das Kreuz vorgetragen hatte . Er war in der Mitte des Haufens stehengeblieben und hielt das ihm anvertraute Zeichen noch immer hoch . Ein roter Bart deckte zum großen Teil das lehmfarbene Gesicht ; dennoch schien mir , ich sollte diese groben Züge kennen . Wahrhaftig , es war Trustan Grimm , der Verlobte meiner Hilde , der Tochter des Bogners in London . Ich freute mich , ihn als Mönch zu finden , und mutmaßte , daß ihn Hilde trotz ihrer Erniedrigung und dem Willen ihres Vaters verschmäht habe , wie es sich auch verhielt , ich aber erst in späteren Tagen mit Gewißheit erfuhr . Inzwischen hatte Herr Thomas die inneren Treppen erstiegen und gerade , da ich mich wieder vom Fenster zurückwandte , trat er in die Halle . Das Ziel aller Blicke , schritt er leise bis in die Mitte des Gemaches . Hier erhob er langsam den Blick auf die Versammlung und mit einer väterlichen Gebärde die segnende Rechte . Ein unmutiges Gemurmel lief durch die Reihen , aus dem das Scheltwort des Waffenmeisters hervorbrach : › Behalt ihn für dich , Pfaff , deinen schäbigen Segen ; wir begehren ihn nicht ! ‹ Herr Thomas bewegte sich schweigend gegen das offene Fenster und breitete , von den Normannen verschmäht , seine barmherzige Rechte über das Volk der Sachsen aus . Da stieg aus der Tiefe des Hofes ein lautes Getöne auf , gemischt aus Geschrei des Weinens und der Freude , so daß man den Jubel vom Jammern nicht unterscheiden und trennen konnte ; denn es war , seit die Sachsen ihre heimischen Könige verloren hatten , seit hundert Jahren das erste Mal , daß aus einem königlichen Fenster Gruß und Segen auf sie herabfloß . Die Normannen aber ballten die Fäuste oder legten sie an den Knauf ihrer Schwerter . Der Primas wandte sich , ohne jemandes zu achten , gegen die wohlbekannte Türe des Königs , gerade da ein Kämmerer von innen sie öffnete und Herr Heinrich in guter Morgenlaune in den Saal trat . Ehrerbietig stand Herr Thomas vor ihm und harrte seiner Anrede mit gesenktem Haupte und in unterwürfiger Haltung . Herr Heinrich betrachtete seinen Kanzler eine Weile aufmerksam und zweifelnd , nicht anders – haltet mir ' s zugute – als man einen langjährigen Liebling – Roß oder Bracken – beschaut , der durch Schur und Stutzen des Schweifes seine Gestalt verwunderlich geändert hat . Überraschung und Gelächter stunden auf seinem Gesicht ; doch gedachte er seiner königlichen Würde und Weisheit und entließ zuerst die Hofleute mit einer leutseligen Handbewegung . › Wir danken euch , Herrschaften ‹ , sagte er , › für eure Begrüßung , Dienstwilligkeit und Liebe . Freude und Fröhlichkeit des Wiedersehens versparen Wir auf Unsere festliche Tafel , zu der Wir euch alle einladen , wie es Unsrer Gnade und euerm Werte ziemt . Doch vorerst die Geschäfte mit Unserm Kanzler . Wollet inzwischen einen Gang in Unsre neuen Gärten tun . Vergeßt nicht einen Blick zu werfen auf den neuen Wasserspender im hinteren Hofe , den grimmigen ehernen Löwenkopf , den Uns der wallonische Meister in Unsrer Abwesenheit vollendet hat . Au revoir , seigneurs barons ! ‹ Nach diesen Worten des Königs leerte sich der Saal ; der letzte , der widerwillig hinausschritt , war Herr Rollo der Waffenmeister . Jetzt konnte sich mein Herr und König nicht länger halten . › Zum Henker , Thomas , wie siehst du aus ? ‹ sprach er neckend seinen Kanzler an , › kommst du aus der Mauser ? Die Federn sind dir ausgefallen und die Widderhörnchen deiner ritterlichen Schuhe hast du dir abgestoßen – ja , wie ich sehe , sogar die Schuhe selbst verloren ! . . . Ei , ei ! Was kann man nicht alles an einem Philosophen , wie du , erleben ! – Du bist doch keine schillernde Schlange , welche die Haut wechselt ? Zugegeben , daß etwas Abstinenz einen Bischof kleide , so tust du des Guten zuviel , du Großartiger , viel zuviel ! . . . Willst du dich wie ein Asket der Wüste abtöten ? So kann ich nicht wieder mit dir Mahlzeit halten , was meine Wonne war ; denn Wasser und Wurzeln taugen einem königlichen Magen nicht ! ‹ Herr Thomas hatte diesen lustigen Worten mit gesenkter Stirne zugehört , ohne eine Miene zu verziehen ; nun richtete er die Augen auf das Angesicht des Königs . Da sah mein Herr , wie strenges Fasten und grausame Kasteiung die Wangen des Bischofs verzehrt , die Form seines Schädels verschärft und seinen Jederzeit ernsten Blick fremdartig vertieft hatte . Es übermannte meinen Herrn ein Mitleid . › Thomas mein Liebling ‹ , begann er wieder , › wirf nun deine Maske weg ! Wir sind allein und unbelauscht . Ich glaub es , die Mummerei ist zu meinem Besten , aber Gott verdamme mich , wenn ich verstehe , wohin du damit zielst ! Was bedeutet diese Verwandlung ? Öffne deinen Mund , du Rätselhafter , Geheimnisvoller . ‹ › Deine Rede , mein Herr und König , trifft mich unerwartet ‹ antwortete der Kanzler . › Ich bin kein anderer als ich scheine und mich trage ! Dein Diener , den du kennst . ‹ › So bin denn ich behext ? ‹ rief Herr Heinrich . › Ist dies meine Hand ? – Bin ich der König ? – Bist du mein Kanzler ? – Haben wir Tag um Tag zusammen gesessen und dieses Land regiert ? . . – Nein , treiben wir keinen unzeitigen Scherz ! Es ist nicht Faschingsnacht , sondern heller , nüchterner Tag ! Welch ein unheimlicher Geist ist in dich gefahren ? Schütte dein Herz vor mir aus ... Du weißt , das meinige steht dir immer offen ! ‹ › Ich danke dir , o König , daß du dein Geschöpf ermutigst , frei mit dir zu reden ‹ , erwiderte der Primas . › So wag ich es dir zu bekennen , daß diese Hand zu schwach ist , um zugleich den Bischofsstab und dein Siegel zu führen . Unausbleiblich käme das eine der mir anvertrauten Kleinode oder das andere dabei zu Schaden und ich bin ein zu getreuer Knecht , um dir einen unbrauchbaren Kanzler oder der Kirche einen schlechten Bischof zu gönnen . Nimm , ich flehe dich darum an , o Herr , dies Zeichen deines mächtigen Willens , der mich zu seinem Werkzeuge erkor , dies Pfand deiner übergroßen , unverdienten Gnade , die mich lange Jahre beglückte , nimm es heute wieder von mir ! ‹ Und Herr Thomas griff in die Falten seines allzu weiten Gewandes , zog das Staatssiegel mit den drei Leoparden daraus hervor und reichte es dem Könige entgegen , um es in seine Hand zu legen . › Keineswegs ! ‹ rief Herr Heinrich und trat einen Schritt zurück , › so , Kanzler , haben wir nicht gewettet ! Nicht eine Stunde kann ich deinen Dienst entbehren . Nur du und deine Klugheit können das zustande bringen , worüber wir zusammen gedacht und gewacht haben . Ich könnte mit meiner starken Hand das zarte Gewebe deiner Finger zerstören ! Kein Sträuben ! Mein Kanzler bist und bleibst du ! ‹ › Du willst nicht mein Verderben ‹ , beschwor ihn Herr Thomas , › dafür bist du zu großmütig ! Siehe , ich fürchte mich , den Höhern zu erzürnen , dem du selbst mich anheimgegeben hast . Er ist ein eifersüchtiger Meister , der keinen zweiten neben sich duldet . ‹ Diese schwer zu deutende Rede verwirrte den König dergestalt , daß er das Siegel unwissentlich zurücknahm . Er runzelte argwöhnisch die Stirn und seine Stimme klang mißtönig , als er fragte : › Wem habe ich dich abgetreten ? Doch nicht dem Papste in Rom ? ‹ Der Primas verneinte mit dem Haupte . Ein überirdisches Licht umglänzte plötzlich seine Stirn . Er erhob den hagern Arm , daß der Ärmel der Kutte weit zurückfiel , und zeigte nach oben . Da erstaunte mein Herr und König und erschrak in den Tiefen seiner Seele . Das Staatssiegel entglitt seiner Hand und fiel klirrend auf den Marmorboden . Ich trat hinzu und bückte mich nach dem kostbaren Geräte , dessen Griff von purem Golde war . Als ich es prüfend besichtigte , siehe , war es zersprungen , und eine feine Spalte lief mitten durch den edeln Stein und das Wappen von Engelland ! Schweigend stellte ich es auf den Tisch mit den vier Drachenfüßen , der neben dem Sessel meines Königs stand . Als ich mich wieder nach den beiden wandte , hatte sich mein Herr gefaßt und sagte in gewaltsam scherzhafter Laune : › Sankt Jörg steh mir bei ! Du hast mir einen frommen Schreck eingejagt , Thomas ! Überraschungen und Kunststücklein ! . . . Setze dich zu mir , wie immer , und laß uns die trockenen Geschäfte vornehmen . ‹ Er warf sich in seinen Stuhl , und ich rückte einen anderen , etwas niedrigeren , aber ebenso reich verzierten für den Kanzler herbei , denselben , auf welchem er immer neben dem König gesessen . Aber Herr Thomas blieb in ehrfurchtsvoller Entfernung vor dem Könige stehen . › Erhabener Herr , gib mir Zeit und gedulde dich ‹ , sagte er . › Ein halbes Leben habe ich gebraucht , um die Verhältnisse und Rechte deines Reiches zu erforschen – wie könnte ich diejenigen der heiligen Kirche , in deren Dienst du mich gestellt hast und der ich lange fremd blieb , ja feindselig entgegenstand , von heute auf morgen erkannt haben ? Darum trage mich mit Geduld . ‹ › Zur Sache , Thomas , zur Sache ! ‹ drängte der König . › Dir ist wohl bewußt , warum ich dich zu meinem Primas gemacht habe ! Laß uns nun gemeinsam die geistliche Gerichtsbarkeit aufheben und vernichten . ‹ › Du sollst mich geneigt finden ‹ , antwortete der Bischof nachdenkend . › Sind doch in meinen Augen diese Rechte , über die hin und her gestritten wird , veränderliche Gestaltungen , wechselnde Formen , irdene Gefäße , tauglich oder untauglich , je nachdem sie den Wein der ewigen Gerechtigkeit rein bewahren oder vergiften . Ich will mich an den Meister selbst wenden mit der Frage , wie er es meine . ‹ › Bei wem willst du dich erkundigen , Thomas ? ‹ lachte der König , › bei der Heiligen Dreifaltigkeit ? ‹ › In den Evangelien ‹ , flüsterte Herr Thomas , › bei Ihm , an dem keine Ungerechtigkeit erfunden wurde . ‹ › So spricht kein Bischof ! ‹ rief Herr Heinrich in ehrlicher Entrüstung , › so redet nur ein böser Ketzer ! Das hochheilige Evangelienbuch gehört auf eine perlengestickte Altardecke und hat nichts zu tun mit dem Weltwesen und der Wirklichkeit der Dinge . Blicke mir ins Auge , Thomas ! Entweder willst du mein Feind werden , oder du hast mit unsinnigem Fasten die herrliche Klarheit deines Geistes getrübt . In Kürze : bringe mir die geistliche Gerichtsbarkeit um , Thomas ! Dafür , nur dafür habe ich dich auf meinen schönen Stuhl von Canterbury gesetzt . – Ich will nicht , indem ich die Frevel meiner Pfaffheit ungerochen lasse , die Blitze des göttlichen Gerichtes auf mich und mein Haus herablenken . Jüngst noch hat ein sächsischer Kleriker das Werk und den Ruhm meines Ahns , des Eroberers , auf der Kanzel rebellisch gelästert und ein normännischer sich an der Unschuld eines Kindes vergriffen . ‹ › Herr ‹ , versetzte der Primas , und seine eingefallene Wange flammte , › sei gewiß , daß ich die Sünden meiner Kleriker härter ahnde als kein weltliches Gericht tun würde ! . . . Abscheuliche Dinge ! . . . und das Abscheulichste ... ‹ hier hielt er inne und schloß dann mit sinkender , veränderter Stimme ... › Aufruhr und Empörung gegen deine Ahnen und dich – christliche Könige . – Hier erkenne ich den Willen Gottes . – Ob er mir aber die in meine Klöster geflüchteten Sachsen ihren Peinigern , deinen Baronen , auszuliefern gebietet , das frag ich mich und zweifle ! ‹ Jetzt erkannte Herr Heinrich deutlich , daß der Primas ihm die geistliche Gerichtsbarkeit nicht zurückgeben wolle und seinen heiligen Spott mit ihm trieb . › Ich bin ein Betrogener ! ‹ schrie er und sprang von seinem Sitze empor . In diesem Augenblicke begannen die im Burghofe harrenden Sachsen , vielleicht um ihre Besorgnis für den Primas zu beschwichtigen , eine neue Litanei . Sie sangen das siegesgewisse › Vexilla Dei prodeunt . ‹ Da stürzte der schon gereizte Herr Heinrich ans Fenster und blickte hinunter . › Thomas ‹ , gebot er , › heiße die Schächer schweigen , die du hinter deinen Fersen nachziehst . Das Geheul deiner verhungerten Meute ist mir widerlich . ‹ Herr Thomas regte sich nicht . › Mag auch ein Bischof den Armen und Mühseligen verbieten , dem Kreuze zu folgen ? ‹ fragte er demütig . Da geriet der König in bleiche Wut . › Du wiegelst mir die Sachsen auf , Rebell ! Verräter ! ‹ schrie er und tat einen Schritt gegen den Primas . Seine blauen Augen quollen aus den Höhlen und er griff mit den nervigen Händen in die Luft , als wolle er den ruhig vor ihm Stehenden erwürgen . Da öffnete sich eine Türe . Frau Ellenor stürzte herein und warf sich , in Tränen aufgelöst , dem Primas zu Füßen . › Ich bin die größte der Sünderinnen ! ‹ schluchzte sie , › und nicht wert , den Staub von deinen Sandalen wegzuküssen , du heiliger Mann ! ‹ Herr Thomas neigte sich zu ihr und beschwichtigte sie mit milden Worten . Dieses Schauspiel gab meinem Herrn die verlorene Fassung wieder . Er betrachtete sein zu den Füßen des Bischofs liegendes Weib eine geraume Weile . Dann zuckte er die Achseln , schlug eine Lache auf , wandte den Rücken und verließ die Halle . X X An jenem Tage verwundete ein Giftpfeil das Herz König Heinrichs . Erst war der Stich nur klein und mitunter schien es , als wolle er heilen . Aber in der Tiefe eiterte er fort und fraß immer schmerzhafter ins Fleisch , bis zuletzt von diesem einzigen Punkte aus Herrn Heinrichs ganzes Wesen untergraben und sein Königsleben zerstört wurde . Schnell zwar kam das Verderben nicht über ihn , denn meines Königs starke , freudige Natur leistete ihm Widerstand . Im Drange der Geschäfte , im Wetten und Wagen des Lebens verbiß und vergaß er wohl auch seinen Groll . Zu Nacht aber fuhr er , kaum eingeschlummert , aus unruhigen Träumen empor , sprang von seinem Lager und stellte , rastlos in der Kammer auf und nieder schreitend , den undankbaren Liebling , der ihn als nächtliche Scheingestalt heimgesucht und erschreckt hatte , zur Rede , bald beleidigt und drohend , bald aber auch liebreich mit kosenden Worten . Er hielt ihm alle Beispiele des Undankes vor , deren er sich aus biblischer und weltlicher Historie entsann , und überwies ihn , der seinige sei der größeste . Keines Menschen Mund schildert , was mein König litt . Anwesend und abwesend verfolgte ihn Herr Thomas gleicherweise . Stand der Primas leiblich als ein stiller Dulder vor dem Könige , so ergrimmte dieser über den erbarmungswürdigen Anblick ; hielt sich Herr Thomas abseits vom königlichen Angesichte im Frieden seiner bischöflichen Wohnung , so zürnte und klagte Herr Heinrich um so herzzerreißender , daß sein Vertrautester , früher die Seele seiner Ratschläge , der ihn kenne wie keiner , sein Herz verrate , sich von ihm entferne und sondere die Schärfe einer übermenschlichen Klugheit gegen ihn wendend . Und doch ließ es der Primas nicht fehlen an versöhnlichen Worten und unterwürfigem Entgegenkommen . Dann fuhr der König zu und faßte hastig die bedingungsweise gebotene Hand , welche der über dies triumphierende Zugreifen Erschrockene schon wieder erkältet zurückzog . Ebensogut hätte mein König eine Wolke umarmt , als seinen ehemaligen Kanzler , diesen schlanken , schmeidigen Aal festgehalten . Aber auch wenn der Primas über einen streitigen Punkt ein wahres und wirkliches Zugeständnis machen wollte , durfte es nicht gelingen . Entweder stieß er auf der Fahrt nach Windsor mit einem weltentfremdeten Einsiedler zusammen , der gerade jenes Tages aus seiner Höhle kriechen mußte , um den übertreuen Bischof zu beschwören , die Rechte Gottes und der Armen , seiner Kinder , nicht dem Fürsten der Welt preiszugeben . Oder es vertrat ihm , wenige Schritte vor der königlichen Schwelle ein verzückter Mönch , das Kreuz in der Faust , den Weg und trieb mit schwärmerischen Worten den Demütigen nach Canterbury zurück . Wollt Ihr die Wahrheit erfahren ? Eine vermittelnde Formel , welche die englische Königsmacht und die Rechte der barmherzigen Kirche zu gleichen Teilen geschont und gesichert hätte , wäre schon vorhanden und der Klugheit des Kanzlers erfindlich gewesen , wie ich meine . War doch der König nicht unmenschlich und Thomas kein erhitzter Eiferer ! Aber die Herzen der beiden Herren kannten sich nicht mehr , und wann sie den letzten Schritt zueinander tun wollten , trat das Gespenst ihrer gestorbenen Liebe als blasse Feindschaft zwischen sie . Dann sei nicht vergessen , daß Frau Ellenor jetzt als ein züchtiges Eheweib nicht mehr von meinem Herrn wich und ihm seit ihrer Bekehrung Tag und Nacht in den Ohren lag , den Heiligen Gottes nicht zu beleidigen , womit sie den König erboste und verhärtete . Gehetzt und gezischelt , Glut gelegt und ins Feuer geblasen wurde gleichfalls nach Hofgebrauch . Der normännische Adel insgesamt hatte seinen Haß und Abscheu geworfen auf den gottseligen Rebellen , der den entlaufenen Hörigen der eroberten Güter die unerstürmbare Zuflucht seiner Klöster öffnete . Täglich und stündlich wurde dem Herrn hinterbracht , wie der Bischof zunehme und groß werde im Volke der Sachsen und seine gleisnerischen Hände überall und allezeit hilfreich und segnend ausstrecke . Er unterwühle das Reich mit einem heimlich brütenden frommen Aufruhr der Seelen , gefährlicher als ein offener und körperlicher , weil er sich nicht mit Waffen niederwerfen lasse . Wurde dem König solcher Argwohn eingeraunt , so gab der Gereizte seinem liebsten Rüden einen Tritt und behandelte auch mich unwirsch , besonders wenn ich ihm eines jener subtilen Schreiben überreicht hatte , in welchen der Primas mir der ängstlichen Linken zurücknahm , was seine großmütige Rechte gegeben . Dann geschah es wohl , daß der Herr das trügliche Schriftstück fluchend in der Faust zerdrückte und zur Jagd blasen ließ , ob er seinen Unmut auf freier Heide verwinde . Aber es gelang ihm nicht . Wurde ihm der Edelhirsch zugetrieben und reichte ich ihm die Armbrust , so erblickte er statt des geängstigten Wildes seinen Verfolger , stöhnte qualvoll : › Hüte dich , Thomas Schlankhals ! ‹ und durchbohrte dem Tiere das Herz . Endlich entschloß sich Herr Heinrich , forderte den Primas vor ein Gericht seiner Barone , ließ ihn als Reichsverräter verurteilen und vertrieb ihn auf ewig aus seinen Landen Am selben Tage aber , da Herr Thomas wie ein Verbrecher über Meer entfliehen mußte , wich Frau Ellenor von ihrem Gemahl und verließ Schloß Windsor mit einem weit vernehmbaren Wehegeschrei . Jetzt begann das Ohr meines Herrn und Königs Tag und Nacht über Meer zu lauschen , was Herr Thomas drüben beginne . Zuerst verlautete , der Kapetinger habe ihn an der jenseitigen Küste mit Ehrfurcht empfangen und um seinen Segen gebeten Ihn versichernd , er , als ein christlicher Fürst , habe wahrlich sein Leben lang nie einen Mönch beleidigt , geschweige einen Bischof . Das war König Ludwig , den sie den Jüngling nannten , weil er als ein unbärtiger Knabe den Thron bestieg , und der Name blieb ihm , da er es nie zu einer herzhaften Männlichkeit gebracht hat ; wie denn auch Frau Ellenor , die er als seine Königin heimgeführt hatte , in der Gärung ihrer übermütigen Jugend sich bitterlich beklagte , man habe sie mit einem heiligen Mönche vermählte . Dieser Herr war ein geborner Freund der Geistlichkeit und beschwor den Vater der Christen mit Beilegung goldener Pfennige , die Sache des heiligen Primas an die Hand zu nehmen gegen Herrn Heinrich , welcher sein und seines Hauses Erbfeind war und den er mit den Waffen der Kirche wirksamer zu bekriegen hoffte , als mir seinen weltlichen . Seinerseits hielt der Heilige Vater die Waage in sorgsamer Hand , beflissen seine Gnade je und je in diejenige der Schalen zu legen , die durch das Gewicht hineingelegten Goldes herabgezogen werde . Diese päpstliche Weisheit gedieh meinem Könige in jener Zeit zum Nachteil , da ihn seine Kriege in Irland ein schweres Geld kosteten und ihm weniger als früher für den Vater der Christenheit übrigblieb . Dennoch zögerte der Heilige Vater , für Herrn Thomas ohne Rückhalt einzutreten . Er konnte kein rechtes Vertrauen zu ihm fassen und in seinem Geiste den verfolgten Bischof von dem ehemaligen Kanzler nicht sondern . Diesen hatte er wiederholt als einen durchtriebenen Staatsmann erfahren und es erschien ihm verdächtig , daß er jetzt von seiner Kunst keinen Gebrauch mache , sondern sich verfolgen lasse wie ein großer Apostel der ersten Kirche oder ein schwärmerischer Ketzer der jüngsten Zeit . Es wurde mir von glaubwürdigen Zeugen versichert , und wie ich Herrn Thomas kannte , hielt ich es für Wahrheit , er habe seine Sache heilig gehalten und seine Hände rein von jedem Verrat an seinem Herrn und Könige , den Papst nicht weiter in Anspruch genommen und vom Kapetinger nichts verlangt als eine Klosterzelle , wohin er sein Haupt berge . Dergestalt ging er denn , vom Heiligen Vater aufgeopfert , die Hoflager des Kapetingers vermeidend , am Wanderstabe des Elends von Kloster zu Kloster , und oft verloren sich seine Spuren . Während so seine Leiblichkeit in Frankreich abnahm und schwand , wuchs seine Macht und geistige Gegenwart in Engelland und stand über den trauernden Sachsen wie der Vollmond in der Nacht . Oder , wenn Ihr lieber wollt , Herr Thomas wohnte wie das Christkind im Stalle , niedrig und prächtig , in allen englischen Hütten und Herzen . Er herrschte dort als König und vertrieb die Furcht aus den Seelen . Diese meine Augen haben es gesehen , wie die Sachsen und mehr noch ihre Weiber jetzt , da Herr Heinrich den Primas gerichtet hatte , seiner Majestät Ehrfurcht und Kniebeugung verweigerten , sich abkehrend wo der vorüberritt . Noch ist mir ein Stücklein davon erinnerlich . Mein König lustwandelte eines Tages in seinen Gärten , wo sie sich gegen Wald und Fluß ins Freie verlieren , und ich ging nach meiner Gewohnheit von ferne in seinen Stapfen . Da kroch aus den blühenden Büschen ein blondes Sachsenkind hervor und geriet dem König zwischen die Füße . Der heute gutgelaunte Herr hob den Buben auf , liebkoste ihn und drückte ihm ein Silberstück in das Händchen . › Halte fest , mein Junge ! ‹ sagte er . Da sprang die Mutter , die sich in einer ersten Anwandlung von Ehrfurcht und Zittern hinter einen Baumstamm geduckt hatte , mit brennenden Augen hervor , entriß dem Kinde die Münze und warf sie entsetzt ins Dickicht , als wäre es einer der dreißig verfluchten Silberlinge . Ich eilte herbei , um die Freche , welche mit dem Kinde auf dem Arme davonrannte , zu ergreifen . Herr Heinrich aber sprach : › Hans , laß sie laufen ! ‹ und wandelte fürbaß mit verdorbener Laune , seufzend und nachdenklich . Tag und Nacht ging alles Träumen und Sinnen meines Königs darauf hin , wie er Herrn Thomas seiner Primaswürde , an der , wie er sich einredete , die Verehrung der Sachsen hing , rechtsgültig und für immer entkleide . Darüber habe ich ihn oft , die Faust auf die Stirne gedrückt , grübeln und brüten sehen . Eines Morgens trat er mit triumphierendem Angesicht aus seiner Kammer – er glaubte das Rätsel gelöst . Es war am Tage der Himmelfahrt unseres Herrn , daß Herr Heinrich vor die Versammlung seiner Barone trat und ihnen vorstellte , sein weit verästetes Reich bedürfe eines zweiten Hauptes und er würde sich , die Krone mit seinem Erstgebornen teilend , Last und Sorge erleichtern . Die Herren willigten in guten oder bösen Gedanken und Absichten ein , daß Prinz Heinrich neben seinem Vater gekrönt werde , und es krönte und salbte den Jüngling der normännische Bischof von York . Darauf folgte ein der Gelegenheit würdiges Festmahl und dabei begab es sich , wie ich hier vor einem Jahre Euern Brüdern , den Herren im Stift , vorgemacht und nach Wahrheit beteuert habe , daß mein Herr dem Jungkönige Heinz bei Tische diente und ihm eigenhändig die Speise vorlegte . › Heute bin ich einer schweren Bürde ledig geworden ! ‹ rief er und vergoß Tränen der Freude . Ist Euch die List der Sache klar , Herr ? Erkennet Ihr , welche Last mein König abzuwerfen wähnte ? Ihr schüttelt das Haupt ? Wohlan , hier habt Ihr den Schlüssel dazu . Das große Privilegium , der unvergleichliche Edelstein der bischöflichen Mütze von Canterbury war die Krönung der englischen Könige . Dadurch , daß sie ein anderer Bischof vollzog , wurde die Primaswürde vernichtet und Herr Thomas heruntergerückt . So rechnete mein König und ergriff das Mittel , den eiteln Heinz an seine Seite auf den Thron zu heben ; denn er meinte , sein Erstgeborner werde sich damit begnügen , das schimmernde Krönlein auf seinem Haupte im Spiegel zu betrachten und es auf Gewand und Pferdedecke sticken zu lassen . War der Plan nicht fein und staatsklug wie weiland die Ratschläge des jetzt der Schlauheit der Welt abgestorbenen Kanzlers ? Es war ein böses Fündlein , wie Herr Heinrich kein schlimmeres hätte tun können ! Wenige Wochen später zeigte es sich . Zwei Unheilskunden langten an dem gleichen Tage in Windsor an . Die eine erzählte , Jungkönig Heinrich sei , den wetterwendischen Herrn Gottfried mit sich ziehend , nach Paris geritten unter dem Vorwande eines Turniers , in Wahrheit aber , um die jenseits der Meeresenge gelegenen Länder des Normannenreiches unnötiger und schmählicherweise von dem Kapetinger zu Lehen zu nehmen . Die andere lautete , der verborgene Herr Thomas sei in einer französischen Stadt zu Pfingsten an den Tag getreten und habe unter dröhnendem Glockenschlage die brennenden Kerzen auf dem Hauptaltare des Doms mit dem Hauche seines Mundes gelöscht , den Bischof von York , der in die Rechte des Stuhles von Canterbury gegriffen , mit dem Banne schlagend . Wie der alte König , denn diesen unlieben Namen mußte mein Herr seit der Krönung seines Sohnes tragen , diese zwei Botschaften erhielt , gebärdete er sich wie ein wahnsinniger Mann . Er tobte , entgürtete sich vor seinen Knechten , warf sich stöhnend auf sein Lager , zerfetzte die seidenen Decken , riß mit den Zähnen die Wolle aus den Polstern und zerschlug sich die Brust mit verzweifelten Fäusten . › Löset mir den verruchten Vampir vom Herzen ! ‹ heulte er , den Schaum vor dem Munde und meinte Herrn Thomas , › er zernagt mir Leib und Seele ! ‹ « Herr Burkhard hörte diese Mär mit Unlust , denn er war ein reichstreuer Waiblinger und darum auch in den Händeln anderer Nationen ein königlich gesinnter Mann . Es konnte ihm nicht gefallen , einen großen und tapfern Fürsten in solcher Erniedrigung seiner selbst zu erblicken . Er machte seinem Mißbehagen mit einem Stiche gegen den gehärteten Armbruster Luft . » Die zwei Hiobsposten an demselben Tage ? . . . Hans , du träumst ! – Liegt doch ein volles Jahr dazwischen , wenn die Zahlen auf den Rändern meiner Chronik nicht lügen ! . . . « » Bleibt mir vom Leib mit nichtigen Zahlen ! « grollte der Armbruster . » Ein anderes ist es « , fügte er , seines unwirschen Wortes sich sogleich bewußt , mildernd hinzu , » ob einer noch im Tagewerke und in der Zeit steht , oder ob der Tod sein Lebensbuch geschlossen hat . Ist einmal das letzte Sandkorn verrollt , so tritt der Mensch aus der Reihe der Tage und Stunden hinaus und steht als ein fertiges und deutliches Wesen vor dem Gerichte Gottes und der Menschen . Beide haben recht und unrecht , Eure Chronik und mein Gedächtnis , jene mit ihren auf Pergament gezeichneten Buchstaben , ich mit den Zeichen , die in mein Herz gegraben sind . Aber haltet mich nicht auf ! Mich verlangt zu enden , lieber Herr . Denn ich erblicke ein blutiges , totes Haupt vor mir und den gegeißelten Rücken meines Königs . XI XI Am Abende des Tages , da mein Herr und König durch sein blindes Wüten sich selbst geschändet und vor seinen Knechten erniedrigt hatte , saß ich niedergeschlagen und einsam , voll Scham und Trauer um meinen Herrn , auf einem Mäuerchen bei den Stallungen . Da erhielte ich unversehens einen Schlag auf die Schulter und Herr Richard , der nach seinen Hengsten geschaut , schwang sich , leutselig , wie er mit den Knechten war , rittlings neben mich auf die Mauer . › Hans ‹ , sagte er ohne Umschweif , › deine Augen haben gesehen , wie sinnlos und unritterlich der Vater sich heute gebärdete ! Versänke dieser Tag in ewige Finsternis ! . . . Eine reißende Bestie ! . . . Jammer und Schande ! . . . ‹ Zwei kindliche Zornestränen rannen über seine Wangen . – › Gut noch , daß die Aufrührer , der Heinz und der Gottfried , solches Ding nicht geschaut haben ; sie würden den elenden Mann am französischen Hofe