oben konnten ihm wenig helfen , sie hielten nur das Seil , das ihn im äußersten Falle vor dem Sturz bewahren sollte , leiten und tragen konnte es ihn nicht , denn der Horst lag nicht unmittelbar an der Wand , sondern seitwärts , in dem Felsenmeere , das sich unter dem höchsten Grat hinzog . Nur einige zwanzig Fuß war Adrian herabgelassen worden , bis zu einem schmalen Vorsprung , der ihm gerade Raum zum Stehen gewährte . Hier begannen die Klüfte , von hier aus mußte er sich seinen Weg allein suchen , und welchen Weg ! Bei jedem Schritte galt es , erst eine Todesgefahr zu überwinden , bei jeder Bewegung gähnte ihn der Abgrund an , und trotzdem ging er vorwärts , mitten durch Felsgeröll und Felsgestrüpp über breite Spalten und Risse hinweg , an steilen Wänden entlang , wo der Fuß kaum eine Hand breit Raum fand , immer vorwärts , dem Ziele entgegen . Und das Glück schien in der Tat den Tollkühnen zu begleiten . Kein Stein wich unter seinen Füßen , kein Stützpunkt versagte ihm den Dienst . Je näher er dem Horste kam , desto mehr wuchs die Gefahr , die wie mit tausend Armen nach ihm griff , aber sie vermochte nicht , ihn zu erreichen . Kalt und vorsichtig prüfte er jeden Tritt , berechnete er jede Entfernung , der Mann schien in der Tat Sehnen und Muskeln von Stahl zu haben und einen stählernen Sinn , der die Gefahr verlachte . Endlich war der Horst erreicht , mit einer letzten , kraftvollen Anstrengung gewann Adrian den Fels , auf dem sich das Nest befand , nur wenige Schritte unter ihm , so daß er es mit der Hand erreichen konnte , und hier , auf dem verhältnismäßig breiteren Raume , wo das Gestein ihm überall Stützpunkte gewährte , war er vorläufig in Sicherheit . Siegbert und Alexandrine waren mit angstvoller Spannung jeder Bewegung gefolgt , jetzt atmeten beide auf , obgleich das Wagnis erst zur Hälfte vollbracht war . Es galt ja noch einmal denselben Weg zurückzulegen , und auf diesem Rückwege war die Gefahr nicht geringer . Adrian verlor indessen keine Zeit , kaum daß er sich eine Minute des Aufatmens und Ausruhens gönnte . Er lehnte sich fest an eine der Zacken , die ihm Halt gewährte , die Knie gegen den Boden gestemmt , beugte er sich nieder und streckte die Hand nach dem jungen Adler aus , der sich in der Tat im Neste befand , und schutzlos dem Räuber preisgegeben war . Da stieß etwas herab aus der Höhe , mit der Schnelligkeit eines jäh herniederfahrenden Blitzes . Der Stoß traf Adrian mit voller Gewalt und hätte ihn in die Tiefe geschleudert , ohne jene Zacke , an der er sich hielt . Der Adler war zurückgekehrt und eilte seinem bedrohten Jungen zu Hilfe . Auf dem schmalen Raum , über der schwindelnden Tiefe entspann sich jetzt ein wilder , verzweifelter Kampf zwischen dem riesigen Manne und dem riesigen Tiere . Das Tier kämpfte mit dem Instinkt der Mutterliebe um die Rettung seines Jungen , der Mann kämpfte nur noch um sein Leben . Wenn Adrian auch eine Waffe bei sich hatte , so konnte er doch kaum Gebrauch davon machen . Er hing ja festgeklammert an dem Fels , bei jeder Bewegung drohte der Sturz und mit ihm unabwendbares Verderben . Dennoch schien er sich zu verteidigen , schien sogar anzugreifen , aber das wütende Ringen dauerte nur einige Minuten . Dann durchschnitt plötzlich ein Schrei die Luft , ein furchtbarer , markerschütternder Schrei , den das Echo der Felswand dumpf , wie mit Geisterstimme zurückgab . Das Seil flatterte lose , zerrissen in der Luft . Mit mächtigem Flügelschlage schoß der Adler zum Horste und breitete schützend seine Schwingen über das gerettete Junge aus , und der Unselige , der es gewagt hatte , die Hand danach auszustrecken , lag zerschmettert drunten in der Egidienschlucht . Alexandrine hatte die Hand über die Augen gelegt , um das Entsetzliche nicht zu sehen , aber jener Schrei verriet ihr doch , was geschehen war . Siegbert stand an ihrer Seite , auch er war totenbleich , aber er hatte nicht einen Moment lang den Blick abgewendet , und jetzt stürzte er vorwärts nach dem Rande der Schlucht und beugte sich hinüber . » Um Gottes willen , nicht so nahe ! « rief Alexandrine angstvoll . » Seien Sie vorsichtig ! Sie können von hier oben nichts entdecken . « Siegbert hatte sich bereits wieder emporgerichtet , seine Stimme bebte , aber in seinem Antlitz stand ein Zug ungewohnter Energie und Entschlossenheit . » Nein , von hier ist nichts zu sehen , die Tannen hindern den Einblick . Ich muß hinunter ! « » Was wollen Sie ? « fragte Alexandrine , die ihren Ohren nicht traute . » Hinunter in die Schlucht ! « » Sind Sie von Sinnen ? Wollen Sie das eigene Leben wagen , um eines Toten willen ? Er muß ja zerschmettert sein bei dem Sturz aus dieser Höhe . Sie kommen in jedem Falle zu spät . « » Wer weiß ! Vielleicht haben die Tannen ihn aufgefangen , vielleicht kann noch Hilfe gebracht werden , und es dauert Stunden , ehe die Männer dort oben herabkommen . Hier ist der einzige Punkt , von wo es möglich ist , in die Schlucht zu dringen . Ich will es wenigstens versuchen . « Alexandrine stand bereits an seiner Seite und blickte gleichfalls hinab . Es war allerdings möglich , von hier aus in die Schlucht niederzusteigen , die von allen anderen Stellen fast senkrechte Wände zeigte , aber auch eben nur möglich . Der Abhang senkte sich hier nicht so jäh , und Felstrümmer und Tannenwurzeln bildeten eine Art von Stufen . Aber ohne die dringendste Not wagte gewiß niemand diesen Weg in die Tiefe , und ein Fremder , der des Steigens ungewohnt war , unbekannt mit all den Hilfsmitteln der Bergbewohner , setzte vielleicht sein Leben dabei auf das Spiel . » Wir wollen die Leute aus der Sennhütte herbeirufen « , sagte Alexandrine , die jetzt ihre Besonnenheit zurückgewann . » Sie werden am besten wissen , was hier not tut . « » Ja , tun Sie das ! « stimmte Siegbert bei . » Ich gehe voran ! « Damit setzte er den Fuß auf den Rand der Schlucht , und machte Miene , hinabzusteigen , aber in derselben Minute hatte Alexandrine auch schon seinen Arm ergriffen und riß ihn zurück . » Siegbert ! « Es war ein Ruf der Todesangst , aber auch der vollsten Zärtlichkeit . Siegbert hielt inne , er blieb gebannt stehen , als er seinen Namen zum erstenmal von diesen Lippen , in diesem Tone hörte . Mit beiden Händen umschloß er die bebende Rechte der Geliebten . » Alexandrine , ängstigen Sie sich um mich ? « Ein heißer Tränenstrom stürzte aus ihren Augen , und , alles vergessend , nur ihrer Angst Gehör gebend , rief sie außer sich : » Gehen Sie nicht , Siegbert – ich ertrage es nicht , wenn Sie stürzen ! « Ein Aufleuchten des Glückes flog über die Züge des jungen Mannes , und er preßte heiß und innig seine Lippen auf die Hand , die er noch in der seinigen hielt , dann aber richtete er sich empor . » Haben Sie Dank für diese Worte ! Sie werden mich beschützen auf meinem Wege . Lassen Sie mich hinunter ! Ich kann nicht untätig warten hier oben , während dort unten vielleicht ein Mensch im Todeskampfe ringt – ich kann es nicht ! Schicken Sie mir Hilfe nach und leben Sie wohl ! « Er ließ ihre Hand los , und ehe sie es verhindern konnte , hatte er sich über den Rand der Schlucht geschwungen und stand bereits auf der obersten Felsstufe . Alexandrine machte auch keinen Versuch mehr , ihn zurückzuhalten . Es war etwas in dieser aufflammenden Energie des jungen Mannes , in diesem rücksichtslosen Einsetzen des eigenen Lebens für ein anderes , was ein Echo in ihrer Brust fand , was sie trotz aller Angst mit Stolz und Freude erfüllte . Weit übergebeugt , die Hände gegen die Brust gepreßt , folgte ihr Auge dem Niedersteigenden , der bald zwischen den Tannen verschwand , bald wieder auftauchte . Im Angesicht der Gefahr schien alle Träumerei von Siegbert gewichen zu sein , fest und sicher klomm er nieder , ohne ein einziges Mal zu schwanken oder zu zögern . Jetzt stand er auf dem letzten vorspringenden Felsstück und ein gewagter Sprung trug ihn hinunter auf den Boden der Schlucht . Ein lautes » Gott sei Dank ! « rang sich von Alexandrinens Lippen , und jetzt erst eilte sie beflügelten Fußes nach der Alm , um deren Bewohner zur Hilfe aufzurufen . Unten in der düsteren Tiefe , dicht neben dem brausenden Wildwasser , das über seine Füße hinwegschäumte , lag der Gestürzte , und Siegbert , der ihn eine Strecke seitwärts aufgefunden hatte , hielt sein Haupt auf den Knien . Die Tannen , die den Unglücklichen aufgefangen , hatten ihn nicht halten können . Er hatte im Sturz ihre Zweige durchbrochen , aber eben deshalb erfolgte der Sturz nicht mit voller Macht . Es war noch Leben und Bewußtsein in dem blutenden , zerschmetterten Körper . Siegbert sah es , daß hier auch nicht die fernste Möglichkeit einer Rettung vorhanden war , dennoch versuchte er es , dem Sterbenden einen Trost zu geben , an den er selbst nicht glaubte . » Mut , Adrian , die Hilfe ist schon unterwegs ! Fassen Sie Mut , wir werden Sie retten ! « Adrian blickte in das Antlitz , das sich im schmerzlichen Mitleid über ihn beugte . Vielleicht hatte er noch Bewußtsein genug , um zu erraten , was der junge Mann um seinetwillen gewagt hatte , aus seiner schwer arbeitenden Brust rangen sich noch einzelne Worte hervor . » Mir hilft keiner mehr ! – Aber Sie sind bei mir , Herr Siegbert ! Sie – ich dank ' Ihnen ! « Er machte eine Bewegung , als wolle er sich aufrichten . Siegbert erriet das Verlangen des Sterbenden , der sich mit letzter Kraft dem Tageslichte zuwandte . Er hob leise seinen Kopf empor und gab ihm die Richtung nach oben . Es war nur ein kleines Stück Himmel , das zwischen den hohen Felsen sichtbar blieb , und jetzt , wo die Sonne ihren höchsten Stand erreicht hatte , verlor sich einer ihrer Strahlen bis in die finstere Schlucht ; er schimmerte goldig wie ein letzter Gruß des Lebens an den , der für immer vom Leben Abschied nahm . Aber auf diesem tiefblauen , sonnendurchleuchteten Himmel , in diesen goldigen Strahl zeichnete sich scharf und dunkel das Kreuz ab . Es stand gerade über jener Stelle und blickte wie drohend herab von seiner felsigen Höhe . Adrians Blick traf diesen Punkt , und ein dumpfer Aufschrei des Schreckens , des Entsetzens entrang sich seiner Brust . Er bäumte sich auf , als wollte er jenem Anblick entfliehen , und versuchte , die Hände vor das Antlitz zu schlagen , aber die zerschmetterten Glieder versagten ihm den Dienst . Wie festgekettet lag er da , unfähig , sich zu regen , und hoch über ihm blickte das Kreuz geisterhaft nieder in seinen Todeskampf . Siegbert sah das , und zum erstenmal wehte es ihn an , wie Grauen und Entsetzen vor dem Manne , den er in seinen Armen hielt . » Adrian , « sagte er angstvoll . » Hören Sie mich ? « Adrian hörte nicht mehr ; die Menschenstimme vermochte es nicht mehr , sein Ohr zu erreichen , aber es war ein Ausdruck grenzenloser Todesangst und Todesqual in seinen Zügen , während sein Auge starr und unverwandt an jenem Punkte hing , der es mit dämonischer Gewalt festzuhalten schien . » Das Kreuz ! « stöhnte er . » Dort oben – Gott sei – « Seine Stimme erstarb , und seine Augen brachen unter der eisigen Hand des Todes , die sich schwer auf ihn niedersenkte , das Haupt sank zurück – es war vorüber . Siegbert legte leise seine Hand auf diese Augen , die selbst im Tode noch den Ausdruck starren Entsetzens behielten , und , sie schließend , vollendete er in tiefster Erschütterung : » Dir gnädig ! « Sechzehntes Kapitel . Auf dem Wege , der von dem kleinen Bergorte nach dem Hotel führte , schritten der Professor und Siegbert dahin . Man hatte heute morgen die Leiche des Verunglückten von der Alm herunterbringen wollen , und die beiden Herren waren in dem Städtchen gewesen , um zu hören , ob dies in der Tat geschehen sei . » Es ist und bleibt eine unheimliche Geschichte ! « sagte Bertold , » und bei dem schlimmen Ausgang , den sie genommen hat , wird sie nun vollends zur Sage der ganzen Umgegend werden . Was war das gestern für ein Raunen und Flüstern unter den Leuten auf der Alm , und das Volk hier im Orte tut nun gar , als hätte sich ein Stück Weltgericht vor seinen Augen vollzogen ! Als ob es ein Wunder ist , wenn jemand , der eigens darauf ausgeht , sich den Hals zu brechen , ihn schließlich bricht ! Ein Wunder wäre es gewesen , wenn dieser Adrian Tuchner unversehrt davongekommen wäre . Was meinst du , Siegbert , hältst du ihn für schuldig ? « » Ich meine , daß man dem Unglücklichen die Ruhe in seinem Grabe gönnen soll « , entgegnete Siegbert in einem Tone , der seine tiefe Bewegung verriet . » Der Tod endigt und versöhnt alles ! Wozu den Schleier heben , den er darüber gebreitet hat . « » Ganz recht , lassen wir den Toten ruhen « , stimmte der Professor bei , der sich überhaupt nicht gern mit traurigen Ereignissen beschäftigte . » Was übrigens die Neigung betrifft , sich den Hals zu brechen , so hast du sie gleichfalls in sehr bedenklicher Weise kundgegeben . Mir und dem Führer standen die Haare zu Berge , als wir es drüben von der Egidienwand mit ansahen , wie du auf Leben und Tod in die Schlucht hinunterfuhrst , und Sir Conway riß seine wasserblauen Augen noch einmal so weit auf als gewöhnlich . Warum hast du denn nicht gewartet , bis die Leute von der Alm zur Hilfe herbeikamen ? Du allein konntest doch den Gestürzten nicht aus der Schlucht heraufbringen . « » Nein , aber ich konnte wenigstens bei ihm sein in seinem Todeskampfe . Es ist furchtbar , allein und verlassen zu sterben , in einer düsteren Felsschlucht , ohne ein Menschenantlitz zu sehen und eine Menschenstimme zu hören ! « » Deswegen riskiert man aber doch nicht das eigene Leben . Du warst gestern überhaupt in einer ganz merkwürdigen Stimmung . Was du dem Sir Conway an der Leiche des armen Burschen , den er allerdings auf dem Gewissen hat , sagtest , war von einer Schärfe , die ich dir gar nicht zugetraut hätte . « » Und seine Erwiderung war eine Unverschämtheit ! « rief Siegbert mit blitzenden Augen . Der Professor zuckte die Achseln . » Mag sein ! Ihr hattet nicht übel Lust , aneinander zu geraten . Es war ein Glück , daß ich dazwischen trat und euch noch zu rechter Zeit trennte . « In dem Gesichte des jungen Mannes zeigte sich eine gewisse Verlegenheit bei der Bemerkung . Er schien etwas erwidern zu wollen , aber nicht die rechten Worte dafür zu finden , und vorläufig kam es auch nicht dazu , denn urplötzlich packte Bertold den Arm seines jungen Begleiters und zog ihn fast gewaltsam an sich . Siegbert sah ihn erstaunt an , aber der Professor wußte , weshalb er ihn festhielt . Sie passierten gerade die Brücke , die an dieser Stelle über die Ache führte , und nach der Meinung des alten Herrn war jetzt entschieden ein Verzweiflungssprung zu besorgen . Die Katastrophe hatte gestern stattgefunden , das wußte er , aber Alexandrine zeigte sich ungemein einsilbig und zurückhaltend . Sie hatte nur erklärt , Siegbert habe versprochen , sich zu einem Entschluß aufzuraffen und sich frei zu machen , mehr konnte der Professor trotz all seines Forschens und Drängens nicht erfahren , und seinem Schüler wagte er nicht mit Fragen zu nahen . Er hatte sonst wenig Respekt vor der Seelenstimmung anderer , aber dem blassen Antlitz und den düsteren Augen seines Lieblings gegenüber fühlte er doch einige Gewissensbisse . Der arme Junge litt offenbar schwer unter der bitteren Arznei , mit der man ihn heilen wollte . Er hatte auch mit keiner Silbe die Rückgabe jenes Skizzenbuches erwähnt , vermutlich war Alexandrine sehr schonungslos gewesen , da fühlte sich der Professor verpflichtet , ihn um so mehr zu schonen , und vor allen Dingen festzuhalten , was denn auch geschah . In Siegberts Antlitz lag in der Tat heute etwas Tiefernstes , sogar Düsteres . Vielleicht war es noch ein Nachhall des schrecklichen Ereignisses , vielleicht auch etwas anderes , denn nachdem sie einige Minuten schweigend weiter gegangen waren , begann der junge Mann plötzlich : » Herr Professor – ich habe eine Bitte an Sie . « » Nun , so sprich sie aus « , sagte Bertold , der ihn noch immer festhielt , denn der Weg führte noch eine Strecke am Rande der Ache entlang . Trotz dieser Ermutigung zögerte Siegbert und blickte vor sich nieder . » Es ist mir sehr peinlich , daß ich gerade Sie damit behelligen muß , aber ich bin so ganz isoliert hier und kenne niemand , dem ich mich anvertrauen möchte . Es handelt sich um einen Freundesdienst . « Der Professor wurde aufmerksam . » Das klingt ja ganz feierlich ! Freundesdienst ? Herzlich gern , aber was willst du denn eigentlich ? « » Ich wollte Sie bitten , mich morgen früh zu begleiten – nach der kleinen Waldwiese – ich habe dort ein Zusammentreffen verabredet . « Bertold ließ den Arm des jungen Mannes los und blieb stehen . » Was soll das heißen ? Mit wem willst du dort zusammentreffen ? – Willst du dich etwa schlagen ? « » Ja « , sagte Siegbert ruhig . » Mit diesem verwünschten Engländer ? Ich brachte euch ja gestern glücklich auseinander . Hat er dich etwa noch nachträglich gefordert ? « » Nein , – aber ich forderte ihn ! « Bertold prallte zurück . » Du hast ihn gefordert ? Junge , hast du den Verstand verloren ? « » Soll ich mich etwa ungestraft beleidigen lassen ? « fragte Siegbert mit zuckenden Lippen . » Soll ich mich hochmütig und verächtlich zurechtweisen lassen , wie ein Schulknabe , und das noch dazu vor den Augen des Fräulein von Landeck ? Ich bin gestern einzig Ihrer Autorität gewichen , und an der Leiche Adrians war auch nicht der Ort , wo die Sache zum Austrag gebracht werden konnte . Heute morgen aber habe ich von Sir Conway die Zurücknahme jener Beleidigung verlangt . Er verweigerte sie , – also blieb nur eine Entscheidung übrig . « Der Professor stand da und starrte seinen schüchternen , sanftmütigen Schüler an , der von dem Duell wie von einer selbstverständlichen Sache sprach . Er konnte sich das Ganze offenbar nicht erklären , plötzlich aber fiel ihm ein , es sei nur ein Verzweiflungsschritt des jungen Mannes , der dies Ende dem Sprunge in die Ache vorziehe , und , ganz erfüllt von dieser Vorstellung , sagte er diktatorisch : » Daraus wird nichts ! « » Herr Professor ! « fuhr Siegbert auf , aber der Herr Professor schnitt ihm das Wort ab . » Denkst du , ich werde einen derartigen Unsinn zulassen und es ruhig mit ansehen , wie du dir das Vergnügen machst , dich von diesem Engländer totschießen zu lassen ? Er ist ein ausgezeichneter Schütze , das weiß ich , und du hast noch nie eine Pistole in der Hand gehabt . Kurz und gut , ich verbiete dir dies lebensgefährliche Amüsement . Ich werde allerdings zu Sir Conway gehen , aber nicht als dein Sekundant , sondern um die Sache gütlich beizulegen . « » Das werden Sie nicht tun ! « sagte Siegbert , sich hoch und fest aufrichtend . » Ich allein kann beurteilen , was ich von einem Fremden hinnehmen darf und was nicht . Wenn ich mich für beleidigt erkläre , so ist das meine Sache , und wenn Sie versuchen sollten , das Duell zu verhindern , so werden wir uns zu einer anderen Zeit und an einem anderen Orte treffen . Verbieten lasse ich mir dergleichen nicht . Ich glaubte nicht , daß Sie mich der Tyrannei meines Pflegevaters nur deshalb entreißen wollen , um mich dafür unter Ihren Willen zu beugen . « » Das ist ja eine förmliche Kriegserklärung ! « brauste der Professor auf . » Wo hast du denn auf einmal das Rebellieren gelernt ? Noch vorgestern , habe ich dich als geduldiges Opferlamm gepriesen , und heute benimmst du dich wie ein wütender Löwe und willst absolut Blut vergießen . Bist du verhext worden da oben auf der Egidienwand ? « Der junge Mann schien in der Tat , wenn auch nicht das Rebellieren , so doch den Widerstand gegen die ungerechte Hitze seines Lehrers gelernt zu haben , denn er antwortete mit ruhiger Festigkeit : » Ich bin nur zur Selbständigkeit erwacht , und gerade Sie waren es , der mir fortwährend predigte , daß ich mich gegen Zwang und Bevormundung auflehnen müsse . « » So ? Und bei mir machst du den Anfang damit ? Das ist ja recht freundschaftlich ! « Siegbert trat zu dem erzürnten Manne und legte die Hand auf seinen Arm , während er ihm ernst und bittend in das Auge sah . » Herr Professor – habe ich unrecht ? « » Nein – du hast recht , Junge ! « rief der Professor , der urplötzlich vom hellsten Zorn in den vollsten Enthusiasmus umschlug . » Du hast ganz recht ! Laß dir nichts gefallen , auch von mir nicht . Es ist wahr , dieser Sir Conway ist unverschämt gegen dich gewesen , und wenn du dich mit ihm schlagen willst , so schlage dich , und wenn ich es dir zehnmal verbiete . Übrigens tue ich das jetzt nicht mehr , im Gegenteil , ich werde dein Sekundant sein . Ich denke , der Himmel wird doch ein Einsehen haben , und dich nicht gerade jetzt fallen lassen , wo du endlich anfängst , für die Erde brauchbar zu werden ! « Und den Arm um die Schulter des jungen Mannes legend , zog er ihn mit sich fort . – Siebzehntes Kapitel . Es war am Vormittag des nächsten Tages . Herr Bürgermeister Eggert ging in seinem Zimmer mit großen Schritten und großer Entrüstung auf und nieder und machte seinen Gefühlen seiner Frau und Fränzchen gegenüber , die noch beim Frühstück saßen , Luft . » Das geht zu weit ! Ich nehme gewiß die höchste Rücksicht auf die Berühmtheit und die Stellung eines Meisters wie Bertold , aber das geht wirklich zu weit . Er scheint Siegbert als sein ausschließliches Eigentum zu betrachten , über das er nach Belieben verfügt . Vorgestern nimmt er ihn mit auf die Egidienwand , trotzdem ich von Anfang an dagegen war . Es passieren da schreckliche Dinge : der Wagehals , der Adrian Tuchner , stürzt vom Fels , Siegbert klettert ihm nach in die Schlucht . « » Er hätte sich dabei das Genick brechen können « , schaltete Frau Eggert ein . » Oder den Arm ! « rief ihr Gatte , für den diese Alternative die schlimmere zu sein schien . » Den rechten Arm , und dann wäre es mit dem Malen vorbei gewesen ! In meiner Gegenwart passieren solche Dinge nicht , und ich nehme mir nun auch vor , Siegbert nicht aus den Augen zu lassen . Statt dessen nimmt ihn der Professor so vollständig in Beschlag , als ob wir überhaupt gar nicht da wären . Gestern hat er ihn kaum von seiner Seite gelassen ; bis gegen Mitternacht waren sie zusammen , und als ich heute früh in Siegberts Zimmer trete , um ihn ernstlich darüber zur Rede zu stellen , tritt wieder der Herr Professor ein und sagt im unhöflichsten Tone : » Lassen Sie den Jungen in Ruhe ! Quälen Sie ihn nicht mit Ihren Redensarten . Wir haben ganz andere Dinge im Kopfe , und übrigens brauche ich den Siegbert jetzt notwendig . Wir empfehlen uns Ihnen , Herr Bürgermeister . Damit nimmt er meinen Sohn am Arm , geht mit ihm davon , und ich bleibe stehen . « » Ja , dieser große Künstler hat bisweilen etwas recht Gewaltsames an sich « , meinte Frau Eggert , die schon Zeugin davon gewesen war , wie der » große « Künstler ihren Gemahl zuerst grob behandelte und dann stehen ließ . Der letztere aber schien sich noch immer nicht an diese Methode gewöhnt zu haben , denn er fuhr in wachsender Empörung fort : » Das soll und muß ein Ende nehmen ! Wir wollten zwar noch acht Tage hier bleiben , aber unter diesen Umständen halte ich es doch für besser , wenn wir den Aufenthalt abkürzen . Siegbert findet sonst noch Geschmack an dem Ungehorsam , der ihm täglich und stündlich gepredigt wird . Wir reisen morgen ab . « » Ach ja , Papa , wir wollen abreisen ! « fiel Fränzchen beinahe stürmisch ein . » Ich sehne mich so nach Hause ! « Der Bürgermeister war sehr gerührt über dies Heimatsgefühl seiner Tochter . Er wußte nicht , daß diese wahrhaft erschütternde Sehnsucht in engster Wechselwirkung stand mit jenem rührenden Dichterschmerz im » Wiesenheimer Tagesboten « , der noch immer auf dem Grunde des Koffers ruhte . Aber auch Eggert selbst begann sich fortzusehnen aus der ewigen Bergwelt , in der man ihn so schnöde behandelte , nach dem gemütlichen Wiesenheim , wo der erste Würdenträger und reichste Mann der Stadt sicher war , einen unbedingten Respekt zu finden . Die Abreise wurde also unter allseitiger Zustimmung beschlossen . Während die bürgermeisterliche Familie mit ihren Reiseplänen und Reisevorbereitungen beschäftigt war , kamen Siegbert und der Professor aus dem Walde und näherten sich langsam dem Hause . Der Himmel schien in der Tat das nötige Einsehen gehabt zu haben , denn der junge Mann war unverletzt , und das vergnügte Aussehen Bertolds verriet , daß das Duell auch andererseits ohne schwere Folgen verlaufen war . » Das wäre abgemacht ! " sagte er . " Ich mache dir mein Kompliment , Siegbert . Da hast gestanden wie eine Mauer und kaum mit der Wimper gezuckt , als die Kugel an dir vorbeisauste . Für einen Anfänger hast du auch gar nicht so übel geschossen . Dem Sir Conway kostet die Geschichte aber einen neuen Hut ; deine Kugel ging gerade mitten durch . " » Es war ein Glück , daß ich ihn nicht traf " , sagte Siegbert leise und wie beschämt . " Ich würde mir später doch einen Vorwurf daraus gemacht haben , denn er hat – in die Luft geschossen . " » Meinst du ? « fragte Bertold betroffen . » Ich bin davon überzeugt . Ein so vortrefflicher Schütze , wie er , fehlt nicht , wenn er nicht fehlen will . Die Art , wie er mir später die Hand reichte , verriet mir , daß es seine Absicht gewesen war , mich zu schonen . « » Ja , du hast ihm Respekt beigebracht , das zeigte sein ganzes Auftreten heute , und ich glaube sogar , daß ihm die Geschichte mit dem Adrian Tuchner näher geht , als er für gut findet , zu zeigen . Doch , da sind wir schon am Hause ! Für heute mußt du dich noch ausruhen nach all der Erregung , aber morgen unternehmen wir gemeinschaftlich den Sturm auf Wiesenheim . Es bleibt doch dabei , daß du offen und rückhaltlos mit deinem Pflegevater sprichst ? « » Das tue ich noch heute , « erklärte Siegbert entschlossen , » aber ich bitte Sie , es mir allein zu überlassen . Ich muß mich selbst aus den Banden lösen und werde es tun . « Der Professor schüttelte bedenklich den Kopf . » Wenn du nur fest bleibst ! Der Kugel hast du vorhin standgehalten wie ein Held , ob du aber den Bitten und Vorwürfen deiner Pflegeeltern standhältst , ist noch die Frage . Für eine Natur wie die deinige ist dies Feuer jedenfalls das schlimmere , und sie werden Himmel und Erde in Bewegung setzen , um dich zu halten . « Über das Gesicht des jungen Mannes flog ein helles Aufleuchten , während seine Augen halb unbewußt ein gewisses Balkonfenster des Hauses suchten und fanden . » Fürchten Sie nichts ! Jetzt gehe ich vorwärts , ohne zu schwanken und zu zögern . Ich will nur erst in meinem Zimmer die Briefe vernichten , die ich für den Fall eines unglücklichen Ausganges schrieb , dann suche ich sofort meinen Pflegevater auf . Es wird ein schwerer Gang , ich weiß es , aber ich weiß auch , was für mich auf dem Spiele steht . Sie sollen mit mir zufrieden sein . « Er reichte seinem Lehrer herzlich die Hand und trat in das Haus . Bertold sah ihm erstaunt , aber mit höchster Befriedigung nach . » Der Junge ist ja ganz außer Rand und Band ! « brummte er vor sich hin . »