gelegenen Fenstern der Fluß vorbeirauschte . Ueber den breiten Wasserstreifen hinaus that sich eine der hübschesten Parkpartieen auf , und fern , hinter Lindenwipfeln , glänzte bläulich das Schieferdach der Villa . … Zwischen diesen Fenstern , an der sehr schmalen Spiegelwand stand der Schreibtisch ; wenn der Doktor die Augen vom Papier hob , dann sah er dort die Fahnenstange in den Himmel hineinragen – in den Himmel ! Käthe fühlte plötzlich ihre Wangen in heißer Scham brennen ; hier bot zärtliche Fürsorge Alles auf , dem Mann verstohlen das Süßeste , das Geliebteste nahe zu rücken , und dort drüben sann ihre treulose Schwester Tag und Nacht darauf , ihn aus seinem Himmel zu stoßen . Mit dem frivolen : „ Beglücke Du ihn doch ! “ hatte sie vorhin ihre Anrechte verächtlich ausgeboten . Ob die warmherzige , zartempfindende Frau , die da neben ihr stand , es wohl ahnte , oder vielleicht auch nur instinctmäßig fühlte , daß über kurz oder lang ein unabwendbares Leid , wie es ihn schwerer nicht treffen konnte , über ihren Liebling hereinbrechen werde ? Sie hatte Käthe nicht aufgenommen , wie eine kaum in die Heimath Zurückgekehrte , den Familienverhältnissen Entfremdete , sondern als Bruck ’ s jüngste Schwägerin , die nothwendig mit allen Beziehungen so vertraut sein müsse , daß sie sich gar nicht erst als Tante vorzustellen brauche – demnach mußte ihr Verkehr in der Villa Baumgarten kein intimer sein , und es war in diesem Moment , als wolle sie die Annahme bestätigen , denn sie zeigte nach der leeren Spiegelwand über dem Schreibtisch und sagte unbefangen : „ Ich bin noch nicht fertig mit der Einrichtung – da fehlt noch die Photographie der Braut und das Oelbild seiner Mutter , meiner lieben , verstorbenen Schwester . “ Sonst fehlte nichts mehr in dem unbeschreiblich anheimelnden Zimmer . Der Doktor , der heute mit dem Abendzug zurückkehren sollte , hatte keine Ahnung , daß er die Tante nicht mehr in der Stadt finden werde . Sie hatte ihm den Umzugstrubel ersparen wollen , und der Kommerzienrat war , wie sie dankbar sagte , so sehr zuvorkommend gewesen , ihr zu dem Zweck das Haus sofort zu übergeben . Während dieser Mittheilungen glitt die Frau Diakonus immer noch ordnend , aber so geräuschlosen , behutsamen Trittes umher , als säße der Doktor bereits dort am Schreibtisch über seinem neuen Werke , zu dessen ungestörter Vollendung er sich eben „ das Zimmer im Grünen “ vorbehalten hatte . Und dann schloß sie ein Wandschränkchen neben dem Büchergestell auf und nahm einen Teller mit Prophetenkuchen heraus . Mit einer anmutigen Geberde hielt sie dem jungen Mädchen das einfache Gebäck hin . „ Es ist ganz frisch – ich habe es heute , trotz aller Umzugsarbeit , gebacken . Der Doktor braucht immer dergleichen für kleine widerhaarige Patienten … Wein aber kann ich Ihnen nicht anbieten ; die wenigen Flaschen , auf die wir halten , habe ich in der Stadt gelassen ; sie gehören den Schwerkranken . “ Käthe dachte an die vielen Papiere in ihrem Geldschrank , die „ bienenfleißig arbeiten “ , um immer neue Geldströme aus der Welt herbeizuziehen , an den reichausgestatteten Weinkeller im Turm , an ihre übermüthige cigarrenrauchende Schwester zwischen den purpurfarbenen Polstern des Ruhebettes – welch ein ungeheurer Kontrast zu diesem einfachen Genügen und Entsagen ! Und wie wurde sie hier an ihr Dresdner Heim erinnert ! Das Herz ging ihr auf ; sie erzählte von ihrer Pflegemutter und der weisen , festen und doch so wohltuenden Art , wie sie wirke und Andere beeinflusse , wie sie die fleißigen Hände rege und von der Pflegetochter dasselbe verlange . „ Was aber sagt die Frau Präsidentin zu diesem Erziehungssystem ? “ fragte die Tante fein lächelnd , während ihr Blick in geheimem Wohlgefallen an der blühenden Jugendgestalt hing . „ Ich weiß es nicht , “ versetzte Käthe achselzuckend , mit mutwillig aufblitzenden Augen , „ aber ich glaube , meine Bewegungen sind ihr zu rasch , meine Stimme klingt ihr zu laut , ich bin ihr zu robust und nicht blaß genug . Gott mag wissen , wie viel Noth man mit mir hat ! – Ist dies das Portrait Ihrer Frau Schwester ? “ fragte sie plötzlich ablenkend und zeigte nach dem Oelbild einer hübschen Frau , das an der Wand lehnte . Die alte Dame bejahte die Frage . „ Es macht mir Angst , bis ich es wieder an seinem sicheren Platze sehe ; der Rahmen ist ein wenig hinfällig , “ sagte sie . „ Aber ich leide an Schwindel und darf mich nicht auf die Leiter wagen … Vor einigen Wochen habe ich das Dienstmädchen abgeschafft , “ – eine zarte Röthe stieg ihr in das Gesicht – „ und nun muß ich warten , bis die Aufwärterin kommt und mir die letzten Bilder und meine Bettgardinen aufhängt . “ Schon bei den ersten Worten dieser Auseinandersetzung war Käthe an den Schreibtisch getreten ; sie legte den Sonnenschirm auf die Platte desselben und steckte unbedenklich den kleinen Strauß von Weidenkätzchen und Leberblümchen in ein zierliches milchweißes Trinkglas , das neben dem Schreibzeuge stand . Dann zog sie mit einem kräftigen Rucke den Arbeitstisch tiefer in das Zimmer und stellte einen Rohrstuhl an die Wand . „ Darf ich ? “ fragte sie zutraulich und griff nach Hammer und Nägeln , die auf dem Fenstersimse bereit lagen . Dankbar lächelnd brachte die Tante das Bild herbei , und nach wenigen Augenblicken hing es an der Wand . Käthe bebte unwillkürlich zurück , als ihr die alte Dame nun auch Flora ’ s Photographie hinhielt . Sie sollte mit eigener Hand dem verrathenen Manne das Bild vor die Augen führen , das schon nicht mehr sein Eigentum war – binnen Kurzem wurde es zurückgefordert , so gut wie der Ring , den er noch am Finger trug . Welche peinvolle Lage ! Und jetzt ließ die Tante auch noch liebkosend die Hand über das Portrait hingleiten . „ Sie ist so wunderschön , “ sagte sie zärtlich . „ Ich kenne sie im Grunde wenig ; sie besucht mich sehr selten ; wie könnte ich alte Frau denn auch verlangen , daß sie sich bei mir langweilen soll , aber ich habe sie doch von Herzen lieb ; sie liebt ihn ja und wird ihn glücklich machen . “ Diese unbegreifliche Ahnungslosigkeit ! Dem jungen Mädchen war es , als brenne der Stuhl unter ihren Füßen – sie hatte zu kopflos gehandelt . Nach Allem , was sie eben noch drüben im Turme mit angehört , durfte sie hier nicht eintreten . Sie kam sich falsch und heuchlerisch vor , weil sie nicht der Frau sofort das Bild aus der Hand stieß und ihr die Schlange enthüllte , die nach ihrem Herzen zischte . Und doch durfte ihr kein Wort entschlüpfen . Sie schlug so heftig auf den Nagel , daß die Wand dröhnte , dann hing sie mit spitzen Fingern die Photographie hin und sprang vom Stuhle . Wie ein schöner , böser , triumphierender Dämon lächelte das verführerische Gesicht der Schwester auf den Schreibtisch nieder . Käthe griff nach ihrem Sonnenschirme , um schleunigst das Zimmer zu verlassen . Ueber die Schwelle schreitend , sah sie durch die nächste , weitoffene Thür direct auf das Bett der alten Dame – die Treppenleiter stand daneben . „ Das hätte ich fast vergessen , “ rief sie entschuldigend ; sie huschte hinüber , und den buntgeblümten Vorhang vom Bette nehmend , stieg sie die Leiter hinauf . Seitwärts in der dunklen Fensterecke stand sie so hoch oben , daß sie die herabhängenden Füßchen der Engelsgestalten in der Deckenverzierung berühren konnte . Mit fliegender Hast reihte sie die Ringe der Gardine auf das Eisengestell , während die Tante an dem mitten in ihrem Zimmer befindlichen Tische stand und ein Glas Wasser mit Himbeersaft „ für ihre gütige Gehülfin “ mischte . Da sah Käthe draußen am Fenster einen Mann rasch vorübergehen , einen Mann von strenger Haltung und auffallend stattlicher Gestalt . Sie erkannte ihn sofort und erschrak ; ehe sie sich aber klar wurde , ob sie bleiben oder schleunigst herabsteigen sollte , hatte er schon den Flur durchschritten und öffnete die Thür im Zimmer der Tante . Die alte Dame drehte sich um , und mit dem Ausrufe : „ Ach , Leo , da bist Du ja schon ! “ eilte sie auf ihn zu und schlang ihre Arme um seinen Hals . Vergessen war die Himbeerlimonade , vergessen „ die gütige Gehülfin “ , welche sie trinken sollte , und die sich nun in namenloser Verlegenheit halb und halb hinter dem Kattunvorhange zu verbergen suchte – jetzt mußte sie sich still verhalten , wenn sie nicht plump störend zwischen die Wiedersehensszene treten wollte . Sie sah , wie sich das schöne , bärtige Gesicht des Doktors liebevoll über die treue , mütterliche Pflegerin neigte , wie er sie fest an sich zog und ihre Hand von seiner Schulter nahm , um sie ehrerbietig zu küssen . Und nun überblickten seine Augen das Zimmer . Nun , Leo , was sagst Du , daß ich ohne Dein Vorwissen ausgeflogen bin ? “ fragte die alte Dame , den Blick auffangend . „ Ich sollte das eigentlich nicht billigen . Du hast Dir in den wenigen Tagen zu viel zugemutet , und wir wissen , daß Dir häusliche Unruhe und Ueberstürzung stets feindlich sind ; übrigens siehst Du wohl und frisch aus . “ „ Du aber nicht , Leo , “ unterbrach ihn die Tante bekümmert . „ Du hast nicht die kräftige Farbe wie sonst , und hier “ – sie strich leicht mit der Hand über seine Stirn – „ liegt etwas Fremdes , etwas wie ein finsterer , quälender Gedanke . Hast Du Verdruß gehabt auf Deiner Berufsreise ? “ „ Nein , Tante ! “ Das klang aufrichtig und beruhigend , aber auch kurz abbrechend – der Kommerzienrat hatte es ja gesagt , Bruck sprach nie über seinen Beruf und dessen Vorkommnisse . „ Wie mich dieses Zimmer anheimelt , trotz seiner verdunkelten Wände ! “ sagte er , und die Hände auf dem Rücken gekreuzt , wandelte er mit musterndem Blicke langsam nur den Tisch . „ Der Friede der selbstlosen Frauenseele weht Einen an – das ist ’ s auch , weshalb ich so gern heimgehe in unser Stillleben mit den einfachen Möbeln und Deinem geräuschlosen Walten , Tante . Ich werde viel hier sein – “ Die alte Frau lachte . „ Ja , ja , bis zu einem gewissen Junitage , “ versetzte sie schelmisch . „ Zu Pfingsten wird Deine Hochzeit sein . “ „ Am zweiten Pfingsttage . “ Wie seltsam er das aussprach , so kalt und fest , so unerbittlich – der ließ sich nicht eine Sekunde von der festgesetzten Stunde abdingen . Käthe fühlte etwas , wie einen Angstschauer . Sie hielt den Athem zurück ; nun durfte sie sich gar nicht sehen lassen . Von Minute zu Minute hoffte sie , daß der Doktor in sein Zimmer gehen werde , dann konnte sie leicht ihren hohen Standpunkt verlassen und hinausschlüpfen , ohne ihm begegnen zu müssen . Ihre ganze Natur empörte sich gegen dieses unfreiwillige Lauschen . Aber statt zu gehen , blieb er plötzlich am Tische stehen und nahm einen Brief zur Hand , der zwischen verschiedenen , noch nicht geordneten Bücherstößen lag . Die Tante machte eine unwillkürliche Bewegung , als wolle sie ihn verhindern , zu lesen ; ihr zartes Gesicht war sehr rot geworden . „ Ach Gott , wie vergeßlich wird doch so ein alter Kopf ! “ klagte sie . „ Der Brief wurde vor einigen Stunden aus der Stadt mitgebracht . Er ist vom Kaufmanne Lenz ; heute sollte er gar nicht in Deine Hände kommen , und nun habe ich ihn doch liegen lassen . Ich glaube , er enthält das Honorar – zu so ungewöhnlicher Zeit , Leo – ich fürchte – “ Der Doktor hatte das Kouvert bereits erbrochen und überflog die Zeilen . „ Ja , auch er lohnt mich ab , “ sagte er ruhig und warf den Brief und etwas Papiergeld auf den Tisch . „ Grämst Du Dich darüber , Tante ? “ „ Ich ? Nicht einen Augenblick , Leo , wenn ich weiß , daß Du Dir die Undankbarkeit dieser urtheilslosen Menschen nicht zu Herzen nimmst . … Ich glaube unerschütterlich an Dich und Deine Kunst und – an Deinen Stern , “ sagte die sanfte Frauenstimme warm und überzeugungsfroh . „ Die Steine , die Mißgeschick und Uebelwollen Dir zeitweilig unter die Füße werfen , beirren mich nicht – Du machst Deinen Weg . “ Sie zeigte in die offene Thür des Eckzimmers . „ Sieh ’ Dir Dein Stübchen an ! Wie ungestört und unbehelligt wirst Du hier denken und arbeiten können ! Ach , und wie freue ich mich der Zeit , die wir noch traulich zusammenleben werden , wo ich noch für Dich sorgen darf – “ „ Ja , Tante – aber die Einschränkungen , die Du in Folge des mißlichen Umschwungs meiner Verhältnisse während der letzten Monate allmählich eingeführt hast , müssen aufhören . Ich leide nicht mehr , daß Du stundenlang auf dem kalten Steinfußboden der Küche stehst . Wenn möglich , rufst Du noch heute unsere alte Köchin zurück . Du kannst das unbesorgt . “ Er griff in die Brusttasche , nahm eine schwere Börse heraus – sie strotzte von Goldstücken – und schüttete ihren Inhalt auf den Tisch . Die alte Frau schlug stumm und in freudiger Ueberraschung die Hände zusammen über das rollende Gold auf ihrer einfachen Tischdecke . „ Es ist ein einziges Honorar , Tante , “ sagte er mit hörbarer Genugtuung . „ Die schwere Zeit ist vorüber . “ Bei diesen Worten wandte er sich ab und trat auf die Schwelle des Eckzimmers . Man sah , die Tante hatte Manches auf dem Herzen , aber sie fragte mit keiner Silbe , welcher Kur und welchem Patienten er diese große Geldsumme verdanke . Käthe benutzte den günstigen Moment , um die Leiter hinabzugleiten . Wie schlug ihr das Herz , wie brannten ihre Wangen vor Beschämung darüber , daß sie diese intimen Erörterungen mit angehört hatte ! Dort die Thür führte direct in den Flur . Da hinaus konnte sie unbemerkt entkommen ; selbst die Tante Diakonus sollte glauben , sie habe längst das Schlafzimmer verlassen und kein Wort von Allem gehört , was gesprochen worden . Verstohlen flog ihr Blick hinüber in das Eckzimmer , wo die Beiden eben an den Schreibtisch traten . In diesem Augenblicke hörte sie den Doktor sagen : „ Sieh da , die ersten Frühlingsblumen ! Hast Du gewußt , daß ich die hübschen blauen Blümchen so gern habe ? “ Ein Ausruf des Staunens unterbrach ihn . „ Ich nicht , Leo – Käthchen , Deine junge Schwägerin , hat die Blumen in das Glas gestellt . … Nein , bin ich zerstreut und vergeßlich ! “ Die alte Dame eilte herüber , aber schon drückte Käthe draußen die Thür hinter sich zu und schlüpfte durch den Flur ins Freie . Nun ging sie langsam und beruhigt unter den Fenstern hin . Durch die nächsten schimmerten schwach die bunten Bouquets der schief und unvollendet herabhängenden Bettgardine ; dann kam sie zu den zwei Fenstern mit den hübschen Filetvorhängen im Zimmer der Tante . Ein Fensterflügel stand offen , und der Hyacinthen- und Narcissenduft wehte heraus . Plötzlich schob eine schöne kräftige Männerhand ein weißes Glas mit blauen Blumen auf den Sims , zwischen die Töpfe ; es war ihr kleiner Frühlingsstrauß , den der Doktor von seinem Schreibtische entfernte und hierher brachte . Sie fuhr heftig zusammen . Flüchtig und unbedacht , wie sie war , hatte sie sich in ein sonderbares Licht gestellt . Daß sie die Blumen auf seinen Tisch gesetzt , mußte er offenbar für die Tactlosigkeit , die Zudringlichkeit eines unbesonnenen jungen Mädchens halten . Sofort blieb sie stehen , und den feuchten Glanz unterdrückter Zornesthränen in den Augen , streckte sie die Hand zum Fenster empor – diese Bewegung machte den Doktor aufsehen . „ Wollen Sie die Freundlichkeit haben , mir die Blumen herauszugeben , Herr Doktor ? Sie gehören mir ; ich hatte sie für einen Moment aus der Hand gelegt und dann vergessen , “ sagte sie , mühsam ihre Aufregung unter angenommener Ruhe verbergend . Im ersten Moment schien es , als erschrecke er leicht beim Klange der Stimme , die ihn so unerwartet ansprach , es war ihm doch wohl unlieb , daß Käthe ihn beobachtet hatte , aber er unterdrückte augenblicklich die unangenehme Empfindung und sagte freundlich : „ Ich werde Ihnen die Blumen bringen . “ Diese tiefe gelassene Stimme entwaffnete sie sofort – er hatte ihr nicht wehe tun wollen . Gleich darauf kam er die Stufen herab . Mit dem prächtig niederwallenden Bart , der breiten Brust und den gemessen edlen Bewegungen war und blieb er eine Gestalt , die man sich eigentlich nur in Uniform denken mochte , und wenn auch nur im grünen Waidmannsrocke . Er reichte dem jungen Mädchen das Glas mit einer höflichen Verbeugung . Sie nahm die Blumen heraus . „ Es sind die ersten , kleine , vorwitzige Dinger , die nicht schnell genug in die scharfe Aprilluft herauskommen können , “ sagte sie lächelnd . „ Man muß sich vielmal bücken und sie mühsam zusammensuchen , freut sich dann aber auch mehr daran , als an einem ganzen Treibhaus voll Blumen . “ – Nun erst war sie beruhigt ; nun glaubte er ganz gewiß nicht mehr , daß sie auf die neue Verwandtschaft hin seinen Schreibtisch plump vertraulich attaquiert habe . Jetzt erschien auch die Tante am offenen Fenster . Sie entschuldigte sich und bat das junge Mädchen in warmen Worten , recht oft zu kommen . „ Fräulein Käthe geht ja schon in wenigen Wochen nach Dresden zurück , “ antwortete der Doktor fast hastig an Käthe ’ s Stelle . Sie stutzte . Hatte er Furcht , sie werde bei ihren Besuchen mit der ahnungslosen alten Frau über sein seltsames Verlobungsverhältniß sprechen ? Diese Annahme verdroß sie , aber er that ihr so leid um seiner inneren Leiden willen , die er so streng in seiner Brust verschloß . Und sie konnte ihn nicht einmal beruhigen . „ Ich werde länger bleiben , Herr Doktor , “ versetzte sie ernst . „ Ja , es ist leicht möglich , daß sich mein Aufenthalt in Moritzens Hause über viele Monate ausdehnt . Als Henriettens Arzt werden Sie ja am besten beurtheilen können , wann ich meine kranke Schwester ohne Sorge verlassen und zu meinen Pflegeeltern zurückkehren kann . “ „ Sie wollen Henriette pflegen ? “ „ Wie es sich von selbst versteht , “ ergänzte sie . „ Schlimm genug , daß ihre Pflege bis heute ausschließlich in fremden Händen gewesen ist . Die Arme verbringt ihre Nächte lieber hülflos , als daß sie sich entschließt , Beistand herbeizurufen , weil die sauren , mürrischen Mienen der verschlafenen Gesichter sie beleidigen , weil sie zu stolz und vielleicht auch zu krankhaft reizbar ist , um sich ihre Abhängigkeit von Untergebenen so fühlbar machen zu lassen . Das darf nicht mehr vorkommen – ich bleibe bei ihr . “ „ Sie denken sich die Aufgabe jedenfalls viel zu leicht – Henriette ist sehr krank ; “ er strich sich mit der Hand so langsam über die Stirn , daß die Augen für einen Moment nicht sichtbar waren ; „ es werden schwere , bange Stunden zu überwinden sein . “ „ Ich weiß es , “ sagte sie leise und tiefe Blässe deckte sekundenlang ihr Gesicht . „ Aber ich habe Mut – “ „ Daran zweifle ich nicht , “ unterbrach er sie , „ ich glaube ebenso an Ihre Geduld wie an Ihre ausdauernde Barmherzigkeit , aber es läßt sich nicht ermessen , bis zu welchem Zeitpunkt die Kranke – keine Pflege mehr brauchen wird . Deshalb darf ich nicht zugeben , daß Sie die Sache so energisch in die Hand nehmen . Sie können es physisch nicht durchsetzen . “ „ Ich ? “ Sie hob und streckte unwillkürlich ihre Arme und sah stolzlächelnd auf sie nieder . „ Kommt Ihnen Ihre Befürchtung nicht selbst unmotiviert vor , wenn Sie mich ansehen , Herr Doktor ? “ fragte sie mit einem heiteren Aufblick . „ Ich bin von derbem Schrot und Korn ; ich bin nach meiner Großmutter Sommer geartet ; die war ein Bauernkind , oder vielmehr ein Holzhackerstöchterlein , ist barfuß gelaufen und hat die Axt im Walde besser geschwungen als ihre Brüder – ich weiß es von Suse . “ Er sah von ihr fort zum offenen Fenster hinüber ; da stand die alte Frau Diakonus selbstvergessen hinter ihren Hyacinthen und Narcissen , und ihr Blick hing wie verzaubert an dem Mädchen . – Sein Gesicht verfinsterte sich auffallend . „ Es handelt sich weniger um die Stahlkraft der Muskeln , “ sagte er ausweichend . „ Ein solches Pflegeramt mit seinen Aufregungen und Aengsten richtet sich feindlich gegen das Nervenleben – übrigens , “ unterbrach er sich , „ steht es mir ja gar nicht zu , bestimmend auf Ihre Entschlüsse einzuwirken . Das ist Sache Ihres Vormundes . Moritz soll entscheiden ; er wird voraussichtlich darauf bestehen , daß Sie zur festgesetzten Zeit in das Haus Ihrer Pflegeeltern zurückkehren . “ Der Doktor sprach die letzten Worte , ganz gegen seine gewohnte Milde und Gelassenheit , ziemlich schroff . Die Tante zog sich unwillkürlich tiefer in das Zimmer zurück ; Käthe dagegen blieb ruhig stehen „ Aber warum denn so unbeugsam , Herr Doktor ? Warum wünschen Sie denn , daß Moritz gar so hart mit mir verfährt ? “ fragte sie mädchenhaft sanft . „ Will ich denn Böses ? Und sollte Moritz wirklich die Befugniß zustehen , mich von der Erfüllung meiner schwesterlichen Pflicht abzuhalten ? Ich glaube es nicht . … Nun weiß ich aber einen Ausweg : Veranlassen Sie Henriette , mich nach Dresden zu begleiten ! Dort theile ich mit meiner Doktorin die Pflege der Patientin ; das wird doch meinen Nerven nicht schaden ? “ Sie lächelte ganz leise . „ Gut – ich werde einen Versuch machen , “ sagte er sehr bestimmt . „ Dann gebe ich Ihnen mein Wort , daß ich so bald wie möglich auf- und davonfliegen werde , “ versetzte sie ebenso fest mit einem sprechenden Blick , vor dem er , wie auf einem Unrecht ertappt , die Augen niederschlug . Die Tante bog sich plötzlich aus dem Fenster und sah dem Doktor erstaunt und beweglich in das Gesicht – er war ja merkwürdig schweigsam . Da stand er nun und löste einige verdorrte Weinranken vom Spalier , die der Zugwind hin- und herschaukelte , und sagte keine Silbe mehr . „ Gehen Sie denn so gern ? “ fragte die alte Frau sichtlich verlegen mit liebreichem Vorwurfe . Käthe zog eben den in den Nacken gesunkenen Schleier wieder über den Kopf und knüpfte ihn fest unter dem Kinn . Wie eine Pfirsichblüthe leuchtete ihr Gesicht aus dem dunkeln Gewebe . „ Soll ich aus Höflichkeit ‚ Nein ‘ sagen , Frau Diakonus ? “ fragte sie lächelnd zurück . Sie schüttelte den Kopf . „ Ich glaube , ich bin leidlich vernünftig für die Welt und ihre Dinge , wie sie nun einmal sind , erzogen , aber all ’ und jede Kaprice der Individualität fegt auch die strengste Zucht nicht aus den Seelenwinkeln . Ich stehe z. B. der Großmama meiner Schwestern heute genau so verwunderlich fremd gegenüber , wie damals , wo ich ihr auf Befehl meines Vaters die Hand küssen mußte ; ich stoße mich insgeheim konsequent an Ecken und Eckchen , die für Andere nicht da sind und welche mich schon als Kind gequält und beunruhigt haben . Und wie durchkältet ist mein Vaterhaus ! “ – sie schauerte – „ man steht mit seinen warmen Füßen auf zu viel Marmor . Dazu ist Moritz ein so entsetzlich vornehmer Mann geworden “ – zwei schelmische Grübchen zeigten sich auf ihren Wangen – „ man erschrickt und schämt sich ja förmlich , wenn Einem die eigene kahle Visitenkarte vor die Augen kommt … ja , meine liebe Frau Diakonus , ich kehre herzlich gern nach Dresden zurück , vorausgesetzt , daß Henriette mich begleitet ; außerdem “ – sie wandte sich , aus dem scherzenden Tone in einen sehr entschiedenen übergehend , wieder an den Doktor – „ außerdem werde ich mein Möglichstes tun , mich in die gegebenen Verhältnisse zu schicken und zu bleiben , selbst auf die Gefahr hin , daß Moritz mich zwangsweise nach Dresden zu befördern versucht . “ Sie grüßte herzlich zu der alten Dame hinüber , verbeugte sich leicht gegen den Doktor und verließ den Garten , um doch noch in die Schloßmühle zu gehen , obgleich bereits der Abend hereinbrach . 8. Und nun war es ganz dunkel geworden ; auf dem Turme der Spinnerei hatte es Sieben geschlagen , und Käthe saß noch in dem einen Bogenfenster der Schloßmühlenstube . Sie hatte zwar vorher auf Suse ’ s dringende Bitte hin den Wäscheschrank inspiciert ; die Alte traute der Müllerfrau nicht , die pflegend ab- und zuging , und behauptete , nach schöner , „ selbstgesponnener “ Wäsche mache „ Jede “ lange Finger , dann hatte sie , wie bisher jeden Tag , die Abendsuppe gekocht und die Kranke zu Bett gebracht , die , wenn auch bedeutend wohler , doch noch sehr unbehülflich und schwach war . … Nun aber saß das junge Mädchen doch schon lange Zeit , die Hände feiernd im Schooße gefaltet , still in der Fensterecke und ließ sich von den Schatten des Abends förmlich einspinnen . So gut wurde es ihr drüben im Hause des Kommerzienrates nicht ; da gab es kein Erholungsdämmerstündchen wie in Dresden . Sobald die Sonne erloschen , sanken unerbittlich die Rouleaux unter den Händen der Dienerschaft ; die Gasflammen schlugen auf , und eine blendende Lichtflut jagte den Schatten auch aus den fernsten Ecken . Der dumpfe Pendelschlag der alten Wanduhr klang wie ein tactmäßiges , unterirdisches Klopfen , und durch den dicken , grünen Vorhang der geschlossenen Alkoventhür glomm das Nachtlicht an Susens Bett wie ein verdüstertes Gnomenauge . Das war wieder einmal ein so athemlos stiller Augenblick im Dunkeln . Wie hatte sie als Kind in solchen Momenten gläubig auf das Huschen und Schlurfen weißbestäubter Heinzelmännchen gehorcht , wenn ihr Suse erzählte , daß im Grundsteine der Mühle abergläubischer und barbarischer Weise ein neugeborenes Kind eingeschlossen und der Mauermörtel von dem übermüthigen Erbauer mit kostbarem Wein gemischt worden sei ! Heute flogen ihr diese Erinnerungen nur flüchtig durch den Sinn ; ihr Auge hing an dem schwachen Dämmerscheine , der durch das Südfenster hereinfiel , auf die Stelle , wo der Schloßmüller gestorben war , und sie dachte an die Art und Weise , wie Doktor Bruck ihr selbst die öffentliche Verurtheilung seiner Person mitgetheilt , und jetzt begriff sie noch weniger als neulich , daß er sich ihr gegenüber zu einer Vertheidigung herabgelassen hatte . … Und wenn die ganze Welt darauf bestand , sie glaubte nicht an ein keckes , gewissenloses Wagen , an dünkelhafte Selbstüberschätzung ohne Kunst und Wissen bei dem Manne , der die ernste , gedankenvolle Ruhe , die schlichte Wahrhaftigkeit und Geradheit selbst war . Und jetzt schoß ihr die Blutwelle wieder heiß und jäh nach dem Herzen , und ein starkes Zorngefühl quoll in ihr auf , wie heute Nachmittag , wo Flora in den crassesten Ausdrücken Bruck ’ s ärztliches Wirken gebrandmarkt hatte . Was für eine räthselvolle Frauennatur war sie doch , diese gefeierte Flora , dieses einst so sehr gefürchtete und doch heimlich bewunderte Idol der kleinen Käthe ! … Henriette hütete sich seltsamer Weise , in den Stunden des Alleinseins mit der heimgekehrten Schwester über das Brautpaar eingehend zu sprechen , aber hier und da waren ihr doch Bemerkungen über die Lippen geschlüpft , aus denen Käthe entnahm , daß Flora anfänglich eine leidenschaftlich liebende Braut gewesen sein mußte . Doktor Bruck war , nachdem er den deutsch-französischen Krieg als Regimentsarzt mitgemacht und dann längere Zeit einer berühmten ärztlichen Kapazität in Berlin assistiert hatte , hauptsächlich auf Wunsch seiner Tante nach M. zurückgekehrt . Der vortheilhafte Ruf , der ihm vorausgegangen , und seine imposante äußere Erscheinung hatten ihn sehr bald zu einem gesuchten Arzt und zu einer wünschenswerthen Partie für die Damenwelt gemacht . Es war mithin keineswegs Herablassung von Seiten der stolzen Flora Mangold gewesen , ihm die begehrte Hand zu reichen . Sie selbst hatte sich ihm auffallend genähert , indem sie einen schmerzhaft verstauchten Fuß keiner anderen Hand , als der des gefeierten neuen Doktors anvertrauen wollte – noch im Krankenhause hatte sie sich mit ihm verlobt und war darum vielfach beneidet worden . Aus diesem Grunde mochte sie auch vor dem peinlichen Aufsehen eines gewaltsamen Bruchs zurückscheuen . Darum diese perfide Lösung , die , auf ein allmähliches beiderseitiges Erkalten gestützt , schließlich von der Welt halbvergessen , geräuschlos vor sich gehen sollte . Käthe sprang plötzlich auf – der Gedanke war ihr unerträglich , daß sie , im Falle ihres Bleibens , fortgesetzt Zeugin dieser empörenden Komödie sein und mit ansehen sollte , wie der unglückliche Mann trotz seiner starken Liebe und Gegenwehr aus seinem geträumten Paradiese gestoßen würde . Nein , auch sie hielt zu Moritz und Henriette . Flora durfte und sollte ihr Wort nicht brechen ; die ganze Familie mußte einmüthig zusammenhalten , dem grausamen Verrath gegenüber . Die Thörin , daß sie so verblendet