Anstrengung , dieser andere zu sein , den sie in ihm sah . Ach Gott , wußte man denn mit solch einem Mädchen , woran man war ? Einmal war es einem ganz nahe und dann so seltsam fern . Vorigen Abend hier im Walde , als der warme Südwestwind wehte und es so berauschend nach feuchter Erde und Knospen duftete , da war alles so selbstverständlich und klar gewesen , da gingen sie eng aneinander geschmiegt , und ein jedes fühlte das Fieber im Blut des andern . Da waren keine Gedanken nötig . Und dann gleich am nächsten Tage auf dem Spaziergang , war sie ganz wieder das Schloßfräulein , das ihn in Distanz hielt , das von der Welt sprach , als sei sie ein wohleingerichteter Salon , in dem lauter gut erzogene Menschen unter festen Gesetzen lebten , ja , sie drängte ihm den Edelmut , die feine Erziehung , die Gesetze geradezu auf , legte sie in ihn hinein . Er konnte sie dann fast hassen , er hätte ihr dann gern etwas gesagt , was sie empörte und demütigte , aber er war zu feige . Wenn die weit offen schillernden Augen ihn begierig ansahen , als wollten sie etwas besonders Neues , Schönes aus ihm herauslesen , dann fürchtete er stets , sie würden den uninteressanten Gesellen in ihm entdecken , lauter ungewohnte , abspannende Gedanken . Er seufzte . Ach Gott , und was für unerbittliche Wirklichkeitsmenschen solche Mädchen waren . Jedes Erlebnis bekam feste Konturen , stand so sachlich und deutlich da , als könnte es nie mehr fortgewischt werden . Ein Erlebnis fallen lassen , wie wir eine angerauchte Zigarette fortwerfen , das kannten sie nicht . Ihnen wurde jedes Erlebnis zu einem Besitz , der mitzählte , als müßte es in ein Hauptbuch eingetragen werden für irgendeine künftige Abrechnung . So waren sie alle , von der schwarzen Lene im Krug bis zu Fastrade . Er hatte seine Wirklichkeit nie so recht gefühlt , er war sich stets ein Erlebnis gewesen , das ihm zufällig zuteil geworden war , das ja zuweilen recht vergnüglich war , aber zur Not auch fallen gelassen werden konnte . Er richtete sich auf , dieses Herumraten an sich und an Fastrade machte ihn müde und unruhig zugleich . Er schenkte sein Glas voll , der alte Portwein hatte zuweilen die Eigenschaft , Dinge , die verworren und schwierig aussahen , plötzlich ganz einfach und klar erscheinen zu lassen . Der Zugwind wehte die Flamme der Kerze hin und her . Gebhard schlummerte , sein Schatten , groß und unförmlich , hüpfte unablässig auf der Wand . Draußen schien der Wind sich gelegt zu haben , nur ein leises , verschlafenes Rauschen ging noch durch den Wald . Deutlich waren jetzt all die kleinen Gewässer ringsum vernehmbar wie ein waches , eigensinniges Lachen , das in die große Ruhe der Nacht hineinspottete . Dann ertönte plötzlich der klagende Ruf eines Kauzes , und ein anderer antwortete ihm noch aus der Ferne . Die haben es gut , dachte Egloff , sich so in der kühlen Dunkelheit anzulocken , durch Zweige und Knospen zueinander zu fliegen , um ihre Liebesnacht zu feiern - raffiniert . Er lehnte sich wieder zurück , er wollte nichts mehr denken , nur Fastrade , Fastrade . Ja , da war es leicht , seine Wirklichkeit zu fühlen , wenn man so königliche Arme hatte und mit einem so königlichen Körper sich abends zu Bett legte und morgens wieder aufstand . Eine angenehme Schläfrigkeit machte ihm jetzt die Glieder schwer , die Gedanken wurden undeutlich , begannen zu Träumen zu werden , zu Träumen , in die das Rauschen des Waldes , das Lachen der kleinen Gewässer hineinklangen , und das Rufen der Käuzchen , die schon nahe beieinander waren . Egloff erwachte von einem kalten Windstoß , der in das Zimmer fegte . Gebhard hatte die Tür geöffnet und schaute hinaus . » Es wird Zeit sein zu gehen , « sagte er , » der Himmel hinter den Bäumen scheint mir schon so weiß . « Egloff sprang auf , der kurze Schlaf hatte ihm gut getan , und er freute sich jetzt auf die Jagd . Er nahm sein Gewehr und löschte die Kerze aus . » Gehen wir « , sagte er . Draußen war es noch finster , eine gute Strecke gingen sie auf einem bequemen Waldpfade hin , bis sie an ein Sumpfland kamen , das weiß von Nebel war . Die Dunkelheit hellte sich ein wenig auf , sie wurde grauschwarz , und deutlich standen Bäume und Büsche in ihr . Egloff und Gebhard begannen vorsichtig zu gehen , der Boden gab nach , jeder Tritt verursachte ein kleines , plätscherndes Geräusch , dann kamen Strecken , die mit dichtem Moos bewachsen waren , in das der Fuß einsank wie in weiche Polster . Zuweilen blieben die Jäger stehen und horchten hinein in all die kleinen Geräusche des Waldes , das Lispeln und Rauschen , um den einen Ton herauszuhören , auf den sie warteten . Der Boden wurde jetzt fester , vor ihnen standen hohe , alte Föhren , in deren dunkelen Schöpfen ein leichter Wind metallisch knisterte . Gebhard blieb zurück und Egloff schlich behutsam vorwärts . Eine köstliche Spannung regte ihm das Blut auf . Plötzlich kam ein Ton , der ihm wie Schreck durch die Glieder fuhr . Er wartete , der Ton kam noch einmal und dann begann dort oben in der Dunkelheit dieses seltsame Zischen und Schnalzen , das für Egloff alle anderen Töne des Waldes auslöschte . Er schlich und sprang , vorsichtig nach Deckung ausspähend und immer hinhorchend auf die Stimme des Vogels , der dort vor ihm leidenschaftlich und schamlos seine Brunst in die Finsternis hineinrief . Schwieg der Hahn eine Weile , dann stand Egloff wie festgebannt still und hörte sein Herz so laut klopfen , als liefe da mit schweren Schritten jemand hinter ihm her . Endlich war er dem Hahne ganz nahe , er sah ihn dort auf dem Föhrenzweige groß und schwarz in der Dämmerung mit seinen wunderlichen steifen Bewegungen . Egloff legte an und schoß , etwas fiel zu Boden , man hörte Schlagen von Flügeln , dann wurde es still . Ein köstliches Gefühl des Triumphes machte Egloff ganz heiß , hinter sich hörte er Gebhard heranlaufen . Alle Aufregung war vorüber , sie gingen zur Schußstelle , da lag der schwarze Vogel mit seinen gebrochenen Augen friedlich da , nichts war an ihm mehr vom Erregenden , das Egloff noch eben jeden Nerv angespannt hatte . Egloff setzte sich auf einen Baumstumpf und zündete sich eine Zigarette an . Der Morgen graute , die Bäume und Sträucher , die eben noch so bedeutungsvoll und wichtig erschienen waren , standen nüchtern und gleichgültig da . Jedesmal nach solcher Jagd hatte Egloff dieses Gefühl der Niedergeschlagenheit und Ernüchterung , wenn das prächtige Raubtiergefühl des Heranschleichens und Horchens vorüber war . » Gehen wir « , sagte er zu Gebhard . Durch den aufdämmernden Morgen gingen sie nach Hause , der Tag versprach schön zu werden , der Himmel war weiß und dunstig , und zahllose Bekassinen sandten von der Höhe ihre schrillen Triller nieder , und die Elstern schwatzten in den Ellernbüschen . Egloff dachte jetzt nur daran , wie wohlig es sein würde , sich in seinem Bette auszustrecken , alles andere war vorläufig gleichgültig . Auf der Landstraße begegneten sie einem mit zwei Pferden bespannten Jagdwagen , Doktor Hansius vom Städtchen saß darin , sein großes Gesicht mit dem gelben Bartgestrüpp verschwand fast ganz in dem hohen Mantelkragen , die Augen hinter den blauen Brillengläsern waren geschlossen , er schlummerte . » Doktor ! Doktor ! « rief Egloff . Der Doktor fuhr auf und ließ den Wagen halten . » Ah , Baron Egloff , « sagte er , » guten Morgen . Auf der Jagd gewesen ? Na , ich sehe schon , gratuliere . « » Danke , « erwiderte Egloff , und blieb vor dem Wagen stehen , » wo treiben Sie sich so früh umher ? « Der Doktor machte eine müde , abwehrende Handbewegung : » Ich , ich , ach Gott , habe keine Ruhe . Gestern abend werde ich nach Witzow abgeholt . « » Wackeln die alten Herrschaften dort ? « fragte Egloff . » O nein , « erwiderte der Doktor , » die Alten wackeln nicht , es sind immer die jungen , die Baronesse Gertrud mit ihren Nerven . Na , und wie ich denn nachts nach Hause komme , finde ich die Nachricht vor , ich soll sofort nach Barnewitz kommen , die Baronin hat eine Nervenattacke . Nerven und Nerven , die sind auch solch eine moderne Erfindung , von der unsere alten Herrschaften nichts wußten . « » Ja , ja , Doktor , « meinte Egloff , » Sie stehen immer auf seiten der Alten . Na , guten Morgen , im Bette will ich an Sie denken . « Der Doktor fuhr weiter . Also die kleine Liddy ist krank , ging es Egloff durch den Sinn , während er an den Roggen- und Weizenfeldern , die grau von Tau waren , dem Schlosse zuging , meinetwegen vielleicht ? Das ist jetzt gleichgültig , das muß jetzt aus sein , war wegen des Fritz Dachhausen immer eine fatale Geschichte . Zu Hause ging er sofort ins Bett . Nach der Jagd sich ins Bett zu legen , sagte er sich , ist ein ganz fragloses und volles Glück . Egloff schlief fest und traumlos weit in den Tag hinein , er erwachte davon , daß Klaus vor seinem Bette stand und meldete , es würde bald Zeit zum Mittagessen sein . Egloff blinzelte in den Sonnenschein hinein , der das Zimmer füllte , und streckte sich , in den Gliedern war eine nicht unangenehme Steifigkeit von den Anstrengungen der letzten Nacht zurückgeblieben . » Also gutes Wetter « , konstatierte er . Gab es an diesem Tage etwas , worauf er sich freuen konnte ? Ja , er wollte am Abend mit Fastrade im Walde zusammentreffen . Nun , dann lohnte es sich also , diesen Tag zu beginnen . » Gibt es was Neues ? « fragte er . » Herr Mehrenstein war da , « berichtete Klaus , » als er hörte , daß der Herr Baron noch schlafen , fuhr er ab . « Egloff verzog sein Gesicht . » Mein Lieber , « sagte er , » ein für allemal , der Name Mehrenstein wird mir nie gleich beim Erwachen serviert , dazu eignet er sich nicht . So , nun werde ich aufstehen . « Als Egloff aus seinem Zimmer herauskam , fand er seine Großmutter und Fräulein von Dussa im Wohnzimmer mit Handarbeit beschäftigt . Sie lächelten ihm beide freundlich zu . Jetzt , wo er verlobt war , zeigten die beiden Damen womöglich noch mehr Freundlichkeit und Rücksicht gegen ihn als sonst , aber in der Freundlichkeit lag etwas wie Wehmut , etwas wie Schonung , die man einem erweist , dem man einen Fehltritt verziehen hat . Egloff setzte sich zu den Damen , sprach von der Jagd , von dem Auerhahn , von Doktor Hansius und erzählte , daß Gertrud Port und Liddy Dachhausen beide krank seien . Die Baronin zog die greisen Augenbrauen in die Höhe und meinte : » Die arme Gertrud hat sich da draußen ihr Leben ruiniert und Liddy Dachhausen , mein Gott , in den Familien , man weiß nie , was da für Krankheiten herrschen . « Egloff lachte . » Solche fremde Völker , meinst du , bringen fremde Krankheiten ins Land . « Die Baronin lachte nicht , sondern sagte ernst : » Fastrade , Gott sei Dank , ist wenigstens gesund . « » Sie ist doch mehr als nur gesund « , wandte Egloff ein . Die beiden Damen beugten erschrocken ihre Köpfe auf die Handarbeiten nieder , und die Baronin murmelte entschuldigend : » Ich meine nur , Gesundheit ist eine wertvolle Gabe Gottes . « Ein ungemütliches Schweigen entstand , bis Fräulein von Dussa wieder den Kopf erhob , nachdenklich zum Fenster hinaussah , wie sie stets tat , wenn sie etwas Geistreiches bemerken wollte und sagte : » In dieser Baronin Dachhausen ist etwas , das ich nie ganz verstehen kann . Ich will nicht sagen , daß sie ein Buch in fremder Sprache für mich ist , sie ist eher ein Buch , das aus einer fremden Sprache in meine Sprache übersetzt worden ist und in dem doch ein Rest von Unverständlichkeit zurückblieb . « » Ah , Sie meinen , « versetzte Egloff , » vom Birkmeierschen ins Dachhausensche übersetzt . Aber die kleine Liddy ist doch nicht dazu da , damit man sie studiert , sondern damit man sie ansieht . « » Allerdings , dieser Anforderung genügt sie « , antwortete Fräulein von Dussa spitz . Dann ging man zum Essen . Bei Tisch wurde von dem Diner gesprochen , das nächstens stattfinden sollte , in letzter Zeit wurde sehr viel von diesem Diner gesprochen , und die Baronin holte ihre Erinnerungen an all die Hofdiners , die sie mitgemacht hatte , heraus und sprach andächtig von Punch glacé , Chevreuil à la providence und Timbale à la Marie Antoinette . Als dieses Thema erschöpft war , kam die Rede auf Hyazinthen , welche in die Fenster gestellt werden sollten , und die Baronin sagte ein wenig feierlich , wie sie das in letzter Zeit öfters tat : » Solange ich hier etwas zu sagen habe , werden hier im Frühjahr immer Hyazinthen in die Fenster gestellt werden . Später , wenn ich meine alten Augen schließe , mögen die anderen tun , was sie wollen . « Nachmittags beim Kaffee rauchte Egloff still seine Zigarre , der gelbe Nachmittagsonnenschein in den Zimmern , der schwüle Duft des Räucherlämpchens auf dem Kamine hatten von jeher seine Stimmung bedrückt . Die Damen arbeiteten wieder , nur einmal kam es noch zu etwas lebhafterem Gespräch , als die Baronin fragte : » Fährst du nach Paduren ? « » Nein , « erwiderte Egloff , » ich soll ja da hinkommen , um zu zeigen , ob ich mich bewähre , und noch habe ich keine Lust . « Die Baronin errötete vor Ärger . » Diese Warthes « , sagte sie , » waren von jeher von einer unbegreiflichen Selbstgerechtigkeit . Sie taten immer so , als sei die Tugend ein Vorwerk von Paduren . « Egloff zuckte die Achseln und schwieg . Endlich beschlossen die Damen noch ein wenig hinauszugehen , und da es so feucht war , wollte die Baronin in der kleinen Wandelhalle im Garten auf und ab gehen . » Du , mein Junge , « sagte sie , » wirst wohl noch ein wenig ruhen . Ich werde dafür sorgen , daß im Hause Stille ist , da kannst du ruhig sein , solange meine alten Augen offen sind , wird immer dafür gesorgt sein , daß während deiner Nachmittagsruhe im Hause Stille herrscht . Schon dein Vater hielt darauf . « Egloff zog sich in sein Zimmer zurück , legte sich auf sein Sofa , lehnte den Kopf zurück , so , jetzt war nichts mehr übrig als still zu liegen und sich auf den Abend zu freuen . Durch sein Fenster konnte er die kleine Wandelhalle im Garten sehen , dort gingen die Baronin und Fräulein von Dussa in schwarze Mäntel gehüllt , schwarze Schale auf dem Kopfe mit kleinen gleichmäßigen Schritten auf und ab . Seit seiner Jugend kannte er dieses Bild , die beiden schwarzen Gestalten , die im Nachmittagsonnenschein dort auf und ab gingen , und immer hatte es ihm bis zur Traurigkeit uninteressant geschienen . Gut , daß das Leben doch noch andere Dinge als die kleine , sonnige Wandelhalle hatte , dachte er . Die Sonne war schon untergegangen , als Egloff und Fastrade noch Arm in Arm am Waldrande entlang gingen . Es war windstill , regungslos hoben die Birken und Eichen ihre Zweige mit den geschlossenen Knospen und die Ellern ihre über und über mit Blütentrauben geschmückten Wipfel zum bleichen , glashellen Himmel empor . Unter dem Rasen flüsterten und gurgelten unsichtbare Gewässer , und die Luft war feucht und mild . Fastrade , fest in ihre blaue Frühjahrsjacke geknüpft , den blauen Filzhut auf dem Kopfe , öffnete ein wenig die Lippen , um den Duft der Erde und der Knospen voll einzuatmen . Sie fühlte sich seltsam wohl und zu Hause in dieser Frühjahrswelt . Egloff war heute nervös und gereizt , Fastrade spürte es wohl , aber es machte sie stolz , das Unruhige und Wilde in diesem Manne neben sich so in ihrer Gewalt zu haben . » Natürlich habe ich an dich gedacht , « sagte Egloff , » in der Nacht dort drunten in der Hütte und zu Hause , wenn ich nicht gerade schlief . Angenehm ist das nicht . « Fastrade lächelte : » O wirklich , ist das nicht angenehm ? « fragte sie . » Wie soll das angenehm sein , « erwiderte Egloff ärgerlich , » früher habe ich mir über meine Nebenmenschen nicht viel den Kopf zerbrochen , jetzt muß ich an einem Mädchen herumrechnen , als gälte es einen Monatsabschluß . « » Du Armer , « sagte Fastrade bedauernd , » aber bin ich denn ein so schweres Exempel ? « » Ja , ja , ich weiß , « höhnte Egloff , » ihr wollt alle klar wie Kristall sein , eine jede hält sich für den berühmten tiefen See , dessen Wasser so klar ist , daß man bis auf seinen Grund sieht . Dabei weiß man von euch garnichts . Übrigens ist das eine dumme Männerangewohnheit , alles zu Ende denken zu wollen . Ich wollte dich zu Ende denken . Du wirst mir sagen , du hast auch an mich gedacht , ja , wie ihr Frauen schon denkt . Da sind eine Menge kleiner , lächerlicher Sachen , die da ebenso wichtig sind als unsereiner . « » Man braucht ja nicht immer aneinander zu denken , « meinte Fastrade , » man fühlt einander . Wenn ich bei Papa sitze und die Memoiren lese oder Ruhke zuhöre oder die Ausgaben und Einnahmen anschreibe , oder wenn ich Tante Arabella helfe den Wäscheschrank ordnen , immer weiß ich , daß du da bist und daß meine Gedanken jeden Augenblick zu dir zurückkehren können . « » Gut , gut , « sagte Egloff , » das ist so wie eine Schachtel Pralinee im Schreibtisch , man hat das frohe Bewußtsein , jeden Augenblick herangehen zu können , um ein Stück zu nehmen . « Sie schwiegen eine Weile und hörten einem Star zu , der auf der Spitze einer Tanne saß und mit Flügelschlagen und Pfeifen aufgeregt sein Abendlied beendete . Als Egloff wieder zu sprechen begann , klang es böse und traurig : » Was weiß ich denn von dir ! « Fastrade sah zu ihm empor und lächelte : » Was willst du denn wissen ? « » Nun , « erwiderte Egloff , und Fastrade hörte deutlich aus seiner Stimme heraus , daß er grausam sein wollte , » da ist dieser Kandidat , hast du den geliebt ? « Fastrade errötete , sah ihm aber fest in die Augen : » Ja , « erwiderte sie , » so wie ich damals lieben konnte . Ich hatte so tiefes Mitleid mit ihm , er war so einsam , so leicht verwundbar und hilflos , ich wollte bei ihm sein und ihm Gutes tun . « » Ich erinnere mich seiner , « sagte Egloff leichthin , » er hatte zu kurz geschnittene Nägel und das Haar hing ihm hinten über den Rockkragen . Das haben alle Kandidaten . « » Dann erinnerst du dich seiner nicht , « ereiferte sich Fastrade , » er war immer sehr gut angezogen . « » Wie sich eben Kandidaten anziehen , « meinte Egloff , » gleichviel , und du reistest zu ihm . « » Ich reiste zu ihm « , erwiderte Fastrade und ihre Stimme begann zu zittern , » weil er sterbend war und weil ich versprochen hatte , bei ihm zu sein , wenn er mich braucht . Das kann dich nicht kränken , daß ich ihm mein Versprechen gehalten habe und ihm treu gewesen bin . « Egloff zuckte die Achseln : » Der Gedanke , daß du einem anderen treu gewesen bist , hat für mich nichts Ansprechendes . Übrigens , du sagst Mitleid . Ist Mitleid und Liebe denn dasselbe ? « » Ich glaube , sie gehören eng zusammen « , erwiderte Fastrade . » Also hast du für mich auch Mitleid ? « forschte Egloff eigensinnig und gereizt weiter . » Ja « , sagte Fastrade und bemühte sich , ihrer Stimme einen festen und tapferen Klang zu geben . » Wenn ich sehe , daß du unruhig und gequält bist , daß alle gegen dich sind , dann habe ich Mitleid mit dir , und dann möchte ich etwas dazu tun , daß es um dich klar wird und hell . « » O ich verstehe , « meinte Egloff noch immer gereizt und spöttisch , » die ordnungsliebende Dame , die in ein ungeordnetes Zimmer kommt und von der Passion ergriffen wird zu ordnen . Du willst also bessern und erziehen , die Liebe ist bei dir ein pädagogischer Trieb , ein - wie soll ich sagen - ein Gouvernantentrieb . Das ist es , was du willst , nicht wahr ? « Sie waren stehen geblieben , Fastrade hatte Egloffs Arm losgelassen und lehnte sich mit dem Rücken an den Stamm einer Birke . Sie fühlte sich elend und verwundet . » Nichts will ich , « sagte sie matt , » nur daß wir zusammengehören . « Ihre Augen wurden feucht und Tränen rannen an ihren Wangen nieder . Egloff stand vor ihr und betrachtete ernst und bewundernd das weinende Mädchengesicht . Dann nahm er Fastrades Hände : » Unsinn , « sagte er , » da ist nichts zu weinen , man spricht so allerlei , das ist doch nicht wichtig . « Er zog sie an sich , und als er das tränenfeuchte Gesicht küßte , fühlte er , wie der Mädchenkörper in seinen Armen schwer und willenlos wurde . Über dem Land dämmerte es stark , vom Boden stieg der Nebel auf wie weißer Rauch , und auf der großen Ebene erglommen in den Schlössern schon die Lichtpünktchen . Fastrade wischte sich die Tränen aus den Augen und nahm wieder Egloffs Arm . » Es ist nichts , « sagte sie , » dies Frühlingswetter macht einen schwach . « » Gott sei Dank , « meinte Egloff , » vom ewigen Starksein hat man auch nicht viel . « So schlugen sie wieder beruhigt und ein wenig nachdenklich den Heimweg ein . Als Fastrade nach Hause kam , lief sie in ihrem Zimmer hin und her , ordnete ihre Sachen und begann hell und laut vor sich hin zu singen . Das war sonst nicht ihre Gewohnheit , aber heute tat es ihr wohl . Baronesse Arabella war bei dem Baron , und Ruhke stand vor ihm und berichtete . Ruhke schwieg plötzlich , und alle drei horchten auf . » Sie singt « , sagte die Baronesse . » Das ist neu « , meinte der Baron . Auch Couchon , die bei ihren Karten eingeschlummert war , fuhr auf , neigte den Kopf auf die Schulter und lauschte . Elftes Kapitel Fritz von Dachhausen saß am Morgen vor seinem Spiegel und seifte sich das Kinn ein . Grünfeld , der alte Diener , stand hinter ihm und sah aufmerksam zu , wie sein Herr sich rasierte . » Also , « sagte Dachhausen , » was hört man von der Nacht der Frau Baronin ? « Grünfeld machte ein trauriges Gesicht , denn er merkte es wohl , daß sein Herr ihn im Spiegel anschaute . » Die Amalie sagt , « erwiderte er , » die Nacht der Frau Baronin ist nicht gut gewesen . In der Nacht hat die Frau Baronin Licht gemacht und Briefe gelesen . Später ist der Schlaf auch nicht gekommen , vielleicht , meint Amalie , daß die Briefe die Frau Baronin aufgeregt haben . « » Briefe ? « fragte Dachhausen . » Ja , Briefe , « bestätigte Grünfeld , » die Amalie hat sie heute morgen noch auf dem Tisch neben dem Bette gesehen . « » Unsinn , « meinte Dachhausen ärgerlich , » die Frau Baronin hat gar keine Briefe , die sie aufregen könnten . « Da Grünfeld darauf nichts zu antworten wußte , begann Dachhausen sich zu rasieren ; da dieses seine ganze Aufmerksamkeit auf sich nahm , gingen ihm die Gedanken nur stoßweise durch den Kopf . Was für Briefe ? Die Briefe , die er Liddy als Bräutigam geschrieben ? Aber die waren doch gewiß nicht aufregend . Ob er fragte , wie die Briefe ausgesehen haben ? Ob es viele waren ? Nein , das ging denn doch nicht . Mit dem Rasieren war er fertig und setzte nun seine Toilette fort . Da begannen die Gedanken eifriger zu arbeiten . Diese Nachricht von den Briefen öffnete plötzlich eine ganze Schleuse unangenehmer Gedanken . Immerfort begegneten ihm jetzt solche geheimnisvoll beunruhigende Dinge . Liddys ganze Krankheit hatte doch etwas Unheimliches und Unerklärliches . Gut , man war nervös , das kam bei Frauen vor , aber ein Hauptsymptom von Liddys Krankheit war , daß sie ihren Mann nicht recht vertragen konnte . Das ging nun schon seit Wochen . Wann fing es denn an ? Es war an jenem Abend , als Gertrud Port da war und Liddy den Ohnmachtsanfall bekam . Gertrud hatte die Nachricht von Dietz Egloffs Verlobung mit Fastrade gebracht . Hier hielten die Gedanken an , hier hatten sie in letzter Zeit schon öfters Halt gemacht , als fürchteten sie etwas , als wollten sie sich feige um etwas herumdrücken . Dachhausen war jetzt fertig , Grünfeld fuhr ihm noch einmal sanft mit der Bürste über die Kleider , dann gingen sie beide in das Frühstückszimmer hinaus . Es war ein freundlicher Tag , das Zimmer voller Sonnenschein und Hyazinthenduft . Als Dachhausen sich an den Tisch setzte und sich den Tee servieren ließ , wurde ihm plötzlich ganz unerträglich wehmütig ums Herz . Wie sehr hatte er stets diese Mahlzeit geliebt , wenn Liddy ihm hier gegenüber saß , rosa und fröstelnd vom Morgenbade sich mit dem hübschen vernossenen Gesichtchen über ihre Tasse beugte . Ach Gott , das Leben mit dieser hübschen Frau war bisher so unendlich unterhaltend gewesen , alles an ihr war so raffiniert , so überraschend kapriziös und ergötzlich . Und nun plötzlich war alles gestört . Warum denn ? Von wem ? Er dachte diesen Gedanken , der alle diese Tage in ihm gelegen , in ihm gearbeitet wie ein Maulwurf , warum fiel sie gerade damals in Ohnmacht , als die Nachricht von Dietzes Verlobung kam ? Ist Liddy in Dietz verliebt ? Der Tee , den er trank , schmeckte ihm bitter , ihm wurde körperlich elend zumute , war denn das möglich ? Er begann in seinen Erinnerungen zurückzugehen und wirklich , es hatten sich in ihm eine ganze Menge kleiner Erinnerungen aufgespeichert , die jetzt hervorkrochen und eine schmerzliche Bedeutung annahmen . Da war ein Abend gewesen , an dem er Liddy und Dietz allein gelassen hatte , weil jemand ihn zu sprechen wünschte . Als er zurückkam , war Liddy seltsam erregt und rot und Egloff hatte sein spöttisches Lächeln . Liddy stand auf und verließ schnell das Zimmer , und dann hatte jemand einmal einen Brief gebracht . » Ah , von Gertrud « , hatte Liddy gesagt . Wenn Dachhausen jetzt an ihr Gesicht und an den Ton ihrer Stimme dachte , dann wußte er , daß sie gelogen hatte . Und anderes noch fiel ihm ein , das er meinte damals nicht beachtet oder vergessen zu haben , aber all das war in ihm da gewesen , er hatte es nur nicht zu Worte kommen lassen . Endlich , warum traf es sich so häufig , daß Dietz Egloff nach Barnewitz kam , wenn er , Dachhausen , nicht zu Hause war ? Liddy sagte dann stets : » Er hat sehr bedauert dich verfehlt zu haben , aber ich habe ihn doch zum Abendessen behalten , ich bin so allein . « Dachhausen schlug mit der Faust auf den Tisch , nein , da wollte er nicht weiter denken , das war ja nicht zu ertragen . Er befahl dem Diener , ihn bei der Frau Baronin zu melden , es kam jedoch die Antwort , die Frau Baronin sei müde und wolle versuchen zu schlafen . Gut , Dachhausen beschloß , wie er es jeden Morgen tat , den Rundgang in seiner Wirtschaft zu machen . Es war ein hübscher Tag , Sonnenschein und blauer Himmel . Diese letzten Wochen des April waren wunderbar , die Birken begannen auszuschlagen und die Fliederbüsche hatten dicke Knospen . Jedesmal wenn Dachhausen am Morgen die Freitreppe hinab in den Hof stieg , hatte er ein angenehmes Herrengefühl , er wußte , sein Erscheinen war hier überall bedeutsam , gefürchtet und entscheidend . Auch heute tat ihm das wohl , ihm wurde leichter ums Herz , schließlich , was war denn geschehen ? Er ging in die Schmiede hinüber , der Schmied stand am Amboß und hieb auf ein rotglühendes