es dennoch , weil du überdies auch weißt , daß doch ein gut Teil des Schmutzes , womit du mich bewirfst , an mir wird hängenbleiben ! Die Wahrheit ist , daß du deine Anteile los sein wolltest und daß ich ihrer derzeit für meine Schafzucht bedurfte ; und willst du Weiteres wissen , das ungewaschene Wort , das dir im Krug vom Mund gefahren , ich sei nur Deichgraf meines Weibes wegen , das hat mich aufgerüttelt , und ich hab euch zeigen wollen , daß ich wohl um meiner selbst willen Deichgraf sein könne ; und somit , Ole Peters , hab ich getan , was schon der Deichgraf vor mit hätte tun sollen . Trägst du mir aber Groll , daß derzeit deine Anteile die meinen geworden sind – du hörst es ja , es sind genug , die jetzt die ihrigen um ein billiges feilbieten , nur weil die Arbeit ihnen jetzt zuviel ist ! « Von einem kleinen Teil der versammelten Männer ging ein Beifallsmurmeln aus , und der alte Jewe Manners , der dazwischenstand , rief laut : » Bravo , Hauke Haien ! Unser Herrgott wird dir dein Werk gelingen lassen ! « Aber man kam doch nicht zu Ende , obgleich Ole Peters schwieg und die Leute erst zum Abendbrote auseinandergingen ; erst in einer zweiten Versammlung wurde alles geordnet ; aber auch nur , nachdem Hauke statt der ihm zukommenden drei Gespanne für den nächsten Monat deren vier auf sich genommen hatte . Endlich , als schon die Pfingstglocken durch das Land läuteten , hatte die Arbeit begonnen . Unablässig fuhren die Sturzkarren von dem Vorlande an die Deichlinie , um den geholten Klei dort abzustürzen , und gleicherweise war dieselbe Anzahl schon wieder auf der Rückfahrt , um auf dem Vorland neuen aufzuladen ; an der Deichlinie selber standen Männer mit Schaufeln und Spaten , um das Abgeworfene an seinen Platz zu bringen und zu ebnen ; ungeheuere Fuder Stroh wurden angefahren und abgeladen ; nicht nur zur Bedeckung des leichteren Materials , wie Sand und lose Erde , dessen man an den Binnenseiten sich bediente , wurde das Stroh benutzt ; allmählich wurden einzelne Strecken des Deiches fertig , und die Grassoden , womit man sie belegt hatte , wurden stellenweis zum Schutz gegen die nagenden Wellen mit fester Strohbestickung überzogen . Bestellte Aufseher gingen hin und her , und wenn es stürmte , standen sie mit aufgerissenen Mäulern und schrien ihre Befehle durch Wind und Wetter ; dazwischen ritt der Deichgraf auf seinem Schimmel , den er jetzt ausschließlich in Gebrauch hatte , und das Tier flog mit dem Reiter hin und wider , wenn er rasch und trocken seine Anordnungen machte , wenn er die Arbeiter lobte oder , wie es wohl geschah , einen Faulen oder Ungeschickten ohn Erbarmen aus der Arbeit wies . » Das hilft nicht ! « rief er dann ; » um deine Faulheit darf uns nicht der Deich verderben ! « Schon von weitem , wenn er unten aus dem Koog heraufkam , hörten sie das Schnauben seines Rosses , und alle Hände faßten fester in die Arbeit : » Frisch zu ! Der Schimmelreiter kommt ! « War es um die Frühstückszeit , wo die Arbeiter mit ihrem Morgenbrot haufenweis beisammen auf der Erde lagen , dann ritt Hauke an den verlassenen Werken entlang , und seine Augen waren scharf , wo liederliche Hände den Spaten geführt hatten . Wenn er aber zu den Leuten ritt und ihnen auseinandersetzte , wie die Arbeit müsse beschafft werden , sahen sie wohl zu ihm auf und kauten geduldig an ihrem Brote weiter ; aber eine Zustimmung oder auch nur eine Äußerung hörte er nicht von ihnen . Einmal zu solcher Tageszeit , es war schon spät , da er an einer Deichstelle die Arbeit in besonderer Ordnung gefunden hatte , ritt er zu dem nächsten Haufen der Frühstückenden , sprang von seinem Schimmel und frug heiter , wer dort so sauberes Tagewerk verrichtet hätte ; aber sie sahen ihn nur scheu und düster an , und nur langsam und wie widerwillig wurden ein paar Namen genannt . Der Mensch , dem er sein Pferd gegeben hatte , das ruhig wie ein Lamm stand , hielt es mit beiden Händen und blickte wie angstvoll nach den schönen Augen des Tieres , die es , wie gewöhnlich , auf seinen Herrn gerichtet hielt . » Nun , Marten ! « rief Hauke ; » was stehst du , als ob dir der Donner in die Beine gefahren sei ? « – » Herr , Euer Pferd , es ist so ruhig , als ob es Böses vorhabe ! « Hauke lachte und nahm das Pferd selbst am Zügel , das sogleich liebkosend den Kopf an seiner Schulter rieb . Von den Arbeitern sahen einige scheu zu Roß und Reiter hinüber , andere , als ob das alles sie nicht kümmere , aßen schweigend ihre Frühkost , dann und wann den Möwen einen Brocken hinaufwerfend , die sich den Futterplatz gemerkt hatten und mit ihren schlanken Flügeln sich fast auf ihre Köpfe senkten . Der Deichgraf blickte eine Weile wie gedankenlos auf die bettelnden Vögel und wie sie die zugeworfenen Bissen mit ihren Schnäbeln haschten ; dann sprang er in den Sattel und ritt , ohne sich nach den Leuten umzusehen , davon ; einige Worte , die jetzt unter ihnen laut wurden , klangen ihm fast wie Hohn . › Was ist das ? ‹ sprach er bei sich selber . › Hatte denn Elke recht , daß sie alle gegen mich sind ? Auch diese Knechte und kleinen Leute , von denen vielen durch meinen neuen Deich doch eine Wohlhabenheit ins Haus wächst ? ‹ Er gab seinem Pferde die Sporen , daß es wie toll in den Koog hinabflog . Von dem unheimlichen Glanze freilich , mit dem sein früherer Dienstjunge den Schimmelreiter bekleidet hatte , wußte er selber nichts ; aber die Leute hätten ihn jetzt nur sehen sollen , wie aus seinem hageren Gesicht die Augen starrten , wie sein Mantel flog und wie der Schimmel sprühte ! – – So war der Sommer und der Herbst vergangen ; noch bis gegen Ende November war gearbeitet worden , dann geboten Frost und Schnee dem Werke Halt ; man war nicht fertig geworden und beschloß , den Koog offen liegenzulassen . Acht Fuß ragte der Deich aus der Fläche hervor ; nur wo westwärts gegen das Wasser hin die Schleuse gelegt werden sollte , hatte man eine Lücke gelassen ; auch oben vor dem alten Deiche war der Priel noch unberührt . So konnte die Flut , wie in den letzten dreißig Jahren , in den Koog hineindringen , ohne dort oder an dem neuen Deiche großen Schaden anzurichten . Und so überließ man dem großen Gott das Werk der Menschenhände und stellte es in seinen Schutz , bis die Frühlingssonne die Vollendung würde möglich machen . – – Inzwischen hatte im Hause des Deichgrafen sich ein frohes Ereignis vorbereitet : im neunten Ehejahre war noch ein Kind geboren worden . Es war rot und hutzelig und wog seine sieben Pfund , wie es für neugeborene Kinder sich gebührt , wenn sie , wie dies , dem weiblichen Geschlechte angehören ; nur sein Geschrei war wunderlich verhohlen und hatte der Wehmutter nicht gefallen wollen . Das Schlimmste war : am dritten Tage lag Elke im hellen Kindbettfieber , redete Irrsal und kannte weder ihren Mann noch ihre alte Helferin . Die unbändige Freude , die Hauke beim Anblick seines Kindes ergriffen hatte , war zu Trübsal geworden ; der Arzt aus der Stadt war geholt , er saß am Bett und fühlte den Puls und verschrieb und sah ratlos um sich her . Hauke schüttelte den Kopf : » Der hilft nicht ; nur Gott kann helfen ! « Er hatte sich sein eigen Christentum zurechtgerechnet , aber es war etwas , das sein Gebet zurückhielt . Als der alte Doktor davongefahren war , stand er am Fenster , in den winterlichen Tag hinausstarrend , und während die Kranke aus ihren Phantasien aufschrie , schränkte er die Hände zusammen ; er wußte selber nicht , war es aus Andacht oder war es nur , um in der ungeheueren Angst sich selbst nicht zu verlieren . » Wasser ! Das Wasser ! « wimmerte die Kranke . » Halt mich ! « schrie sie ; » halt mich , Hauke ! « Dann sank die Stimme es klang , als ob sie weine : » In See , ins Haff hinaus ? O lieber Gott , ich seh ihn nimmer wieder ! « Da wandte er sich und schob die Wärterin von ihrem Bette ; er fiel auf seine Knie , umfaßte sein Weib und riß sie an sich : » Elke ! Elke , so kenn mich doch , ich bin ja bei dir ! « Aber sie öffnete nur die fieberglühenden Augen weit und sah wie rettungslos verloren um sich . Er legte sie zurück auf ihre Kissen ; dann krampfte er die Hände ineinander . » Herr , mein Gott « , schrie er ; » nimm sie mir nicht ! Du weißt , ich kann sie nicht entbehren ! « Dann war ' s , als ob er sich besinne , und leiser setzte er hinzu : » Ich weiß ja wohl , du kannst nicht allezeit , wie du willst , auch du nicht ; du bist allweise ; du mußt nach deiner Weisheit tun – o Herr , sprich nur durch einen Hauch zu mir ! « Es war , als ob plötzlich eine Stille eingetreten sei ; er hörte nur ein leises Atmen ; als er sich zum Bette kehrte , lag sein Weib in ruhigem Schlaf , nur die Wärterin sah mit entsetzten Augen auf ihn . Er hörte die Tür gehen . » Wer war das ? « frug er . » Herr , die Magd Ann Grete ging hinaus ; sie hatte den Warmkorb hereingebracht . « – » Was sieht Sie mich denn so verfahren an , Frau Levke ? « » Ich ? Ich hab mich ob Eurem Gebet erschrocken ; damit betet Ihr keinen vom Tode los ! « Hauke sah sie mit seinen durchdringenden Augen an : » Besucht Sie denn auch , wie unsere Ann Grete , die Konventikel bei dem holländischen Flickschneider Jantje ? « » Ja , Herr ; wir haben beide den lebendigen Glauben ! « Hauke antwortete ihr nicht . Das damals stark im Schwange gehende separatistische Konventikelwesen hatte auch unter den Friesen seine Blüten getrieben ; heruntergekommene Handwerker oder wegen Trunkes abgesetzte Schulmeister spielten darin die Hauptrolle , und Dirnen , junge und alte Weiber , Faulenzer und einsame Menschen liefen eifrig in die heimlichen Versammlungen , in denen jeder den Priester spielen konnte . Aus des Deichgrafen Hause brachten Ann Grete und der in sie verliebte Dienstjunge ihre freien Abende dort zu . Freilich hatte Elke ihre Bedenken darüber gegen Hauke nicht zurückgehalten ; aber er hatte gemeint , in Glaubenssachen solle man keinem dreinreden : das schade niemandem , und besser dort doch als im Schnapskrug ! So war es dabei geblieben , und so hatte er auch jetzt geschwiegen . Aber freilich über ihn schwieg man nicht ; seine Gebetsworte liefen um von Haus zu Haus : er hatte Gottes Allmacht bestritten ; was war ein Gott denn ohne Allmacht ? Er war ein Gottesleugner ; die Sache mit dem Teufelspferde mochte auch am Ende richtig sein ! Hauke erfuhr nichts davon ; er hatte in diesen Tagen nur Ohren und Augen für sein Weib , selbst das Kind war für ihn nicht mehr auf der Welt . Der alte Arzt kam wieder , kam jeden Tag , mitunter zweimal , blieb dann eine ganze Nacht , schrieb wieder ein Rezept , und der Knecht Iven Johns ritt damit im Flug zur Apotheke . Dann aber wurde sein Gesicht freundlicher , er nickte dem Deichgrafen vertraulich zu : » Es geht ! Es geht ! Mit Gottes Hülfe ! « Und eines Tags – hatte nun seine Kunst die Krankheit besiegt , oder hatte auf Haukes Gebet der liebe Gott doch noch einen Ausweg finden können – , als der Doktor mit der Kranken allein war , sprach er zu ihr , und seine alten Augen lachten : » Frau , jetzt kann ich ' s getrost Euch sagen : heut hat der Doktor seinen Festtag ; es stand schlimm um Euch , aber nun gehöret Ihr wieder zu uns , zu den Lebendigen ! « Da brach es wie ein Strahlenmeer aus ihren dunklen Augen . » Hauke ! Hauke , wo bist du ? « rief sie , und als er auf den hellen Ruf ins Zimmer und an ihr Bett stürzte , schlug sie die Arme um seinen Nacken . » Hauke , mein Mann , gerettet ! Ich bleibe bei dir ! « Da zog der alte Doktor sein seiden Schnupftuch aus der Tasche , fuhr sich damit über Stirn und Wangen und ging kopfnickend aus dem Zimmer . – – Am dritten Abend nach diesem Tage sprach ein frommer Redner – es war ein vom Deichgrafen aus der Arbeit gejagter Pantoffelmacher – im Konventikel bei dem holländischen Schneider , da er seinen Zuhörern die Eigenschaften Gottes auseinandersetzte : » Wer aber Gottes Allmacht widerstreitet , wer da sagt : ich weiß , du kannst nicht , was du willst wir kennen den Unglückseligen ja alle ; er lastet gleich einem Stein auf der Gemeinde – , der ist von Gott gefallen und suchet den Feind Gottes , den Freund der Sünde , zu seinem Tröster ; denn nach irgendeinem Stabe muß die Hand des Menschen greifen . Ihr aber , hütet euch vor dem , der also betet ; sein Gebet ist Fluch ! « – – Auch das lief um von Haus zu Haus . Was läuft nicht um in einer kleinen Gemeinde ? Und auch zu Haukes Ohren kam es . Er sprach kein Wort darüber , nicht einmal zu seinem Weibe ; nur mitunter konnte er sie heftig umfassen und an sich ziehen : » Bleib mir treu , Elke ! Bleib mir treu ! « – Dann sahen ihre Augen voll Staunen zu ihm auf : » Dir treu ? Wem sollte ich denn anders treu sein ? « – Nach einer kurzen Weile aber hatte sie sein Wort verstanden . » Ja , Hauke , wir sind uns treu ; nicht nur , weil wir uns brauchen . « Und dann ging jedes seinen Arbeitsweg . Das wäre soweit gut gewesen ; aber es war doch trotz aller lebendigen Arbeit eine Einsamkeit um ihn , und in seinem Herzen nistete sich ein Trotz und abgeschlossenes Wesen gegen andere Menschen ein ; nur gegen sein Weib blieb er allezeit der gleiche , und an der Wiege seines Kindes lag er abends und morgens auf den Knien , als sei dort die Stätte seines ewigen Heils . Gegen Gesinde und Arbeiter aber wurde er strenger ; die Ungeschickten und Fahrlässigen , die er früher durch ruhigen Tadel zurechtgewiesen hatte , wurden jetzt durch hartes Anfahren aufgeschreckt , und Elke ging mitunter leise bessern . Als der Frühling nahte , begannen wieder die Deicharbeiten ; mit einem Kajedeich wurde zum Schutz der jetzt aufzubauenden neuen Schleuse die Lücke in der westlichen Deichlinie geschlossen , halbmondförmig nach innen und ebenso nach außen ; und gleich der Schleuse wuchs allmählich auch der Hauptdeich zu seiner immer rascher herzustellenden Höhe empor . Leichter wurde dem leitenden Deichgrafen seine Arbeit nicht , denn an Stelle des im Winter verstorbenen Jewe Manners war Ole Peters als Deichgevollmächtigter eingetreten . Hauke hatte nicht versuchen wollen , es zu hindern ; aber anstatt der ermutigenden Worte und der dazugehörigen zutunlichen Schläge auf seine linke Schulter , die er so oft von dem alten Paten seines Weibes einkassiert hatte , kamen ihm jetzt von dem Nachfolger ein heimliches Widerhalten und unnötige Einwände und waren mit unnötigen Gründen zu bekämpfen ; denn Ole gehörte zwar zu den Wichtigen , aber in Deichsachen nicht zu den Klugen ; auch war von früher her der » Schreiberknecht « ihm immer noch im Wege . Der glänzendste Himmel breitete sich wieder über Meer und Marsch , und der Koog wurde wieder bunt von starken Rindern , deren Gebrüll von Zeit zu Zeit die weite Stille unterbrach ; unablässig sangen in hoher Himmelsluft die Lerchen , aber man hörte es erst , wenn einmal auf eines Atemzuges Länge der Gesang verstummt war . Kein Unwetter störte die Arbeit , und die Schleuse stand schon mit ihrem ungestrichenen Balkengefüge , ohne daß auch nur in einer Nacht sie eines Schutzes von dem Interimsdeich bedurft hätte ; der Herrgott schien seine Gunst dem neuen Werke zuzuwenden . Auch Frau Elkes Augen lachten ihrem Manne zu , wenn er auf seinem Schimmel draußen von dem Deich nach Hause kam . » Bist doch ein braves Tier geworden ! « sagte sie dann und klopfte den blanken Hals des Pferdes . Hauke aber , wenn sie das Kind am Halse hatte , sprang herab und ließ das winzige Dinglein auf seinen Armen tanzen ; wenn dann der Schimmel seine braunen Augen auf das Kind gerichtet hielt , dann sprach er wohl : » Komm her ; sollst auch die Ehre haben ! « Und er setzte die kleine Wienke – denn so war sie getauft worden auf seinen Sattel und führte den Schimmel auf der Werft im Kreise herum . Auch der alte Eschenbaum hatte mitunter die Ehre ; er setzte das Kind auf einen schwanken Ast und ließ es schaukeln . Die Mutter stand mit lachenden Augen in der Haustür ; das Kind aber lachte nicht , seine Augen , zwischen denen ein feines Näschen stand , schauten ein wenig stumpf ins Weite , und die kleinen Hände griffen nicht nach dem Stöckchen , das der Vater ihr hinhielt . Hauke achtete nicht darauf , er wußte auch nichts von so kleinen Kindern ; nur Elke , wenn sie das helläugige Mädchen auf dem Arm ihrer Arbeitsfrau erblickte , die mit ihr zugleich das Wochenbett bestanden hatte , sagte mitunter schmerzlich : » Das Meine ist noch nicht so weit wie deines , Stina ! « Und die Frau , ihren dicken Jungen , den sie an der Hand hatte , mit derber Liebe schüttelnd , rief dann wohl : » Ja , Frau , die Kinder sind verschieden ; der da , der stahl mir schon die Äpfel aus der Kammer , bevor er übers zweite Jahr hinaus war ! « Und Elke strich dem dicken Buben sein Kraushaar aus den Augen und drückte dann heimlich ihr stilles Kind ans Herz . – – Als es in den Oktober hineinging , stand an der Westseite die neue Schleuse schon fest in dem von beiden Seiten schließenden Hauptdeich , der bis auf die Lücken bei dem Priele nun mit seinem sanften Profile ringsum nach den Wasserseiten abfiel und um fünfzehn Fuß die ordinäre Flut überragte . Von seiner Nordwestecke sah man an Jevershallig vorbei ungehindert in das Wattenmeer hinaus ; aber freilich auch die Winde faßten hier schärfer ; die Haare flogen , und wer hier ausschauen wollte , der mußte die Mütze fest auf dem Kopf haben . Zu Ende November , wo Sturm und Regen eingefallen waren , blieb nur noch hart am alten Deich die Schlucht zu schließen , auf deren Grunde an der Nordseite das Meerwasser durch den Priel in den neuen Koog hineinschoß . Zu beiden Seiten standen die Wände des Deiches ; der Abgrund zwischen ihnen mußte jetzt verschwinden . Ein trocken Sommerwetter hätte die Arbeit wohl erleichtert ; aber auch so mußte sie getan werden , denn ein aufbrechender Sturm konnte das ganze Werk gefährden . Und Hauke setzte alles daran , um jetzt den Schluß herbeizuführen . Der Regen strömte , der Wind pfiff ; aber seine hagere Gestalt auf dem feurigen Schimmel tauchte bald hier , bald dort aus den schwarzen Menschenmassen empor , die oben wie unten an der Nordseite des Deiches neben der Schlucht beschäftigt waren . Jetzt sah man ihn unten bei den Sturzkarren , die schon weither die Kleierde aus dem Vorlande holen mußten und von denen eben ein gedrängter Haufen bei dem Priele anlangte und seine Last dort abzuwerfen suchte . Durch das Geklatsch des Regens und das Brausen des Windes klangen von Zeit zu Zeit die scharfen Befehlsworte des Deichgrafen , der heute hier allein gebieten wollte ; er rief die Karren nach den Nummern vor und wies die Drängenden zurück ; ein » Halt ! « scholl von seinem Munde , dann ruhte unten die Arbeit ; » Stroh ! ein Fuder Stroh hinab ! « rief er denen droben zu , und von einem der oben haltenden Fuder stürzte es auf den nassen Klei hinunter . Unten sprangen Männer dazwischen und zerrten es auseinander und schrien nach oben , sie nur nicht zu begraben . Und wieder kamen neue Karren , und Hauke war schon wieder oben und sah von seinem Schimmel in die Schlucht hinab und wie sie dort schaufelten und stürzten ; dann warf er seine Augen nach dem Haff hinaus . Es wehte scharf , und er sah , wie mehr und mehr der Wassersaum am Deich hinaufklimmte und wie die Wellen sich noch höher hoben ; er sah auch , wie die Leute trieften und kaum atmen konnten in der schweren Arbeit vor dem Winde , der ihnen die Luft am Munde abschnitt , und vor dem kalten Regen , der sie überströmte . » Ausgehalten , Leute ! Ausgehalten ! « schrie er zu ihnen hinab . » Nur einen Fuß noch höher ; dann ist ' s genug für diese Flut ! « Und durch alles Getöse des Wetters hörte man das Geräusch der Arbeiter : das Klatschen der hineingestürzten Kleimassen , das Rasseln der Karren und das Rauschen des von oben hinabgelassenen Strohes ging unaufhaltsam vorwärts ; dazwischen war mitunter das Winseln eines gelben Hundes laut geworden , der frierend und wie verloren zwischen Menschen und Fuhrwerken herumgestoßen wurde ; plötzlich aber scholl ein jammervoller Schrei des kleinen Tieres von unten aus der Schlucht herauf . Hauke blickte hinab ; er hatte es von oben hinunterschleudern sehen ; eine jähe Zornröte stieg ihm ins Gesicht . » Halt ! Haltet ein ! « schrie er zu den Karren hinunter ; denn der nasse Klei wurde unaufhaltsam aufgeschüttet . » Warum ? « schrie eine rauhe Stimme von unten herauf ; » doch um die elende Hundekreatur nicht ? « » Halt ! sag ich « , schrie Hauke wieder ; » bringt mir den Hund ! Bei unserm Werke soll kein Frevel sein ! « Aber es rührte sich keine Hand ; nur ein paar Spaten zähen Kleis flogen noch neben das schreiende Tier . Da gab er seinem Schimmel die Sporen , daß das Tier einen Schrei ausstieß , und stürmte den Deich hinab , und alles wich vor ihm zurück . » Den Hund ! « schrie er ; » ich will den Hund ! « Eine Hand schlug sanft auf seine Schulter , als wäre es die Hand des alten Jewe Manners ; doch als er umsah , war es nur ein Freund des Alten . » Nehmt Euch in acht , Deichgraf ! « raunte der ihm zu , » Ihr habt nicht Freunde unter diesen Leuten ; laßt es mit dem Hunde gehen ! « Der Wind pfiff , der Regen klatschte ; die Leute hatten die Spaten in den Grund gesteckt , einige sie fortgeworfen . Hauke neigte sich zu dem Alten . » Wollt Ihr meinen Schimmel halten , Harke Jens ? « frug er ; und als jener noch kaum den Zügel in der Hand hatte , war Hauke schon in die Kluft gesprungen und hielt das kleine winselnde Tier in seinem Arm ; und fast im selben Augenblicke saß er auch wieder hoch im Sattel und sprengte auf den Deich zurück . Seine Augen flogen über die Männer , die bei den Wagen standen . » Wer war es ? « rief er . » Wer hat die Kreatur hinabgeworfen ? « Einen Augenblick schwieg alles , denn aus dem hageren Gesicht des Deichgrafen sprühte der Zorn , und sie hatten abergläubische Furcht vor ihm . Da trat von einem Fuhrwerk ein stiernackiger Kerl vor ihn hin . » Ich tat es nicht , Deichgraf « , sagte er und biß von einer Rolle Kautabak ein Endchen ab , das er sich erst ruhig in den Mund schob ; » aber der es tat , hat recht getan ; soll Euer Deich sich halten , so muß was Lebiges hinein ! « – » Was Lebiges ? Aus welchem Katechismus hast du das gelernt ? « » Aus keinem , Herr ! « entgegnete der Kerl , und aus seiner Kehle stieß ein freches Lachen ; » das haben unsere Großväter schon gewußt , die sich mit Euch im Christentum wohl messen durften ! Ein Kind ist besser noch ; wenn das nicht da ist , tut ' s auch wohl ein Hund ! « » Schweig du mit deinen Heidenlehren « , schrie ihn Hauke an , » es stopfte besser , wenn man dich hineinwürfe . « » Oho ! « erscholl es ; aus einem Dutzend Kehlen war der Laut gekommen , und der Deichgraf gewahrte ringsum grimmige Gesichter und geballte Fäuste ; er sah wohl , daß das keine Freunde waren ; der Gedanke an seinen Deich überfiel ihn wie ein Schrecken : was sollte werden , wenn jetzt alle ihre Spaten hinwürfen ? – Und als er nun den Blick nach unten richtete , sah er wieder den Freund des alten Jewe Manners ; der ging dort zwischen den Arbeitern , sprach zu dem und jenem , lachte hier einem zu , klopfte dort mit freundlichem Gesicht einem auf die Schulter , und einer nach dem andern faßte wieder seinen Spaten ; noch einige Augenblicke , und die Arbeit war wieder in vollem Gange . – Was wollte er denn noch ? Der Priel mußte geschlossen werden , und den Hund barg er sicher genug in den Falten seines Mantels . Mit plötzlichem Entschluß wandte er seinen Schimmel gegen den nächsten Wagen . » Stroh an die Kante ! « rief er herrisch , und wie mechanisch gehorchte ihm der Fuhrknecht ; bald rauschte es hinab in die Tiefe , und von allen Seiten regte es sich aufs neue und mit allen Armen . Eine Stunde war noch so gearbeitet ; es war nach sechs Uhr , und schon brach tiefe Dämmerung herein ; der Regen hatte aufgehört , da rief Hauke die Aufseher an sein Pferd . » Morgen früh vier Uhr « , sagte er , » ist alles wieder auf dem Platz ; der Mond wird noch am Himmel sein ; da machen wir mit Gott den Schluß ! Und dann noch eines ! « rief er , als sie gehen wollten ; » kennt ihr den Hund ? « , und er nahm das zitternde Tier aus seinem Mantel . Sie verneinten das ; nur einer sagte : » Der hat sich taglang schon im Dorf herumgebettelt ; der gehört gar keinem ! « » Dann ist er mein ! « entgegnete der Deichgraf . » Vergesset nicht : morgen früh vier Uhr ! « und ritt davon . Als er heimkam , trat Ann Grete aus der Tür : sie hatte saubere Kleidung an , und es fuhr ihm durch den Kopf , sie gehe jetzt zum Konventikelschneider . » Halt die Schürze auf ! « rief er ihr zu , und da sie es unwillkürlich tat , warf er das kleibeschmutzte Hündlein ihr hinein . » Bring ihn der kleinen Wienke ; er soll ihr Spielkamerad werden ! Aber wasch und wärm ihn zuvor ; so tust du auch ein gottgefällig Werk , denn die Kreatur ist schier verklommen . « Und Ann Grete konnte nicht lassen , ihrem Wirt Gehorsam zu leisten , und kam deshalb heute nicht in den Konventikel . Und am andern Tage wurde der letzte Spatenstich am neuen Deich getan ; der Wind hatte sich gelegt ; in anmutigem Fluge schwebten Möwen und Avosetten über Land und Wasser hin und wider ; von Jevershallig tönte das tausendstimmige Geknorr der Rottgänse , die sich ' s noch heute an der Küste der Nordsee wohl sein ließen , und aus den weißen Morgennebeln , welche die weite Marsch bedeckten , stieg allmählich ein goldner Herbsttag und beleuchtete das neue Werk der Menschenhände . Nach einigen Wochen kamen mit dem Oberdeichgrafen die herrschaftlichen Kommissäre zur Besichtigung desselben ; ein großes Festmahl , das erste nach dem Leichenmahl des alten Tede Volkerts , wurde im deichgräflichen Hause gehalten ; alle Deichgevollmächtigten und die größten Interessenten waren dazu geladen . Nach Tische wurden sämtliche Wagen der Gäste und des Deichgrafen angespannt ; Frau Elke wurde von dem Oberdeichgrafen in die Karriole gehoben , vor der der braune Wallach mit seinen Hufen stampfte ; dann sprang er selber hintennach und nahm die Zügel in die Hand ; er wollte die gescheite Frau seines Deichgrafen selber fahren . So ging es munter von der Werfte und in den Weg hinaus , den Akt zum neuen Deich hinan und auf demselben um den jungen Koog herum . Es war inmittelst ein leichter Nordwestwind aufgekommen , und an der Nord- und Westseite des neuen Deiches wurde die Flut hinaufgetrieben ; aber es war unverkennbar , der sanfte Abfall bedingte einen sanfteren Anschlag ; aus dem Munde der herrschaftlichen Kommissäre strömte das Lob des Deichgrafen , daß die Bedenken