n beten scheel wihr . « » Joa « , lachte der andre . » Dat wihr se . Un am Enn ' , so wat künn he hier ook hebb ' n. « » Un denn dat hannüversche Geld . Ihrst schmeet se ' t weg , un mit eens fung se to knusern an . « In dieser Weise ging das Gespräch einiger ältrer Leute ; das junge Weiberzeug aber beschränkte sich auf die eine Frage : » Weck ' een he nu woll frigen deiht ? « Auf Mittwoch vier Uhr war das Begräbnis angesetzt , und viel Neugierige standen schon vorher in einem weiten Halbkreis um das Trauerhaus herum . Es waren meist Mägde , die schwatzten und kicherten , und nur einige waren ernst , darunter die Zwillings-Enkelinnen einer armen alten Witwe , welche letztre , wenn Wäsche bei den Hradschecks war , allemal mitwusch . Diese Zwillinge waren in ihren schwarzen , von der Frau Hradscheck herrührenden Einsegnungskleidern erschienen und weinten furchtbar , was sich noch steigerte , als sie bemerkten , daß sie durch ihr Geheul und Geschluchze der Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit wurden . Dabei gingen jetzt die Glocken in einem fort , und alles drängte dichter zusammen und wollte sehn . Als es nun aber zum dritten Mal ausgeläutet hatte , kam Leben in die drin und draußen Versammelten , und der Zug setzte sich in Bewegung . Vorn die von Kantor Graumann geführte Schuljugend , die , wie herkömmlich , den Choral » Jesus , meine Zuversicht « sang ; nach ihr erschien der von sechs Trägern getragene Sarg ; dann Eccelius und Hradscheck ; dahinter die Bauernschaft in schwarzen Überröcken und hohen schwarzen Hüten , und endlich all die Neugierigen , die bis dahin das Haus umstanden hatten . Es war ein wunderschöner Tag , frische Herbstluft bei klarblauem Himmel . Aber die würdevoll vor sich hin blickende Dorfhonoratiorenschaft achtete des blauen Himmels nicht , und nur Bauer Mietzel , der noch Heu draußen hatte , das er am andern Tag einfahren wollte , schielte mit halbem Auge hinauf . Da sah er , wie von der andern Oderseite her ein Weih über den Strom kam und auf den Tschechiner Kirchturm zuflog . Und er stieß den neben ihm gehenden Ölmüller an und sagte : » Süh , Quaas , doa is he wedder . « » Wihr denn ? « » De Weih . Weetst noch ? « » Nei . « » Dunn , as dat mit Szulski wihr . Ick segg di , de Weih , de weet wat . « Als sie so sprachen , bog die Spitze des Zuges auf den Kirchhof ein , an dessen höchster Stelle , dicht neben dem Turm , das Grab gegraben war . Hier setzte man den Sarg auf darübergelegte Balken , und als sich der Kreis gleich danach geschlossen hatte , trat Eccelius vor , um die Grabrede zu halten . Er rühmte von der Toten , daß sie , den ihr anerzogenen Aberglauben abschüttelnd , nach freier Wahl und eignem Entschluß den Weg des Lichtes gegangen sei , was nur der wissen und bezeugen könne , der ihr so nahgestanden habe wie er . Und wie sie das Licht und die reine Lehre geliebt habe , so habe sie nicht minder das Recht geliebt , was sich zu keiner Zeit schöner und glänzender gezeigt als in jenen schweren Tagen , die der selig Entschlafenen nach dem Ratschlusse Gottes auferlegt worden seien . Damals , als er ihr nicht ohne Mühe das Zugeständnis erwirkt habe , den , an dem ihr Herz und ihre Seele hing , wiedersehn zu dürfen , wenn auch freilich nur vor Zeugen und auf eine kurze halbe Stunde , da habe sie die wohl jedem hier in der Erinnerung gebliebenen Worte gesprochen : » Nein , nicht jetzt ; es ist besser , daß ich warte . Wenn er unschuldig ist , so werd ich ihn wiedersehn , früher oder später ; wenn er aber schuldig ist , so will ich ihn nicht wiedersehn . « Er freue sich , daß er diese Worte , hier am Grabe der Heimgegangenen , ihr zu Ruhm und Ehre , wiederholen könne . Ja , sie habe sich allezeit bewährt in ihrem Glauben und ihrem Rechtsgefühl . Aber vor allem auch in ihrer Liebe . Mit Bangen habe sie die Stunden gezählt , in schlaflosen Nächten ihre Kräfte verzehrend , und als endlich die Stunde der Befreiung gekommen sei , da sei sie zusammengebrochen . Sie sei das Opfer arger , damals herrschender Mißverständnisse , das sei zweifellos , und alle die , die diese Mißverständnisse geschürt und genährt hätten , anstatt sie zu beseitigen , die hätten eine schwere Verantwortung auf ihre Seele geladen . Ja , dieser frühe Tod , er müsse das wiederholen , sei das Werk derer , die das Gebot unbeachtet gelassen hätten : » Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten . « Und als er dieses sagte , sah er scharf nach einem entblätterten Hagebuttenstrauch hinüber , unter dessen roten Früchten die Jeschke stand und dem Vorgange , wie schon damals in der Kirche , mehr neugierig als verlegen folgte . Gleich danach aber schloß Eccelius seine Rede , gab einen Wink , den Sarg hinabzulassen , und sprach dann den Segen . Dann kamen die drei Hände voll Erde , mit sich anschließendem Schmerzblick und Händeschütteln , und ehe noch der am Horizont schwebende Sonnenball völlig unter war , war das Grab geschlossen und mit Asterkränzen überdeckt . Eine halbe Stunde später , es dämmerte schon , war Eccelius wieder in seiner Studierstube , das Sammetkäppsel auf dem Kopf , das ihm Frau Hradscheck vor gerade Jahresfrist gestickt hatte . Die Bauern aber saßen in der Weinstube , Hradscheck zwischen ihnen , und faßten alles , was sie an Trost zu spenden hatten , in die Worte zusammen : » Immer Courage , Hradscheck ! Der alte Gott lebt noch « – welchen Trost – und Weisheitssprüchen sich allerlei Wiederverheiratungsgeschichten beinah unmittelbar anschlossen . Eine davon , die beste , handelte von einem alten Hauptmann von Rohr , der vier Frauen gehabt und beim Hinscheiden jeder einzelnen mit einer gewissen trotzigen Entschlossenheit gesagt hatte : » Nimmt Gott , so nehm ich wieder . « Hradscheck hörte dem allem ruhig und kopfnickend zu , war aber doch froh , die Tafelrunde heute früher als sonst aufbrechen zu sehn . Er begleitete Kunicke bis an die Ladentür und stieg dann , er wußte selbst nicht warum , in die Stube hinauf , in der Ursel gestorben war . Hier nahm er Platz an ihrem Bett und starrte vor sich hin , während allerlei Schatten an Wand und Decke vorüberzogen . Als er eine Viertelstunde so gesessen , verließ er das Zimmer wieder und sah , im Vorübergehen , daß die nach rechts hin gelegene Giebelstube halb offenstand , dieselbe Stube , drin die Verstorbene nach vollendetem Umbau zu wohnen und zu schlafen so be stimmt verweigert hatte . » Was machst du hier , Male ? « fragte Hradscheck . » Wat ick moak ? Ick treck em sien Bett öwer . « » Wem ? « » Is joa wihr ankoamen . Wedder een mit ' n Pelz . « » So , so « , sagte Hradscheck und stieg die Treppe langsam hinunter . » Wedder een ... wedder een ... Immer noch nicht vergessen . « 16. Kapitel Sechzehntes Kapitel Frau Hradscheck war nun unter der Erde , Male hatte das Umschlagetuch gekriegt , auf das ihre Wünsche sich schon lange gerichtet hatten , und alles wäre gut gewesen , wenn nicht der Letzte Wille der Verstorbenen gewesen wäre : die Geldsendung an den Krakauer Bischof um der zu lesenden Seelenmessen willen . Das machte Hradscheck Sorge , nicht wegen des Geldes , davon hätt er sich leicht getrennt , einmal weil Sparen und Knausern überhaupt nicht in seiner Natur lag , vor allem aber , weil er das seiner Frau gegebene Versprechen gern zu halten wünschte , schon aus abergläubischer Furcht . Das Geld also war es nicht , und wenn er trotzdem in Schwanken und Säumnis verfiel , so war es , weil er nicht selber dazu beitragen wollte , die kaum begrabene Geschichte vielleicht wieder ans Licht zu ziehn . Ursel hatte freilich von Beichtgeheimnis und ähnlichem gesprochen , er mißtraute jedoch solcher Sicherheit , am meisten aber dem ohne Namensunterschrift in Frankfurt aufzugebenden Briefe . In dieser Verlegenheit beschloß er endlich , Eccelius zu Rate zu ziehn und diesem die halbe Wahrheit zu sagen , und wenn nicht die halbe , so doch wenigstens soviel , wie zu seiner Gewissensbeschwichtigung gerade nötig war . Ursel , so begann er , habe zu seinem allertiefsten Bedauern ernste katholische Rückfälle gehabt und ihm beispielsweis in ihrer letzten Stunde noch eine Summe Geldes behändigt , um Seelenmessen für sie lesen zu lassen ( der , dem es eigentlich galt , wurde hier unterschlagen ) . Er , Hradscheck , hab ihr auch , um ihr das Sterben leichter zu machen , alles versprochen , sein protestantisches Gewissen aber sträube sich jetzt dagegen , ihr das Versprochene wörtlich und in all und jedem Stücke zu halten , weshalb er anfrage , ob er das Geld wirklich an die Katholschen aushändigen oder nicht lieber nach Berlin reisen und ein marmornes oder vielleicht auch gußeisernes Grabkreuz , wie sie jetzt Mode seien , bestellen solle . Eccelius zögerte keinen Augenblick mit der Antwort und sagte genau das , was Hradscheck zu hören wünschte . Versprechungen , die man einem Sterbenden gäbe , seien natürlich bindend , das erheische die Pietät , das sei die Regel . Aber jede Regel habe bekanntlich ihren Ausnahmefall , und wenn das einem Sterbenden gegebene Versprechen falsch und sündhaft sei , so hebe das Erkennen dieser Sündhaftigkeit das Versprechen wieder auf . Das sei nicht bloß Recht , das sei sogar Pflicht . Die ganze Sache , wie Hradscheck sie geschildert , gehöre zu seinen schmerzlichsten Erfahrungen . Er habe große Stücke von der Verstorbenen gehalten und allezeit einen Stolz darein gesetzt , sie für die gereinigte Lehre gewonnen zu haben . Daß er sich darin geirrt oder doch wenigstens halb geirrt habe , sei , neben anderem , auch persönlich kränkend für ihn , was er nicht leugnen wolle . Diese persönliche Kränkung indes sei nicht das , was sein eben gegebenes Urteil bestimmt habe . Hradscheck solle getrost bei seinem Plane bleiben und nach Berlin reisen , um das Kreuz zu bestellen . Ein Kreuz und ein guter Spruch zu Häupten der Verstorbenen werde derselben genügen , dem Kirchhof aber ein Schmuck und eine Herzensfreude für jeden sein , der sonntags daran vorüberginge . Es war Ende Oktober gewesen , daß Eccelius und Hradscheck dies Gespräch geführt hatten , und als nun Frühling kam und der ganze Tschechiner Kirchhof , so kahl auch seine Bäume noch waren , in Schneeglöckchen und Veilchen stand , erschien das gußeiserne Kreuz , das Hradscheck mit vieler Wichtigkeit und nach langer und minutiöser Beratung auf der königlichen Eisengießerei bestellt hatte . Zugleich mit dem Kreuze traf ein Steinmetz mit zwei Gesellen ein , Leute , die das Aufrichten und Einlöten aus dem Grunde verstanden , und nachdem die Dorfjugend ein paar Stunden zugesehen hatte , wie das Blei geschmolzen und in das Sockelloch eingegossen wurde , stand das Kreuz da mit Spruch und Inschrift , und viele Neugierige kamen , um die goldblanken Verzierungen zu sehn : unten ein Engel , die Fackel senkend , und oben ein Schmetterling . All das wurde von alt und jung bewundert . Einige lasen auch die Inschrift : » Ursula Vincentia Hradscheck , geb . zu Hickede bei Hildesheim im Hannöverschen den 29. März 1790 , gest . den 30. September 1832 . « Und darunter : » Evang . Matthäi 6 , V. 14. « Auf der Rückseite des Kreuzes aber stand ein mutmaßlich von Eccelius selbst herrührender Spruch , darin er seinem Stolz , aber freilich auch seinem Schmerz Ausdruck gegeben hatte . Dieser Spruch lautete : » Wir wandelten in Finsternis , bis wir das Licht sahen . Aber die Finsternis blieb , und es fiel ein Schatten auf unsren Weg . « Unter denen , die sich das Kreuz gleich am Tage der Errichtung angesehen hatten , waren auch Gensdarm Geelhaar und Mutter Jeschke gewesen . Sie hatten denselben Heimweg und gingen nun gemeinschaftlich die Dorfstraße hinunter , Geelhaar etwas verlegen , weil er den zu seiner eignen Würdigkeit schlecht passenden Ruf der Jeschke besser als irgendwer anders kannte . Seine Neugier überwand aber seine Verlegenheit , und so blieb er denn an der Seite der Alten und sagte : » Hübsch is es . Un der Schmetterling so natürlich ; beinah wie ' n Zitronenvogel . Aber ich begreife Hradscheck nich , daß er sie so dicht an dem Turm begraben hat . Was soll sie da ? Warum nicht bei den Kindern ? Eine Mutter muß doch da liegen , wo die Kinder liegen . « » Woll , woll , Geelhaar . Awers Hradscheck is klook . Un he weet ümmer , wat he deiht . « » Gewiß weiß er das . Er ist klug . Aber gerade weil er klug ist ... « » Joa , joa . « » Nu was denn ? « Und der sechs Fuß hohe Mann beugte sich zu der alten Hexe nieder , weil er wohl merkte , daß sie was sagen wollte . » Was denn , Mutter Jeschke ? « wiederholte er seine Frage . » Joa , Geelhaar , wat sall ick seggen ? Eccelius möt et weten . Un de hett nu ook wedder de Inschrift moakt . Awers een is , de weet ümmer noch en beten mihr . « » Und wer is das ? Line ? « » Ne , Line nich . Awers Hradscheck sülwsten . Hradscheck , de will de Kinnings und de Fru nich tosoamen hebb ' n. Nich so upp enen Hümpel . « » Nun gut , gut . Aber warum nicht , Mutter Jeschke ? « » Nu , he denkt , wenn ' t losgeiht . « Und nun blieb sie stehn und setzte dem halb verwundert , halb entsetzt aufhorchenden Geelhaar aus einander , daß die Hradscheck an dem Tage , » wo ' s losgehe « , doch natürlich nach ihren Kindern greifen würde , vorausgesetzt , daß sie sie zur Hand habe . » Un dat wull de oll Hradscheck nich . « » Aber , Mutter Jeschke , glaubt Ihr denn an so was ? « » Joa , Geelhaar , worümm nich ? Worümm sall ick an so wat nich glöwen ? « 17. Kapitel Siebzehntes Kapitel Als das Kreuz aufgerichtet stand , es war Nachmittag geworden , kam auch Hradscheck , sonntäglich und wie zum Kirchgange gekleidet , und die Neugierigen , an denen den ganzen Tag über , auch als Geelhaar und die Jeschke längst fort waren , kein Mangel blieb , sahen , daß er den Spruch las und die Hände faltete . Das gefiel ihnen ausnehmend , am meisten aber gefiel ihnen , daß er das teure Kreuz überhaupt bestellt hatte . Denn Geld ausgeben ( und noch dazu viel Geld ) war das , was den Tschechinern als echten Bauern am meisten imponierte . Hradscheck verweilte wohl eine Viertelstunde , pflückte Veilchen , die neben dem Grabhügel aufsprossen , und ging dann in seine Wohnung zurück . Als es dunkel geworden war , kam Ede mit Licht , fand aber die Tür von innen verriegelt , und als er nun auf die Straße ging , um wie gewöhnlich die Fensterladen von außen zu schließen , sah er , daß Hradscheck , eine kleine Lampe mit grünem Klappschirm vor sich , auf dem Sofa saß und den Kopf stützte . So verging der Abend . Auch am andern Tage blieb er auf seiner Stube , nahm kaum einen Imbiß , las und schrieb und ließ das Geschäft gehn , wie ' s gehen wollte . » Hür , Jakob « , sagte Male , » dat ' s joa grad , as ob se nu ihrst dod wihr . Süh doch , wie he doa sitt . He kann doch nu nich wedder anfang ' n. « » Ne « , sagte Jakob , » dat kann he nich . « Und Ede , der hinzukam und heute gerade seinen hochdeutschen Tag hatte , stimmte bei , freilich mit der Einschränkung , daß er auch von der voraufgegangenen » ersten Trauer « nicht viel wissen wollte . » Wiederanfangen ! Ja , was heißt wieder anfangen ? Damals war es auch man soso . Drei Tag und nich länger . Und paß auf , Male , diesmal knappst er noch was ab . « Und wirklich , Ede , der , aller Dummheit unerachtet , seinen Herrn gut kannte , behielt recht , und ehe noch der dritte Tag um war , ließ Hradscheck die Träumerei fallen und nahm das gesellige Leben wieder auf , das er schon während der zurückliegenden Wintermonate geführt hatte . Dazu gehörte , daß er alle vierzehn Tage nach Frankfurt und alle vier Wochen auch mal nach Berlin fuhr , wo er sich , nach Erledigung seiner kaufmännischen Geschäfte , kein anderes Vergnügen als einen Theaterabend gönnte . Deshalb stieg er auch regelmäßig in dem an der Ecke von Hohen-Steinweg und Königsstraße gelegenen » Gasthofe zum Kronprinzen « ab , von dem aus er bis zu dem damals in Blüte stehenden Königsstädtischen Theater nur ein paar hundert Schritte hatte . War er dann wieder in Tschechin zurück , so gab er den Freunden und Stammgästen in der Weinstube , zu denen jetzt auch Schulze Woytasch gehörte , nicht bloß Szenen aus dem Angelyschen » Fest der Handwerker « und Holteis » Altem Feldherrn « und den » Wienern in Berlin « zum besten , sondern sang ihnen auch allerlei Lieder und Arien vor : » War ' s vielleicht um eins , war ' s vielleicht um zwei , war ' s vielleicht drei oder vier . « Und dann wieder : » In Berlin , sagt er , mußt du fein , sagt er , immer sein , sagt er « etc. Denn er besaß eine gute Tenorstimme . Besonderes Glück aber , weit über die Singspiel-Arien hinaus , machte er mit dem Leierkastenlied von » Herrn Schmidt und seinen sieben heiratslustigen Töchtern « , dessen erste Strophe lautete : Herr Schmidt , Herr Schmidt , Was kriegt denn Julchen mit ? » Ein Schleier und ein Federhut , Das kleidet Julchen gar zu gut . « Dies Lied von Herrn Schmidt und seinen Töchtern war das Entzücken Kunickes , das verstand sich von selbst , aber auch Schulze Woytasch versicherte jedem , der es hören wollte : » Für Hradscheck ist mir nicht bange ; der kann ja jeden Tag aufs Theater . Ich habe Beckmann gesehn ; nu ja , Beckmann is gut , aber Hradscheck is besser ; er hat noch so was , ja wie soll ich sagen , er hat noch so was , was Beckmann nicht hat . « Hradscheck gewöhnte sich an solchen Beifall , und wenn es sich auch gelegentlich traf , daß er bei seinem Berliner Aufenthalte , während dessen er allemal eine goldene Brille trug , keine Novität gesehen hatte , so kam er doch nie mit leeren Händen zurück , weil er sich nicht eher zufriedengab , als bis er an den Schaufenstern der Buchläden irgendwas Komisches und unbändig Witziges ausgefunden hatte . Das hielt auch nie schwer , denn es war gerade die » Glaßbrenner-oder Brennglas-Zeit « , und wenn es solche Glaßbrenner-Geschichten nicht sein konnten , nun , so waren es Sammlungen alter und neuer Anekdoten , die damals in kleinen dürftigen Viergroschen-Büchelchen unter allerhand Namen und Titeln , so beispielsweise als » Brausepulver « , feilgeboten wurden . Ja diese Büchelchen fanden bei den Tschechinern einen ganz besondern Beifall , weil die darin erzählten Geschichten immer kurz waren und nie lange auf die Pointe warten ließen , und wenn das Gespräch mal stockte , so hatte Kunicke den Stammwitz : » Hradscheck , ein Brausepulver . « Es war Anfang Oktober , als Hradscheck wieder mal in Berlin war , diesmal auf mehrere Tage , während er sonst immer den dritten Tag schon wieder nach Hause kam . Ede , der mittlerweile das Geschäft versah , paßte gut auf den Dienst , und nur in der Stunde von eins bis zwei , wo sich kaum ein Mensch im Laden sehen ließ , gefiel er sich darin , den Herrn zu spielen und , ganz so wie Hradscheck zu tun pflegte , mit auf den Rücken gelegten Händen im Garten auf und ab zu gehen . Das tat er auch heute wieder , zugleich aber rief er nach Jakob und trug ihm auf , und zwar in ziemlich befehlshaberischem Tone , daß er einen neuen Reifen um die Wassertonne legen solle . Dann sah er nach den Starkästen am Birnbaum und zog einen Zweig zu sich herab , um noch eine der nachgereiften » Franzosenbirnen « zu pflücken . Es war ein Prachtexemplar , in das er sofort einbiß . Als er aber den Zweig wieder losließ , sah er , daß die Jeschke drüben am Zaune stand . » Dag , Ede . « » Dag , Mutter Jeschke . « » Na , schmeckt et ? « » I worümm nich ? Is joa ' ne Malvasier . « » Joa . Vördem wihr et ' ne Malvesier . Awers nu ... « » Nu is et ' ne › Franzosenbeer ‹ . Ick weet woll . Awers dat ' s joa all een . « » Joa , wer weet , Ede . Doa is nu so wat mang . Heste noch nix maarkt ? « Der Junge ließ erschreckt die Birne fallen , das alte Weib aber bückte sich danach und sagte : » Ick meen joa nich de Beer ' . Ick meen sünnsten . « » Wat denn ? Wo denn ? « » Na , so rümm um ' t Huus . « » Nei , Mutter Jeschke . « » Un ook nich unnen in ' n Keller ? Hest noch nix siehn o ' r hürt ? « » Nei , Mutter Jeschke . Man blot ... « » Un grapscht ook nich ? « Der Junge war ganz blaß geworden . » Joa , Mutter Jeschke , mal wihr mi so . Mal wihr mi so , as hüll mi wat an de Hacken . Joa , ick glöw , et grapscht « . Die Jeschke sah ihren Zweck erreicht und lenkte deshalb geschickt wieder ein . » Ede , du bist ' ne Bangbüchs . Ick hebb joa man spoaßt . Is joa man all dumm Tüg . « Und damit ging sie wieder auf ihr Haus zu und ließ den Jungen stehn . Drei Tage danach war Hradscheck wieder aus Berlin zurück , in vergnüglicherer Stimmung als seit lange , denn er hatte nicht nur alles Geschäftliche glücklich erledigt , sondern auch die Bekanntschaft einer jungen Dame gemacht , die sich seiner Person wie seinen Heiratsplänen geneigt gezeigt hatte . Diese junge Dame war die Tochter aus einem Destillationsgeschäft , groß und stark , mit etwas hervortretenden , immer lachenden Augen , eine Vollblut-Berlinerin . » Forsch und fidel « war ihre Losung , der auch ihre Lieblingsredensart » Ach , das ist ja zum Totlachen « entsprach . Aber dies war nur so für alle Tage . Wurd ihr dann wohliger ums Herz , so wurden es auch ihre Redewendungen , und sie sagte dann : » I da muß ja ' ne alte Wand wackeln « , oder : » Das ist ja gleich , um einen Puckel zu kriegen . « Ihr Schönstes waren Landpartien einschließlich gesellschaftlicher Spiele wie Zeck oder Plumpsack , dazu saure Milch mit Schwarzbrot und Heimfahrt mit Stocklaternen und Gesang : » Ein freies Leben führen wir « , » Frisch auf , Kameraden « , » Lützows wilde verwegene Jagd « und » Steh ich in finstrer Mitternacht « . In Folge welcher ausgesprochenen Vorliebe sie sich in den Kopf gesetzt hatte , nur aufs Land hinaus heiraten zu wollen . Und darüber war sie dreißig Jahr alt geworden , alles bloß aus Eigensinn und Widerspenstigkeit . Ihren Namen » Editha « aber hatte die Mutter in Dittchen abgekürzt . So die Bekanntschaft , die Hradscheck während seines letzten Berliner Aufenthaltes gemacht hatte . Mit Editha selbst war er so gut wie einig , und nur die Eltern hatten noch kleine Bedenken . Aber was bedeutete das ? Der Vater war ohnehin daran gewöhnt , nicht gefragt zu werden , und die Mutter , die nur wegen der neun Meilen Entfernung noch einigermaßen schwankte , wäre keine richtige Mutter gewesen , wenn sie nicht schließlich auch hätte Schwiegermutter sein wollen . Also Hradscheck war in bester Stimmung , und ein Ausdruck derselben war es , daß er diesmal mit einem besonders großen Vorrat von Berliner Witzliteratur nach Tschechin zurückkehrte , darunter eine komische Romanze , die letzten Sonntag erst vom Hofschauspieler Rüthling im Konzertsaale des Königlichen Schauspielhauses vorgetragen worden war , und zwar in einer Matinee , der , neben der ganzen haute volée von Berlin , auch Hradscheck und Editha beigewohnt hatten . Diese Romanze behandelte die berühmte Geschichte vom Eckensteher , der einen armen Apothekerlehrling , » weil das Räucherkerzchen partout nicht stehn wolle « , Schlag Mitternacht aus dem Schlaf klingelte , welche Geschichte damals nicht bloß die ganze vornehme Welt , sondern besonders auch unsern auf alle Berliner Witze ganz wie versessenen Hradscheck derart hingenommen hatte , daß er die Zeit , sie seinem Tschechiner Convivium vorzulesen , kaum erwarten konnte . Nun aber war es soweit , und er feierte Triumphe , die fast noch größer waren , als er zu hoffen gewagt hatte . Kunicke brüllte vor Lachen und bot den dreifachen Preis , wenn ihm Hradscheck das Büchelchen ablassen wolle . » Das müß er seiner Frau vorlesen , wenn er nach Hause komme , diese Nacht noch ; so was sei noch gar nicht dagewesen . « Und dann sagte Schulze Woytasch : » Ja , die Berliner ! Ich weiß nicht ! Und wenn mir einer tausend Taler gäbe , so was könnt ich nich machen . Es sind doch verflixte Kerls . « Die » Romanze vom Eckensteher « indes , so glänzend ihr Vortrag abgelaufen war , war doch nur Vorspiel und Plänkelei gewesen , darin Hradscheck sein bestes Pulver noch nicht verschossen hatte . Sein Bestes , oder doch das , was er persönlich dafür hielt , kam erst nach und war die Geschichte von einem der politischen Polizei zugeteilten Gensdarmen , der einen unter Verdacht des Hochverrats stehenden und in der Kurstraße wohnenden badischen Studenten namens Haitzinger ausfindig machen sollte , was ihm auch gelang und einige Zeit danach zu der amtlichen Meldung führte , daß er den pp. Haitzinger , der übrigens Blümchen heiße , gefunden habe , trotzdem derselbe nicht in der Kurstraße , sondern auf dem Spittelmarkt wohnhaft und nicht badischer Student , sondern ein sächsischer Leineweber sei . » Und nun , ihr Herren und Freunde « , schloß Hradscheck seine Geschichte , » dieser ausbündig gescheite Gensdarm , wie hieß er ? Natürlich Geelhaar , nicht wahr ? Aber nein , ihr Herren , fehlgeschossen , er hieß bloß Müller II. Ich habe mich genau danach erkundigt , sonst hätt ich bis an mein Lebensende geschworen , daß er Geelhaar geheißen haben müsse . « Kunicke schüttelte sich und wollte von keinem andern Namen als Geelhaar wissen , und als man sich endlich ausgetobt und ausgejubelt hatte ( nur Woytasch , als Dorfobrigkeit , sah etwas mißbilligend drein ) , sagte Quaas : » Kinder , so was haben wir nicht alle Tage , denn Hradscheck kommt nicht alle Tage von Berlin . Ich denke deshalb , wir machen noch eine Bowle : drei Mosel , eine Rheinwein , eine Burgunder . Und nicht zu süß . Sonst haben wir morgen Kopfweh . Es ist erst halb zwölf , fehlen noch fünf Minuten . Und wenn wir uns ranhalten , machen wir um Mitternacht die Nagelprobe . « » Bravo ! « stimmte man ein . » Aber nicht zu früh ; Mitternacht ist zu früh . « Und Hradscheck erhob sich , um Ede , der verschlafen im Laden auf einem vorgezogenen Zuckerkasten saß , in den Keller zu schicken und die fünf Flaschen heraufholen zu lassen . » Und paß auf , Ede ; der Burgunder liegt durcheinander , roter und weißer , der mit dem grünen Lack ist es . « Ede rieb sich den Schlaf aus den Augen , nahm Licht und Korb und hob die Falltür auf , die zwischen den übereinandergepackten Ölfässern , und zwar an der einzig frei gebliebenen Stelle , vom Flur her in den Keller führte . Nach ein paar Minuten war er wieder oben und klopfte vom Laden her an die Tür , zum Zeichen , daß alles da sei . » Gleich « , rief der wie gewöhnlich mitten in einem Vortrage steckende Hradscheck , » gleich « , und trat erst , als er seinen Satz beendet hatte , von der Weinstube her in den Laden . Hier schob er sich eine schon vorher aus der Küche heranbeorderte Terrine bequem zurecht und griff nach dem Korkzieher , um die Flaschen aufzuziehn . Als er aber den Burgunder in die Hand nahm , gab er dem Jungen , halb ärgerlich