setzen trotzdem anständigerweise voraus , daß da alles mit rechten Dingen zugegangen ist – oder nicht , Klementine ? Wie ? ! « – Die Baronin war bis dahin , selbst bei ihren schneidend und boshaft betonten Bemerkungen ihren Obliegenheiten als Herrin am Teetisch pünktlich nachgekommen – jetzt zog sie ihr Taschentuch hervor und drückte es mit zitternder Hand wiederholt an Mund und Stirne , als errege sie die anzügliche , derbe Ausdrucksweise ihres Schwiegervaters bis zur Ohnmacht , oder auch , als befürchte sie Blutspucken . Baron Schilling sah seinen Vater vorwurfsvoll bittend an und zog die Hand seiner Frau liebreich an sich . » Du darfst meiner Vergangenheit ebenso ruhig vertrauen , wie der Zukunft , die du an meiner Seite verleben wirst , « sagte er mild und freundlich , wie ein treuer , zartfühlender Bruder , der über die weiblichen Schwächen einer Schwester nachsichtsvoll hinwegsieht . » Du wirst dich auch allmählich in die Überzeugung einleben , daß mich mein Streben mit allen Schichten der menschlichen Gesellschaft in Berührung bringen muß . Darf irgendwo der Satz , der Zweck heiligt das Mittel , Anwendung finden , so ist es in der verklärenden Kunst . Ihre Motive sucht sie im Boudoir , wie in der Dachstube , und wenn mich ein Charakterkopf interessiert , so gehe ich ihm nach , und sollte es bis in die Höhle des Verbrechens sein ... Diese Duldung muß jede Künstlerfrau üben , und auch du wirst sie lernen . « » Nein , Arnold . Derartige sanguinische Hoffnungen lasse dir nur gleich vergehen , « erklärte sie mit einer Ruhe , die nach der eben an den Tag gelegten beängstigenden Nervosität förmlich verblüffte . » Ich bin streng wahrhaftig erzogen und verstehe nicht zu lügen ... Zu den Madonnenbildern bete ich , und in der Messe harre ich aus bis zum letzten Ton – als gute Katholikin muß ich das – , sonst aber ist mir alles , was Malerei , Musik und dergleichen heißt , in tiefster Seele zuwider . « Sie sprach mit gesenkten Augen völlig leidenschaftslos und eintönig und zupfte dabei mechanisch an der Spitzenecke ihres Taschentuchs . Aber ihre flache Brust dehnte sich wie befreit unter den verletzenden Worten ihres Bekenntnisses , das einer kaltblütigen Rache für die Malersünden des jungen Ehegemahls sehr ähnlich sah . » Du siehst , ich habe auch den Mut der Wahrhaftigkeit , Arnold , « fuhr sie in demselben Tone fort und hob die Lider . » Ich mache es nicht wie viele meines Geschlechts , die nicht einen Schritt weit gehen würden , um einen Raffael zu sehen , oder Beethovensche Musik zu hören , wenn sie nicht die Verachtung der Kunstnarren fürchteten – sie heucheln ; ich aber bekenne offen , daß Gemälde für meine angegriffenen Augen Farbenkleckse sind , und Zeichnungen mich langweilen , daß die Musik an meinen Nerven schmerzhaft reißt , daß ich eine ausgesprochene Abneigung hege gegen alles , was sich Künstler nennt – und deshalb darf es dich nicht wundern , bester Arnold , wenn ich wohl die Gemahlin des Baron Schilling , auf keinen Fall aber eine Malerfrau sein will und die gewünschte Duldung niemals üben werde . « » Das wird sich finden , « sagte Baron Schilling kurz ; er war bleich geworden , und seine Stirn furchte sich ; aber seine ruhig stolze Haltung bewies unwiderleglich , wer schließlich » der Herr « sein würde . Die junge Frau blickte vor sich nieder – diesmal augenscheinlich betroffen ; der rauh gebieterische Ton schien ihr erschreckend neu zu sein ; sie hatte vielleicht von ihrer » Wahrhaftigkeit « einen anderen Effekt erwartet . Während dieser Wechselreden hatte Felix Lucian schweigend zwischen Baron Schilling und Lucile gesessen . Neben der eigenen Angst und Sorge quoll tiefe Wehmut in seiner Seele auf – was war aus dem trauten Schillingshofe geworden ! – Ein vornehmer Adelssitz , aufs neue angestrahlt vom zurückgewonnenen alten Glanz . Aber früher war es bei leerer Kasse , in spärlicher Beleuchtung , doch hell und lustig im Säulenhause gewesen – Groll- und Schmollwinkel hatte es damals nicht gegeben , und das Nachtgetier böser Launen hatte sich nie breit machen dürfen – während jetzt , bei aller Lichtflut , Hochmut , Bigotterie und versteckte Bosheiten wie Eulen und Fledermäuse aus den Ecken schwirrten ... Und der neue Hausgeist , in Gestalt der halbgeknickten , nervösen Frau dort , rang um die absolute Herrschaft ; er legte die langen totenblassen Hände beschlagnehmend auf Menschenseelen , Schiff und Geschirr , und auf der eigensinnigen Stirn stand ihm lesbar geschrieben : » Es ist alles mein ! « ... Auch hier der despotische Frauenwille , der ihn selbst eben heimatlos gemacht hatte ! ... Wer sah es dem kalten Gesicht mit den beharrlich und nonnenhaft gesenkten Lidern an , daß diese Frau den jungen Gatten geradezu errungen hatte ? ... Vor Jahresfrist war der Freiherr mit seinem Sohne in Koblenz bei dem schwererkrankten Vetter gewesen . Nach der Zurückkunft hatte er Felix lachend ins Ohr geflüstert , daß man ihm insgeheim hinterbracht , die reiche Erbin sei » bis über die Ohren verliebt in seinen Jungen « – um seinetwillen würde sie ihr Vorhaben , nach Ableben ihres Vaters für immer in das Kloster zurückzukehren , freudig aufgeben ... Dann war Baron Steinbrück seinem Leiden erlegen ; die Tochter hatte dem Freiherrn den Todesfall angezeigt und seitdem eifrig mit ihm korrespondiert . Sie mußte gut zu schreiben verstanden haben , denn seit der Zeit war es ein glühender Wunsch des alten Herrn gewesen , seinen Sohn mit ihr zu vereinen und damit zugleich sein altes Geschlecht in den Besitz der verpfändeten Güter wieder einzusetzen . Der Schlaganfall , der ihn selbst an den Rand des Grabes gebracht hatte , war sein Helfershelfer bei der Verwirklichung des Planes geworden – Arnold , der mit inniger Zärtlichkeit an dem Vater hing , hatte am Krankenbett scheinbar ohne jedweden inneren Kampf in alles gewilligt , um den alten , schwerleidenden Mann beruhigt zu sehen . Und wie fand er sich nun in sein Geschick , das ihn so jung mit der kaum gesehenen » langen Koblenzer Cousine « für immer zusammengekettet hatte ? Liebte er sie ? – Felix fühlte ein Grauen durch seine Nerven schleichen bei dem Gedanken , daß der Freund mit den Idealgestalten hinter der Stirn , in seltsamer Geschmacksverirrung das Skelett dort voll Manneszärtlichkeit an sein Herz schließen könnte – unmöglich ! ... Und doch verriet nicht ein Zug seines interessanten Gesichts , daß er sich unglücklich fühle . Er hatte einen eisernen Willen ; schon als Knabe war es ihm nie in den Sinn gekommen , irgend jemand , auch seinen Vater nicht , für seine Entschlüsse mitverantwortlich zu machen – das mochte ihm auch jetzt seine unzerstörbare heitere Seelenruhe geben . Anders schien es um den alten Freiherrn zu stehen . Er verhielt sich offenbar in steter Kriegsbereitschaft zu der Schwiegertochter , die den lustigen , alten Haudegen in ihren Briefen gründlich zu täuschen gewußt hatte . In seinen Zügen malte sich augenblicklich ein Gemisch von Ingrimm , tiefer Reue und Jammer um den Sohn ; aber er schwieg ; mit schwerem Geschütz durfte er nicht kommen , wenn er nicht die bösesten Nervenzufälle am Teetisch heraufbeschwören wollte , und das Plänkeln hatte er satt ... Er schob , nachdem er hastig einige Bissen genossen , Tasse und Eierbecher fort , zog ein kleines Paket , das er beim Fortgehen in seinem Zimmer eiligst zu sich gesteckt hatte , aus der Tasche und legte es auf den Tisch . Sein Gesicht hellte sich auf ; er schien sichtlich froh , auf ein anderes Thema zu kommen . » Schau , in dem Papier da liegt die Erledigung deiner Angelegenheit , « sagte er zu Felix , indem er seine Brille aus dem Futteral nahm und sorgfältig an ihren Gläsern wischte . Dann setzte er sie auf und schlug das Papier auseinander – ein in Seidenpapier gewickelter flacher Gegenstand und ein viele Bogen starker , in engen Linien geschriebener Brief lagen darin . – » Also alles , was du mir drüben anvertraut hast , kurz zusammengefaßt , hat dich deine Mutter verstoßen , will dich selbst nach dem Tode nicht wiedersehen – dummer Schnickschnack ! – und dein Hundsfott von Onkel hat natürlich mit tausend Freuden seinen Segen dazu gegeben – Punktum ! « hob er an . » Du bist vogelfrei erklärt , die Majorin Lucian hat keinen Teil mehr an dir , und damit – ist auch mir der Riegel vom Munde genommen . « – Er stützte die Hände auf den Tisch , und sich weit vorbeugend , sah er über die Brillengläser hinweg mit seinen großen , feurigen Augen durchdringend in das Gesicht des jungen Mannes . – » Hab ' ich je deinen Vater gegen dich erwähnt ? « Felix schüttelte den Kopf ; er war totenbleich geworden – jähes Erschrecken und atemlose Erwartung machten ihn sprachlos . » Gut , mein Sohn – also nicht ! « sagte der alte Herr , indem er sich in den Armstuhl zurücksinken ließ . – » Durfte auch nicht , obgleich mir ' s manchmal in den Fingern gejuckt hat , dich einzupacken und heimlich übers Meer zu schicken , wo du von Gott und Rechts wegen hingehörtest ; denn die auf dem Klostergute haben dich gestohlen , gestohlen sage ich – der Sohn gehört zum Vater – damit basta ! « Er schlug mit den Knöcheln so hart auf den Tisch , daß die Platte dröhnte – seine Schwiegertochter las , erschrocken , mit bebenden Fingern verschiedene Pfeffer- und Salzlöffelchen zusammen , die klirrend umherflogen . » Aber ich hatte deiner Mutter mit Handschlag versprechen müssen , daß in meinem Hause vor deinen Ohren nie von deinem Vater gesprochen werden sollte , « fuhr der Freiherr fort . » Was wollte ich denn machen ? Ich mußte wohl , sonst hätte ich dich nie vor die Augen gekriegt ; und ohne mich wärst du da drüben in dem Unkenloch verbauert und versauert , und sie hätten sich aus dem jungen Lucianschen Blut schließlich doch noch einen Wolframschen Mistfinken zurechtgeknetet . Deinem Vater aber hätte ich nie nähere Mitteilung über dich machen können – « er verstummte in sichtlicher Bewegung , er hatte wohl selbst den furchtbaren inneren Aufruhr nicht vorhergesehen , den der Vatername in der Seele des jungen Mannes weckte . Felix war aufgesprungen , und auf den Sprechenden zustürzend , umklammerte er dessen Rechte und zog sie stürmisch gegen seine Brust . » Sie wissen von meinem Vater ? Lebt er ? Denkt er an mich ? « stammelte er in halberstickten Tönen . » Ruhig Blut , mein Junge , « ermahnte der alte Herr , aber seine Augen wurden feucht vor Rührung . » Tut mir leid , daß er dich nicht so sehen kann – das Herz im Leibe müßte ihm lachen – er hat seinen Jungen ebenso lieb , wie ich den meinen . « – Ein verstohlener , trüber Blick streifte den Sohn , wobei ein Seufzer seine Brust hob . » In der schönen Jugendzeit waren wir treue Kameraden und sind es bis auf den heutigen Tag verblieben , « setzte er nach einem augenblicklichen Verstummen hinzu . » Lucian war ein ebenso flotter Kerl , ein so lustiges Haus wie ich und im Schillingshofe besser daheim , als bei seinen Verwandten – wär ' freilich besser für den armen Teufel gewesen , er hätte das Säulenhaus nie gesehen , und den Eiszapfen , die schöne Therese Wolfram dazu ... Als er Deutschland verließ , da war er noch eine Nacht verstohlenerweise hier bei mir im Schillingshofe . Er war wie toll vor Sehnsucht nach dir und hatte die verrücktesten Pläne in seinem Kopfe ausgeheckt – entführen wollte er dich und Gott weiß was alles tun , um mit Gewalt zu seinem Rechte zu kommen ; aber er mußte einsehen , daß dem alten verwünschten Klosternest und dem Rechtsverdreher drin auf keine Weise beizukommen war . Und da ist er gegangen – über dem Meer drüben hat er sich eine neue Heimat gesucht und auch gefunden . Er hat sich wieder verheiratet mit einer sehr vornehmen Spanierin und ist glücklich mit ihr gewesen ... Solange sie lebte , waren seine Briefe ruhig – er hat die Frau lieb gehabt und schien mit seinem Schicksal ausgesöhnt – nun ist sie aber gestorben , und da muß ihn wohl die Sehnsucht nach seinem Jungen wieder gepackt haben . « Er hielt inne und schüttelte lächelnd den Kopf , indem er die Hand auf das Schreiben legte . » Närrischer Zufall ! Just gestern kam der Brief da in meine Hände ... Lucian kränkelt auch , wie ich armer Lazarus , und kann deshalb nicht reisen . Er bittet mich dringend , nunmehr mit dir über ihn und seine Lebensverhältnisse zu reden – na , was braucht ' s da der vielen Worte und Salbadereien – , du packst eben auf und gehst zu deinem Vater – jetzt ist Amerika deine Heimat ! « Felix war einigemal wie beflügelt im Zimmer auf und ab geschritten – Röte und Blässe , Jubel und Wehmut kämpften abwechselnd auf seinem schönen Gesicht – jetzt blieb er vor Lucile stehen . Sie sprang auf und warf sich mit leidenschaftlicher Heftigkeit an seine Brust . » Und wirst du mit mir gehen , Lucile ? « fragte er mit erschütterter Stimme . » Na , natürlich , du närrischer Felix ! « lachte sie . » Sofort , stehenden Fußes , wie ich da bin ! ... Himmel , eine Seereise ! ... Das wird ja noch viel toller und lustiger , als ich mir je hätte träumen lassen ! ... Nach Amerika gehen wir ? ... Doch jedenfalls nach dem brillanten Neuyork ? « » Nein , schönes Kind , direkt nach den Südstaaten , nach dem reichen Plantagenstaat Südkarolina ... Freund Lucian ist ein Baumwollenbaron geworden ; er hat von seinem Schwiegervater bedeutende Besitzungen ererbt . Diese Herren Pflanzer spielen dort eine Rolle , vor der sich unsere heutige Aristokratie verkriechen muß – sie sind in Wirklichkeit Feudalherren ... Lucians Schwiegervater ist ein Spanier aus Florida gewesen , und der Schilderung nach hat das Leben auf der Plantage einen stolzen Zuschnitt , wie kaum ein deutsches Fürstenhaus . « Mit einem ausdrucksvollen Lächeln winkte er Felix näher an sich heran . » Siehst du , mein Junge , das mütterliche Erbteil , das sie dir hundsföttischerweise entziehen , kannst du ruhig verschmerzen – dein Vater sammelt und legt seit Jahren für dich zurück ; und wenn er dir auch nicht die Plantage selbst hinterlassen kann – « er hielt inne , schlug das Seidenpapier auseinander und nahm eine Elfenbeinplatte heraus – » denn du hast eine Schwester , Felix ; es ist eine dreizehnjährige Tochter zweiter Ehe da – das ist sie ! « Mit diesen Worten hielt er dem freudig bestürzten jungen Mann ein Miniaturgemälde auf dem Elfenbein hin . Lucile kam geflogen und drängte Felix in atemloser Spannung und Neugier fast zur Seite ; auch Baron Schilling sprang auf und näherte sich ; nur die junge Frau blieb gleichmütig sitzen . Sie wiegte , die Augen tief gesenkt , mechanisch den Teelöffel auf der Fingerspitze , und wäre nicht eine leichte Röte innerer Bewegung über Wangen und Schläfen hingelaufen , so hätte man meinen können , sie habe keine Ahnung von dem , was um sie her vorgehe . » Ist sie nicht ein reizendes Kind , diese kleine Mercedes ? « fragte der alte Freiherr . » Das ist doch kein Kind ? « murrte Lucile und stieß leise fortschiebend nach der Hand , die das Bild hielt . » Ein dreizehnjähriges Mädchen soll sie sein und sieht einen doch an mit einem Hochmut , einer Ernsthaftigkeit wie ein stockgelehrter Professor ! ... Geh , Felix , ich bin eifersüchtig ! « schmollte sie . » Wirst du sie lieben ? « » Ja , Lucile , das werde ich , wenn ich auch fürchte , daß sie mir kein Herz entgegenbringt – sie hat viel Stolz und Herbigkeit in den Zügen – « » Nicht wahr ? – Und bucklig ist sie auch , darauf kannst du dich verlassen , Felix ! Wer eine hübsche Gestalt hat , der läßt nicht bloß seinen Kopf malen – das tut keine – da will ich gleich meinen kleinen Finger verwetten ! – Der Kopf da schwimmt ja wie abgehackt auf den Wolkenpartien – « » Nein – er taucht aus den Wolken in engelhafter Schönheit , « sagte Baron Schilling , ohne den Blick von der längst unmodern gewordenen , aber köstlichen Malerei zu verwenden . » Das kleine Bild ist ein Meisterstück . « » Ein alter Künstler , der bei Lucian lebt und von ihm hochgeschätzt wird , hat es gemalt , « bemerkte der Freiherr . » Ich sage auch , das ist ein Kopf , der ' s einem antut . Mir armem , altem Krüppel wurde gestern ganz warm und weh ums Herz bei den jungen Augen da ... Von ihrem Vater hat sie übrigens keinen Zug – « » Von Felix auch nicht , « warf Lucile tiefbefriedigt ein . » Die gelbe Haut und das lebhaft dicke , schwarze Haar – « » Mit seinen aufgestreuten blaufunkelnden Lichtern findet man nur unter den Tropen , « ergänzte Baron Schilling . » Für mich wäre das ein Studienkopf von unschätzbarem Werte . « » Kannst das Bild behalten , Arnold – hast auch teil dran , « sagte der alte Herr lebhaft – über seine Stirn lief es wie ein düsterer Schatten hin . – » Der gute Lucian , er glaubt , im Schillingshof sei noch alles beim alten – unsere Korrespondenz hat längere Zeit gestockt , die Krankheit seiner Frau war schuld – nun schreibt er mir , sehr post festum , du möchtest die Juristerei und den deutschen Edelmann an den Nagel hängen und zu ihm kommen ; er habe so allerlei sehnsüchtige Wünsche und Hintergedanken , ich solle dir , so gut wie Felix , seine Mercedes zeigen und – na , das übrige kannst du dir schon denken . « Eine Blutwelle schoß bis unter das krause Haar des jungen Mannes ; er legte die Elfenbeinplatte vorsichtig , aber so schnell auf das Seidenpapier zurück , als glühe sie ihm an den Fingerspitzen . Eine Hand hatte sich für einen Augenblick schwer auf seine Schulter gelegt – seine Frau glitt , mit einem Seitenblick das Bild streifend , hinter ihm weg , um ihre Handarbeit von dem kleinen Tische zu holen . 9. Sie blieb plötzlich wie angewurzelt stehen , und auch die anderen Anwesenden schwiegen aufhorchend . Draußen gellte wiederholt das Aufschreien eines Kindes , so jammernd , so schmerzvoll , daß sich selbst der Freiherr erschreckt erhob und , auf Felix gestützt , mühsam nach dem Fenster schwankte , das sein Sohn bereits geöffnet hatte . Das Gewitter schien sich mit dem gewaltigen Donnerschlag vorhin für eine Zeit erschöpft zu haben ; es fiel kein Regentropfen mehr , aber ein feuchter , schwüler Odem füllte die vor den Fenstern hinlaufende Säulenhalle , und der Himmel breitete sich sternlos , in drohender , tiefer Schwärze über die Stadt hin . Die Gaskandelaber vor dem Säulenhause beleuchteten voll das Parterre mit seinen springenden Wassern und seinen riesigen Blumenbuketten auf dem Rasenteppich ; kein blütenbeschwerter Zweig der Gebüsche bewegte sich , kein Menschenfuß beschritt den Kies ; aber draußen , jenseits des Eisengitters standen Leute , und über das Gemurmel von Männerstimmen hinweg hörte man das hier und da von einem Aufweinen unterbrochene Schelten einer Frau – das Kind schrie nicht mehr . Während die Herren und Lucile hinaushorchten , ging die Baronin an den Teetisch zurück und nahm ihren Platz wieder ein ... Der Freiherr hatte vorhin beim Aufstehen , ohne es zu wissen , das Seidenpapier mit seinem Inhalt von der Tischkante gestoßen – es war unbemerkt und lautlos auf den Teppich gefallen . Die Baronin ging hart daran vorüber ; sie sah es liegen , aber sie rührte keinen Finger , es aufzuheben – das war unter ihrer Würde . Nun hielt sie ihre Arbeit wieder zwischen den wächsernen Fingern ; im regelmäßigen Tempo wurde der weiße Faden aus- und eingezogen , und die Augen unter den langen , durchscheinenden Lidern hafteten unverwandt auf der Stickerei . Nur einmal irrten sie seitwärts auf den Teppich nieder – Minka schlüpfte , nach vorheriger Rekognoszierung , geräuschlos aus ihrem Versteck , raffte das Papier auf , drückte es zärtlich an ihre haarige Brust und verschwand wieder hinter dem Vorhang . Die junge Frau zuckte mit keiner Wimper , nicht ein Zug ihres Gesichtes veränderte sich – sie senkte nur den Kopf etwas tiefer und stickte still weiter ... Sie ahnte nicht , daß dort hinter dem Rücken der Herren ein Paar im grünlichen Feuer glitzernde Mädchenaugen durch den Spalt der Gardine lauschten – Lucile lachte zum Ersticken in sich hinein ; die Frau mit ihrem eifersüchtigen Haß gegen alle Malerei war zu amüsant , und nebenbei war es kein Unglück , wenn dem Mädchen aus dem Tropenlande das gelbe Gesicht ein wenig zerkratzt wurde ... Der Lärm draußen verstummte ; man sah , wie sich der Menschenhaufe zerteilte , wie die Leute allmählich auseinander gingen , und beruhigte sich in dem Gedanken , irgend ein kleiner Ausreißer sei von der verfolgenden Mutter erwischt worden und habe sich geweigert , mit heimzugehen . Baron Schilling schloß das Fenster , während die anderen an den Tisch zurückkehrten . Beim Niederlassen in den Armstuhl ließ der Freiherr seine Blicke suchend über den Tisch hinschweifen ; er schob ungestüm das umherstehende Geschirr zurück und nahm tastend und schüttelnd seine hingeworfene Serviette auf . » Zum Kuckuck , wo ist denn das Bild hingekommen ? « fragte er ärgerlich . » Haft du es weggelegt , Klementine ? « » Ich habe gestickt , « sagte sie mit ihrer leisen , hohen eintönigen Stimme , schnitt gelassen den Faden ab und legte die Schere vor sich auf den Tisch , ohne auch nur aufzusehen . Baron Schilling trat hinzu ; er hatte die Lampe genommen und beleuchtete ringsum den Teppich , und Felix , wie auch Lucile , die sich die Lippen fast wund biß , um nicht laut aufzulachen , halfen ihm suchen ... Da scholl ein mehrmaliges leises , aber intensives Knirschen und Knacken , als ob dürres Holz zerbrochen würde , von dem einen Fenster her – Baron Schilling stellte hastig die Lampe nieder und schlug die Gardinen auseinander ; mit einem Griff packte er die zappelnde und kläglich schreiende Minka , trug sie durch das Zimmer und warf sie zur Tür hinaus . » Wirft du mir nie den berechtigten Wunsch erfüllen , das boshafte Tier wegzugeben , Klementine ? « fragte er finster und grollend . » Es fügt uns und unseren Leuten durch seine Zerstörungswut fortgesetzt den bittersten Schaden zu . « Die junge Frau warf den Kopf zurück ; zwischen ihren blonden Brauen vertieften sich zwei böse Linien , und jetzt waren selbst die schmalen , geschlossenen Lippen graubleich wie das ganze Gesicht . Schweigend drückte sie auf die Tischglocke . » Die Kammerjungfer soll Minka in mein Schlafzimmer bringen und ihr dort das Abendbrot reichen ! « befahl sie dem eintretenden Diener und nahm ihre Arbeit wieder auf , als sei nichts vorgefallen . Der Freiherr stampfte ergrimmt mit dem Fuße auf , und wütend an seinem Schnurrbart zerrend , zerdrückte er sichtlich einen Fluch zwischen den Lippen , indes sein Sohn nach dem Fensterbogen zurückging und die Splitter der Elfenbeinplatte zusammenlas . » Es hat ein glücklicher Zufall dabei gewaltet , « sagte er froh zu Felix , der ihm gefolgt war ; » das Gesicht ist unversehrt . Nur ein Teil der Haarwellen ist weggebrochen , aber was schadet das ? Ich halte die Seele hier , den Aufblick der Augen , der mir zu denken geben wird , so lange ich künstlerisch schaffe ... Übrigens lassen sich die Splitter wieder aneinanderfügen – die Risse wird man freilich sehen , es hat an Wert verloren ; aber um so eher darf ich mir es nun aneignen – es ist mein , ich gebe es nicht wieder aus der Hand . « Er legte die einzelnen Stücke behutsam zwischen das weiche Papier und schob sie in die Brusttasche . Lucile machte ein bitterböses Gesicht . » Mein Gott , was für ein Wesens um den dreizehnjährigen Backfisch ! « grollte sie . » Das fängt gut an ! – Wenn die kleine Bucklige mit ihren schwarzen Zigeuneraugen schon im Bilde so schrecklich dominiert und regiert , wie mag ' s da erst in Wirklichkeit sein ! ... Paß auf , Felix , das gibt schon in der ersten Stunde Zank und Streit , denn ich lasse mich nicht unterdrücken , keinenfalls ! – Oh , sie mag ' s probieren ! « – Sie machte halb drollig , halb böse so allerliebst und graziös die Gebärde des Augenauskratzens , daß der Freiherr in ein begeistertes » Famos ! « ausbrach und Felix die beweglichen rosigen , kleinen Hände erfing und sie in trunkener Zärtlichkeit gegen seine Brust zog . » Ich werde ja bei dir sein , Lucile , « sagte er innig . » Und Freund Lucian wird dem reizenden Puck da so wenig widerstehen wie sein Sohn , « lachte der Freiherr und seine feurigen Augen verschlangen förmlich die geschmeidige Mädchengestalt in den Armen des jungen Mannes . » Und nun , wann wird marschiert , Felix ? « » Am liebsten sofort ! « » Gut – dann tapfer hinaus , gleich morgen mittag ! Die nötigen Papiere besorgen wir früh , « bestimmte der alte Herr . » Die Zofe , die noch jammernd im Hotel sitzt , geht selbstverständlich mit . « » Und willst du Deutschland wirklich auf diese Weise verlassen , Felix ? « fragte Baron Schilling ernst . » Ohne die Mutter deiner Braut zu – « » Um Gottes willen , lieber Baron , was fällt Ihnen ein ? « unterbrach ihn Lucile ganz entsetzt . » Sie kennen die Mama nicht ! Wenn wir uns in Wien blicken lassen , so sind wir verloren , geschiedene Leute für immer , sag ' ich Ihnen ! – Mama schlägt sofort Lärm – sie bringt die ganze Polizei auf die Beine und ist imstande , Felix hinter Schloß und Riegel setzen zu lassen ... Sie gibt ihre Einwilligung nie – lieber steckt sie mich ins Kloster – puh ! Gräßlich ! – Felix , ich bitte dich fußfällig , lasse dich nicht irre machen ! Gelt , wir gehen direkt aufs Schiff ? – « » Ohne Aufenthalt . « bestätigte er fest und entschlossen . » Magst du mich verurteilen , Arnold . Es tut mir weh , aber ich muß es ertragen – mein Glück lasse ich mir nicht entschlüpfen ... Ich werde von drüben aus alles aufbieten , um zu versöhnen und gut zu machen – darauf verlasse dich . « – Er wandte sich unmutig ab , denn der mißbilligende Ausdruck in den ernsten Augen des Freundes milderte sich nicht . » Du kannst mich freilich nicht verstehen , du – « er wollte sagen , » du liebst nicht « – aber er verschluckte die Worte mit einem Blick nach der jungen Frau , die sich eben ziemlich geräuschvoll erhob , indem sie ihren Stuhl zurückstieß . Sie hatte während der ganzen letzten Erörterungen sehr erstaunt und entrüstet ausgesehen . Nun ging sie nach einer Art Ruhebank , die , mit seidenen Kissen belegt , dicht an der Wand stand . Dort ließ sie sich nieder und lehnte den Kopf an das Schnitzwerk der Wandfläche . Dabei löste sich einer der lockergesteckten Flechten am Hinterkopf und fiel ihr über die Brust – selbst das verschönte sie nicht . Einem blühenden Gesicht hätte man dies herrlich üppige Blond zugestanden : hier aber sah es aus wie geborgt , als gehöre es nicht zu der Frau ... So saß sie mit im Schoße gefalteten Händen , einen Zug schweigender Verachtung um den Mund , und die Augen halb geschlossen – der verkörperte Protest gegen die Mitgehörigkeit in den Kreis der Verhandelnden . Der Freiherr streifte sie mit einem halb belustigenden , halb ärgerlichen Seitenblick . » Ich bitte mir ' s aus , daß du den Kindern das Leben nicht schwer machst , Arnold ! « rief er in seiner leichtlebigen , jovialen Weise . » Felix ist ein famoser Kerl – hat kein Froschblut in den Adern ! Ich hätt ' s um kein Haar anders gemacht in meiner Brausezeit ! Ein Schwachmatikus , der da fackelt und das Glück nicht beim Schopfe nimmt , wenn ' s ihn anlacht ! ... Geh , schelle , mein Sohn – Adam soll Champagner bringen – « » Adam , Papa ? Du hast ihn ja heute nachmittag fortgeschickt . « Der alte Herr fuhr mit weit geöffneten , erstaunten Augen herum , als höre er nicht recht – dann schlug er sich erinnernd vor die Stirne . » Verfluchte Geschichte ! Ich kann den Kerl nicht entbehren ! « polterte er erbost . » Ist er im Ernste fortgelaufen , der dumme Mensch ? « » Ja , Vater – infolge deines ausdrücklichen Befehles , « sagte Baron Schilling . » Du hast ihm heute allzu schlimm mitgespielt . « » Bah – soll ich den Mosje mit Handschuhen anfassen , wenn er schlechte Streiche macht und seinen alten Herrn verrät ? « » Ich habe Adam gesprochen , « sagte Felix mit warmer Fürbitte , » er war ganz außer sich vor Schmerz ... Ich