stand sie wieder vor ihm , hoch , schlank , unnahbar vornehm ; er sah in nächster Nähe die wundervoll belebte , weiße Samthaut , wie sie das Rothaar gern begleitet , er sah in die stahlfarbenen Augen , die den seinen so ruhig und leidenschaftslos begegneten . Höflich reichte er ihr den Arm . » Nimm dich in acht , Raoul ! Die schöne Frau hat eine ganze Tasche voll interessanter Neuigkeiten aus Rudisdorf mitgebracht , « rief der Hofmarschall , scherzhaft mit dem Finger drohend , ihm nach . » Sie ist in ihren Familientraditionen bewandert , wie kaum ein Archivar . Ich habe eben hören müssen , daß ein Mainau Dienstmann bei den erlauchten Trachenbergern gewesen ist . « Mainau ließ mit einer ungestümen Wendung den Arm sinken , auf welchem die Fingerspitzen seiner jungen Frau lagen . Schweigend , aber mit tiefverfinsterten Gesicht , schritt er allein nach der Thür , öffnete sie weit und ließ die jungen Frau an sich vorübergehen . Sie erhob die Augen erst wieder , als sie vor einer zweiten Thür mit einer Handbewegung aufgefordert wurde , einzutreten . Von dem pompejanischen Rot der entgegengesetzten Zimmerwand flog es ihr beim Eintreten wie eine weiße Wolke entgegen – jenes schwebende junge Wesen mit der eigensinnig hochmütigen Wendung des reizenden Köpfchens , mit der flachen Brust , den schmalen Schultern und den dürftigen Kinderarmen inmitten der täuschend hingehauchten gelblichen Spitzenwogen sah in dem schweren Rahmen wie ein weißer Schmetterling aus , der , an einen Faden gebunden , vergebens strebt , weiterzuflattern . Das war die erste Frau , und Liane sagte sich mit leichtem Erschrecken , daß sie in Mainaus Zimmer stehe . Halb und halb flüchtend , näherte sie sich dem Fenster . » Ich werde schnell zu Ende sein , « sagte sie , den Fauteuil ablehnend , den er ihr hinschob . Sie blieb stehen und legte die Hand auf die Ecke des Schreibtisches , der in dem Fensterbogen stand ; dabei stieß sie unwillkürlich an eine der großen Photographien , die im Medaillonrahmen die Tischplatte schmückten . » Die Herzogin , « sagte Mainau , wie vorstellend , mit einem halben Lächeln und schob das Bild der üppig schönen Frau vorsichtig wieder an seinen Platz . Mit einem Ruck ließ er das Rouleau um ein Stück niedergleiten – ein schmaler Sonnenstreifen zitterte auf der Stirn der jungen Dame und zwang sie , die Augen niederzuschlagen . » Nun , « sagte er , bei der Beschäftigung dem Fenster zugewendet , » darf ich deine Wünsche hören , Juliane ? Stehen sie wirklich in Beziehung zu Rudisdorf , wie der Onkel meinte ? – Er war sehr schlechter Laune , der alte Herr – deine Bemerkung hat ihn offenbar gereizt – « » Notwehr , « versetzte Liane gelassen , aber sehr bestimmt . » Wie , er hat es dennoch wieder gewagt , dich zu kränken ? Ich habe sein Wort – « » Lassen Sie das ! « unterbrach sie ihn mit einer ihrer ruhig edlen Handbewegungen . » Ich halte den Mann für sehr krank und vergesse das keinen Augenblick . Der wirklichen Böswilligkeit aber werde ich so lange entschieden zu begegnen wissen , bis sie sich nicht mehr hervorwagt . « Mainau sah über die Schulter zurück mit einer Art von grübelnder Prüfung in ihr Gesicht . » Das klingt sehr vernünftig , « sagte er langsam . » Auf diese Weise werden wir den Frieden haben , den ich so sehnlich für mein Dasein wünsche ... Glaube mir , nichts stört einem das Behagen beim Reisen so konsequent und gründlich , als wenn man sein Haus nicht so bestellt weiß , wie es sein sollte . « » Darüber eben wollte ich mit Ihnen reden . Sie – « Er lächelte heiter und belustigt . » Das geht aber wirklich nicht mehr , Juliane . , « unterbrach er sie . » Wer dieses Gespräch mit anhören könnte , der müßte doch laut auflachen ... Es hilft dir nichts , einmal mußt du dich entschließen , das › Sie ‹ mit dem › Du ‹ zu vertauschen – schon um der Schloßleute willen , die darin nur einen ganz unpassenden Respektsausdruck sehen würden . Und den Nimbus will ich nicht , oder vielmehr – was schlimm , aber wahr ist – ich verdiene ihn nicht bei meinen vielen Fehlern . « Wie unwillkürlich überflogen seine Augen bei diesen Worten den Schreibtisch und die tiefe Fensterwölbung , in welcher das große , prächtig schnitzte Möbel stand . Liane folgte diesem Blicke . Es war in der That eine Schönheitsgalerie , die alle diese Bronzerahmen an der Wand umfaßten – hier und da ein schönes aristokratisches Frauengesicht mit schwärmerischen Augenaufschlag oder stolz zurückgeworfenem Kopfe und dazwischen Tänzerinnen in den verwegensten Stellungen und Toiletten . Inmitten des Tischaufsatzes aber , da , wo am passendsten Leos Bild gestanden hätte , lag auf weißem Samtkissen und unter einer Glasglocke ein ziemlich verblaßter hellblauer Atlasschuh . Der jungen Dame war diese Art von Kultus unter den Kavalieren nicht neu ; ihre Mitschülerinnen im Stifte hatten genug davon zu erzählen gewußt ; hier aber sah sie den ersten Beweis und errötete heftig . Mainau bemerkte es . » Reminiszenzen aus der unglücklichen Zeit , wo man › gerast ‹ hat , « sagte er heiter und klopfte mit dem Zeigefinger so hart an die Glasglocke , daß ein scharfer Ton durch das Zimmer schrillte . » Mein Gott , ich habe den Anblick herzlich satt – aber › ein Mann , ein Wort ! ‹ ... In einer begeisterungsvollen Stunde gelobte ich der Trägerin , diesen Zeugen ihrer Triumphe in Ehren zu halten , und da liegt er nun , und bei jedem Briefe , den ich schreibe , verwundet dieses blaue Gegenüber durch seine mehr als respektable Länge und Breite meinen Schönheitssinn und meine Eitelkeit , indem es mir sagt , ich sei dazumal doch ein gewöhnlicher dummer Junge gewesen ... Aber nun noch einmal , Juliane ! « brach er , ernster werdend , die Selbstironisierung ab . » Ich bitte dich ernstlich , nunmehr in den unbefangenen Umgangston einzulenken , der dir deine Stellung im Hause weit mehr erleichtern wird , als du denkst ... Wir wollen gute Freunde sein , Juliane , ein paar wackere Kameraden , die sich vertragen , ohne die gegenseitigen Ansprüche in das Bereich der Sentimentalitäten hinaufzuschrauben . Und du sollst sehen – so viel Wankelmut man mir auch nachzusagen weiß , – in der Freundschaft bin ich zuverlässig und habe ich nie betrogen . « » Ich gehe darauf ein , schon um Leos willen , « versetzte sie , mit seltenem Takte die eigenthümliche Lage auffassend , in der sie sich doch nun einmal befand . » Ich habe um diese Unterredung gebeten , um dir zu sagen , daß das Kind in den unzuverlässigsten Händen ist , daß du sofort Schritte thun mußt – « Er ließ sie nicht ausreden . » Die überlasse ich dir ! « rief er ziemlich ungeduldig . » Jage diese Person auf der Stelle fort , wenn es dir beliebt , aber lasse mich aus dem Spiele ! ... Ich bitte dich um Himmels willen , mache es nicht wie Valerie ! Die hätte mich a u c h am liebsten zum Büttel im Hause gemacht und hat anfänglich Thränen der Erbitterung genug geweint , weil ich mich nicht herbeiließ , ihrer Kammerfrau für jede schlecht gesteckte Schleife einen Verweis zu erteilen ... Nur kein Echauffement daheim , Juliane – nur das nicht ! ... Je ruhiger , leidenschaftsloser und gleichmäßiger das häuslicher Leben in Schönwerth verläuft , desto dankbarer werde ich meinem guten Kameraden sein ... Im übrigen hat sich ja der Onkel bereits mit einer neuen Gouvernante im Verbindung gesetzt , die sehr empfohlen wird . « Liane zog einige Papiere aus der Tasche . » Es wäre mir sehr lieb , wenn sie nicht käme , « sagte sie . » Vielleicht siehst du gelegentlich in diese Blätter – es ist in wenigen Augenblicken geschehen – sie enthalten meine Schulzeugnisse aus dem Stifte . Ich bin grammatisch vollkommen fest in den neueren Sprachen , und was die Aussprache betrifft , so nimmst du dir vielleicht die Mühe , selbst zu urteilen . Die Zeugnisse sind auch in anderen Fächern günstig ; trotz alledem würde ich nicht wagen , mich zum Unterrichte des Knaben anzubieten , dürfte ich mir nicht sagen , daß ich mit Ernst und Lust gelernt habe ... Du würdest mich glücklich machen , wolltest du die Lebensaufgabe , die ich mir gestellt habe , acceptieren und die Erziehung deines Kindes einzig und allein in meine Hände legen . « Er war einigemale rasch im Zimmer auf und ab gegangen und blieb jetzt mit sichtlichem Befremden in seinen Zügen vor ihr stehen . » Die Sprache ist mir neu aus Frauenmunde – ich habe sie noch nicht gehört , « sagte er . » Ich würde ihr auch unbedingt glauben , wärst du um zehn Jahre älter und im Leben erfahrener , Juliane . « Sein Blick flog spöttisch und halb verächtlich über die Schönheitsgalerie in die Fensternische und blieb dann einen Augenblick an der spitzenumwobenen ersten Frau hängen . » › Der Löwe hat noch nicht Blut geleckt ! ‹ pflegen wir der siegesgewissen Unerfahrenheit gegenüber zu sagen ... Wer weiß es , in vielen dieser Köpfe haben vielleicht auch › tugendsame Lebensaufgaben ‹ gespukt , bis – die Gesellschaft sie in ihren Strudel gezogen hat , « fuhr er fort und deutete mit der Hand nach den Bilderreihen . » Du bist im Stifte erzogen , und kaum in dein Elternhaus zurückgekehrt , sahst du – verzeihe ! – die Rudisdorfer Herrlichkeiten zusammenbrechen ... Du weißt ja nicht , welchen hinreißenden Zauber das Leben bietet , das – die Frau Gräfin Trachenberg bis auf die Neige ausgekostet hat . « Bei der Erwähnung ihrer verschwenderischen Mutter errötete die junge Dame bis über die Schläfen . » Was soll ich dir antworten , « versetzte sie leise , » da du ja doch nicht glaubst , daß auch die Mädchenseele stark genug sein kann , das Warnende im Beispiele einzusehen ? ... Laß uns ganz aufrichtig untereinander sein , wie es guten Kameraden ziemt , « fuhr sie rasch und energisch fort . » Ich habe meinen Lebensplan festgestellt , so gut wie du den deinigen , und werde an ihm halten . Vor allem möchte ich dich dringend bitten , nichts mehr in das obere Fach meines Schreibtisches zu legen – mir machen diese Geldrollen namenlose Angst , und – was soll schließlich aus ihnen werden ? « » Und das soll ich dir glauben , Juliane ? « lachte Mainau auf . » Das soll ich dir glauben , nachdem du mich gestern versichert hast , du würdest das Vorrecht , den Hermelin zu tragen , zu behaupten wissen ? ... Wo willst du ihn denn tragen ? Doch nicht im Schulzimmer ? – Du wirst ihn majestätisch über das Parkett der Hofsäle gleiten lassen , und daß dann noch mehr dazu gehört , das wirst du sehr schnell einsehen . Es wird eine Zeit kommen , wo du mich bittest , dein Nadelgeld zu erhöhen . – Diese da « – er zeigte auf das Bild der ersten Frau – » hat das aus dem Grunde verstanden , und du – du wirst es auch lernen . « » Nie ! « rief die junge Frau entschieden . » Niemals ! ... Und nun laß dir zu meiner Verteidigung sagen : Ja , ich bin stolz auf meine Ahnen – es waren Ehrenmänner von Geschlecht zu Geschlecht – ich kenne nichts Lieberes , als in den Blättern ihres Lebens nachzuschlagen . Aber auf diese Verdienste kann ich mich ja nicht stützen , wenn es darauf ankommt , mich selbst geltend zu machen . Ich würde mich auch niemals dieses ererbten Glanzes Leuten gegenüber bedienen , die auf äußere Stellung kein Gewicht legen . Nur da , wo mir die Anmaßung , der Uebermut des begüterten Adels entgegentritt , da klopfe ich auf mein Ahnenschild , daß es klingt . « Er stand einen Moment schweigend mit untergeschlagenen Armen vor ihr . » Ich möchte wohl fragen : › Warum zeigst du diese Augen erst in Schönwerth , Juliane ? ‹ « fragte er langsam . Sie wandte die Augen , die ihn so beredt und glänzend angesehen , erschrocken weg . » Darf ich nun um eine definitive Entscheidung bitten ? « fragte sie unsicher und mit einer peinlichen Verlegenheit ringend . » Darf ich für Leo Mutter und alleinige Erzieherin zugleich sein , und wirst du beim Hofmarschall dahin wirken , daß auch er mir freie Hand läßt ? « setzte sie wieder gefaßt und dringend hinzu . » Er wird Schwierigkeiten machen , « antwortete Mainau und strich sich mit der Hand über die Stirn ; » aber das soll mich nicht abhalten , dir unbeschränkte Vollmacht zu erteilen ... Wir werden ja sehen , wer in deiner Natur siegt – ob die selbstgewählte Lebensaufgabe mit ihren vielen Schattenseiten , oder – die Weltdame , die Tochter der Prinzessin Lutowiska . « » Ich danke dir , Mainau , « sagte sie fast kindlich froh und herzlich , indem sie seine letzte , sehr ironische Bemerkung ignorierte . Er griff nach ihrer Hand , um sie zu küssen – sie wandte sich ab und schritt rasch nach der Thür . » Ist nicht nötig bei guten Kameraden – wir werden uns auch so verstehen , « rief sie mit einem reizend heiteren Lächeln über die Schulter zurück und ging hinaus . 10. Frau Löhn hatte es jetzt schlimm , wie sie sich auszudrücken pflegte . Sie nickte zu dieser Behauptung stets mit dem steifgehaltenen Kopfe und stieß grimmig den tadellos sitzenden Hornkamm tiefer in ihr graues Zopfbündel . Ihre Kranke machte ihr schwer zu schaffen ; sie war sehr aufgeregt , weil ja die Frau Herzogin alle Tage – » selbst wenn der liebe Herrgott Spitzbuben regnen ließ « – am indischen Hause vorbeiritt . Seltsam – in den Hofkreisen hatte man sicher vorausgesetzt , Mainaus plötzliche Vermählung , » dieser halbverrückte , abenteuerliche Schritt « , werde seine Beziehung zum Hofe sofort lösen und die ehemalige Gunst in erbittertste Feindseligkeit wandeln – es kam ganz anders . Die Eingeweihten flüsterten sich zu , die Herzogin sei wie erlöst aus ihrer starren Haltung , seit sie wisse , daß die Verbindung im vollsten Sinne des Wortes eine Konvenienzheirat sei , die auch der alte Hofmarschall tödlich anfeinde und allmählich wieder zu lösen hoffe . Um was diese Scharfsinnigen aber nicht wußten , das war eines der tiefen Rätsel der Frauennatur , die im stolzen Herzen der Aristokratin , wie in dem der Grisette schlummern – die Herzogin hatte den schönen , übermütigen Mann nie leidenschaftlicher und demutsvoller geliebt , als nachdem er sie so furchtbar , so eklatant gestraft , ja , moralisch fast mit Füßen getreten hatte ... » Der Rotkopf « , wie die neue Herrin des Schönwerther Schlosses von Hofdamenlippen genannt wurde , war kein Gegenstand der Eifersucht mehr , seit die Herzogin im Fluge durch den » Nonnenschleier « gesehen und keinerlei Reize entdeckt hatte . Während die erste Frau durch prachtvolle Toiletten und ihre pikante , Lebenslust und Vergnügungssucht atmende Erscheinung ein Schmuck , ein jederzeit umschmeichelter Gast des Hofes gewesen war , hatte Mainau die zweite gar nicht einmal vorgestellt . Er bewohnte nach wie vor , oft auf mehrere Tage allein , wie ein Garçon , seine elegante Mietwohnung in der Residenz und sprach unbefangen von seiner bevorstehenden Reise nach dem Orient ... Das alles genügte , um die Herzogin zu überzeugen , daß mit dem vollzogenen Strafakt der glühende Rachedurst des leidenschaftlichen Mannes für immer gelöscht und das weitere Geschick des dazu benutzen Werkzeuges ihm sehr gleichgültig sei . Nun ritt sie wieder fast täglich durch den Schönwerther Park , und zwar in sehr gehobener Stimmung . Seit die Erzieherin das Schloß verlassen , was auf Mainaus Befehl schon wenige Tage nach der Besprechung mit Liane geschehen war , kam auch der Hofprediger öfters als je nach Schönwerth – er erteilte Leo selbst den Religionsunterricht ... Es hatte einen schlimmen Auftritt zwischen Onkel und Neffen gegeben ; die Dienerschaft war der Meinung gewesen , die Splitter müßten umherfliegen , so wütend hatte der Stock des Kranken das Parkett bearbeitet – eine völlig nutzlose Erhitzung , denn eine halbe Stunde später war Leos Schlafzimmer neben das der jungen Frau verlegt worden , und von diesem Augenblicke an trat sie in alle Rechte der Mutter ein und wurde als solche im Hause streng respektiert . Denn obgleich die Schloßleute sich zuraunten , der Hofmarschall könne die junge Frau nicht ausstehen , und » der junge Herr mache sich doch auch gar nichts aus ihr « , so verhehlten sie sich dabei nicht , daß man ihr die Gräfin auf zehn Schritte ansehe und nie den Mut finde , ihr unhöflich zu widersprechen . Anfangs staunten sie freilich , wenn diese » Zweite « , so schweigsam und lautlos wie die weiße Frau , plötzlich unter ihnen erschien , um nach » dem Rechten « zu sehen ; aber sie gewöhnten sich um so schneller an » diese Eigenheit « , als auch die sonst so spröde Beschließerin widerspruchslos ihre Leinenschränke vor den grauen , prüfenden Augen der Herrin öffnete . Liane vermied seit jenem Gespräch , mit Mainau allein zu sein , und ihm fiel es nicht ein , sie zu suchen . Er hatte auch nie wieder Gelegenheit gehabt , sich über ihre Augen zu wundern . Selbst bei den anregendsten Gesprächen und Debatten zwischen ihm und dem Hofprediger am Theetisch sah sie so still auf ihre schönen , unermüdlich an einem Teppich stickenden Hände nieder , daß Mainau überzeugt war , sie gehe im Geiste Leos Vokabeln durch , oder zähle die Seifenstücke , die man in der Waschküche verbraucht habe . Er , der die » deutsche Langeweile « floh , wie tödliches Gift , er hatte sie grundsätzlich mit dieser » stillen , passiven Natur « in sein Haus verpflanzt . Dazu waren alle seine neuen Anlagen im Parke fertig , es blieb ihm , wie er sich ausdrückte , für das nächste halbe Jahr nicht eine einzige Aufgabe in der Heimat zu erfüllen , und so rüstete er sich energisch zur Abreise ... » Das Vagabundenblut der Mainau « siede in ihm , sagte er eines Abends beim Thee lachend zum Hofmarschall . Der alte Herr wurde spitz und verbat sich in seinem und seiner edlen Vorfahren Namen dergleichen Bezeichnungen – es kam zu einem scharfgeführten Wortwechsel , der grelle Schlaglichter auf die Vergangenheit warf ... Während Liane , scheinbar indolent , Stich um Stich weiter stickte , sah sie im Geiste die drei Brüder Mainau , die vor circa fünfunddreißig Jahren viel von sich reden gemacht hatten – sie waren schön , vornehm und gesucht gewesen ... Der Greis dort mit dem tadellos frisierten grauen Kopf , dem fortgesetzt fahlrote Lichter der inneren Erregung über die Wangen flackerten , er hatte recht , wenn er gegen das Vagabundenblut protestierte . Ihm , dem mittleren dieser Brüder , wäre es unmöglich gewesen , in einer anderen , als der Hofatmosphäre seine Lebensluft zu suchen . Er hatte immer nach den höchsten Zielen gestrebt , wie die Gräfin Trachenberg zu sagen pflegte , wenn sie andeuten wollte , daß sie ihm einen Korb gegeben habe ... » Standesgemäß « am Hofe placiert , hatte er sich auch » standesgemäß « eine ebenbürtige Gemahlin durch die damals regierende Herzogin » anbefehlen « lassen und konnte sich mit gutem Gewissen sagen , daß seine feinen Sohlen nie das grobe Pflaster der Alltäglichkeit berührt hatten . Sein ältester Bruder dagegen war frühzeitig ausgeschwärmt ; er war in die Eisregion des Nordpols vorgedrungen und hatte nomadenhaft die Jagdgründe der Indianer durchstreift , und wenn er einmal wieder » das kleine Klatsch- und Hofnest in dem deutschen Erdenwinkel « aufgesucht , dann hatten seine Extravaganzen und Rücksichtslosigkeiten eine Gänsehaut um die andere über den Rücken des brüderlichen Höflings laufen lassen . Einmal aber war es einer schönen , reichen Erbin gelungen , ihn festzuhalten ; er hatte sich mit ihr vermählt und war genau so lange in der Residenz verblieben , um dem jungen lieblichen Geschöpf nach einem schweren Wochenbette die Augen zuzudrücken , seinem verwaisten Kindes bei der Taufe den Namen Raoul zu geben und sein Testament zu machen . Dann hatte er den Staub von den Füßen geschüttelt und es schließlich der deutschen Gesandtschaft in Brasilien überlassen , Nachricht von ihm zu geben – er war am Fieber gestorben . Das alles kam zur Sprache , und Liane fühlte sich einen Augenblick versucht , den ihr angetrauten Mann zu bedauern , der so früh schon allein gestanden – aber wozu denn ? ... Er war reich , schön , voll sprühender Lebenskraft , und in seiner Unabhängigkeit rücksichtslos gegen andere bis zur äußersten Grenze . Die ganze Welt mit ihren Genüssen lag ihm zu Füßen , und über eine strenge Auswahl derselben hatte sich sein Feuerkopf wohl niemals Skrupel gemacht . So saß er dort neben dem keifenden Greis und sah den blauen Dampfringen seiner Zigarre nach , wie sie dem Fenster zuschwebten , um sich mit dem Goldhauch der letzten Abendsonnenstrahlen zu mischen . » Liebliches Schönwerth , « rief er mit lächelndem Pathos , wobei sein ausgestreckter Arm einen weiten Bogen über die draußen sich hinbreitende , unvergleichlich schöne Landschaft beschrieb . » Vielbeneideter Besitz ! Dich verdanken wir einzig diesem verfemten Wandertrieb . Onkel Hofmarschall sähe noch aus den Fenstern seiner Amtswohnung in der Residenz , wenn Gisbert von Mainau hinter dem Ofen sitzen geblieben wäre . « Der Hofprediger hatte neulich recht gehabt mit seiner Behauptung , daß man den dritten und jüngsten Bruder nicht nennen dürfe , ohne den alten Herrn außer Fassung zu bringen . Er fuhr empor ; aber das Ungewitter , das über einen unvorsichtigen Untergebenen sicher losgebrochen wäre , reduzierte sich auf ein Geplänkel von feinen Eissplittern . Während er hastig , als mache er sich reisefertig , sein neben ihm liegendes rotseidenes Taschentuch nebst den verschiedenen Flakons in die Tasche steckte , sagte er : » Pardon , es wird Zeit , daß ich mich zurückziehe – für Abendluft und Kraftgenialität sind meine Nerven nun einmal mimosenhaft empfindlich – wer kann sich robuster und derber machen , als er ist ? ... Ja , das liebe Alter ! Ich habe die französischen Moden immer so gern gehabt , und jetzt bin ich so bärbeißig , oder vielmehr so spottsüchtig , es lächerlich zu finden , wenn der deutsche Nachahmungstrieb auch versucht , in den Fußstapfen großer Onkels zu gehen ... Mein bester Raoul , du hast viel von Onkel Gisbert – wer wollte die Aehnlichkeiten leugnen ? – und da du das schön findest , so mache ich dir mein Kompliment darüber ; ja , ich muß sogar lebhaft wünschen , daß du dich treulich an den Weg hältst , den er gegangen – jener Wandertrieb , er ist ja schließlich doch in dem heißen Sehnen und Trachten nach dem rechten Ziele , nach dem ewigen Heile aufgegangen . « » Mein Gott , ja – wie kläglich ! Der arme Onkel , er war siech und – fromm geworden , « versetzte Mainau kalt lächelnd , während der Hofmarschall mit der silbernen Handklingel förmlich Sturm läutete . Sein Kammerdiener erschien , um ihn in das Schlafzimmer zu fahren . Mainau schob den Dienstfertigen beiseite und rollte den Stuhl eigenhändig bis zur Thür . » Du erlaubst wohl , daß ich Leos Großpapa den schuldigen Respekt erweise « , sagte er höflich , wenn auch in sehr reserviertem Tone zu dem Hofmarschalle , der steif das Haupt neigte ; dann schloß er die Thür hinter dem fortrollenden Fahrstuhle und kehrte an den Theetisch zurück . Die junge Frau hätte am liebsten ihre Arbeit zusammengelegt und wäre auch gegangen ; denn sie war allein mit ihm und hatte keine Lust , ihn , der so geistreich mit dem Hofprediger und seinem Onkel zu disputieren wußte , in solchen seltenen Momenten immer nur über die alltäglichsten Dinge reden zu hören , wobei er gar nicht verbarg , daß er mit Ueberwindung in die Kühle einer phantasielosen , prosaischen Welt herabsteige . Aber sie fand keinen schicklichen Vorwand , das Zimmer zu verlassen ; es war noch nicht Zeit , Leo zu Bett zu bringen , der Gabriel einen Zügel um den Arm gebunden hatte und ihn über die draußen vor der Glasthür niedersteigende Freitreppe lärmend auf und ab jagte . Sie rückte deshalb ihren Stuhl näher an das Fenster , um unter dem voller hereinfallenden Abendlichte eine feurige Kaktusblüte fertig zu sticken . » Graut dir nicht vor der phantastischen Familie , in die ich dich versetzt habe , Juliane ? « fragte Mainau mit halben Lächeln nach einer kleinen Pause , während welcher er sich eine frische Zigarre angesteckt hatte . » Du hast gesehen , dem Onkel sträubt sich jedes Haar auf dem Kopfe bei dem Verdachte , es könne sich ein Tropfen unseres › Narrenblutes ‹ in seine Adern verirrt haben – er hat in seiner Art recht , der Mann der Regeln und Formen – , und du mit deiner unverrückbar ruhigen , sehr vernünftigen Anschauungsweise stehst zu ihm – soweit kenne ich dich bereits . « Mainau hielt inne , wie in Erwartung einer bestätigenden Antwort ; aber sie sah in nicht einmal an . Sie meinte , es sei überflüssig , ihn vom Gegenteil zu überzeugen , was er gar nicht wünschte . Prüfend bog sie den Kopf zurück und verglich eine eben eingesetzte Schattierung mit dem Ganzen . Ihre zarten Lippen lagen sanft geschlossen aufeinander , und die bleiche Samthaut ihrer Wangen nahm nicht einen Hauch von Röte an ; bei der ausgeprägtesten Lieblichkeit , die den beobachtenden Mann in diesem Momente abermals frappierte , hatte der junge Frauenkopf mit den seitwärts gewendeten Augen doch die Leblosigkeit eines Steinbildes , und unwillkürlich mußte er denken , ob es denn wirklich einzig und allein der Familienstolz vermöchte , diese tief in das Innerste zurückgezogene Seele aufzuregen – im nächsten Augenblick erfüllte ihn eine tiefe Genugthuung darüber , daß es so und nicht anders sei . » Das ist doch eine reizende Zeichnung , « sagte er und deutete auf die Kaktusblüte . » Ich begreife , wie sich eine stille Frauennatur in diese Art von Beschäftigung so tief versenken kann , daß ihr von der lärmenden Außenwelt viel Unerquickliches entgeht . Du hast den Differenzen zwischen dem Onkel und mir kaum Beachtung geschenkt ? « Das klang so wohlwollend nachsichtig , als wünsche er zu hören , daß sie in der That so indolent gewesen sei . » Ich habe genug gehört , um mich zu wundern , daß du dein mir aufgestelltes Programm selbst so wenig respektierst , « versetzte sie gelassen . » Du wünschest ein ruhiges , leidenschaftslos und gleichmäßig verlaufendes Familienleben , und hast doch vor wenigen Augenblicken alles gethan , um den Hofmarschall zu reizen . « – Sie nannte den alten Herrn nie Onkel . » Liebe Juliane , das ist ein kleines Mißverständnis , « rief er lachend , indem er aufstand . » Das Programm ist nicht so bitterernst gemeint , solange ich da bin , solange ich den Zügel in der Hand habe und lenken kann , wie ich will – ich werde mich doch wahrhaftig nicht selbst ertränken in diesem stagnierenden Wasser der Langeweile ! « » Ich will nur nicht , daß man sich zankt , wenn ich auf Reisen bin , « fuhr er fort . » Gott im Himmel – was für eine Flut von lamentablen Briefen stürmt da von allen Seiten auf solch einen unglücklichen Abwesenden ein ! ... Was hat nur Valerie allein in dieser Beziehung gesündigt ! ... Im dunkelsten Winkel meines Schreibtisches liegen sie noch , diese Boten der – Liebe . Ich habe sie damals pflichtschuldigst mit einem zärtlichen Rosenbande umwickelt , aber berührt hat meine Hand sie nie wieder , aus Angst vor den herausplatzenden Geistern der Zwietracht , der Herrschsucht und der kindischen Launen ... Und dabei kam ich doch immer erst in zweiter Linie – die kleine Frau hatte den vortrefflichen Beichtvater , den Hofprediger , zur Seite , dem sie ihr Herz stets in der ersten Aufwallung rückhaltlos auszuschütten pflegte . « Ein böses Lächeln erschien und verschwand wie ein Blitz auf dem schönen Gesichte . » Bah , was willst du ? « sagte er plötzlich nach längerem Schweigen wieder – er war in die offene Glasthüre getreten und hatte dem Spiele der beiden Knaben zugesehen . » Gerade auf meine Art und Weise , mit dem Onkel zu verkehren , bin ich stolz , ungefähr so eingebildet , wie ein Kind auf die Heldenthat , ein Stück Kuchen nicht anzubeißen , das der Mutter mitgebracht werden soll . Sahst du mich jemals jähzornig ? Frage die lieben Nächsten – die Haut wird dir schaudern , was sie alles von meiner brutalen Heftigkeit zu erzählen wissen ... Hier beherrsche ich mich , allerdings zuvörderst in dem Wunsche , auch einmal ein wenig – wie andere Glückliche ihr ganzes lebenlang – in die Wonne der Selbstbewunderung versinken zu können . « Die junge Frau warf einen Blick nach ihm hinüber , welcher dem seinen begegnete . Da war nicht eine Spur jener Flamme , die blitzähnlich von Auge zu Auge züngelt und das Verständnis zweier Menschen vermittelt . Sie sagte sich , daß über die vom Schicksale verzogene , durch Frauengunst verhätschelte Männerseele dort nichts auf Erden je Gewalt