ohn a Engel ? Das geht halt nit . Und drum komm i. Was meinst , Gret ? « Diese starrte vor sich hin . » Geh « , sagte Valtin . » Rücke den Korb dicht her zu mir und spiele den Engel . Und wenn die Stelle kommt , wo du die Palme hebst , dann denk an mich . « Und sie rückte den Korb näher an sein Lager und beugte sich über ihn . Er aber nahm noch einmal ihre Hand und sagte : » Und nun leb wohl , Gret , und vergiß es nicht . Ich höre jedes Wort . Geh . Ich wart auf dich . « Und Grete ging und barg ihr Gesicht in beide Hände . 16. Kapitel . Die Nonnen von Arendsee Sechzehntes Kapitel Die Nonnen von Arendsee Am andern Morgen ging es in Arendsee von Mund zu Mund , daß einer von den Puppenspielern über Nacht gestorben sei . An allen Ecken sprach man davon , und alles war in Aufregung . Was mit ihm tun ? Ein Sarg war beschafft worden , das war in der Ordnung ; aber wo ihn begraben , das blieb die Frage . War ihr Kirchhof ein Begräbnisplatz für fahrende Leute , von denen keiner wußte , wes Glaubens sie seien , Christen oder Heiden ! Oder vielleicht gar Türken . Und dabei dachte jeder an die Frau , die gestern , vor Beginn des Spiels , ein langes rotes Tuch um die Schulter , am Eingange gesessen hatte . Es war klar , daß nur der alte Prediger Roggenstroh den Fall entscheiden konnte ; und ehe Mittag heran war , wußte jeder , daß er ihn entschieden habe und wie . Grete selber hatte , neben einer eindringlichen Ermahnung , das Nein aus seinem Munde hören müssen . Da war nun große Not und Trübsal , und es wurd erst wieder lichter um Gretens Herz , als sich die Wirtin ihrer erbarmte und ihr anriet , drüben ins Kloster zu den Nonnen zu gehen , die würden schon Rat schaffen und ihr zu helfen wissen , wär es auch nur , weil sie den alten Roggenstroh nicht leiden könnten . Sie solle nur Mut haben und nach der Domina fragen oder , wenn die Domina krank sei ( denn sie sei sehr alt ) , nach der Ilse Schulenburg . Die habe das Herz auf dem rechten Fleck und sei der Domina rechte Hand . Und wenn diese stürbe , dann würde sie ' s. Das waren rechte Trostesworte , und als Grete der Wirtin dafür gedankt , machte sie sich auf , um drüben im Kloster das ihr bezeichnete Haus aufzusuchen . Ein paar halbwachsene Kinder , die vor dem Tor der Ausspannung spielten , wollten ihr den Weg zeigen , aber sie zog es vor , allein zu sein , und ging auf die Stelle zu , wo der Heckenzaun und dahinter der Kreuzgang war . Als sie hier , trotz allem Suchen , keinen Eingang finden konnte , preßte sie sich durch die Hecke hindurch und stand nun unmittelbar vor einer langen offenen Rundbogenreihe , zu der ein paar flache Sandsteinstufen von der Seite her hinaufführten . Drinnen an den Gewölbekappen befanden sich halbverblaßte Bilder , von denen eines sie fesselte : Engelsgestalten , die schwebend einen Toten trugen . Und sie sah lange hinauf , und ihre Lippen bewegten sich . Dann aber stieg sie , nach der andern Seite hin , die gleiche Zahl von Stufen wieder hinab und sah sich alsbald inmitten des Klosterkirchhofes , der fast noch wirrer um sie her lag , als sie beim ersten Anblick erwartet . Wo nicht die Birnbäume mit ihren tief herabhängenden Zweigen alles überdeckten , standen Dill- und Fencheldolden , hoch in Samen geschossen ; dazwischen aber allerhand verspätete Kräuter , Thymian und Rosmarin , und füllten die Luft mit ihrem würzigen Duft . Und sie blieb stehen , duckte sich und hob sich wieder , und es war ihr , als ob diese wuchernde Gräberwildnis , diese Pfadlosigkeit unter Blumen , sie mit einem geheimnisvollen Zauber umspinne . Endlich hatte sie das Ende des Kirchhofes erreicht , und sie sah zwischen den Bogen hindurch , die das Viereck auch nach dieser Seite hin abschlossen , auf den in der Tiefe liegenden Klostersee , den nach links hin , ein paar hundert Schritt weiter abwärts , einige Häuser umstanden . Eines davon , das vorderste , steckte ganz in Efeu und war bis in Mittelhöhe des Daches von fleischblättrigem und rotblühendem Hauslaub überdeckt . All das ließ sich deutlich erkennen , und als Grete bis dicht heran war , sah sie , daß eine Magd auf dem Schwellsteine stand und den großen Messingklopfer putzte . » Wer wohnt hier ? « fragte Grete . » Das Fräulein von Jagow . « » Ist es eine von den Nonnen ? « Das Mädchen lachte . » Von den Nonnen ? Wir haben keine Nonnen mehr . Es ist die Domina . « » Das ist gut . Die such ich . « Und das Mädchen , ohne weiter eine Frage zu tun , trat in den Flur zurück , um ihr den Weg frei zu ma chen , und wies auf eine Tür zur Linken . » Da . « Und Grete öffnete . Es war ein hohes , gotisches , auf einem einzigen Mittelpfeiler ruhendes Zimmer , drin es schwerhielt , sich auf den ersten Blick zurechtzufinden , denn nur wenig Sonne fiel ein , und alles Licht , das herrschte , schien von dem Feuer herzukommen , das in dem tiefen und völlig schmucklosen Kamine brannte . Neben diesem , einander gegenüber , saßen zwei Frauen , sehr verschieden an Jahren und Erscheinung , zwischen ihnen aber lag ein großer , gelb und schwarz gefleckter Wolfshund , mit spitzem Kopf und langer Rute , der der Jüngeren nach den Augen sah und wedelnd auf die Bissen wartete , die diese ihm zuwarf . Er ließ sich auch durch Gretens Eintreten nicht stören und gab seine Herrin erst frei , als diese sich nach der Tür hinwandte und in halblautem Tone fragte : » Wen suchst du , Kind ? « » Ich suche die Domina . « » Das ist sie . « Und dabei zeigte sie nach dem Stuhl gegenüber . Die Gestalt , die hier bis dahin zusammengekauert gesessen hatte , richtete sich jetzt auf , und Grete sah nun , daß es eine sehr alte Dame war , aber mit scharfen Augen , aus denen noch Geist und Leben blitzte . Zugleich erhob sich auch der Hund und legte seinen Kopf zutraulich an Gretens Hand , was ein gutes Vorurteil für diese weckte . Denn » er kennt die Menschen « , sagte die Domina . Diese hatte mittlerweile Greten an ihren Stuhl herangewinkt . » Wie heißt du , Kind ? Und was führt dich her ? Aber stelle dich hier ins Licht , denn mein Ohr ist mir nicht mehr zu Willen , und ich muß dir ' s von den Lippen lesen . « Und nun erzählte Grete , daß sie zu den fahrenden Leuten gehöre , die gestern in die Stadt gekommen seien , und daß einer von ihnen , der ihr nahegestanden , in dieser Nacht gestorben sei . Und nun wüßten sie nicht , wohin ihn begraben . Einen Sarg hätten sie machen lassen , aber sie hätten kein Grab für ihn , kein Fleckchen Erde . Wohl sei sie bei dem alten Prediger gewesen und hab ihn gebeten , aber der habe sie hart angelassen und ihr den Kirchhof versagt . Den Kirchhof und ein christlich Begräbnis . » Bist du christlich ? « » Ja . « » Aber du siehst so fremd . « » Das macht , weil meine Mutter eine Spansche war . « » Eine Spansche ... ? Und im alten Glauben ? « » Ja , Domina . « Die beiden Damen sahen einander an , und die Domina sagte : » Sieh , Ilse , das hat ihr der Roggenstroh von der Stirn gelesen . Er sieht doch schärfer , als wir denken . Aber es hilft ihm nichts , und wir wollen ihm einen Strich durch die Rechnung machen . Er hat seinen Kirchhof und wir haben den unsren . Und auf unsrem , denk ich , schläft sich ' s besser . « » Ja , Domina . « » Sieh , Kind , das sag ich auch . Und ich warte nun schon manches Jahr und manchen Tag darauf . Aber der Tag will nicht kommen . Denn du mußt wissen , ich werde fünfundneunzig und war schon geboren und getauft , als der Wittenbergsche Doktor gen Worms ging und vor Kaiser Carolus Quintus stand . Ja , Kind , ich habe viele Zeiten gesehen , und sie waren nicht schlechter , als unsre Zeiten sind . Und morgen um die neunte Stunde , da komm nur herauf mit deinem Toten , und da soll er sein Grab haben . Ein Grab bei uns . Und nicht an schlechter Stell und unter Unkraut ; nein , wir wollen ihn unter einem Birnbaum begraben oder , so du ' s lieber hast , unter einem Fliederbusch . Hörst du . Verlaß dich auf mich und auf diese hier . Denn die hier und ich , wir verstehen einander , nicht wahr , Ilse ? Und wir wollen die Klosterglocke läuten lassen , daß es der Roggenstroh bis in seine Stube hört und nächsten Sonntag wieder gegen uns predigt , gegen uns und gegen den Antichrist . Das tut er am liebsten , und wir hören es am liebsten . Und nun geh , Kind . Ich hasse den Hochmut und weiß nur das eine , daß unser All-Erbarmer für unsre Sünden gestorben ist und nicht für unsre Gerechtigkeit . « Und danach ging Grete , und der Hund begleitete sie bis an die Tür . Als die beiden Frauen wieder allein waren , sagte die Domina : » Unglücklich Kind . Sie hat das Zeichen . « » Nicht doch ; sie hat schwarze Augen . Und die hab ich auch . « » Ja , Ilse . Aber deine lachen und ihre brennen . « » Du siehst zuviel , Domina . « » Und du zuwenig . Alte Augen sehen am besten im Dunkeln . Und das Dunkelste ist die Zukunft . « Und so kam der andre Morgen . Die neunte Stunde war noch nicht heran , als ganz Arendsee die Klosterglocke läuten hörte . Und auch Roggenstroh hörte sie ; das verdroß ihn . Aber ob es ihn verdroß oder nicht , von der tiefen Einfahrt des Gasthofes her setzte sich ein seltsamer Zug in Bewegung , ein Begräbnis , wie die Stadt noch keines gesehen ; denn die vier Puppenspieler trugen den Sarg , der auf eine Leiter gestellt worden war , und hinter ihnen her ging Grete , nur auf Zenobia gestützt , die sich heute von allem Rot entkleidet und statt dessen an ihren Spitzhut wieder ihren langen schwarzen Schleier mit den Goldsternchen befestigt hatte . Und dann kamen Kinder aus der Stadt , die vordersten ernst und traurig , die letzten spielend und lachend , und so ging es die Straße hinunter , in weitem Bogen um den Kirchhof herum , bis an die Seeseite , wo , von alter Zeit her , der Eingang war . In Nähe dieses Einganges , unter einem hohen Fliederbusch , der mit seinen Zweigen bis in den Kreuzgang hineinwuchs , hatte der Klostergärtner das Grab gegraben . Und um das Grab her standen die Nonnen von Arendsee : Barbara von Rundstedt , Adelheid von Rademin , Mette von Bülow und viele andere noch , alle mit Spitzhauben und langen Chormänteln , und in ihrer Mitte die Domina , klein und gebückt , und neben ihr Ilse von Schulenburg , groß und stattlich . Und als nun der Zug heran war , öffnete sich der Kreis , und mit Hülfe von Seilen und Bändern , die zur Hand waren , wurde der Sarg hinabgelassen . Und nun schwieg die Glocke , und die Domina sagte : » Sprich den Spruch , Ilse . « Und Ilse trat bis dicht an das Grab und betete : » Unsre Schuld ist groß , unser Recht ist klein , die Gnade Gottes tut es allein . « Und alle Nonnen wiederholten leise vor sich hin : » Und die Gnade Gottes tut es allein . « Danach warfen die Zunächststehenden eine Handvoll Erde dem Toten nach , und als ihr Kreis sich gelichtet , drängten sich die Kinder von außen her bis an den Rand des Grabes und streuten Blumen über den untenstehenden Sarg : Astern aller Farben und Arten , die sie während der kurzen Zeremonie von den verwilderten Beeten gepflückt hatten . Bald danach war nur noch Grete da und sah auf den Fliederbusch , der bestimmt schien , das Grab zu schützen . Ein Vogel flog auf und über sie hin und setzte sich dann auf eine Hanfstaude und wiegte sich . » Ein Hänfling ! « sagte sie . Und die Bilder vergangener Tage stiegen vor ihr auf ; ihr Schmerz löste sich , und sie warf sich nieder und weinte bitterlich . Als sie sich erhob , sah sie , daß Ilse , die mit den andern gegangen war , zwischen den Rundbögen wieder herauf- und auf sie zukam , allem Anscheine nach , um ihr eine Botschaft zu bringen . Und so war es . » Komm , Grete « , sagte sie , » die Domina will dich sprechen « ; und beide gingen nun , außerhalb des Kreuzganges , zwischen diesem und dem Seeufer hin , und auf das efeuumsponnene Haus mit dem hohen Dach und den rotblühenden Laubstauden zu . Es war schwül , trotzdem schon Oktobertage waren , und die Domina , die nach Art alter Leute die Sonnenwärme liebte , hatte Tisch und Stühle in Front ihres Hauses bringen lassen . Hier saß sie vor dem dichten , dunklen Gerank , durch das von innen her der Widerschein des Kaminfeuers blitzte , und auf das Tischchen neben ihr waren Obst und Lebkuchen gestellt , Ulmer und Basler , und eine zierliche Deckelphiole mit Syrakuser Wein . Grete verneigte sich . » Ich habe dich rufen lassen « , sagte die Domina , » weil ich dir helfen möchte , so gut ich kann . Es soll keiner ungetröstet von unsrer Schwelle gehen . So haben es die Arendseeschen von Anfang an gehalten , und so halten sie ' s noch . Und auch Ilse wird es so halten . Nicht wahr , Ilse ... ? Und nun sage mir , Kind , woher du kommst und wohin du gehst ? Ich frag es um deinetwillen . Sage mir , was du mir sagen kannst und sagen willst . « Und Grete sagte nun alles und sagte zuletzt auch , daß sie zurück zu den Ihren wolle , zu Bruder und Schwester , um an ihrer Schwelle Verzeihung und Versöhnung zu finden . » Das ist ein schwerer Gang . « Grete schwieg und sah vor sich hin . Endlich sagte sie : » Das ist es . Aber ich hab es ihm versprochen . Und ich will es halten . « » Und wann willst du gehen ? « » Gleich . « » Das ist gut . Ein guter Wille kann schwach werden , und wir müssen das Gute tun , solange wir noch Kraft haben und die Lust dazu lebendig in uns ist . Sonst zwingen wir ' s nicht . Und nun gib ihr einen Imbiß , Ilse , und eine Zehrung für den Weg . Und noch eins , Grete : halt an dich , auch wenn es fehlschlägt , und wisse , daß du hier eine Freistatt hast . Und eine Freistatt ist fast so gut wie eine Heimstatt . Und nun knie nieder und höre mein Letztes und mein Bestes : › Der Herr segne dich und behüte dich und gebe dir seinen Frieden . ‹ Ja , seinen Frieden ; den brauchen wir alle , aber du Arme , du brauchst ihn doppelt . Und nun geh und eile dich und laß von dir hören . « Grete küßte der Alten die Hand und ging . Ilse mit ihr . Als diese zurückkam und ihren vorigen Platz an der Efeuwand eingenommen hatte , sagte die Domina : » Wir sehen sie nicht wieder . « » Und hast ihr doch eine Freistatt geboten ! « » Weil wir das Unsre tun sollen ... Und die Wege Gottes sind wunderbar ... Aber ich sah den Tod auf ihrer Stirn . Und hab acht , Ilse , sie lebt keinen dritten Tag mehr ! « 17. Kapitel . Wieder gen Tangermünde Siebzehntes Kapitel Wieder gen Tangermünde Grete war in weitem Umkreise bis an das Gasthaus zurückgegangen , um hier von den Leuten , die ' s gut mit ihr und ihrem Toten gemeint hatten , Abschied zu nehmen . Vor allem von Zenobia . Dann wickelte sie das Kind , das diese bis dahin gewartet hatte , in den Kragen ihres Mantels und schritt aus der Stadt hinaus , auf die große Straße zu , die von Arendsee nach Tangermünde führte . Hielt sie sich zu , das waren der Wirtin letzte Worte gewesen , so mußte sie gegen die vierte Stund an Ort und Stelle sein . Der Weg ging anfänglich über Wiesen . Es war schon alles herbstlich ; der rote Ampfer , der sonst in breiten Streifen an dieser Stelle blühte , stand längst in Samen , und die Vögel sangen nicht mehr ; aber der Himmel wölbte sich blau , und die Sommerfäden zogen , und mitunter war es ihr , als vergäße sie alles Leids , das sie drückte . Ein tiefer Frieden lag über der Natur . » Ach , stille Tage ! « sagte sie leise vor sich hin . Nach den Wiesen kam Wald . Junge Tannen wechselten mit alten Eichen , und überall da , wo diese standen , war eine kräftigere Luft , die Grete begierig einsog . Denn es war immer schwüler geworden , und die Sonne brannte . Mittag mochte heran sein , als sie Rast machte , weniger um ihret- als um des Kindes willen . Und sie gab ihm zu trinken . Das war dicht am Rande des Waldes , wo zwischen anderem Laubholz auch ein paar alte Kastanien ihre Zweige weit vorstreckten . Die Straße verbreiterte sich hier , auf eine kurze Strecke hin , und schuf einen sichelförmigen Platz , an dessen zurückgebogenster Stelle halbgeschälte Birkenstämme lagen , hinter denen wieder ein Quell aus Moos und Stein hervorplätscherte . Hier saß sie jetzt , und um sie her lagen abgefallene Kastanien , einzelne noch in ihren Stachelschalen , die meisten aber aus ihrer Hülle heraus und braun und glänzend . Und sie bückte sich , um einige von ihnen aufzuheben . Und als sie so tat und ihrer immer mehr in ihren Schoß sammelte , da sah sie sich wieder auf ihres Vaters Grab und Valtin neben sich , und sie hing ihm die Kette um den Hals und nannt ihn ihren Ritter . War es doch , als ob jede Stunde dieses Tages Erinnerungen in ihr wecken sollte , süß und schmerzlich zugleich . » Alles dahin « , sagte sie . Und sie stand auf und schüttete die Kastanien wieder in das Gras zu ihren Füßen . Sie hing ihren Erinnerungen noch nach , als sie das Klirren einer Kummetkette hörte und gleich darauf eines Gefährtes ansichtig wurde , das , von derselben Seite her , von der auch sie gekommen , um die Waldecke bog . Es war eine Schleife mit zwei kleinen Pferden davor , und ein Bauer vorn auf dem Häckselsack . Auch hinter ihm lagen Säcke , mutmaßlich Korn , das er zu Markt oder in die Mühle fuhr . Grete trat an ihn heran und frug , ob er sie mitnehmen wolle . » Eine kleine Strecke nur ! « » Dat will ick jiern . Stejg man upp , Deern . « Und Grete tat ' s und setzte sich neben ihn , und sie fuhren still in den Wald hinein . Endlich sagte der Bauer : » Kümmst vun Arendsee ? « » Ja « , sagte Grete . » Denn wihrst ook in ' t Kloster ? Jott , de oll Domina ! Fiefunneijentig . Na , lang kann ' t joa nich mihr woahren . Un denn kümmt uns ' Ils ran . De wahrd et . « » Kennt Ihr sie ? « » I , wat wihr ick se nich kenn ' ? Ick bin joa van Arnsdörp , wo se bührtig is . Un wat mien Voaders-Schwester is , de wihr joa ehr Amm . Un achters hett se se uppäppelt . Un de seggt ümmer : › Ils is de best ! Un so groot se is , so good is se . Un doaför wahrd se ook Domina . ‹ « Und danach schwiegen sie wieder , und nichts als ein paar blaue Fliegen summten um sie her , und die Schleife malte weiter durch den Sand . Nur wenn dann und wann eine festere Stelle kam , wo Moos über den Weg gewachsen war oder wo viel Kiefernadeln lagen , über die die Fuhre glatter hingleiten konnte , gab der Bauer einen Schlag mit seiner Leine und ließ die mageren Braunen etwas schneller gehn . Und man hörte dann sein Hü und Hott und das Klappern der Kette . » Wo wisten hen ? « nahm er endlich das Gespräch wieder auf . » Nach Tangermünd . « » Na ' h Tangermünd . Oh , doa wihr ick ook . Awers dat geiht nu all in ' t dritt o ' r vörte Joahr , as uns ' Herr Kurförst doa wihr un dat grote Foahnenschwenken wihr , mit Äten un Jublieren . Un allens boaben up de Burg . Joa , doa wihr ick ook , un ümmer mit damang . Awers man buten . « Grete nickte , denn wie hätte sie des Tages vergessen können ! Und so plauderten sie weiter und schwiegen noch öfter , bis eine Stelle kam , wo der Weg gabelte . » Hier möt ick rechts aff « , sagte der Bauer . Und Grete stieg ab und wollt ihm eine kleine Münze geben . » Nei , nei , Deern , dat geiht nich . O ' r bist ' ne Fru ? « Sie wurde rot , aber er hatt es nicht acht und bog nach rechts hin in den Feldweg ein . Es war noch zwei Stunden Wegs , und Grete , die sich von der Anstrengung des Marsches erholt hatte , schritt wieder rüstiger vorwärts . Auch die Schwüle ließ nach ; ein Wind ging und kühlte die Luft und ihr die Stirn . Und sie hatte wieder guten Mut und gefiel sich darin , sich ihr künftiges Leben auszumalen . Aber sonderbar , sie begann es immer vom andern Ende her , und je weiter es ab und in allerfernste Zukunft hineinlag , desto heller und lichter erschien es ihr . Als aber zuletzt ihre Gedanken und Vorstellungen auch auf das Nah- und Nächstliegende kamen und sie sich in Gerdts Haus eintreten und die Knie vor ihm beugen sah , da wurd ihr wieder so bang ums Herz , und sie hatte Mühe , sich zu halten . Und sie nahm das Kind und küßte es . » Es muß sein « , sagte sie , » und es soll sein . Ich hab es ihm versprochen , und ich will es halten und will Demut lernen . Ja , ich will um einen Platz an seinem Herde bitten und will seine Magd sein und will mich vor ihm niederwerfen . Aber « – und ihre Stimme zitterte – » wenn ich mich niedergeworfen habe , so soll er mich auch wieder aufrichten . Weh ihm und mir , wenn er mich am Boden liegenläßt . « Und bei der bloßen Vorstellung war es ihr , als drehe sich ihr alles im Kopf und als schwänden ihr die Sinne . Endlich hatte sie sich wiedergefunden und ging rascheren Schrittes weiter , abwechselnd in Furcht und Hoffnung , bis sie plötzlich , aus dem Walde heraustretend , der Dächer und Türme Tangermündens ansichtig wurde . Da ging alles in ihr in alter Lieb und Sehnsucht unter , und sie grüßte mit der Hand hinüber . Das war Sankt Stephan , und die hohen Linden daneben , das waren die Kirchhofslinden . Lebte Gigas noch ? Blühten noch die Rosen in seinem Garten ? Und sie legte die Hand auf ihre Brust und schluchzte und ward erst wieder ruhiger , als sie die Goldkapsel fühlte , das einzige , was ihr aus alten Tagen her geblieben war . Und sie öffnete sie und schloß sie wieder und preßte sie voll Inbrunst an ihre Lippen . 18. Kapitel . Grete bei Gerdt Achtzehntes Kapitel Grete bei Gerdt Unwillkürlich beschleunigte sich ihr Schritt , und binnen kurzem hatte sie die nur aus wenig Häusern bestehende Vorstadt erreicht . Eins dieser Häuser , das sich nach seinem bemalten und vergoldeten Schilde leicht als ein Herbergshaus erkennen ließ , lag in Nähe des Tores , und sie trat hier ein , um eine Weile zu ruhen und ein paar Fragen zu stellen . Die Leute zeigten sich ihr in allem zu Willen , und eh eine Stunde vergangen war , war sie fertig und stand gerüstet da : die Kleider ausgestäubt und geglättet und das während des langen Marsches wirr gewordene Haar wieder geordnet . Es schlug eben fünf , als sie , das Kind unterm Mantel , aus der Herbergstüre trat . Draußen im Sande scharrten die Hühner ruhig weiter , und nur der Hahn trat respektvoll beiseit und krähte dreimal , als sie vorüberging . Ihr Schritt war leicht , leichter als ihr Herz , und wer ihr ins Auge gesehen hätte , hätte sehen müssen , wie der Ausdruck darin beständig wechselte . So passierte sie das Tor , auch den Torplatz dahinter , und als sie jenseits desselben den inneren Bann der Stadt erreicht hatte , war es ihr , als wäre sie gefangen und könne nicht mehr heraus . Aber sie war nicht im Bann der Stadt , sondern nur im Bann ihrer selbst . Und nun ging sie die große Mittelstraße hinauf , an dem Rathause vorüber , hinter dessen durchbrochenen Giebelrosetten der Himmel wieder glühte , so rot und prächtig wie jenen Abend , wo Valtin sie die Treppe hinunter ins Freie getragen und von jähem Tod errettet hatte . Errettet ? Ach , daß sie damals zerdrückt und zertreten worden wäre . Nun zertrat sie diese Stunde ! Aber sie redete sich zu und schritt weiter in die Stadt hinein , bis sie dem Mindeschen Hause gegenüber hielt . Es war nichts da , was sie hätte stören oder überraschen können . In allem derselbe Anblick wie früher . Da waren noch die Nischen , auf deren Steinplatten sie , lang , lang eh Trud ins Haus kam , mit Valtin gesessen und geplaudert hatte , und dort oben die Giebelfenster , die jetzt aufstanden , um die Frische des Abends einzulassen , das waren ihre Fenster . Dahinter hatte sie geträumt , geträumt so vieles , so Wunderbares . Aber doch nicht das . In diesem Augenblicke ging drüben die Tür , und ein Knabe , drei- oder vierjährig , lief auf die Stelle zu , wo Grete stand . Sie sah wohl , wer es war , und wollt ihn bei der Hand nehmen ; aber er riß sich los und huschte bang und ängstlich in eines der Nachbarhäuser hinein . » So beginnt es « , sagte sie und schritt quer über den Damm und auf das Haus zu , dessen Tür offengeblieben war . In dem Flure , trotzdem es schon dämmerte , ließ sich alles deutlich erkennen : an den Wänden hin standen die braunen Schränke , dahinter die weißen , und nur die Schwalbennester , die links und rechts an dem großen Querbalken geklebt hatten , waren abgestoßen . Man sah nur noch die Rundung , wo sie vordem gesessen . Das erschreckte sie mehr als alles andre . » Die Schwalben sind nicht mehr heimisch hier « , sagte sie , » das Haus ist ungastlich geworden . « Und nun klopfte sie und trat ein . Ihr Auge glitt unwillkürlich über die Wände hin , an denen ein paar von den Familienbildern fehlten , die früher dagewesen waren , auch das ihrer Mutter ; aber der große Nußbaumtisch stand noch am alten Platz , und an der einen Schmalseite des Tisches , den Kopf zurück , die Füße weit vor , saß Gerdt und las . Es schien ein Aktenstück , dessen Durchsicht ihm in seiner Ratsherreneigenschaft obliegen mochte . Denn einer von den Mindes saß immer im Rate der Stadt . Das war so seit hundert Jahren oder mehr . Grete war an der Schwelle stehengeblieben , und erst als sie wahrnahm , daß Gerdt aufsah und die wenigen Bogen , die das Aktenstück bildeten , zur Seite legte , sagte sie : » Grüß dich Gott , Gerdt . Ich bin deine Schwester Grete . « » Ei , Grete « , sagte der Angeredete , » bist du da ! Wir haben uns lange nicht gesehen . Was machst du ? Was führt dich her ? « » Valtin ist tot