Dunkelheit . Dann sah ich : Schmale , steile Stufen liefen hinab in tiefste Finsternis . Ich stieg hinunter . Eine Zeitlang tastete ich mich mit den Händen die Mauern entlang , aber es wollte kein Ende nehmen : Nischen , feucht von Schimmel und Moder , - Windungen , Ecken und Winkel , - Gänge geradeaus , nach links und nach rechts , Reste einer alten Holztüre , Wegteilungen und dann wieder Stufen , Stufen , Stufen hinauf und hinab . Matter , erstickender Geruch nach Schwamm und Erde überall . Und noch immer kein Lichtstrahl . - Wenn ich nur Hillels Kerze mitgenommen hätte ! Endlich flacher , ebener Weg . Aus dem Knirschen unter meinen Füßen schloß ich , daß ich auf trockenem Sand dahinschritt . Es konnte nur einer jener zahllosen Gänge sein , die scheinbar ohne Zweck und Ziel unter dem Ghetto hinführen bis zum Fluß . Ich wunderte mich nicht : die halbe Stadt stand doch seit unvordenklichen Zeiten auf solchen unterirdischen Läuften , und die Bewohner Prags hatten von jeher triftigen Grund , das Tageslicht zu scheuen . Das Fehlen jeglichen Geräusches zu meinen Häupten sagte mir , daß ich mich immer noch in der Gegend des Judenviertels , das nachts wie ausgestorben ist , befinden mußte , obwohl ich schon eine Ewigkeit gewandert war . Belebtere Straßen oder Plätze über mir hätten sich durch fernes Wagenrasseln verraten . Eine Sekunde lang würgte mich die Furcht : was , wenn ich im Kreise herumging ! ? In ein Loch stürzte , mich verletzte , ein Bein brach und nicht mehr weiter gehen konnte ? ! Was geschah dann mit ihren Briefen in meiner Kammer ? Sie mußten unfehlbar Wassertrum in die Hände fallen . Der Gedanke an Schemajah Hillel , mit dem ich vag den Begriff eines Helfers und Führers verknüpfte , beruhigte mich unwillkürlich . Vorsichtshalber ging ich aber doch langsamer und tastenden Schrittes und hielt den Arm in die Höhe , um nicht unversehens mit dem Kopf anzurennen , falls der Gang niedriger würde . Von Zeit zu Zeit , dann immer öfter stieß ich oben mit der Hand an , und endlich senkte sich das Gestein so tief herab , daß ich mich bücken mußte , um durchzukommen . Pötzlich fuhr ich mit dem erhobenen Arm in einen leeren Raum . Ich blieb stehen und starrte hinauf . Nach und nach schien es mir , als falle von der Decke ein leiser , kaum merklicher Schimmer von Licht . Mündete hier ein Schacht , vielleicht aus irgendeinem Keller herunter ? Ich richtete mich auf und tastete mit beiden Händen in Kopfeshöhe um mich herum : die Öffnung war genau viereckig und ausgemauert . Allmählich konnte ich darin als Abschluß die schattenhaften Umrisse eines wagerechten Kreuzes unterscheiden , und endlich gelang es mir , seine Stäbe zu erfassen , mich daran emporzuziehen und hindurchzuzwängen . Ich stand jetzt auf dem Kreuz und orientierte mich . Offenbar endeten hier die Überbleibsel einer eisernen Wendeltreppe , wenn mich das Gefühl meiner Finger nicht täuschte ? Lang , unsagbar lang mußte ich tappen , bis ich die zweite Stufe finden konnte , dann klomm ich empor . Es waren im ganzen acht Stufen . Eine jede fast in Manneshöhe über der andern . Sonderbar : die Treppe stieß oben gegen eine Art horizontalen Getäfels , das aus regelmäßigen , sich schneidenden Linien den Lichtschein herabschimmern ließ , den ich schon weiter unten im Gang bemerkt hatte ! Ich duckte mich , so tief ich konnte , um aus etwas weiterer Entfernung besser unterscheiden zu können , wie die Linien verliefen , und sah zu meinem Erstaunen , daß sie genau die Form eines Sechsecks , wie man es auf den Synagogen findet , bildeten . Was mochte das nur sein ? Plötzlich kam ich dahinter : es war eine Falltür , die an den Kanten Licht durchließ ! Eine Falltür aus Holz in Gestalt eines Sternes . Ich stemmte mich mit den Schultern gegen die Platte , drückte sie aufwärts und stand im nächsten Moment in einem Gemach , das von grellem Mondschein erfüllt war . Es war ziemlich klein , vollständig leer bis auf einen Haufen Gerumpel in der Ecke und hatte nur ein einziges , stark vergittertes Fenster . Eine Türe oder sonst einen Zugang mit Ausnahme dessen , den ich soeben benützt , vermochte ich nicht zu entdecken , so genau ich auch die Mauern immer wieder von neuem absuchte . Die Gitterstäbe des Fensters standen zu eng , als daß ich den Kopf hätte durchstecken können , so viel aber sah ich : Das Zimmer befand sich ungefähr in der Höhe eines dritten Stockwerks , denn die Häuser gegenüber hatten nur zwei Etagen und lagen wesentlich tiefer . Das eine Ufer der Straße unten war für mich noch knapp sichtbar , aber infolge des blendenden Mondlichts , das mir voll ins Gesicht schien , in tiefe Schlagschatten getaucht , die es mir unmöglich machten , Einzelheiten zu unterscheiden . Zum Judenviertel mußte die Gasse unbedingt gehören , denn die Fenster drüben waren sämtlich vermauert oder aus Simsen im Bau angedeutet , und nur im Ghetto kehren die Häuser einander so seltsam den Rücken . Vergebens quälte ich mich ab herauszubringen was das wohl für ein sonderbares Bauwerk sein mochte , in dem ich mich befand . Sollte es vielleicht ein aufgelassenes Seitentürmchen der griechischen Kirche sein ? Oder gehörte es irgendwie zur Altneusynagoge ? Die Umgebung stimmte nicht . Wieder sah ich mich im Zimmer um : nichts , was mir auch nur den kleinsten Aufschluß gegeben hätte . - Die Wände und die Decke waren kahl , Bewurf und Kalk längst abgefallen und weder Nagellöcher , noch Nägel , die verraten hätten , daß der Raum einst bewohnt gewesen . Der Boden lag fußhoch bedeckt mit Staub , als hätte ihn seit Jahrzehnten kein lebendes Wesen betreten . Das Gerümpel in der Ecke zu durchsuchen , ekelte ich mich . Es lag in tiefer Finsternis , und ich konnte nicht unterscheiden , woraus es bestand . Dem äußeren Eindruck nach schienen es Lumpen zu einem Knäuel geballt . Oder waren es ein paar alte , schwarze Handkoffer ? Ich tastete mit dem Fuß hin , und es gelang mir , mit dem Absatz einen Teil davon in die Nähe des Lichtstreifens zu ziehen , den der Mond quer übers Zimmer warf . Es schien wie ein breites , dunkles Band , das sich da langsam aufrollte . Ein blitzender Punkt wie ein Auge ! Ein Metallknopf vielleicht ? Allmählich wurde mir klar : ein Ärmel von sonderbarem , altmodischem Schnitt hing da aus dem Bündel heraus . Und eine kleine weiße Schachtel , oder dergleichen lag darunter , lockerte sich unter meinem Fuß und zerfiel in eine Menge fleckiger Schichten . Ich gab ihr einen leichten Stoß : Ein Blatt flog ins Helle . Ein Bild ? Ich bückte mich : ein Pagad ! Was mir eine weiße Schachtel geschienen , war ein Tarokspiel . Ich hob es auf . Konnte es etwas Lächerlicheres geben : Ein Kartenspiel hier an diesem gespenstischen Ort ! Merkwürdig , daß ich mich zum Lächeln zwingen mußte . Ein leises Gefühl von Grauen beschlich mich . Ich suchte nach einer banalen Erklärung , wie die Karten wohl hierhergekommen sein könnten , und zählte dabei mechanisch das Spiel . Es war vollständig : 78 Stück . Aber schon während des Zählens fiel mir etwas auf : Die Blätter waren wie aus Eis . Eine lähmende Kälte ging von ihnen aus , und wie ich das Paket geschlossen in der Hand hielt , konnte ich es kaum mehr loslassen : so erstarrt waren meine Finger . Wieder haschte ich nach einer nüchternen Erklärung : Mein dünner Anzug , die lange Wanderung ohne Mantel und Hut in den unterirdischen Gängen , die grimmige Winternacht , die Steinwände , der entsetzliche Frost , der mit dem Mondlicht durchs Fenster hereinfloß : - sonderbar genug , daß ich erst jetzt anfing zu frieren . Die Erregung , in der ich mich die ganze Zeit befunden , mußte mich darüber hinweggetäuscht haben . - Ein Schauer nach dem andern jagte mir über die Haut . Schicht um Schicht drangen sie tiefer , immer tiefer in meinen Körper ein . Ich fühlte mein Skelett zu Eis werden und wurde mir jedes einzelnen Knochens bewußt wie kalter Metallstangen , an denen mir das Fleisch festfror . Kein Umherlaufen half , kein Stampfen mit den Füßen und nicht das Schlagen mit den Armen . Ich biß die Zähne zusammen , um ihr Klappern nicht zu hören . Das ist der Tod , sagte ich mir , der dir die kalten Hände auf den Scheitel legt . Und ich wehrte mich wie ein Rasender gegen den betäubenden Schlaf des Erfrierens , der , wollig und erstickend , mich wie mit einem Mantel einhüllen kam . Die Briefe , in meiner Kammer , - ihre Briefe ! brüllte es in mir auf : man wird sie finden , wenn ich hier sterbe . Und sie hofft auf mich ! Hat ihre Rettung in meine Hände gelegt ! - Hilfe ! - Hilfe ! - Hilfe ! - Und ich schrie durch das Fenstergitter hinunter auf die öde Gasse , daß es widerhallte : Hilfe , Hilfe , Hilfe ! Warf mich zu Boden und sprang wieder auf . Ich durfte nicht sterben , durfte nicht ! ihretwegen , nur ihretwegen ! Und wenn ich Funken aus meinen Knochen schlagen sollte , um mich zu erwärmen . Da fiel mein Blick auf die Lumpen in der Ecke , und ich stürzte darauf zu und zog sie mit schlotternden Händen über meine Kleider . Es war ein zerschlissener Anzug aus dickem , dunklem Tuch von uraltmodischem , seltsamem Schnitt . Ein Geruch nach Moder ging von ihm aus . Dann kauerte ich mich in dem gegenüberliegenden Mauerwinkel zusammen und spürte meine Haut langsam , langsam wärmer werden . Nur das schauerliche Gefühl des eigenen , eisigen Gerippes in mir wollte nicht weichen . Regungslos saß ich da und ließ meine Augen wandern : die Karte , die ich zuerst gesehen , - der Pagad , - lag noch immer inmitten des Zimmers in dem Lichtstreifen . Unverwandt mußte ich sie anstarren . Sie schien , soweit ich auf die Entfernung hin erkennen konnte , in Wasserfarben ungeschickt von Kinderhand gemalt , und stellte den hebräischen Buchstaben Aleph dar , in Form eines Mannes , altfränkisch gekleidet , den grauen Spitzbart kurz geschnitten und den linken Arm erhoben , während der andere abwärts deutete . Hatte das Gesicht des Mannes nicht eine seltsame Ähnlichkeit mit meinem , dämmerte mir ein Verdacht auf ? - Der Bart - er paßte so gar nicht zu einem Pagad , - - ich kroch auf die Karte zu und warf sie in die Ecke zu dem Rest des Gerümpels , um den quälenden Anblick los zu sein . Dort lag sie jetzt und schimmerte - ein grauweißer , unbestimmter Fleck - zu mir herüber aus dem Dunkel . Mit Gewalt zwang ich mich zu überlegen , was ich zu beginnen hätte , um wieder in meine Wohnung zu kommen : Den Morgen abwarten ! Unten die Vorübergehenden vom Fenster aus anrufen , damit sie mir von außen mit einer Leiter Kerzen oder eine Laterne heraufbrächten ! - Ohne Licht die endlosen , sich ewig kreuzenden Gänge zurückzufinden , würde mir nie gelingen , empfand ich als beklemmende Gewißheit . - Oder , falls das Fenster zu hoch läge , daß sich jemand vom Dach mit einem Strick - - ? Gott im Himmel , wie ein Blitzstrahl durchfuhr es mich : jetzt wußte ich , wo ich war : Ein Zimmer ohne Zugang - nur mit einem vergitterten Fenster - das altertümliche Haus in der Altschulgasse , das jeder mied ! - schon einmal vor vielen Jahren hatte sich ein Mensch an einem Strick vom Dach herabgelassen , um durchs Fenster zu schauen , und der Strick war gerissen und - Ja : ich war in dem Haus , in dem der gespenstische Golem jedesmal verschwand ! Ein tiefes Grauen , gegen das ich mich vergeblich wehrte , das ich nicht einmal mehr durch die Erinnerung an die Briefe niederkämpfen konnte , lähmte jedes Weiterdenken und mein Herz fing an , sich zu krampfen . Hastig sagte ich mir vor mit steifen Lippen , es sei nur der Wind , der da so eisig aus der Ecke herüberwehte , sagte es mir vor , schneller und schneller , mit pfeifendem Atem - es half nicht mehr : dort drüben der weißliche Fleck - die Karte - sie quoll auf zu blasigem Klumpen , tastete sich hin zum Rande des Mondstreifens und kroch wieder zurück in die Finsternis . - Tropfende Laute - halb gedacht , geahnt , halb wirklich - im Raum und doch außerhalb um mich herum und doch anderswo , - tief im eigenen Herzen und wieder mitten im Zimmer - erwachten : Geräusche , wie wenn ein Zirkel fällt und mit der Spitze im Holz stecken bleibt ! Immer wieder : Der weißliche Fleck - - - der weißliche Fleck - - ! Eine Karte , eine erbärmliche , dumme , alberne Spielkarte ist es , schrie ich mir ins Hirn hinein - - - umsonst - - jetzt hat er sich dennoch - dennoch Gestalt erzwungen - der Pagad - und hockt in der Ecke und stiert herüber zu mir mit meinem eigenen Gesicht . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Stunden und Stunden kauerte ich da - unbeweglich - in meinem Winkel , ein frosterstarrtes Gerippe in fremden , modrigen Kleidern ! - Und er drüben : ich selbst . Stumm und regungslos . So starrten wir uns in die Augen - einer das gräßliche Spiegelbild des andern . - - - - - - - - - - - - - Ob er es auch sieht , wie sich die Mondstrahlen mit schneckenhafter Trägheit über den Boden hinsaugen und wie Zeiger eines unsichtbaren Uhrwerks in der Unendlichkeit die Wand emporkriechen und fahler und fahler werden ? - Ich bannte ihn fest mit meinem Blick und es half ihm nichts , daß er sich auflösen wollte in dem Morgendämmerschein , der ihm vom Fenster her zu Hilfe kam . Ich hielt ihn fest . Schritt vor Schritt habe ich mit ihm gerungen um mein Leben - um das Leben , das mein ist , weil es nicht mehr mir gehört . - - - - - - - - - - - - - - - - Und wie er kleiner und kleiner wurde und sich bei Tagesgrauen wieder in sein Kartenblatt verkroch , da stand ich auf , ging hinüber zu ihm und steckte ihn in die Tasche - den Pagad . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Immer noch war die Gasse unten öd und menschenleer . Ich durchstöberte die Zimmerecke , die jetzt im stumpfen Morgenlichte lag : Scherben , dort eine rostige Pfanne , morsche Fetzen , ein Flaschenhals . Tote Dinge und doch so merkwürdig bekannt . Und auch die Mauern - wie die Risse und Sprünge dann deutlich wurden ! - wo hatte ich sie nur gesehen ? Ich nahm das Kartenpäckchen zur Hand - es dämmerte mir auf : hatte ich die nicht einst selbst bemalt ? Als Kind ? Vor langer , langer Zeit ? Es war ein uraltes Tarokspiel . Mit hebräischen Zeichen . - Nummer 12 muß der » Gehenkte « sein , überkam ' s mich wie halbe Erinnerung . - Mit dem Kopf abwärts ? Die Arme auf dem Rücken ? - Ich blätterte nach : Da ! Da war er . Dann wieder , halb Traum , halb Gewißheit , tauchte ein Bild vor mir auf : Ein geschwärztes Schulhaus , bucklig , schief , ein mürrisches Hexengebäude , die linke Schulter hochgezogen , die andere mit einem Nebenhaus verwachsen . - - - Wir sind mehrere halbwüchsige Jungen - ein verlassener Keller ist irgendwo - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Dann sah ich an meinem Körper herab und wurde wieder irre : Der altmodische Anzug war mir völlig fremd . - - - Der Lärm eines holpernden Karrens schreckte mich auf , doch als ich hinabblickte : Keine Menschenseele . Nur ein Fleischerhund stand versonnen an einem Eckstein . Da ! Endlich ! Stimmen ! menschliche Stimmen ! Zwei alte Weiber kamen langsam die Straße dahergetrottet , und ich zwängte den Kopf halb durch das Gitter und rief sie an . Mit offenem Mund glotzten sie in die Höhe und berieten sich . Aber als sie mich sahen , stießen sie ein gellendes Geschrei aus und liefen davon . Sie haben mich für den Golem gehalten , begriff ich . Und ich erwartete , daß ein Zusammenlauf von Menschen entstehen würde , denen ich mich verständlich machen könnte , aber wohl eine Stunde verging , und nur hie und da spähte unten vorsichtig ein blasses Gesicht herauf zu mir , um sofort in Todesschreck wieder zurückzufahren . Sollte ich warten , bis vielleicht nach Stunden oder gar erst morgen Polizisten kamen - die Staatsfalotten , wie Zwakh sie zu nennen pflegte ? Nein , lieber wollte ich einen Versuch machen , die unterirdischen Gänge ein Stück weit auf ihre Richtung hin zu untersuchen . Vielleicht fiel jetzt bei Tag durch Ritzen im Gestein eine Spur von Licht hinab ? Ich kletterte die Leiter hinunter , setzte den Weg , den ich gestern gekommen war , fort - über ganze Halden zerbrochener Ziegelsteine und durch versunkene Keller - erklomm eine Treppenruine und stand plötzlich - - im Hausflur des schwarzen Schulhauses , das ich vorhin wie im Traum gesehen . Sofort stürzte eine Flutwelle von Erinnerungen auf mich ein : Bänke , bespritzt mit Tinte von oben bis unten , Rechenhefte , plärrender Gesang , ein Junge , der Maikäfer in der Klasse losläßt , Lesebücher mit zerquetschten Butterbroten darin und der Geruch nach Orangenschalen . Jetzt wußte ich mit Gewißheit : Ich war einst als Knabe hier gewesen . - Aber ich ließ mir keine Zeit nachzudenken und eilte heim . Der erste Mensch , der mir in der Salnitergasse begegnete , war ein verwachsener alter Jude mit weißen Schläfenlocken . Kaum hatte er mich erblickt , bedeckte er sein Gesicht mit den Händen und heulte laut hebräische Gebete herunter . Auf den Lärm hin mußten wahrscheinlich viele Leute aus ihren Höhlen gestürzt sein , denn es brach ein unbeschreibliches Gezeter hinter mir los . Ich drehte mich um und sah ein wimmelndes Heer totenblasser , entsetzenverzerrter Gesichter sich mir nachwälzen . Erstaunt blickte ich an mir herunter und verstand : - ich trug noch immer die seltsam mittelalterlichen Kleider von nachts her über meinem Anzug , und die Leute glaubten , den » Golem « vor sich zu haben . Rasch lief ich um die Ecke hinter ein Haustor und riß mir die modrigen Fetzen vom Leibe . Gleich darauf raste die Menge mit geschwungenen Stöcken und geifernden Mäulern schreiend an mir vorüber . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Licht Einige Male im Laufe des Tages hatte ich an Hillels Türe geklopft ; - es ließ mir keine Ruhe : ich mußte ihn sprechen und fragen , was alle diese seltsamen Erlebnisse bedeuteten ; aber immer hieß es , er sei noch nicht zu Hause . Sowie er heimkäme vom jüdischen Rathaus , wollte mich seine Tochter sofort verständigen . - Ein sonderbares Mädchen übrigens , diese Mirjam ! Ein Typus , wie ich ihn noch nie gesehen . Eine Schönheit , so fremdartig , daß man sie im ersten Moment gar nicht fassen kann , - eine Schönheit , die einen stumm macht , wenn man sie ansieht , und ein unerklärliches Gefühl , so etwas , wie leise Mutlosigkeit in einem erweckt . Nach Proportionsgesetzen , die seit Jahrtausenden verloren gegangen sein müssen , ist dieses Gesicht geformt , grübelte ich mir zurecht , wie ich es so im Geiste wieder vor mir sah . Und ich dachte nach , welchen Edelstein ich wählen müßte , um es als Gemme festzuhalten und dabei den künstlerischen Ausdruck richtig zu wahren : Schon an dem rein Äußerlichen ; dem blauschwarzen Glanz des Haares und der Augen , der alles übertraf , worauf ich auch riet , scheiterte es . - Wie erst die unirdische Schmalheit des Gesichtes sinn- und visionsgemäß in eine Kamee bannen , ohne sich in die stumpfsinnige Ähnlichkeitsmacherei der kanonischen » Kunst « richtung festzurennen ! Nur durch ein Mosaik ließ es sich lösen , erkannte ich klar , aber was für Material wählen ? Ein Menschenleben gehörte dazu , das passende zusammen zu finden . - - Wo nur Hillel blieb ! Ich sehnte mich nach ihm wie nach einem lieben , alten Freunde . Merkwürdig , wie er mir in den wenigen Tagen - und ich hatte ihn doch , genaugenommen , nur ein einziges Mal im Leben gesprochen , - ins Herz gewachsen war . Ja , richtig : die Briefe - ihre Briefe wollte ich doch besser verstecken . Zu meiner Beruhigung , falls ich wieder einmal länger von zu Hause fort sein sollte . Ich nahm sie aus der Truhe : - in der Kassette würden sie sicherer aufbewahrt sein . Eine Photographie glitt zwischen den Briefen heraus . Ich wollte nicht hinschauen , aber es war zu spät . Den Brokatstoff um die bloßen Schultern gelegt - so wie ich sie das erste Mal gesehen , als sie in mein Zimmer flüchtete aus Saviolis Atelier - blickte sie mir in die Augen . Ein wahnsinniger Schmerz bohrte sich in mich ein . Ich las die Widmung unter dem Bilde , ohne die Worte zu erfassen , und den Namen : Deine Angelina . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Angelina ! ! ! Wie ich den Namen aussprach , zerriß der Vorhang , der meine Jugendjahre vor mir verbarg , von oben bis unten . Vor Jammer glaubte ich zusammenbrechen zu müssen . Ich krallte die Finger in die Luft und winselte , - biß mich in die Hand : - - nur wieder blind sein , Gott im Himmel , - den Scheintot weiterleben , wie bisher , flehte ich . Das Weh stieg mir in den Mund . - Quoll . - Schmeckte seltsam süß , - wie Blut . - - Angelina ! ! - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Der Name kreiste in meinen Adern und wurde - zu unerträglicher gespenstischer Liebkosung . Mit einem gewaltsamen Ruck riß ich mich zusammen und zwang mich - mit knirschenden Zähnen - das Bild anzustarren , bis ich langsam Herr darüber wurde ! Herr darüber ! Wie heute nacht über das Kartenblatt . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Endlich : Schritte ! Männertritte . Er kam ! Voll Jubel eilte ich zur Tür und riß sie auf . Schemajah Hillel stand Straußen und hinter ihm - ich machte mir leise Vorwürfe , daß ich es als Enttäuschung empfand - mit roten Bäckchen und runden Kinderaugen : der alte Zwakh . » Wie ich zu meiner Freude sehe , sind Sie wohlauf , Meister Pernath « , fing Hillel an . Ein kaltes » Sie « ? Frost . Schneidender , ertötender Frost lag plötzlich im Zimmer . Betäubt , mit halbem Ohr , hörte ich hin , was Zwakh , atemlos vor Aufregung , auf mich losplapperte : » Wissen Sie schon , der Golem geht wieder um ? Neulich erst sprachen wir davon , wissen Sie noch , Pernath ? Die ganze Judenstadt ist auf . Vrieslander hat ihn selbst gesehen , den Golem . Und wieder hat es , wie immer , mit einem Mord begonnen « - Ich horchte erstaunt auf : Ein Mord ? Zwakh schüttelte mich : » Ja , wissen Sie denn von gar nichts , Pernath ? Unten hängt doch großmächtig ein Polizeiaufruf an den Ecken : den dicken Zottmann , den Freimaurer - na , ich meine doch den Lebensversicherungsdirektor Zottmann , - soll man ermordet haben . Der Loisa - hier im Haus - ist bereits verhaftet . Und die rote Rosina : spurlos verschwunden . - Der Golem - der Golem - es ist ja haarsträubend . « Ich gab keine Antwort und suchte in Hillels Augen : warum blickte er mich so unverwandt an ? Ein verhaltenes Lächeln zuckte plötzlich um seine Mundwinkel . Ich verstand . Es galt mir . Am liebsten wäre ich ihm um den Hals gefallen vor jauchzender Freude . Außer mir in meinem Entzücken , lief ich planlos im Zimmer umher . Was zuerst bringen ? Gläser ? Eine Flasche Burgunder ? ( Ich hatte doch nur eine . ) Zigarren ? - Endlich fand ich Worte : » Aber warum setzt ihr euch denn nicht ! ? « - Rasch schob ich meinen beiden Freunden Sessel unter . - - - Zwakh fing an , sich zu ärgern : » Warum lächeln Sie denn immerwährend , Hillel ? Glauben Sie vielleicht nicht , daß der Golem spukt ? Mir scheint . Sie glauben überhaupt nicht an den Golem ? « » Ich würde nicht an ihn glauben , selbst wenn ich ihn hier im Zimmer vor mir sähe « , antwortete Hillel gelassen mit einem Blick auf mich . - Ich verstand den Doppelsinn , der aus seinen Worten klang . Zwakh hielt erstaunt im Trinken inne : » Das Zeugnis von hunderten Menschen gilt Ihnen nichts , Hillel ? - Aber warten Sie nur , Hillel , denken Sie an meine Worte : Mord auf Mord wird es jetzt in der Judenstadt geben ! Ich kenne das . Der Golem zieht eine unheimliche Gefolgschaft hinter sich her . « » Die Häufung gleichartiger Ereignisse ist nichts Wunderbares « , erwiderte Hillel . Er sprach im Gehen , trat ans Fenster und blickte durch die Scheiben hinab auf den Trödlerladen - » Wenn der Tauwind weht , rührt sich ' s in den Wurzeln . In den süßen wie , in den giftigen . « Zwakh zwinkerte mir lustig zu und deutete mit dem Kopf nach Hillel . » Wenn der Rabbi nur reden wollte , der könnte uns Dinge erzählen , daß einem die Haare zu Berge stünden « , warf er halblaut hin . Schemajah drehte sich um . » Ich bin nicht Rabbi , wenn ich auch den Titel tragen darf . Ich bin nur ein armseliger Archivar im jüdischen Rathaus und führe die Register über die Lebendigen und die Toten . « Eine verborgene Bedeutung lag in seiner Rede , fühlte ich . Auch der Marionettenspieler schien es unterbewußt zu empfinden , - er wurde still , und eine Zeitlang sprach keiner von uns ein Wort . » Hören Sie mal , Rabbi - , verzeihen Sie : Herr Hillel , wollte ich sagen « , - fing Zwakh nach einer Weile wieder an , und seine Stimme klang auffallend ernst , » ich wollte Sie schon lange etwas fragen . Sie brauchen mir ja nicht drauf zu antworten , wenn Sie nicht mögen , oder nicht dürfen - - - « Schemajah trat an den Tisch und spielte mit dem Weinglas - er trank nicht ; vielleicht verbot es ihm das jüdische Ritual . » Fragen Sie ruhig , Herr Zwakh . « » - - Wissen Sie etwas über die jüdische Geheimlehre , die Kabbala , Hillel ? « » Nur wenig . « » Ich habe gehört , es soll ein Dokument geben , aus dem man die Kabbala lernen kann : den Sohar - - « » Ja , den Sohar - das Buch des Glanzes . « » Sehen Sie , da hat man ' s « , schimpfte Zwakh los . » Ist es nicht eine himmelschreiende Ungerechtigkeit , daß eine Schrift , die angeblich die Schlüssel zum Verständnis der Bibel und zur Glückseligkeit enthält - « Hillel unterbrach ihn : » - nur einige Schlüssel . « » Gut , immerhin einige ! - also , daß diese Schrift infolge ihres hohen Wertes und ihrer Seltenheit wieder nur den Reichen zugänglich ist ? In einem einzigen Exemplar , das noch dazu im Londoner Museum steckt , wie ich mir habe erzählen lassen ? Und überdies chaldäisch , aramäisch , hebräisch - oder was weiß ich wie - geschrieben ? - Habe ich zum Beispiel je im Leben Gelegenheit gehabt , diese Sprachen zu lernen oder nach London zu kommen ? « » Haben Sie denn alle Ihre Wünsche so heiß auf dieses Ziel gerichtet ? « fragte Hillel mit leisem Spott . » Offen gestanden - nein « , gab Zwakh einigermaßen verwirrt zu