, dem pochte das Herz ungestüm , wenn sie ihn so strahlend ansah oder ihr duftiger Athem ihn streifte . Nelly aber , die kleine Nelly , was hatte sie nur ? Sie , die sonst so willenlos dem Bruder gehorchte , ihm in Allem Recht gab , [ 738 ] was er sagte und that , bereit war den leisesten Wunsch von seinen Augen zu lesen , sie brachte heute der Cousine ein so gleichgültiges Wesen entgegen , schien so wenig Theilnahme zu haben für Alles , was um sie vorging , daß es beinahe an Unart streifte . Ihr rother Mund , der sich so gern zum herzlichen Lachen öffnete , blieb heute streng geschlossen , und ihre Augen streiften nur mitunter scheu die glücklichen Züge ihres Bruders , der so unerschöpflich in Aufmerksamkeiten war für seine Nachbarin . Vor ihren Augen tauchte immer und immer wieder ein erblaßtes Gesichtchen mit ein paar großen Thränen in den blauen Augen auf : was hatten sie nur dem Lieschen gethan , ihrem Lieschen ? Nein , sie mußte erst hin zu ihr – und sie sollte es sagen , wer sie beleidigt . – – Es war völlig dunkel geworden , als Nelly einige Stunden darauf aus Lieschen ’ s Stübchen trat , wo sie in der Dämmerung mit der Freundin geplaudert hatte . „ Es ist nichts , Nelly , “ versicherte Lieschen einmal über das andere mit ihrer weichen Stimme , „ es war recht kindisch von mir , daß ich etwas übel nahm , was gar nicht der Rede werth ist , und nun komm , ich werde Dich begleiten . “ Und so schritten sie denn über den Mühlensteg und in dem tiefen Dunkel der Bäume den alten bekannten Weg entlang . Es war ein warmer Abend ; kein Lüftchen regte sich am fernen Horizont lag unheimlich eine dunkle Wolkenschicht , schwaches Wetterleuchten zuckte von Zeit zu Zeit auf und warf ein falbes Streiflicht auf die Gegend ; die Nachtigallen schlugen in allen Gebüschen , und aus der Ferne ertönte der Gesang junger Burschen , die ihre Festlust so recht aus voller Seele hinausjubelten . „ Ich weiß nicht , wie mir ist , “ begann Lieschen und athmete tief , „ als ob ich ersticken müßte ! Wie ist die Luft heute so schwer und dumpf ! Ich glaube , die Muhme hat Recht – es kommt ein Gewitter . “ Nelly nickte . „ Meine Mutter klagt auch , daß sie gar nicht athmen kann , “ fuhr Lieschen fort ; „ weißt Du , Nelly , mir ist Pfingsten noch nie so traurig vorgekommen wie diesmal , und es ist doch Alles so wie sonst gewesen . Wenn nur nichts Schlimmes passirt , falls das Wetter doch kommt ! “ So waren sie bis zur Parkthür gelangt , mechanisch gingen sie noch weiter in den dunklen Lindenweg , der Duft des Flieders und Faulbaums drang ihnen fast betäubend entgegen , und Lieschen griff mit der kleinen Hand an die schmerzende Schläfe – auf einmal fühlte sie einen leichten Druck auf dem Arm , und Nelly blieb stehen . „ Lieschen , ich bitte Dich , “ bat sie , „ war das nicht Blanka ’ s Stimme ? “ Es war ein Weilchen Alles ruhig und still ; dann kamen ihnen Schritte entgegen ; das Rauschen eines Kleides begleitete sie , und nun drang durch die Stille eine süße klare Stimme herüber : „ Army , mein lieber , lieber Army ! “ Wie berückend das klang ! Dem jungen Mädchen dort unten war zu Muthe , als bohrte sich ein spitzes Messer in ihre Brust ; unwillkürlich preßte sie die Hand auf ’ s Herz . Und jetzt ein Flüstern : das war seine Stimme , – wie gut , daß sie nicht vernahm , was er sagte ! Wäre sie doch nicht mitgegangen ! Das Rauschen des Kleides und die langsamen Tritte kamen näher ; sie ließ die Hand der Freundin los und flüchtete hinter den dicken Stamm einer Linde , und doch beugte sie sich vor , und da – da leuchtete ein greller Schein am Himmel auf und zeigte ihr eine hohe , edle Männergestalt , und in seinem Arm hing , wie eine Elfe so zart und licht , die schöne Cousine mit den rothgoldnen Haaren ; sie hatte den Kopf zurückgebogen und er beugte sich zu ihr hernieder und küßte sie . Es war nur ein Moment , aber er reichte hin , um den zwei bangen blauen Mädchenaugen Alles zu verrathen ; sie legte den Kopf an den Stamm des alten Baumes und schloß die Augen in heißem , nie gekanntem Schmerz . Nelly aber schrie gellend auf : „ Army ! Army ! “ – wie anklagend , wie warnend tönte es . Und dann antwortete er , und so lustig klang die Stimme : „ Schwesterchen , wo bist Du denn ? So komm doch , sieh nur , was ich gefunden ! Komm her – Du sollst voraus laufen und der Großmama sagen , daß das Glück nun wirklich eingekehrt ist , daß Blanka mein geworden ! “ Und da flammte es wieder auf im grellen Schein durch die Bäume und beleuchtete eine schlanke Mädchengestalt , welche die Allee hinab heimwärts floh . Vor dem Brautpaare stand die kleine Nelly und sah mit bangen , großen Blicken zu dem Bruder auf , und als der Schein erloschen , da rang sich ein heißes Schluchzen aus ihrer Brust und mit gesenktem Kopfe schritt sie zum Schloß , um der Mutter zu sagen , daß die Blanka und der Army – ihr lieber , guter Army – Braut und Bräutigam geworden seien . – – Die Muhme aber saß auf der Sandsteinbank vor der Thür und wartete auf ihren Liebling ; der Hausherr und seine Frau promenirten im Garten auf und ab , und Herr Selldorf begleitete sie und erzählte von seiner Heimath und seinen Geschwistern . Die alte Frau hing ihren Gedanken nach , und jedesmal , wenn so ein flammender Schein durch die schwüle Luft fuhr , dann dachte sie : wenn nur die Liesel erst wieder daheim wär ’ ! „ O weh , es regnet morgen , “ flüsterte sie vor sich hin , da wird nichts aus der Waldpartie mit Pastors . Na , da müssen sie sich halt hier verlustiren ; „ ’ s wird zwar einen Kribbel-Krabbel geben in der alten Mühle – wie viel hab ich denn zu Tisch ? Da sind aus der Pfarre allein acht Personen , und dazu die beiden Oberförsters und – – Gerechter Himmel ! “ schrie sie dann auf , „ Liesel , wie hast Du mich erschreckt ! “ und sie bog sich zu dem jungen Mädchen hinunter , das wie leblos zu ihren Füßen niedergesunken war und den Kopf in ihren Schooß barg . „ Was ist Dir denn , mein Kind ? Liesel , so sprich doch ! Was ist Dir ? “ fragte sie und streichelte das Köpfen . „ Mein Gott , “ fuhr sie fort , „ bist Du denn krank , mein Herzblättel ? “ Aber sie erhielt keine Antwort . Nur der Kopf des Mädchens richtete sich empor ; zwei Arme schlangen sich um ihren Hals , und heiße , zitternde Lippen preßten sich innig auf die ihren , – dann war das flüchtige Mädchen verschwunden , und die alte Frau hörte den leichten Schritt auf der Treppe und bald darauf , wie die Stubenthür geschlossen wurde . „ Wunderliches Kind , “ murmelte sie und schüttelte den Kopf . Sie sah ja nicht , wie ihr Liebling dort oben ruhelos auf und ab schritt und wie endlich ihr müdes Köpfchen auf einem thränennassen Kissen lag und die kleinen Hände sich so fest falteten , um ein Gebet zu sprechen für den Army , mit dem sie einst als kleines Mädchen gespielt , und der sie jetzt so gar nichts anging auf der Welt , – ach , so gar nichts mehr ! 8. Droben im Schloß kehrte heut noch lange nicht die Ruhe ein . Die junge Braut zwar zog sich bald in ihr Zimmer zurück ; sie war noch so verwirrt , wie sie sagte ; es sei Alles so plötzlich , so überraschend gekommen . Sie duldete freilich die Schmeicheleien , welche die alte Baronin ihr mit strahlendem , freudig überraschtem Gesichte sagte , und hörte die bewegten Worte an , die ihres Army Mutter ihr zuflüsterte , aber dann war sie müde , und die hohe Thür ihres Gemaches flog eilig hinter ihr in ’ s Schloß ; das kindlich süße Lächeln verschwand von dem schönen Gesichte , und Sophie , die Kammerjungfer , hatte eine sehr ungnädige Gebieterin . Endlich saß sie dann im Nachtkleide an ihrem Schreibtisch , und die Feder flog über das Papier wie gejagt , und um den Mund zuckte es wie im tiefsten Verdruß . Um Army aber schlangen sich drunten im Wohnzimmer die Arme seiner Mutter , und ihre Augen ruhten auf den seinen , die so glücklich leuchteten . „ Mein alter , guter Junge , “ flüsterte sie , „ mögest Du doch glücklich werden ! Es ist so rasch gekommen , Army , und Du bist noch so jung . Gott gebe Euch seinen Segen ! “ Die alte Baronin , die lebhaft im Zimmer hin und her schritt , blieb nun vor der Gruppe stehen , als eben der junge Mann seinen Mund auf denn der Mutter preßte . „ Army , “ begann sie , augenscheinlich ärgerlich über die sentimentale Scene , „ Du weißt , was Du zunächst zu thun hast . Du reisest zur Tante und hältst in aller Form um Blanka an , und dann hoffe ich , daß alles Andere auch bald arrangirt sein wird , – an Blanka ’ s Vater schreibst Du nur ; ich denke , mit dem Menschen kommen wir in keine weitere Berührung ; jedenfalls – “ „ Gewiß , Großmama , ich reise , “ unterbrach er sie mit leicher Stimme . Er war zu Nelly getreten , die , in einen großen Lehnstuhl gekauert , das Gesicht in beide Hände barg . „ Kleine , “ sagte er leise , „ hast Du denn kein freundliches Wort für mich ? “ „ Ach , Army , “ schluchzte sie , „ ich – ich erschrak so heftig , [ 739 ] als ich Dich dort mit der Cousine sah , und ich bin so traurig , daß – “ „ Aber Nelly ! Es ist doch ein großes Glück für uns Alle , daß es so gekommen und ich habe sie so lieb , die Blanka . “ „ Hat sie Dich auch lieb ? “ fragte das junge Mädchen ernst , und erfaßte seine Hände , „ weißt Du das genau ? “ „ Aber Herzchen , “ sagte er lachend , „ denkst Du , sie würde mich sonst heirathen mögen ? Sie , die so schön ist und der so gehuldigt wird ? “ Nelly schüttelte den Kopf und sah mit ihren verweinten Augen an dem Bruder vorüber . „ Ich hab es mir so ganz anders vorgestellt , “ flüsterte sie . „ Närrisches kleines Ding ! “ sagte er und strich zärtlich über ihre Locken . „ Aber , nicht wahr Nelly , es ist doch auch schön , wenn Du mich so recht glücklich weißt ? “ Sie nickte unter Thränen und verließ dann schnell das Zimmer . Draußen rollte der erste Donner des heraufsteigenden Gewitters durch die schwüle Nacht . „ Ich glaube , Nelly ist krank , “ sagte besorgt die Mutter , „ sie hat so glühend heiße Hände . “ „ Ach was , unartig ist sie ; sie schmollt , weil nach ihrer Meinung ihrem Lieschen heut zu viel geschah , “ erklärte die alte Dame ärgerlich . „ Ich wette , sie ist schon unten gewesen in der Mühle und hat das einfältige Ding um Verzeihung gebeten ; es ist unerhört , wirklich . “ „ Gewiß war sie unten , sie schien von dort zu kommen , als sie uns so unerwartet in der Lindenallee traf ; übrigens , Großmama , ich muß es gestehen , und Blanka findet es auch : Du warst zu schroff gegen die Kleine . “ In diesem Moment zuckte ein greller Blitz auf , dem ein furchtbarer Donnerschlag folgte . „ Misericordia , welch ein Gewitter ! “ rief bebend die alte Baronin und vergaß ihre scharfe Antwort einen Augenblick über dem Schrecken , „ ob sich Blanka fürchtet ? “ Da flog auch schon die Thür auf , und im weiten weißen Caschemirkleide stand die junge Dame plötzlich mitten im Zimmer ; sie hielt sich die kleinen Hände vor die Ohren und schaute mit angsterfüllten Blicken umher . „ Ich fürchte mich , “ sagte sie sich schüttelnd und flüchtete in den großen Lehnstuhl , den Nelly eben verlassen . Army eilte zu ihr ; er sah in ihr blasses Gesicht und ergriff die kalte kleine Hand . „ Ich möcht hier nicht immer wohnen , um die Welt nicht ! “ fuhr sie fort und stellte trotzig ihren zierlichen Fuß auf den Boden . „ Wo willst Du denn wohnen , mein Kind ? “ fragte die alte Baronin , verwundert aufhorchend . „ Denn wohnen ? “ wiederholte erstaunt die junge Dame , und ihre Angst schien momentan völlig vergessen zu sein . „ Ja , liebe Großmama , bildest Du Dir vielleicht ein , daß ich und Army uns hier vergraben sollen ? Nein , bewahre ! Nicht wahr , Army ? Wir reisen zu allererst und sehen uns die Welt an ; ich kenne noch keins der großen Bäder , Ems , Baden-Baden , dann die Schweiz , Italien – denke doch , Italien , wovon Du mir erst gestern so viel erzählt hast , und dann , wenn wir dies Alles gesehen , dann suchen wir uns einen Ort aus , wo es uns gefällt . “ Sie schwieg plötzlich , denn eben war wieder Blitz und Donner erfolgt und schien das alte Schloß in seinen Grundmauern zu erschüttern . Army hielt die Hand seiner Braut ; er stand hoch aufgerichtet neben ihr und horchte auf den verhallenden Donner , die alte Dame aber trat mit einer Miene der höchsten Verwunderung zu dem Paare , während die Schwiegertochter sich in ihrem Sessel aufgerichtet hatte und fast ängstlich lauschte , was da so selbstverständlich der kleine rothe Mund ausplauderte . „ Wir werden da wohl leben müssen , Blanka , “ sagte jetzt der junge Mann ruhig , „ wo es Tante Stontheim bestimmt . “ „ Nein , nimmermehr ! “ erwiderte sie lebhaft , „ hier in diesem alten Schlosse möchte ich nicht einmal begraben sein ; ich bin noch jung ; ich lasse mich nicht fesseln und will das Leben genießen , Army , Du wirst mir Recht geben . Hier wohnen ? Nun und nimmermehr ! Tante ist zu vernünftig ; sie wird das auch nicht verlangen , nein , sicher nicht , “ setzte sie überzeugt hinzu . „ Gewiß , Blanka , wir werden reisen , “ versicherte er , „ aber unsern festen Wohnsitz hat Tante zu wählen . “ „ Und wenn sie Derenberg wählt , so komme ich nicht mit . Nein , gewiß , ich komme nicht mit ; es ist zu traurig hier ; ich müßte sterben in dieser Einsamkeit . “ „ Und Du wolltest mich dann hier allein lassen ? “ fragte Army leise und beugte sich zu ihr hernieder , um ihr in die Augen zu sehen ; er sagte es scherzend , aber es klang doch etwas wie Angst hindurch ; „ und Du hast mir doch noch da draußen unter den Bäumen gestanden , daß Du nur dort glücklich sein würdest , wo – “ seine Stimme sank zum Flüstern herab . Ein heftiges Schütteln des kleinen goldflimmernden Kopfes war die Antwort . „ Nein , nein ! “ rief sie dann , „ so ist es nicht gemeint , Army ; ein Bischen Freiheit laß ich mir nicht nehmen ; es wäre mein Tod , müßte ich tagtäglich durch diese kalten hohen Corridore gehen und in den düsteren Park blicken . “ „ Wenn aber Dein zukünftiger Gatte es wünscht , daß Du hier bleibst ? “ fragte fast athemlos die alte Dame , ihre feinen Hände faßten krampfhaft die Falten ihres Kleides . „ Er wird es nicht wünschen , “ rief sie leidenschaftlich und sprang auf ; das liebliche Gesichtchen hatte einen beinahe drohenden Ausdruck angenommen und der kleine Fuß trat energisch das alte Parquet ; keine Spur mehr in ihrer Haltung von jenem süßen Hingeben , womit sie heute unter den dunkeln Bäumen an seinem Arme gehangen ; der Eigensinn in seiner häßlichsten Gestalt trat hier plötzlich zu Tage , und ihre Stimme klang scharf und rauh . „ Es ist lächerlich , geradezu lächerlich , “ fuhr sie fort , „ die Frau als Sclavin hinzustellen und ihr zu sagen : da , wo Dein Mann sich wohl fühlt , muß Du es nothgedrungen auch , und wenn Du es nicht thust , so ist es Deine Sache ; sieh ’ , wie Du fertig wirst ! Army kann und wird sich nicht so zu mir stellen ; ich gab ihm mein Wort , ihn anzugehören , in seiner Hand liegt es nun , aber auch zu machen , daß ich gern bei ihm bin , und hier kann und will ich nicht sein . “ „ Blanka ! “ rief er , und seine großen Augen ruhten fast erschrocken auf dem jungen Wesen , das eben mit tausend süßen Liebesworten seine Braut geworden . „ Blanka ! Ich bitte Dich , höre auf ! Du bist aufgeregt heute . Du hast Dich gefürchtet . “ Er hatte geklingelt und führte sie zum Sessel zurück . „ Ein Glas Wasser ! “ befahl er dem eintretenden Heinrich . Die Großmutter aber sah beinahe erstarrt auf die Braut ihres Enkels . Wie ? Dieses kindische Köpfchen warf mit einem Athemzuge all ihre köstlichen Pläne über den Haufen ? Sie sollte nach wie vor hier in dieser Einsamkeit leben ? Der glänzende Reichthum sollte nicht auch ihr zu Gute kommen ? Sie sollte sich nicht sonnen dürfen in den Strahlen , die ein frisches , fröhliches Leben hier verbreiten könnte ? Beinahe fassungslos ließ sie sich in einen Sessel fallen und betrachtete finster die hohe Gestalt des jungen Officiers , der eben das Glas Wasser aus den Händen des Dieners nahm , um es seiner Braut zu reichen . Draußen rauschte jetzt mächtig der Regen hernieder ; noch immer zuckten schwache Blitzesstrahlen , das Rollen des Donners aber verhallte bereits in der Ferne . Plötzlich ertönte ein schwacher Schrei aus dem angrenzenden Zimmer ; „ Nelly ! “ rief die jüngere Baronin erschreckt , und verschwand in der Stubenthür . „ Kind , was fehlt Dir nur ? “ rief sie drüben angsterfüllt , indem sie sich zu der auf dem Sopha liegenden Nelly niederbeugte und die Hand auf ihre heiße Stirn legte . „ Ach , sie ist schrecklich , Mama ; sie ist schrecklich , “ schluchzte die Kleine , „ mein Army , mein lieber , guter Army ! Sie hat ihn nicht lieb , Mama – Du kannst es mir glauben . “ „ Aengstige Dich nicht , liebes Herz ! “ tröstete leise die Mutter , „ sie ist nur ein wenig launisch ; es wird noch Alles gut werden . “ „ Nein nein , Mama ! Ach , wie ich sie sah , da fiel mir die alte Chronik und der Vers von den rothen Haaren ein ; er geht mir nicht aus dem Sinn . Ach , wenn sie doch fortginge , noch heute Abend , und gar nicht wieder käme ! “ Mit tausend Schmeichelworten suchte die Mutter das erregte Mädchen zu beruhigen ; ihr Herz schlug ja selbst so bang ! Die blasse Frau senkte den Kopf und ein Paar große Thränen drängten sich ihr in die Augen . Nelly schlief unter den Liebkosungen der Mutter ein . Es war ein unruhiger , fieberhafter Schlaf , aber die sorgenvolle blasse Frau ließ ihr Töchterchen doch allein ; sie hatte ja noch ein Kind , ihren Army . Vorsichtig spähend bog sie den Kopf um die Thür ; die alte Dame und die schöne Braut waren verschwunden , aber dort in der tiefen Fensternische , da stand er noch , ihr Liebling , [ 740 ] und sah in die finstere Nacht hinaus ; sie trat zu ihm und legte die Hand auf seine Schulter , „ Army , “ sagte sie leise ; er wandte sich und blickte sie fragend an . Sie sprach kein Wort mehr , aber ihre Augen ruhten ängstlich forschend auf dem schönen , stolzen Gesicht , als er ihre Hand an den Mund zog . „ Sei ruhig , Mama ! “ sagte er hastig , und seine Stimme klang nicht ganz so fest wie sonst , „ sie ist ein verzogenes Kind , ein sehr verzogenes Kind , aber sie hat mich lieb – gewiß , ich weiß es , und sie wird sich ändern ; sieh , es that ihr schon wieder leid , daß sie so heftig war . “ Die Mutter unterdrückte die hervorquellenden Thränen und strich leise über seine Stirn . „ Gute Nacht , Army , “ flüsterte sie und wandte sich rasch ab . „ Gute Nacht , Mama , “ gab er zurück und küßte ihr schmeichelnd den Mund , „ hab keine Sorge um mich ! “ – – Wohl vierzehn Tage waren vergangen seit jener Pfingstnacht . Sturm und Regen hatten damals all die Blüthenfülle der Bäume und Sträucher herabgeweht und sie wie frischen Schnee auf die Erde gestreut , aber dafür brachen jetzt in Müllers Garten die Rosen auf in schönster Pracht , und die Linden der alten Allee im Schloßpark standen in vollster Blüthe . Gar oft war Lieschen in der letzten Zeit diesen Weg gegangen , den sie so bald nicht wieder zu betreten gedacht hatte , war doch Nelly ernsthaft erkrankt , und der alte Heinrich hatte auf ihren Wunsch die Freundin an das Lager der Kranken holen müssen . Nun hatte Lieschen stundenlang dagesessen in dem hohen , dämmerigen Gemach und die kleine , fieberheiße Hand in der ihrigen gehalten . Die Botschaft , welche sie auf das Schloß rief , war in der Mühle gerade in den „ Kribbel-Krabbel “ gefallen , von dem die Muhme gesprochen hatte . Pastors mit den Kindern und Oberförsters waren richtig erschienen , und Lieschen hatte alle Sinne zusammen nehmen müssen , um in alter Weise mit den Kindern zu verkehren , und war diesmal froh gewesen , in dem jungen Herrn Selldorf eine Hülfe zu finden . Da war Heinrich mit der beunruhigenden Botschaft eingetreten , und Lieschen hatte nur einen Augenblick gezögert , Urlaub zu erbitten , der ihr sofort gewährt worden war , wie ungern man sie auch gerade heute in dem fröhlichen Kreise vermißte . „ Tante Lieschen , komm bald wieder – adieu Tante Lieschen ! “ hatten ihr die frischen Kinderstimmen der kleinen Trabanten nachgerufen , welche die Näschen platt an die Fensterscheiben gedrückt hatten . Hinter der Gardine aber hatte ein junger Mann mit blondlockigem Haar und zwei ehrlichen hellen Augen gestanden und die schlanke Gestalt verfolgt , die unter dem Regenschirm dort eben in dem Waldwege verschwand und ein unmuthiger Zug hatte sich um seinen Mund gelegt . Was war aus diesem sehnlichst erwarteten zweiten Pfingsttage geworden ! Statt einer Waldpartie – Regenwetter , statt sehnsüchtiger Blicke in blaue Augen – die Quälereien der wilden Jungen , bei denen Selldorf bereits zum Onkel avancirt war – – Auf dem Schlosse war sonst noch allerlei passirt in den vierzehn Tagen . Army hatte von einer flüchtigen Reise zu Tante Stontheim deren Einwilligung und außerdem eine allerliebste kleine Equipage für seine Braut heimgebracht , und ein freundliches Schreiben von Blanka ’ s Vater hatte die Verlobten gesegnet . Die junge Braut war wieder die Liebenswürdigkeit selber ; sie hatte aus freien Stücken erklärt , es thue ihr leid , an ihrem Verlobungsabend so heftig gewesen zu sein , aber ein Gewitter verstimme ihre Nerven stets so entsetzlich , und Army – nun , der war der glücklichste Bräutigam , den man sehen konnte ; so meinte wenigstens Lieschen . Er trat manchmal in das düstere Krankenzimmer , um die Schwester zu begrüßen , und dann leuchtete sein Gesicht immer so stolz und glücklich , wenn er sich zu ihr niederbeugte und ihr einen Gruß von seiner Braut brachte . Letztere war nur einmal an dem Lager der Cousine erschienen , aber die helle Gestalt mit der lang nachrauschenden Schleppe und dem goldflimmernden Haar hatte die Kranke mächtig aufgeregt , als sie so hastig gefragt hatte : wie es gehe ? ob sie nun bald wieder aufstehen könne ? und so weiter , und so lebhaft von den Spazierfahrten erzählt , die sie mache , und von den Plänen für ihre Heirath , daß das junge Mädchen in Thränen ausgebrochen war , als sie wieder hinausgerauscht war . „ Wenn sie nur nicht so bald wieder kommt . “ hatte sie gesagt , „ mir wird so schwül in ihrer Nähe , und das Parfüm , das sie gebraucht , macht mir Kopfweh . “ Von Lieschen hatte Blanka gar keine Notiz genommen , obgleich sie deren schlanke Gestalt hochaufgerichtet am Bette stehen sah ; die Großmama kam überhaupt nie in das Krankenzimmer , so lange sie Lieschen dort wußte , und Sanna murmelte Etwas von Eigensinn und daß sie ebenso gut pflegen könne , wie das einfältige Ding aus der Mühlen ; „ das solle nur so etwas heißen von der jungen Baronin . “ Endlich war die Krankheit überstanden , die dunklen Vorhänge in dem Krankenzimmer zurückgeschlagen , die Fenster geöffnet , und das junge Mädchen lag auf dem Sopha und athmete mit Behagen die reine Waldesluft , die so schmeichelnd in ’ s Zimmer drang und richtete ihre Augen dankbar auf Lieschen , die neben ihr saß und mit ihr plauderte . Es befand sich Niemand weiter bei ihnen , denn es war noch Besuch gekommen : Blanka ’ s Vater , wie Nelly flüsternd berichtete , der mit Großmama und Army im Auftrage der Tante Stontheim zu sprechen habe . „ Ich bin ordentlich froh , Lieschen , “ fügte sie hinzu , „ daß ich nicht dabei zu sein brauche , denn Großmama macht schon seit dem Moment , wo der Brief eintraf , der den Onkel anmeldete , so ein böses , böses Gesicht . Aber sage einmal , Lieschen , Du siehst so blaß aus ? “ fragte sie dann . „ Du hast Dich gewiß zu sehr angestrengt bei meiner Pflege . “ Das junge Mädchen wehrte erröthend ab . – Von draußen her schallten jetzt Stimmen und das Trappeln von Pferden herauf . „ Ah , sie werden vom Spazierritt wiederkehren , “ sagte Nelly , „ komm , Lieschen – wir müssen es sehen . “ Sie erhob sich etwas matt und trat an ’ s Fenster . Dort unten auf dem Platze war , wie es schien , die ganze Familie versammelt ; Blanka saß noch auf ihrem Pferde im schwarzen Reitkleide , das kecke Hütchen mit der langen schwarzen Feder auf dem üppigen Haar , das heute in mächtigen Puffen am Hinterkopfe aufgesteckt war , statt wie sonst aufgelöst über den Rücken herabzufallen . Das Pferd war unruhig , aber sie saß vollkommen sicher im Sattel und klopfte mit der kleinen behandschuhten Hand liebkosend den Hals des schönen Thieres . Army war bereits von seinem Goldfuchs gesprungen ; er stand vor seiner Braut , um ihr beim Absteigen behülflich zu sein , und sah zu seinem Schwiegervater hinüber , der eben langsam zwischen den beiden Baroninnen herankam . Letzterer war ein kleiner corpulenter Herr , wie Lischen bemerken konnte , und schien sehr eifrig eine Meinung zu vertreten , denn er gesticulirte heftig beim Sprechen . Die Blicke von Nelly ’ s Mutter streiften das Fenster , an dem die beiden jungen Mädchen standen ; sie nickte freundlich hinauf , und die Augen der mit ihr Gehenden folgten diesem Gruße . Die ältere Dame sah gleichgültig wieder hinweg , während der Oberst , stehend bleibend , seinen Hut abnahm und hinauflächelte : dann hörten sie , wie er nach Lieschen fragte ; was geantwortet wurde , konnten sie nicht mehr verstehen . Inzwischen war Blanka abgestiegen , und Lieschen führte ihre Freundin wieder nach dem Sopha zurück ; bald nachher verkündete lautes Sprechen im Nebenzimmer das Eintreten der Gesellschaft . Lieschen nahm ihr Buch wieder auf und wollte die unterbrochene Lectüre beginnen , als drinnen die Stühle gerückt wurden und plötzlich die Stimme des alten Herrn durch die hohe Flügelthür deutlich zu ihnen herüberdrangt : „ Es thut mir leid , meine Gnädige , daß die Sache so wenig nach Ihrem Geschmack zu sein scheint , indessen – “ „ Scheint sie desto mehr nach dem Ihrigen zu sein , Herr Oberst , “ unterbrach ihn die scharfe Stimme der alten Baronin . „ Pardon , ich komme nur als Abgesandter der Gräfin Stontheim und habe vorhin schon einmal betont , daß ich mich keineswegs in das Arrangement der Angelegenheiten machen werde ; ich will jedoch nicht leugnen , daß es mir so am vernünftigsten erscheint . “ Seine Stimme verrieth eine gewisse Gereiztheit . „ Ansichten , liebster Derenberg ! “ Allerdings , aber Sie müssen selbst zugeben