Haus . Und alles Blut stieg ihm wieder zu Kopf , und er wußt es selber nicht , ob es Zorn war oder Scham . Aber das wußt er : Eifersucht sah ihm starr ins Gesicht und erfüllte seine ganze Seele . » Du hast es nicht wissen wollen . Nun weißt du ' s. « Er hatte , während er so sann und vor sich hin starrte , mit seinem Stock allerhand Figuren in das Sägemehl gezeichnet , das über den ganzen Holzhof hin ausgeschüttet lag ; als er jetzt aber wahrnahm , daß er von der Mühle her beobachtet wurde , stand er auf , begrüßte sich mit dem Sägemüller und sprach mit ihm über dies und das : über die Gräfin und den preußischen König und über die schlechte Zeit . Und zuletzt auch über die Holzpreise , die jeden Tag niedriger gingen . Aber es war bloß Lippenwerk , und er wußte nicht , was er sprach , und sah unter all seinem Reden immer nur nach dem Sägewerke hin , das in scharfem und schrillem Ton auf und nieder ging und in den eingespannten Baumstamm einschnitt . Es war ihm , als fühl er ' s mit . Und endlich brach er das Gespräch ab , weil er weiter ins freie Feld hinaus wollte . Die Luft strich am Gebirge hin , das tat ihm wohl , und während er so sich ruhiger und auf Minuten auch weicher werden fühlte , kam ihm ein unendliches Bedürfnis nach Aussprache , nach Rat und Trost . Aber wohin ? » Sörgel ? « Nein . » Oder zu dem alten Melcher ? « Nein . » Ich will zu den Toten gehen . « Und in weitem Bogen ging er , ohne die Stunden zu zählen , erst um den Agneten- und dann um den Schloßberg herum , bis er zuletzt an den Kirchhof kam und eintrat . Hier war alles still , und er hörte nichts als das entfernte Rauschen des Baches und das Aufschlagen der Tannenäpfel . Er ging an dem gräflichen Erbbegräbnis vorüber und sah nach dem Kreuz hinauf , und alles erschien ihm so rätselvoll und ungelöst wie das Zeichen daran . Und nun bog er rechts in einen schmalen Gang ein , wo die Beamten und die Dienerschaften ihren Ruheplatz hatten , und an dem vorletzten Grabe hielt er . Er war seit lange nicht hier gewesen , und um das Gitter her hatte sich ein dichter Efeu geschlungen ; aber nicht gehegt und gepflegt , sondern wie Unkraut . Und so standen auch die Blumen , ein wilder , halbverblühter Knäuel von Balsaminen und Rittersporn . Und auch von Levkojen und Reseda . Das waren dieselben Blumen – und zu seiner eigenen Empörung drängte sich ' s ihm wieder auf – , die sie , vor wenig Tagen erst , von dem Gartenbeete drüben in seine Geburtstagsgirlande geflochten ; und mit einem Male stand sie selber wieder vor ihm und sah ihn an . Er konnt ihr nicht entfliehen . Ach ! um der heimgegangenen Frau willen , der er sein äußeres Glück verdankte , war er hergekommen , ernstlich gewillt , eine stille Gemeinschaft mit ihr zu haben , ihre Hand wieder zu fühlen und ihr freundlich Auge wieder zu sehen . Und doch alles umsonst . Er sah immer nur das Bild , das sich zwischen ihn und die Tote stellte . » Weg ! « rief er und schlug mit der Hand nach dem Bilde . Doch es blieb . Und nun begann er gegen sich selbst zu wüten , daß er auf dem Punkte steh , ein Schelm zu werden und ein langes und ehrliches Leben um einer Narretei willen in die Schanze zu schlagen . » Ich muß heraus aus dem Elend ! « rief er . » Aber wo soll ich Hülfe finden , wenn auch diese Stelle sie mir versagt ? « Und er packte die Stäbe des Gitters und rüttelte daran . » Oder ob ich mit der Grissel spreche ... ? Nein , ich muß es allein durchmachen und alles vor mir selber beichten , bis ich ' s los und ledig bin ... Aber was beichten ? Und wozu ? Was hab ich getan ? Nichts , nichts ! Mir ist viel angetan , viel Weh und Leid , und wenn ich ' s in Eitelkeit heraufbeschworen und in Schwäche großgezogen hab , so bleibt es doch wahr : Du mein Herr und Gott , deine Hand liegt schwer auf mir ... Es wird nichts Gutes . Ich fühl es ... Es kann nicht . Ich habe wohl das Einsehen und das Auge , daß es besser wär , es wäre anders ; aber weiter hab ich nichts . Und ob die Schuld mein ist oder nicht und ob ich ' s verfahren hab oder nicht , es muß bleiben , wie ' s ist , und es muß gehen , wie ' s will . « Er ließ die Stäbe los , an denen er sich noch immer hielt , und setzte sich auf das steinerne Fundament , drin das Gitter eingebleit war , und nahm seinen Hut und drehte ihn zwischen den Fingern , als ob er bete . Aber er betete nicht ; er suchte nur nach Beschäftigung und Ruhe für seine fliegenden Hände . Und es war auch , als helf es ihm . » Ich hab einmal gelesen « , sprach er nach einer Weile vor sich hin , » oder war es Sörgel , der es mir sagte , wenn wir die Besinnung verlieren und nicht wissen , was wir tun sollen , weil hunderterlei zu tun ist und mit eins auf uns einstürmt , dann sollen wir uns fragen : was ist hier das Nächstliegende ? Und wenn wir das gefunden haben , so sollen wir ' s tun als unsere nächstliegende Pflicht . Und dabei werd uns immer leichter und freier ums Herz werden ; denn in dem Gefühl erfüllter Pflicht liege was Befreiendes ... Ja , so war es . Und was ist denn nun das Nächstliegende ? Meine nächstliegende Pflicht ist die des Vaters und Haushalters und Erziehers . Wohl ist es ein Unglück , daß es in meinem alten Herzen anders aussieht , als es drin aussehen sollt . Aber das darf mich nicht hindern , diese Pflicht zu tun . Ich habe für Recht und Ordnung einzustehen und für Gebot und gute Sitte . Das ist meine Pflicht . Und so muß ich ihr Gebaren und ihr Vorhaben stören . « Aber im selben Augenblick übersah er ' s besser und lachte bitter in sich hinein : » Ordnung und gute Sitte . Hab ich sie denn gehalten ? Aus aller Zucht des Leibes und der Seele bin ich heraus , und die gute Sitte , von der ich sprech , ist Neid . Ich neid es dem Jungen . Das ist alles . Ich neid ihm das schöne , müde Geschöpf , das müd ist , ich weiß nicht um was . Aber um was auch immer , es hat mich behext , die Grissel hat recht , und ich komme nicht los davon . « Und ohne daß er die Pein aus seiner Seele weggeschafft oder sich schlüssig gemacht hätte , was zu tun , erhob er sich von dem Stein , auf dem er gesessen , und stieg an einer abgelegenen Stelle des Kirchhofs über die hier halb zerbröckelte Mauer fort . Und nun hielt er sich immer im hohen Grase hin , das hier zu beiden Seiten des Weges stand , bis er sich umsah und mit eins gewahr wurde , daß er nur noch hundert Schritte bis Diegels Mühle habe . Da bog er scharf rechts ein und stieg einen mit Geröll angefüllten Hohlweg hinauf , der erst auf das Kamp und gleich daneben auf Ellernklipp zulief , auf Ellernklipp , dessen schrägliegende Tanne dunkel an dem geröteten Abendhimmel stand . Dahin zog es ihn , er wußte nicht , warum ; und als er bis an die schwindelhohe Stelle gekommen war , von der aus Sörgel damals in die vor ihm ausgebreitete Landschaft geblickt hatte , traf er auf Martin . Und jeder prallte zurück . Auch der Alte . Dann boten sie sich einen frostigen guten Abend und standen einan der gegenüber . Rechts die Klippe , links der Abgrund . Und am Abgrunde hin nur der Brombeerstrauch und ein paar Steine . » Wo kommst du her ? « fragte der Alte , dem rasch alles wieder hinschwand , was er an guten Vorsätzen in seiner Seele gefaßt haben mochte . » Von den Holzknechten . Und ich hab ihnen den Wochenlohn gezahlt . « » Ei ! Hast du ? Richtig ; ' s ist ja Freitag heut ... Und bist sonst keinem begegnet ? « » Nein . « » Und auch der Hilde nicht ? « » Nein . « » Und weißt auch nichts von ihr ? « » Ich denke , sie wird zu Haus sein oder bei dem Melcher Harms oben auf den Sieben-Morgen . « » Oder auf Kunerts-Kamp ! Oder bei der Muthe Rochussen Haus ! Oder bei den roten Beeren ! « Und er packte den unwillkürlich einen Schritt zurücktretenden Martin bei der Brust und schrie : » Wo hast du sie ? Wo ist sie ? « » Laß mich los , Vater ! « » Antworte , Bursch ! « » Ich weiß es nicht ! Ich will es nicht wissen ! Ich bin ihr nicht zum Vormund gesetzt ! Und nicht zum Hüter ! « » Nein ! Ihr Hüter bist du nicht ! Aber ich will dir sagen , was du bist : ein Räuber , ein Dieb ! Und ich will dir sagen , wo du bist : auf verbotener Fährte ! Heraus mit der Sprache ! Wo hast du sie ? Sprich ! Aber lüge nicht ! « » Ich lüge nicht ! « » Doch , doch ! Lump , der du bist ... « Und sie rangen miteinander , bis der Alte , der sonst der Stärkere war , auf den Kiennadeln ausglitt und hart am Abgrunde niederstürzte . Martin erschrak und rief in bittendem Tone : » Vater ! « Aber der Alte schäumte : » Der Teufel ist dein Vater ! « Und außer sich über die seinen Stolz demütigende Lage , darin er sich erblicken mußte , stieß er mit aller Gewalt gegen die Knie des Sohnes , daß dieser fiel , im Fallen sich überschlug und über einen der Steine hin in die Tiefe stürzte . Baltzer starrte kalt und mitleidslos ihm nach und horchte , wie die Kusseln knackten und brachen . Einmal aber war ' s ihm , als riefe es aus der Tiefe herauf , und es klang ihm wie » Vater « . Und nun erhob er sich und sah sich um . Und sah den Vollmond , der , eben aufgegangen , eine blutrote Scheibe , groß und fragend über dem schwarzen Strich der Tannen stand . 13. Kapitel . Im Elsbruch Dreizehntes Kapitel Im Elsbruch Er starrte lange hinein , lang und trotzig fast ; endlich aber wandt er sich und ging geraden Wegs auf seine Wohnung zu . Das Feuer , das ihn verzehrt hatte , brannte nicht mehr , und das Gewissen hatte seine Stimme noch nicht erhoben ; er war nur wie von einem unerträglichen Drucke befreit und wurd auch nicht verwirrt , als er Hilden an der Türschwelle stehen sah . Umgekehrt , ein Gefühl der Eifersucht regte sich wieder , und er sah sie scharf an , als er an ihr vorüber in die Tür trat . Ihr Blick indes begegnete ruhig dem seinen und gab ihm eine halbe Gewißheit , daß alles , was geschehen , ohne Not geschehen sei . Aber er empfand eher Trost als Reue darüber . War es doch nichts Vorübergehendes , was ihn gequält hatte , nein , eine Qual durchs Leben hin . Und die war er jetzt los . Er legte Hut und Hirschfänger ab , wechselte den Rock und machte sich ' s bequem . Und gleich danach nahm er seinen Meerschaum aus dem Eckspind heraus und trat an den Spiegeltisch , um sich aus einem dort stehenden Kasten die Pfeife zu stopfen . Und alles ohne Hast und Unruh . Er war sich aber des Spieles , das er vor sich selber spielte , voll bewußt und sagte , während er fest in den Spiegel hineinblickte : » Bin ich doch wie der Trunkene , der die Diele hält , um sich und anderen weiszumachen , er habe noch das Gleichgewicht . .. Und hab ich ' s nicht ? « fuhr er nach einer Weile fort . » Ist dies nicht der Spiegel ? Und ist dies nicht mein Spiegelbild ? Und seh ich nicht aus wie sonst ... ? Oder doch beinahe . Wahrhaftig , ich habe schon schlimmer ausgesehen . « Und dabei ging er über den Flur in die Küche . » Gib mir Feuer , Grissel . « Grissel klopfte mit der Hand in der Asche hin und her und nahm eine Kohle heraus . » Du wirst dich verbrennen . « » Nicht doch . Ich hab ja keine Haut wie die Hilde . « Der Heidereiter überhörte , was Spott darin war , und sagte : » Wo nur der Martin bleibt ? Der Junge hat keinen Appell , und mir wär ' s wirklich recht , er ging unter die Soldaten . Da lernt sich ' s. Was meinst du , Grissel ? « » Ich ? Ich meine nichts . Unter die Soldaten ? Da müßt Ihr die Hilde fragen ... Aber sollen wir warten mit dem Abendessen ? « » Oh , nicht doch . Nicht warten . Er muß pünktlich sein . Wenn ' s fertig ist , so bringst du ' s. Wir wollen essen . « Und damit ging er wieder in seine Stube . Die Pfeife brannte nicht mehr , aber er schmauchte weiter und merkte nichts . Und wie konnt es auch anders sein ? In seinen Gedanken stieg er den Weg zurück , den er vor einer Stunde gekommen war , und nun war er oben , und die Mondesscheibe stand wieder über dem schwarzen Waldstreifen und sah ihn an und fragte wieder . Und ein Frösteln überlief ihn . » Ihr schuddert ja so , Heidereiter « , sagte Grissel , als sie den Tisch deckte . » Ja ... das Fenster ist offen und die Tür . Mach zu . Warum klinkst du nicht ein ? Ich will den ewigen Zug nicht ; die Fliegen sind längst weg ; aber du ruhst nicht eher , als bis ich die Gicht in Händ ' und Füßen hab . « Und als Grissel das Fenster geschlossen hatte , setzte er hinzu : » Was essen wir zu Nacht ? Eine Suppe ? « » Ja , Heidereiter , eine Zwetschensupp . Und ich werd einen Nordhäuser eintun und ein paar Gewürznägelchen . Oder eine Zimmetstang ... « » Ah , das ist gut , das tu ! « sagte Bocholt . » Aber mache flink ! Ich will allein sein und früh zu Bett . Und lege mir einen heißen Stein an das Fußende . « Grissel murmelte was vor sich hin , weil sie bestimmt gegebene Befehle nicht gern hörte , widersprach aber nicht und brachte die Suppe . Zugleich kam Hilde . Alle drei setzten sich an den Tisch , und Bocholt sagte : » Wir wollen beten . « Und Grissel und Hilde falteten sofort die Hände und warteten ; denn gemeinhin sprach er das Gebet . Aber heute sah er vor sich hin , und als alles schwieg , rief er barsch : » Wird es ? Bete , Hilde ! « Und Hilde betete : » Segn uns , Vater , Speis und Trank , du gibst den Segen und wir den Dank . « » Du sprichst es immer so leise , Hilde . Glaubst du nicht dran ? « » Ich glaube dran . « » An was ? « » An Gottes Segen . Und an seine Gnade . « Der Heidereiter lächelte vor sich hin : » Ist das von Sörgel oder von dem Alten oben ... ? Aber die Supp ist so heiß ... « » Ihr hattet einen Frost vorhin . « » Ja , vorhin . Aber jetzt ist es vorbei . Geh , Hilde , mach das Fenster auf , alle beid . Es ist eine wahre Höllenhitze hier ... Und wo nur der Martin bleibt ? Ich möcht etwas Kühles , ' ne Satte Milch ... « Und Hilde wollte gehen , um die Milch zu holen . Aber er hatte sich inzwischen eines anderen besonnen und sagte : » Nein , laß nur . Es geht vorüber . Ich ärgere mich über den Jungen , das ist alles . Immer unpünktlich , und weiß doch , daß ich ' s nicht leiden kann . « » Es ist heute Lohntag « , antwortete Hilde . » Vielleicht , daß er sich bei den Holzknechten verspätet hat . Ich denk ... er kann jeden Augenblick kommen . « » Meinst du ? « sagte der Heidereiter , und der Löffel flog ihm in der Hand , während er an Hilde vorbei nach der Tür sah . Aber es blieb alles still , und der Alte fand sich wieder zurecht und erzählte von den Franzosen und aus seiner Soldatenzeit . Und dann erzählte Grissel eine Gespenstergeschichte , » aber eine wahre « . » Dummheit « , sagte Baltzer und erhob sich . Und auch Grissel und Hilde standen auf und waren froh , als sie das Zimmer verlassen konnten . Sie setzten sich draußen an den Herd , um sich in Möglichkeiten zu erschöpfen , wo der Martin geblieben sein könne . » Der Alte läßt ihm zuwenig freie Hand « , sagte Grissel , » und das ärgert ihn , und er will ' s ihm zeigen . Und hat auch recht . Ich wett , er hat Gesellschaft gefunden und ist unten im Dorf . Es wird noch manchen scharfen Tanz geben . Aber er setzt es durch , und muß auch so sein . « Und damit trennten sie sich , und Hilde ging hinauf und hielt oben an der Treppe . Die Tür zu Martins Kammer stand weit offen , und sie sah , wie der Vollmond ins Fenster schien , ernster und größer als sonst , als such er wen . Oder als woll er etwas sagen . Und von einer unendlichen Angst ergriffen , wandte sie sich ab und lief in ihre Stube hinüber . Baltzer Bocholt atmete tief auf , als er allein war . Er hatte sich bezwungen , ein paarmal unter Daransetzung seiner ganzen Kraft ; nun endlich war er ' s los und konnte sich gehen lassen , ohne Furcht , durch eine Miene das Geschehene zu verraten . Er schritt auf und ab und fühlte von Minute zu Minute , wie ' s ihm freier und wohler um die Brust wurde . Doch mit eins überfiel ' s ihn wieder , und die Möglichkeit sah ihm starr ins Gesicht : er sei nicht tot und könne wiederkommen . Und könne die Hand gegen ihn erheben zur Anklage vor Gott und Menschen ... Und dann wieder sah er ihn in seinem Elend daliegen , nicht lebend und nicht tot , und ein Schauder natürlichen Mitgefühls ergriff ihn , nicht mit dem Sohn , aber mit der leidenden Kreatur . Und es war ihm , als pack ihn wer und woll ihn würgen , und zuletzt trat er ans Fenster und sah in die Nacht hinaus und horchte , ob wer käme oder ob sie wen brächten . Aber es kam keiner , und sie brachten keinen , und er hörte nur jedes Blatt , das vom Baume fiel , und weit aus der Ferne her das Stampfen und Klappern von Diegels Mühle . Dort lag er , aber noch diesseits , in dem vorderen Elsbruch , und indem er so hin starrte , ward ihm zu Sinn , als sähe er jeden Stamm und dazwischen die Wasserlachen . Und in jeder einzelnen spiegelte sich der Mond . Und weil er des Bildes los sein wollte , wandt er sich ab und lenkte den Blick der anderen Seite zu . Da lag das Dorf und der Sternenhimmel darüber . Und als er hinaufsah in den ewigen Frieden , siehe , da war es ihm , als stiege der Engel des Friedens hernieder und segne jedes Haus . Und nun kam er das Tal herauf , in Mittelhöhe schwebend ; aber als er sich seinem Hause näherte , wich er aus und stieg höher und höher , bis er hoch über dem Elsbruche stand . Bis in die Sterne hinein . Und nun erst senkte sich der Engel wieder , immer tiefer , bis er zuletzt in den Wipfeln der Bäume schwand . Was wollt er da ? Zu wem kam er ... ? Er wußt es wohl ... jetzt losch das Leben aus . Und danach trat der Alte vom Fenster zurück und warf sich halb ausgekleidet aufs Bett und war beruhigt und gequält zugleich und seufzte und stöhnte , bis gegen Morgen der Schlaf kam . Er schlief noch , als Joost an die halb offene Tür des Alkovens trat und hineinsah . » Wi em siene Bost geiht ; ümmer upp un dahl . .. « Und er stahl sich wieder fort , um ihn noch weiter schlafen zu lassen . Eine Stunde später aber trafen sich alle bei der Morgensuppe . Der Heidereiter hatte seine Ruhe wieder und aß und trank , und da weder Grissel noch Hilde das Wort nahmen , begann er nach einer Weile : » Länger geht ' s nicht ; wir müssen ihn suchen gehen . Aber wo ? « Da warf sich Hilde vor ihm nieder und bekannte , zitternd vor Schuld und Reue , sie hätten sich oben auf Kunerts-Kamp gesehen , keine hundert Schritte von ihrer Mutter Haus , und die Sonne sei gerad untergegangen . Und da hätten sie gesessen und gesprochen und immer das Läuten von des alten Melchers Herde gehört . Und als es gedunkelt , hätten sie sich getrennt . Und sie habe sich nicht geängstigt , weil sie von den Sieben-Morgen her immer noch die Herde gehört habe . Martin aber sei durch den Wald gegangen und auf Diegels Mühle zu . » Wohl , wohl « , sagte der Alte , der ruhiger blieb , als Hilde gefürchtet . » Also durch den Wald und auf Diegels Mühle zu . Das ist recht . Da geht er immer , und da müssen wir ihn suchen . « Und er wandte sich ins Dorf , um erst mit dem Schulzen und gleich danach auch mit dem Gerichtsboten zu sprechen , und keine halbe Stunde , so waren alt und jung auf den Beinen , um nach des Heidereiters Martin zu suchen . Denn alle hatten ihn gern und tadelten den Alten , daß er ihn zu streng in der Zucht habe . Das wußt auch der Heidereiter . Und als sie nun die Berglehne hinauf und bis oben an die Sieben-Morgen waren , trat einer von den Büdnern an den wie gewöhnlich auf seiner Graswalze sitzenden Melcher Harms heran und sagte : » Du seihst joa allens , Kamm-Melcher ... Hest em denn nich siehn ? « Und der Angeredete strickte weiter und antwortete , während er mit halbem Blicke den Heidereiter streifte : » Woll . Ick hebb em siehn . Gistern , as de Sünn eb ' n unner wihr . Ihrst upp Kunerts-Kamp un denn upp Ellernklipp to . « » Kommt , kommt ! « unterbrach Baltzer , dem das Wort Ellernklipp unheimlich zu hören war . Und er führte den Trupp über die Stelle weg , wo der Muthe Rochussen ihr Haus gestanden , und ging erst bis in die Tiefe des Waldes und zuletzt auf einem weiten Umweg um Diegels Mühle und das Elsbruch herum . Und war keiner , der sich gemeldet oder aus freiem Antriebe da hineingewollt hätte , denn es war eine verrufene Stelle . Gegen Mittag aber waren alle wieder zu Haus , und im Dorfe hieß es : er sei weg und zu den Preußen gegangen . Und sei nicht zu verwundern . Der Baltzer sei zu streng gewesen und wiß es auch . Aber er wolle es nicht zeigen und zwinge sich . Und so verging der Tag , und auch in des Heidereiters Hause hieß es : er ist weg und zu den Preußen gegangen . Und der Alte widersprach nicht . Als aber der Abend nahte , kam es ihm doch in die Seele , daß er hin und ihn einscharren müsse . Sonst habe der Tote keine Ruhe . Da , wo die Binsen um den kleinen Teich stehen , da mußt er liegen oder doch nicht weit davon . Der Boden war da freilich moorig , aber mitten im Moor waren kleine Sandhügel , und auf einem dieser Sandhügel wollt er ihn begraben . Und heute noch . Gleich . Er nahm eine Jagdtasche vom Rechen und ging , als er sich vergewissert hatte , daß Joost ins Dorf gegangen war , über den Hof in die Geschirr- und Häckselkammer , in deren einer Ecke allerlei Feld- und Gartengeräte : Sensen und Harken und Spaten , bunt durcheinander standen . Er suchte darin umher , und als er endlich einen ihm passenden Spaten gefunden hatte , stieß er mit einem kräftigen Stoße das Eisen unten ab und verbarg es in seiner Jagdtasche . Gleich danach aber ging er in seine Stube zurück und wählte sich unter seinen Stöcken einen aus , dem er ' s ansah , daß er als Stiel in das Spatenöhr passen würde . Und nun hing er sein Gewehr über die Schulter , von dem er nicht gern ließ , und machte sich auf den Weg . Immer am Bach hin . Aber der Mond oben ließ nicht ab von ihm , und auch wo das Buschwerk am dichtesten war , fielen Lichter und Schatten ein , über die sein eigener sich fortbewegte . Mitunter sprang ein Eichkätzchen von einem Baum auf den anderen , und er fuhr zusammen , wenn er das Knicken der Zweige hörte . Jetzt aber zogen dünne Nebel zwischen den Bäumen hin , und er wußte nun , daß er das Bruch unmittelbar vor sich habe . Und wirklich , nur ein paar Schritte noch , so blinkte von rechts her die weiße Wand von Ellernklipp herüber . Die weiße Wand und ihr zu Häupten die dunkle Tanne . Da drunter war es . Und er nahm nun das Spateneisen aus seiner Tasche heraus und steckte den Stock ins Öhr . Aber das Öhr war zu weit , und er wußte nicht , was tun . In seiner Hast und Verwirrung riß er endlich ein Stück aus seinem Sacktuch heraus und wickelte den Fetzen um den Stock herum , bis dieser fest saß . Und nun wollt er weiter . Aber er stand wie angewurzelt . » Ich kann ' s nicht ... Und wozu auch ? ' s ist Moorgrund , und der gibt nach , und eines Tages hat er sich selber begraben . Sie werden ihn nicht finden . .. Und wenn doch , so heißt es , er ist verunglückt ; ausgeglitten . Und war es nicht so ? Oder wer hat es anders gesehen ? Einer ! « Und er sah in den Mond hinauf . » Aber der plaudert nicht . « Und er zog das Spateneisen wieder ab , tat ' s in die Jagdtasche und ging heim . Als er über den Hof kam , sah er , daß die Geschirrkammer offenstand und Joost ärgerlich und brummend in ihr umhersuchte : » Wihr man nu wedder hier mang west is ! Diß oll Diebstüg . Un man blot dat Isen . Dat hebben s ' mitnoahmen , un de oll höltern Krück hebben s ' mi stoahn loaten . « Baltzer tat , als höre er nicht , und ging in seine Stube . Hier hing er die Tasche , statt an den Rechen draußen , in seinen Schrank und schloß zu . Den anderen Tag aber wollt er das Spateneisen wieder an seinen Platz bringen . Und nun ging er auf und ab und malte sich Bilder über Bilder in die Zukunft hinein . Aber er dachte auch jetzt noch ein gut Teil weniger an seine Tat als an sein eigen Elend . Es war ihm unerträglich , daß er nicht mehr geradeaus sehen und immer nur schweigen und horchen und auf der Lauer liegen sollte . » Ei , Heidereiter , das ist dein Leben nun ! Immer in Bangen und immer in Lüge ; rastlos und ruhelos , und so bis zuletzt . « Und er schlug sich mit der Faust vor die Stirn und sah nach dem Gewehr hin und wollte darauf zuschreiten . Aber die Kraft seiner Natur war erschöpft , und er brach zusammen . Und als Grissel und Hilde gleich danach in die Stube traten , lag er ohnmächtig am Boden . Hilde glaubte nicht anders , als daß er tot sei ; Grissel aber sah , daß er noch Leben habe , und schickte zum alten » Kamm-Melcher « . » Es ist vom Blut , Vater Melcher . Ihr müßt ihm die Ader schlagen . « Der aber schüttelte den Kopf und