Sie ging ihm und seiner Mutter entgegen . Fast mit Leutseligkeit . Jedenfalls mit der Verbindlichkeit einer , die von sich die hohe Meinung hat , andere durch ihr Wesen und Dasein zu erfreuen . Das war so bemerkbar , daß Sophie stutzte . Und überhaupt war sie erstaunt : sie hatte ein junges Paar erwartet . Dieser Mann mußte über vierzig , die Frau über dreißig sein . Der Mann sah ein wenig gebückt aus . Seine Augen waren hell und ausdruckslos . Doch belebten sie sich und glimmerten weißlich , wenn er sprach . Das Haupt war fast kahl , die Züge regelmäßig und angenehm . Einen kurzen , trockenen Husten , der an ihm auffiel , konnte man für eine gedankenlose Angewohnheit nehmen . Wie der Mann so war , verschwand er durchaus neben der auffallenden und sehr betonten Erscheinung seiner Frau . Sie wirkte , wie sie lächelnd in der vorteilhaft gedämpften Beleuchtung stand , sehr reizvoll . Sophie mit ihren scharfen Beobachteraugen sah es rasch : das war eine von jenen bleichen , nervösen Frauen , die je nach ihrer Stimmung unwiderstehlich anziehend oder bemitleidenswert verblüht erscheinen können . Von jener gefährlichen , unregelmäßigen Schönheit , deren Einzelzüge man immer vergißt , weil die Augen in dem Gesicht triumphieren . Groß und schwarz waren diese Augen , und sie strahlten und flammten , als bräche ein sprühendes , geheimes Innenleben unaufhaltsam daraus hervor . Als man dann , nach Erklärungen , Entschuldigungen , Glückwünschen , im großen Speisesaal an einem runden Tisch saß , vor der Hauptwand , in der Reihe vieler anderer solcher Tische , da kam eigentlich nicht die unbefangene Lebhaftigkeit der Unterhaltung auf , wie man von der Gelegenheit und zwischen vier gescheiten , durch Interessengemeinschaft verbundenen Menschen hätte erwarten dürfen . Frau Julia roch zuweilen an den Rosen , die Allert ihr , dem Geburtstagskind , mitgebracht hatte , und sah ihn dann dabei immer mit einem tiefen Glanz in den Augen besonders vertraulich an . Auf einige halb fragende Bemerkungen Sophiens hin erzählte Doktor Dorne , daß er bisher ein stilles Gelehrtenleben geführt habe , in seinem Laboratorium forschend und experimentierend - auch habe er einige Erfindungen gemacht und Patente darauf genommen - aber zur rechten Ausnutzung sei nichts gekommen - er habe immer zögernd gewartet - sich nicht in das hochgesteigerte Konkurrenzleben der chemischen Industrie hineinbegeben mögen - indessen , die Anforderungen heute seien sehr groß - eine Rente mit dem Charakter der festen Grenze im Finanziellen werde oft unbequem - die Töchter wuchsen heran - und so entschloß er sich , sein Geld arbeiten zu lassen . - Der gemeinsame Bekannte , der ihm vorgeschlagen hatte , sich Allerts jungem Unternehmen anzuschließen , war ihm autoritativ . Sophie sprach den Wunsch aus , die Verbindung möge beiden Teilen zum Segen gereichen . Aber es kam nur ganz höflich aus ihrem Munde , fast zerstreut . » Ich stellte meinem Mann vor , « sagte Frau Julia Dorne - sie sprach oft etwas stockend , als suche sie den besten Ausdruck und wolle nichts übereilt oder in nachlässiger Form sagen - » daß er geradezu ein Unrecht begehe , wenn er seine Wissenschaft , die ich bewundere , nicht ausnutze . So bedeutende Veranlagungen und so unerhörte Kenntnisse darf man heute nicht als Privatgenuß kultivieren . Die Allgemeinheit hat ein Recht daran . « Und ihr Mann sah sie aufmerksam und mit einem leisen dankbaren Lächeln an . Im Grunde nahm nun die Frau das Gespräch in die Hand . Allert hörte zu . Er sah wohl , die schwarzen Augen hatten viel Güte für ihn - er empfand das von fern - wie ein Schauspiel - kein neues , kein ungewöhnliches - auch diese kleine Tafelrunde hier und die sacht huschenden Kellner , die leisen Gäste an den andern Tischen - die still glühenden Lichter zwischen den Prismen spürte er . - Vor seinem geistigen Auge war ein anderes Bild : klebrig , graugelber Nebel , stechende Feuchtigkeit ringsum , Kohlengeschmack in der Luft , trüb umflorte Laternen und mißtöniges Grölen . Und dazwischen das kluge , liebe Angesicht , blonde Haare und klare , graue Augen . - - Das hab ' ich geträumt ! dachte er . Aber dies hier war Wirklichkeit : Die schöne Frau , die aufblühte wie eine Jerichorose und , im Vergnügen , gefallen zu wollen , von allen Seiten beachtet zu werden , immer reizender wurde ... » Erzählen Sie mir doch etwas von der Hamburger Gesellschaft . Ihr Sohn sagt , Sie seien so scharmant aufgenommen worden . Wir müssen uns orientieren - mit Vorsicht wählen - bis Ingeborg und Dolores erwachsen sind , « mit einem Lächeln darüber , daß man ihr ja doch nie die erwachsenen Töchter glauben werde , sagte sie es - » ja , bis dahin müssen wir einen festen Kreis haben . - Man kann ja nicht exklusiv genug sein - es heißt , eine Auslese treffen ... « » Auslese treffen ? « wiederholte Sophie , etwas benommen von all dem Selbstgefühl , » ich glaube - es scheint mir - es ist nicht so ganz leicht , hineinzukommen . « » Nun , « sagte Frau Julia mit einem Siegerlächeln , » es gilt nur die ersten Anknüpfungen - dann sehen ja die Leute , mit wem sie es zu tun haben . « » Gnädige Frau fühlen sich offenbar vorderhand als Prinzessin Inkognito , « meinte Allert neckend . » Durchaus , und ich ernenne Sie zu meinem Ritter und ersten Kammerherrn . « Dabei leuchteten die schwarzen Augen ihn funkelnd an . Allert verbeugte sich . Ihr Mann lächelte nachsichtig . » Ihre Töchter aber werden traurig sein , daß sie am Geburtstag der Mama nicht mitessen durften , « sagte Sophie . » O , Ingeborg und Dolores dürfen noch nicht ins Restaurant , « erklärte Doktor Dorne , » meine Frau ist mit Recht dagegen . « Sehr richtig , dachte Sophie , aber dann bleibt man an solchen Tagen bei den Kindern zu Haus - mit uns , das hätte ja keine Eile gehabt - oder lag der Frau so überaus viel an Allerts Gesellschaft ? Fast schien es so . Doch Sophie suchte nach einer Erklärung : vielleicht wollte die Frau das Ihre tun , zwischen den beiden Männern , die nun doch durch die allerwichtigsten Interessen miteinander verbunden waren , das Verhältnis recht gut zu gestalten - und tat dies auf ihre Art. - Sie fragte : » Sie gaben Ihren Töchtern so schöne Namen ? Nordisch und spanisch . « » Als Ingeborg geboren wurde , erinnerten mein Mann und ich uns so lebhaft an eine herrliche skandinavische Reise , wo wir mit einem Freunde meines Mannes Stunden wundervoller Poesie erlebten . Weißt Du noch ? « Er nickte und berichtigte mit Genauigkeit : » Das heißt , Herr von Adlerbjerg war eigentlich Dein Bekannter , Du stelltest ihn mir vor . « » Aber Du gewannst ihn rasch sehr lieb und schätztest ihn als einen der vornehmsten Menschen , die je ... « » Freilich , « nickte er , » sehr vornehm . « Sophie fragte mit noch mehr Interesse weiter : » Und Dolores ? « » Dolores ? Ja , wie kamen wir doch darauf ? Ich weiß nicht mehr . « » Es war Dein Wunsch , « erinnerte ihr Mann . » Weißt Du noch , wie Bredarez in der Stadt war und Deinen Kopf mehrfach zeichnete - Du gewannst damals eine wahre Schwärmerei für alles Spanische . - Bredarez entdeckte auch , daß meine Frau ein ausgesprochenes Maltalent habe , und gab ihr Unterricht - schade - daß Du ' s so ganz liegen läßt . « - Bredarez ! dachte Sophie geängstigt . Bredarez , der geniale Hund - der fabelhafte Maler und unbedenkliche Frauengenießer ? » Ach ja , « sagte die schöne Frau lächelnd , » aber wie man doch vergißt - - wie hübsch war das damals . Und wie gut , daß man ab und zu eine Beschäftigung für die Phantasie hat , sonst würde man sich und andern langweilig . « Ihr Mann sah sie bewundernd an . Und ganz von fern wollte sich in ihm eine schwere Erinnerung rühren , wach werden - an die Eifersucht , die er damals , tief verhehlt , empfunden hatte . Nun wieder sah er ' s : zu Unrecht ! Denn sie hatte jene Vorliebe für das Spanische völlig vergessen ... Das konnte doch wohl sie nicht und keine Frau , wenn dieser Bredarez ... O , fort mit der Erinnerung - es lag eben im Naturell seiner Frau , dies Bedürfnis , sich in der Anbetung zu spiegeln - - eigentlich auch das Recht einer so schönen Frau . - - Es wäre so verkehrt , darin nicht billig zu sein ... Nach Tisch wollte Frau Julia durchaus Mutter und Sohn noch mit in die Oper nehmen . Als Sophie ablehnte , ergab sie sich rasch und höflich darin . Aber um Allert zu gewinnen , machte sie mit neckischen Herrinnenallüren noch Versuche . Er wehrte sich lachend . Nachher seufzte Sophie ein wenig . Und stand noch ein paar Minuten in der Halle , ehe sie sich in den schrecklichen Nebel hinaus begab . Sie meinte , etwas Mühe werde es sie kosten , nett zu sein - sie sei nicht ganz ihr Genre , diese Frau Julia ... Und Allert hörte auch heraus , daß die stark draufgehende Koketterie seiner Mutter ärgerlich war . Dies amüsierte ihn außerordentlich . Da war wieder die typische Mutter , die noch ihre Mann-Söhne ängstlich am Rock festhalten möchte , damit sie ihr an Leib und Seele nicht zu Schaden kämen . Er tätschelte ein bißchen ihre Hand , die er abschiednehmend zwischen seinen Händen hielt : » Ich will mich nicht als Joseph aufspielen , « sagte er vergnügt , » aber Du ahnst nicht , wieviel verbrauchte Mittel und Posen in der Koketterie dieser Potiphar sind - da fallen nur grüne Jünglinge darauf rein - uralte Methode ... Gott und der gute Dorne ... Von himmlischer Vertrauensseligkeit ... Nee , Mutter , die Augen , die mich in Flammen setzen sollten , müßten andere Couleur und andere Blicke haben . « ... Grau müßten sie sein - grau und klar ... dachte er ... Und setzte gleich gegen sich selbst streitend hinzu : » Aber in den Schmutz des Lebens müßte sie nicht geschaut haben . « Nun bekamen die Tage flinke Füße und ungeordnete Manieren und liefen aufs Weihnachtsfest zu . Alle Menschen hetzten sich bis zur Erschöpfung , und die nobelsten Leute wurden ihre eigenen Laufburschen und Dienstmänner . Mit Paketen Beladene rempelten einander an , und selbst die verbindlichsten Herren hatten dann keine Hand frei , entschuldigend den Hut zu lüften . Auf den Plätzen etablierten sich bewegliche Tannenbaumwälder . An den Straßenecken standen Händler , breite , flache Kasten an Riemen um die Schulter tragend und mit vorgestrecktem Bauch der Balance nachhelfend . Sie ließen an Schnüren den drolligsten Spielzeugkram schwebend auf und ab schnurren , und man sah weltbekannte politische Persönlichkeiten als blanke , bunte Blechfigürchen , zwischen Straßensteinen und Kastenwand zappelnd , hinab und hinauf turnen . Der Verkehrslärm wälzte sich mit Brausen durch die Straßen . Das Wetter wurde gut . Dies schien ganz Hamburg wie ein Geschenk , fast wie ein Wunder anzusehen , und alle Menschen sahen vergnügter aus . Das Stadtbild um die Binnenalster war in jenen feinen , bläulichen Duft gehüllt , der nur Küstengegenden zu umzärteln vermag , denn er wirkt seine dünnen Schleier aus dem Atem des Meeres und des Riesenstromes . Der geregelte Lauf des gesellschaftlichen und Geschäftslebens kam aus dem Gleise ; der eine wurde ganz matt und blieb wartend am Wege stehen , bis seine Bahn wieder frei werde ; der andere hatte offenbar eine Riesenpeitsche hinter sich . Die Gebäude festester Programme kamen aus den Fugen , und selbst die Senatorin Amster sah sich genötigt , ihre stets vorher auf lange hinaus bestimmte Tagesordnung auszuschalten , zugunsten eines Zwischenzustandes von Pflichten , die alljährlich einmal um diese Zeit auch erfüllt sein wollten . Sie hielt keine ausführliche Entschuldigungsrede darüber . Frau von Hellbingsdorf hatte Verstand . Gut . Demnach mußte sie ohne weiteres einsehen , daß alle Armen , Kranken , Wöchnerinnen , Kinder und moralisch Verbesserungsbedürftige , die der Verein unter seine weitgespannten Flügel zu nehmen pflegte , in der Festzeit enorm viel Mühe , Zeit und Geld kosteten . Sie , die Senatorin , arbeitete ja nur für einen Verein , den von ihr gegründeten , dem sie vorsaß . Mit anderen Vereinen mochte sie nichts zu tun haben , es gab zu viel törichte und rechthaberische Frauen darin , himmelschreienden Dilettantismus im Sozialen . Aber in ihrem Verein sollte vorbildliche Arbeit geleistet werden - auch gerade in der Art der Weihnachtsfeier . Keine Massenbescherung mit Gesang , Ansprache , Verlegenheit und Stiefelgeruch . Nein , individuell ! Jedem das ins Stübchen bringend , was gerade ihm Freude und Nutzen bedeutete . Das war nicht so einfach ... Sophie sah , wie von ihr erwartet wurde , völlig ein , daß Marieluis vom zwanzigsten Dezember ab nicht mehr sitzen konnte . Es war ihr selbst so lieb . Erstens wegen des Bildes . Wenn sie acht Tage nicht daran arbeitete , bekam sie mehr Ferne dazu . Es war doch immer die Gefahr , sich so hineinzumalen , daß die Selbstkritik schlafenging . Die zeitweise Trennung vom werdenden Werk verbürgte das Wiedererwachen der Selbstkritik . Es lag Sophie so viel an dem Bild , wie noch an keinem - es sollte ein Meisterwerk werden . Immer mehr interessierte sie sich für dieses Mädchen . Welch fester und ganz in sich abgeschlossener Charakter . Ein Wesen , das über sich selbst Bescheid wußte und mit sich im reinen war . Bedeutend vielleicht sogar . Kühl ? Nein , das glaubte Sophie nicht . Aber doch wohl eine Verstandsnatur . Wenn die dann einmal von einer Leidenschaft erschüttert werden ! Das kann ernste Kämpfe geben ... Und Sophie bildete sich ein , daß diese Marieluis ein stilles Gefühl des Wartens mit sich herumtrage - eine Art verschwiegener Neugier , die sich manchmal fragte : » Was ist mir noch aufbewahrt ? Hab ' ich schon die unerschütterliche , dauernde Form für mein inneres Sein gefunden ? « Es war also der Malerin lieb , über ihre Arbeit und ihr Modell , fern von beiden , nachdenken zu können . Und die Mutter freute sich auch der gewonnenen Zeit . Raspe kam doch . Und in ihrem geräumigen Zimmer wollte sie den Söhnen einen kleinen Aufbau machen , damit sie ein bißchen brenzligen Tannenduft röchen . Allert hatte auch mehr Muße als sonst in der eigentlichen Weihnachtswoche . Sein Geschäft wurde von den starken Wogen der Weihnachtsansprüche ja nicht bewegt , hatte nichts damit zu tun , vielmehr spürte es eine gewisse Ferienlässigkeit , die zu hohen Festzeiten selbst Industrie , Großhandel und Politik erfaßt . Das war eine Freude , als kleine , beschützte , schwesterliche Mutter zwischen zwei großen Söhnen durch die bunten Straßen zu gehen und ein bißchen in den » Hamburger Dom « hineinzugucken . Eine volksfestliche Veranstaltung , die sich von riesigen Schützenfesten und Vogelwiesen eigentlich nur dadurch unterschied , daß sie mit weihnachtlichen Dekorationen aufgeputzt war . In der Winterkälte führte der » Dom « sein Dasein halb bei künstlicher Beleuchtung im Freien , wo der Tag schon gegen vier Uhr endete , halb in phantastisch ausgestatteten Prunksälen . Das gab ihm etwas Mittelalterliches , Rembrandtsches , aus düsterer Ungewißheit und grellem Trubel seltsam gemischt . Und man konnte sich so leicht in die Zeit zurückdenken , wo Buden aus grauer Zeltleinwand , von Schnee umwirbelt , mit einem baumelnden Oellaternchen kümmerlich erleuchtet , sich um den Dom scharten - versunken längst die Kirche , verändert die Gebräuche , geblieben nur ein Name , und dennoch ein Stimmungsfest des historischen Zaubers . Und wenn sie so in der fremden Stadt , die nicht ihre Heimat war , unter der unbekannten Menge sich vom Strom des Lebens mittragen ließ , kamen ihr weitgespannte Empfindungen . Und am Abend des Festes gab sie ihnen Ausdruck . Nach einem wundervollen Spaziergang am blaugrau verdämmernden und von Millionen Lichtern besternten Hafen kamen sie heim . Auf dem Tisch stand das Teegeschirr neben einem köstlichen Korb voll Orchideen , den Tulla Rositz geschickt hatte , und in der Ecke brannte der Tannenbaum . Es war das Zimmer einer Pension . Zwar besaß Sophie die Kunst , die Gemütlichkeit überall mit hinzunehmen . Aber man spürte ja doch : dies war kein Heim . Gerade auch der Charakter des Provisorischen in der Umwelt steigerte noch die Kraft ihrer Betrachtungen . » Wie ein Blatt vor dem Winde bin ich , « sagte sie zu den Söhnen ; » spurlos verweht der einzelne Mensch aus der Menge . Sie weiß nicht , daß er da ist , sie vermißt ihn nicht und wird nicht geringer , wenn er stirbt . Man müßte verzweifeln über die Tragödie des Sandkornschicksals in der Menschenwüste , dieser Getrenntheit von allem Zukünftigen , wenn es nicht Fäden gäbe , die auch ein bescheidenes Dasein hinüberleiten können in das Kommende und ihm eine Art Unsterblichkeit sichern . Wer ein Stück Erdboden hat - ein eigenes Dach - einen Besitz , den er Söhnen und Enkeln weitergeben kann - die ihn erhalten und pflegen - ja , der lebt weiter . Denkt doch : wie viel Generationen war unser Gut , die eigene Scholle , zugleich die Unsterblichkeit der Vorfahren . - Was sie gebaut , gepflanzt hatten , ließ sie fortleben , und die Steine der Mauern sprachen von ihnen , und die Bäume rauschten ihre Namen . « » Ja , Mutter - Du leidest - das wissen wir wohl - nicht Dein Kampf ums Brot war Dir hart - nur der Verlust des eigenen Daches - Gott - ja , vielleicht kommt es wieder , « sprach Allert . Sie neigte sich über den runden Tisch noch näher zu den Söhnen und sprach halblaut , voll Leidenschaft : » Und das andere Band , das ist die Nachkommenschaft - Töchter , Söhne , Enkel - oh , welch ein wunderliches Gefühl , feierlich , verantwortlich , schaurig - erhebend . - Ja , es ist Unsterblichkeit - wenn ich mir vorstelle : mein Talent , vielleicht auch meine Fehler - diese Linie meiner Braue - diese Form meiner Wange - eines Tages , nach Generationen , besitzt das ebenso ein Urenkelkind . Und es heißt : Das hast Du von Deiner Ahne , so ist sie gewesen . - Welch ein seltsames Wunder - mein Blut rinnt fort in späten Geschlechtern - ich lebe in ihnen - mein Herz schlägt darin - es ist ein ewiges Wiedergeborenwerden - meine Wesenheit wirkt weiter . - Seht , wenn Mütter oft so eine beharrliche Art haben , den Söhnen zu predigen : Heiratet ! - das sieht manchmal geschmacklos aus , plump vielleicht sogar . Begreift : das ist der geheimnisvolle Instinkt des Menschen , der sich gegen das Vergehen wehrt - die unbewußte Begier nach Unsterblichkeit - das berechtigte Verlangen des Weibes , nicht umsonst geboren und gelitten zu haben - das königliche Stammgefühl der Mutter , die stolz vorausschauen will auf Nachkommenschaft , die durch sie ward . Als Bindeglied fühlt sie sich - ihre Hände reichen den vergangenen und den künftigen Geschlechtern die Hand - und deshalb soll man keine Mutter schelten , wenn es der beherrschende Wunsch ihrer Seele ist , die Kinder zu verheiraten . Das sind nicht die banalen , bespöttelten Begierden der Frauen , zu kuppeln , Ehen zu stiften . Das sind heilige Forderungen « - Die leidenschaftliche Erregung ihrer Mutter wirkte auf die Söhne - sie saßen ernst - von Gedanken bestürmt . Fast zaghaft sprach Raspe : » Dir , Mutter , ist doch eine andere Art Dauer gesichert - sieh mal - Du hast schon mehr als ein Bild malen dürfen , das in einem Schloß , in einer Galerie eine bedeutende Persönlichkeit noch nach Jahrhunderten zeigt . Und der Name der Malerin wird nicht vergessen . Und wenn Du nun , wie Du sagst , daß es möglich ist , auch von Lichtwark aufgefordert wirst , für die Sammlung Hamburger Porträte irgendeinen wichtigen Kopf zu malen , dann hast Du abermals ... « Sie ließ ihn nicht ausreden . » Welche Ueberschätzung ! Was ist das groß . Ach du meine Güte . Vielleicht in Zukunft , bei irgendeiner Gelegenheit schreibt ein Forscher oder ein Feuilletonist etwas über ein Schloß , ein altes Adelsgeschlecht - und stellt da nebenbei fest : Die Malerin dieses Porträts hieß Sophie von Hellbingsdorf . So eine Art Fortleben des Namens ist wie das Aufbewahren von hübschem Gerümpel in den Truhen alter Familien - vielleicht kommt mal jemand darüber , der was draus macht , es ans Licht zerrt - vielleicht zerfällt es und wird ganz vergessen . Nein , so nicht - das Fortleben , das ich meine , darauf ich ein Recht habe , weil ich bin , weil ich atme , weil ich Kinder gebar , das ist durch Nachkommen - oh , tut es mir nicht an - bleibt nicht ledig ! « In ihren Augen standen Tränen . Und die Söhne schwiegen . Sonst , wenn sie von diesem ihrem Wunsch gesprochen , obenhin und bevormundend oder mit genauen Angaben , wie » sie « sein solle , was » sie « auch » haben « müsse - wie eben zärtliche Mütter tun - sonst nahm das Gespräch sofort eine Wendung zum Lustigen und endete mit Lachen und Necken . Aber jetzt schwiegen die Söhne und sahen vor sich hin . Aus diesem Schweigen übertrug sich der Mutter ein Gefühl - wie eine Warnung war es - ein scheues Ahnen . All ihre leidenschaftliche Erregung wallte plötzlich zurück . Sie atmete auf und sagte fest und ernst : » Wir wollen nie mehr davon sprechen . « Allert stand auf , ging zu seiner Mutter und küßte sie auf die Stirn . Lange war es ganz still im Zimmer , wo in der Ecke am grünen Baum friedvoll die kleinen Lichter brannten und nach Wachs rochen . Dieser Geruch und diese flimmernden Flämmchen zwischen den Tannenzweigen hatten Wunderkraft . Sie schoben sacht die Wände fort und zeigten Bilder ... Jedem der drei Menschen ein anderes ... Vor der Mutter stand ein altes Herrenhaus mit Treppengiebeln . Rot und hoch , mehr würdig als stolz ragte es aus dem Schnee , der das Gelände dick belastete und die Aeste der Bäume verbrämte . Die Luft war voll von einer köstlichen Kälte , die auf den Gesichtern brannte und die Körper auffrischte . Der hellgraue Himmel stand still . Eine feierliche , unbegreifliche Lautlosigkeit war über den weiten Feldern . Das machte sogar die halbwüchsigen Knaben andächtig . Ihre Handschlitten hinter sich herziehend , stampften sie durch den weißen Puder heim . Es war ja bald Bescherungszeit , und vorher sollte noch der Nachmittagskaffee mit dem frischen Kuchen verschmaust werden . Die Mutter , in ihr weißes Wolltuch gewickelt , stand schon wartend im Portal . Und hinter der Fensterscheibe der Leutestube zeigte der Vater Meyns , aus seiner Pfeife getrockneten Waldmeister rauchend , sein verrunzeltes Diplomatengesicht und wunderte sich , wo die Junker blieben . - Ach , daß das Schicksal ihr Leben so leite - sie zurückführe in diese friedliche Stille , zu künftigen Weihnachtsfesten , mit Kindern , mit Enkeln , auf dem alten , dem eigenen Besitz ... Vielleicht , so dachte sie in einer Wehmut , die über ihre Seele hinfloß wie Tränen , vielleicht bekomme ich niemals wieder ein eigenes Heim - als jene vier Bretter , die auf uns alle warten - das letzte Haus ... Und Raspe sah einen hellen , leeren , durchsonnten Tanzsaal . Prismen sandten Regenbogenreflexe aus . Und vorbei an den gelbseidenen , gleißenden Stühlen schritt ein schlankes , schwarz gekleidetes Mädchen . - Er sah , wie sie an der Tür stehenblieb und sich mit den Blicken zu ihm wandte - fragend , wie von irgend etwas Unerklärlichem bezwungen , noch vor der Schwelle zurückgehalten ... Was vor Allert erstand , kam nicht aus zurückliegenden Erinnerungen herauf . Erst gestern vormittag hatte er es erlebt . - Er war auf einem Geschäftsgang mit einem Kopf voll Sorgen . Seinen bisherigen chemischen Assistenten entließ er im Augenblick , da Dr. Dorne als Teilhaber in die Arbeit eintrat . Wenn nun auch die Grundlagen ihrer Fabrikation die gleichen blieben , denn all diese zahllos abschattierten Farben zum Gebrauch für die Textilindustrie und allerlei technische Zwecke gingen ja aus erstaunlich wenigen Ausgangsprodukten hervor , so war Dr. Dorne doch wenig zufrieden mit der Art , wie der Entlassene gearbeitet habe . Auch wollte Dorne das Alizarin , das sie bisher in den gelbroten Kristallen fertig bezogen hatten , durchaus selbst aus dem Anthrazen herstellen , was den Bau neuer Oefen und einer neuen Abteilung für das Laboratorium nötig machte . Sodann war Dorne , von den Erfolgen der Professoren Graeke und Liebermann , die das künstliche Alizarin entdeckt hatten , angestachelt und seit langem mit dem Experiment beschäftigt , das Kampescheholz in seine Grundstoffe aufzulösen , um auch für dieses Produkt der Natur , wenn möglich , künstlichen Ersatz zu finden . Er war aber mit der Qualität des Kampescheholzes und der Fustik nicht zufrieden . Das heißt , Dr. Dorne sagte natürlich : des Haematoxylon campeschianum und der Maclura aurantiaca ; denn dem Mann der Wissenschaft wäre es zu unbequem gewesen , die gebräuchlichen deutschen Namen zu benutzen . - Und nun hatte Allert es auf sich genommen , einmal mit dem Lieferanten dieser ausländischen Farbhölzer scharf zu sprechen . Kontor und Lager der Firma Waller u. Nuß befanden sich in einer Nachbarstraße . All diese , zu zweien oder dreien gleichlaufenden kurzen Straßen waren von Kanälen fast quadratisch eingefaßt . Und hinter den Speichern und Lagerplätzen entlang klemmten sich die Leichter und die Oberländer Kähne bordseits an die Mauern und Kais . Sie schafften die Rohprodukte heran und führten die Waren fort , sie besorgten die Verbindung zwischen diesem Fabrikviertel und dem großen , weiten Hafen draußen in den Elbarmen . Allert hatte eine Weile mit dem Holzimporteur in dessen Kontor herumgeredet ; dann gingen beide Herren hinaus , um auf dem Lagerplatz hinter dem Hause die Hölzer zu sehen , die gerade ausgeladen wurden . Gestern war der » Pelos « aus Honduras angekommen , und der Leichter brachte soeben die erste Ladung . Der rundliche Herr Waller trug einen Kneifer , was durchaus nicht in den Charakter seines bartlosen , von Kahlköpfigkeit gekrönten Vollmondgesichtes paßte . In seine tiefen Mundwinkel kam beim Anblick der Hölzer ein förmlich seliges Schmunzeln . Noch nie , sagte er , noch nie , selbst nicht zu Lebzeiten seines Teilhabers Nuß , der einer der ersten Farbholzkenner gewesen sei , noch nie habe sein Haus eine Sendung von solcher Vorzüglichkeit empfangen und an seine Klientel weitergeben können . Und mit frohen und überredenden Worten erklärte er , daß nur die Rücksicht auf die Jugend des von Hellbingsdorfschen Unternehmens ihn bestimmen würde , von diesen Hölzern an Allert abzugeben . » Neue Firmen , wenn sie von fixen , kapitalkräftigen Männern gegründet sind , zu fördern , das ist immer das Prinzip meines seligen Freundes Nuß gewesen . Ich halte daran fest . « Allert hörte die bezwingenden Worte , die den zahlenden Käufer fast zum Almosen- oder Geschenkempfänger machten . Und er hörte auch wieder nicht . All der Lärm , die ganze Sinfonie der Maschinengeräusche , das Rattern und Rollen von der Straße her , das Fauchen und Pfeifen auf dem Wasser - alles verklang für sein Ohr - alles schien sich in spannungsvolle Stille aufzulösen . Denn er sah etwas Außerordentliches . Das heißt für andere Menschen wäre es etwas höchst Gewöhnliches gewesen . Aber es kommt ja in keiner Hinsicht auf die Erscheinungen an , sondern völlig auf ihre Bewertung durch den Zuschauer . Und was der ölig redende Herr Waller überhaupt gar nicht bemerkte , nahm Allert den Atem . Eine Jolle glitt auf dem schmalen Kanal dahin . Sie hatte ihren Weg in der Mitte , wo das Wasser frei war ; denn hüben und drüben lagen die langen Kähne an die Ufer gedrückt . Die lehmfarbene Flut sah schmutzig aus , Obstschalen , Strohhalme , Holzsplitter trieben darin . In der Jolle saßen drei Personen . Der Führer , der sich bald vorwärts bog , bald zurücklegte , benutzte mit Kraft und Vorsicht seine Ruder zugleich als Steuer ; dann waren da ein ältlicher Mann oder Herr , der mit Paketen beladen war , und eine junge Dame . Wie oft hatte Allert schon geglaubt , wenn eine weibliche Gestalt auf der Straße heranschritt : sie ist es ! Vorgestern , als er mit seiner Mutter und Raspe im Schauspielhaus war , durchzuckte es ihn : Da , in der dritten Parkettreihe , das ist sie ! Die Sehnsucht - nein , vielleicht nur die Neugier auf ein Wiederbegegnen , war die Schöpferin solcher Irrtümer , die immer sofort wieder sich in Enttäuschungen auflösten . Und all diese kleinen Täuschungen waren nur wie Vorspiele gewesen , um das wirkliche , das zweifellose Erkennen desto stärker empfinden zu lassen . Nun sah er sie ! Das war ihr stolz getragenes Haupt - das ihr blonder Haarknoten unter dem Rande des dunklen Hutes ... Eine unbegreifliche Erregung überraschte ihn . Er versuchte nicht einmal , ihrer Herr zu werden . Er starrte zur Jolle hinüber , die da unten auf