» Lieber Schach « , fuhr sie fort , » Sie sehen , ich gebe mich Ihrem Urteil preis . Aber wenn ich mich auch bedingungslos einer jeden Verteidigung oder Anwaltschaft für Josephine von Carayon enthalte , für Josephine ( Verzeihung , Sie haben eben selbst den alten Namen wieder heraufbeschworen ) , so darf ich doch nicht darauf verzichten , der Anwalt der Frau von Carayon zu sein , ihres Hauses und ihres Namens . « Es schien , daß Schach unterbrechen wollte . Sie ließ es aber nicht zu . » Noch einen Augenblick . Ich werde gleich gesagt haben , was ich zu sagen habe . Victoire hat mich gebeten , über alles zu schweigen , nichts zu verraten , auch Ihnen nicht , und nichts zu verlangen . Zur Sühne für eine halbe Schuld ( und ich rechne hoch , wenn ich von einer halben Schuld spreche ) will sie die ganze tragen , auch vor der Welt , und will sich in jenem romantischen Zuge , der ihr eigen ist , aus ihrem Unglück ein Glück erziehen . Sie gefällt sich in dem Hochgefühl des Opfers , in einem süßen Hinsterben für den , den sie liebt , und für das , was sie lieben wird . Aber so schwach ich in meiner Liebe zu Victoire bin , so bin ich doch nicht schwach genug , ihr in dieser Großmutskomödie zu Willen zu sein . Ich gehöre der Gesellschaft an , deren Bedingungen ich erfülle , deren Gesetzen ich mich unterwerfe ; daraufhin bin ich erzogen , und ich habe nicht Lust , einer Opfermarotte meiner einzig geliebten Tochter zuliebe , meine gesellschaftliche Stellung mit zum Opfer zu bringen . Mit andern Worten , ich habe nicht Lust , ins Kloster zu gehen oder die dem Irdischen entrückte Säulenheilige zu spielen , auch nicht um Victoirens willen . Und so muß ich denn auf Legitimisierung des Geschehenen dringen . Dies , mein Herr Rittmeister , war es , was ich Ihnen zu sagen hatte . « Schach , der inzwischen Gelegenheit gefunden hatte , sich wieder zu sammeln , erwiderte , » daß er wohl wisse , wie jegliches Ding im Leben seine natürliche Konsequenz habe . Und solcher Konsequenz gedenk er sich nicht zu entziehen . Wenn ihm das , was er jetzt wisse , bereits früher bekannt geworden sei , würd er um eben die Schritte , die Frau von Carayon jetzt fordere , seinerseits aus freien Stücken gebeten haben . Er habe den Wunsch gehabt , unverheiratet zu bleiben , und von einer solchen langgehegten Vorstellung Abschied zu nehmen schaffe momentan eine gewisse Verwirrung . Aber er fühle mit nicht mindrer Gewißheit , daß er sich zu dem Tage zu beglückwünschen habe , der binnen kurzem diesen Wechsel in sein Leben bringen werde . Victoire sei der Mutter Tochter , das sei die beste Gewähr seiner Zukunft , die Verheißung eines wirklichen Glücks . « All dies wurde sehr artig und verbindlich gesprochen , aber doch zugleich auch mit einer bemerkenswerten Kühle . Dies empfand Frau von Carayon in einer ihr nicht nur schmerzlichen , sondern sie geradezu verletzenden Weise ; das , was sie gehört hatte , war weder die Sprache der Liebe noch der Schuld , und als Schach schwieg , erwiderte sie spitz : » Ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihre Worte , Herr von Schach , ganz besonders auch für das , was sich darin an meine Person richtete . Daß Ihr › Ja ‹ rückhaltloser und ungesuchter hätte klingen können , empfinden Sie wohl am eignen Herzen . Aber gleichviel , mir genügt das › Ja ‹ . Denn wonach dürst ich denn am Ende ? Nach einer Trauung im Dom und einer Galahochzeit . Ich will mich einmal wieder in gelbem Atlas sehn , der mir kleidet , und haben wir dann erst unsren Fackeltanz getanzt und Victoirens Strumpfband zerschnitten – denn ein wenig prinzeßlich werden wir ' s doch wohl halten müssen , schon um Tante Margueritens willen – , nun , so geb ich Ihnen carte blanche , Sie sind dann wieder frei , frei wie der Vogel in der Luft , in Tun und Lassen , in Haß und Liebe , denn es ist dann einfach geschehen , was geschehen mußte . « Schach schwieg . » Ich nehme vorläufig ein stilles Verlöbnis an . Über alles andere werden wir uns leicht verständigen . Wenn es sein muß , schriftlich . Aber die Kranke wartet jetzt auf mich , und so verzeihen Sie . « Frau von Carayon erhob sich , und gleich danach verabschiedete sich Schach in aller Förmlichkeit , ohne daß weiter ein Wort zwischen ihnen gesprochen worden wäre . Dreizehntes Kapitel » Le choix du Schach « In beinah offner Gegnerschaft hatte man sich getrennt . Aber es ging alles besser , als nach dieser gereizten Unterhaltung erwartet werden konnte , wozu sehr wesentlich ein Brief beitrug , den Schach anderntags an Frau von Carayon schrieb . Er bekannte sich darin in allem Freimut schuldig , schützte , wie schon während des Gesprächs selbst , Überraschung und Verwirrung vor und traf in all diesen Erklärungen einen wärmeren Ton , eine herzlichere Sprache . Ja , sein Rechtsgefühl , dem er ein Genüge tun wollte , ließ ihn vielleicht mehr sagen , als zu sagen gut und klug war . Er sprach von seiner Liebe zu Victoiren und vermied absichtlich oder zufällig all jene Versicherungen von Respekt und Wertschätzung , die so bitter wehe tun , wo das einfache Geständnis einer herzlichen Neigung gefordert wird . Victoire sog jedes Wort ein , und als die Mama schließlich den Brief aus der Hand legte , sah diese letztre nicht ohne Bewegung , wie zwei Minuten Glück ausgereicht hatten , ihrem armen Kinde die Hoffnung und mit dieser Hoffnung auch die verlorene Frische zurückzugeben . Die Kranke strahlte , fühlte sich wie genesen , und Frau von Carayon sagte : » Wie hübsch du bist , Victoire . « Schach empfing am selben Tage noch ein Antwortsbillet , das ihm unumwunden die herzliche Freude seiner alten Freundin ausdrückte . Manches Bittre , was sie gesagt habe , mög er vergessen ; sie habe sich , lebhaft , wie sie sei , hinreißen lassen . Im übrigen sei noch nichts Ernstliches und Erhebliches versäumt , und wenn , dem Sprichworte nach , aus Freude Leid erblühe , so kehre sich ' s auch wohl um . Sie sehe wieder hell in die Zukunft und hoffe wieder . Was sie persönlich zum Opfer bringe , bringe sie gern , wenn dies Opfer die Bedingung für das Glück ihrer Tochter sei . Schach , als er das Billet gelesen , wog es hin und her und war ersichtlich von einer gemischten Empfindung . Er hatte sich , als er in seinem Briefe von Victoire sprach , einem ihr nicht leicht von irgendwem zu versagenden , freundlich-herzlichen Gefühl überlassen und diesem Gefühle ( dessen entsann er sich ) einen besonders lebhaften Ausdruck gegeben . Aber das , woran ihn das Billet seiner Freundin jetzt aufs neue gemahnte , das war mehr , das hieß einfach Hochzeit , Ehe , Worte , deren bloßer Klang ihn von alter Zeit her erschreckte . Hochzeit ! Und Hochzeit mit wem ? Mit einer Schönheit , die , wie der Prinz sich auszudrücken beliebt hatte , » durch ein Fegefeuer gegangen war « . » Aber « , so fuhr er in seinem Selbstgespräche fort , » ich stehe nicht auf dem Standpunkte des Prinzen , ich schwärme nicht für › Läuterungsprozesse ‹ , hinsichtlich deren nicht feststeht , ob der Verlust nicht größer ist als der Gewinn , und wenn ich mich auch persönlich zu diesem Standpunkte bekehren könnte , so bekehr ich doch nicht die Welt ... Ich bin rettungslos dem Spott und Witz der Kameraden verfallen , und das Ridikül einer allerglücklichsten › Landehe ‹ , die wie das Veilchen im verborgnen blüht , liegt in einem wahren Musterexemplare vor mir . Ich sehe genau , wie ' s kommt : ich quittiere den Dienst , übernehme wieder Wuthenow , ackre , melioriere , ziehe Raps oder Rübsen und befleißige mich einer allerehelichsten Treue . Welch Leben , welche Zukunft ! An einem Sonntage Predigt , am andern Evangelium oder Epistel , und dazwischen Whist en trois , immer mit demselben Pastor . Und dann kommt einmal ein Prinz in die nächste Stadt , vielleicht Prinz Louis in Person , und wechselt die Pferde , während ich erschienen bin , um am Tor oder am Gasthof ihm aufzuwarten . Und er mustert mich und meinen altmodischen Rock und frägt mich : › wie mir ' s gehe ? ‹ Und dabei drückt jede seiner Mienen aus : › O Gott , was doch drei Jahr aus einem Menschen machen können . ‹ Drei Jahr ... Und vielleicht werden es dreißig . « Er war in seinem Zimmer auf und ab gegangen und blieb vor einer Spiegelkonsole stehn , auf der der Brief lag , den er während des Sprechens beiseite gelegt hatte . Zwei- , dreimal hob er ihn auf und ließ ihn wieder fallen . » Mein Schicksal . Ja , › der Moment entscheidet ‹ . Ich entsinne mich noch , so schrieb sie damals . Wußte sie , was kommen würde ? Wollte sie ' s ? O pfui , Schach , verunglimpfe nicht das süße Geschöpf . Alle Schuld liegt bei dir . Deine Schuld ist dein Schicksal . Und ich will sie tragen . « Er klingelte , gab dem Diener einige Weisungen und ging zu den Carayons . Es war , als ob er sich durch das Selbstgespräch , das er geführt , von dem Drucke , der auf ihm lastete , frei gemacht habe . Seine Sprache der alten Freundin gegenüber war jetzt natürlich , beinah herzlich , und ohne daß auch nur eine kleinste Wolke das wiederhergestellte Vertrauen der Frau von Carayon getrübt hätte , besprachen beide , was zu tun sei . Schach zeigte sich einverstanden mit allem : in einer Woche Verlobung und nach drei Wochen die Hochzeit . Unmittelbar nach der Hochzeit aber sollte das junge Paar eine Reise nach Italien antreten und nicht vor Ablauf eines Jahres in die Heimat zurückkehren , Schach nach der Hauptstadt , Victoire nach Wuthenow , dem alten Familiengute , das ihr , von einem früheren Besuche her ( als Schachs Mutter noch lebte ) , in dankbarer und freundlicher Erinnerung war . Und war auch das Gut inzwischen in Pacht gegeben , so war doch noch das Schloß da , stand frei zur Verfügung und konnte jeden Augenblick bezogen werden . Nach Festsetzungen wie diese trennte man sich . Ein Sonnenschein lag über dem Hause Carayon , und Victoire vergaß aller Betrübnis , die vorausgegangen war . Auch Schach legte sich ' s zurecht . Italien wiederzusehen war ihm seit seinem ersten , erst um wenige Jahre zurückliegenden Aufenthalte daselbst ein brennender Wunsch geblieben ; der erfüllte sich nun ; und kehrten sie dann zurück , so ließ sich ohne Schwierigkeit auch aus der geplanten doppelten Wirtschaftsführung allerlei Nutzen und Vorteil ziehen . Victoire hing an Landleben und Stille . Von Zeit zu Zeit nahm er dann Urlaub und fuhr oder ritt hinüber . Und dann gingen sie durch die Felder und plauderten . Oh , sie plauderte ja so gut und war einfach und espritvoll zugleich . Und nach abermals einem Jahr , oder einem zweiten und dritten , je nun , da hatte sich ' s verblutet , da war es tot und vergessen . Die Welt vergißt so leicht und die Gesellschaft noch leichter . Und dann hielt man seinen Einzug in das Eckhaus am Wilhelmsplatz und freute sich beiderseits der Rückkehr in Verhältnisse , die doch schließlich nicht bloß seine , sondern auch ihre Heimat bedeuteten . Alles war überstanden und das Lebensschiff an der Klippe des Lächerlichen nicht gescheitert . Armer Schach ! Es war anders in den Sternen geschrieben . Die Woche , die bis zur Verlobungsanzeige vergehen sollte , war noch nicht um , als ihm ein Brief mit voller Titelaufschrift und einem großen roten Siegel ins Haus geschickt wurde . Den ersten Augenblick hielt er ' s für ein amtliches Schreiben ( vielleicht eine Bestallung ) und zögerte mit dem Öffnen , um die Vorfreude der Erwartung nicht abzukürzen . Aber woher kam es ? von wem ? Er prüfte neugierig das Siegel und erkannte nun leicht , daß es überhaupt kein Siegel , sondern ein Gemmenabdruck sei . Sonderbar . Und nun erbrach er ' s , und ein Bild fiel ihm entgegen , eine radierte Skizze mit der Unterschrift : » Le choix du Schach « . Er wiederholte sich das Wort , ohne sich in ihm oder dem Bilde selbst zurechtfinden zu können , und empfand nur ganz allgemein und aufs Unbestimmte hin etwas von Angriff und Gefahr . Und wirklich , als er sich orientiert hatte , sah er , daß sein erstes Gefühl ein richtiges gewesen war . Unter einem Thronhimmel saß der persische Schach , erkennbar an seiner hohen Lammfellmütze , während an der untersten Thronstufe zwei weibliche Gestalten standen und des Augenblicks harrten , wo der von seiner Höhe her kalt und vornehm Dreinschauende seine Wahl zwischen ihnen getroffen haben würde . Der persische Schach aber war einfach unser Schach , und zwar in allerfrappantester Porträtähnlichkeit , während die beiden ihn fragend anblickenden und um vieles flüchtiger skizzierten Frauenköpfe wenigstens ähnlich genug waren , um Frau von Carayon und Victoire mit aller Leichtigkeit erkennen zu lassen . Also nicht mehr und nicht weniger als eine Karikatur . Sein Verhältnis zu den Carayons hatte sich in der Stadt herumgesprochen , und einer seiner Neider und Gegner , deren er nur zu viele hatte , hatte die Gelegenheit ergriffen , seinem boshaften Gelüst ein Genüge zu tun . Schach zitterte vor Scham und Zorn , alles Blut stieg ihm zu Kopf , und es war ihm , als würd er vom Schlage getroffen . Einem natürlichen Verlangen nach Luft und Bewegung folgend , oder vielleicht auch von der Ahnung erfüllt , daß der letzte Pfeil noch nicht abgeschossen sei , nahm er Hut und Degen , um einen Spaziergang zu machen . Begegnungen und Geplauder sollten ihn zerstreuen , ihm seine Ruhe wiedergeben . Was war es denn schließlich ? Ein kleinlicher Akt der Rache . Die Frische draußen tat ihm wohl ; er atmete freier und hatte seine gute Laune fast schon wiedergewonnen , als er , vom Wilhelmsplatz her in die Linden einbiegend , auf die schattigere Seite der Straße hinüberging , um hier ein paar Bekannte , die des Wegs kamen , anzusprechen . Sie vermieden aber ein Gespräch und wurden sichtlich verlegen . Auch Zieten kam , grüßte nonchalant und , wenn nicht alles täuschte , sogar mit hämischer Miene . Schach sah ihm nach und sann und überlegte noch , was die Suffisance des einen und die verlegenen Gesichter der andern bedeutet haben mochten , als er , einige hundert Schritte weiter aufwärts , einer ungewöhnlich großen Menschenmenge gewahr wurde , die vor einem kleinen Bilderladen stand . Einige lachten , andre schwatzten , alle jedoch schienen zu fragen , » was es eigentlich sei ? « Schach ging im Bogen um die Zuschauermenge herum , warf einen Blick über ihre Köpfe weg und wußte genug . An dem Mittelfenster hing dieselbe Karikatur , und der absichtlich niedrig normierte Preis war mit Rotstift groß daruntergeschrieben . Also eine Verschwörung . Schach hatte nicht die Kraft mehr , seinen Spaziergang fortzusetzen , und kehrte in seine Wohnung zurück . Um Mittag empfing Sander ein Billet von Bülow : » Lieber Sander . Eben erhalt ich eine Karikatur , die man auf Schach und die Carayonschen Damen gemacht hat . In Zweifel darüber , ob Sie dieselbe schon kennen , schließ ich sie diesen Zeilen bei . Bitte , suchen Sie dem Ursprunge nachzugehn . Sie wissen ja alles und hören das Berliner Gras wachsen . Ich meinerseits bin empört . Nicht Schachs halber , der diesen › Schach von Persien ‹ einigermaßen verdient ( denn er ist wirklich so was ) , aber der Carayons halber . Die liebenswürdige Victoire ! So bloßgestellt zu werden . Alles Schlechte nehmen wir uns von den Franzosen an , und an ihrem Guten , wohin auch die Gentilezza gehört , gehen wir vorüber . Ihr B. « Sander warf nur einen flüchtigen Blick auf das Bild , das er kannte , setzte sich an sein Pult und antwortete : » Mon général ! Ich brauche dem Ursprunge nicht nachzugehen , er ist mir nachgegangen . Vor etwa vier , fünf Tagen erschien ein Herr in meinem Kontor und befragte mich , ob ich mich dazu verstehen würde , den Vertrieb einiger Zeichnungen in die Hand zu nehmen . Als ich sah , um was es sich handelte , lehnt ich ab . Es waren drei Blätter , darunter auch › Le choix du Schach ‹ . Der bei mir erschienene Herr gerierte sich als ein Fremder , aber er sprach , alles gekünstelten Radebrechens unerachtet , das Deutsche so gut , daß ich seine Fremdheit für bloße Maske halten mußte . Personen aus dem Prinz R.schen Kreise nehmen Anstoß an seinem Gelieble mit der Prinzessin und stecken vermutlich dahinter . Irr ich aber in dieser Annahme , so wird mit einer Art von Sicherheit auf Kameraden seines Regiments zu schließen sein . Er ist nichts weniger als beliebt . Wer den Aparten spielt , ist es nie . Die Sache möchte hingehn , wenn nicht , wie Sie sehr richtig hervorheben , die Carayons mit hineingezogen wären . Um ihretwillen beklag ich den Streich , dessen Gehässigkeit sich in diesem einem Bilde schwerlich erschöpft haben wird . Auch die beiden andern , deren ich eingangs erwähnte , werden mutmaßlich folgen . Alles in diesem anonymen Angriff ist klug berechnet , und klug berechnet ist auch der Einfall , das Gift nicht gleich auf einmal zu geben . Es wird seine Wirkung nicht verfehlen , und nur auf das › Wie ‹ haben wir zu warten . Tout à vous . S. « In der Tat , die Besorgnis , die Sander in diesen Zeilen an Bülow ausgesprochen hatte , sollte sich nur als zu gerechtfertigt erweisen . Intermittierend wie das Fieber , erschienen in zweitägigen Pausen auch die beiden andern Blätter und wurden , wie das erste , von jedem Vorübergehenden gekauft oder wenigstens begafft und besprochen . Die Frage Schach-Carayon war über Nacht zu einer cause célèbre geworden , trotzdem das neubegierige Publikum nur die Hälfte wußte . Schach , so hieß es , habe sich von der schönen Mutter ab- und der unschönen Tochter zugewandt . Über das Motiv erging man sich in allerlei Mutmaßungen , ohne dabei das Richtige zu treffen . Schach empfing auch die beiden andern Blätter unter Couvert . Das Siegel blieb dasselbe . Blatt zwei hieß » La gazza ladra « oder » Die diebische Schach-Elster « und stellte eine Elster dar , die , zwei Ringe von ungleichem Werte musternd , den unscheinbareren aus der Schmuckschale nimmt . Am weitaus verletzendsten aber berührte das den Salon der Frau von Carayon als Szenerie nehmende dritte Blatt . Auf dem Tische stand ein Schachbrett , dessen Figuren , wie nach einem verlorengegangenen Spiel und wie um die Niederlage zu besiegeln , umgeworfen waren . Daneben saß Victoire , gut getroffen , und ihr zu Füßen kniete Schach , wieder in der persischen Mütze des ersten Bildes . Aber diesmal bezipfelt und eingedrückt . Und darunter stand : » Schach – matt . « Der Zweck dieser wiederholten Angriffe wurde nur zu gut erreicht . Schach ließ sich krank melden , sah niemand und bat um Urlaub , der ihm auch umgehend von seinem Chef , dem Obersten von Schwerin , gewährt wurde . So kam es , daß er am selben Tag , an dem , nach gegenseitigem Abkommen , seine Verlobung mit Victoire veröffentlicht werden sollte , Berlin verließ . Er ging auf sein Gut , ohne sich von den Carayons ( deren Haus er all die Zeit über nicht betreten hatte ) verabschiedet zu haben . Vierzehntes Kapitel In Wuthenow am See Es schlug Mitternacht , als Schach in Wuthenow eintraf , an dessen entgegengesetzter Seite das auf einem Hügel erbaute , den Ruppiner See nach rechts und links hin überblickende Schloß Wuthenow lag . In den Häusern und Hütten war alles längst in tiefem Schlaf , und nur aus den Ställen her hörte man noch das Stampfen eines Pferds oder das halblaute Brüllen einer Kuh . Schach passierte das Dorf und bog am Ausgang in einen schmalen Feldweg ein , der , allmählich ansteigend , auf den Schloßhügel hinaufführte . Rechts lagen die Bäume des Außenparks , links eine gemähte Wiese , deren Heugeruch die Luft erfüllte . Das Schloß selbst aber war nichts als ein alter , weißgetünchter und von einer schwarzgeteerten Balkenlage durchzogener Fachwerkbau , dem erst Schachs Mutter , die » verstorbene Gnädige « , durch ein Doppeldach , einen Blitzableiter und eine prächtige , nach dem Muster von Sanssouci hergerichtete Terrasse das Ansehen allernüchternster Tagtäglichkeit genommen hatte . Jetzt freilich , unter dem Sternenschein , lag alles da wie das Schloß im Märchen , und Schach hielt öfters an und sah hinauf , augenscheinlich betroffen von der Schönheit des Bildes . Endlich war er oben und ritt auf das Einfahrtstor zu , das sich in einem flachen Bogen zwischen dem Giebel des Schlosses und einem danebenstehenden Gesindehause wölbte . Vom Hof her vernahm er im selben Augenblick ein Bellen und Knarren und hörte , wie der Hund wütend aus seiner Hütte fuhr und mit seiner Kette nach rechts und links hin an der Holzwandung umherschrammte . » Kusch dich , Hektor . « Und das Tier , die Stimme seines Herrn erkennend , begann jetzt vor Freude zu heulen und zu winseln und abwechselnd auf die Hütte hinauf- und wieder hinunterzuspringen . Vor dem Gesindehause stand ein Walnußbaum mit weitem Gezweige . Schach stieg ab , schlang den Zügel um den Ast und klopfte halblaut an einen der Fensterläden . Aber erst als er das zweite Mal gepocht hatte , wurd es lebendig drinnen , und er hörte von dem Alkoven her eine halb verschlafene Stimme : » Wat is ? « » Ich , Krist . « » Jott , Mutter , dat ' s joa de junge Herr . « » Joa , dat is hei . Steih man upp un mach flink . « Schach hörte jedes Wort und rief gutmütig in die Stube hinein , während er den nur angelegten Laden halb öffnete : » Laß dir Zeit , Alter . « Aber der Alte war schon aus dem Bette heraus und sagte nur immer , während er hin und her suchte : » Glieks , junge Herr , glieks . Man noch en beten . « Und wirklich nicht lange , so sah Schach einen Schwefelfaden brennen und hörte , daß eine Laternentür auf- und wieder zugeknipst wurde . Richtig , ein erster Lichtschein blitzte jetzt durch die Scheiben , und ein Paar Holzpantinen klappten über den Lehmflur hin . Und nun wurde der Riegel zurückgeschoben , und Krist , der in aller Eile nichts als ein leinenes Beinkleid übergezogen hatte , stand vor seinem jungen Herrn . Er hatte , vor manchem Jahr und Tag , als der alte » Gnäd ' ge Herr « gestorben war , den durch diesen Todesfall erledigten Ehren- und Respektstitel auf seinen jungen Herrn übertragen wollen , aber dieser , der mit Krist das erste Wasserhuhn geschossen und die erste Bootfahrt über den See gemacht hatte , hatte von dem neuen Titel nichts wissen wollen . » Jott , junge Herr , sunst schrewen S ' doch ümmer ihrst o ' r schicken uns Baarschen o ' r den kleenen inglischen Kierl . Un nu keen Wort nich . Awers ick wußt et joa , as de Poggen hüt oabend mit ehr Gequoak nich to Enn koam künn ' n. › Jei , jei , Mutter ‹ , seggt ick , › dat bedüt wat . ‹ Awers as de Fruenslüd sinn ! Wat seggt se ? › Wat sall et bedüden ? ‹ seggt se , › Regen bedüt et . Un dat ' s man gaud . Denn uns Tüffeln bruken ' t. « » Ja , ja « , sagte Schach , der nur mit halbem Ohr hingehört hatte , während der Alte die kleine Tür aufschloß , die von der Giebelseite her ins Schloß führte . » Ja , ja . Regen ist gut . Aber geh nur vorauf . « Krist tat , wie sein junger Herr ihm geheißen , und beide gingen nun einen mit Fliesen gedeckten schmalen Korridor entlang . Erst in der Mitte verbreiterte sich dieser und bildete nach links hin eine geräumige Treppenhalle , während nach rechts hin eine mit Goldleisten und Rokokoverzierungen reich ausgelegte Doppeltür in einen Gartensalon führte , der als Wohn- und Empfangszimmer der verstorbenen Frau Generalin von Schach , einer sehr vornehmen und sehr stolzen alten Dame , gedient hatte . Hierher richteten sich denn auch die Schritte beider , und als Krist die halb verquollene Tür nicht ohne Müh und Anstrengung geöffnet hatte , trat man ein . Unter dem vielen , was an Kunst- und Erinnerungsgegenständen in diesem Gartensalon umherstand , war auch ein bronzener Doppelleuchter , den Schach selber , vor drei Jahren erst , von seiner italienischen Reise mit nach Hause gebracht und seiner Mutter verehrt hatte . Diesen Leuchter nahm jetzt Krist vom Kamin und zündete die beiden Wachslichter an , die seit lange schon in den Leuchtertellern steckten und ihrerzeit der verstorbenen Gnädigen zum Siegeln ihrer Briefe gedient hatten . Die Gnädige selbst aber war erst seit einem Jahre tot , und da Schach , von jener Zeit an , nicht wieder hiergewesen war , so hatte noch alles den alten Platz . Ein paar kleine Sofas standen wie früher an den Schmalseiten einander gegenüber , während zwei größere die Mitte der Längswand einnahmen und nichts als die vergoldete Rokokodoppeltür zwischen sich hatten . Auch der runde Rosenholztisch ( ein Stolz der Generalin ) und die große Marmorschale , darin alabasterne Weintrauben und Orangen und ein Pinienapfel lagen , standen unverändert an ihrem Platz . In dem ganzen Zimmer aber , das seit lange nicht gelüftet war , war eine stickige Schwüle . » Mach ein Fenster auf « , sagte Schach . » Und dann gib mir eine Decke . Die da . « » Wullen S ' sich denn hier henleggen , junge Herr ? « » Ja , Krist . Ich habe schon schlechter gelegen . « » Ick weet . Jott , wenn de oll jnäd ' ge Herr uns doa vunn vertellen deih ! Ümmer so platsch in ' n Kalkmodder rin . Nei , nei , dat wihr nix för mi . › Jott , jnäd ' ge Herr ‹ , seggt ick denn ümmer , › ick gloob , de Huut geit em runner . ‹ Awers denn lachte joa de oll jnäd ' ge Herr ümmer un seggte : › Nei , Krist , uns Huut sitt fast . ‹ « Während der Alte noch so sprach und vergangener Zeiten gedachte , griff er zugleich doch nach einem breiten , aus Rohr geflochtenen Ausklopfer , der in einer Kaminecke stand , und versuchte damit das eine Sofa , das sich Schach als Lagerstatt ausgewählt hatte , wenigstens aus dem Gröbsten herauszubringen . Aber der dichte Staub , der aufstieg , zeigte nur das Vergebliche solcher Bemühungen , und Schach sagte mit einem Anfluge von guter Laune : » Störe den Staub nicht in seinem Frieden . « Und erst als er ' s gesprochen hatte , fiel ihm der Doppelsinn darin auf , und er gedachte der Eltern , die drunten in der Dorfkirche in großen Kupfersärgen und mit einem aufgelöteten Kruzifix darauf in der alten Gruft der Familie standen . Aber er hing dem Bilde nicht weiter nach und warf sich aufs Sofa . » Meinem Schimmel gib ein Stück Brot und einen Eimer Wasser ; dann hält er aus bis morgen . Und nun stelle das Licht ans Fenster und laß es brennen ... Nein , nicht da , nicht ans offene ; an das daneben . Und nun gute Nacht , Krist . Und schließe von außen zu , daß sie mich nicht wegtragen . « » Ih , se wihren doch nich ... « Und Schach hörte bald danach die Pantinen , wie sie den Korridor hinunterklappten . Ehe Krist aber die Giebeltür noch erreicht und von außen her zugeschlossen haben konnte , legte sich ' s schon schwer und bleiern auf seines Herrn überreiztes Gehirn . Freilich nicht auf lang . Aller auf ihm lastenden Schwere zum Trotz empfand er deutlich , daß etwas über ihn hinsumme , ihn streife und kitzle , und als ein Sichdrehen und Wenden und selbst ein unwillkürliches und halbverschlafenes Umherschlagen mit der Hand nichts helfen wollte , riß er sich endlich auf und zwang sich ins Wachen zurück . Und nun sah er , was es war . Die beiden eben verschwelenden Lichter , die mit ihrem Qualme die schon stickige Luft noch stickiger gemacht hatten , hatten allerlei Getier vom Garten her in das Zimmer gelockt , und nur über Art und Beschaffenheit desselben war noch ein Zweifel . Einen Augenblick dacht er an Fledermäuse ; sehr bald aber mußt er sich überzeugen , daß es einfach riesige Motten und Nachtschmetterlinge waren , die zu ganzen Dutzenden in dem Saale hin und her flogen , an die Scheiben stießen und vergeblich