s nicht erraten ? “ fragte Leuthold . „ Ist er tot ? “ „ Er ist ’ s , nach einer Agonie von vierundzwanzig Stunden ! “ „ Na , Gott sei Dank ! “ sagte Frau Bertha und faltete ihre kurzen dicken Hände . „ Ja — wenn ich an einen Gott glaubte — ich würde jetzt auch so sagen ! “ erwiderte Leuthold und warf sich auf einen Küchenstuhl . „ Weib , fasse es nur , das unerhörte Glück ! Wir sind nun reich , un ­ abhängig — erlöst von der zehnjährigen Sklaverei — erlöst ! Ach ! “ — Er fächelte sich mit dem Taschentuche , welches er an Hartwichs Leiche benützt hatte , um die Tränen zu trocknen , die er nicht weinte , Luft zu . Frau Bertha stand trotz allen Glückes etwas be ­ klommen da . „ Es jammert mich doch fast , daß er sterben mußte , “ sagte sie kleinlaut . „ Ich meine immer , es sei eine Sünde , sich über eines Menschen Tod so zu freuen , er könnte uns einmal erscheinen ! “ „ Schwatze nicht so albern , Du weißt , daß ich solchen Unsinn nicht hören will ! “ zürnte Leuthold . „ Tust Du doch , als hätten wir ihn umgebracht ! Wünsche , meine Liebe , sind weder Gift noch Dolch , und wir freuen uns jetzt auch nicht seines Todes sondern nur unseres Erbes . Das ist menschlich ! “ „ Ach ja , “ meinte Bertha beruhigt ; „ da hast Du wieder Recht . Wenn wir das Geld nur bei seinen Lebzeiten schon hätten bekommen können , so würde ich ihm das Leben ja gegönnt haben ; meinetwegen mochte er dann hundert Jahre alt werden . Es ist seine eigene Schuld , daß wir seinen Tod herbei wünschten — warum hielt er uns so knapp ! “ Leuthold nickte ihr lächelnd zu . „ Ich sehe , Du nimmst Vernunft an und wirst jetzt auch so gut sein , mit mir hinunter zu gehen und der Leiche Deine Reverenz zu machen . “ „ Wozu soll ich denn das ? “ fragte Bertha er ­ schrocken . „ Weil es anständig ist ! Ich habe Dich über diesen Punkt schon genug belehrt , Du kennst meinen Willen , also komm ’ ! “ Mit diesen so fein und scharf wie ein Rasiermesser gesprochenen Worten war jeder Widerstand abgeschnitten . Bertha setzte ihre Töpfe vom Feuer , sah nach dem Sack mit den Tauben und folgte dem voranschreitenden Gatten . Unterwegs fragte sie ihn : „ Was soll ich denn machen bei der Leiche ? “ „ Nicht viel , “ sagte Leuthold mit Laune . „ Die Unterhaltung mit solch einem steifen stummen Kerl ist bald gemacht : ein paar Ach ’ s und O ’ s genügen voll ­ kommen , auch ist es für Damen sehr geziemend , an Totenbetten auf die Knie zu sinken , wobei ich Dich jedoch bitte , dies nicht mit Deinem gewohnten Un ­ gestüm zu tun . Der schwere Fall könnte sonst die Ruhe des Toten stören und ihn wieder erwecken ! “ „ Du bist ein abscheulicher Mensch , “ klagte Bertha . „ Mir graut wahrhaftig vor Dir . Wirst Du auch solche Witze reißen , wenn ich einmal sterbe ? “ „ Ich werde Dich nicht überleben , meine gute Bertha ! “ sagte Leuthold wehmütig . „ Wenn es aber geschehen sollte , so sei überzeugt , daß ich nach Dir weinen werde — wie der Säugling nach seiner Amme ! “ Frau Bertha sah den Gemahl zweifelhaft an , sie wußte nicht recht , was sie aus dieser zärtlichen Beteuerung machen sollte , und erwiderte nichts . Sie waren vor Hartwichs Tür angekommen . „ Wo ist Dein Tuch — Dein Taschentuch ? “ fragte Leuthold leise . Bertha suchte nach — sie hatte es vergessen ! „ Wie ungeschickt , “ flüsterte Leuthold wütend , „ das Taschentuch zu vergessen — bei solchen Gelegenheiten . . . “ „ So gib mir Deines , “ bat Bertha . „ Törin , das brauch ’ ich ja selbst . Nimm Deine Küchenschürze , halte sie vor ’ s Gesicht — so ! “ Mit diesen Worten öffnete er und trat langsam , Bertha vor sich her schiebend , ein . Hartwich lag ausgestreckt auf seinem Schmerzenslager , sein Gesicht war so furchtbar entstellt , daß Bertha nun froh war , die Augen mit ihrer Schürze verhüllen zu können . Leuthold stand mit würdevoller Haltung neben ihr , sein stiller männlicher Schmerz gefiel allen Anwesenden , — dem Chirurgen , der den Sterbenden gepflegt , den Knechten und Mägden , welche ihren toten Herrn be ­ trachteten . Sie überzeugten sich sämtlich , daß Herr Gleißert seinen Stiefbruder doch lieber gehabt habe , als man es geglaubt , und daß man Unrecht getan , ihn für herzlos zu halten . Nach einigen Augenblicken legte er milde seiner Gattin die Hand auf die Schulter , aber ein starker Kniff des Daumens belehrte sie über den Zweck dieser Zärtlichkeit , sie an den Kniefall zu erinnern . Sie sank nun mit möglichster Vorsicht nie ­ der , der Gatte drückte ihr noch zum Überfluß den Kopf auf die Leiche und so war die hingegossene Frau mit dem breiten weißen Rücken ein sehr schönes und rührendes Bild der Trauer . Nach einigen Augen ­ blicken bog er sich zu ihr herab und sagte weich : „ Komm , mein Kind , rege Dich nicht so auf , unsere Tränen können den Armen nicht mehr lebendig machen — komm ! “ Damit hob er sie empor , legte ihren Kopf an seine Brust , ihr Gesicht zu verbergen , und führte sie hinaus . Verwundert sahen ihnen die Leute nach . „ Daraus soll nun Einer klug werden , “ sagte der Chirurg . „ Man weiß doch , daß die Frau den Herrn von Hartwich nie leiden konnte und jetzt tut sie , als wolle sie vergehen vor Jammer ! “ „ Glaubt nur nicht , daß es ihr Ernst ist , “ brummte der Knecht , „ die tut nur so ! “ „ Ja , ja ! “ bestätigte Rieke , „ sie hat keine Träne vergossen — keine Träne , wie sehr sie sich auch mit der Schürze die Augen rieb ! “ „ Glaubt sie , Rieke ? “ fragte eine andere Magd . „ Nu freilich ! “ beteuerte Rieke schlau ; „ das ist ganz sicher , sie hat sich ja nicht ein einziges Mal die Nase geputzt ! “ „ Sie wollte vielleicht nicht die gute Schürze dazu gebrauchen , “ meinte die Andere begütigend . „ Ach was , “ fuhr Rieke , ohne sich irre machen zu lassen , fort : „ wer wirklich ordentlich weint , der muß sich die Nase putzen — er mag wollen oder nicht , und der nimmt , was er gerade in der Hand hat — und wer das nicht tut , dem glaub ’ ich auch nicht , daß er rechtschaffen betrübt ist , er mag mir vormachen , was er will ! Hat Einer von Euch schon , jemals geweint , ohne daß es Wasser gab ? Ich nicht ! “ „ Ich auch nicht ! “ riefen Mehrere . „ Es ist , wahr , sie hat Recht , “ murmelte der Haufe durcheinander , „ weder er noch sie haben sich geschneuzt . Das ist doch ein geriebenes Paar ! Uns für so dumm zu halten , daß wir nicht merken sollen , wie froh sie über des Herrn Tod sind . — Schade , daß das viele Geld in keine besseren Hände kommt . “ Damit zerstreuten sich die Leute und Jeder ging wieder gleichgültig an seine Arbeit . „ Das wäre so weit gut abgelaufen , “ meinte Leuthold , als er mit Bertha wieder oben ankam ; „ aber ein Genie für die Bühne hast Du nicht . “ „ Sei froh , da bist Du doch sicher , daß ich Dir nie eine Komödie vorspielen werde , “ sagte sie und schüttelte sich , als wolle sie den schrecklichen Eindruck des Gesehenen abschütteln , wie den Staub von ihrem Kleide . Das Mädchen war indessen mit dem Kinde zurückgekehrt und hatte den Tisch gedeckt . „ Wir wollen uns heute eine Flasche Champagner erlauben ! “ sagte Leuthold und nahm die Kellerschlüssel . „ Auf eine so große Gemütsbewegung bedarf man der Stärkung ! Laß auch die Lene Eis herauf holen . “ Damit ging er hinaus . Frau Bertha schickte das Mädchen nach dem Gewünschten und dachte selbstzufrieden : „ Die Eisgrube war doch der beste Gedanke meines Lebens ! “ Ihr Töchterchen , das noch vermöge seiner Fülle etwas unbeholfen , war einstweilen unter den Tisch gekrochen und hatte sich dann an dem herabhängenden Tischtuchzipfel aufrichten wollen , letzteres schlug jedoch fehl , da das Tuch nachgab , und ein paar herabfallende Teller und Messer begruben Gretchen unter sich . Bertha riß das schreiende Kind in die Höhe , gab ihm einige derbe Klapse , die weithin schallten und rief zornig : „ So , jetzt weißt Du doch , warum Du heulst ! “ Dann trabte und stampfte sie mit ihm im Zimmer auf und ab , um es zu beruhigen , weil sie wußte , daß ihr gestrenger Gatte kein Kindergeschrei hören wollte . Gretchen wurde eben noch zu rechter Zeit still , als der Papa mit dem Champagner eintrat . Lene brachte Eis und die Flasche wurde hineingestellt . Während sich das Ehepaar zu Tische setzte , ließ Bertha die Trümmer der herabgefallenen Teller wegräumen . „ Ach Gott ! “ murmelte sie , „ nichts als schlechte Zeichen ! Wenn nur unser Glück nicht wie dies Porzellan in Stücke geht ! “ „ Unverbesserliche Närrin ! “ schalt Leuthold , „ wenn wir Alles , was wir wünschen , so sicher hätten , wie unser in gerichtlichen Dokumenten niedergelegtes Erbe , dann tummelte sich in einem Fürstensaale Gretchens künftiger Mann , — dann stünde jetzt schon der beste französische Koch an unserem Herde , — dann . . . “ „ So ! “ unterbrach ihn Bertha gereizt , „ genügt Dir meine Kochkunst nicht mehr , daß Du Dir einen Franzosen wünschest ? “ „ Nur ein solcher wäre im Stande , Dich zu ersetzen , “ erwiderte der Gatte , der sich einstweilen in der feinen Liebenswürdigkeit üben wollte , welche er später den Damen der großen Welt gegenüber zu gebrauchen dachte . Er küßte ihr die Hand und fuhr schmeichelnd fort : „ Ich wünsche nicht , daß diese rosigen Finger sich ferner an glühenden Fleischtöpfen versengen und an Reibeisen verwunden . Überlasse Du das einem im Feuer gestählten Jünger der Gastronomie ! “ Frau Bertha starrte ihn verwundert an . „ Ja , können denn die Gastronomen auch kochen ? “ „ Nun gewiß , was könnten sie denn sonst ? “ „ Ei , ich glaubte , die guckten nur in die Sterne ! “ Leuthold faltete , wie zerschmettert , die Hände und blickte gen Himmel . „ Großer Gott ! wenn ich mir denke , daß Du dergleichen in einer unserer künftigen Gesellschaften sagen könntest , — da befällt mich eine so tiefe Zerknirschung , daß ich im Stande wäre , mein Vermögen einem geistlichen Orden zu vermachen und mich selbst in ein Büßerhemd zu stecken ! Frau , Frau , muß ich Dich noch den Unterschied zwischen Gastro ­ nomie , Kochkunde und Astronomie — Sternkunde lehren ? ! „ Gastronomie oder Astronomie ! “ sagte Bertha ärgerlich , während sie die dampfende Krebssuppe herausschöpfte , „ es ist besser , daß ich das Kochen ver ­ stehe , als den fremden Namen , den Du ihm gibst . Hättest Du während der zehn Jahre , wo Du zu arm warst , Dir eine ordentliche Köchin zu halten , eine Frau vorgezogen , mit der Du lateinisch reden konntest und die Dir dabei ein Essen hingestellt hätte , das kein Schwein verdauen könnte ? “ „ Nein , gewiß nicht , meine teure Bertha ! " be ­ gütigte der Gemahl , dem das Wort Schwein in dieser Anwendung abermals einen Schauder verursachte , „ man kann indessen Beides vereinigen , wenn man nur will ! Ich fordere nicht von Dir , daß Du der latei ­ nischen oder griechischen Sprache mächtig seist , auch nicht , daß Du unserer Küche Deine treffliche Leitung entziehst — aber Du hättest manches niedrige Hausgeschäft Deinen Dienstboten überlassen können , das Du nur deshalb selbst besorgtest , weil es Dir Vergnügen machte und Du Deine Zeit nicht besser ausfüllen mochtest . Das muß anders werden ; bisher hattest Du den Vorwand , unsere kümmerlichen Ver ­ hältnisse zwängen Dich zu den Arbeiten einer Magd . Von nun an fällt dieser Grund weg , denn ich werde Dir in der Stadt eine anständige Dienerschaft halten und Du kannst Dich alsdann so weit bilden , als es die Kreise , in welchen ich leben will , verlangen . “ Bertha ließ ungeduldig den Löffel in die Suppe fallen , daß sie hoch aufspritzte , und Leuthold blickte sie wieder kopfschüttelnd an , er tat einen tiefen Seufzer , als wollte er sagen : „ ’ S ist Alles vergebens , “ wäh ­ rend Bertha ihren Zorn an der duftenden Brühe ausließ , die sie mit heftigen Bewegungen wieder in die Suppenschüssel zurückgoß , nachdem sie den Löffel ab ­ geleckt und neben sich gelegt hatte . „ Wenn Du das je vor Fremden tust , so hast Du Dich mit dieser einzigen Kleinigkeit zu einer ungebildeten Frau gestempelt und mich blamiert ! “ sagte er ingrimmig . Bertha schlug mit der Faust auf den Tisch , daß die Gläser klirrten . „ Jetzt hab ’ ich aber wirklich genug ! Soll ich nicht einmal mehr essen dürfen , wie ich will ? So lange Du arm warst , und ich mein kleines Aussteuerkapital gehorsam in die Wirtschaft einbrockte0 , um Dir eine anständige Kost zu verschaffen , da war ich Dir recht , da hattest Du nur schöne Worte für mich — und jetzt , wo Du reich bist und ich nichts mehr habe , bin ich Dir auf einmal nicht mehr gut genug und ziehst Du plötzlich ganz andere Saiten auf ! Gott bewahre mich — da hat man ja keine frohe Stunde mehr und am Ende wirfst Du mich noch zum Hause hinaus , wenn ich Dir ’ s nicht recht mache . Im Stande wärst Du ’ s , das seh ’ ich nun ein . O , hätte ich das gewußt ! “ Sie schwieg , weil Lene mit dem Braten erschien , aber ein paar große Tränen rollten ihr in die Suppen ­ schüssel herab , als sie diese dem Mädchen reichte . „ Welch übertriebenes Geschwätz , “ sagte endlich Leuthold , „ sei so gut und schneide das Fleisch , mich hungert ; — Du weißt , daß ich ein anständiger Mann bin , der Gewaltmaßregeln vermeidet , wo er kann . Ich hoffe , Du wirst mich nicht durch störrisches , albernes Benehmen dazu zwingen ! Du wirst die Pflichten anerkennen und erfüllen , die unser Reichtum Dir auferlegt . “ „ Pflichten , Pflichten ? Ich denke , wenn ich reich bin , kann ich mich erst recht meines Lebens freuen und erst recht tun , was ich will — statt dessen soll ich mich in Allem genieren und mir doppelten Zwang auferlegen . Das ist gerade , wie wenn Du mir statt des alten Sofas da ein neues besseres hinstelltest , ich dürfte mich aber dann zur Schonung des kostbaren Überzugs nicht mehr darauf setzen ; da hätte ich ja lieber das alte behalten , auf dem ich mich wenigstens behaglich ausstrecken konnte ! “ Leuthold sah sie lächelnd an . „ Das Ausstrecken auf dem neuen Sofa ist Dir unverwehrt , ich wünsche nur , daß Du zuvor die schmutzigen Schuhe ablegtest , die Du trägst . Verstehst Du das ? “ Diese Erklärung beruhigte Bertha so weit , daß sie ein ansehnliches Stück Fleisch in großen Brocken hinabzuschlingen vermochte . Der Gatte sah ihr dabei von der Seite mit einer eigentümlichen Mischung von Ärger und Humor zu . „ Du wirst Dich jetzt auch daran gewöhnen müssen , mit der linken Hand die Gabel zu halten , “ sagte er endlich . „ Herr Jesus ! “ fuhr Bertha wieder auf , „ was liegt denn an einer solchen Kleinigkeit ! “ „ Sehr viel , meine Liebe ! Solche an sich gering ­ fügige Formsachen bezeichnen den Bildungsgrad , wie der Quecksilberstand im Thermometer den Wärmegrad : eine Linie auf oder ab ist schon von Bedeutung . Wenn Du die Gabel mit der ganzen Faust packst wie eine Heugabel , das Messer weglegst und mit der rechten Hand die Bissen zum Munde führst , — so weiß jeder Gebildete , daß Du nicht in vornehmer Gesellschaft zu speisen gewöhnt bist und sagt : ‚ Es ist eine ordinäre Frau ! ‘ — Ich gebe zu , es ist eine Geringfügigkeit an sich und für jeden denkenden Menschen eine Lächerlichkeit . Aber es hat doch einen Sinn und Zweck : solche peinlichen Formen sind kleine stillschweigende Erkennungszeichen , durch die sich der Feingebildete von dem Halbgebildeten unterscheidet . Gerade weil sie an sich so unbedeutend sind , bemerkt sie der Uneingeweihte gar nicht und eignet sie sich daher nicht an . Steckt er aber in Silber und Gold — die Unkenntnis dieser Dinge verrät ihn als Parvenü . Wer sich in Kreise aufschwingen will , in denen er , wie Du , nicht erzogen ist , der muß ihnen vor Allem ihre konventionellen Geheimnisse ablauschen , um nicht mit Schande zu bestehen ! “ „ Ach , was ist das wieder für eine Moralpredigt ! “ seufzte Bertha . „ Na warte nur , an Dir habe ich heute genug gekriegt , — Du bist ein ganz herzloser Mensch , der nur gut mit mir war , so lange er mich brauchte . Ich muß es hinnehmen , wie es kommt , denn ich bin arm und hilflos , seit ich mit dem Vater überworfen bin , aber satt hab ’ ich Dich , das kannst Du glauben . “ Leuthold lächelte . „ Und wenn diese Sättigung eine so nachhaltige wäre , daß sie jede andere überflüssig machte , so würdest Du dich von mir trennen — da dies jedoch leider nicht der Fall ist und Du nebenbei eine Freundin guter Mahlzeiten bist , die Dich an meiner Seite erwarten , so werden diese wohl einen dauerhaften bindenden Kitt zwischen uns abgeben . Ich werde Dich auch großmütig als meine Gemahlin be ­ handeln , so lange Du mir keinen gerichtlichen Grund zur Scheidung gibst , — deshalb sei ganz ruhig , das Los , das Dich erwartet , ist tausendmal glänzender , als Du es je beanspruchtest und zu beanspruchen berechtigt warst . “ Bertha fuhr auf , sie wollte etwas erwidern , doch der Gatte machte ihr ein so gebieterisches Zeichen zu schweigen , daß sie ihren Zorn hinunterschluckte und heftig schluchzend hinaus eilte . Als sie in die Küche trat , nahm eben das Mädchen den Kuchen aus dem Ofen , den sie gebacken . Er war geraten — er war wunderschön ! Das Mädchen stellte ihn zur Abkühlung an das offene Fenster . Bertha trat hinzu und betrachtete ihn wehmütig . Wie viel Mühe hatte sie sich damit gegeben , wie steif war der Schnee gewesen und wie schön war er aufgegangen — aber kein Mensch freute sich nun darüber . Verdiente der böse Gatte , daß sie ihm einen solchen Genuß bereitete — verdiente er es , dieses Meisterwerk zu verzehren ? Aber wie es so da lag , so rund und hoch , so braun und duftig , da trockneten allmälig ihreTränen und es überkam sie eine versöhnlichere Stimmung , ein freudiger Stolz ; dies Rezept besaß in der Gegend Niemand , diesen Kuchen buk ihr Niemand nach ! Sie dachte an das Entzücken aller der Leute , welche ihn künftig an ihrer Tafel verspeisen würden , an die Bedeutung , welche sie wenigstens nach dieser Richtung hin gewinnen werde — und als sie sich eine Zeit lang diesen Betrachtungen überlassen , da war sie wieder ganz wohlgemut und nun faßte sie auch den Entschluß , ihr Licht nicht unter den Scheffel zu stellen und den Gemahl nicht mit Entziehung des Leckerbissens zu strafen , sondern ihm vielmehr durch denselben zu imponieren : er sollte nur sehen , gegen welche Frau er sich so eben vergangen hatte ! Wenn er diesen Kuchen kostete , mußte ihn ja seine Härte von vorhin reuen ! Sie ergriff die Platte und trug sie auf einer Hand hoch emporgehalten nach Art der Kellner in das Eßzimmer , sie mit siegreicher Miene vor den Gemahl hinstellend . „ Nun , das ist ja sehr schön ! “ sagte er wohl ­ gefällig , bald auf das runde hübsche Gebäck , bald auf die runde hübsche Bäckerin blickend — und dieser Aus ­ druck der Zufriedenheit hob Bertha auf den Gipfel des Glücks und Ruhmes und sie fühlte sich jetzt mo ­ ralisch berechtigt , ein Glas Champagner zu fordern . Der Gatte löste vorsichtig mit der Serviette den Kork , um das verräterische Knallen zu verhüten , welches nicht wohl in ein Trauerhaus paßte , und goß ihr den kalten perlenden Trank ein . „ Komm , “ sagte sie , ihm das Glas hinhaltend , „ wir wollen anstoßen : ein Vivat dem guten Hartwich , der uns zu so reichen Leuten machte ! “ „ Da er nun tot ist , will ich ihn gern leben lassen , “ sagte Leuthold lächelnd und stieß mit der Gattin leise an . „ Er lebe hoch — oben im Himmel und es sei ihm dort so wohl , als es uns hier unten mit seinem Gelde sein wird ! “ Beide leerten ihre Gläser , wenn auch nicht mit der gleichen Schnelligkeit , bis zur Neige und Bertha , die natürlich zuerst fertig war , stülpte das Glas auf den Tisch und lief in das Nebenzimmer , wo Gretchen Mittagsruhe hielt . Sie riß das schlafende Kind aus dem Bettchen , schüttelte es und schrie : „ He ! wach auf , ’ s gibt Kuchen ! “ Die Kleine , die noch nicht ausgeschlafen hatte , fing heftig erschrocken zu weinen an und war erst zu beruhigen , als der Papa ihr das in den Mund stopfte , was ihr die Mutter so ungestüm verheißen , und sie zärtlich in den Armen wiegte . „ Du verstehst es nicht einmal , mit Deinem eige ­ nen Kinde umzugehen , “ murmelte Leuthold , „ wie soll das werden , wenn unsere Nichte zu uns kommt ? “ „ Was ! “ rief Bertha , „ muß ich denn den Wechselbalg bei mir aufnehmen ? “ „ Bei mir nimmst Du ihn auf — ja ! “ „ Aber ich denke doch , wir geben sie in ein Institut ? Du versprachst es mir ja ! “ „ Wenn Ernestine durchgebracht wird , — was dem alten Praktiker , dem Heim , wohl gelingen könnte , — dann bleibt sie jedenfalls für Monate so schwach , daß wir sie nicht in fremde Hände geben dürfen , ohne uns schwerem Tadel auszusetzen . Du wirst Dich daher darein fügen müssen , den unwillkommenen Gast unter unserem Dache zu beherbergen , bis man ihn anständiger Weise abschütteln kann . Daß dies , so bald nur irgend tunlich , geschieht , dafür bürge ich Dir . Also sei nun ruhig und verbittere mir nicht diesen Freuden ­ tag durch unnützes Gezänk ! “ Frau Bertha ließ die volle Unterlippe weit herabhängen , während Gretchen auf ihrem breiten Knie „ Hottopferd “ machte . — Der düstere Vorsatz stieg in ihr auf , der verhaßten Stiefnichte nie etwas von den Kuchen zukommen zu lassen , die sie buk . Für diese „ Kröte “ war solch leckere Speise weitaus zu gut . Sie wagte keinen entschiedenen Widerspruch gegen den Willen des Gatten , aber sie tröstete sich mit dem Ge ­ danken , daß sie als Hausfrau Gelegenheit genug habe , sich an Ernestinen für den Zwang zu rächen , den ihr Leuthold auferlegte . Einen Sündenbock mußte sie nach Art gemeiner Naturen doch haben , und da sie den Ge ­ mahl dazu nicht machen konnte , so sollte es das wehrlose Mädchen werden . Leuthold , der dies Brüten an seiner Frau nicht gewohnt war , berührte leicht ihre Schulter . „ Nun ? es sieht ja beinahe aus , als ob Du etwas dächtest ? “ fragte er mit Laune . „ Ja , — ich denke auch etwas ! “ versicherte sie nachdrücklich . „ Ich denke , daß es ein rechtes Hundeleben gibt , so lange ich das kränkliche , böse Kind ver ­ pflegen muß und daß mir doch kein Mensch lohnen wird , was ich tue — “ Sie mußte schweigen , denn Gretchen hielt ihr mit solcher Kraft die Nase zu , daß ein großer Teil des zu dieser Rede nötigen Luftstromes abgesperrt ward und der Klang ihrer Stimme nicht mehr den gewünschten Eindruck auf den ästhetischen Gemahl hervorbrachte , dessen Lippen bereits ein verhängnisvolles Lächeln umspielte . Das Essen war vorüber , Leuthold legte die Serviette zusammen und stand auf . „ Jetzt muß die Todesanzeige geschrieben werden , es ist die höchste Zeit , “ — sagte er , im Nebenzimmer die Hände waschend und die Nägel bürstend . „ Nähe mir auch den Trauerflor um den Hut . “ Er kam wieder heraus und setzte sich an den Schreibtisch . Bertha stellte ihm eine Tasse schwarzen Kaffee und ein Licht hin . Er zündete sich eine feine Zigarre an , die er beim Schreiben rauchte , während er von Zeit zu Zeit behaglich seinen Kaffee schlürfte . Das Dienstmädchen räumte leise den Tisch ab , Gretchen spielte am Boden mit Papier , das es in Tausende kleiner Fetzen zerriß , um ein Schneegestöber zu veranstalten , und Bertha probierte vor dem Spiegel verschiedene Trauergegenstände an , die sie sich schon längst im Vorrat gekauft hatte . Sie war ent ­ zückt , denn das Schwarz kleidete sie vortrefflich . Es war eine kleine , stillvergnügte Gesellschaft bei einander . Leuthold hatte seine Tasse geleert und legte zugleich die Feder weg . „ So , — das ist gewiß höchst rührend und erbaulich ! Da lies ! “ Er reichte Bertha das Geschriebene , sie las : Gott dem Allmächtigen hat es gefallen , unsern geliebten Vater , Bruder und Schwager , Herrn Karl Emil von Hartwich , Rittergutsbesitzer und Fabrikanten dahier , heute Mittag 12 Uhr von seinen langen Leiden zu erlösen und in ein besseres Jenseits abzurufen . Wer den Verstorbenen und sein segensreiches Wirken kannte , wird unsern tiefen Schmerz zu würdigen wissen und uns eine stille Teilnahme nicht versagen . Unkenheim , 24. Juli 18 . . Die trauernden Hinterbliebenen Fünftes Kapitel . Enttäuschung . Ernestine lag noch immer regungslos in dem breiten Bette der Frau Gedike und an ihrer Seite saß eine kleine , kaum drei Schuh hohe Wärterin , baumelte mit den kurzen Beinchen und dachte darüber nach , wie schön es sein müsse , in solch einem großen , breiten Bett zu liegen , wie ein Erwachsener , und wie schade es sei , daß die arme Ernestine immerfort schlafe und dies Glück nicht genießen könne . Hin und wieder drehte sie das blonde Köpfchen nach dem hinter ihr liegenden Fenster , durch dessen weiße Vorhänge sie einem dunkeln Zuge nachblickte , der sich vom Hause weg dem Dorfe zu bewegte . Als sie ihn nicht mehr sehen konnte , seufzte sie ein wenig und baumelte etwas stärker , als zuvor , mit den Beinen , — ihr kleiner Oberkörper aber bewahrte eine immer gleiche , sehr ehrbare Haltung , denn sie war sich ihrer wichtigen Obliegenheiten wohl bewußt . Man hatte ihr die Be ­ wachung Ernestinens anvertraut , so lange die Dienerschaft der Einsegnung von Hartwichs Leiche beiwohnte . Als diese vorüber war und der Zug nach dem Kirch ­ hofe ging , hatte Rieke die Kleine gebeten , bei Ernestinen zu bleiben , bis die Herren vom Kirchhof kämen , damit sie noch einige Hausgeschäfte besorgen könne . Angelika , denn sie war es , übernahm diesen Auftrag mit Freuden . Sie hatte ihrem Onkel Neuenstein , der Hartwich die letzte Ehre erweisen wollte , keine Ruhe gelassen , bis er sie zu Ernestinen mitnahm . Freilich mußte sie sich bald eingestehen , daß sie sich in ihrem ganzen , sieben Jahre langen Leben noch nicht so gelangweilt habe , wie in diesem stillen Krankenzimmer , wo das einzige Geräusch in dem Gesumme der Fliegen be ­ stand , die sich um den Rest einer Arznei in Ernestinens Löffel rauften ; aber es wurde ihr darum doch nicht leid , sie verhielt sich mäuschenstill , um die Kranke nicht zu stören , und wagte nicht einmal , sie anzusehen , weil sie gehört hatte , man könne Schlafende durch den Blick wecken . Nur das schöne Buch betrachtete sie manchmal , das Ernestine bei sich hatte und ganz zerdrückte , weil sie es nicht aus den Armen ließ . Plötz ­ lich murmelte diese unruhig : „ Ich liege ja verkehrt im Bette ! “ Angelika rutschte erschrocken von ihrem hohen Stuhle herab , lief zur Türe und rief : „ Rieke , Ernestine hat