Erdbeeren stand zwischen den anderen Schüsseln auf dem runden Tisch . Sie schob sie dem Gaste zu : » Nehmen Sie , bis morgen sind sie welk . Sie waren für ihn bestimmt . Die ersten ! « Zwei große Tränen rollten über ihre Wangen . Konrad griff nach ihrer Hand und führte sie an die Lippen : » Else , liebe Else ! « flüsterte er . Mit einer mütterlichen Bewegung strich sie ihm die Haare aus der Stirn : » Großes Kind ! « Dann saßen sie vor dem Ofen , dessen Feuer sie rasch noch einmal entzündet hatte , denn sie fror trotz der Frühlingsluft . » Das ist : die freie Ehe , « begann sie leise und schwieg wieder . » Sie sind allein - zu viel allein , « meinte er . Ein verlorenes Lächeln spielte um ihren blassen Mund : » Eheleute , meinen Sie wohl , müßten immer beieinander sein ? ! Daß die Ehe sie dazu zwingt , ist ihr Fluch . Ich glaube , aneinandergekettete Sklaven müssen sich schließlich hassen , selbst wenn sie die zärtlichsten Brüder gewesen waren . Auch ich will frei sein , wie ich seine Freiheit achtete , nur , « ganz vergrämt sah sie in die spielenden Flammen , um erst nach sekundenlangem Verstummen aufs neue fortzufahren : » Sie kennen seine Grundsätze - er hat keine , die er nicht lebte , die das Leben ihm nicht zuerst diktiert hätte . Er liebt mich , er kann nicht los von mir . Er kommt immer wieder zu mir zurück - immer wieder - seit Jahren . Vielleicht hat er recht - in allem ! Mein Verstand sagt ja . Aber mein Herz wird niemals aufhören , nein zu sagen , nein ! « » Sie glauben auch an die - andere Treue ? « frug er . Wie seltsam ihm zumute war : Die dunkle Nacht , das dämmrige Zimmer , allein mit dem Mädchen , die im Schein der kleinen verhängten Lampe vor ihm saß , ein süßes Traumbild . Nur auf ihren Händen , den kleinen weichen Händen , deren Berührung auf seinem Haar er noch spürte , lag das volle Licht . » Glauben ? Wie sollte ich ? « spottete sie wehmütig . » Ich weiß nur , daß ich sie halten muß , daß Liebe Eins ist für mich , vielleicht für alle Frauen . Das ist ja gerade das Gräßliche , über das ich nie hinweg kann : ist sie wirklich beim Manne zwiespältig , ist für ihn ein Spiel , eine Befriedigung flüchtigen Begehrens , was für uns Gipfel ist und Erfüllung , dann gibt es nur den Kampf und nie die glückliche Einheit der Geschlechter . « » Ich möchte glauben , « meinte er in Erinnerung an seine Kämpfe , seine Niederlage und seinen Sieg , dunkel errötend , » daß wir uns zu Ihrer Auffassung erziehen könnten und - müßten . « Sie sah auf , neuen Glanz in den Augen : » Und das sagt ein Mann wie Sie , in der Blüte der Jugend ! « Nun stockte sie wieder . In ihm tobte es von den widerstreitendsten Gefühlen : wie ein Bruder hätte er sie an sich ziehen , mit linden Worten um ihres Leidens willen trösten mögen , wie ein Liebender wünschte er sehnsüchtig ihr Stirn und Hände - die schönen , schönen Hände ! - zu küssen , ach , und wie ein Kind verlangte er danach , den Kopf in ihrem Schoß , alles sagen zu dürfen , was er litt ! Er streckte die Hände aus , die gewölbten Handflächen nach oben , wie ein Bettler : » Wenn Sie mich ein wenig lieb haben könnten ! « Sie schüttelte den Kopf : » Mit ein wenig Liebe sollten Sie sich nie begnügen . Ganz und groß muß sie sein ; dann ist sie , selbst , wenn sie ins tiefste Elend führt , doch immer Glück - das einzige Glück gewesen ! Manchmal , wie vorher , bin ich schwach - weibisch ; vergessen Sie ' s bitte ! Selbst wenn er - nicht wiederkäme , bin ich doch reich , überreich gewesen . « Er sah sie an , Müdigkeit und Trauer auf dem jungen Gesicht : » Sie fühlen es doppelt gegenüber meiner Armut . « » Erlebe die Liebe , selbst wenn du vorher weißt , daß du an ihr zugrunde gehst - möchte ich jedem sagen . Und wenn ich es sage , ich , die sich nicht einmal , sondern hundertmal kreuzigen läßt - « ihre Augen umdunkelten sich , von Leid überschattet - » so muß es wohl wahr sein . Wäre die Liebe nur Glück , sie wäre wenig . Aber sie ist Erlösung , Menschwerdung , ist Sonne , die alle geschlossenen Blüten wach küßt , ist Regen , der alle verborgenen Keime zum Sprießen bringt , Gewittersturm , unter dem die verschmachtete Erde zu neuem Leben erwacht . In ihr findet alle Unruhe Gleichmaß , alle Sehnsucht Erfüllung . Gott ist die Liebe , sagen die Frommen und wissen nicht , was sie tun , wenn sie den verdammen , der da sagt : Die Liebe ist Gott . « Sie war aufgestanden , leuchtend in der eigenen Begeisterung . » Daß ich ein Weib wie Sie zu finden vermöchte , « rief Konrad hingerissen . Ein Schatten flog über ihr Gesicht : » Einmal stand einer vor mir , wie Sie : jung und schön und gut , « murmelte Else nachdenklich , » und Pawlowitsch sagte zu mir : beglücke ihn . Ich weinte drei Tage lang vor Verzweiflung - « » Und der Jüngling ? « » Nahm eine Kokotte . « Sie schwiegen beide . In die Stille hinein schlug die Uhr . » Sie müssen gehen , sonst büßen Sie die Nachtwache mit einem müden Tag , « sagte das Mädchen ; » aber vorher will ich Ihnen etwas zeigen - mein Geheimnis . « Sie führte ihn ins Nebenzimmer . Da lagen auf Tischen und Stühlen viele Puppen mit runden Kindergesichtern , von denen keines dem anderen glich ; vom stupsnasigen Bauernbübchen bis zum bläßlichen Stadtschulmädchen schienen alle Physiognomien vertreten . Else machte eine wegwerfende Bewegung : » Das ist nichts . Mittel zum Erwerb , « und auf seinen fragenden Blick , » wir müssen leben - alle beide - und er hat keine Ahnung vom Geldverdienen , desto mehr aber vom Ausgeben . Als ich anfing , tat ich ' s aus Herzensdrang ; ich arbeitete für mein Kind , gab den Puppen Gesichter , wie ich sie mir für mein Mädel oder meinen Jungen erträumte , dann - « sie brach ab und trat vor einen großen Glasschrank , den sie öffnete , » jetzt ist mein Geheimnis hier . « Mit mattblauem Samt waren Wände und Regale ausgeschlagen , von denen die hellen Figuren davor sich duftig abhoben . Waren es Puppen , Elfen , verzauberte Märchengestalten ? Sie trugen Kleider von Brokat und vergilbter Seide und Spinnwebentüll ; Schleier und Kronen , Blumenkränze und Nonnenhauben auf dem flachsgelben Seidenhaar ; ihre Gesichter waren blaß , kränklich , übernächtig , mit großen stummen Augen und mattrosa Lippen ; ihre mageren Arme liefen in langfingrige Hände aus - solche Hände , die nichts mehr halten können , so schwach sind sie - und ihre Beine waren schlank und dünn in den Fesseln , daß Generationen von Königen nötig gewesen sein mußten , um diese Feinheit hervorzubringen . Nie hätten diese Frauen Mütter , diese Männer Krieger sein können . Sie waren nur schön , von letzter , vergeistigter Schönheit . Mitten unter ihnen , als wäre sie die Herrscherin , saß auf hochlehnigem Stuhl ein Prinzeßchen in kurzem Spitzenkleid , goldbraune üppige Locken , von zartem Perlenkrönchen geschmückt , umrahmten das Gesicht , das noch blasser , noch schmaler war als das der anderen , und die Beinchen waren auch viel , viel dünner als die der Könige und Königinnen ringsum ; das Prinzeßchen war viel zu vornehm , um ihre Füße mit der rauhen Erde in Berührung bringen zu können ; sie war die letzte Blüte des alten Stammes . Konrads Blick blieb allein an ihr hängen . Vorsichtig nahm er sie in die Hand , drehte und wendete sie sanft wie etwas sehr Liebes . » Gina ! « flüsterte er selbstvergessen . Dann erst entsann er sich der Schöpferin dieser Traumwelt . Mit einem Blick , der Frage und Staunen und Bewunderung zugleich ausdrückte , sah er sie an . » Muß nicht jeder Mensch , wenn er nicht verarmen will , sich auf diesem allzu hellen , allzu lauten Planeten einen Winkel schaffen , in dem seine verfolgte Phantasie Alleinherrscher ist ? Müssen wir nicht den Quellen in uns , denen die Blumenwiese versagt wurde , die sie tränken sollten , irgendwo einen Brunnen schaffen , damit sie uns nicht zersprengen ? « antwortete sie ihm ; er hielt noch immer das Prinzeßchen auf dem roten Stuhl in der Hand . » Mögen Sie die Kleine ? « Er streichelte mit dem Finger über das Köpfchen und den Rücken : » Ihr fehlt nur der Höcker . « Else sah ihn verwundert an : » Der Höcker ? « Und nun erzählte er ihr von Gina und von allem , was ihm das weiße Kinderseelchen war . » Gleich morgen besuch ' ich sie und bring ' ihr meine Puppen , « sagte Else gerührt ; » und die kleine Perlengekrönte gehört Ihnen . « » Wie gut Sie sind ! « » Ich glaube , Sie sind besser - « An der Türe , zu der sie ihn begleitet hatte , drehte er sich noch einmal um : » Ich muß Ihre Hände küssen , Ihre Zauberhände . « Aber er küßte sie nicht nur , er legte sie sich auf die Stirn , auf die Augen , auf das Herz . Als Else Gerstenbergk am nächsten Morgen in Frau Wanda Fennrichs Wohnung trat , erfuhr sie schon am Eingang von der heulenden Frau , daß die Kleine in der Nacht kränker geworden war . Sie fand Konrad mit übernächtigen Augen an ihrem Bettchen . » Sie schrie nach mir , « sagte er leise . » Giovanni hat mich vergebens gesucht . Jetzt , seit ich ihren Kopf gestreichelt habe , schläft sie . « » Nein , Herr Konrad , nein , « tönte ein feines Stimmchen aus den Kissen , » wie könnt ' ich schlafen , wenn du mich streichelst - ich träume nur - « und ein Paar fieberglänzende , kranke Augen richteten sich auf ihn . » Gina ! « flüsterte er erschüttert . Leise war Else nähergetreten , ein paar ihrer Kinderpuppen in den Händen . Konrad schlang stützend den Arm um die Kranke : » Sieh nur , was du bekommen sollst ! « Die Augen des Kindes bohrten sich in Elses Antlitz : » Wer ist die fremde Frau ? « » Eine liebe Freundin - « Um die Lippen der Kleinen zuckte es , während ihre Augen noch immer an der Besucherin hingen , prüfend , feindselig . » Ich spiele nicht mehr mit Puppen , « sagte sie hart und schloß die Lider , sich ins Bett zurückfallen lassend . » Es ist wohl besser , ich gehe , « meinte Else . Konrad erhob sich und reichte ihr die Hand : » Haben Sie Dank , tausend Dank , daß Sie kamen . « Jetzt erst bemerkte sie , wie elend er aussah . Sie erschrak : » Ich komme wieder , heute noch , nur um nach Ihnen zu sehen . « Ein wimmernder Wehlaut ließ sie verstummen . Gina saß hoch aufgerichtet in den Kissen , ihre Augen dunkle Brunnen eines Stroms von Tränen , der über die eingefallenen Wangen floß . Konrad war im gleichen Augenblick wieder neben ihr , während Else die Türe leise hinter sich zuzog . » Rausche , rausche , lieber Fluß - nimmer werd ' ich froh - « kam es stoßweise von Ginas Lippen . Konrads Hand lag wieder wie vorhin auf ihrem Köpfchen , das langsam , langsam zurücksank . Es wurde ganz still im Zimmer . Frau Wanda war angstgeschüttelt in die Küche geflohen ; die Hunde sprangen ihr schmeichelnd auf den Schoß ; Giovanni hockte zusammengesunken an der Türe . Konrad blieb allein mit dem Kinde . Es atmete schwer . Von Zeit zu Zeit öffnete es die Augen und sah ihn an . Jedesmal war ihr Ausdruck reifer , tiefer , als entfalte sich das kleine Geschöpf in diesen Minuten zum Weibe . » Küsse mich ! « hauchte es sehnsüchtig . Und seine Lippen ruhten auf den ihren , vom Fieber zerrissenen . Der glühende schmächtige Körper zuckte in seinen Armen . Ein seliges Lächeln verklärte das zarte Gesichtchen . » Mußt - es - eben - leiden - « tönte es fast unhörbar an des Jünglings Ohr . Und Gina war tot . Viertes Kapitel Vom großen Hoffen ohne Ziel Am Waldrand im Tale der Wiesent blühte der Rotdorn , die weißen Schlehen und die wilden Rosen ; von gelben Butterblumen leuchteten die Wiesen , als habe der Himmel mit vollen Händen sein Gold verstreut . Konrad fuhr heim . Er saß auf dem hohen Selbstfahrer und lenkte die beiden feurigen Füchse , mit denen er am Bahnhof überrascht worden war . Die Obstbäume an der Chaussee waren lauter üppige Blütensträuße ; sie standen ganz still und steif , wie geputzte Kinder in der Kirche ; jedes Ästchen , durch sein weißes Kleid breit und voll geworden , spreizte sich in seiner Pracht . Von ferne flatterte vom Turme die Fahne der Hochseß : im weißen Felde die leuchtend rote Rose , und über dem verwitterten Torweg prangte ein Eichenkranz , und die Kastanien im Hof glänzten im Schmuck roter Blütenkerzen . Ein Gefühl befreiten Aufatmens schwellte Konrads Brust . Ihm war , als sei hinter ihm eine schwere eiserne Kerkertür ins Schloß gefallen . Da standen sie alle und warteten seiner : der alte Habicht , die welken Wangen in dem freundlichen , von langem Prophetenbart umrahmten Greisengesicht freudig gerötet ; die beiden Tanten , vertrocknete Mumien , deren heruntergezogene Mundwinkel seine Ankunft doch zu etwas hoben , das einem Lächeln glich ; und sie - die Großmutter - die immer Schöne ! In weichen Falten , von keiner Mode mehr beeinflußt , umfloß das weiße Gewand ihre hohe Gestalt , über dem vollen silberglänzenden Haar lag ein duftiger Schleier , ein paar Brillanten blitzten in den kleinen Ohren , auf den schlanken Fingern , und die nachtdunklen Augen leuchteten , vom Alter ungetrübt , aus all dem Weiß , wie zwischen Firnschnee der tiefe See der Alpen . Er sprang vom Bock , kaum daß die Pferde , noch unruhig stampfend , standen ; er umarmte sie alle , stürmisch , leidenschaftlich , so daß dem alten Mann die Tränen in die hellen blauen Augen traten , die Tanten mit zitternden Knochenhänden dem Ungestüm wehrten und die Gräfin Savelli , all ihre vornehme Reserve vergessend , ihn minutenlang nicht losließ . Sie führte ihn in sein Zimmer . Er sah sich staunend um : nichts war verändert , nichts vom Platz gerückt , und doch erschien ihm alles neu , fremd , fast feierlich . War er wirklich immer von diesen schönen , schweren , bronzebeschlagenen Mahagonimöbeln umgeben gewesen ? Hatten diese goldenen , ernsten Sphinxe immer die Sessel getragen , hatten sich immer diese Lorbeergirlanden um die Schränke gerankt ? » Du hast sehen gelernt , mein Junge , « sagte die Gräfin auf eine staunende Bemerkung von ihm und streichelte zärtlich sein blasses Gesicht . Er sah sie groß an . Wie verändert seine Augen waren ! » Und leben auch ! « fügte sie langsam hinzu . » Leben ? ! « wiederholte er fragend . » Ich weiß nicht , Großmutter . Denn leben heißt schaffen , und ich - « » Schaffst du zunächst nicht dich selbst ? « entgegnete sie , ihm mit gütigem Lächeln leise die Wange streichelnd . Am nächsten Tage , - die Rückkehr des jungen Hochseß wurde in der Nachbarschaft um so mehr als ein Ereignis betrachtet , als sie für eine endgültige gehalten wurde - war der Vetter Rothausen vom Greifenstein der erste , der mit seinem Viererzug vorfuhr . » Natürlich , « dachte Konrad geringschätzig , » vier armselige Klepper statt zweier anständiger Gäule ! « und ihm fiel ein , wie der Greifensteiner sich vor fünf Jahren den Tanzsaal seines Schlosses , der eben noch ein Heuboden gewesen war , von einem Malermeister aus Forchheim mit altdeutschen Figuren hatte bemalen lassen , die er stolz als eine Renovierung entdeckter Fresken ausgab ; die Touristen verfehlten dann auch nicht , sie gegen eine Mark Eintritt pflichtschuldigst zu bewundern . » Fortschritt - Fortschritt , meine Herrschaften , « pflegte er den Eingeweihten lachend zu versichern . » Mit der Plempe in der Faust lockten meine biederen Vorfahren den wandernden Koofmichs im Tal die Batzen aus der Tasche . Wir machen ' s milder . « » Bist ja ein fescher Bursch geworden , « damit begrüßte er Konrad , während dieser den Damen aus dem Wagen half : der dicken , asthmatischen Baronin , deren Beiname » das Klageweib « von ihm stammte , und dem Töchterchen , der Hilde . » Bist ja ein süßes Mädel geworden , « hätte er beinahe , ein Echo des Vaters , ausgerufen , wenn ihm nicht rechtzeitig zum Bewußtsein gekommen wäre , daß dieses blonde , weiße , schlanke Ding nach den Wünschen der Tanten seine Frau werden sollte . Schließlich stieg der Stammhalter vom Bock . Potsdamer Gardeulan , der eben auf Urlaub war . » Ihnen ist wirklich zu dem Enkel Glück zu wünschen , liebe Gräfin , « sagte die Baronin , nachdem sie sich , schwer atmend , auf einen der tiefen Sessel des Salons hatte fallen lassen . » Denken Sie nur , wie gräßlich - eben erst schrieb mir ' s meine Cousine , die Vicky Heimburg - : Der armen Prinzeß Lyck ihr Ältester muß nun auch nach Amerika ! Wenn den eine gute Partie nicht rausreißt ! Und doch ist ' s ein Jammer , daß amerikanische Schweinezüchter immer wieder den Stammbaum verderben ! « Sie hatte selbst eine bedenkliche Lücke in der Ahnenreihe - eine ehemalige Kuhmagd oder so etwas - , und suchte sie durch Ahnenstolz um so eifriger auszugleichen , als ihre Erscheinung einen peinlichen Atavismus darstellte . Indessen versuchte Alex , der Sohn , mit Konrad Berliner Erfahrungen auszutauschen : Weiber - Kneipen - Pferde - der Vetter reagierte nicht . » Ein Stiesel oder ein Duckmäuser , « dachte der junge Offizier geringschätzig . Laut aber sagte er mit gönnerhaftem Lächeln : » Warum besuchst du mich nicht ? Könnte dich überall einführen . Wäre doch standesgemäßer als dein Umgang . « » Was weißt denn du davon ? « meinte Konrad . » Gott , man munkelt so allerlei , « antwortete der andere ausweichend , » für unsereins , der überall soviel beschäftigungslose Tanten und Onkels herumsitzen hat , ist die Weltstadt doch nur ein Klatschnest . « » Warum hinterm Berge halten , Junge , « mischte sich der alte Baron ins Gespräch und fuhr , Konrad derb auf die Schulter klopfend , fort : » Du bist nicht staupefrei , mein Bester , und ich möchte dir gleich , noch ehe der Hochsesser Keller sich auftut , ein bißchen auf den Zahn fühlen . « » Bitte , « lachte der Angeredete , wobei sein tadelloses Gebiß sich enthüllte , » alle zweiunddreißig stehen dir zur Verfügung ! « » Ja , wenn ' s noch Weibergeschichten wären , wie bei meinem Bengel , « erwiderte Rothausen , » das machen wir schließlich alle durch , ohne uns ernsthaft zu verplempern . Aber statt Frauenzimmer zu karessieren , was doch die reizvollste Beschäftigung ist , - « er schnalzte mit der Zunge und verdrehte die Augen - , » fraternisierst du mit den Roten . « » Bin ich dir , teurer Vetter , wirklich das Goldstück wert , mit dem du den Detektiv auf meine Fersen heftest ? « spottete Konrad . » Nee , mein Junge , dafür gieß ' ich mir lieber einen Pommery hinter die Binde ! Doch , Scherz beiseite , ich hab ' s von meinem Sprößling . « » Berghof von unserer Gesandtschaft sprach mir davon , « warf Alex etwas verlegen ein . Und der Alte fuhr erregter fort : » Man hat dich in zweifelhafter Gesellschaft gesehen , mit einem Russen vor allem , dem die politische Polizei ständig auf den Fersen ist , während du unsere Kreise geradezu vermeidest . Ich würde dir nicht so ohne weiteres mit der Tür ins Haus fallen , wenn wir nicht gerade in Bayern Exempel von Beispielen hätten , und das lebhafteste Interesse daran haben , daß der letzte Hochseß ein tadelloser Edelmann bleibt . « Konrad stieg das Blut in die Stirn . » Dafür zu sorgen , lieber Onkel , wirst du gütig mir selber überlassen , « sagte er scharf . » Im übrigen gehen , wie ich sehe , unsere Ansichten zu sehr auseinander , als daß wir uns verständigen könnten , denn ich glaube bei meinem Verkehr die Würde meines Standes besser zu wahren als die - anderen bei Suff und Spiel und Frauenzimmern . « Der junge Rothausen hatte eine heftige Erwiderung auf den Lippen , aber das etwas gezwungene Gelächter des Vaters schnitt ihm das Wort ab . Die Baronin räusperte sich vernehmlich . Sie kannte ihren Mann : ahnte er nur das rote Tuch , so stürmte er blindlings vorwärts , gleichgültig , was für mühsam gezogene Hoffnungspflanzen dabei zertrampelt wurden . » Du entziehst uns den lieben Hausherrn , « sagte sie zu ihm , ihre harte Stimme zu den sanftesten Flötentönen zwingend , und zu Konrad gewandt : » Er hat Sie sicher ins Gebet genommen ! Gott , er hat so strenge Grundsätze - ! « Konrad unterdrückte ein Lächeln . Der Skandal mit Hildens Gouvernante fiel ihm ein , der selbst ihm , dem Knaben , nicht verborgen geblieben war . » Aber die Jugend von heute will austoben , nicht wahr ? « fuhr sie fort , » natürlich ohne die ehrenhaften Traditionen der Familie zu verletzen . « Konrad sah unwillkürlich zu den Tanten hinüber : » Die Traditionen der Familie ! « bei dem geringfügigsten Anlaß hatte er sie über dies Thema predigen hören . Sein Blick blieb an der Gruppe hängen : die beiden dürren Gestalten mit den farblosen Gesichtern und Hilde , das blühende Leben , zwischen ihnen . Doch im Augenblick , da er sich an dem Gegensatz weiden wollte , war ihm , als fiele ein Schleier von seinen Augen : sie waren ja Blüten von einem Stamm , die Natalie , die Elise und die Hilde ! Nur , daß die eine im Frühling des Lebens stand . Die niedrige Stirne , die leeren , grünen Augen , der schmale Mund , das zurückfliehende Kinn , die schlanke Gestalt - nehmt ihnen die Farbe und die weiche Rundung der Jugend , und es bliebe nichts - nichts als : Fledermäuse ! Die Baronin war Konrads Augen gefolgt ; sie lächelte vielsagend zu ihrem Mann hinüber . » Nun aber sind Sie wieder der Unsere und werden das Erbe der Väter übernehmen , das Ihnen die liebe Gräfin so treulich verwaltet hat , « sagte sie salbungsvoll , ihm die kurze runde Hand auf den Arm legend . Es war wie eine Besitzergreifung . » Nein , Frau Baronin , « antwortete er und lächelte die Großmutter an , die eben , da die Flügeltüren zum Eßsaal sich öffneten , den Arm in den Rothausens legte , » dafür sind wir beide noch zu jung - die Großmutter und ich . « Für die nächsten zehn Minuten schien der Redestrom der Baronin versiegt . Konrads gute Laune sprudelte dafür über . Er fühlte sich auf einmal stark und reich , ein Gewachsener , ein Freier vor allem , für den keiner dieser Menschen irgendeine Bindung bedeutete . Auch daß er sich von der Heimat frei fühlte , ganz frei , kam ihm zu frohem Bewußtsein . Selbst die ruhige Hilde - man hält für vornehme Zurückhaltung , was oft Dummheit ist , dachte er - wurde lebendiger . Und Rothausen , schon gerötet vom Wein , spielte der Gräfin Savelli gegenüber den Galanten , was sie mit einem gnädigen ein ganz klein wenig spöttischen Ausdruck entgegennahm , während sich auf den Gesichtern der Tanten die seit zwanzig Jahren nie überwundene Entrüstung über die » kokette Italienerin « spiegelte . » Welch eine Künstlerin ist die Sonne Italiens , « sagte er , ihre Hand an die Lippen ziehend , » daß sie den Frauen unsterbliche Lilienfinger wie diese wachsen läßt - « » Und Trauben , wie jene , « lächelte die Gräfin , zur Türe weisend , in der Giovanni , der sein Amt als Kellermeister wieder angetreten hatte , erschien , einen flachen Korb mit zwei alten Flaschen Chianti im Arm . Er trug ihn zärtlich , als wäre ein Kind darin , und entkorkte die Flaschen langsam , andachtsvoll , und ließ den dunkelgoldenen Wein feierlich in die Gläser fließen , so daß er zuletzt niedertropfte , schwer wie Öl . Rothausen verstummte , in den Anblick des köstlichen Trankes versunken . Erst als Giovanni gegangen war , hob er ihn an die Lippen und frug , nachdem er , den Genuß vorbereitend , den süßen Duft gesogen hatte : » Die schönsten Knaben von Capri sollten seine Schenken sein ! Warum sind Sie in diesem einzigen Falle so stillos , Frau Gräfin , und wählen dafür den widrigen Zigeuner ? « Das Ausbleiben der Antwort , ein vorwurfsvoller Blick seiner Gattin schienen ihn an das Gespenst in diesem Hause plötzlich zu erinnern : an den mysteriösen Zusammenhang zwischen der Gräfin Lavinia und dem Seiltänzer . Er würgte mit einigen Bissen Brot seine Verlegenheit hinunter , um bald darauf um so gesprächiger und lauter zu werden , so daß jede andere Unterhaltung notgedrungen verstummte . Die ganze Nachbarschaft wurde durchgehechelt , kein Räuspern , kein vielsagender Blick auf die Tochter und die Baronessen , die alle drei krampfhaft auf ihre Teller sahen , vermochte seinem Redeschwall Einhalt zu tun ; die Gräfin Savelli verstand es schließlich mit der großen Kunst ihrer Gesprächsbeherrschung , ihn abzulenken . An den Bericht einiger toller Streiche junger Majoratserben knüpfte sie an . » Abenteuerlust liegt nun einmal im Blute des Adels , « sagte sie , » und findet heute so selten einen erlaubten Ausweg . « Alex , der sich bisher ganz in die Genüsse der Tafel vertieft hatte , sah mit einem aufleuchtenden Blick zur Gräfin hinüber . » Nanu ! « brummte der alte Rothausen , verwirrt durch die Abschweifung , » uns fehlt ' s doch nicht an Möglichkeiten , ihr zu frönen : die Aeronautik , der Sport - « » Wobei man Courage lernt und weiß nicht wozu , und die Muskeln stählt und weiß nicht warum ! « rief Alex mit unterdrückter Erregung aus . » Oder ist ' s vielleicht ein unserer würdiges Ziel , in der Luft oder auf dem grünen Rasen eine neue Art Clown vor dem gaffenden Mob zu spielen ? ! « Konrad nickte und bat dem Vetter in der Stille ab , was er an Groll gegen ihn empfunden hatte . » Wobei der Clown auch noch ein Geschäftsmann ist , « ergänzte er , » und aus einstmals heldischen , an idealen Aufgaben sich erprobenden Eigenschaften Kapital schlägt . « » Ich sympathisiere durchaus mit meinen jungen Freunden , « sagte die Gräfin , » das alles ist ein für uns lebensgefährlicher Amerikanismus , der , wenn er nicht noch durch irgendein Machtgebot mit Stumpf und Stiel ausgerottet zu werden vermag , uns des Besten und Höchsten berauben kann , was wir haben - wir : damit meine ich alles , was wahrhaft vornehm ist - der Fähigkeit nämlich , uns für eine große Sache nur um ihrer selbst willen einzusetzen . Jenen Abenteuermöglichkeiten , die Sie vertreten , lieber Baron , « damit wendete sie sich wieder ihrem ein wenig verdutzt dreinschauenden Nachbarn zu , » fehlt die Hauptsache , ein fernes , traumhaft verschwimmendes Ziel , wie es zum Beispiel die Kreuzfahrer hatten . « Rothausen unterbrach sie mit schallendem Gelächter . » Verzeihen Sie , teuerste Gräfin , verzeihen Sie , « sagte er dann , sich die Tränen aus den Augen wischend , während sie ihn sehr kühl und sehr von oben herab betrachtete , » ohne es zu wissen , haben Sie Ihrem Enkel eine kostbare Waffe zur Verteidigung etwaiger späterer Seitensprünge geliefert und die rote Couleur unserer liebwerten Standesgenossen , der Vollmar und Haller , erklärt . Der Zukunftsstaat ist gewiß ein noch traumhafter verschwimmendes Ziel , als die Eroberung des Heiligen Grabes es jemals gewesen ist . « Konrad war plötzlich ernst geworden : seine unbestimmte Sehnsucht , sein Suchen , ohne recht zu wissen wonach ; seine Ernüchterung , sein Sichzurückziehen , sobald irgendein dunkel geahntes Ziel in greifbare Nähe geriet - war das Abenteuerlust - nichts weiter ? » Kreuzfahrer und Sozialisten haben ein Gemeinsames : daß sie aus einer gefestigten Überzeugung in den Kampf gehen , während Abenteurer nur das Erlebnis suchen . Das übersiehst du , glaube ich , Großmutter , « sagte er nachdenklich . »