritik zu unterziehen , am allerwenigsten in der Art und Weise , wie es vorhin geschah . Den Bauern mag dies unfehlbare Auftreten imponiren , und ihnen gegenüber mag es auch am Platze sein – ich beanspruche andere Rücksichten ! “ Die dunklen Augen Benedict ’ s richteten sich fest und stolz auf den Grafen . „ Was mir das Recht zum Einschreiten bei den Bauern giebt , wird wohl auch Ihnen gegenüber am Platze sein , Graf Rhaneck . Uebrigens handelte ich diesmal nicht in meiner Eigenschaft als Priester , ich erfüllte einfach meine Pflicht als Mann , indem ich ein junges , unerfahrenes Kind vor Einflüsterungen und Betheuerungen bewahrte , denen es wahrscheinlich geglaubt hätte , und die in Ihren Augen jedenfalls so leicht wiegen , daß sie nicht über die Zeit Ihres Aufenthaltes hier hinausreichen . Wenn Sie sich überhaupt im Rechte fühlten , warum wichen Sie dann meiner Autorität ? Ihrer Bewerbung steht ja wohl der Weg nach Dobra offen , ich bezweifle aber , daß Sie eine solche beabsichtigten . “ „ Ich werde Sie schwerlich zum Vertrauten meiner Entschlüsse machen ! “ unterbrach ihn Ottfried hochfahrend , „ und ich wiederhole es Ihnen , ich dulde fernerhin dergleichen Einmischungen nicht . Wenn ich mich diesmal fügte , so geschah es aus Rücksicht für meinen Vater und meinen Oheim , nicht aus Rücksicht für Sie . “ „ Ich weiß es ! Auch beanspruche ich weder , noch wünsche ich eine Rücksicht von Ihnen , Herr Graf ! “ Der kalte verächtliche Nachdruck , den Benedict auf die letzten Worte legte , hätte wohl auch einen Anderen als Ottfried gereizt , den jungen Grafen , der gewohnt war , sich für unnahbar anzusehen , empörte er . „ Erinnern Sie sich gefälligst , mit wem Sie sprechen , Herr – Bruno . Sie scheinen ganz zu vergessen , daß Sie das Priestergewand , das Sie allein so kühn macht , einzig der Gnade meines Vaters danken . Ohne diese Gnade ständen Sie jetzt im Bedientenrock hinter meinem Stuhle und müßten meiner Befehle gewärtig sein . “ Ottfried hatte , als er diese verletzenden Worte hinwarf , doch wohl nicht geahnt , welche furchtbare Wirkung sie hervorbrachten . Benedict war leichenblaß geworden , seine Hände ballten sich krampfhaft und seine Augen schossen einen Blick , daß der Graf einen Schritt zurücktrat und unwillkürlich sein Gewehr fester faßte . „ Sie werden diese Beleidigung zurücknehmen ! “ stieß er heraus und der kochende Ingrimm erstickte fast seine Stimme . „ Hier auf der Stelle werden Sie das thun ! “ Ottfried hatte inzwischen seine augenblickliche Bestürzung überwunden und sich wieder gefaßt . „ Ei , Hochwürden , das ist ja ein recht priesterliches Benehmen ! “ höhnte er . „ Wollen Sie mich nicht lieber gleich auf Pistolen fordern ? Ihr Aussehen ist ganz darnach ! “ Was die Beleidigung begonnen , das vollendete der Hohn : außer sich gebracht , that Benedict einen Schritt ihm entgegen und der Ausdruck seines Gesichtes war derart , daß Ottfried ’ s Hand nach dem Hirschfänger an der Seite zuckte , aber er hätte nichts Schlimmeres thun können , als gerade dies . Der junge Mönch sah die Bewegung und im nächsten Moment hatte er sich auf den Grafen gestürzt , ihm mit einem einzigen kraftvollen Griffe die Waffe entrissen und ihn selbst zurückgeschleudert , so daß er gegen die nächsten Bäume taumelte . Jetzt aber wurde Ottfried ’ s Antlitz auch leichenhaft . Der Schimpf , der ihm soeben widerfahren , raubte ihm alle Besinnung , er riß die Büchse von der Schulter und legte an . Da auf einmal ward der Lauf des Gewehrs zur Seite geschlagen und sein Arm mit Gewalt zurückgehalten „ Bruno – Ottfried – auseinander ! “ tönte eine fremde Stimme , und der alte Graf Rhaneck trat zwischen sie . Der Graf war gleichfalls im Jagdanzuge , die laut streitenden Stimmen mochten ihn wohl herbeigezogen haben , er kam gerade im Moment , um ein Unglück zu verhüten . „ Auseinander , sage ich ! “ wiederholte er gebietend , aber noch bebte die Todesangst in seiner Stimme . „ Was ist vorgefallen ? Was gab es zwischen Euch ? “ Die beiden jungen Männer schwiegen , aber das Erscheinen Rhaneck ’ s wirkte sehr verschieden auf sie . Ottfried , gewohnt sich der Autorität des Vaters zu fügen , hatte die Büchse gesenkt und war gehorsam einige Schritte zurückgetreten , Benedict stand noch immer da wie ein gereizter Löwe , die Waffe in der hocherhobenen Hand , das Auge sprühend und zwischen seine Brauen grub sich tief die verhängnißvolle Falte . Nicht auf der des Majoratserben , auf seiner Stirn stand der finstere Familienzug des Rhaneck ’ schen Geschlechts , stand jetzt auch die ganze Härte und Grausamkeit desselben : so mußte der Graf , so der Prälat aussehen , im Momente der höchsten Erregung ; die eine Linie veränderte auf einmal den ganzen Charakter des Gesichts und zeichnete dort eine Aehnlichkeit , die sich sonst nie in der leisesten Spur verrieth . Auch Rhaneck sah sie und trotz Zorn und Angst glitt doch eine Secunde lang ein Ausdruck von Stolz und Zärtlichkeit über seine Züge , aber sie wurden sofort wieder ernst , als er sich dem noch immer trotzig Dastehenden näherte . „ Bruno , was soll die Waffe in Deiner Hand ? “ fragte er mit schwerer Betonung . Der junge Priester zuckte zusammen , er verstand die Mahnung , stumm blickte er wieder auf sein Ordensgewand und langsam entsank das Messer seinen Händen . „ Ihr waret im Streite ! “ begann der Graf von Neuem , „ was war die Veranlassung dazu , wer von Euch hat ihn angefangen ? “ Stumme Pause , keiner der Beiden regte sich . „ Bruno ! “ er wendete sich vorwurfsvoll an diesen , „ Du zum Mindesten hättest das bedenken sollen , was Du Deinem Stande schuldig bist . Ziemt dieser wilde Jähzorn dem geweihten Priester ? “ Benedict blickte finster auf . „ Legt mein Stand mir auch die Verpflichtung auf , zu dulden , daß Graf Ottfried ihn mir als eine Gnade seiner Familie vorwirft ? zu dulden , daß er mir die Bedientenstelle hinter seinem Stuhle zuweist ? “ Der Graf fuhr auf . „ Ottfried , das hast Du gewagt ? “ Ein Blick glühenden Zornes traf den Sohn , aber dieser hob jetzt auch trotzig das Haupt . „ Ich habe Herrn Pater Benedict an die Schranken erinnert , die er mir gegenüber vergessen hat ! “ „ Wenn Du wirklich diese Worte ausgesprochen hast , so wirst Du sie zurücknehmen und Bruno um Verzeihung bitten ! “ befahl der Graf mit einer Härte , die wenig Väterliches hatte . „ Mein Vater ! “ „ Ottfried , Du wirst ! “ „ Nun und nimmermehr ! “ rief Ottfried heftig und der Blick , den er dabei auf seinen Gegner schoß , war so voll Haß , daß der Graf einsah , er dürfe den Conflict nicht bis zum Aeußersten treiben . Er trat zu Benedict und legte die Hand auf dessen Arm . „ Ottfried ist jetzt zu gereizt , er wird sich besinnen und in einer ruhigen Stunde Dir die Abbitte leisten . Gieb Dich zufrieden , Bruno , ich sage Dir , es wird geschehen . “ Benedict zog kalt den Arm zurück . „ Herr Graf ich verzichte auf eine erzwungene Genugthuung ! Ich stand im Begriff , mir gegen eine Beleidigung selbst Recht zu schaffen , fremdem Einfluß mag ich es nicht danken . “ „ Fremdem ? Bruno ! “ Der Vorwurf klang beinahe schmerzlich , aber der Graf richtete nun einmal nichts aus mit dieser Milde seinem Schützlinge gegenüber , in dessen Auge lag wieder der alte Widerwille , die geheime Abneigung , mit der er jede Annäherung , jede Zärtlichkeit , die von dieser Seite kam , zurückwies . „ Ich muß jetzt wohl wünschen , Sie wären mir fremd geblieben mit Ihrer Gnade und Ihren Wohlthaten , Herr Graf ! “ sagte er hart . „ Ich habe diese Wohlthaten von jeher gehaßt : sie wurden mir aufgezwungen , als ich noch ein Kind war , und als ich zum Bewußtsein erwachte , hatte man bereits Sorge getragen , [ 88 ] daß mir jeder andere Lebensweg verschlossen blieb . Ich konnte und kann nichts von dem Empfangenen zurückzahlen , ich muß es zeitlebens als eine Schuld mit mir herumtragen , das ist auch eins von den gepriesenen Vorrechten meines Standes , der jede Selbstständigkeit vernichtet . Aber , “ hier brach eine heiße Bitterkeit mitten durch die erzwungene Ruhe , „ aber ich wollte , Sie hätten mich nicht der Sphäre entrissen , für die ich geboren ward , ich wollte , Sie hätten mich zum Bauer , zum Tagelöhner werden lassen , der im Schweiße seines Angesichts das saure Brod verdienen muß , es wäre besser gewesen und ich hätte es Ihnen mehr gedankt , als dies Leben – am Altar ! “ Ottfried hörte fast erstarrt zu , das schien ihm denn doch jedes Maß der Undankbarkeit und Unverschämtheit zu übersteigen , und sein Vater , an den sich all diese Beleidigungen richteten , der seine Gnade verschmäht , seine Wohlthaten mit Füßen getreten sah , Graf Rhaneck stand da , ohne sich zu regen , ohne auch nur mit einem Worte den wilden Ausbruch zu zügeln . Kein Zorn , nur eine immer zunehmende Angst sprach aus seinem Antlitz , als thue sich etwas Niegeahntes , Furchtbares vor ihm auf , und als Benedict die letzten Worte mit unverkennbarem Hasse herausschleuderte , da wendete er sich erbleichend ab und legte die Hand über die Augen . Aber wenn irgend etwas im Stande war , Benedict zur Besinnung zu bringen , so that es dies stumme Abwenden , seine Lippen zuckten . „ Sie werden meine Undankbarkeit himmelschreiend nennen , und Sie thun Recht daran ! “ sagte er ruhiger . „ Ich habe nur Gutes von Ihnen empfangen und lohne Ihnen so dafür , es ist verdammungswerth , ich weiß es , aber ich kann nicht anders ! “ Er neigte sich gegen den Grafen und wandte dann den Beiden den Rücken , Ottfried sah ihm nach , sah dann auf den Vater und schüttelte den Kopf , die Scene blieb ihm unbegreiflich . „ Papa , ist es möglich , das läßt Du Dir sagen ! Du ? – und schweigst dazu ? “ Der Graf richtete sich auf , er hatte auf einmal seine ganze Energie wieder . „ Schweig Du selbst , Ottfried ! “ sagte er befehlend , „ das sind Dinge , über die nur mir allein die Beurtheilung zusteht , aber vor Einem will ich Dich doch noch warnen . Du wirst Bruno nie wieder feindlich gegenübertreten , hörst Du ? Niemals ! Ich werde sorgen , daß es auch von seiner Seite nicht mehr geschieht . Wenn Ihr Euch nun einmal durchaus nicht vertragen könnt , so bleibt fern von einander , hassen dürft und sollt Ihr Euch nicht , und beleidigen , “ hier flammte sein Blick auf ’ s Neue drohend , „ beleidigen wirst Du ihn nicht wieder , oder ich fordere Rechenschaft von Dir . “ Ottfried schwieg , aber zum ersten Male stieg ein argwöhnisches , grübelndes Nachdenken in ihm auf , welchen Grund denn sein Vater hatte , diesen seinen Schützling fortwährend mit einer Schonung und Nachsicht zu behandeln , die sonst keineswegs in seinem Charakter lag und deren sich der eigne Sohn fast niemals erfreute . Er und Benedict waren sich sonst stets fremd geblieben , nur in der Kinderzeit hatte man sie bisweilen zusammengeführt , und Ottfried hatte nie erfahren , wie weit die Fürsorge des Vaters für Jenen eigentlich ging . Jetzt zum ersten Male sah er sich gegen den Fremden offenbar zurückgesetzt , sah , wie mit augenscheinlicher Vorliebe für diesen Partei genommen ward , gegen ihn . – Was war es denn eigentlich mit diesem Benedict ? „ Und jetzt komm ! “ schloß der Graf hastig , als wolle er den Eindruck der eben durchlebten Scene verwischen , „ laß uns nach Rhaneck zurückkehren , es ist hohe Zeit ! “ Ottfried gehorchte , zuvor jedoch nahm er Benedict ’ s Spinoza von dem Feldsteine , auf dem er bisher gelegen , und schickte sich mit einiger Ostentation an , den Band in seine Jagdtasche zu stecken . „ Was hast Du da ? “ fragte der Graf zerstreut . „ Die Lieblingslectüre des Herrn Pater Benedict ! “ entgegnete Ottfried boshaft , ihm das Buch hinüberreichend . Der Graf schlug den Titel auf und fuhr zurück . „ Auch das noch ! Allmächtiger Gott , was soll daraus werden ! “ Er steckte das Buch zu sich und wendete sich dann kurz zu seinem Sohne . „ Du schweigst gegen den Oheim , ich werde selbst mit Bruno darüber sprechen ! Jetzt laß uns gehen . “ Ottfried folgte mit verbissenem Zorn , er sah , daß dem gehaßten Mönche nicht beizukommen war , der Vater war offenbar entschlossen , ihn mit seiner ganzen Macht zu schützen . – Lucie hatte inzwischen den Garten von Dobra erreicht , wo Fräulein Reich sie mit einer Strafpredigt über ihr eigenmächtiges Davonlaufen und allzu langes Ausbleiben empfing , aber schon bei dem ersten Satze stockte Franziska , als sie die verweinten Augen und die niedergeschlagene Miene des jungen Mädchens gewahrte . „ Um Gottes willen , Kind , was ist denn vorgefallen ? “ rief sie erschreckt . „ Ist etwas passirt ? Hat Ihnen Jemand irgend etwas zu Leide gethan ? “ Lucie schüttelte den Kopf , sie wollte den alten übermüthigen Ton wieder anschlagen , wollte mit irgend einem Scherz ausweichen , aber die Lippen versagten ebenso sehr das Lächeln , als die Stimme den Scherz . Sie warf noch einen Blick zurück nach dem Walde , dann schlang sie plötzlich beide Arme um den Hals Franziskas , verbarg den Kopf an deren Brust , und brach ohne ein Wort , ohne eine Erklärung auf ’ s Neue in ein bitterliches Weinen aus . Das Stift feierte eines der hohen katholischen Kirchenfeste , und wie stets bei solchen Gelegenheiten , bot die große prachtvolle Stiftskirche den Mittelpunkt und Versammlungsort für die Andächtigen der ganzen Umgegend . Die weiten Hallen der Kirche vermochten kaum die herbeigeströmte Menge zu fassen , die sich dort Kopf an Kopf drängte . Der Prälat , unter Assistenz der gesammten Geistlichkeit seines Stiftes , hielt heute selbst das Hochamt , mit all dem kirchlichen Pomp und Glanz , der dem hohen Festtage ziemte . Von draußen her fiel der helle Sonnenschein durch die hohen Bogenfenster und die prachtvollen Glasmalereien warfen purpurfarbene und tiefblaue Lichter auf den Marmorboden . Vom Chore hernieder rauschte die Musik in vollen mächtigen Accorden , und der Gesang wehte an den hohen Wölbungen hin , dazwischen knisterte leise die schwere Seide der Kirchenfahnen , im Hintergrunde aber flammte der Hochaltar , von hundertfachem Kerzenglanze umstrahlt , von Weihrauchwolken umzogen , überragt von dem Bilde des Gekreuzigten und umgeben von der Priesterschaar , ein unnahbares , gottgeweihtes Heiligthum . Auf seinen Stufen stehend vollzog der Prälat die heilige Handlung . Und wahrlich , hier war der Ort , wo seine Erscheinung zur vollsten Geltung kam , es lag etwas Erhabenes in der stolzen feierlichen Würde , mit der er die vorgeschriebenen Ceremonien verrichtete . Jetzt hob er die Monstranz , und auf die Kniee nieder stürzte Hoch und Niedrig und beugte demuthsvoll das Haupt zur Erde , nur die Priester standen aufrecht da und blickten nieder auf die knieende Menge , die sich vor dem Allerheiligsten beugte , es sah fast aus , als beugte sie sich jenen allein . Unmittelbar an der Seite des Prälaten befand sich Benedict ; auch er trug heut ’ nicht das schwarze Ordensgewand , sondern war , wie alle Uebrigen , im vollen priesterlichen Ornate . Die kostbaren , reichgestickten und golddurchwirkten Gewänder hoben seine Erscheinung mächtig und wirkungsvoll , und sie verlor nichts durch die Blässe der Züge , die unter dem dunkeln Lockenhaar hervorleuchtete ; manches Auge aus den Reihen der Andächtigen hing an dem jungen Priester , mancher Blick heftete sich bewundernd auf ihn , er aber sah kalt und unbewegt auf die Menge , die Ceremonie , bei der auch er betheiligt war , schien ihn allein zu beschäftigen . Und doch waren seine Gedanken weit weg von dem Hochamt und dem geweihten Raume , sie suchten fern eine stille Waldeseinsamkeit ; lauter rauschte die Musik vom Chore hernieder , dichter stieg der Weihrauch vom Altare empor , aber mitten in den jubelnden Tönen klang das leise träumerische Rieseln einer Quelle , aus den Weihrauchwolken hervor dämmerte ein rosiges Kinderantlitz mit langen braunen Locken , und ein Paar große blaue Augen blickten ihn bestürzt und thränenvoll an – die Lippen des Priesters zuckten , er rang sich gewaltsam los von diesen Bildern , die ihn Tag und Nacht umdrängten , die ihm selbst hier am Altar keine Ruhe mehr ließen , er war ja ein Mönch , und jene Bilder waren ein Verbrechen ! Die übrigen Geistlichen schienen es weniger gewissenhaft mit der Heiligkeit des Ortes und der Stunde zu nehmen , die lange Gewohnheit hatte sie abgestumpft dagegen . Zwar bewahrten auch sie die volle äußere Würde , aber als die Musik nun wieder mit vollster Macht einsetzend all die leiseren Töne verschlang , und die jetzt folgenden Ceremonien ihre Aufmerksamkeit nicht mehr so ausschließlich in Anspruch nahmen , da bewegte sich [ 90 ] manche Lippe , und leise , fast unhörbar flog Rede und Gegenrede zum Nachbar hinüber und wieder herüber , die hochwürdigen Herren waren längst an diese Art der Unterhaltung gewöhnt , von der man freilich in der Kirche nichts bemerkte . „ Der Benedict sieht heute prachtvoll aus ! “ flüsterte Pater Eusebius dem Prior zu , der an seiner Seite stand „ Im einfachen schwarzen Talar sollte man nicht glauben , daß er sich so ausnehmen könnte . Das ist eine Erscheinung , die unserm ganzen Stifte Ehre macht ! “ „ Einer Uniform würde er noch mehr Ehre machen ! “ gab der Prior boshaft , aber ebenso leise zurück , während sein Blick nach dem Betstuhl der Rhaneck ’ schen Familie hinüberflog , wo neben den Epauletten des Grafen die seines Sohnes glänzten . „ Warum nicht gar ! “ murmelte Eusebius . „ Und sieh nur , wie Graf Rhaneck zu ihm hinüberblickt ; mir scheint , er sieht von der ganzen hochwürdigen Assistenz nur den Einen ! Aber seltsam ernst und finster ist heute das Gesicht des Grafen , findest Du nicht ? “ Das widrige Lächeln zuckte wieder um den Mund des Priors , während er zugleich in vorgeschriebener Weise den Kopf tief herabbeugte und die Hände ineinander legte . „ Seine gräfliche Gnaden zögen es vielleicht vor , Pater Benedict als Majoratserben an seiner Rechten zu haben , und dafür den Grafen Ottfried am Altare zu sehen . Wer weiß es ! “ „ Thorheit ! “ flüsterte Eusebius , die Bewegung des Priors nachahmend , „ glaubst Du etwa auch gewissen dunklen Gerüchten ? “ „ Ich glaube nur meinen eignen Augen und die sehen ziemlich scharf . Hüte Dich übrigens , daß jene Gerüchte Benedict nicht zu Ohren kommen , er ist schon hochmüthig genug , und wenn – “ Die laute volltönende Stimme des Prälaten unterbrach ihn , er sprach die Worte des Segens , die beiden Priester schwiegen , Todtenstille legte sich über die ganze Versammlung . Das Hochamt war zu Ende , die Menge drängte nach den Kirchthüren und auch die vornehmeren Zuhörer erhoben sich aus ihren Stühlen , während der Prälat mit seiner Geistlichkeit sich zurückzog . In der gleichfalls leeren Sacristei lehnte Benedict am Fenster , er trug noch die kirchlichen Gewänder und schien gar nicht daran zu denken , daß er sie ablegen mußte . Den Kopf in die Hand gestützt , blickte er hinaus in die sonnige Welt da draußen , nach den Bergen hinüber , die in voller Majestät dort in der Ferne aufstiegen ; da ward eine der Seitenthüren geöffnet und der Prior trat ein . „ Wie , Pater Benedict , noch im vollen Ornate ? “ fragte er scharf . „ Die Messe ist längst vorüber , warum legen Sie die Gewänder nicht ab ? “ „ Ich hatte es vergessen . Ich werde sogleich – “ Benedict wollte sich entfernen , doch der Prior hielt ihn zurück . „ Sie haben vorhin den Herrn Prälaten um eine Unterredung ersucht ? “ „ Ja ! “ „ Und das gerade heut an diesem vielbeschäftigten Tage ? Ihr Anliegen scheint sehr dringender Art zu sein . “ „ Interessirt Sie das , Hochwürden ? “ fragte der junge Priester ruhig