Krähstimme nach , und es war die unheimliche Energie des Ausdrucks , durch die er sie verhinderte , komisch zu wirken . Bendas Augen waren in der Anstrengung des Zuhörens blicklos geworden . Er hätte nicht zu sagen vermocht , ob das Werk des Freundes ein gelungenes Werk sei . Was ihn überzeugte , war der Mensch , der vom Menschen ausstrahlende Magnetismus . Das Werk konnte er weder durchdringen , noch werten , es ergriff ihn aber in der Verbundenheit mit dem Phänomen des Menschen . Daniel stand auf , taumelte gegen das Sofa , grub den Kopf in die Hände und ächzte : » Spürt ihr ' s denn ? Spürt ihr ' s denn wirklich ? « Er erhob sich wieder , stürzte mit zwei Schritten ans Klavier , packte die Notenblätter und warf sie auf den Boden . » Es ist ja nichts , « knirschte er , » eine elende Stümperei ist ' s. « Damit warf er sich abermals hin . Lenore , in der andern Ecke des Sofas regungslos sitzend , schaute ihn mit den tiefstaunenden Augen eines Kindes an . Benda hatte sich ans Fenster gestellt und sah in die blühenden Bäume und in den grauen Wolkenhimmel . Dann wandte er sich um . » Daß endlich etwas für dich und deine Sache geschehen muß , ist klar , « sagte er . Lenore bewegte die Arme gegen Benda , als wollte sie ihm danken , und ihre Lippen öffneten sich halb . Als sie aber Daniel betrachtete , wagte sie es nicht , und auf einmal rief sie aus : » Mein Gott , da sind zwei Knöpfe an seiner Jacke , die hängen nur noch an einem Faden . « Und sie rannte aus dem Zimmer . Nach kurzer Weile kam sie mit Nadel und Zwirn zurück , die sie sich von Meta hatte geben lassen , setzte sich dicht an Daniels Seite und nähte die Knöpfe fest . Benda mußte lächeln . Aber es lag in dem , was sie tat , eine wunderbare Beruhigung , als verhelfe sie dem Leben gegenüber allem Geisterspiel zu seinem Recht . 10 Aus früheren Zeiten kannte Benda den Theateragenten und Impresario Dörmaul . Zu Dörmaul ging er und brachte ihm Daniels Arbeit , denn der vielseitige und in viele Projekte verstrickte Emporkömmling verlegte auch musikalische Werke . Es dauerte einige Wochen , bis ihn der Impresario wieder vor sich beschied . » Unverständliches Zeug , Originalitätshascherei , « lautete Dörmauls Urteil , » damit lockt man keinen Hund vom Ofen . « Ein junger Mensch mit feuerroten Haaren folgte Benda aus dem Zimmer und redete ihn an . Er heiße Wurzelmann und sei selbst Musiker ; er habe das Wiener Konservatorium besucht und sei von seinem dortigen Lehrer an Alexander Dörmaul empfohlen worden . Dieser gehe nämlich damit um , eine Wanderoper zu gründen , nämlich eine Truppe in Sold zu nehmen , die mit einem festen Repertoir von Spielopern durch die kleinen Städte der Provinz ziehen solle , und er werde erster Kapellmeister sein . Er sprach im häßlichen Idiom der Juden des Ostens . Benda war in artiger Weise kalt . Die Hauptsache kam zuletzt . » Vineta « hatte Wurzelmanns Begeisterung erweckt . Er hatte die Partitur heimlich gelesen . » Ein großes Talent , Herr Doktor , wie man es seit langem nicht erlebt hat , « sagte er . » Was soll ich da von Herrn Dörmauls Urteil halten ? « fragte Benda , weil er dem Anwesenden noch nicht recht traute und den Abwesenden gegen ihn in Schutz nehmen wollte . » Kennen Sie Dörmaul nicht ? Ich dachte , Sie kennen ihn . Wo er keine Autorität fürchtet , wird er kühn . Legen Sie ihm die neunte Symphonie ohne Titelblatt vor , und er erklärt sie Ihnen für Schund . Jede Wette . « » Ach ? ist das wirklich so ? « fragte Benda bekümmert . » Geben Sie mir die Partitur , und ich verspreche Ihnen , daß ich die Leute dafür auf die Beine bringen will . Für so was muß man die Fanfare blasen . « Benda besann sich eine Weile . Er hatte keine Neigung fürs Fanfarenblasen , und er glaubte auch nicht an die Treue derer , die das Blasen besorgten . Doch willigte er ein , da er sich nicht das Recht anmaßte , Daniel um eine Hoffnung zu verkürzen . Es erwies sich , daß Wurzelmann nicht geflunkert hatte . Vierzehn Tage später erhielt Daniel die Nachricht , der Orchesterverein habe sich entschlossen , seine Komposition im Februar zur Aufführung zu bringen . Um der Zuhörerschaft ein reicheres Bild seines Schaffens zu geben , forderte man noch eine zweite Arbeit von ihm . Daran war kein Mangel . Vieles harrte der Vollendung . Wurzelmann rühmte sich , den hochmögenden Herren die Türen eingerannt zu haben . Er hatte sich Gutachten der Musikprofessoren Wackerbarth und Herold verschafft , und das diplomatische Meisterstück hatte darin bestanden , daß er Andreas Döderlein als Dirigenten gewonnen hatte . Er war unerschöpflich in Ratschlägen und voll von Plänen . Er sprach davon , daß bei der Wanderoper ein zweiter Kapellmeister notwendig sein werde , da er selbst mehr als stellvertretender Direktor zu amtieren habe . » Lassen Sie mich nur machen , lieber Nothafft , « sagte er , » Alexander Dörmaul muß tanzen , wie ich pfeife , und mein Pfiff lautet : Nothafft wird Kapellmeister oder keiner . « Hatte er demütig begonnen , so endete er mit Vertraulichkeiten . Daniel haßte rothaarige Leute , besonders wenn sie entzündete Augen hatten und beim Sprechen speichelten . » Er ist ein unappetitlicher Bursche , dein Wurzelmann , « sagte er zu Benda , » und daß ich ihm Dank schulde , ist hart . Et denkt , es schmeichelt mir , wenn er verächtlich von sich selber redet . Fußtritte verdient er . « Benda schwieg . Von Wurzelmanns aufopfernden Bemühungen gerührt , hatte er ihn servule , das Knechtlein genannt . Es war schön , daß einer da war , der die Blöcke aus dem Wege räumte , damit der Fuß des aus dem Dunkel Getretenen Platz zum Schreiten habe . Aber das Knechtlein war erfüllt von der Bewunderung des in Armut und Bedrückung geborenen Juden für den Genius der andern Rasse . Benda wußte es . Ihm ekelte davor , weil es eine Tatsache war , die andern , nicht weniger lügnerischen Schwärmern als Stammeseigentümlichkeit galt . 11 Da nun der Sommer gekommen war , die heißen Augusttage , wanderten die beiden Freunde häufig vor die Stadt hinaus und in die Wälder gegen Feucht oder Fischbach , oder zum hohen Bühl . An einem solchen Ausflug nahm auch Lenore teil . Es war sein , sie anzusehen , wenn sie den Duft der Blumen und der Nadelbäume , die Formen der Wolken und den Wechsel der Landschaft genoß . Da glich sie einem selig hingleitenden Vogel , der sich in den oberen Regionen vom Schmutz der unteren rein badet . Mit verständiger Aufmerksamkeit lauschte sie den Gesprächen der Freunde . Ein leuchtender Blick , ein Hochründen der Brauen zeigte , daß sie Partei ergriff und Wort und Gegenwort sich in ihrem Sinn zurechtlegte . Wurde sie veranlaßt , eine Meinung zu äußern , so traf sie damit gewöhnlich den Nagel auf den Kopf . Auf dem Heimweg brach die Nacht herein , der Himmel war ganz klar geworden , und die Sterne strahlten in großer Pracht . Es fielen Sternschnuppen , und Lenore meinte , so viel Wünsche habe sie gar nicht , wie sie jetzt äußern könne . Der gelehrte Benda erwiderte lächelnd , in diesen Augustnächten seien die Asteroidenschwärme unterwegs , da scheine oft das ganze Firmament in lebendiger Bewegung , und man könne leicht vom Wünschen müde werden . Lenore begehrte zu wissen , was Asteroiden seien , und er erklärte es ihr nach bestem Vermögen . Dann sprach er von den Sternbildern und von der Milchstraße und sagte ihr , daß diese aus Millionen einzelner Sterne bestehe . Er sprach auch von der Größe der Sterne , und da er sie bisweilen Sonnen oder Welten nannte , wurde sie stutzig und fragte , ob denn auch Erden darunter seien . Wie , Erden ? Wie sie dies verstehe ? Nun , solche Erden wie die , auf der sie selbst jetzt wandelte und lebte . Ohne Zweifel , wurde geantwortet . Und ob auf diesen Erden auch Bäume seien , Tiere seien ? Dies sei wohl anzunehmen , auf vielen wenigstens . Und ob auch Menschen ? Wahrscheinlich , lautete die Auskunft , weshalb sollte denn der unbedeutende Ball , der sie trage , einen Vorteil haben ? Wenn nicht Menschen im irdischen Verstand , so doch Wesen mit Vernunft und Gefühl . » Es können also solche Geschöpfe wie Sie und Daniel und ich da oben existieren ? « » Gewiß . « » Und auf all den Sternen gibt es vielleicht zahllose Völker und Menschheiten , von denen wir nichts wissen , nichts ahnen ? « » Gewiß . « Da setzte sich Lenore auf einen Meilenstein am Weg , schaute mit zuckenden Lippen vor sich hin und brach plötzlich in Tränen aus . Benda nahm ihre Hand und streichelte sie beruhigend . » Sie tun mir alle so leid , « schluchzte Lenore , blickte hinauf und lächelte nun unter Tränen . Benda hätte am liebsten Daniels Arm gepackt und ihm zugerufen : nun schau sie dir doch mal an ! Daniel schaute sie wohl an , aber er sah sie nicht . 12 An einem Abend im Oktober trat der Inspektor Jordan aus einem Haus in der Breitegasse , knöpfte frierend seinen Mantel zu und ging mit hastigen Schritten durch ein Verbindungsgäßchen , das so eng war , als seien die Häuser mit einem großen Messer durchschnitten worden , gegen die Karolinenstraße . Es war spät , und er hatte Hunger . Da ihm einfiel , daß Gertrud vielleicht nichts Warmes mehr für ihn zu essen hatte , ging er in eine Wirtschaft . Zwei Stunden hatte er damit zugebracht , einen reichen Hopfenhändler zum Abschluß einer Versicherung zu bewegen . Der Mann hatte sich immer wieder die Vorteile erklären lassen , hatte immer wieder die Tabellen studiert und sich nicht entschließen können . Dann war ihm sein Abendessen aufgetragen worden . Da saß er , zufriedend schmatzend , und von der Serviette , die er um den dicken Nacken gebunden hatte , starrten zwei Zipfel rechts und links empor wie zwei lange , weiße Ohren . Es hatte den Inspektor in seinem sozialen Bewußtsein gekränkt , daß der Mann sich sogar die höfliche Phrase einer Einladung hatte ersparen zu können geglaubt . In der kleinen Bierkneipe , in die der Inspektor trat , saßen einige Leute an einem Tisch , darunter der Friseur Bonengel , von dem Jordan erkannt und gegrüßt wurde . Er nahm im Hintergrund des Raumes Platz und bestellte bei der häßlichen und schmutzigen Kellnerin ein paar Würste mit Kraut . Der Friseur erzählte unflätige Anekdoten ; als die Kellnerin das Essen brachte , kicherte sie und sagte : » Das ist einer , der Bonengel , das ist einer . « Der Inspektor begann hastig zu essen , aber unversehens verging ihm die Lust . Er schob den Teller beiseite , stützte den Kopf in die Hand und schaute still in die Rauchschwaden , die in der dicken Luft unbeweglich standen . Ihm war , als könne er das Tagewerk nicht mehr vollbringen , das er morgen und übermorgen und an all den weiterhin kommenden Tagen leisten sollte . Von einem Ende der Stadt bis zum andern rennen ; immer dieselben hundertmal durchmessenen Straßen auf und ab ; Stiegen hinauf und Stiegen hinunter ! Immer wieder dieselben Fragen beantworten , dieselben Behauptungen aufstellen , dieselben Einwände widerlegen , täglich und immer wieder dieselbe Sache mit denselben Worten anpreisen , dasselbe Interesse heucheln , dasselbe Mißtrauen mit denselben Gründen bekämpfen , den Leuten immer wieder zur Last fallen und ihren häuslichen Frieden stören , und immer wieder zu neuer Anstrengung gepeitscht werden , immer wieder die Strafpredigten dieses nicht zu sättigenden , nicht zu rührenden Aktien-Ungeheuers und seines Statthalters Diruf anhören zu müssen , wahrlich , es war nicht mehr zu ertragen , es ging wider die Würde eines Mannes von seinen Jahren . Er schämte sich vor sich selbst . Er war furchtbar müde . Er gedachte seines vergangenen Lebens . Wie er sich aus der Armut seiner Jugend emporgearbeitet hatte , und es ihm gelungen war , ein geachteter Kaufmann zu werden . Das war in Ulm gewesen , und da hatte er die blonde Agnes geheiratet , die Lokomotivführerstochter . Aber weshalb war er nicht zu Wohlstand gekommen ? Viele , die ihm nachstanden an Klugheit , an Fleiß und an Manierlichkeit , waren vermögliche Leute geworden , nur er nicht . Dreimal hatte der Bankrott gedroht , dreimal hatten ihn Freunde gerettet . Dann hatte sich ihm ein Gesellschafter angetragen , war mit einigem Kapital in die Firma eingetreten , und das Geschäft war wieder flott gegangen . Doch zeigte es sich , daß dieser Mensch keine Treue und kein Gewissen hatte . » Jordan ist mein Hemmschuh , « sagte er zu den Kunden , » Jordan versteht nichts , Jordan kann nicht rechnen . « Und der Gesellschafter ruhte nicht eher , als bis Jordan mit einer Abfindungssumme die Firma verlassen hatte . Dann hatte er sich da versucht und dort versucht , acht oder neun Jahre lang . » Sorg dich nicht , Jordan , « hatte Agnes gesagt , » es wird schon werden . « Aber es wurde nicht . Was er auch anpacken mochte , es war am falschen Ende angepackt , zur unrechten Stunde , mit unrechten Leuten . Es konnte nicht werden . Nicht nur , weil seine Hand zu schwer war , und vielleicht auch sein Sinn zu redlich , sondern weil er sich von einer Schimäre hatte narren lassen . Von frühen Jahren an hatte er einen Traum gehegt , und alle seine Unternehmungen hatten darauf hingezielt , den Traum wirklich zu machen . Es war unmöglich gewesen ; er hatte nie so viel Geld erübrigen können . Und wenn er den Lieblingswunsch mit Agnes besprochen hatte , wenn er geschwärmt hatte von der Zeit , wo er seinem eigentlichen Beruf würde leben können , hatte sie ihn ermutigt und mit ihm die Wege beraten . Aber es schien ihm jetzt , als hätte sie immer gewußt , daß er bloß träumte und hätte großmütig darauf verzichtet , ihn aus dem Traum zu wecken . Von frühen Jahren an war sein Gedanke gewesen , eine Puppenfabrik zu bauen . Weshalb nun gerade eine Puppenfabrik ? Hielt er es für besonders ersprießlich , Puppen zu machen ? Glaubte er damit besondere Ehren , besonderen Reichtum zu gewinnen ? Keineswegs . Er hätte nicht zu sagen vermocht , warum er gerade dieses erstrebte . Es hatte ihn stets bedünken wollen , als ob die Welt der Puppen eine für sich bestehende Welt sei . Es hatte etwas Zauberisches für ihn gehabt , wenn er sich ausmalen konnte , welche Gesichter , welche Kleider , welche Haare er für die verschieden gestalteten , großen und kleinen Puppen erfinden würde . Puppen von mannigfachem Reiz bevölkerten seine Phantasie ; Fürstinnen und Priesterinnen , Fischerinnen und Meerjungfrauen ; Schäfer und Schäferinnen ; Kasperle und lustige Teufel ; solche mit Köpfen aus Porzellan und andere mit Köpfen aus Wachs , bei denen die Farbe des Lebens bis zur Vollendung nachgeahmt werden konnte , und die echte Menschenhaare hatten ; solche , die die Trachten fremder Völkerschaften trugen , und andere , die wie Märchenfiguren gekleidet waren , Feen und Gnomen , ein Aladdin , ein Harun al Raschid , ein morgenländischer Derwisch . Als er zum letztenmal seinen Wohnort gewechselt hatte , war seine Wahl auf Nürnberg gefallen , weil es ihn dorthin zog , wo die Puppenindustrie in ihrer Blüte stand . Dann war Agnes gestorben , die drei Kinder waren ihm geblieben , und für die mußte er arbeiten . Für sich selbst durfte er jetzt kein Glück und Gelingen mehr hoffen , und da war die Puppenfabrik ganz und gar Schimäre geworden . Nur noch ein Ziel hatte er , nämlich für jede seiner Töchter zehntausend Mark zurückzulegen , damit sie gegen die ärgste Not gesichert seien , wenn er einmal nicht mehr war . Der Junge , der konnte sich selber helfen . Aber bis zum heutigen Tag hatte er kaum die Hälfte dieser Summe auf die Bank geben können . Und wenn er nun um seine Stelle kam , wenn die Gebrechlichkeit des Alters ihn hinderte , das Brot zu verdienen , wenn er schließlich gezwungen wurde , die Ersparnisse anzugreifen , die er in so vielen Jahren und unter so vielen Entbehrungen gesammelt hatte , wie sollte er dann den Mädchen gegenübertreten , was für ein Lebensabend stand ihm dann bevor ? » Der Schlack hatte sich aber im Keller verkrochen , und als ihm die Frau seine Hosen bringen wollte , waren sie ins Mehlfaß gefallen , « erzählte der Friseur Bonengel . Die Zuhörer meckerten , die Kellnerin kreischte . Auf dem Nachhauseweg hörte der Inspektor durch das Pfeifen des Windes hindurch noch immer die dem Klappern einer Schere ähnliche Stimme des Friseurs . Es war ihm jedes Mal unbehaglich , bei Nacht die Treppe des schmalen , alten Hauses hinaufzusteigen . Das Holz krachte , als ob es brechen wollte , auch schien es ihm bisweilen , als kämen ihm blinde Menschen entgegen . Im ersten Stock wohnte nämlich ein Augenarzt , und er hatte oft Blinde gesehen . Auf dem Tisch seines Zimmers lag ein Brief . Der Umschlag trug den Vordruck : Generalagentur der Prudentia . Er ging eine Weile auf und ab , ehe er die Hülle zerriß . Es war die Kündigung seines Postens . 13 Um jene Zeit wuchs Friedrich Bendas Verstimmung . Er sah , daß er als Privatmann sich der Hilfsmittel begeben mußte , deren er für seinen Forscherberuf bedurfte , und es schien ihm , als sei er verurteilt , seine Fähigkeiten in ewiger Dunkelheit zu begraben . Er brach die meisten seiner bisherigen Beziehungen ab , auch die brieflichen . Wenn ihn Bekannte grüßten , blickte er zur Seite . Sein Ehrgefühl war aufs tiefste verwundet , er war auf dem Weg , auf dem man die Selbstachtung verliert . Daniel war der einzige Mensch , der davon nichts bemerkte . Vielleicht hatte er sich in den Gedanken eingelebt , Bendas Existenz sei eine freundlich geregelte , und es genügte ihm der Anblick , den die bürgerliche Wohlhabenheit des Hausstandes bot , um ihn an ein sorgenloses Dasein des Freundes glauben zu lassen ; jedenfalls fragte er nie , und es fiel ihm nicht auf , wenn der Gefährte so vieler Stunden mit umdüstertem Antlitz vor ihm saß . Benda lächelte über diese Unschuld , denn für etwas Schlimmeres nahm er es nicht . Weit entfernt , bitter darüber zu denken , faßte er den Vorsatz , den so tief in sich selbst webenden Menschen mit seinen Angelegenheiten gänzlich zu verschonen . Er konnte aber nicht hindern , daß sein Schmerz , wie auch das Verlangen , seine unwürdige Lage zu beenden , die Schranken der Zurückhaltung bisweilen durchbrachen . An einem trüben Tag , spätnachmittags , holte Benda den Freund ab , der eben von einer Unterrichtsstunde nach Hause gekommen war . Sie beschlossen , ein wenig spazieren zu gehen und dann bei Benda zu Abend zu essen . Im Flur begegneten ihnen die Schwestern Rüdiger , die von ihrer täglichen Wanderung durch den Garten zurückkehrten . Benda grüßte mit seiner altertümlichen Artigkeit , Daniel berührte mürrisch kaum den Hutrand . Die Schwestern stellten sich in einer Reihe auf wie beim Kotillon und dankten holdselig . Fräulein Jasmine ließ eine verspätete Rose aus der Hand fallen , und als Benda die Rose aufhob , preßte das Fräulein die Hand gegen den kaum der Rede werten Busen und dankte abermals holdselig . Als sie auf der Straße waren , sagte Benda in mitleidigem Ton : » Drei zarte Wesen ; hausen in ihrer Einsamkeit als rechte Vestalinnen und hüten ein heiliges Feuer . « Daniel lachte . » Ein heiliges Feuer gar ? Meinst du die Geschichte mit dem Maler ? « » Ja , die mein ich , und es war kein gewöhnlicher Maler , mußt du wissen . Erst kürzlich hab ich mir die ganze Sache erzählen lassen . Anselm Feuerbach hieß der Maler . « Daniel wußte nichts von Anselm Feuerbach , empfand aber das Inhaltsvolle eines Namens , der kraft einer geheimnisvollen Magie wie eine schöne Glocke an sein Ohr schlug . » Was war es denn mit ihm ? « fragte er . Die Geschichte lautete wie folgt : Als Anselm Feuerbach vier Jahre vor seinem Tod , vor sechs Jahren also , zum letztenmal nach Nürnberg kam , um seine Mutter zu besuchen , da kränkelte er schon an Körper und Gemüt und war der Menschen satt , war von ewiger Plage und Mißkennung verstört . Aber einige Bürger erinnerten sich seines Ruhms , der in der deutschen Luft dunkel und heimatlos schwebte , und die Handelskammer bestellte bei ihm ein Bild für ihren Sitzungssaal im neuen Justizpalast . Er malte das Bild , den Kaiser Ludwig , wie er den Nürnbergern das Privilegium für freies Gewerbe erteilt . Als nun das Bild fertig war , zeigten sich die Herren sehr unzufrieden , denn sie hatten etwas ganz anderes erwartet , irgendeine öde Krelingsche Schilderei , und nicht so ein vornehmes und reines Werk . Zudem war der Raum knapp , eine Handbreit Leinwand mußte in die Mauer gelassen werden , und das Licht war ganz elend . Da machte die Kammer Schwierigkeiten mit der Bezahlung , in dem häßlichen Streit ergriff der Geometer Rüdiger , der längst schon ein leidenschaftlicher Anhänger Feuerbachs war , die Partei des Malers , und es kam so weit , daß er die Stadt mit dem Schwur verließ , nie mehr zurückzukehren . Seine Töchter aber hatten alle drei den Meister Anselm seit ihrer frühesten Jugend geliebt , wo er als Gast im Hause des Vaters geweilt hatte . » Freilich , wenn irgendein Mann liebenswert gewesen ist , so war er es , « endete Benda die Geschichte . » Willst du ihn sehen ? So komm . « Sie befanden sich in der Nähe des Johanniskirchhofs . Das Tor war noch offen , und Daniel folgte dem voranschreitenden Benda . Der wanderte eine Weile auf den schmalen Gräberpfaden , deutete stumm auf einen flachen Stein , auf welchem der Name Albrecht Dürers zu lesen war , und dann standen sie an Feuerbachs Grab . Eine schon geschwärzte Bronzeplatte zeigte den Kopf des Malers im Profil . Ein Lorbeerkranz lag darunter , dessen halb verwelkte Blätter im sachten Wind bebten . » Was für ein Leben hat der Mann geführt ! « sagte Benda leise ; » und was für einen Tod ist er gestorben ! Den Tod eines hinausgejagten Hundes . « Als sie gegen die Stadt gingen , dämmerte es . Daniel hatte den Hut vom Kopf genommen und schritt mit fernhin gerichtetem Blick an Bendas Seite . Dieser aber war aufgewühlt wie selten . » Ein deutsches Leben , ein deutscher Tod , « stieß er hervor . » Er streckt die Hand aus , um zu geben , und es wird ihm hineingespuckt . Er gibt und gibt und gibt , und sie nehmen , nehmen , nehmen , ohne Dank , ja , mit Hohn . Sie achten nur die Vetternschaft , sie verkuppeln das Mikroskop mit dem Katechismus und die Philosophie mit der Polizei . Ohne jeden Anstand , ohne humane Übereinkunft ; sie beschließen es , sie tun es . Es ist für mich kein Platz in Deutschland mehr . Ich gehe . « » Du gehst ? Wohin gehst du ? « fragte Daniel treuherzig erstaunt . Benda biß sich auf die Lippen und schwieg . Sie waren zur Füll gekommen . Als sie in Bendas Arbeitszimmer traten , brachte dieser einen mächtigen Atlas herbei , schlug die Karte von Afrika auf und deutete in die Mitte des Erdteils . » Siehst du die großen weißen Flecken hier ? Da ist weder Fluß noch Berg eingezeichnet . Es sind Gebiete , die noch keines Europäers Fuß betreten hat . Dorthin geh ich . « Er lächelte sanft . » Wirklich ? wann denn ? « fragte Daniel , voll Unbehagen darüber , daß er den Freund verlieren sollte . » Es ist noch unbestimmt , aber es wird sein . Dort habe ich zu tun . Ich brauche Luft , Erde , Himmel , das freie Tier und die freie Pflanze . « Auf der Schwelle des Zimmers erschien Bendas Mutter , eine ziemlich große , gebrechlich gehende Frau mit scharfen Zügen und tiefliegenden Augen . Sie schaute ihren Sohn an , sodann Daniel , zuletzt fielen ihre Blicke auf den Atlas und blieben darauf ruhen mit einem Ausdruck des Grauens und der Angst . Daniel wußte nichts mehr zu sagen , und Benda , immer still in sich hineinlächelnd , fing von andern Dingen zu sprechen an . 14 Beim Tode ihrer Mutter war Gertrud Jordan neun Jahre alt gewesen . In der Nacht war sie in das Sterbezimmer geschlichen und hatte drei Stunden am Lager der Toten zugebracht . Vielleicht war es seit jener Nacht , daß sie sich der Welt und den Menschen verschlossen hatte . Als sie von dannen ging , hob die Uhr zum Schlag aus , und in der Ferne krähte ein Hahn . Warum tickst du , Uhr ? fragte sie laut , warum krähst du , Hahn ? Und wieder : wer läßt dich ticken , Uhr , wer läßt dich krähen , Hahn ? Sie wuchs auf , und niemand wußte eigentlich etwas von ihr . Selbst ihr Vater konnte ihr nicht nahe kommen und wußte nicht , wie sie in ihrem Innern beschaffen war . Sie verkehrte nicht mit Altersgenossinnen . Ihr dunkler Blick erglühte zornig , wenn sie das sinnlich-sinnlose Gelächter der Mädchen vernahm . Bei der ersten Kommunion stürzte sie zusammen und wurde ohnmächtig weggetragen . Jordan brachte sie nach Pommersfelden zu seiner Schwester , der Bezirksarztenswitwe Kupferschmied . Nach einer Woche kehrte sie allein zurück und in zerrütteter Gemütsverfassung . Sie hatte zugesehen , wie ein Kalb geschlachtet worden war . Dieser Anblick hatte sie beinahe wahnsinnig gemacht . Von ihrem fünfzehnten Jahr an hatte sie es durchgesetzt , daß sie eine eigene Kammer zum Schlafen erhielt . Als sie sechzehn alt war , begehrte sie , daß die Magd entlassen werde , und nun kochte sie selbst und führte die Wirtschaft . War sie mit den häuslichen Arbeiten fertig , so setzte sie sich an ihren Stickrahmen . Benjamin Dorn war durch ihren Vater ins Haus gekommen . Daß Lenore sich über ihn lustig machte , nahm sie für ihn ein . Er erschien ihr nicht als Mann , er erinnerte sie an die schmächtigen Engel , die sie stickte . Er brachte ihr seine Traktate und Erbauungsschriften , aber sie verstand die Sprache nicht . Dann führte er sie zu den Zusammenkünften der Methodisten , aber die geräuschvolle Zerknirschung ängstigte sie , und nach wenigen Malen war sie nicht mehr zu bewegen , hinzugehen . Er empfahl ihr das Lesen der Bibel , aber sie vermochte auch in der Bibel nichts zu finden , was sie hätte beruhigen können . Ihr war es , als habe sie eine Wunde in ihrem Innern , die beständig blutete und sich niemals schloß . Als sie sich längst von Benjamin Dorn und seiner billigen Frömmigkeit abgewandt hatte , war dieser noch immer der Meinung , sie habe acht auf ihn und schaue zu ihm empor . Doch wußte sie es einzurichten , daß er nur selten mit ihr sprechen konnte . Der Gottesdienst in der protestantischen Kirche erschien ihr wie eine Versammlung von Händlern , die , anstatt wie an Wochentagen untereinander , an Sonntagen mit dem Himmel ein Geschäft abschließen . Sie vermißte die Würde , bei den Predigten wurde sie nicht warm , die Zeremonien stimmten sie nicht andächtig . Nirgends und von keinem Menschen vernahm sie ein nachhallendes , ein erleuchtendes Wort . Es war die Nüchternheit einer ganzen Zeit , die sie bis in die Adern hinein spürte , die Verflachung einer ganzen Welt . Und wenn sie ihr Herz wärmen wollte , wenn sie sich fürchtete vor der öden Luft und dem öden Tag , ging sie heimlich in die Frauenkirche oder in die Sankt Josephskirche , wo man den Raum Gottes feierlicher schmückte , wo viele Lichter angezündet waren , die Gebete geheimnisvoller klangen , der Priester ergriffener schien , der Andächtige schaudern konnte . Und doch haßte sie alles äußerlich Schöne , haßte sogar die schöne Natur als ein den Menschen zur Verlockung und zur Betörung Hingesetztes . Liebte auch nichts an ihrer eigenen Person , weder ihr Gesicht , noch ihre Stimme ; erschreckend war ihr die eigene tiefe Stimme ; weder ihre Haare , noch ihre Hände . An einem Winterabend warf sie einen goldenen Ring , der aus dem Nachlaß der Mutter stammte , und den ihr der Vater gegeben hatte , in den Brunnenschacht . Dann beugte sie sich hinüber und sah in die Finsternis hinab wie von einer Bürde befreit . Oftmals wollte Lenore der Schwester vertrauend nahen und fühlte sich immer zurückgestoßen . Wenn auch Gertrud wenig mit Menschen sprach , so gelangte doch alles Gerede zu ihr , das über Lenore ging ,