S ’ mal hinreisen ! Wissen S ’ , dös ist so a Städterl für a Hochzeitsreisn – sagen S ’ nur a mal Ihr ’ m Liebsten Hör ’ , du muast mit mir nach Innsbruck , Schatzerl , oder i nehm ’ di net , und dann – “ „ Mein Bräutigam bekommt schwerlich Urlaub , und ich glaube auch nicht , daß eine Hochzeitsreise überhaupt in seinem Plane liegt “ , sagte Aenne ruhig . „ Jesses Maria – Se san schon verlobt ? “ rief die andere . „ Du mein ! I hab ’ da nur so an Schlag ins Blaue nein ’ than.So jung und wollen schon ’ s Kreuzerl auf sich nehm ’ n ? “ Sie schüttelte sich ordentlich . „ Da hat Ihnen g ’ wiß das Mutterl zug ’ redt , fuhr sie fort „ ja , so sind d ’ Mütter . D ’ meine hat ’ s a so mach ’ n woll ’ n mit mir , is a Aner daher komm ’ n wia i grad siebzehn war , und hat ihr vorg ’ redt von die schönen soliden Verhältnisse , in die i komm ’ n thät , und dös hat ihr ka Ruh ’ net g ’ lass ’ n Tag und Nacht hat s ’ mir in die Ohr ’ n g ’ leg ’ n , und hat g ’ sagt ’ Net wahr , Schani , du bist g ’ scheit , du thust ’ n nehm ’ n ! Denk ’ , du bist a arm ’ s Mad ’ l , ’ s Vatterl kann d ’ r ka Geld hinter lass ’ n und der Fedor – das is mein Brüderl – der braucht a a ganz g ’ hörigs Stück in sei ’ m Wien bei die Student ’ n , und wer weiß , ob sich a Versorgung zum zweitenmal bietet . Net wahr , du nimmst ’ n , Schani ? “ „ Aber i hab ’ natürli net g ’ wollt und hab ’ die Zung ’ n hinter ihm außerg ’ streckt , wie er gangen is , und hab ’ g ’ sagt , er soll no a bissel wartn , i sei no z ’ jung . Dann ist ’ s Schreckliche kommen , mein arm ’ s Vatterl hat sich bei der Sektion einer Leich ’ – er war Dokt ’ r – a Blutvergiftung – “ „ Ihr Herr Vater war Arzt ? “ fragte Aenne teilnehmend . „ Ja ! Wundert ’ s Ihne gar , daß sein ’ Tochter Opernsängerin worden is ? “ „ O nein , “ antwortete Aenne zögernd , „ nur – mein Vater ist auch Arzt . “ „ Da sind S ’ wohl das Töchterl vom alten Medizinalrat May ? Ja , na freili , jetzt erkenn ’ i Sie auch ja , wissen S , da müssen S ’ mir das Patscherl geb ’ n , i hab ’ ihn so gern , Ihr ’ n lieben Papa , er hat mir ja im vorigen Jahr so prachtvoll [ 087 ] [ 101 ] „ Ich weiß nicht mehr , was ich denken soll , “ erklärte Frau Medizinalrat acht Tage vor Weihnacht ihrer Schwägerin . Sie saßen nach dem Mittagsmahl in der Eßstube , Frau Rat mit der intensiven Röte im Gesicht , die bei ihr bekanntlich auf Sturm deutete , und verlasen Rosinen in ungeheuren Mengen , denn am folgenden Tage sollte die große Festbäckerei losgehen . „ Inwiefern weißt du nicht mehr , was du denken sollst ? “ erkundigte sich Tante Emilie und schob ihre Brille zurück . „ Sie ist schon wieder spazieren gegangen , “ antwortete die Hausfrau stirnrunzelnd , „ obgleich ich es ihr geradezu verbot wegen der enormen Arbeit . Dazu hat sie nun Zeit , aber als ich von ihr verlangte , sie solle doch nun endlich Anstalt machen und mit den Kindern zum Photographen gehen , da paßte es ihr nicht , wie schon seit acht Tagen , und es wär ’ ein so hübsches Geschenk gewesen für Günther – Aenne und die Kinder auf einem Bild ! “ „ Ich kann solche voreilige Bilder nicht leiden , “ gab die kleine dicke Tante zur Antwort und beförderte ein ausgelesenes Häufchen Korinthen behutsam in die Schüssel , die sie auf dem Schoße hielt . „ Voreilige Bilder ? “ fragte gedehnt die Rätin . „ Ja ! Ich mag ’ s auch nicht , wenn sich Brautleute auf einem Bild abnehmen lassen ; das ist nachher eine unangenehme Erinnerung , so lange sie leben , wenn nämlich nichts daraus wurde – verstehst du , Marie ? “ „ Na , Gott soll mich bewahren , “ antwortete diese , „ du bringst einen auf recht nette Gedanken ! Wenn ein Paar sich drei Wochen vor der Hochzeit nicht miteinander photographieren lassen soll , dann weiß ich nicht , wann es eigentlich geschehen könnte ! Ich begreife außerdem nicht , Emilie , was du immer zu unken hast ! Es ist eben nur , daß du für alles , was das eigensinnige Mädchen thut , eine Entschuldigung finden willst . “ „ Erbarmen , Schwägerin , ich entschuldige sicher nicht alles bei der trotzigen Marjell , im Gegenteil – “ verteidigte sich die Tante . „ Dann solltest du ihr auch einmal die Wahrheit sagen , “ erklärte die geärgerte Mutter , „ auf dich hat sie immer gehört ! Aber du sitzst ganz gelassen dabei , wenn sie sich so höchst sonderbar zu benehmen geruht . “ Tante Emilie begnügte sich mit einem Kopfschütteln . „ Ja , “ gab seufzend die Rätin zu , „ es hilft auch nichts , hast recht . Ich meine , der Oberförster sollt ’ ’ mal ein bißchen aufmucken , sollt ’ sich die Launen nicht gefallen lassen Aber der sitzt da und sieht sie an mit verklärtem Gesicht und scheint sich nichts Besseres zu wünschen als so ’ n unartig Ding . – Ich begreife seine Geduld nicht ! Ich hätte May ’ mal so mißachtend behandeln sollen , na , ich glaube , es wär ’ in selbiger Stunde aus gewesen mit ihm . “ „ Nun , er liebt sie eben , “ entschuldigte Tante Emilie das Benehmen des Bräutigams . „ Es ist immer so , “ wehklagte die Rätin , „ die zweiten Frauen haben es besser als ihre Vorgängerinnen . Wenn ich denke , wie die erste um ihn herum war ! Alles las sie ihm an den Augen ab , aber Aenne thut nicht dergleichen . Wenn sie sich wenigstens um die Kinder bekümmern möchte ! Ach , [ 102 ] lieber Gott , ich wollte , die Hochzeit wäre vorbei , und das erste Ehejahr auch , bis sie sich ein bißchen eingelebt hätten miteinander ! Manchmal , Emilie , manchmal es ist ja freilich Sünde – manchmal denke ich , sie wird nicht glücklich , so sonderbar ist sie jetzt . Tante Emilie hatte auf den Lippen , zu sagen : Diese Gedanken kommen etwas spät , meine Beste ! Wär ’ s mein Kind gewesen , ich hätte gesagt Besinne dich einmal , du hast ja den Mann gar nicht lieb ! Aber – heiraten nur heiraten , weiter denkt ihr Mütter nichts ! „ Weißt du was ? “ sagte sie dann laut , „ ich hab ’ Sehnsucht nach frischer Luft und die Korinthen da sind fertig , ich geh ’ die Aenne im Park suchen . Im ganzen Schloßgarten ist kein Weg vom Schnee frei als eben der Mittelgang zur Terrasse empor , und dort läuft sie ja wohl auf und ab und wird leicht zu finden sein . Ich will sie ’ mal so ein bißchen ausfragen , die närrische Marjell . “ „ Du kannst lange suchen , “ grollte die Rätin , „ seit der Herzog hier ist , geht der Schneepflug durch alle Wege . “ „ I nä , laß mich nur machen , bin schon lange neugierig auf den Park im Schnee . Und damit erhob sich Tante Emilie und kam nach zehn Minuten , mit einem altmodischen , innen mit Hamster gefütterten Pelz und einer ebenso altmodischen Kapuze angethan , wieder herunter , nickte noch einmal in die Stube hinein und verließ dann das Haus . Der alten Frau war nachgerade angst und bange um ihren Liebling . Das Mädchen benahm sich in ihren Augen wie eine na – die nicht auf rechten Wegen geht . „ Gott verzeih ’ meine Dummheit “ , murmelte sie vor sich hin „ manchmal denk ’ ich , sie trifft den Heinz Kerkow heimlich ! Sie geht mit einer Ausdauer spazieren , die vollständig unbegreiflich ist , ebenso unbegreiflich wie das schroffe Ablehnen jeder Begleitung . “ Sie trippelte nun schon innerhalb des Schloßgartens auf dem weißen festen Schnee dahin , ganz leise schneite es weiter , und die winzigen Flocken legten sich wie ein zarter Hauch auf die schwarzseidene Kapuze und den Mantelkragen . Wie schön das war , wie weihnachtlich , und wieviel trauter konnte es noch sein , wenn auch im Hause alles so klar und rein wäre ! Die Jungen würden zum Feste kommen , und unter dem Lichterbaume sollte ein Brautpaar stehen – aber das letztere hatte sich Tante Emilie anders gedacht ! Die Aenne wurde alle Tage blasser und stiller , und dann wieder war es , als ob sie Reue über ihr Wesen empfände , und sie schwatzte und lachte wie eine , die nicht recht gescheit ist . Und dies ins Theater Gehen , jeden Abend , den Gott werden läßt , das heißt , so oft gespielt wird – – – Sie war ein paarmal mitgegangen , die Tante Emilie , um zu sehen , ob Aenne des neugebackenen Hofmarschalls wegen hingehe , aber der war nur an einem der Abende erschienen , und da sah Aenne mit ein paar grenzenlos gleichmütigen Augen über ihn weg , und ebenso gleichgültig betrachtete sie seine Braut , das blasse hochmütige Ding , ihr ganzes Interesse gehörte der Vorstellung . Aber das könnte ja auch täuschen , dachte sie , und es kam Tante Emilie vor , als sei dieses Interesse an der Bühne fast zu groß , um natürlich zu sein , einmal war es ihr sogar , als ob Aenne jemand auf der Bühne leicht zunickte . „ Goldköpfchen , wen grüßt du denn da ? “ hatte sie gefragt , aber die Antwort blieb Aenne schuldig . Ach , liebe Zeit , das Kind war ja nur so unstet , so unglücklich , weil es den Kerkow immer in der Nähe wußte , weil ’ s nicht vergessen konnte , weil ’ s in seiner Verzweiflung dem Günther in die Arme gerannt war und nun sich graute vor dieser Ehe ! Wäre nur erst die Hochzeit droben vorüber und das Paar nach Italien gereist ! Aber Gott mochte wissen , was man bis dahin noch erleben würde ! – Die alte Dame blieb am Fuße des Schloßberges stehen , hinter einem kleinen , nun ganz verschneiten Pavillon , um sich an dieser zugfreien Stelle ein wenig zu verschnaufen . Sie hatte bis jetzt in dem weiten Garten nicht einen Menschen erblickt und war schon ganz entmutigt , da hörte sie Kinderstimmen hinter sich , und sich wendend , gewahrte sie Oberförsters Dreie , die Fräulein Stübken an die Luft führte . Der Kleinste saß im Kinderschlitten , der Junge auf der Pritsche und Mariechen zog das Gefährt , Fräulein Stübken endlich stapfte gravitätisch hinterher . Tante Emilie trat hinter dem Pavillon hervor und begrüßte die Näherkommenden . „ Ja , das ist aber ein Vergnügen für euch kleines Volk ! Schönen guten Tag , liebes Fräuleinchen – -- sagen Sie , haben Sie nicht unsere Aenne gesehen ? Sie geht hier irgendwo spazieren . “ Fräulein Stübken schlug den Schleier zurück von dem schäbigen Pelzbarettchen , unter dem ihr Gesicht gelblich mit blau-roten Wangen hervorlugte , tupfte sich mit dem Taschentuch die Thränen , die ihr die Kälte herausgepreßt , aus den Augen und sagte , Tante Emilie mit einem eigentümlichen Lächeln ansehend : „ Da werden Sie wohl wo anders suchen müssen , Frau Schönberg ; im Park ist Fräulein May nicht . “ „ Aber – natürlich ! Sie geht ja alle Tage her ! “ „ Ach ja , früher , aber nun schon lange nicht mehr . Sie geht jetzt jeden Tag in die Stadt hinunter , nach der Prinzeß Luisenstraße zu ; wissen Sie die ? “ „ I nä , Fräuleinchen ! – Was soll sie denn da ? “ Fräulein Stübken trat , vor Kälte zitternd , von einem Fuß auf den anderen , und das Lächeln auf ihrem Gesicht , so ein recht boshaftes Lächeln , schien auch festgefroren . „ Was sie da thut ? Sie besucht eben das Fräulein Jeannette Hochleitner – ich denke mir , sie singen da miteinander , vielleicht üben sie etwas zur Weihnachtsüberraschung ein für den Herrn Oberförster . “ „ Das könnte sein “ , gab Tante Emilie schnell gefaßt zu , ob sich gleich innerlich in ihr alles vor Entsetzen empörte , „ da werde ich mich hüten , sie zu stören . “ Fräulein Stübken lächelte noch mehr . „ Geniert es Sie , Frau Schönberg , wenn wir Sie begleiten ? “ Tante Emiliens Wohlwollen für die Hausdame des Oberförsters hatte sich plötzlich in einer Weise abgeschwächt , daß sie es kaum zu einem höflichen „ Bitte schön “ brachte ; das Lächeln und der Ton der Berichterstatterin hatten ihr in Aennes Seele weh gethan . Das erbitterte Mädchen an ihrer Seite merkte es und begann aus einer anderen Tonart zu sprechen . „ Ich habe schon immer kommen wollen , um Ihnen das zu erzählen , Frau Schönberg “ , hub sie an , „ die ganze Stadt klatscht davon , die Hochleitner ist doch kein Umgang für Fräulein May ! So eine , die – na , ich darf nicht darüber reden ! Die Silberschließerin von Ihrer Durchlaucht , die hat sie selbst gesehen droben im Schloß , wo das Theater längst geschlossen war . Ich habe nur immer geschwiegen , weil ’ s so gehässig aussieht , so als ob – na , mir kann ’ s ja egal sein , am ersten Januar gehe ich nach Berlin in eine andere Stellung ! Aber , sehen Sie , ich bin drei Jahre beim Herrn Oberförster gewesen , und das Hauswesen und die Kinder sind mir ans Herz gewachsen , und da thut ’ s einem weh , wenn die Leute so reden . Wie ich von meiner Freundin , der Frau Sekretär Busse , höre – die wohnt nämlich auch in dem Hause , wo die Hochleitner gemietet hat , und sieht da alles ein- und ausgehen , die Lakaien des Herzogs mit Blumensträußen und die Kollegen und Kolleginnen vom Theater und so weiter – - wie ich höre , was die sagt . , Du , Stübken , um Gottes willen , was hat denn nur Mays Aenne alle Tage zu der Hochleitner zu laufen ? ’ da habe ich Mund und Nase aufgesperrt , hab ’ s nicht glauben wollen und – dann hab ’ ich ’ s selbst gesehen ! War bei der Sekretärin eingekehrt nach dem Spazierengehen mit den Kindern , nur einen Augenblick , denn sie hat unsere Kinder so lieb ; also ich sitze da am Fenster mit meiner Tasse Kaffee , die mir die Bussen eben gebracht hat , da sehe ich eine Gestalt herkommen . Hat sich einen dichten Schleier vor das Gesicht gebunden , als ob man Aenne May nicht auch so erkennen müßte – an ihrer Taille . Wer hat denn solche Figur in Breitenfels ? Und obendrein der Marderbesatz , den ihr der Herr Oberförster auf das Tuchjäckchen hat nähen lassen ! – Und es dauerte denn auch gar nicht lange , da kommt oben durch die Decke das Klavierspiel und das Singen , ganz reguläre Uebungen , und zuletzt ordentliche Lieder , und vergnügt sind sie dabei , alle Augenblick hat ’ s ein Lachen gegeben , und – sagen Sie selber , Frau Schönberg , es ist doch unpassend im höchsten Grade ! “ Sie waren gerade auf dem Schloßplatz angelangt bei diesen Worten , da richtete sich die kleine Tante so hoch auf , daß Fräulein Stübken vor Schreck das Wort in der Kehle stecken blieb . „ Aenne thut nie etwas Unpassendes , verstehen Sie , liebes Fräulein ? Und was Ihre Andeutungen über das Fräulein Hochleitner anbetrifft , so rate ich Ihnen , vorsichtiger damit zu sein und – machen Sie doch lieber den Mund zu , es ist Ostwind , der könnte Ihnen leicht eine Halsentzündung bringen . Guten Abend . “ [ 103 ] Fräulein Stübken ! “ Und den Mantel , den ihr der Wind auseinander geweht , fest um sich ziehend , ließ Tante Emilie die Erstarrte stehen und schritt dem May ’ schen Hause zu , äußerlich eine Heldin , innerlich verzagter als je . Sie trat übrigens nicht in das Haus ein , sie wandte sich vielmehr vor der Thür um und ging langsam unter seinen Fenstern zurück der Stadt zu , sie mußte wissen , ob es Wahrheit sei , was sie da eben erfahren . Aenne war an diesem Tage wie an jedem andern gleich nach dem Essen ausgegangen , dem Wunsch der Mutter , daheim zu bleiben , war sie nicht nachgekommen , hatte ihn kaum gehört . Aber wenn auch , sie wäre doch gegangen , sie brauchte diese ungestörten Stunden , um mit sich selbst ins Reine zu kommen , um fest zu werden in dem , was sich allmählich in ihrer Seele gestaltet hatte . Sie war sich bewußt , daß sie ihrer Familie vollständig unbegreiflich sein müsse während dieser schrecklichen Zeit , in der sie der Spielball dieses inneren Kampfes war , und sie wunderte sich , daß die Eltern so viel Geduld mit ihr hatten , sie und Günther . Dieser sah sie zwar fragend und besorgt an , hatte aber niemals ein mißmutiges oder zweifelndes Wort für sie gehabt . Er begriff sie einfach nicht , aber er forschte auch nicht . Freilich , sie sahen sich selten genug ; der Dienst beim Herzog nahm ihn völlig in Anspruch . Den Plan , ihn zu fragen ’ Willst du mich auch ohne Liebe ? ’ hatte sie aufgegeben , sie wollte einfach nur ihre Freiheit von ihm fordern , bedingungslose Freiheit . Seitdem sie die Geschichte der Hochleitner kannte , seitdem sie in das freie und schaffensfreudige Leben der Künstlerin einen Einblick gethan , hatte auch sie nach Freiheit , nach Selbstbestimmung verlangt . Und von dem Tage an , da sie der Sängerin zum erstenmal in die kleine Wohnung gefolgt war , um ihr etwas vorzusingen , womit sie ein ehrliches glänzendes Lob erntete , beherrschte sie der Gedanke , Musik zu studieren . Ueber das , was in ihr vorging , sprach sie zu niemand , auch zu Fräulein Hochleitner nicht , aber aus der lachenden , offenherzigen Aenne war ein verschlossenes , trotziges Mädchen geworden . Sie wußte Fräulein Hochleitner immer wieder im Gespräch auf die Kunst , auf ihren Beruf , auf ihre dadurch erlangte Selbständigkeit zu bringen , und in ihren Augen glänzte es auf , wie wenn ein Durstiger den frischen ersehnten Wasserstrahl erblickt , so oft diese ein Lob auf Aennes Stimme mit denn Worten schloß . „ Und so was will sich vergraben in Breitenfels , in der Ehe mit an Witwer , der drei Kinder hat – so a Stimm ’ , so a Persönlichkeit ! Aber war denn niemand da , der Ihn ’ n gesagt hätte als Sie sich binden wollten gar so früh : bedenken Sie sich doch , Sie arm ’ s Hascherl , ’ s is für immer ! Man kann nimmer los von so einer Kett ’ n – und wann ’ s gelingt , bleibt ein großes Stück Jugendkraft und Frische , bleiben so viel goldene Illusionen d ’ ran hängen ! “ Aenne pflegte auf die wiederholten Bemerkungen nichts weiter zu antworten als : „ Ich habe es so gewollt . “ „ Na , des Menschen Will ist sein Himmelreich ! Aber schaun ’ s , die Reu ’ wird net ausbleib ’ n ! “ Aenne blieb diesmal eine Entgegnung schuldig , aber sie bettelte um ein wenig Unterricht . „ Darf ich singen , liebstes Fräulein Hochleitner ? “ Und sie sang an dem Klavier der Künstlerin und vergaß alles darüber , und allmählich war aus Aenne May eine begeisterte Schülerin geworden , die nun von der über sie immer mehr in Entzücken geratenden Lehrerin regelmäßigen Unterricht erhielt . Und jeden Abend ging das Mädchen mit dem Gedanken zur Ruhe : ’ morgen , morgen schreibe ich ihm ! ’ Sie lag schlaflos und grübelte über die möglichst milde Form ihrer Absage , und jede Nacht kämpfte sie im voraus den schweren unausbleiblichen Kampf durch , der ihr mit den Eltern und deren Vorurteilen bevorstand . Und jedesmal , wenn sie sich zur Ruhe philosophiert hatte , machten ihre Vorstellungen Halt vor der Frage ; Was wird Heinz Kerkow sagen , wenn er erfährt , daß ich entlobt bin ? – ’ Sie kann dich doch nicht vergessen , ’ wird er sagen , ’ sie bringt es nicht fertig , den andern zu nehmen ! ’ Dann fuhr sie empor und fühlte ihr klopfendes Herz und die Schweißperlen auf der Stirn . Ach ja , er mußte es herausfühlen , daß ihre Verlobung eine Verzweiflungstat gewesen war , die zu Ende zu führen ihr die Kraft gebrach . Aber mochte er sagen , was er wollte , nur nicht sehen sollte er sie nach der Entlobung ! Sie wollte weiter ertragen das Leben , das sie jetzt führte , zur Lüge und Komödie verdammt , bis er den Urlaub , den er zu seiner Hochzeitsreise erbeten , angetreten hatte ! War er erst fern , dann würde sie mehr Mut und Ruhe finden zu dem , was sie thun mußte ! In ihrem trotzigen Weh dachte sie nur an das , was sie litt , kein einziger Gedanke flog zu dem Manne , der die Tage zählte bis dahin , wo sie ihm folgen würde in sein Haus . Und so saß sie tagsüber und nähte an ihrer Ausstattung mit zusammengezogenen Brauen und hörte mit finsterem Schweigen an , wenn die Mutter erzählte , daß Günther ungeduldig die Abreise Seiner Hoheit herbeisehne . Neckereien brachten sie zu Thränen und Ermahnungen zu offenem Widerspruch , sie fühlte sich selbst hassenswert , und die befremdeten Gesichter der Ihrigen stachelten sie zu nervöser Gereiztheit . Aufatmen that sie erst , wenn sie am Instrument saß bei Fräulein Hochleitner . Auch heute war sie förmlich geflohen aus dem elterlichen Hause und vor den Tischgesprächen , die sich um weiter nichts drehten als um die binnen acht Tagen bevorstehende Hochzeit des Fräuleins von Ribbeneck mit dem Hofmarschall . Die ganze Stadt sprach von nichts anderem , in jedem Laden wußten die Verkäuferinnen davon zu erzählen , die Näherinnen , die in die Häuser gingen , die Damen , die auf Besuch zu Mays kamen . Aenne mußte erfahren , wie lang die Schleppe am Brautkleid sein werde und welche Farbe die Brautjungfern zu ihrer Toilette gewählt hätten , es war , als habe sich alles verschworen , sie zu quälen . Ganz rot vom eiligen Lauf und vor innerer Bewegung trat sie in das Stübchen der Künstlerin , die am Fenster saß und an einem altdeutschen Kostüm nähte , sie sollte darin das Gretchen singen im Gounodschen „ Faust “ . „ Schau , “ sagte diese fröhlich , „ dös ist lieb , daß Sie kommen , Fräul ’ n May , der Mokka wird auf der Stell ’ ferti sein , und mein G ’ wand ’ l da könn ’ n m ’ r glei anfang ’ n. Hier san d ’ Noten , der Buchhändler hat s ’ heut ’ früh g ’ schickt , und da is a der Psalm , den i auf Befehl Ihrer Durchlaucht bei der Trauung von ’ d klanen Kerkow in der Schloßkirch ’ n singen soll . Woll ’ n S ’ so freundli sein und ’ mal anseh ’ n , bis i da ferti bin ? Es wär ’ mir lieb , i höret glei a mal den Psalm , und versprech ’ Ihn ’ n , wenn S ’ so recht schön vom Blatt wegsingen , Ihre Trauung a mit meiner Stimm ’ zu verherrlichn , daß Sie glei innew ’ rn , a Engerl is extra vom Himmel ’ runter kommen zu der Stund ’ ! “ Aenne lächelte trüb . „ Ach , dann sind Sie ja gar nicht mehr hier , Fräulein Hochleitner , “ sagte sie , ihr Jackett ablegend und die Pelzmütze hastig vom Kopf nehmend . „ Bis jetzt ist der Tag übrigens noch nicht bestimmt . “ „ Sie hab ’ n an merkwürdig geduld ’ gen Bräutigam , Klane ! I glaube , i würd ’ s ihm übelnehmen an Ihrer Stell ’ . No , Sie scheinen halt selbst kein ’ Eil ’ zu hab ’ n , i aber desto mehr , mit dem Mokka , man ’ i. Därf i bitt ’ n , Fräul ’ n May , schenken S ’ ein , derweil sitzt das Streiferl hier wieder fest . “ Es war unendlich gemütlich in dem von einem herrlichen Maiglöckchenstrauß durchdufteten kleinen Raum . Die spießbürgerliche Einrichtung des Zimmers verschwand ganz unter allerhand anmutigem Tand , auf jedem Sitzmöbel lag irgend etwas , das Klavier stand offen , einige Notenblätter waren zur Erde gefallen , ohne daß sich jemannd nach ihnen gebückt hätte , und auf dem verblichenen Teppich zerknabberte Azorl , der reizende weiße , sehr verzogene Seidenspitz , einen Pantoffel seiner Herrin . Aenne schenkte den Kaffee ein aus der kleinen silberglänzenden Wiener Maschine , und dann saß sie ein paar Minuten schwelgend ihrer bewunderten Lehrerin gegenüber und sah den flinken Händen zu . „ No ? “ fragte diese , erstaunt ob der Stille , und sah das Mädchen an . „ Wia schau ’ n S ’ denn aus ? Alle Tag ’ blässer und alle Tag ’ trübseliger ? Ja , was heißt denn dös ? Wissen ’ S , manchmal hab ’ i schon ’ dacht “ – sie stockte und vollendete dann , „ daß S ’ Angst hab ’ n vor der Zukunft , Sie arm ’ s Hascherl ! “ Aenne sah sie traurig an . „ Ja , lieber Gott , ’ s is eben a sehr schwerer Schritt , “ fügte die Sängerin hinzu . Aenne biß die Lippen aufeinander und schluckte an ungestüm [ 104 ] Auf der Pennsylvania Avenue zu Washington . Nach einer Skizze von Rud . Cronau . [ 105 ] WS : Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt . [ 106 ] hervorquellende Thränen , dabei schüttelte sie energisch den Kopf , als wollte sie sagen : „ Sie irren sich , ganz gewiß , Sie irren sich ! “ „ Dös ist ’ s net ? I hab ’ beinah ’ g ’ laubt , so sei ’ s. Aber dös is ja a net mögli , und wann ’ s a so wär ’ , hätten S wohl längst a End ’ g ’ schaff ’ n , man zieht an braven Mann doch net an der Nas ’ n ’ rum ? Feig sans doch a net , Fräul ’ n Aennerl , und an Irrtum eing ’ steh ’ n , is am End ’ a ka Schand ’ – ja , ja , i seh ’ ’ s , i irr ’ mi , ’ s is an andrer Kummer , bin aber die Letzt ’ , die dran rührt . – Kommen S ’ , wir woll ’ n sing ’ n , ’ m Kerkow sein ’ Hochzeitskantate ! “ „ Ich kann nicht ! “ stieß das junge Mädchen hervor . Die Sängerin , die schon am Klavier saß , wandte sich jäh , einen Ausdruck von Ueberraschung im Gesicht . „ Gerad ’ den Psalm net ? Oder überhaupt net ? “ fragte sie , das blasse Gesicht der sonst so lernbegierige Schülerin betrachtend . Aenne raffte sich zusammen . „ Heut ’ überhaupt nicht , “ sagte sie , „ ich habe Kopfweh . “ „ Na , da plausch ’ n wir halt a bisserl , “ tröstete Fräulein Hochleitner . „ Was kann ma denn thun , um Sie auf andre Gedanken zu bring ’ n ? Soll i Ihn ’ n a Lied sing ’ n , oder soll i Ihn ’ n a bisserl erzähl ’ n , davon , daß alle Leit ’ hier verruckt san über d ’ Hochzeit drob ’ n , und daß dem Kerkow sein Schwesterl ankommen is , so a arm ’ s bleichsüchtig ’ s Ding im schwarzen Krepp , das ausschaut , als hab ’ s ka Hoffnung mehr auf Erden ? I muß sag ’ n , an der Ribbeneck ihrer Stell ’ hätt ’ i net auf so a prächtige Hochzeit b ’ stand ’ n , aber sie kann sich net helf ’ n , sie muß aller Welt zeig ’ n , daß sie jetzt doch an Mann erwischt hat , nach so viel vergeblichen Versuchen ,