, bat Onkel Heinrich , der aussah , als wäre ihm die Hochzeit wieder auf den Magen gefallen . » ' s ist so trübselig sowieso , ohne Sang und Klang ! « Nun öffnete sich die Tür , der alte Prediger trat herein , und Onkel Heinrich ging zu ihm hinüber und begrüßte ihn sehr laut , dann verschwand er , 122 um das Brautpaar zu holen . Der Schein der Nachmittagssonne flutete voll in das Gemach und überstrahlte die Kerzen auf dem Kronleuchter und den Kandelabern , und diese Strahlen schimmerten und webten auch um das Paar vor dem Altare . Mild und klar scholl die Stimme des Geistlichen : Im Gotteshause hätten sie sich zum ersten Male in die Augen gesehen , sagte er , sichtbarlich habe der Herr sie zusammengeführt , und was der Herr so geeinet , das solle der Mensch nicht scheiden . Von der Liebe sprach er , die alles erduldet , erhoffet und erträgt . – Trudchen hatte sich den Text selbst gewählt . Dann wechselte der Geistliche die Ringe . Sie knieten nieder zum Segen , und nun waren sie Weib und Mann . Sie traten zur Mutter hinüber . Franz Linden ging es wie Trudchen vorhin , er sah alles anders in dieser Stunde . Er streckte die Hand aus , und weil er keine Worte fand , wollte er mit diesem Händedruck geloben , die ihm eben Angetraute zu schützen , zu halten wie seinen Augapfel , sein Leben lang . Aber Frau Baumhagen küßte die junge Frau zierlich auf die Stirn , legte einen Moment ebenso zierlich die Finger in seine ausgestreckte Rechte und wandte sich dann zu dem Prediger , der ihr glückwünschend nahte . Das junge Paar sah sich an – und als er in ihre bangen Augen blickte , drückte er 123 den Arm fester , der in dem seinigen lag . Und da wurde sie ruhig , fast heiter . Onkel Heinrich hatte das Hochzeitsdiner angeordnet . Im Eßzimmer , das nach Norden gelegen , waren die Vorhänge geschlossen und die Lichter angezündet , der ganze Silberschatz des Hauses blitzte und funkelte auf der Tafel . Der alte Herr verstand es . Er hatte in der letzten Zeit zwar schlaflose Nächte darum gehabt , aber dafür war das Menü auch raffiniert , wie er sich ausdrückte . Schade nur , daß er , die Tante Stadträtin und Artur die einzigen waren , die es zu würdigen verstanden , nach seiner Meinung . Man kam doch nicht über die frostige Stimmung hinaus . Nicht einmal bei Onkel Heinrichs Toast , nicht einmal beim Sekt . Der alte Egoist verzweifelte fast . Als man sich zum Kaffee erhob , suchte Trudchen ihr Zimmer auf . Nach einer Viertelstunde trat sie in anderer Toilette in den Flur . Dort stand er , ihrer wartend . Von drinnen scholl nur das gedämpfte Sprechen der Tischgesellschaft heraus , hier war es lautlos still . Sie blickte sich nochmal um und nickte der alten Dielenuhr zu . » Adieu , Sophie ! « sagte sie dann , als sie an seinem Arm die Treppe hinunterschritt , und die Alte sich plötzlich weinend über das Geländer beugte , » grüß sie alle noch tausendmal ! « Hellerleuchtete Fenster schimmerten ihnen entgegen , als Franz sie in Niendorf aus dem Wagen 124 hob und die Stufen hinaufführte . Wolkenverhangen war der Himmel und wunderbar weich und duftig die frühe Lenzluft . » Tritt ein ! « bat er und öffnete die altersbraune Haustür . » Oh , so viel Rosen ! « kam es entzückt von ihren Lippen . – Das Geländer der Treppe , die Türrahmen , die Ketten , an welchen die Lampe hing , alles war verschwenderisch mit Rosen geschmückt , und bei dem matten Lichte glühten und leuchteten sie aus dem dunkeln Grün in lebendiger Pracht . Gute Tante Rosa ! Und Hand in Hand stiegen sie die Treppe empor und schritten den Korridor entlang , es waren nur Gipsfliesen , aber ganz mit duftenden Tannen bestreut . » Und hier unser Wohnzimmer , Trudchen , bis das deine eingerichtet ist . « Sie war auf die Schwelle getreten und sah hinein mit neugierigen Augen . Unendlich traut und heimlich lag es vor ihr , das niedrige Gemach , freundlich erhellt vom Lampenschein . Winselnd vor Freude sprang der schöne Jagdhund an seinem Herrn empor , den er heut den ganzen Tag hatte entbehren müssen . Sie trat hinein an seiner Hand in banger Glückseligkeit . » Oh , der schöne Hund und dort dein Schreibtisch , da die Bücherschränke , und welch liebes altes Frauengesicht im Goldrahmen – deine Mutter , Franz ? 125 Ja , so mußte sie aussehen , so habe ich sie mir gedacht ! Und wie wunderhübsch der Teetisch mit den zwei Kuverts ! Ach , Liebster ! « Und das verwöhnte stolze Kind des Reichtums lag weinend an seiner Brust . » Hier – so soll es bleiben , Franz , hier ist ' s warm und hell , hier kann kein bitteres Wort gesprochen werden ! « » Denke nicht mehr daran « , tröstete er . » Alles Böse ist hinter uns geblieben . Hier haben wir das Hausrecht und dulden nur Frieden und Freundlichkeit . « » Ja « , sagte sie , unter Tränen lachend , » du hast recht , was geht uns die Welt da draußen an ! « Sie standen zusammen vor seinem Schreibtisch ; dort prangte eine Majolikaschale voller Frühlingsblüten . » Der köstliche Veilchenduft ! « flüsterte sie tiefatmend und wand sich aus seinen Armen . Eine Visitenkarte lag in den Blumen . Beider Hände streckten sich danach aus . Die herzlichsten Glückwünsche zur Vermählung sendet E. Wolff , Agent . lasen sie . » Woher kennst du ihn ? Wie kommt er dazu ? « fragten ihre Augen . Aber er warf die Karte achtlos auf den Tisch und küßte sie auf die Augen . 126 Es ist köstlich , mit seinem Glück dem Lenz entgegenzugehen . Blatt um Blatt trieben die Bäume im Niendorfer Garten , wie grüne Schleier hing es über dem sprossenden Walde , und überall blühten die Veilchen , in Trudchens ganzem Revier duftete es nach den blauen Frühlingskindern . Wie Lerchenschlag drang die Stimme der jungen Frau durch das alte Haus . Wenn Franz sonnenverbrannt vom Felde heimkehrte , flatterte oben aus den blinkenden Fenstern ein weißes Tuch , und kam er auf den Hof , so flatterte es auf der obersten Treppenstufe in ihrer Hand . » Liebster , da bist du ! « sagte sie dann innig . Und die Spaziergänge im Walde , die Abende , wenn er vorlas , und dann die Einrichtung des Hauses ! Wie süß war es , zusammen zu beraten , auszuwählen , einzukaufen , und wie freuten sie sich beide , wenn sie genau das nämliche gedacht hatten . So putzte sich allmählich das alte Haus . Tapezierer und Handwerker schafften darin , nur Frau Rosas Zimmer blieb unbehelligt und das traute Stübchen des Hausherrn , in dem sie ihre glücklichsten Wochen verlebt hatten . Und heute war alles fertig , gemütlich und wohnlich , aber ohne jeglichen Pomp . Die niedrigen Räume eigneten sich nicht zur Schaustellung kostbarer geschnitzter Möbel – so hatten sie beide im richtigen Gefühl nur einfache Sachen gewählt . » Wenn wir uns später ein neues Wohnhaus 127 bauen , Trudchen , dann wollen wir es schöner einrichten « , meinte er , und sie nickte : » Erst die Wirtschaft , Franz . Uns gefällt es ja so gut in den lieben Räumen . « Der Gartensaal war zum Speisezimmer umgeschaffen . Daneben ein Salon mit dunklen Tapeten und weichen Teppichen , an der Längswand das Hochzeitsgeschenk Onkel Heinrichs , zwei große Ölbilder – eine sonnendurchleuchtete Waldlandschaft und eine Seeküste bei Gewitter . Hinter grünen , üppigen Blattpflanzen leuchtete eine edle , schöne Hermesbüste . Sofas , Sessel und Sesselchen überall , und wo es nur irgend anging , befand sich eine gefüllte Blumenschale . Oben , neben des Hausherrn Gemach war das der jungen Frau hergerichtet , dort stand jetzt des Vaters Bild hinter dem Nähtischchen am Fenster . Die Tür , die die Gemächer verband , war weit zurückgeschlagen , und die bunten türkischen Vorhänge ließen Trudchen von ihrem Fensterplätzchen den Schreibtisch sehen , an dem er arbeitete . Und aus dem Fenster konnte der Blick hinausschweifen über den grünenden Garten zu den bewaldeten Bergen und weit und weiter , bis dort , wo sich der ferne Brocken in Wolken verhüllt . Die junge Frau hatte alle Spinde eingeräumt . In der Küche war das letzte Stückchen des neuen Geschirres an die Haken gehängt und blinkte und glitzerte in dem hereinfallenden Sonnenstrahl , als 128 wäre alles eitel Gold . In der Speisekammer standen Büchsen und Töpfe in Reih und Glied , und mit glücklichem Lächeln drehte sie den Schlüssel im Schloß und tat ihn in das funkelnagelneue Körbchen an ihren Arm . » Komm , Franz « , sagte sie zu ihm , der diese Herrlichkeit hatte bewundern müssen , » nun wollen wir noch einmal durch alle Stuben gehen . « » Es sind nicht viele , Trudchen « , lachte er . » Oh , genug für uns , Franz , wir brauchen nicht mehr . « Und sie gingen durch den Gartensaal und freuten sich über das stattliche Büfett und über die Lampe aus poliertem Messing , die über dem großen Eßtisch schaukelte . Sie traten in den Salon und freuten sich an den Bildern , welche die Sonne so schön beleuchtete ; und dann blieben sie stehen , sahen sich in die Augen und küßten sich . » Das ist alles so , wie ich es gern habe , Franz « , sagte sie , » einfach und gediegen . Nur nichts Falsches , nichts Nachgemachtes . Ich hasse den Schein . Es soll alles echt sein , so echt und wahr wie meine Liebe und wie dein Herz , du großer , lieber Mensch . – Und in der Wirtschaft ist jetzt alles komplett « , fuhr sie fort und nahm ein Fäserchen vom Teppich auf , » Franz , gar nicht zum Wiedererkennen , es ist das schmuckste kleine Gut weit und breit . Franz , sieh , und das alles hat noch lange nicht so viel gekostet , wie Jennys Aussteuer und Hochzeitsreise . « 129 Sie waren in die offene Saaltüre getreten , und der junge Mann sah mit leuchtenden Augen über den Garten hinweg und zu den Wirtschaftsgebäuden hinüber , die ihr schadhaftes Ziegeldach mit bläulich glänzendem Schiefer vertauscht hatten . » Du hast recht , Trudchen , es ist ein hübscher Anblick , wir wollen oft hier sitzen . – Und übermorgen beginnt der Bau der neuen Scheune ; sie soll fertig sein , wenn wir den ersten Roggen einfahren . « » Du « , fragte sie neckend , » denkst du noch immer so wie damals , acht Tage nach unserer Hochzeit , als wir zum ersten Male dieses Thema besprachen und du dich recht kindisch betrugst und absolut nichts von dem nehmen wolltest , was dir von Gottes und Rechts wegen zukommt ? Und es lieber den Kühen in den Futtertrog regnen lassen wolltest und den Knechten in die Betten ? « » Nein « , sagte er , » nicht mehr , Trudchen . « » Warum , du Eisenkopf ? « » Weil wir uns lieben , namenlos lieben – « » Das Beiwort ist gar nicht nötig « , tadelte sie . » Glaubst du nicht , daß man namenlos lieben kann ? « fragte er scherzend . » Es klingt wie eine Phrase ! « Er lachte jetzt hell und zog sie an die Brüstung der Veranda . » Unser Heim ! « sagte er . » Komm , laß uns durch den Garten und ein Stückchen in den Wald gehen . « 130 Und andern Tags öffnete Trudchen die Fenster der Logierstube und rüstete dort alles aufs beste . Festlich gedeckt stand die Tafel im Saal und Franz fuhr mit der neuen Equipage nach der Stadt , um den Amtsrichter vom Bahnhofe abzuholen . Sie freute sich ihn kennenzulernen , Franz hatte ihr so viel erzählen müssen von dem Freunde . Sie hatte sich königlich amüsiert über die drollige Personalbeschreibung , daß er in den Gesellschaften mitunter nicht so recht vom Flecke komme und in der Absicht , ein Kompliment zu sagen , häufig eine wunderbare Grobheit herausbringe , zu seinem eigenen Erstaunen . Sie wollte sich ganz besonders für diese » Seele « von einem Menschen , wie Franz ihn nannte , putzen . Sie steckte eine Spitzenrosette ins Haar ; das hatte Franz gern , es sah so frauenhaft aus , beinahe wie ein Häubchen . Als sie mit dem graziösen Attribut ihrer jungen Würde an den Toilettentisch trat , um in den Spiegel zu schauen , sah sie dort einen Maiblumenstrauß , und um seinen Stiel gewunden ein Zettelchen . » Von ihm , von Franz « , flüsterte sie und wurde rot vor Freude . Er hatte ihr so lächelnd » Adieu ! « gesagt . Eilig wickelte sie das Papier von den Blumen und las : » Ich hab ' Dich › namenlos ‹ geliebt ! Was schaust Du mich verwundert an ? Und warum fragst Du schier betrübt , Wieso ich dieses Wort ersann ? 131 Weil lieben schon so herrlich sei , Daß es des Beiworts nicht bedürfe ? Es wär ' , als ob man in dem Mai Noch mit gemachten Blüten würfe ? Du hast wohl recht ; doch gib die Hand Und hör , wie mir die Worte kamen , Als mir Dein Blick ins Herz gebrannt , Da kannt ' ich längst nicht Deinen Namen . Ich sah nur Deiner Augen Paar , So süß wie ich sie heute kenne . Und wußt ' es gleich , daß Dein ich war , Und wußte nicht , wie ich Dich nenne , Noch wo Dein Haus , und wer die Deinen , Und wer davon mir Kunde gibt ! Will Dir das Wort so recht erscheinen ? Ich hab ' Dich › namenlos ‹ geliebt ! « » So redet er sich heraus « , flüsterte sie mit seligen Blicken und drückte das Papier an die Lippen . » Ja freilich , das ist richtig › namenlos ‹ ! « – Es war ja ihr Lieblingsgespräch , daß sie sich schon gern gehabt hatten , ehe sie wußten : woher , wohin ? Sie war doch eine sehr glückliche Frau , eine zu glückliche Frau ! Und sie steckte die Maiblumen an die Brust , den kleinen Zettel in die Tasche , nahm den Schlüsselkorb und ging noch einmal im Speisezimmer musternd um die Tafel . Und weil sie weiter nichts vorhatte im Moment , klopfte sie an Tante Rosas Tür , die nur durch einen schmalen Flur vom Saale getrennt war . 132 Die alte Dame saß am Fenster und machte Rosen . Es sollte eine Hochzeit im Dorfe sein um Pfingsten . Ihr gegenüber hatte ein kleiner Herr Platz genommen , der jetzt die eintretende junge Frau mit einer tiefen Verbeugung begrüßte . » Bitte tausendmal um Entschuldigung , gnädige Frau – ich wollte Ihren Gemahl sprechen – höre , daß er ausgefahren ist , da hat mir das Fräulein gestattet , hier zu warten . « » Was sagt er , Frau Gertrud ? « fragte die alte Dame , ihr die Hand reichend , » ich habe ihm gar nichts erlaubt ; er kam herein – und da ist er . « » Mein Name ist › Wolff ‹ , gnädige Frau « , stellte sich der Agent vor . » Müssen Sie meinen Mann heute notwendig sprechen ? Wir haben Besuch zu Mittag , es paßt sich schlecht . Kann ich es nicht ausrichten ? « erkundigte sich Trudchen . » O nein ! nein ! « wehrte er entschieden ab mit neuen Verbeugungen . » Ich muß Herrn Linden selbst sprechen , kann aber wiederkommen , ' s ist ja nicht so umständlich , bin früher täglich den Weg gegangen . Ich empfehle mich , wünsche den Damen › Guten Morgen ! ‹ « » Was er nur gewollt hat , Tantchen ? « forschte die junge Frau , als er gegangen war . » Nun , was er bei mir wollte , kann ich Ihnen sagen – ausfragen wollt ' er mich . Am liebsten hätte er durch die Schlüssellöcher geguckt , um zu 133 wissen , wie es aussieht bei euch drüben . Aber setzen Sie sich doch , junges Frauchen . « Die beiden verstanden sich ganz gut . Zuweilen trank die alte Dame bei Trudchen Kaffee , und dann mußte sie viele Fragen beantworten . Ganz zufällig war es da herausgekommen , daß sie eine Schulkameradin von Trudchens Großmutter gewesen war , aus der engen Gasse . Bisweilen gingen sie auch zusammen spazieren , und Trudchen lernte die Dorfleute kennen , erfuhr , wo es Arme gab , und ein wenig von der Chronik des Ortes . Tante Rosa zeichnete in etwas schroffen Strichen , es gefiel ihr nicht leicht jemand , dafür war aber Linden nächst einer jungen Nichte ihr Abgott . » Er ist so anständig « , pflegte sie ihn zu loben , » er ist so galant , auch gegen die Alten . « Und Trudchen vergalt ihr dies Kompliment und erklärte , sie könne sich das Haus gar nicht ohne Tante Rosa denken . Heute litt es die junge Frau nicht lange in dem Rosenstübchen . Es war sonderbar , sie ängstete sich um ihren Mann . Wenn ihm nur nichts mit den neuen Pferden passiert , dachte sie und trat auf die Veranda . In Blütenpracht lag der Garten unter der Mittagssonne vor ihr , einsam und still allenthalben . Dann flog ein Schatten über ihre Züge . Dort hinten , unter den Kastanien , wo die Sonnenstrahlen wie goldene Flocken durch das Blättergewirr brachen , ging ein Mensch . Kein Zweifel – 134 er war es , der aus Tante Rosas Stübchen . Wie kam er dazu , in den Garten einzudringen ? – Wo hatte sie doch seinen Namen schon gehört ? Sie schreckte empor , als hätte sie etwas Unangenehmes berührt . » Wolff « – der Name stand auf der Visitenkarte , die dem Blumenkorbe beigegeben war , der am Hochzeitsabend – ja freilich ! Aber sie hatte den Mann auch schon gesehen – wo doch gleich ? Vielleicht bei Artur , draußen in der Fabrik ? Es konnte sein . Sie hob den Kopf , und ihre Augen leuchteten wieder . Dort bog der Wagen in das Gittertor . Er lenkte die Pferde und im Fond des leichten Gefährts saß , neben dem erwarteten Freunde , Onkel Heinrich und schwenkte sein rotes Taschentuch . Die Herren waren in allerbester Stimmung ; es wurde eine lebhafte Begrüßung . » Jetzt sieht ' s hier anders aus , Franz « , sagte der kleine Amtsrichter und klopfte Linden auf die Schulter und schüttelte der jungen Frau die Hand . Er war so vergnügt , daß er sich sogar nach Tante Rosa erkundigte . » Oh , siehst du , Kind « , entschuldigte Onkel Heinrich sein Kommen , » ich wäre nicht schon wieder hier , aber der Wirt im › Deutschen Hause ‹ ist gestorben heute früh , ich kann da nicht essen , ' s ist mir nicht möglich . Du hast doch Spargel ? « » Wird nichts verraten , Onkelchen ! « Sie legte ihren Arm in den des alten Herrn und schritt zwischen ihren Gästen die Stufen hinauf . Oben 135 wandte sie den Kopf zurück und trat dann rasch an die Brüstung der Veranda . Dort stand dieser Wolff wie hingezaubert vor ihrem Manne , den Hut devot in der Hand , und sein Gesicht war eitel Lächeln . » O la la ! « sagte Onkel Heinrich , » wo kommt der her , Trudchen ? « Der Amtsrichter sah unter seiner blauen Brille hervor mit gespannter Aufmerksamkeit auf die beiden Herren . Jetzt winkte Linden kurz mit der Hand und sie schritten den Weg entlang , der nach dem Gittertor und zum Hofe führte . Wolff immer eifrig sprechend . Trudchen bog sich weit über das Eisengeländer . Es kam ihr vor , als ob Franz unwillig sei . Nun standen sie still , Franz öffnete die Gittertür und wies plötzlich mit einer nicht mißzuverstehenden , sehr energischen Gebärde hinaus . Herr Wolff zögerte , er sprach wieder . Da noch einmal , noch heftiger die stumme Gebärde , und wie ein Blitz verschwand der kleine Mann . Klirrend fiel die Tür ins Schloß , und Franz kam zurück , aber langsam , als müsse er sich erst sammeln , und dunkelrot , wie nach heftigem Ärger . Sie ging ihm entgegen , aber fragte nicht . Vor den Gästen wollte sie ihn nicht zum Reden bringen . Sie drückte nur verstohlen seine Rechte und sprach heiter über die Freude , Besuch zu haben . » Scharmant ! « sagte er zerstreut , » aber bitte 136 Trudchen , unterhalte dich mit Onkel Heinrich . Richard , komm einen Augenblick – ich muß – ich will dir deine Stube zeigen . « Und die Freunde gingen zusammen hinaus . » Weißt du auch , daß du nachmittag noch mehr Gäste bekommst ? « fragte der alte Herr , sich behaglich im Salon niederlassend . » Deine Mutter und Fredrichs . Sie sind gestern zurückgekehrt . Tausend Wetter , sieht Frau Jenny fesch aus ! Und , Gott sei Dank , ist auch das Milchgesicht , der Artur , ein bißchen von der Sonne angebräunt . « » Ja « , sagte Trudchen , » er war noch vier Wochen mit ihnen an den italienischen Seen . « Und als besinne sie sich jetzt erst : » Wie es mich aber freut , daß Mama gleich herauskommen will ! Ach , Onkel , wenn sie sich doch mit Franz aussöhnte ! « » I was , Trudchen , sorge dich nicht , wird sich schon machen . Er ist nicht der Mann , der sich etwas gefallen läßt . « » Was nur dieser Wolff von ihm wollte ? « » Hm ! – Wo , um ' s Himmels willen ! bleiben sie denn aber ? « fragte ungeduldig der Onkel . » Hungert dich ? « erkundigte sie sich zerstreut . » Hungern ? Wie kann man so plebejisch fragen ! für den Hunger tut ' s ein Gericht Schweinefleisch mit Rüben . Ich habe Appetit , mein Kind ! O la la – der Spargel wird schlecht werden , wenn die beiden so lange bleiben . « – Es war ein sehr behagliches Bild , das sich der 137 Frau Baumhagen darbot , als sie nebst Jenny und Artur vor den Stufen der Veranda anlangte . Man saß eben noch beim Nachtisch , und Onkel Heinrich , die Serviette im Knopfloch , das erhobene Champagnerglas in der Hand , rief ihnen an der Saaltür ein kräftiges » Willkommen ! « entgegen , während das junge Paar eilig die Stufen hinabschritt . Trudchen mit purpurroten Wangen . Sie war so stolz , so glücklich . Frau Baumhagen sah erstaunt auf ihr Kind . Das blasse , stille Mädchen war aufgeblüht wie eine Rose ; » es sind doch die Flitterwochen « , sagte sie sich , und unablässig folgten an diesem Tage ihre Augen der jüngsten Tochter . Unter der Kastaniengruppe stand der Kaffeetisch ; es war ein köstliches Fleckchen . Über den grünen Rasenflächen , an prächtig belaubten Bäumen vorbei schweifte der Blick zu dem gemütlichen alten Wohnhause hinüber , mit seinem efeubewachsenen Dache und dem hohen Giebelfeld . Die Türen des Gartensaales standen offen , an der Fahnenstange flatterte lustig ein schwarzweißer Wimpel . » Ein Idyll , wie eine Idylle von Voß ! « lachte der kleine Amtsrichter . Der junge Hausherr führte galant die Schwiegermutter durch die Gartenwege . Jede Wolke war von seiner Stirn geschwunden , er war heiter und liebenswürdig . » Aber sehr sicher ! « raunte Frau Jenny ihrer Mutter später zu , » er fühlt sich als Wirt und 138 Hausherr . « Das unbehagliche Gefühl , das ihn sonst seiner Schwiegermutter gegenüber nicht verlassen hatte , war gewichen . Zu ihrem Erstaunen erlaubte er sich , ihr ein paarmal ganz ruhig zu widersprechen – das hatte Artur nie gewagt . Und Trudchen , wie lächerlich ! Während sie in ihrer ruhigen Weise am Kaffeetisch waltete , flogen ihre Augen beständig zu ihm hinüber , sobald er sprach . » Wie du willst , Franz . « – » Was meinst du dazu , Franz ? « – Und auf eine Einladung der Mutter , Trudchen möge doch am morgigen Geburtstage der Tante Stadträtin als Gratulantin nicht fehlen , fragte sie lieblich bittend : » Erlaubst du , Franz ? Kann ich den Wagen bekommen ? « » Sicher , Trudchen ! « war die Antwort . Da legte Frau Baumhagen ihre zierliche Kaffeeserviette auf den Tisch und lehnte sich weit zurück in den Gartensessel . Das Kind war wohl nicht recht gescheit ! Das ging über alle Begriffe ! Artur Fredrich aber klatschte lebhaft Beifall ; » Trudchen « , rief er über den Kaffeetisch hinweg , » sprich hier zu dieser « – er faßte die Hand seiner Frau , die sie ihm ärgerlich zu entwinden suchte , » wie sagt doch Käthchen als liebenswürdige Ehefrau zu ihrer Schwester ? › Dieselbe Treue und Ergebenheit , wie sie der Untertan dem Fürsten zollt , die schuldet auch das Weib dem Eheherrn ! ‹ Ist ' s nicht so ? Ach , es klingt so süß für unsereinen , wie eine Botschaft aus der besseren Welt ! « 139 » Gewiß ! « lachte Trudchen , nicht im mindesten verletzt von dem ironischen Tone , » › Der Gatte ist der Herr und der Erhalter , das Licht , das Haupt , der Fürst ; er sorgt für dich , gibt seinen Leib mühseliger Arbeit preis , wenn du im Hause warm und sicher ruhst , und fordert zum Ersatz nicht andern Lohn als Liebe , freundlich Blicken und Gehorsam . Zu kleine Zahlung für so große Schuld ! ‹ – Du siehst , Artur , ich habe meinen Shakespeare im Kopfe . « Frau Baumhagen hob urplötzlich den gemütlichen Kaffeetisch auf . Sie schien echauffiert , denn sie wehte sich heftig Kühlung mit dem Taschentuche . » Gertrud , du mußt uns noch die Einrichtung zeigen « , erklärte sie . » Komm , Jenny – wir wollen die Herren allein bei ihren Zigarren lassen . « » Gern , Mama « , sagte die junge Frau unbefangen . Sie führte Mutter und Schwester durch Küche und Keller , durch die Zimmer , durch das ganze Haus . Im Gartensaal war eine hübsche Frau in blendend weißer Schürze beschäftigt , die Tafel abzuräumen . Trudchen gab ihr im Vorbeigehen leise einen Befehl . » Das ist ja die Johanne , deren Mann damals verunglückte ? « sagte Jenny . » Ja « , bestätigte die Schwester , » ich habe sie als › Mamsell ‹ engagiert . Sie ist sehr tüchtig und ich möchte gern ein bekanntes Gesicht um mich haben . « » Mit dem Kinde ? « fragte spöttisch die Mutter . » Das versteht sich « , erwiderte die junge Frau ; 140 » sie wohnt im Seitengebäude ; ' s ist eine Lust , wie der kleine Kerl hier draußen gedeiht . « Frau Baumhagen zuckte die Schultern . » Wer wohnt auf jener Seite des Hauses ? « erkundigte sich Jenny weiter . » Die Tante Rosa . « » Barmherziger ! Wohl eine Art Schwiegermutter ? « rief die Schwester erschreckt . Trudchen schüttelte den Kopf . » Nein , sie ist eine ganz harmlose Person , ein altes Hausinventar – sozusagen . Aber ich möchte gern , daß Franz seine Mutter hernimmt . Die alte Frau ist so allein und es geht ihr recht kümmerlich . « Jenny lachte hell auf , Frau Baumhagen aber rauschte so heftig in das nächste Zimmer , daß alle Schleifen ihrer etwas jugendlich arrangierten Trauertoilette flatterten und wogten . » Trudchen ! « rief Jenny , » du wirst doch nicht so von Sinnen sein ? « Die junge Frau antwortete nicht . Sie öffnete gelassen eine Schranktür im Korridor und sagte : » Das ist die Gesindewäsche , Jenny . Wir müssen viel haben auf dem Lande . Dort die Spinde für andere Wäsche und für Porzellan , und hier ist mein Zimmer . Bitte , Mama . « » Hätte etwas weniger einfach sein können « , bemerkte die Mutter , die ihr Gleichgewicht wiedergefunden hatte , nur die Röte der Erregung lag noch auf dem runden Gesicht . 141 » Ich wollte nicht so sehr abstechen von Franz , und der hat seine alten Möbel behalten . Wir sind ja überhaupt nur ganz kleine Gutsbesitzer , Mamachen , und haben eben erst angefangen . « Die Frau Mama räusperte sich und nahm Platz in einem der kleinen Fauteuils . Jenny ging im Zimmer umher und beschaute die Nippes und Bilder , wobei sie leise vor sich hinsummte . Trudchen aber stand gedankenvoll vor der Mutter und wie Eis legte es sich um ihr Herz . Es war das alte Gefühl von Fremdsein , das sie immer und immer wieder zurückdrängte von Mutter und Schwester ; nichts war ihnen gemeinschaftlich . Es tat ihr noch immer so