sie aus . » Wenn Sie Ihre Ungeduld noch ein wenig bemeistern könnten , Cousine « , fuhr er fort , und es klang fast wie Hohn , » ich höre die Herrschaften die Treppe heraufsteigen . Das war doch die Stimme Seiner Hoheit soeben ? Oder irre ich mich ? « Sie hielt seinem Blicke stand und zuckte nur leicht die Schultern . Er sah sie so eigentümlich an , fast drohend . » Es ist besser , wir erwarten die Hoheiten dort oben « , sprach er weiter , » hier – « er brach ab , denn sie hatte sich umgewandt und schritt die Stufen empor , die in den Flur des Hauses führten , und von dort , ohne sich umzusehen , auf den anmutigen Platz . Er folgte ihr und lehnte sich gegen den Pfosten der Glastür , indem er den einfach gedeckten Tisch musterte . Da erinnerte nichts an ein altes begütertes Geschlecht , es fanden sich nur einfache Glastellerchen und dünne verbrauchte Löffel . Das Silberzeug des Hauses stand ja in seinen Schränken , allein der Damast des Tischtuches zeigte das Wappen der Gerolds in den Ecken , ein Meisterstück der Webekunst . Die alte Dame hatte es ehedem mit hierher genommen auf ihren Witwensitz als eine Erinnerung an jenen Tag , da es zum erstenmal aufgelegen , an dem Tauftage ihres Sohnes . » Unser Wappen « , sagte er und zeigte auf den springenden Hirsch , der einen Stern zwischen dem Geweih trug . » Er ist rein geblieben , dieser Schild , im Laufe der Jahrhunderte , nicht ein einzigesmal ward der Glanz des Sternes verdunkelt ! Wohl kamen Unglücksfälle über das Geschlecht , wohl unterlag es der Macht des Schicksals , aber die Ehre hielten sie makellos , die Männer und – die Frauen , soviel ihrer waren bis heute . « Das schöne Mädchen zuckte empor , als habe eine Schlange sie gebissen , und ein herzzereißender Blick aus den blauen Augen flog zu ihm hinüber , aber die Worte erstarben auf ihren Lippen , denn eben kamen die Herrschaften zurück und Lothar eilte ihnen entgegen . Der Herzog , neben Joachim gehend , folgte seiner Gemahlin , die den Arm der alten Freiin genommen hatte . Hinter ihnen schritt ein sonderbares Paar , Beate mit Palmer , den sie um Kopflänge überragte . Sie hörte mit dem Ausdruck lächelnder Verachtung auf sein eifriges Sprechen und suchte , am Tische angekommen , einen Stuhl , so weit wie möglich von ihm entfernt . » Und der ganze große Keller war voll ? « fragte die Herzogin , Platz nehmend , und ohne die Antwort zu erwarten , sprach sie lebhaft weiter : » O , Walderdbeeren , wie liebe ich sie ! Wie tausendmal aromatischer duften sie , als die , welche man in den Gärten oder Gewächshäusern zieht ! Weißt du , mein Freund « , wendete sie sich an den Herzog , der noch immer im Gespräch mit Joachim stand , » wir werden mit den Kindern in den Wald gehen und selbst Beeren suchen . Dabei ließe sich ein entzückendes Picknick arrangieren . Herr von Palmer , sorgen Sie dafür , daß man einen Platz ausfindig macht , wo Erdbeeren stehen , aber bald , bald ! Wir wollen die schöne Zeit hier genießen . « Man saß jetzt um den Tisch und Klaudine reichte ihren Gästen die Fruchtschale . Eben stand sie vor dem Herzog , er dankte mit kurzer Handbewegung , ohne sie anzusehen , und horchte auf Joachims Rede . Nun trat sie zu dem Neuhäuser . Auch er dankte . Sie schritt still nach ihrem Stuhl zurück und sah auf das Kind hernieder , das sich herzugeschlichen hatte und an ihren Schoß lehnte , und fuhr erst aus ihrem Sinnen empor , als die Herzogin sie anredete . » Mein liebes Fräulein von Gerold , Sie müssen oft nach Altenstein kommen . Wir , mein Gemahl und ich , haben uns fest vorgenommen , alle Etiketterücksichten hier fallen zu lassen , wir wollen wie gute getreue Nachbarn miteinander leben , Ausflüge machen und uns besuchen . Die Neuhäuser werden wir auch überfallen , ja , ja , Fräulein von Gerold ! « wandte sie sich an Beate , » ich muß mir Ihre vielgerühmte Musterwirtschaft einmal in der Nähe beschauen und hoffe , Sie ebenfalls auf Altenstein zu sehen . « » Es wird unserem Hause eine unendlich große Ehre sein , wenn Eure Hoheit es mit Ihrer Gegenwart beglücken , aber mich wollen Hoheit gnädigst entschuldigen « , klang Beates tiefe Stimme entsetzlich wenig verbindlich und trocken . » Meine Wirtschaft leidet nicht , daß ich mich oft und lange vom Hause entferne , es ist nur anvertrautes Gut , und ich stehe dort an Stelle der Hausfrau meines Bruders . In Vertretung einer anderen ist man doppelt gewissenhaft , Hoheit . « Die junge fürstliche Frau sah einen Augenblick befremdet zu der Sprecherin hinüber , dann flog der liebenswürdige Ausdruck von vorhin wieder über ihre Züge . » Die Gerolds waren alle pflichttreu « , sagte sie freundlich , » das ist gut und lobenswert und ich muß den Korb wohl hinnehmen . Aber Sie , Fräulein Klaudine von Gerold , Sie ! Ganz gewiß , auf Sie rechnen wir bestimmt . Ist es nicht so , Adalbert ? « » Verzeihung ! Wie befiehlst du ? Ich habe nicht verstanden , Elise . « » Du sollst mir bestätigen « , sprach sie freundlich , » daß wir sehr auf Mamas Liebling rechnen bei unserer Anwesenheit in Altenstein , daß wir wünschen , Fräulein Klaudine von Gerold oft bei uns zu haben . Nicht , Adalbert ? « Einen Moment blieb es still unter der Eiche . Die Abendsonne vergoldete jedes Blättchen mit purpurnem Schein ; durch die Lücken des Geästes zuckten schimmernde Lichter und die zitternden Funken machten es wohl auch , daß Klaudines Antlitz in jähem Wechsel bleich und purpurn erschien . » In der Tat , Fräulein von Gerold « , tönte es jetzt in ihr Ohr mit einer Stimme , die den Sturm in ihrem Herzen plötzlich beschwichtigte , so ruhig und gleichgültig klang sie . » In der Tat , die Herzogin sprach davon , mit Ihnen im Altensteiner Saale zu musizieren . « Und sich wieder zu Joachim wendend , fragte er : » Ja , wie wurde es ? Ist der Mann gestorben an der Wunde , oder ? « » Er lebt , Hoheit , und wildert nach wie vor . « Wenn der Herzog von Jagd und verwandten Dingen sprach , war er einfach für anderes verloren , das wußten sie alle . Nur Palmer lächelte ungläubig und schaute Klaudine an , deren Brust sich wie befreit hob . » Wenn Hoheit befehlen « , sprach sie leise , » aber ich habe seit langer Zeit keinen Ton mehr gesungen . Mir fehlt die Muße jetzt . « Ein leises Hüsteln der fürstlichen Frau ließ sie einhalten . Durch die Bäume kam der erste kühle Luftzug des Abends . Der Herzog sprang empor . » Es wird Zeit « , sprach er ; » die Wagen ! « Der herzogliche Diener , der unbeweglich an der Gartenpforte gestanden hatte , erhielt von Palmer einen Wink , und in kürzester Zeit waren die fürstlichen Gäste eingestiegen , und die Wagen brausten auf der Straße hin . » Wir müssen wohl auch an den Abschied denken , Lothar ? « sagte Beate zu ihrem Bruder . Er nickte bejahend und schüttelte Joachim die Hand . Als er sich zu Klaudine wenden wollte , war sie verschwunden . Beate , die Sonnenschirm und Hut holen wollte , traf sie anscheinend ruhig in der Küche beschäftigt , ein Tellerchen mit Erdbeeren zu füllen für Fräulein Lindenmeyer , wie sie sagte . » Na , wo steckst du denn ? Wir wollen fort , Klaudine « , begann Beate und zog die gewebten seidenen Handschuhe an . » Das war übrigens ein recht bewegter Tag heute . Ich gratuliere dir zu dem gutsnachbarlichen Verkehr , es kann ja sehr gemütlich werden . Halte dir nur immer etwas im Hause , ein paar kleine Kuchen oder dergleichen , die gnädige Frau von Altenstein wird öfter kommen , sie gefällt sich in der Rolle , wie weiland Königin Luise auf Paretz . Ach Gott , Klaudine , bei dieser Armen ist es , glaube ich , die Angst , die Todesangst , die sie alles mögliche beginnen läßt . Aber ich muß fort , die dicke Berg wird schon Hunger haben , und in die Speisekammer können sie nicht , ich habe zugeschlossen . Leb wohl , Klaudine , komm bald einmal und bringe das Kind mit . « Sie drückte ihr die Hand und eilte hinaus . Klaudine trug Fräulein Lindenmeyer die Erdbeeren hin und fand diese noch immer im Unterrock und der rot bebänderten Haube . Sie hielt die Kleine auf den Knieen und erzählte ihr eine Geschichte von einem wunderschönen Mädchen , das einen Prinzen heiratet . » Einen Herzog « , verbesserte die Kleine , und Klaudine erblickend fragte sie : » Darf ich noch hier bleiben , Tante ? « Aber die Tante hörte nicht , sie horchte auf das Rollen eines Wagens , das im Walde verklang . » O Jesus , Fräulein Klaudine ! « rief Fräulein Lindenmeyer , froh , endlich über das große Ereignis sprechen zu können , » was ist unser allergnädigster Herr für ein schöner Mann ! Jeder Zoll ein Herzog ! Und wie er da durch den Garten schritt neben unserem Herrn , da fiel mir ein , was Schiller sagt : › soll der Sänger mit dem König gehen , sie beide wohnen auf der Menschheit Höhen . ‹ Gnädiges Fräulein , ach , hätte es doch die Großmama erlebt , daß Sie da wie eine Familie auf der Plattform gesessen und Erdbeeren gegessen haben . Ach , Fräulein Klaudinchen ! « » Tante Klaudine , mir gefällt Onkel Lothar besser « , plauderte das Kind , » Onkel Lothar hat gutere Augen . « Die junge Dame wandte sich plötzlich ab und schritt ohne ein Wort der Tür zu . Dann stieg sie die schmale Treppe hinauf und klopfte an Joachims Tür . Sie fand ihn , im Zimmer auf und ab gehend mit einem fast hilflosen Gesichtsausdrück . » Ich bin völlig aus dem Sattel geworfen mit meinem Gedankengang « , klagte er . » Oh , meine schöne Einsamkeit ! Klaudine , verstehe mich nicht falsch ! Du weißt , wie sehr ich unsere fürstliche Familie liebe und verehre , wie stolz ich bin , daß meine schöne Schwester sie herzieht in unseren Waldwinkel . Aber , Klaudine , du bist böse , weil ich das sage ? « fragte er , den Schatten in ihrem Gesicht erst jetzt gewahrend . Sie schüttelte den Kopf . » Nein , Joachim , weshalb wohl ? Aber du tust mir leid , und wir wollen es ehrlich den Herrschaften sagen , daß du bei deiner Arbeit durch nichts – hörst du ? – durch nichts gestört werden darfst . « Er blieb stehen und strich ihr über die Wange . » Nein , Kleine « , erwiderte er , » als ehemalige Hofdame mußt du am allerbesten wissen , daß das nicht möglich ist . Es war eine hinreißende Liebenswürdigkeit von der Herrschaft , uns hier zu besuchen . Eine Abfertigung , wie Beate sie in ihrer derben Manier gab , darf sie von uns nicht hören . Diese Beate « , fuhr er fort , » benahm mir den Atem , als sie die Antwort herauspolterte . Ich verstehe Lothar nicht , der das so ruhig und gelassen mit anhören kann , mir ginge es durch und durch ! « » Aber deine Arbeit , Joachim ? Sei versichert , die Herzogin würde untröstlich sein , erführe sie später , daß sie dich hinderte . « » Sie ist ein liebes Gemüt , Klaudine , begeistert für alles Schöne , und sie ist krank , sehr krank . Hörtest du den Husten ? Er schnitt mir ins Herz . So hustete sie auch , Klaudine ! Oh , diese gräßliche Krankheit ! Nein , nein , Klaudine , schon dieses verlöschenden Lebens wegen mag das Eulenhaus ihr offen stehen zu jeder Zeit . « Die Schwester antwortete nicht mehr . Sie war zu dem Bogenfenster getreten , durch welches rotglühendes Abendlicht strahlte , und schaute mit bangen Augen über die Wipfel der Bäume hinweg . Nein , sie konnte , sie durfte ihm keine neue Sorge aufbürden , durfte ihn nicht beunruhigen . Vielleicht war sie auch erstorben , die blinde , alles vergessende Leidenschaft ? Keiner jener heißen Blicke war ihr heute gefolgt , sein Auge hatte sie kaum gestreift . Sie nickte mechanisch mit dem Kopfe , als wollte sie einer inneren Stimme widersprechen . » Doch , vielleicht seine Ritterlichkeit , seine Großmut haben gesiegt , und der Anblick des verlöschenden Lebens – « Der Bruder war zu ihr getreten und hatte ihre Hand ergriffen . » Macht dich die Einsamkeit traurig , Klaudine ? « fragte er weich . » Heute , wo ein glänzendes Streiflicht deines vergangenen Lebens in unser Haus fiel , da erschien es mir so unsagbar armselig , da kam mir der Gedanke , es sei eine Sünde , dich hier zu fesseln . « » Joachim « , rief sie lachend , aber ihre Augen schimmerten feucht , » wenn du wüßtest , wie gern ich hier bin , wie heimisch , wie traut mir diese Armseligkeit ist , du würdest nie wieder solche Dinge reden ! Nein , ich bin nicht traurig , ich bin eigentlich so herzensfroh wie lange nicht . Und nun will ich hinunter und unser Abendessen richten . Es besteht zwar nur aus Blattsalat und weichen Eiern , aber du glaubst nicht , Joachim , wie zart Heinemanns Salat ist . « Sie hielt ihm die Wange zum Kusse hin und ging , ihm noch einmal zunickend , aus der Tür . Ein paar Stunden später lag das Eulenhaus schweigend und ruhig , als hätte es der Wald mit seinem Rauschen in den Schlaf gesungen . Nur aus Klaudines Zimmer schimmerte noch Licht . Seine Bewohnerin saß vor dem altmodischen Schreibtischchen , das auf lächerlich dünnen Beinchen sein Gleichgewicht behauptete und einstmals zu der Einrichtung von Großmamas Mädchenstube gehört hatte . Sie hatte mehrere Fächer aufgeschlossen und kramte in Briefen und trockenen Blumen und allerlei Kästen umher . Ja , diese stolze , schöne Hofdame mit dem tadellos kühlen Wesen , sie war doch nur ein Mädchen , wie die anderen auch , ein echtes Mädchen mit zaghaftem Herzen und heimlichem Bangen und Hoffen . Wie hätte sie sonst wohl ein kleines Streifchen Papier , darauf einige Noten geschrieben , mit so tränenschimmernden Augen an die Lippen drücken können , wie sie es eben tat ? Es waren nur wenige Reihen flüchtig geschriebener Noten , und darunter standen die Worte : » Willst du dein Herz mir schenken , so fang es heimlich an . « Sie hatte es einst auf Wunsch ihrer alten Hoheit singen sollen , und die Noten hatten gefehlt , und da war einer aus dem gewählten kleinen Kreise aufgestanden , um am Nebentischchen aus dem Gedächtnis die innige Melodie niederzuschreiben , und sie hatte dann das Lied gesungen . Sie fühlte , sie hatte schön gesungen an jenem Abend . Und als sie geendet hatte , sah sie ein Paar Männeraugen , die mit unverhohlener Bewunderung an ihr hingen . Nur dies eine Mal , nie wieder ! Es hatte auch kaum eine Sekunde gedauert , dieses Auge-in-Auge , dann senkten sich seine Blicke zur Prinzeß Katharina , neben deren Sessel er stand . Ein ritterlicher Kavalier , stets den Launen seiner Dame mit lächelnder Nachlässigkeit gehorsam ! Und die schwarzen , dreisten Augen dieser kleinen Prinzessin hatten ihn so strahlend angeschaut , als wollten sie die Worte wiederholen , aber als Frage : » Willst du dein Herz mir schenken ? « Das war wohl längst aus seinem Gedächtnis geschwunden , sonst würde er nicht , als sie neulich von seiner Liebe zur Musik sprach , so geradezu feindselig geworden sein , und sie hatte doch diesen Abend nimmer vergessen können . Da war es ja auch , wo ein Paar andere Augen zum erstenmal mit jenen heißen , glühenden Blicken die ihren suchten , sie erschreckend bis zum Tode . » Willst du dein Herz mir schenken ? « Sie sprang empor und ging vom Schreibtisch zum Fenster und wieder zurück in der alten qualvollen Unruhe . Ihre Augen irrten wie hilfesuchend durch das Zimmer , und dann blieb sie doch wieder vor dem Schreibtisch stehen und sah auf das kleine Pastellbild des lieben Frauengesichtes , das dort im reichgeschnitzten Rahmen hing , dessen obere Verzierung den Wappenhirsch zeigte . Der Stern zwischen dem Geweih , der aus Metall hergestellt , blitzte seltsam im flackernden Lichtschein . Ein bitterer , weher Ausdruck flog um ihren Mund . » Meine Mutter « , sagte sie leise , » wenn du noch lebtest , und ich könnte dir alles erzählen ! « 9. Am anderen Mittag zog ein starkes Gewitter hinter den Bergen empor und entlud sich über dem Paulinental . Der alte Heinemann sah seufzend , wie seine Nelken vom Sturme zerzaust wurden und wie das Wasser auf den Beeten floß , die zarten Wurzeln der frisch gepflanzten Gemüse lockerte und wohl gar dieselben wegschwemmte . » O Jesus ! « seufzte er in der Küche , wo er die Abwäsche besorgte wie ein richtiges Küchenmädchen , » sehen Sie nur , gnädiges Fräulein , das regnet sich fest . « Und er zeigte durch das Fenster nach den tannenbewaldeten Bergen hinüber , wo an einigen Stellen eine weiße Dunstsäule aus den Wipfeln emporstieg . » Der Hirsch raucht sein Pfeifchen , vor drei Tagen hört es nicht auf zu regnen , darauf können Sie sich verlassen . Wenn ' s dann nur vorbei ist ! Aber mitunter regnet es sich so in aller Gemütlichkeit ein . und dann ist ' s hier trübe . « Und richtig , so kam es , ein echter Gebirgsregen begann . Auf der abschüssigen Landstraße rieselte das Wasser langsam hinunter , der kleine Waldbach drüben zwischen den Tannen glich einer schmutzigen Lehmbrühe und alle Blumen hingen die Köpfchen . Die Kleine stand mit ihrer Puppe am Fenster von Fräulein Lindenmeyers Zimmer , drückte sich das Näschen platt an den Scheiben und fragte , wann es wieder aufhöre naß zu sein da draußen . Im Garten sei es schöner . Und die alte Dame saß eifrig strickend daneben und wandte gewohnheitsgemäß den Kopf , um durch die Scheiben nach Vorübergehenden zu spähen , aber vergeblich . Klaudine machte in der Wohnstube Studien auf der Nähmaschine und bekam vor Freude rote Wangen , als sie die erste tadellose Naht fertig hatte . Ja , die Arbeit , auch die verachtete mechanische weibliche Handarbeit , ist doch ein Segen , sie führt über manche Stunde des Kummers hinweg . Joachim aber saß ganz vertieft über seinen Büchern . Es sei ein rechtes Wetter um zu schaffen , sagte er bei Tische , und sobald er gespeist hatte , ging er wieder an sein Manuskript und hörte und sah nichts mehr . Am folgenden Tage regnete es noch immer , und am dritten noch mehr . Im Altensteiner Herrenhause sah es ebenso mißmutig aus wie in der Natur , die Herzogin fühlte sich matt und angegriffen und hustete . Das trübe Wetter brachte ihr trübe Zukunftsgedanken . Sie hatte versucht , dieser Stimmung Herr zu werden , indem sie an ihre Schwester Briefe schrieb , aber da waren plötzlich Tränen auf das Papier gefallen , und sie wollte doch nicht , daß die schwergeprüfte junge Witwe in dem Gedanken noch bekümmerter würde . Sie war dann hinunter gestiegen , wo in dem großen Mittelsaal ihre beiden ältesten Söhne Fechtstunde erhielten , und einen Augenblick hatte das kecke Draufgehen der schönen blondhaarigen Knaben sie mit Entzücken erfüllt , dann kam wieder die alte Schwäche über sie und Frau von Katzenstein mußte sie nach ihrem Ruhebette zurückführen . Sie ließ sich nach einem Weilchen den jüngsten Prinzen bringen , ein prachtvolles , gesundheitstrotzendes Kerlchen , das ihr durch sein Erscheinen auf dieser Welt den letzten Rest ihrer Kraft genommen hatte , und sie sah ihm mit seliger Lust in die lachenden blauen Augen . Wie glich er dem Vater , diesem über alles geliebten Manne ! Und plötzlich erhob sie sich und schritt , das Kind auf dem Arme , durch das Zimmer der Tür zu . Frau von Katzenstein und die Kammerfrau stürzten herbei und wollten ihr den kleinen Prinzen abnehmen , sie wehrte lächelnd : » Ich möchte den Herzog überraschen , bleiben Sie , bitte . « Und auf den Zehen schlich sie sich über das spiegelnde Parkett des Salons , der ihre Zimmer von den seinen trennte , und stand hochatmend vor der Tür seines Gemaches . Es war doch schön , ihn hier in Altenstein so nahe zu haben , zu ihm eilen zu können , wie jede andere glückliche Frau , die dem Vater das Kind zuträgt . Sie nahm das Händchen des Kleinen und ließ es pochen an das Getäfel der Tür . » Papa ! « rief sie , » lieber Papa , mach auf , wir sind hier , die Liesel und der Adi ! « Dort innen wurde ein Kasten zugeschoben und gleich darauf die Tür geöffnet . Der Herzog , im schwarzen Samthausrock , erschien auf der Schwelle , offenbar verwundert über diesen Besuch . Am Schreibtisch stand Palmer , er hatte Papiere in der Hand , und auf der Platte des Tisches lagen verschiedene Blätter ausgebreitet . » O , ich störe , Adalbert ? « sagte die junge Frau unter Hüsteln . Das Zimmer durchwogte ein starker bläulicher Rauch türkischer Zigaretten . » Wünschest du etwas , Elise ? « fragte er . » Entschuldige diesen Rauch , er reizt dich zum Husten . Aber komm , ich will dich hinüber geleiten , es ist hier kein Aufenthalt für dich . « Sie schüttelte langsam das dunkle Köpfchen : » Ich wollte nichts – « und mit einem Blick auf Palmer verschluckte sie die Worte : » ich wollte dich nur sehen , dir das Kind bringen . « » Nichts ? « wiederholte er , und eine leise spöttische Ungeduld sprach sich aus in der Bewegung , mit der er ihr den Kleinen abnahm . » Aber , vor allen Dingen komm hier fort ! « Nach ein paar Minuten saß sie wieder auf ihrem Ruhebett allein . Er hatte zu arbeiten , er ließ sich jetzt einen Vortrag halten über den Bau einer neu zu gründenden herzoglichen Forstakademie in Neurode , es war so wichtig . Auf ihre Frage : » Trinkst du nicht den Fünfuhrtee bei mir , Adalbert ? « war nur ein zerstreutes : » Vielleicht , meine Teure , wenn ich Zeit finde . Warte nicht auf mich « , die Antwort gewesen . Nun schlug es fünf Uhr , und sie wartete doch , aber da rollte eben unter den Fenstern ein Wagen über den Kies der Gartenwege . Das war der Herzog . Er fuhr aus , und bei dem Wetter ! O ja , sie hatte es nur vergessen , er sprach schon gestern davon , nach Waldlust zu fahren , dem alten herzoglichen Jagdschloß , das renoviert werden sollte . Traurig legte sie den Kopf zurück an die Polster . Wie öde war es doch in den fremden Gemächern mit dem rieselnden Regen vor den Fenstern , und so allein ! Das Kind spielte längst in seinem Zimmer mit der Erzieherin , der Herzog wollte nicht , daß sie es länger behielt , weil dessen Lebhaftigkeit sie zu sehr angreifen würde . Freilich , der Arzt verbot ihr täglich , sich anzustrengen , aber es ist doch hart , ein solches Verbot , wenn man Mutter ist ! Sie griff wieder zu dem Buche , das ihr entglitten war , aber die Augen schmerzten , sie vermochte nicht weiter zu lesen . Es war auch eine so schaurige Erzählung , und wenn man selbst so traurig ist , und wenn draußen der Regen so einförmig niederrauscht , so als ob es nimmer wieder licht werden sollte , da darf man nichts lesen , was noch trüber stimmt . Ja , wenn man eine Seele hätte , mit der man sprechen könnte , so , wie sie einst daheim mit ihrer Schwester sprach , so recht vom Herzen weg ! Ja , dann ist es heimlich , wenn draußen das Wetter tobt , die Dämmerung das Zimmer umspinnt und im Kamin ein leichtes Feuer brennt . Und auf einmal stand eine Gestalt vor ihren Augen – Klaudine von Gerold in ihrem einfachen Kleide , das Schlüsselkörbchen am Arm , anmutig waltend in der kleinen , dürftigen Häuslichkeit des Bruders . Wie ruhig sie erschien , wie glücklich und beglückend ! Klaudine hatte schon immer so vorteilhaft abgestochen gegen die anderen Hofdamen . Um die Welt hätte sie nicht die kleine Gräfin H. mit dem übermütigen Wesen um sich haben mögen hier im stillen Altenstein , ebensowenig wie Fräulein von X. , die fast nie die Augen aufschlug , niemals lächelte . Aber Klaudine , Klaudine Gerold ! Und plötzlich ergriff sie eine förmliche Sehnsucht nach diesem stillen Mädchen mit den ernsten blauen Augen . Sie drückte auf den Knopf der silbernen Glocke , die ihr zur Seite stand , und dann ging sie zum Schreibtisch und warf in fliegender Eile einige Zeilen auf das Papier . » Diesen Brief an Fräulein von Gerold ! Ein Wagen soll hinüber , sie zu holen . Aber eilen Sie ! « Nun ergriff sie eine fieberhafte Unruhe . Eine Stunde konnte es dauern , in einer Stunde würde sie hier sein können . Sie befahl Feuer im Kamin zu machen und ließ den Teetisch herrichten in der Nähe der spielenden , zuckenden Flammen . Dann wanderte sie im Zimmer umher , trat zuweilen ans Fenster und sah in die regennasse Landschaft hinaus . Eine Stunde verrann , noch immer kam sie nicht . Da – horch – ein Wagen ! Sie trat vom Fenster zurück , als zu ihrem Erstaunen Baron Gerold gemeldet wurde , » den Hoheit befohlen « . Sie hatte das ganz vergessen . Heute ? Ja , es mußte wohl so sein ! Richtig , sie hatte ihn gebeten , ihr einige Nachrichten über die angeblich große Armut von Wahlerode , dem nahe gelegenen Dorfe zu bringen . Sie freute sich , ihn zu sehen , und fragte eingehend nach allem , aber zwischendurch horchte sie immer wieder in die Ferne . » Sie werden mich zerstreut finden , Baron . Ich erwarte nämlich Besuch « , sagte sie lachend , als sie sich inmitten einer Auseinandersetzung , den Bau eines Gemeindearmenhauses betreffend , rasch zum Fenster wandte . » Raten Sie , wen ? Aber nein , raten Sie lieber nicht , dann wird es eine Überraschung für Sie . Also , mein lieber Gerold , wenn Sie sich des Baues annehmen wollen , so können Sie auf meine Hilfe völlig rechnen . « » Hoheit sind , wie immer , die Güte selbst « , sprach Lothar und erhob sich . » Seine Hoheit « , scholl plötzlich die Stimme der Frau von Katzenstein , und gleich darauf trat der Herzog ein . » O , wie gemütlich , Liesel « , sagte er heiter , die zarte Frauenhand küssend , die sich ihm entgegenstreckte . » Und Sie , lieber Baron , wissen Sie , dass ich eben meinen Jäger zu Ihnen schickte ? Ich dachte an eine Partie L ' hombre heute . Zum L ' hombrespielen just das rechte Wetter , wie ? « » Hoheit wollen über mich befehlen . « Der Herzog verbarg ein leises Gähnen und nahm Platz am Kamin . Die alte Hofdame war am Nebentische beschäftigt den Tee zu bereiten , ein Diener ging mit behutsamen Schritten ab und zu und stand jetzt wie ein Schatten an der Tür , des Augenblicks gewärtig , wo er die Tassen reichen könne . Die Dämmerung war rasch heruntergesunken , man unterschied nur undeutlich noch die Gesichter der Anwesenden . Hier und da zuckte ein Flämmchen im Kamin empor und warf ein flüchtiges Streiflicht auf den Herzog . Er sah abgespannt aus und seine große weiße Hand strich in regelmäßiger Wiederholung durch den blonden Vollbart . » Es ist doch sehr einsam hier an solchen Tagen « , begann er endlich , » wir sind faktisch auf dem ganzen Wege , ausgenommen Ihr Fräulein Schwester , lieber Gerold , keiner Seele begegnet . Die resolute Dame ging mit Regenschirm und Wettermantel so vergnügt auf der einsamen nassen Straße dahin , als sei es der wonnigste Maimorgen . Vermutlich steuerte sie nach dem Eulenhause , denn sie schlug den Weg nach rechts ein . « » Sicher , Hoheit , sie lässt sich so leicht durch kein Wetter abhalten ihrer Cousine einen Besuch zu machen . « Der Herzog nahm eben eine der wappengeschmückten Tassen . » Beneidenswert ! « , sagte er halblaut und tat ein riesiges Stück Zucker in den duftenden Trank . » Die Gesundheit , meinen Hoheit ? In der Tat , die Gerolds wissen sämtlich nicht , was Nerven sind , sie haben Nerven wie Stahl und Knochen wie Elfenbein . « » Allerdings , das meinte ich « , klang es aus dem Munde des