dem kahlen Schädel und warf es in die offenstehende Küche nach einer Katze , die eben auf den Tisch gesprungen war , um sich eine der Tauben anzueignen . Er humpelte hinein und jagte das Tier mit dem Stocke in den Hof , worauf er die Küche verschloß . Sie war noch leer . Aber dem Suppentopf kräuselte kein Dampfwölkchen – das Herdfeuer war offenbar längst ausgegangen . » Was das nun wieder für Dummheiten sind ! « brummte der Amtmann , rot vor Ärger und Aufregung . » Und wenn man zehn Dienstboten hält und bezahlt , sie lassen , eine wie die andere , Tür und Angel offen und sieden und braten für die Katze , was man für sein teures Geld anschafft ... Um ein Haar wären wir um unser Mittagsmahl gekommen ! – Dummes Zeug ! – Wo sie nur wieder einmal steckt ! « Ja – wo mochte sie sich wohl versteckt halten ? dachte auch Herr Markus ergrimmt , nachdem er sich vom Amtmann verabschiedet hatte und über den Hof nach dem Garten schritt , um auf dem Weg , den er gekommen , nach dem Gute zurückzukehren . Er warf einen bösen Blick hinauf nach dem Dachstubenfenster , wo sich eben wieder der Mullvorhang wie ein Sommerwölkchen in den blauen Lüften wiegte . – Höchst wahrscheinlich hatte sie sich zu Fräulein Erzieherin geflüchtet , und zwei Mädchenköpfe sahen ihm nun verstohlen und hohnlächelnd nach ... Es war doch stark , daß sie die kärgliche Mahlzeit ihrer Herrschaft achtlos preisgab und sich die schärfsten Verweise derselben zuzog , nur um ihm nicht wieder in den Weg zu kommen ... Im Garten war es auch still und einsam . Die brütenden Grasmücken zwitscherten leise in dem Gebüsch , durch welches vor einer halben Stunde die vermeintliche weiße Dame gekommen war , um eiligst die nötigen Küchenkräuter abzuschneiden . Noch lagen die ihr im raschen Lauf entfallenen grünen Stengel über den Weg verstreut ; es war offenbar kein Fuß wieder darüber hingeschritten . Und in der Lindenlaube konnte Herr Markus das Schreibheft dreist in die Hand nehmen – es war weit und breit kein Menschenauge , um zu sehen , wie er spöttisch lächelte . Die ersten Seiten des kleinen Buches waren richtig bedeckt mit dem zierlichen Geschreibsel derselben Feder , in welche der Amtmann seinen herausfordernden Brief diktiert hatte . Es waren aber keine Verse , nur abgerissene Gedanken , wie sie der Augenblick eingegeben haben mochte , Ansichten und Aussprüche eines klaren , wohlgeordneten Mädchenkopfes . – Diese Blattseiten waren eigentlich ein günstiges Charakterzeugnis für die Schreiberin . Wie sie plötzlich ihre angenehme Stellung aufgegeben , um Krankenpflegerin zu werden , so hatte sie auch diese nicht durchaus notwendigen poetischen Seelenergüsse mit dem pünktlich geführten , kärglichen Einnahmenverzeichnis des verarmten Onkels ohne Zaudern vertauscht ... Wie aber reimte sich diese entschlossene Handlungsweise mit dem Gebaren der jungen Dame zusammen , die sich nach wie vor von der Kammerjungfer wie eine Prinzessin bedienen ließ ? Er zerknitterte im Unwillen das unschuldige Schreibheft in seiner Hand – aber er hatte auch alle Ursache , erregt zu sein . In welchen Zwiespalt war sein sonst so ruhiger Kopf geraten ! Er , dem sonst der heitere Lebensgenuß das Dasein ausfüllte , der daheim pünktlich und voll frischen Eifers seinen Obliegenheiten am Kontorschreibtisch nachkam , um sich dann in den Erholungsstunden voll Lust in den Strom schöner Seelenergüsse zu werfen , dem bis dahin nichts die Wohltat des süßen Schlafes , den Vorzug eines gesunden Appetits zu rauben vermocht hatte , ihm war jetzt der ursprünglich so anziehende Landaufenthalt verdorben durch aufdringliche Grübeleien , die sich durchaus nicht abweisen ließen – er schob Frau Griebels Leckerbissen widerwillig beiseite und hatte heute morgen schlaflos den Kopf in den heißen Kissen hin und her geworfen , noch bevor die Haushähne auf dem Hinterhof ihren grellen Morgenruf in das dunkelverhangene Schlafzimmer geschickt hatten . Dieses Vorwerk , dieses alte Wrack mit der rätselhaften Dame Erzieherin und dem halbtollen Aufschneider , dem Amtmann , das Mädchen mit dem Sphinxgesicht und der edelschönen Gestalt im armseligen Arbeitskittel , das ihn reizte und ärgerte , wie es noch niemand vermocht , und den » menschenfreundlichen , wißbegierigen « Forstwärter , den unausstehlichen Menschen , der seine Fangarme begehrlich nach ihr ausstreckte – er wünschte sie samt und sonders in das Mohrenland , um der Unruhe willen , die ihn peinigte , und welche er doch mit aller Zorngewalt nicht abzuschütteln vermochte . Heute noch wollte er in die Stadt fahren und mit dem Baumeister , der auch den Neubau der Schneidemühle übernehmen sollte , eingehend beraten . Der Riß des neuen Vorwerkshauses konnte schon in den nächsten Tagen in seinen Händen sein , ebenso der Bauvertrag , behufs der Abschließung . Alles andere durfte er getrost in Pachter Griebels Hände und die seiner wackeren Frau legen – das Anstellen des neuen Gesindes , die einstweilige Übersiedlung der Amtmannsfamilie in das Gutshaus , den späteren Ankauf des Viehstandes . – Zu diesen Anordnungen bedurfte es nur weniger Tage , dann – wollte er den Staub von den Füßen schütteln und in Jahr und Tag den Hirschwinkel nicht wiedersehen ... Einstweilen blieb die letztwillige Verfügung im Notizbuch der seligen Frau Oberforstmeisterin sein Geheimnis , bis er wieder ruhig geworden war und es sich im Lauf der Zeit herausgestellt hatte , wessen Obhut das sorgenfreie Dasein der kranken Frau auf dem Vorwerk anvertraut werden durfte . – Er warf das Schreibheft auf den Steintisch und verließ den Garten , dessen altes , ausgedientes Gittertürchen mit schwachem Geseufze hinter ihm zufiel . Mit diesem leisen , lebensmüden Geräusch wähnte er die direkte Beziehung zu den Menschen , die er da zurückließ , nunmehr abgeschlossen . Er war weit entfernt davon , sich einzugestehen , daß er sich ja selbst kopfüber in die fremden Verhältnisse gestürzt habe und allein schuld sei , wenn die Webefäden fremden Geschickes sich an ihm festklammerten , wie in diesem Augenblick die zähen , kriechenden Queckenranken , die ihn auf dem wenig beschrittenen , grasigen Wege als lebendige Fußangeln umstrickten , und deren er sich nur erwehren konnte , indem er sie zertrat ... 10. Zwei Tage waren seitdem verstrichen . Gestern war der Baumeister im Hirschwinkel gewesen ; er hatte sich mit den Plänen des Gutsherrn vollkommen einverstanden erklärt und ein möglichst rasches Vorgehen in Aussicht gestellt . Herr Markus hatte ihn bei Besichtigung der Vorwerksgebäude begleitet – selbstverständlich hatte er die Schwelle der Haustür nicht überschritten , dazu war er ja viel zu standhaft in seinen Beschlüssen ; aber er könnte es doch nicht hindern , daß der Amtmann an das Fenster kam , um ihm für den Korb seinen Weines , den er sofort nach seiner Heimkehr auf das Vorwerk geschickt , in feuriger Lobpreisung der edlen Gabe zu danken . Er hatte es auch dankend annehmen müssen , daß ihm ein Gegenbesuch in Aussicht gestellt wurde – und er war auch gekommen , der alte Herr , einige Stunden darauf , so zwischen » hell und dunkel « . Herr Markus hatte in dem Gartenhäuschen auf der Mauer gesessen , und da waren zwei Gestalten am Rand des Gehölzes erschienen – eine männliche , die , den Gehstock schwerfällig aufstapfend , mühselig dahergehumpelt war , und ein weibliches Wesen , auf dessen Arm sich der alte Mann gestützt hatte ... Hatte Frau Griebel nicht gesagt , daß das Fräulein Erzieherin genau eine solche Hopfenstange sei , wie die fremde Magd ? – Nun ja , das war sie gewesen , eine große , schlanke Dame in tadellos sitzendem , weichfallendem , dunklem Kleid – ein grauer Schleier hatte vom kleinen , weißen Strohhut geweht und auch wie ein grauverstaubtes Spinnengewebe über dem Gesicht gelegen . Geradezu lächerlich aber war es gewesen , zu sehen , wie die erbitterte schöne Dame bei Herrn Markus ' Heraustreten auf das Freitreppchen dem Onkel eilig etwas zugeflüstert hatte , um gleich darauf mit wenigen Schritten in das Gehölz zu fliehen und spurlos zu verschwinden ... Und der alte Herr hatte seinen Stock mitten auf den Weg gestemmt , hatte mit steifgewendetem Nacken der Entflohenen verblüfft nachgestarrt und ein heiliges Donnerwetter hinterdrein geschickt , bis ihm die Erleichterung geworden war , sich auf den Arm des herbeigeeilten Gutsherrn stützen und über die alberne Zimperlichkeit der jetzigen jungen Frauenzimmer erbost schimpfen zu können . Es war ein schweres Stück Arbeit gewesen , ihn das Freitreppchen hinaufzubringen ; droben aber hatte er sich behaglich in das weiche Ecksofa gedrückt und vergnüglich das » allerliebste Junggesellennestchen « auf der Mauer gemustert . Gleich darauf hatten Zigarren und zwei grünfunkelnde Römer auf dem Tische gestanden , und der köstliche Duft des edlen Rheinweines war der langhalsigen Flasche entquollen . Herr Markus hatte die neue Hängelampe angezündet , und mit dem Aufflammen des weißen Lichtes war auch der Grund für die zwischen » hell und dunkel « verlegte Besuchsstunde zutage getreten – es war ein gar zu fadenscheiniger , sorgsam geflickter Rock gewesen , der über den hageren Schultern des alten Herrn wie über einem Kleiderstock gehangen hatte . Aber die Wäsche war bezüglich der Weiße und Sauberkeit tadellos gewesen , und auf dem Oberhemd hatte ein unechter Stein in altmodischer Fassung als Busennadel geglänzt . Und das konnte sich Herr Markus nicht verhehlen – es war eine sehr angenehme Stunde gewesen , die er da verlebt hatte . Der alte Mann hatte höchst interessant über Welt und Leben gesprochen und sich als wissenschaftlich gebildet entpuppt , und der seltsame Zug in der Natur dieses leichtlebigen Verschwenders , nach welchem er allezeit und in allen Dingen den besten und wohlbegründetsten Rat für andere , nie aber für sich selber gehabt haben sollte , war dadurch als vollkommen bewahrheitet hervorgetreten . Später hatte der Gutsherr seinen Besuch selbst nach Hause geführt – das war nun wieder nicht zu vermeiden gewesen ; denn allein konnte der Halbgelähmte nicht so weit gehen , und es war niemand gekommen , ihn abzuholen . Zwar hatte Herrn Markus ' scharfes Ohr ein verdächtiges Schlüpfen durch die Stämme an der Wegseite hin aufgefangen ; aber diejenigen , die es so verletzend vermieden , mit ihm in Berührung zu kommen – mochte es nun Fräulein Erzieherin oder die verhaßte Prüde sein – die ließ er auch unbeachtet ; und so hatte er im Weiterschreiten laut zu dem etwas schwerhörigen Amtmann gesagt , es müsse sich Wild in das kleine Gehölz verirrt haben , er höre es vorbeischlüpfen ; und mit einem leisen , spöttischen Auflachen war er weitergegangen , auf dem rechten Arm die ganze Last des weinseligen alten Herrn , und im linken ein Paket Bücher , welche sich der Amtmann vom Eckbrett herabgeholt mit dem Bemerken , daß er nach guter Lektüre förmlich lechze ; er habe ja aus Mangel an Raum seine ganze kostbare Bibliothek , in die er Tausende gesteckt , verkaufen oder vielmehr zu Schandpreisen verschleudern müssen ... Mit Pachter Griebel hatte sich Herr Markus rasch verständigt . Der Wackere hatte sich sofort bereit erklärt , den Gutsherrn bei seinem Samariterwerk zu unterstützen , und seine brave Ehehälfte hatte mit dem Bemerken zugesagt , was ihr Peter einmal wolle , das geschehe ja doch , und wenn er zehnmal seine duckmäuserische stille Miene aufstecke – er habe es eben faustdick hinter den Ohren , und da sage sie denn in Gottesnamen Ja und Amen . Aber verwehren könne es ihr doch niemand , wenn sie den Kopf schüttle und die Hände zusammenschlage über den jungen Herrn , dem ' s jedenfalls zu wohl sei , denn sonst ginge er doch wohl nicht so tanzlustig aufs Eis ... Mit der Frau Amtmann und allenfalls der Fräulein Erzieherin würde sich ' s ja vielleicht leben lassen – es käme ihr nicht darauf an , die alte Frau zu heben und zu tragen und des Nachts bei ihr zu wachen – das täte sie recht gerne , und die stolzen Mucken der Erzieherin , na , die brauche man ja nicht zu sehen . Aber mit dem Amtmann , dem Faulpelz , dem Schlecker , dem Besserwisser , da gäb ' s Krieg , das wolle sie nur gleich von vornherein sagen – und wenn sie seine Kuh mit Butterbrot und die paar abgelebten Hühner mit Eierkuchen füttere , er habe doch zu nörgeln , das wisse sie ... Und die Magd in ihrem abgetakelten Stadtfähnchen und mit dem städtischen Getue passe auch nicht aufs Gut , wo im groben Bauernrock und ohne Scheuleder gearbeitet würde . Das besondere Ding mache nur das Gesinde aufstutzig , und ihr sei sie geradezu unleidlich ; und wie der Zufall diese Abneigung auch noch begründen half , das sollte der Gutsherr heute in überzeugender Weise erfahren . Er hatte einen umfangreichen Bericht seines Buchhalters erhalten und war genötigt , verschiedene dringliche Punkte sofort zu erledigen . Deshalb saß er schon seit Stunden am Schreibtisch im Erker , so angestrengt arbeitend , daß er der Außenwelt vollkommen entrückt war . Von der Pachterfamilie war heute noch niemand heraufgekommen . Er hatte das durch eine Magd gebrachte Mittagessen allein eingenommen , und nach ihrem Weggang war das Kritzeln seiner Feder das einzige Geräusch gewesen , das die tiefe Stille des Erkerzimmers unterbrochen . Nun aber wurde die Tür entschlossen geöffnet , und Frau Griebels Lederschuhe knarrten – sie brachte wie immer den Nachmittagskaffee eigenhändig . » ' s ist wahr , ein hübsch kühles Eckchen ist unser Gutshaus doch ! « sagte sie , nachdem ihr Herr Markus von seinem Platze aus begrüßend die Hand gereicht hatte . » Draußen ist ' s schwül , Herr Markus , kochheiß wie in einem Backofen . « Sie fuhr sich mit dem kühlen Schürzenzipfel über Gesicht und Hals . » Ich war heute schon mit meiner Luise in den Morcheln , und einen Korb voll Erdbeeren haben wir auch zusammengelesen . Um vier Uhr in der Frühe sind wir schon aus den Federn und haben uns auf den Weg gemacht ; wir müssen gar weit laufen – bei uns gibt ' s keine Morcheln . Aber drüben im Grafenholz , da schießen sie massenhaft – ich sage Ihnen , Kerle , halb so groß wie meine Faust – aus der Erde ; da wachsen sie auf den alten Meilerstätten ... Ja , wär ' das nicht , da brächten mich nicht zehn Pferde in das Grafenholz . Ich kann den Forstwärter dort nicht leiden ; der tut gerade so dick und protzig wie die auf dem Vorwerk . Und dabei muß ich Ihnen nur gleich sagen , daß ich für künftig mit der fremden Magd bei Amtmanns nicht unter einem Dache Hause – das geht ein für allemal nicht , schon meiner Luise wegen , wenn die in den Ferien kommt . Ich habe heute mein blaues Wunder gesehen ! Ja , was meinen Sie denn – kommt uns doch das Mädchen in aller Frühe , sage halb fünf , aus dem Forstwärterhaus entgegen – hui , was Ihnen für ' ne Feuerfahne übers Gesicht fährt ! Ja , nicht wahr , ins Herz hinein muß man sich schämen , wie es die Frauenzimmer heutzutage treiben ? « Sie stellte ihm die gefüllte Tasse neben seine Schreibereien auf den Tisch . » So , nun wissen Sie den Skandal und dürfen sich nicht wundern , wenn die Griebel auch mal ihren Kopf aufsetzt ... Müssen Amtmanns durchaus noch ein Dienstmädchen haben , dann will ich schon für ein braves sorgen ; die jetzige aber kommt mir nicht herein . Sie werden gewiß ein Einsehen haben und das nicht verlangen , Herr Markus ! Bei Griebels stehen Zucht und Ehrbarkeit allzeit obenan ... Und nun lassen Sie Ihren Kaffee nicht kalt werden , und schreiben Sie sich nicht krank – Ihr Kopf glüht ja wie eine Feueresse ! « Kaum war die Tür hinter ihr zugefallen , als Herr Markus aufsprang , wie wenn er gewaltsam Fesseln zerrisse , die ihn auf seinem Platz im Erker festgehalten . Die gute Griebel war ein Klatschmaul , wie andere alte Weiber auch ; er hatte Mühe gehabt , sie nicht bei den Schultern zu nehmen und empört zu schütteln ... Es ließ sich ja nicht leugnen , die Verlästerte tat besonders und strebte in Sein und Wesen weit über ihren Stand hinaus , und das machte es nur zu begreiflich , daß sie angefeindet wurde ; aber ihr Wandel war rein , und mochte sie zu allen Stunden aus dem Waldhüterhaus kommen ! – Ihm verursachte es nur stets eine Art von schmerzhaftem Schrecken , wenn vor seinen Ohren das Mädchen in Verbindung mit dem Grünrock genannt wurde ... Und jetzt ging ihm ein grelles Licht auf – sein Samariterwerk , wie Pachter Griebel sein Vorhaben nannte , nahm einen ganz anderen Verlauf , als er gemeint hatte . Wohl konnte er sich mit gutem Gewissen sagen , daß er von Anfang an beabsichtigt hatte , das Vermächtnis seiner Tante möglichst günstig für die Betreffenden in Kraft treten zu lassen ; aber sein schleuniges , fast überstürztes Handeln war nicht dem edelsten Motiv entsprungen – er hatte dem Grünrock den Humanitätsnimbus nicht gegönnt , er hatte ihm zuvorkommen wollen , und damit das Gegenteil von dem erreicht , was er im glühenden Eifer angestrebt . Die aufopferungsvolle Fürsorge des Mädchens wurde durch seine Anordnungen der Herrschaft nunmehr entbehrlich , und da konnte ja schleunigst Hochzeit gemacht werden ... Frau Griebel hatte recht , sein Kopf glühte und das Blut hämmerte ihm fieberhaft in den Schläfen . Er durchmaß unausgesetzt das Zimmer – und da wurde er sich plötzlich vollkommen klar über das , was in ihm vorging ... Wie , war es nicht , als sehe der Herr Oberforstmeister mit höhnischem Lächeln auf den » Schlosserssohn « nieder , in welchem das Arbeiterblut mit richtigem Instinkt » gleich und gleich « erstrebte ? Es wallte auf für eine , die das Brot der Dienstbarkeit aß , für ein Mädchen im Arbeitskittel mit hartgearbeiteten Händen . Aber stand es der , welche da neben dem Hochmütigen im bräutlichen Liebreiz lächelte , auf der weißen Stirn geschrieben , daß sie adligen Blutes gewesen war ? – Durfte sich das Mädchen mit dem dunkeln Haargewoge nicht kühnlich an die Seite dieser Blonden stellen ? War sie nicht ebenso schön , und hatte sie nicht auch diesen seelenvollen , bezwingenden Blick , der hier im Bild und dort unter dem verhüllenden Tuch hervor , das er mit kecker Hand zurückgestreift , so sonderbar an sein Herz gerührt ? – Mochte es draußen noch so schwül sein , es breiteten sich doch weite Wiesenflächen hin , über denen der hohe , blaue Himmel stand , und lange Weglinien schafften den wandernden Füßen Raum im Walde – hier erdrückte ihn die niedere Decke auf den engen vier Wänden ... Er griff nach seinem Hut . Die hingeschleuderte Feder lag in einer Tintenlache auf einem halbbeschriebenen , sauberen Briefbogen , und verschiedene leichte Zettel waren bei seinem hastigen Aufspringen von der Tischplatte herab auf den Boden geflogen . Er hatte keinen Blick für diese Unordnung . Mochte der Buchhalter daheim noch so dringend der erbetenen Weisungen bedürfen , der Chef der großen Firma Markus , sonst der strengste und gewissenhafteste Arbeiter seines Kontors , stürmte hinaus , achtlos die geschäftlichen Interessen hinter sich lassend . 11. Er schlug ohne weiteres den am Fichtengehölz hinlaufenden Weg ein . Seine Vorsätze , aus eigenem Antrieb das Vorwerk nicht wieder aufzusuchen , waren verweht wie die leichten Staubwölkchen , welche die dicke , heiße , träge dahinstreichende Nachmittagsluft von dem ausgedörrten Feldweg aufnahm und vor seinen Augen zerblies . – Er scheute sich auch nicht , nachdem er die linke Flanke des Gehöftes umschritten , vor den geschlossenen Torflügeln halt zu machen und in den Hof durch dieselben Bretterspalten zu sehen , vor welchen zwei Tage früher der Bettler gekauert , dem die Armut ein paar Zehrpfennige hingeworfen hatte . Über dem weißgebleichten Pflaster des öden Hofes , das seit vielen Tagen kein fallender Regentropfen benetzt hatte , flimmerte die brütende Sonnenglut . Das Federvieh mochte sich von den glühenden Steinen in dunkle Stallecken zurückgezogen haben , und der angekettete Hund , der jenseits der Mauer bei den nahenden Schritten des Gutsherrn einen schwachen Kläffversuch gemacht , hatte es auch wieder aufgegeben , bei der Hitze zu lärmen . In dem Zimmer der alten Leute dagegen , die das alte feuchte Gemäuer des niederen Wohnhauses Tag und Nacht anfröstelte , schien der heiße Brodem willkommen zu sein – zwei Fenster standen weit offen . An dem einen saß lesend der Amtmann , und durch das andere sah Herr Markus die Kranke mit gefalteten Händen still in ihren Kissen liegen . Die beiden Alten waren allein ; hinter den vorhanglosen Fenstern zur Rechten der geschlossenen Haustür rührte und regte sich nichts , und das Dachstubenfenster streifte der Blick des Suchenden nur flüchtig – es war ihm sehr gleichgültig , ob Fräulein Erzieherin hinter den Rosenstücken sitze oder nicht ; er hatte nur einen Gedanken , nur den einen ! Und der trieb ihn an , nun auch nach rechts das Gehöft zu umgehen und das Küchenfenster zu besichtigen . Aber auch hier war es still und einsam , wie im Garten , den er gleich darauf durchschritt , wie auf dem ganzen , zum Vorwerk gehörenden Gelände , das er über den Weißdorn hinweg übersehen konnte . Er nagte zornig an der Unterlippe – sollte er wirklich nach dem Grafenholz gehen , um zu erfahren , daß er ein Narr sei , daß er demütigenderweise das Nachsehen habe ? ... Wenn sie das zu Hause gewußt hätten ! – Das Triumphgeschrei seiner Bekannten , die er so oft mit ihrem » Liebesfieber « gehänselt , die Entrüstung seiner Stiefmutter , die eine Geheimratstochter war , das boshafte Gekicher der jungen Damen , denen gegenüber er oft genug den ganzen Übermut eines Unbesiegten geltend gemacht , er malte sich das alles in den lebhaftesten Farben ; aber dabei durcheilte er immer hastiger sein eigenes Waldrevier und arbeitete sich schließlich durch das Gestrüpp nach dem Schlupfwinkel hinter der Buche , von welchem aus er das Forstwärterhaus beobachten konnte . Er begriff , daß es stets wie eine Art Rettung des Leibes und der Seele empfunden werden müsse , das wüste , staubumwirbelte Gehöft am Fichtenhölzchen mit dem roten Hause da , wenn auch nur für Stunden , zu vertauschen . Wie ein schmucker , rotglänzender Würfel lag es da auf grüner Rasendecke , die kein sonnenversengtes Hälmchen entstellte , mitten im dunkelnden Buchengrün , hinter sich die himmelhohe , steile , quellenreiche Waldwand , die strotzendes Leben in rieselnden Wasseradern zu Tale schickte . Heute hatte es sein Äußeres in etwas verändert ; die Vogelkäfige mit ihren lärmenden Insassen hingen nicht am oberen Giebelfenster , und alle Fenster der Eckstube , welche der Forstwärter für die Kranke auf dem Vorwerk aufheben wollte , waren durch niedergelassene Rollvorhänge verdunkelt – eine tiefe Ruhe webte um das Haus , eine so behütete Stille , daß man hätte meinen können , die nervenleidende alte Dame sei bereits hierher übergesiedelt . Jedenfalls lag die Wohnung unter festem Verschluß – es war niemand daheim , und deshalb verließ der Gutsherr nach kurzem Verweilen seinen Beobachtungsposten , um zurückzukehren – in diesem Augenblick machte ein plötzliches schallendes Gelächter seinen Fuß stocken . Es kam von der Hausecke mit den verhüllten Fenstern her – ein anhaltendes , tolles , ausgelassenes Lachen , das , in die tiefe Waldruhe hineinklingend , roh und verletzend das Ohr berührte . – Darauf folgte erregtes Stimmengemurmel , und der eine Rollvorhang flog ein wenig auf , als bewege ihn ein unruhiges Treiben im Inneren der Stube ... Der Herr Forstwärter hatte Besuch , eine Gesellschaft guter Freunde , die es sich im kühlen Zimmer wohl sein ließen . Wie Herr Markus meinte , mochten da drüben in der traulichen Ecke Tabakqualm und Bierdunst die Luft erfüllen , und über dem Kartenspiel wurden die lachenerregenden Späße nicht vergessen . Nun , es war ihm unmöglich , sich das Mädchen in einer solchen Umgebung zu denken – hier war sie nicht ! Ihrem stolzen Blick gegenüber wagte sich gewiß kein solch rücksichtsloses Männerlachen hervor , und doch – gerade in diesem Augenblick wurde die Haustür geöffnet , und die Magd trat heraus . Sie hatte einen irdenen Krug in der Hand und stieg die Stufen herab , die Arme lässig am Leibe niederhängend , mit gesenkten Augen und die Brauen schmerzhaft zusammengezogen – das Bild eines traurigen Insichgekehrtseins . Der junge Mann hinter der Buche hatte in seiner Empörung auf sie zustürzen wollen ; allein er blieb unwillkürlich stehen , als gehe von dieser still herabschreitenden Mädchengestalt ein Schein aus , der die herandrängende dunkle Leidenschaft abwehre ... Sie schritt um die Hausecke nach der Quelle am Abhang , welche , in eine einfache Holzrinne gefaßt , ihr kristallhelles Wasser in einen Brunnentrog goß . Herr Markus ging dem Mädchen nach , und als sie seine Schritte hinter sich hörte , wandte sie sich nach ihm um . Er war ihr bereits so nahe , daß er sehen konnte , wie sie sich verfärbte , wobei aber auch die Schmerzensfalte zwischen den Brauen so plötzlich verschwand , als sei sie weggewischt . » Wollen Sie sich mit einem frischen Trunk erquicken ? « fragte sie , den Krug auf ein Brett unter den rauschenden Wasserstrahl stellend . » Ich werde ein Trinkglas aus dem Hause holen – « » In der Bibel steht : › Und eilend ließ sie den Krug hernieder auf ihre Hand und gab ihm zu trinken ‹ , « versetzte er spöttisch , indem er ihr den Weg nach dem Hause vertrat . » Wenn Sie Rebekka sein wollen , dann müssen Sie sich auch bibelfest zeigen . Aber ich danke Ihnen , ich mag aus dem Kruge nicht trinken ... Klares Brunnenwasser ! « höhnte er . » Sollte es wirklich nur dieser › frische Trunk ‹ sein , den Sie auch da drüben in der Eckstube der lachenden Gesellschaft kredenzen ? « Sie erschrak heftig , das sah er mit grimmiger Schadenfreude . » Hört man den Lärm draußen ? « fragte sie stockend . » Ei , wundert Sie das – Ich sollte doch meinen , es wären recht ausgiebige Stimmen , die sich dort vergnügen ! Ich hoffte schon , die Herren sollten nun auch ein fröhliches Trinklied anstimmen – « » Sie irren sich , « warf sie mit erblaßten Lippen ein – ein feuchter Glanz verschleierte den Blick , der ihn unsicher streifte . » Nun denn – ich irre mich ! Es sind vielleicht Betbrüder , die dort in der Eckstube zusammenkommen – möglich ist ' s ja ! « – Er zuckte die Achseln . – » Was geht es im Grunde auch mich an ? ... Aber eins möchte ich Sie doch fragen : Weiß Ihre Herrschaft um diesen Ihren Verkehr im Forstwärterhause ? « Sie hob ängstlich abwehrend die Hände . » O nein , nein – die alten Leute haben keine Ahnung , und sie dürfen es auch nicht erfahren – « » So – damit wollen Sie wohl auch mir ein Schloß vor den Mund legen ? « fragte er an sich haltend , scheinbar gleichmütig . » Ich muß Sie allerdings inständigst bitten , falls Sie noch einmal vor Ihrer Abreise auf das Vorwerk kommen sollten , nicht davon zu sprechen . – Ich bitte Sie , Herr – « » Mein Gott , ja , wenn es denn durchaus sein muß ! Ich kann auch schweigen , obschon ich mich sonst nicht zum Beschützer unlauterer Geheimnisse eigne – « » Unlauter ? ! « – Sie trat von ihm weg , und er mußte sich fragen , ob dieses Mädchen , das mit einem einzigen Wort , einer einzigen Bewegung eine ganze Reihe aufgestürmter Empfindungen zum Ausdruck brachte , entweder eine vollendete Schauspielerin , oder eine durchaus reine , unter der Herrschaft hoher Bildung stehende Seele sei . Er bejahte sich tieferbittert das erstere . War denn da ein Zweifel ? War die übertriebene Zimperlichkeit , mit welcher sie neulich seinen Blick auf ihr verhülltes Gesicht abgewehrt , nicht die schnödeste Komödie gewesen , angesichts der Tatsache , daß sie hier vor den Augen der lärmenden Männer ohne die entstellende Hülle des » Scheuleders « und des plumpen , dicken Busentuches ungezwungen verkehrte ? – Und nun hatte sie auch noch die Stirn , ihn mit sanfter , beweglicher Stimme um Verschwiegenheit zu bitten ... Und dabei der bezwingende Liebreiz ihrer Erscheinung , dieses beseelte Gesicht unter dem dicken , nach dem Nacken zurückwogenden Dunkelhaar ! Ihm war , als ringle sich eine buntschillernde Natter sanft schmeichelnd nach seinem Herzen , der er in Zorn und Schmerz den Kopf zertreten müsse . » Ärgert Sie das häßliche Wort ? « fragte er schneidend . » Nun denn , sagen wir › interessant ‹ , das interessante Geheimnis ! ... Mit den alten Leuten werden Sie leichtes Spiel haben – sie kommen beide nicht über die Schwelle der Haustür und können Ihren Spuren nicht nachgehen ; und ich – nun , ich habe Ihnen ja mein Wort gegeben , daß ich schweigen will – jawohl , schweigen , als wenn mir eine mörderische Hand die Kehle zuschnürte ... Aber wie steht es mit Dame Blaustrumpf ? Sie ist nicht an ihre Dachstube gefesselt und hat flinke Füße , wie ich mich gestern abend überzeugen durfte . Sie schwebt wie eine Fee und macht es möglich , urplötzlich wie ein Sommerwölkchen zu verschwinden , das der Wind in den Lüften zerbläst – so kann sie auch jeden Augenblick in ihrem grauen Spinnwebenschleier aus jeder beliebigen Waldecke hergeflattert kommen – was dann ? – « Ein kaum merkliches Lächeln schlüpfte um ihre Lippen ; sie bog