, un eeten ock bi uns , hier möötst du ock leeben . « » Ne , Albert , ick kann nich . « 116 » Denn amüsier di hier so good as angeiht . Ick reis . « Und ich reiste wirtlich . Am Abend vorher , als wir schlafen gingen – der Schmiedegeselle schnarchte schon – legte Korl Lorensen mir plötzlich seine Hand auf die Schulter . » Albert , ick hew en Bitt . Wann du so ganz tofällig mal in Dobbers ' Laden kummst un lütt Pine is dorinnen , gröt se von mi un segg ehr , mi ging dat good ; un wenn oll Mudder Dobbers grad nich bi is , giv er dat . « Er hielt mir ein kleines Päckchen hin mit der zitternden Rechten und sah dabei dunkelrot aus . » Willst auch woll , Albert ? « » Ja , Korl , wat en Frag ! Natürlich will ick . Un nu segg doch man drist , se is din Leewste , wat deist du denn so heimlich dormit , wi sünd doch olle Frünn ? « » Je , Albert , se hett mi ja verbaden , ick sall davon nich snacken , un nu swig man heil still , Albert , doo mi de Leew . Wenn allens in de Richt is , vortell ick di den ganzen Stremel . « » Na good , min olle Jung , dann giv man her den Leewsbreef , ick will em woll bestellen . Ob ick von din Leewsgeschichten weet oder nich – de Hauptsaak is , dat de Deern di good is un di treu bliwt . « Er sah mich an statt einer Antwort , und da lag so allerhand in seinen Augen – Zorn , weil ich zu zweifeln wagte an dem geliebten Mädchen , und zugleich ein stummes Zugeständnis , daß auch er sich verzehre in Zweifel und Bangen , und so eine heiße schweigende Sehnsucht . » Korl , Korl , « sagte ich mitleidig , » ick wull , de Deern wär ' di erst in ' n paar Jahren för Ogen kamen ; se zehrt an di un makt di elend , wo du doch die Kraft un Besinnung so nödig hest för din Studium . « » Nee , Albert , « erwiderte er , » ahn den Gedanken an ehr – nee , se allein helpt mi över dit Hungerleben . « Er brachte mich am anderen Morgen auf den Bahnhof , und ich meine noch immer seine Augen zu sehen , mit denen er mir nachschaute , so voll brennender Sehnsucht und Traurigkeit . 119 Ja , Winachn to Huus ! Ich brauch ' s nicht zu beschreiben . Wer jemals aus der Fremde heimgereist ist zu diesem Freudenfest , wer je ünnern Dannenboom seten hett mit Öllern un Geswistern un gestrakt un geküßt un verhätschelt worden is , wem Mudder de beßten Stück op den Toller legt hatt , den Karpenkopp un de Gauskülen , un em en ollen leewen Jungen nennt hatt – der weiß es , wie wunderschön es tut , aber ich bin ja nicht die Hauptperson , das ist vielmehr mein oll Korl Lorensen . Am Tag vor dem Fest ging ich in aller Morgenfrühe über den Markt und wartete , bis der Bäckerladen geöffnet wurde und Pine Dobbers ihr Feinbrot und Rosinenklöben und Winachskauken verkaufen würde . Es dauerte denn auch nicht lange , da kam ein Bäckergesell heraus , flötete irgend ein Lied in die kalte Luft hinaus und schlug die Läden zurück , und richtig – durch die Scheiben sah ich Pine Dobbers im erleuchteten Gewölbe stehen , propper as ne widde Duw , und auf ihre Kunden warten . Der große schlanke Mensch ging wieder ins Haus , und nun wollte ich rasch hinterher , um Pine zu sprechen , denn Käufer waren noch nicht da , – der Geselle mochte jetzt in der Backstube sein und ich hatte also Hoffnung , sie allein zu finden . Aber im Begriff einzutreten , sah ich den hübschen Kerl mit turnerischer Gewandtheit über den Ladentisch springen , die lütt Pine umfassen und küssen , ja küssen , aber so hartlich und nachdrücklich : und sie hielt so still bei und lächelte ebenso spitzbübisch und mit denselben Grübchen , wie sie meinen armen Korl damals angelächelt hatte . Mit einem Satz war ich drinnen , und auf den Tisch klopfend , jagte ich die beiden mit den Worten auseinander : » Gooden Morgen , Pine Dobbers , ick bitt veelmal um Entschuldigung , wenn ick stör , ober ick hew Il . « Wie ein Blitz war der weiße Junge verschwunden , und sie starrte mich aus leichenblassem Gesicht an , zitternd und schuldbewußt . 120 » O Gott – o Gott , Herr Seeberg ! « stammelte sie . » Ja , Se warn mi woll nich vermauden , Pine Dobbers ? Na , da geben ' s mi förn Sösling Tweebackens , denn dat , wat ick hebben wull von Se , dat is jawoll nu all utverköft ? « » Ich weiß nicht , was Sie meinen , Herr Seeberg , « sagte sie noch immer fassungslos . » O , ick wollt ' man bloß en Gruß för meinen Freund Korl Lorensen mitnehmen un wull Se wat tostellen . Aber ick meen , Ehr Gruß , Pine Dobbers , künnt licht en büschen Nachgesmack von Mehl und Sirup hebben , un ick meen , de Breif hier von Korl Lorensen un wat sünst is in den lütten Paket , dat kann Se nich mehr interessieren . So – un nu geben ' s mi de Tweebackens un denn Adjüs ! Un ick denk , dat Korl , so Gott will , eines Dags över lachen kann , över Se , Pine Dobbers , un Ehr groote Treue un Toverläßlichkeit . Un gröten Se Ehrn Deegappen un seggen ' s em , Se künt dorüm so fin küssen , wil dat Se ' t all vördem gründlich probeert harrn . Villicht is he en ehrlichen Jung un bedankt sich for Ehr Leew , de so is as en heel falschen Schilling . Na , gooden Morgen , Pine Dobbers – ! « Damit ging ich und hörte hinter mir nur eine heisere , mühsam den Zorn unterdrückende Männerstimme : » Deern , wat ' s dit ? Hest mi to ' n Narren hatt ? « So , Pine , dachte ich , nu fret man ut , wat du di inbrockt hest ! O , min arme Korl ! min arme Korl ! Das ganze Weihnachtsfest war mir verdorben , gänzlich verdorben . Ich dachte nur immer darüber nach : wie bringst du es ihm bei , daß er sein Herz an ein ganz leichtes , oberflächliches Mädchen gehängt hat ? Wie bringst du es ihm bei ? Er geht ja daran zu Grunde , er überlebt es nicht . Einmal nahm ich mir vor : du willst es ihm erzählen , ein andermal : du wirst ihm schreiben , dann brauchst du wenigstens seinen ersten Schmerz nicht mit anzusehen . Dann wieder schalt ich mich feige und räsonierte mir vor : Du lieber Gott , um so ' ne Deern , so ' n gräunes 121 Gör ! Als wenn ' s in der großen Welt nicht noch tausend liebe süße kleine Deerns gäbe , bessere als dieser Racker mit dem Spitzbubenlächeln . Ja , wenn ' s nur Korl Lorensen nicht gewesen wäre , dem das passiert , Korl mit seiner vielen aufgestapelten Liebe , die alle nur für Pine Dobbers aufgehoben war – mit so viel Liebe , daß wenn sie geschmäht würde , sein eigen Herz darin ersticken mußte . O , Korl Lorensen ! O , Korl Lorensen ! – – Am Silvesterabend fuhr ich nach Dresden zurück , ungefähr mit dem Gefühl , als habe ich eine Todesnachricht zu überbringen ; es war vielleicht noch Schlimmeres . – Korl Lorensen hatte während meiner Abwesenheit unseren kleinen Umzug besorgen wollen ; wir waren nämlich der Frau Micheln und unseres Schlafkameraden überdrüssig geworden , auch wohl des ewig gleichen Menüs , und hatten – sowohl Korl wie ich verdienten durch Zeichnen auf Holzstöcke für Holzschneider , was wir halbe Nächte hindurch taten – also hatten uns eine kleine Stube in besserer Gegend gemietet , vier Treppen hoch , mit schrägen Wänden zwar , aber mit einem großen Fenster nach Norden hinaus . Hier hatten wir doch wenigstens allein das Recht . Ich ging also direkt in die A.-Straße und erkletterte die vier Treppen unseres neuen Tuskulums . Die Wirtin , eine nette alte Frau , stand auf dem Korridor an der Wasserleitung und bejahte meine Frage , ob Korl Lorensen zu Hause sei . Ich trat ein und fand alles so , wie ich mir gedacht hatte : Korl an der Arbeit bei der Lampe und das Ganze ungeheuer gemütlich . Sogar ein paar Tannenzweige steckten als Mahnung an Weihnacht und Neujahr hinter dem Spiegel über der Kommode . Korl stand auf und kam mir entgegen . » ' n Abend , Albert , wie is di gahn ? « » Good ! Un di , Korl ? « » O so – dank veelmal . « Ja , nun war der Moment da , wo ich sagen müßte : » Un se lett di veelmal gröten , « oder – leider : » Min olle leewe Korl , dat deiht mi weh , aber ick mutt di de Wahrheit vertellen 122 – de Deern is nich wert , dat du enen Gedanken an se riskeerst . « Aber ich bracht ' s nicht über die Lippen . Er ging zum Ofen , um ein Kännchen mit heißem Kaffee aus der Röhre zu nehmen , und ein Stückchen Wurst und Brot waren auch da . » Warm di , Albert ; de lange Fahrt – – « » Dank , Korl . Hest du all eten ? « » Jawoll ! Jawoll ! « Er setzt sich wieder an seine Arbeit ; mir quillt der Bissen im Munde . » Mine Ollen laten di gröten , Korl . « » Dank ock ; se sünd doch good to weg ? « » Ja , ja , un min Swestern ock un sünst alle , man blot din Pflegvadder , Korl , den ward se woll bald – – na , em is to gönnen . Un sünst steiht dat oll Nest noch . « Er strichelte ruhig weiter , und ich nahm meinen ganzen Mut zusammen . » Ja , min Korl , « – ich zog den Brief , den er mir mitgegeben hatte , aus der Tasche , » min oll leewe Jung – – « Da ließ er die Hand sinken , und , an mir vorübersehend , sagte er : » Lat man , Albert , ick weet all , ehr Mudder hett mi schreeben , un ick dank di ock . « 123 Er sah so leidend aus , so um Jahre gealtert , dieser kaum Zwanzigjährige , zum Erbarmen . Die sonst so strahlenden Augen matt , überwacht – was mußte er gelitten haben in diesen Tage , da er allein war ! Der arme Jung ! » Korl , « stotterte ich , » nimm dir ' s doch nich so schwer zu Herzen – süh , dat is ja noch dat Slimmste nich . « Er schüttelte den Kopf . » O , ick segg ja nix , Albert . « » Wat hett se di denn schreeben , Korl ? « » O , ehr Mudder hett schreeben an mi , un di bi mi verklagt , du harrst ehr unschüllig Kind in ' t Gered bracht , un ehr Brütigam was nu op den Punkt , ehr sitten to laten , un Pine will jawoll ut Desperatschon int Water gahn . Un ick sall doch glick schrieben , dat gar nich wahr wär ' , wat du seggt hest , dat se mi küßt harr , un ick ehr . Pine harr noch ni malen lagen , un se verswört sick bi alles , wat ehr heilig is , se hett so watt mit mi nich vörhatt . « » So , dat hett ehr Mudder schreeben ? « frug ich , » nu wat hest du denn dahn bi düssen proppern Vörslag ? « » Ick hew ehr schreeben , dat ick ehr Pine niemal küßt harr . « » Verdammi , Korl , dat sünd ja nüdliche Lägen ! Hest du se nich küßt , as du dartomal Morgens Klock sös de Ladens optoslagen kamst , un se di in ' t Huus winken ded ? Nee , Korl , dat is lagen ! « Er schwieg eine Weile , eine tiefe Röte zog über sein Gesicht , und ein wehmütiges glückliches Lächeln legte sich einen Augenblick um seinen Mund , als empfände er noch einmal den Zauber jener Stunde . » Se ward dat jawoll vergeten hewen , Albert , « sagte er nach einer langen Pause . – » Korl , « bat ich , » doo mi den Gefallen , gräm di nich üm de Deern , üm de nich ! « » O , Albert , lat uns von ehr swigen , ick bitt di hartlich . « Und ich schwieg davon , ich wunderte mich nur über Korls Ausdauer in der Arbeit , über seine Fortschritte und über sein Schweigen . Er sprach nur selten noch , war aber freundlich und 124 ging auf alles ein . Aber ein ganz anderer Kerl war er geworden , keine Frische , keine Straffheit , keine glänzenden Blicke mehr . Dann begann er zu klagen über Schmerzen in der linken Seite der Brust . Mitunter sprang er plötzlich auf , vor Angst wie er sagte , und hinterher lächelte er und meinte , das sei doch am Ende so übel nicht , wenn es ' mal so ganz rasch vorbei wär ' mit ihm . Und dabei das fieberhafte Schaffen – etwas wollte er doch ' mal geleistet haben . – Es war so zu Ende des dritten Studienjahres , da stellte Korl Lorensen sein erstes Bild aus im Künstlerverein . Er kam früher dazu als ich . Zwei Tage darauf war es verkauft für vierhundert Mark . Gar nichts weiter als eine » Abendstimmung an der Elbe « , noch im letzten Schein der sinkenden Sonne , graue und rosig gemischte Töne ; ein Dampfer , der weit da hinten dem Meere zufährt , flache Ufer und im Vordergrund eine einzelne Figur , ein Mann , der , vom Beschauer abgewandt , dem Schiffe nachsieht . Aber in der Haltung dieser Figur lag eine Traurigkeit , eine Sehnsucht ausgedrückt , die mir , weiß Gott , die Tränen in die Augen trieb . » Dat ' s good , Korl , good , un nu man forsch to , nu is di de Weg wiesen . « Er nickte und drückte mir die Hand . Einmal , nicht lange danach , kam ein Brief von meiner Mutter ; sie erzählte darin unter vielem anderen , daß Pine Dobbers nun endlich Hochzeit gehabt , nachdem ihr erster Bräutigam sie hatte sitzen lassen . Sie habe sehr pük ausgesehen . Mudder un Swester waren natürlich in de Kark gahn to düssen Ereignis ; und unten stand noch als Nachschrift : » Und mit Eduard Heß geht ' s diesmal wirklich aufs letzt , und Korl kann sich man zum Begräbnis vorbereiten , und sag ihm , er könnte bei uns auf ' m Sofa slafen . « Ich ließ den Brief offen liegen , wir hatten ja keine Geheimnisse vor einander . Zufällig kam Korl früher nach Hause als ich und las das Schreiben . Als ich eine Stunde später eintrat , saß er auf dem Sofa und klagte über Schmerz . 125 » Un ick kann un kann nich na A . . . to ' n Gräwnis , Albert , ick bin krank un – överhaupt nich . « Die Todesanzeige von Eduard Heß traf meinen Freund Korl im Krankenhause , und dann ist das alles so rasch gekommen . Die Ärzte sagten , er hätte einen Herzfehler gehabt . Na ja , mögen sie es sagen , ich aber weiß es besser , woran er gestorben ist , an sine övergrote verschmähte Leew . Möglich , dat se em opt Hart fallen is un ' t uteinanner sprengt hatt . Seine ersten selbsterworbenen vierhundert Mark haben grad für das Begräbnis gelangt ; ich hätte auch nicht gewußt , wer das sonst hätte bezahlen sollen . Korl Lorensen hatt ' ja kein Ein op de wide Welt as mi , un ick ? , du leewe Gott ! Min Stipendien wärn eben to Enn un ick hatt ' noch kein Bild verköfft – – Ick gung achter sin Sarg her un rohrte as en lütten Jung . Wieder kunnt ick nix dohn för minen Fründ . – Nach Wochen , als ich seine paar Sachen durchsah , die seiner Bestimmung nach verschenkt werden sollten , fand ich auch das kleine Notizbuch und darin den Gegenstand , den er im Bahncoupé damals so innig geküßt hatte – eine Haarsträhne von Pine Dobbers ' hübschem Kopf . Auf dem blauen Bändchen , das sie zusammenknüpfte , standen mit demselben Haar gestickt die Worte : » Aus Liebe . « Armer Korl Lorensen ! 126 Ja , meine Gnädige , und nun ist die Geschichte aus . Sie hat , entgegen jeder modernen Richtung , sogar einen Schluß , einen ganz gewöhnlichen Schluß ; ich wüßte wenigstens nicht , daß heutzutage der Held einer Erzählung noch an gebrochenem Herzen stirbt . Na , Korl Lorensen ist daran gestorben , glauben Sie mir ' s , und nun sein Sie nicht böse ob dieser langen Störung . « » Gewiß nicht ! Ich danke Ihnen sogar herzlich . Und Pine Dobbers ? « » Ja , Pine Dobbers soll eine schrecklich dicke Madame geworden sein , aber von A . . . ist sie lange weg . Was sie hinaustrieb aus dem kleinen Lädchen ? – – Sie lebt in Neuyork , soviel ich weiß ; ihr Mann hat eine Kakesfabrik dort . Auch der Bäckerladen ist nicht mehr vorhanden , un mine Ollen wohnen in en annern Straat un überhaupt , s ' iß dat all vergeten Kram , wo schon längst Gras übergewachsen ist , wie über Eduard Heß sein Grab und über Korl Lorensen seins . « » Schade , er hätte eines Tages malen können ! « 127 Originale . Im Jahre des Heils 1900 ! Wie komisch diese Neun ! Die Acht , die liebe alte Acht , wir schreiben sie nie wieder hinter die Eins . Dieser heimgegangenen Acht möchte ich nachweinen . Sie war meine Jugend ; was die Neun nun bringt , das ist Herbst und Winter , für mich und die mir Gleichaltrigen . Ob ich tauschen möchte mit denen , für welche die Neun » Jugend « bedeutet ? Ich weiß nicht recht . Mir kommt es so vor , als müsse in der achtzehn die Jugend jünger , das heißt harmloser , rosiger gewesen sein , als habe es in der Achtzehn mehr Gemütlichkeit gegeben , mehr Originelles , wenn ich urteilen soll nach dem , wozu sich die brave Achtzehn als fin de siècle zugespitzt hat . Wo findet man denn heute noch ein richtiges Original , wie sie früher zu Dutzenden umherliefen zum Beispiel in meiner guten braven Vaterstadt – – – burg ? Ich meine nicht die gelehrten Originale , die zerstreuten Professoren und dergleichen , ich meine die aus dem Volke , denen wir als Schulgören nachliefen , die wir bewunderten oder verlachten , je nachdem . So was gibt ' s nicht mehr . Die neue Zeit ist so nivellierend , so schablonierend ; – einer ist wie der andere , und wollte sich eine ungewöhnliche Erscheinung aus der Menge heben – eins , zwei , drei hätte sie der Mann der Polizei beim Wickel und führte sie auf Nummer Sicher . Ich möchte ihnen ein paar Worte widmen , diesen Originalen meiner Jugendzeit ; es wäre doch schade , wenn sie vergessen würden ! Da taucht zuerst einer auf , den wir Kinder geradezu mit Staunen 130 und Ehrfurcht betrachteten . Das war » Trollpapa « . Woher er kam der Fahrt , und wie sein Nam ' und Art ? – das vermochte niemand zu ergründen . Im Frühjahr erschien er plötzlich und zog durch die Gassen , einen wunderlichen Anblick gewährend . Er trug auf dem Kopfe einen Reifen , an dem eine Menge abgestimmter Schellen befestigt war ; auf dem Rücken eine große Trommel , die Schläger hatte er vermittelst einer Schnur mit seinen Füßen in Verbindung gesetzt . In den Händen hielt er eine Ziehharmonika , von der ein Triangel herabhing , und all diese Instrumente setzte er kopfschüttelnd , mit den Füßen tretend und mit den Händen spielend und den Triangel schlagend in Bewegung , so daß ein gewisser Rhythmus herauskam . Die Krönung erhielt das Konzert noch durch den krächzenden Gesang dieses kleinen vermückerten Männchens , das sich seit ungefähr dreißig Jahren nicht rasiert zu haben schien . Am begehrtesten war ein Lied , mit dem er die Städte des Harzes auf seine Art besang . Mir sind noch einige Strophen in Erinnerung : » Ein Amboß und ein Mühlenstein , Die schwammen bei Thale über den Rhein , Sie schwammen ganz sanft und leise . Ein Frosch verschlang sie alle beid ' Zu Pfingsten aus dem Eise . In Blankenburg war ein gewaltig Getümmel , Dort flogen vier gebratene Ochsen gen Himmel , Die Leute sahen ' s von ferne . Sie glaubten ganz fest , sie glaubten ganz fest , Es wären Kometen und Sterne . Auf der Lauenburg stand ein großer Turm , Der trotzte Wind , Wetter und großem Sturm ; Des Morgens da lag er im Grase . Den hatte der Kuhhirt in dasigem Ort Mit seinem Horn umgeblasen . In Halberstadt war ein großer Hahn , Der hatte schon vielen Schaden getan , 131 Der zertrat eine eiserne Brücke . Eine Mücke flog im Schilderhaus um , War das nicht ein großes Unglücke ? In Quedlinburg war ein großes Haus , Da flog eine Fledermaus heraus , Die flog in zehntausend Stücken . Da kamen zehntausend Schneider daher , Die wollten sie wieder flicken . « 132 Oder das Lied von dem Lahmen , Tauben und Blinden : » Es wollten ' mal vier einen Hasen fangen , Die kamen auf Krücken und Stelzen gegangen . Der eine , der konnte nicht gehen , Der andre war taub , der dritte war stumm , Der vierte , der konnte nicht sehen . Nun weiß ich gar nicht wie es geschah , Daß der Blinde zuerst den Hasen sah In weiter Entfernung grasen . Der Stumme , der sagt ' es dem Tauben laut an , Der Lahme , der haschte den Hasen . « Alles dies ward geleistet für einen Dreier ; aber auch mit einem Pfennig war » Trollpapa « zufrieden . Für jedes Haus eine neue Vorstellung unter diesen doch gewiß kulanten Bedingungen . Natürlich zogen wir immer mit , schon um die Selbstgespräche des Alten zu belauschen , der , die ihm folgende Schar gar nicht beachtend , unaufhörlich vor sich hin redete . Die hochlöbliche Polizei grüßte er sehr respektvoll durch Neigen seines schellengeschmückten Hauptes , und der dicke Polizeiwachtweister nickte ihm freundlich zu , faltete die Hände über dem Bauch und lachte . » Trollpapa « war die Sanftmut , die Friedfertigkeit selbst ; er ertrug es , wenn die Jungen ihn an seinen langen mürben Rockschößen zogen oder hinterlistig auf die Trommel schlugen ; er sprach dann ein bißchen eifriger vor sich hin , aber er duldete es . Nur in einem Falle wurde er wütend , wenn ihn nämlich jemand » Trollpapa « anredete . Sofort flog es ihm rot um die Ohren , er hielt inne im Gesang und schimpfte wie ein Rohrspatz , sich immer noch steigernd in seinem Zorn , dabei furioso die Schellen schüttelnd , die Trommel schlagend und die Harmonika ziehend . » Lausejungens seid ihr ! L – Lausejungens ! « Es war ein Anblick , der die Menschen lachen machte bis zur Fassungslosigkeit . Ich habe es auch einmal mit angesehen , aber mir stockte das Lachen , denn aus den kleinen vertrockneten Augen liefen ein paar Tränen in den struppigen Bart. Ich schämte mich und ging nach Hause . 133 Armer Trollpapa ! Wenn man nur gewußt hätte , wie er eigentlich heißt , ich würde ihn gewiß » Herr « so und so angeredet haben bei Überreichung meines Dreiers . Einmal blieb » Trollpapa « aus . Bei dem Spielen mit den Nachbarskindern wurde eifrig davon gesprochen : merkwürdig , daß er nicht da war um die Zeit , wo der Osterhase legte und die Stare schrien . Wir beschlossen eines Tages , den dicken Polizeiwachtmeister zu fragen : » Kommt denn Trollpapa nicht in diesem Jahre ? « » Nee , der kommt nich , der is ja vergangenen heiligen Abend zwischen Gersdorf und Stickelsberge verfroren , grad auf der Feldscheide hat er gesessen , den Rücken an dem Grenzstein . Keiner hat ihn begraben wollen , aber die Stickelsberger haben ihn nehmen müssen , weil daß die Trommel auf ihre Seite lag und sein Ranzen auch . « Armer Trollpapa ! Original Nummer zwei ! Das war erst einer ! Von dem kannten wir wenigstens den Namen . Mechau hieß er , und seines Zeichens war er ein Töpfergeselle . Niemals in meinem Leben habe ich wieder einen so skelettartig mageren Menschen erblickt , und dabei so lang , so himmellang . Seine Kleidung war ganz wunderbar , und unbegreiflich ist es mir stets geblieben , wie er in die unbeschreiblich engen Ärmel seines Rockes mit den großen Händen hineingelangte . Ebenso eng war der auf Taille gearbeitete fettglänzende Tuchrock und das Beinkleid : er glich einer der Karikaturen in den » Fliegenden Blättern « , die aus lauter Strichen bestehen . Den Bart trug er , wie die alten Maler ihn dem Heiland malten , die Haare lang herabwallend , eine Art Barett auf dem Haupte . Ein Paar milde dunkle Augen , die freilich mitunter fanatisch erglühen konnten , begegneten dem Blick des Beschauers . Jeden Sonntag , Vor- und Nachmittag , erschien Mechau in der Kirche , die Worte des Predigers förmlich von den Lippen lesend . In der Gemeinde zu knien , war dort nicht Sitte , der lange Geselle aber warf sich mit einer Inbrunst auf die Knie , daß es mir rätselhaft blieb , wie seine Beinkleider diese 134 leidenschaftliche Andachtsbezeigung aushielten . Uns Kindern war er unheimlich , der lange Mensch , wir liefen vor ihm wie die Hasen vor dem Hunde . Eine Zeitlang blieb Mechau aus unserer Kirche fort und wurde dafür in der St. Nikolaikirche bemerkt bei jedem Gottesdienst . Der dortige Prediger war einer der liebenswürdigsten Menschen , wahrhaft christlich gesinnt , mitleidig , freigebig , und daher besonders vergöttert von den armen Leuten . Er besaß eine Reihe blühender Kinder , darunter zwei Töchter , wirklich reizende Mädchen . Eines Tages predigte der Herr Pastor gar beweglich über das Thema , daß wir alle vor Gottes Throne gleich seien , ob arm oder reich , ob vornehm oder gering : daß wir alle Brüder und Schwestern wären , daß es unsere heiligste Pflicht sei , allen Stolz abzutun und die Armen und Kleinen gleich zu achten den Großen dieser Welt . – Was geschah nun ? Das holdselige Pastorstöchterlein hatte wie ein Madonnenbild im Pfarrstuhle gesessen , die großen schönen Augen auf den Vater gerichtet . In irgend einem Winkel der Kirche aber hatte Mechau gekniet , die Tochter gesehen und den Vater gehört , und beides verknüpfte sich in seiner gläubigen Seele zu einer himmlischen Offenbarung , die eitel Gnade und Glanz war . – Der Herr Pastor hatte in seiner Studierstube kaum Talar und Beffchen abgelegt und saß eben im Lehnstuhl am Fenster und schaute auf den alten Friedhof hinab , der gleich einem Garten sein Haus umgab . Der Duft des sonntäglichen Gänsebratens stieg bereits verführerisch in seine Nase , es war so unsäglich friedlich um ihn her , da stolperte das kichernde Mädchen über die Schwelle : » Herr Pastor , der verrückte Mechau will Sie sprechen ! « » Lasse ihn eintreten , Kind , « befahl der geistliche Herr in der Meinung , Mechau wolle ein Almosen erbitten . Im Rahmen der Tür erschien gleich darauf der unheimliche Geselle und begann alsbald sein Begehren vorzutragen , das in weiter nichts bestand , als in einem Heiratsantrag seinerseits für das schöne Töchterlein des Herrn Pfarrers . 135 » Mechau ! Mechau ! « warnte dieser mit erhobenem Finger , » du fällst in Hochmut und Dünkel – wie kannst du so etwas verlangen ? Geh heim , mein Sohn , und schlage dir die Dummheit aus dem Kopfe , meine Tochter ist kein Weib für deinesgleichen . « Da ward der arme Mensch irre an Gottes- und Menschenwort . » Sie haben gesagt : wir sind alle gleich vor unserem Schöpfer ! « schrie er , » und unser Herr Jesus hat solches auch gesagt , und nun wollen Sie ihn und sich Lügen strafen in derselben Stunde , wo Sie davon gepredigt haben ? « » Mechau ! Das habt Ihr falsch verstanden , « begann der Pfarrer sanft . Aber Mechau ließ sich nicht besänftigen : er wurde geradezu