alles so wie sonst , und doch so anders . « » Ja , anders ist es , und viel schöner « , erklärte ich und strich heimlich mit der Hand über meine Kleidertasche , daß der letzte Brief Wilhelms leise knisterte ; » viel schöner , Hanna , du kannst es glauben . « Sie schüttelte das Köpfchen und sah mich an , als könne sie nicht recht begreifen , was jetzt so viel schöner sei . Dann meinte sie : » Ja , du hast keinen Kummer – . Aber das wohlbekannte Trappeln der Pferde und das Rollen des Wagens unterbrach sie . Ich sprang auf und wollte hinauseilen . » Wo willst du hin , Gretchen ? Es wird Besuch sein , oder war Papa ausgefahren ? « Ich besann mich . » Ja , er war in Wiesenau , es ist richtig , und er wird zurückgekommen sein . « Nähen konnte ich nicht . Mich regte es gewaltig auf , Hanna so am Vorabende der Erfüllung ihrer Wünsche zu wissen . Meine Hände zitterten und waren nicht imstande , die Nadel zu halten . Eine Weile blieb alles still , dann hörte ich die Schritte des Barons auf der Treppe . » Guter Vater « , sagte Hanna , » sein erster Gang ist zu mir herauf . « » Guten Tag , mein Herz ! « tönte bald darauf seine sonore Stimme . » Wie geht es dir heute ? « Er küßte sie auf die Stirn . » Schaust ordentlich frisch aus , das ist schön . Nun mußt du aber mal hinunterkommen , ich habe dir etwas mitgebracht , und dieses › Etwas ‹ hat große Sehnsucht nach dir . Komm , gib mir deinen Arm und rate unterwegs , was es wohl sein könnte . « Hanna sah mit den großen Augen verwundert auf ihren Vater und schickte sich eben an , mit ihm zu gehen ; da flüsterte ich ihr zu : » Denk an deinen höchsten , größten Wunsch , du gehst seiner Erfüllung entgegen . « Sie zuckte zusammen und wurde dunkelrot , dann warf sie mir einen flehenden , vorwurfsvollen Blick zu , als wollte sie sagen : warum regst du solche Gedanken in meiner Seele an ? Der Baron aber hob sie wie ein Kind empor und trug sie hinunter . Sie hatte die Arme um seinen Hals geschlungen und den blonden Kopf an den seinen geschmiegt , die Augen halb geschlossen , als träumte sie . Ich blieb zurück mit Angst um sie im Herzen . Man ging nicht eben zart mit ihr um , Schmerz und Freude wurden ihr ohne viel Federlesens entgegengebracht . Diesmal aber war es die Fülle der Liebe , die den Baron so handeln ließ , und der große , starke Mann mochte wohl kaum begreifen , daß auch zu viel Freude solch starke Konstitution angreifen könnte , es lag so in seinem Charakter . Eine halbe Stunde verging . Da flogen leichte Schritte den Korridor entlang , die Tür öffnete sich , und mit geröteten Wangen und freudeverklärten Augen stand Hanna vor mir . » Gretchen , mein Gretchen , wie glücklich bin ich , du mußt kommen , du mußt ihn sehen . Ach , sag mir doch , ist es denn möglich ? « Sie zog mich mit sich fort . » Wußtest du denn darum und sagtest mir nichts , du Böse ? « » Ja , ich kann ja nicht sprechen , du erstickst mich , Hanna . Aber sprich , hast du dich nicht sehr erschreckt ? « » Nein , bewahre , als du mir zuflüstertest , ich solle an meinen heißesten Wunsch denken , da – da wußte ich es , und als mich Papa vor seiner Stube auf die Erde setzte und sagte : » Nun geh hinein und sieh dir dein Geschenk an « , da rief ich schon auf der Schwelle » Heinrich ! « und er war es wirklich . Ja , er war es wirklich und sah strahlend aus , als er , den Arm um seine Braut geschlungen , zu mir sagte : » Nun hat sich alles doch so gut gefügt . « Der Baron ging im Zimmer auf und ab und rieb sich die Hände . » Nur eins ist mir unbegreiflich « , meinte er , » Hanna war gar nicht verwundert . « » Nein , Papa « , lächelte sie , » es mußte ja so kommen , ich wäre sonst gestorben . « » Nun , wie Sterben siehst du heute nicht aus ! Was doch so ein bißchen Freude tut « , bemerkte er . Frau v. Bendeleben war die einzige , die an diesem Tage kein glückliches Gesicht machte . Zwar zwang sie sich zum Lächeln , aber man sah , es kam ihr nicht aus dem Herzen , und als später die Rede auf die Hochzeit gebracht wurde , schlug sie einen ganz ungewöhnlich frühen Termin vor , als wollte sie alles so bald wie möglich abgetan haben und los sein . Heute abend sahen die alten bezopften Götter im Speisesaal auf glückliche Gesichter , denn auch ich saß neben Wilhelm v. Eberhardt und konnte heimlich meine Hand in die seine legen . Er war noch geritten gekommen , um sich mit eigenen Augen von dem Stande der Dinge zu überzeugen . Beinahe wäre ich neidisch geworden , als ich sah , wie Hanna und Bergen so glücklich miteinander verkehrten . Sie hatte tausend kleine Aufmerksamkeiten für ihn , die er wieder mit ebensoviel feurigen Blicken und Worten lohnte , und ich mußte jede Handlung und jedes Wort abwägen und durfte nur scheu und versteckt einmal den Druck der lieben Hand erwidern . Ich glaube , ich sagte auch Eberhardt so etwas , als er mich später ins Nebenzimmer zum Flügel führte . » Gretchen « , bat er vorwurfsvoll , » singe nur , du sollst nachher von mir auch ein Lied hören , das präge dir fest ein . « Als ich Hannas Lieblingslied gesungen , es lautete : Sie saßen im duftenden Garten Unter dem Fliederbaum , Die scheidende Sonne färbte Golden der Wolke Saum . Sie hatte ihr blondes Köpfchen An seine Brust geschmiegt . Es hatten sich ihre Hände Fest ineinander gefügt . Sie waren beide so glücklich Und beide so still zugleich Ist doch die Sprache der Liebe So arm – und dennoch so reich ! und nun wieder in den Speisesaal zurückgekehrt war , setzte er sich an den Flügel , und von seiner schönen Stimme klang mir das reizende Bachsche Lied entgegen : Willst du dein Herz mir schenken . So fang es heimlich an . Daß unsrer beider Denken Niemand erraten kann . Behutsam sei und schweige Und traue keiner Wand , Lieb ' innerlich und zeige Dich außen unbekannt . Die Liebe muß bei beiden Allzeit verschwiegen sein . Drum schließ die größten Freuden In deinem Herzen ein . Es war gut , daß Frau v. Bendeleben sich nicht im Saale befand , daß das Brautpaar sich nur mit sich beschäftigte und dem Baron das Verständnis für solche Dinge abging . Ich glaube , man hätte es mir ansehen können , daß dies Lied mir galt . Von dem Moment an nahm ich mich aber sehr zusammen , und niemand war imstande , etwas zu merken . Durch diese glückliche Wendung der Dinge auf Schloß Bendeleben hatte ich Gelegenheit , meinen heimlich Verlobten öfter zu sehen . Bergen kam häufig herüber und jeden Sonnabend regelmäßig , und Eberhardt verfehlte natürlich nie , ihn zu begleiten . Hanna blühte wie ein Röschen auf . Sie lachte und scherzte beinahe den ganzen Tag . Wir trieben tausend Heimlichkeiten zum Weihnachtsfeste , schlossen uns stundenlang in unserer Stube ein , und selbst Frau v. Bendelebens keineswegs befriedigtes Aussehen vermochte nicht unsere glückliche Stimmung zu stören . Um diese Zeit wurde Hanna gemalt . Der Künstler , ein alter Mann , der beinahe ganz gebückt ging , kam dazu von der Stadt herüber . Er sah mich öfter und bat schließlich , auch ich möchte ihm sitzen . Der Baron , der gerade zugegen war , stimmte lebhaft bei , und so kam das kleine Miniaturbild zustande , das ich auf Wunsch des Barons meinem Vater schicken sollte . Zum ersten Male sagte ich eine Unwahrheit , indem ich dies versprach . Ich schenkte es Wilhelm v. Eberhardt als Christgabe . Es war eine wunderschöne Zeit , die Hanna und ich jetzt durchlebten . Der Jubel , wenn Sonnabends gegen Abend die Hunde auf dem Schloßhofe anschlugen und Hanna mit dem Rufe : » Gretchen , sie kommen ! « die Treppe hinunter und dem kleinen Bergen entgegenflog , der zuweilen wie ein Schneemann aussah und dem das blonde Schnurrbärtchen erst auftauen mußte . Und hinter ihm stand die hohe Gestalt Eberhardts und die lieben Augen suchten beim Schein der Laterne , bis sie an mir hängen blieben . Und dann die Abende im warmen Zimmer vor dem Kamin . Der Baron braute bedächtig einen Punsch , um die erfrorenen Reiter aufzutauen . Es wurde gesungen und gelacht , und es wäre noch schöner gewesen , wenn nicht zu oft die schlanke , schwarze Gestalt des jungen Pastors in unserem Kreise erschienen wäre . Es verging kaum eine Woche , ohne daß er ein paar Abende im Schlosse zugebracht hätte , und Frau v. Bendeleben protegierte ihn sichtlich . Da gab es wegen der Christbescherung für arme Kinder lange Konferenzen . Bald waren Neuerungen in betreff des Schulunterrichts nötig , kurz , er hatte immer irgendeinen Grund , im Schlosse zu verkehren . Ich beachtete ihn wenig , und das , was er mit mir sprach , betraf unbedeutende Dinge . Oft war von meinem Vater die Rede , und ich beantwortete ihm freundlich seine Fragen nach dessen Ergehen . Um so unangenehmer berührte es mich , daß Frau v. Bendeleben zuweilen ein neckendes Wort hinwarf , das darauf deutete , der junge Pfarrer interessiere sich für mich . Ich mied seine Nähe , soviel ich konnte . Zu seiner Mutter war ich nie wieder gegangen , und wenn ich Kathrin besuchte , sah ich nie zu den Fenstern des schmucken Häuschens hinüber , um nicht genötigt zu sein zu grüßen . Kathrin hatte die Nachricht von Hannas Verlobung und baldiger Hochzeit freudig aufgenommen . Sie sah mit Beruhigung die letzte Schranke fallen , die zwischen mir und dem Vaterhause gestanden hatte . Sie dachte ganz richtig : was soll Gretchen noch auf dem Schlosse , wenn die Freundin nicht mehr dort ist , und sie wunderte sich , daß ich Hannas bevorstehenden Verlust mit solch heiterer Ruh « zu tragen schien . Das Weihnachtsfest kam allmählich heran . Frau v. Bendeleben kehrte öfter aus der Stadt mit hochbepacktem Wagen zurück , und prachtvolle Geschenke für die Gräfin Satewski in Wien wurden abgesandt , die übrigens auf die Anzeige von Hannas Verlobung einen sehr kühlen Glückwunsch schrieb , der zwar ganz nach Frau v. Bendelebens Geschmack zu sein schien , die glückliche Braut aber nicht im mindesten aus der Fassung bracht « . Am Tage vor dem Heiligen Abend kamen Bergen und Eberhardt gerade noch recht zur Bescherung der Dorfkinder , die im großen Saal , die Augen erwartungsvoll auf die Tafeln und den brennenden Weihnachtsbaum gerichtet , mit ihren hohen Stimmchen – wobei ich noch den ganzen Gesang halten mußte – » Vom Himmel hoch da komm ' ich her « ertönen ließen . Pastor Renner sprach einige hübsche Worte , und dann krabbelten die Kleinen durcheinander und suchten ihre Plätze an den Tafeln . Hanna und ich waren mitten zwischen ihnen , indem wir hier einem kleinen Mädchen die Puppe und den Stollen einpackten , dort einem stämmigen Jungen mit Flachshaaren , der sich Übergriffe in seines Nachbars Nüsse erlaubte , einen Schlag auf die Finger gaben und ihm drohten : » Na wart , du Bösewicht , im nächsten Jahre gibt ' s nichts ! « Eberhardt half getreulich mit , sein Lachen über die drolligen Danksagungen der Kinder tönt mir noch in den Ohren . Endlich verließ uns die jubelnde Schar , und es wurde wieder Ruhe . » Das war eine Arbeit ! « stöhnte der Baron . » Gut , daß es vorbei ist . « Frau v. Bendeleben hatte schon wieder die Schlüssel in der Hand , und heute mußte selbst Hanna ihren Heinrich auf ein » Wiedersehen bei Tische « vertrösten . Es ging hinunter in die große , gewölbte Speisekammer . Dort wurden die Stollen für die Dienerschaft mit Namen versehen , Äpfel und Nüsse abgezählt , eine Tonne Bier für die Feiertage mit einem großen Kreidestrich bezeichnet , Kisten mit feinem Gebäck und Konfitüren für den Weihnachtstisch ausgepackt und große Portionen Schweinefleisch und Sauerkraut für das morgige Festessen in der Gesindestube ausgegeben . Dann wurde bestimmt , wer die Postsachen morgen zu holen habe , wer Weihnachtsabend und Weihnachtsmorgen zur Kirche gehen solle , und die Leute tummelten sich noch einmal so flink wie sonst . Endlich war alles geordnet , und der Heilige Abend , das wunderschöne Fest für groß und klein , kam im blendendweißen Gewande . Es war kalt und der Schnee glitzerte und blitzte in der Sonne auf den Dächern und Wegen . Die liebe Jugend mit ihren rohgezimmerten Schlitten machte Weg und Steg so glatt , wie ein Parkett im Schlosse , und die warmen , neuen Pelzhandschuhe , die sie gestern abend bekommen , leisteten die vortrefflichsten Dienste beim Aufbau des großen Schneemannes . Im Saale wirtschaftete Frau v. Bendeleben bei verschlossenen Türen . Hanna und ich hatten unsere Geschenke in zierliche Körbe gepackt , um sie noch rasch auf den Weihnachtstisch legen zu können . Dann waren wir im Stalle gewesen und hatten unsere Pferde mit Zucker gefüttert , und nach dem Kaffee sagte Frau v. Bendeleben : » So , nun habt ihr nur noch die Gaben an die alte Werner und den alten Thomas und Lange zu tragen . Ich denke , das laßt ihr euch auch in diesem Jahre nicht nehmen . Johann trägt die Körbe , und du , Gretchen , gehst wohl auch einen Augenblick zur Kathrin , und wenn ihr dann noch die Kirche besucht , so kommt ihr hier gerade recht zur Einbescherung . Heinrich und Wilhelm , ihr braucht wohl nicht erst darum gebeten zu werden , die Mädchen zu begleiten « , wendete sie sich an die beiden jungen Offiziere , die nur zu gern bereit waren . Es dunkelte bereits , als wir durch die große Kastanienallee hinschritten , der Schnee knarrte unter unseren Füßen , und die Sterne am Himmel blitzten durch die kalte , klare Winterluft . Hanna ging plaudernd am Arm ihres Bräutigams voran . Im Dorfe war schon hier und da ein Fenster hell , und jubelnde Kinderstimmen begrüßten den Weihnachtsbaum . Unsere warmen Kleidungsstücke , Äpfel und Stollen hatten wir bald an die alte Frau und die beiden alten Männer ausgeteilt , und » Gottes reichster Segen vergelt ' s ! « tönte uns aus der niedrigen Haustür nach . Johann trug den Korb mit den Geschenken für Kathrin . » Geh nur immer hinein , Gretchen « , sagte Hanna zu mir , » in einer Viertelstunde läutet es zur Christmesse , wir spazieren hier so lange auf und ab . « Der Diener hatte auf meinen Wink den Korb auf die Stufen unseres Hauses gestellt . Ich wollte ihn eben ergreifen : » Darf ich den Korb hineintragen ? « fragte Eberhardt leise . Er bückte sich und setzte flüsternd hinzu : » Bitte , laß mich mit hineingehen in deines Vaters Haus , Gretchen , bitte ! « Dann öffnete er die Tür , und ich trat , ohne eigentlich zu wissen , was ich machen sollte , hinein , gefolgt von ihm . » Bleib wenigstens hier « , flüsterte ich ihm auf dem Flur zu . Ich hatte Angst vor Kathrin . Ich ließ die Tür der Wohnstube trotz der Kälte offen und ging hinein . Kathrin saß am Tische und las im Gesangbuch , ein Päckchen schneeweißer Leinwand , mit rotem Bande gebunden , lag daneben . Die kleine Öllampe warf einen hellen Schein auf das alte , runzelige Gesicht und die gefalteten Hände . » Guten Abend , Kathrin , ich bringe dir meinen Heiligen Christ « , sagte ich . Sie blickte über ihre Brille hinweg und stand auf . » Guten Abend , Kind ! Na , da bist du ja . Aber schließ die Tür , es wird ja kalt hier . « Sie wollte hin und die Tür zumachen , da trat Wilhelm über die Schwelle der niedrigen Stube . Er hatte den großen Mantel im Flur gelassen und die Mütze unter den Arm genommen , als machte er der vornehmsten Dame seine Aufwartung . Kathrin trat zurück und knickste unwillkürlich , als sie die hohe , imponierende Gestalt im dunklen Rahmen der Tür erscheinen sah . Dann heftete sie einen fragenden , mißtrauischen Blick auf mich , die ich wirklich verlegen dastand und meine Nachgiebigkeit bereute . » Guten Abend « , sagte er und bot der Alten die Hand , indem er den schweren Korb auf den Tisch stellte . » Ich trug dem Fräulein den Korb hier herein , er ist ein bißchen zu schwer für sie . « Freundlich lächelnd sah er auf Kathrin herab , die offenbar peinlich berührt war von diesem unerwarteten Besuch . Wie er so dastand , kam mir unabweislich der Gedanke , daß dies « hohe Gestalt nicht in das ärmliche Zimmer passe . Ein beklommenes , ängstliches Gefühl und Kathrins Schweigen machten die Szene noch peinlicher . Ich nahm mich zusammen und sagte in möglichst unbefangenem Tone : » Der Herr ist der Neffe der Frau Baronin . Und nun komm und sieh dir deine Sachen an , gute Kathrin . « Und mit größter Eile fing ich an auszupacken . Die Alte sprach gar nicht . Sie strich wohl mit der Hand über das warme Kleid und die nette Haube , aber die Verlegenheit ließ sie nicht recht Worte finden . » Ich danke schön ! Ach , es ist alles zu gut . « Dann nahm sie die Leinwand . » Kind , ich habe sie selbst gesponnen und gebleicht , sie ist für deine Aussteuer . « Ich ergriff ihre Hand : » Du gute Kathrin « , und ich drückte einen Kuß auf den alten Mund . » Ich werde das Päckchen aufheben « , sagte sie dann . » Wenn du erst hier bist , wollen wir nähen davon . « Eberhardt hatte unterdessen die ärmliche Umgebung gemustert . Ein weiches Lächeln legte sich um seinen Mund . Da klangen durch den stillen Winterabend die Glocken der Kirche und mahnten zur Andacht . » Leb wohl , Kathrin « , sagte ich , » feiere fröhliche Weihnacht . In den Festtagen komme ich einmal zu dir . « » Behüt dich Gott « , erwiderte sie leise , und ihr Auge war schon wieder auf sein Gesicht gerichtet , als wollte sie die Züge enträtseln und sich für immer einprägen . » Adieu , Kathrin « , sagte auch er und bot ihr die Hand . » Adieu « , murmelte sie und blickte ihm starr ins Gesicht . Die dargebotene Hand wollte sie nicht sehen oder hatte sie nicht bemerkt , und er zog sie wieder zurück . Stumm gingen wir nebeneinander zur Kirche . Hanna und Bergen waren schon voran , wir sahen sie nicht mehr . Die Fenster des kleinen Gotteshauses schienen hell in den Winterabend hinein . Es war so still , so feierlich , keinen Tritt hörte man auf der weichen Schneedecke , und » Euch ist ein Kindlein heut geboren « tönte es uns entgegen , als wir über den kleinen Kirchhof schritten . Dort hinten ragte auch das weiße Kreuz empor von dem Grabhügel meiner Mutter . Ich deutete mit der Hand hinüber : » Meine Mutter ! « » Wir wollen hingehen « , sagte er . Bald standen wir an dem stillen Grabe . Die Tränen drängten sich mir in die Augen : » Meine Mutter tot , mein Vater so weit ! « – Da faßte er meine Hand : » Sieh , Gretchen , das ist die richtige Stunde , um dir mein Weihnachtsgeschenk zu geben . « Ein kleiner , funkelnder Goldreif blinkte mir entgegen . » Der soll dir Vater und Mutter ersetzen « , fügte er leise hinzu . Und an dem kalten Grabsteine meiner Mutter reichten wir uns die Hände zu einem Bunde , der , wie ich wähnte , ewig sein sollte . Der Abendstern blinkte über uns , und aus dem kleinen , erleuchteten Kirchlein tönte ein jubelnder Weihnachtsgesang . Ich aber preßte den Ring an meinen Mund und trat , ein Dankgebet auf den Lippen , zu Hanna und Bergen in den Kirchstuhl . Was sollte mir auch noch Übles begegnen ? Er stand ja hinter mir , der schlanke Mann , der mich an sein Herz genommen , um mich vor allem Sturm zu schützen . Ich war so sicher , so ruhig , als wäre ich schon im Hafen angelangt . Ich dachte an meinen Vater im fernen Rom , ich dachte an eine glückliche , sonnige Zukunft , und dazwischen tönte die klare , weiche Stimme des jungen Pastors : » Und es waren Hirten auf dem Felde , die hüteten des Nachts ihre Herde . – Siehe , ich verkündige euch große Freude . « Im Schlosse war alles erleuchtet , nicht lange brauchten wir mehr im dunklen Zimmer zu warten . Ich hatte kaum Zeit , Eberhard das kleine Päckchen mit meinem Bilde in die Hand zu legen , da öffneten sich die Flügeltüren , und der helle Glanz des Christbaumes strahlte uns entgegen , und unter ihm lagen reiche Geschenke für jeden . Hanna schlug die Hände zusammen vor Freude über die Menge schöner Dinge , mit denen sie ihr eigenes Heim schmücken sollte . Auf meinem Platz lag neben einem schwarzseidenen Kleide eine prachtvolle Bilderbibel . » Ich denke « , flüsterte mir Frau v. Bendeleben zu , » eine Bibel ist ein schöner Schmuck für jedes Haus und für ein Pastorenhaus das allerschönste ! « Ich sah sie erschrocken an , aber aus diesen unbewegten Zügen konnte ich nicht herauslesen , ob sie das Haus meines Vaters meinte , oder ob es ein neuer Hinweis auf seinen jungen Nachfolger sei . Unruhig dachte ich darüber nach , da fiel mir der kleine Ring ein , den ich seit einer Stunde an einer Schnur auf der Brust trug , und die ängstlichen Gedanken schwanden . – Warum sollte nicht die schöne Bibel auch eine Zierde für jeden andern Haushalt bilden ? Nein , ich wollte nicht grübeln , es war ja zu wunderschön heute abend . Die vielen Kerzen des Baumes strahlten zurück aus glücklichen , dankerfüllten Augen , sie vergoldeten mit ihrem Schein Gegenwart und Zukunft – dieser eine köstliche Weihnachtsabend steht in meiner Erinnerung als der Gipfelpunkt des süßesten Glückes , das mir je zuteil geworden , dieser kurzen , und doch so unvergeßlichen Zeit ! Wie rasch verfliegt sie aber , wenn man glücklich ist ! Der schöne Abend war dahingegangen in der fröhlichsten Stimmung . Frau v. Bendeleben allein hatte keine ganz ungetrübte Freude gehabt , sie hatte vergeblich auf ein Lebenszeichen aus Wien gewartet . Nun tröstete sie sich mit der Hoffnung auf morgen – es konnten verschneite Wege an dem glücklichen Eintreffen der Post hinderlich gewesen sein . Es war ja undenkbar , daß ihr Lieblingskind die Eltern am Weihnachtsabend vergaß . So tröstete sie sich , und so trösteten sich der Baron und Hanna . Endlich ging man zur Ruhe , nachdem nochmals Dankesworte nach allen Richtungen hin und her geflogen waren . Der andere Tag verfloß in Stille und Gemütlichkeit . Morgens gingen wir zur Kirche , und nachher gab es allerlei zu besorgen für den zweiten Festtag , wo man zum ersten Male nach langer Zeit große Gesellschaft auf Schloß Bendeleben empfangen wollte . Die zahlreichen Einladungen waren sämtlich zustimmend beantwortet worden . Wir freuten uns wohl , aber doch nicht so , wie es früher der Fall gewesen . Fast glaubte ich , Hanna teilte meinen Geschmack und wäre lieber mit ihrem Bergen en famille geblieben . Meinen Vorsatz , heute Kathrin zu besuchen , brachte ich nicht zur Ausführung – die Wahrheit zu gestehen : ich hatte Angst , sie würde mich wegen des unvermuteten Erscheinens Eberhardts aufs Gewissen fragen . Sie hatte ihn zu durchdringend angesehen , auch heute wieder in der Kirche , und ich war ihr nach dem Gottesdienst sozusagen unter den Fingern entschlüpft , obgleich ich ihr ansah , daß sie mich gern gesprochen hätte . Ich nahm mir vor , sie morgen vor dem Beginn des Festes zu besuchen . Wie gern verschiebt man Unangenehmes . Als ob Kathrin Ruhe gehabt hätte ! Sie wartete den ganzen Tag , und als ich nicht gekommen war , da machte sie sich den folgenden Tag auf den Weg und kam zu mir aufs Schloß , zum zweiten Male aus Angst um mich ! Das alte , treue Herz trieb sie zu dem geliebten Pflegekinde . Es dunkelte bereits , die Vorbereitungen zu dem am Abend stattfindenden Feste waren beendet . Der Gärtner , der den Tanzsaal mit Orangenbäumen geschmückt hatte , war belobt worden . Das Silber auf dem Büfett blitzte in tadellosem Glanz , die Tafel im Speisesaal schimmerte im reichsten Schmuck , und nur die Diener gingen noch leise ab und zu . Es war endlich Ruhe eingetreten und man konnte noch ein paar Stunden ungestört verplaudern . Als ich die Treppe hinaufging , um in unser Turmstübchen zu gelangen , und eben überlegte , ob ich bei dem schlechten Wetter , das sich seit Mittag eingestellt hatte , es wagen dürfte , in das Dorf hinabzugehen – da stand in einer Fensternische Eberhardt , als hatte er mich erwartet . » Ich bitte um den ersten Tanz heute abend « , sagte er leise , nachdem er sich vorsichtig nach allen Seiten umgesehen hatte , und hielt mir ein Paar frischer , wunderschöner Rosen hin . » Aber nicht vergessen , mein Lieb « – dann schritt er rasch weiter , mir im Umwenden noch einen Kuß zuwerfend . Ich nickte ihm freundlich zu , da fühlte ich mich plötzlich am Arme ergriffen : » Gretchen , ich dachte mir ' s doch ! « Ich wandte mich um und starrte in Kathrins schmerzlich verzogenes Gesicht . » Es ist zu spät « , fuhr sie fort , » es hilft nichts mehr , ich kann nur wieder gehen . « Sie drehte sich um und schritt zurück . » Kathrin , so hör mich doch , geh nicht fort , du sollst ja alles wissen ! « rief ich , hinterher eilend und sie am Tuche haltend . » Ich brauche nichts mehr zu wissen « , schalt sie und zog heftig ihr Tuch aus meinen Händen . » Vorgestern abend mit dir in unserem Hause – jetzt die Rosen und der Kuß , den er dir zurückwarf , ob das noch nicht klar genug ist ! – Ach , meine Ahnung , meine Angst ! Warum hast du nicht geglaubt , was ich dir sagte ? « fragte sie schmerzlich bewegt und ging die Treppe hinunter . » Armes Kind ! « hörte ich sie noch murmeln . Unwillkürlich blieb ich stehen , ein Schauer durchzuckte mich und ließ mich fröstelnd zusammenfahren , dann trat ich ans Fenster , wo vorhin Eberhardt gestanden . Da ging sie eben die Allee entlang : der Sturm peitschte ihre Kleider , sie hatte Mühe vorwärts zu kommen . Ein gelblicher Schein beleuchtete die ganze Gegend , schwere , schwarze Wolken jagten dahin . Der Anhang war von den Bäumen verschwunden , der Sturm hatte ihn herabgeweht . Heulend und pfeifend fuhr er durch den Wald und schlug die kahlen Äste zusammen , und ich konnte mich eines bangen , unheimlichen Gefühls nicht erwehren , wenn ich an die alte , treue Kathrin dachte . » Schrecklicher Sturm heute ! « sagte Hannas Kammerjungfer , ein freundliches , stilles Mädchen . » Da kommen gewiß manche von den Gästen gar nicht . Hören Sie nur , Fräulein Gretchen , wie es heult in der Luft ! Gestern so schön und heute dieses Unwetter . « Ich nickte ihr zerstreut zu und ging in unser Zimmer . Der letzte falbe Abendschein fiel auf die weißen Kleider , die dort ausgebreitet lagen für unsere Balltoilette – wie häßlich sahen sie aus ! Die Rosen in meiner Hand zeigten ein gelbliches Rot – es war in diesem fahlen Zwielicht alles so unglaublich unheimlich . Kathrins Worte » armes Kind « kamen mir nicht aus den Ohren : ich hätte hinlaufen mögen und ihr sagen : » Kathrin , er liebt mich ja wirklich , sieh hier den Ring und schilt nicht mehr , freue dich mit mir ! « – » Ob ich es tue ? « fragte ich mich nach einer Weile , während es völlig dunkel geworden war . Schon erhob ich mich , um mein Tuch überzuwerfen , da fuhr ein Windstoß mit furchtbarer Heftigkeit an die alte Mauer , dem ein Krachen und Prasseln vom Dache folgte . » Herr Gott , Gretel , was ist das für ein Unwetter ! « rief Hanna , die eben zur Tür hereintrat . » Wir werden wohl heute abend unser Souper allein verzehren können , bei dem Sturm traut sich ja kein Mensch aus